Prolog
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Es war das Jahr des Herrn 1156. Gut ein Jahr, nachdem Guillaume de Monmort, mein Mentor, mich mit einer Botschaft zum Abt von Tristram geschickt hatte. Er hatte mir gesagt, daß dies der letzte Dienst sei, den ich für ihn erfüllen sollte, und daß ich danach meine eigenen Wege gehen sollte - falls sein Bruder in Tristram nicht eine bessere Verwendung für mich hätte. Der hatte keine. Stattdessen schickte er mich mit einer Gruppe durchreisender Verwandter; genauer gesagt, er befahl ihnen, mich mitzunehmen. Ein sehr buntes Völkchen, diese Kainiten: eine Gangrel mit ihrem Kind, ein seltsam aussehender Caitiff, der behauptete, aus einem Land namens "Japan" zu kommen, und ein Ventrue aus England. Ich schloß mich ihnen an. Was sonst wäre mir auch übriggeblieben - besonders nachdem der Abt uns auf seine unnachahmlich 'diplomatische' Art nahegelegt hatte, einen gegenseitigen Blutpakt zu schließen. Dieser Pakt stärkte und schwächte uns zugleich. Für mich war es besonders schwer, mich darauf einzulassen. Immerhin kannten sich die anderen wenigstens, sie waren schon länger miteinander gereist und hatten offenbar ein gemeinsames Ziel, von dem ich damals natürlich noch nichts wissen konnte. Aber da der Abt seinen Wunsch so deutlich ausgedrückt hatte, konnte ich mich kaum weigern.

Wir reisten durch Italien: Venedig, Bologna, Florenz. Kurz vor Florenz schloß sich uns ein weiterer Verwandter an, ein junger Lasombra, der sich Graf Morpheus von Navarra nannte und aus Spanien kam. Ein eher unsympathischer Zeitgenosse, wie ich fand, der sich durch einen ebenso bedauerlichen wie für unseren Clan ungewöhnlichen Mangel an gutem Stil auszeichnete.

Irgendwann unterwegs erfuhr ich, was William, Irian und Toranaga, meine neuen Geschwister, suchten: Sie waren unterwegs nach Jerusalem, um dort zu einem bestimmten Zeitpunkt mit einer Kopie des Heiligen Grals ein Ritual durchzuführen. Falls es gelang, würde die Sonne uns nichts mehr anhaben können. Falls nicht - nun, dann würde die Sonne nicht mehr unser größtes Problem sein. Leider befand sich die Gralskopie zur Zeit in den Händen eines Werwolfrudels. Und dieses hatte uns unterwegs überholt und hielt sich mit Sicherheit schon in Jerusalem auf. Was die Werwölfe mit dem Gral wollten, konnten wir nicht einmal ahnen; nach allem, was wir wußten, wäre das Ding für niemanden außer für einen Kainiten von Wert gewesen. Tatsache war jedoch, daß das Rudel den Gral hatte und wir ihn irgendwie in die Hände bekommen mußten. Wir beschlossen, auf dem Landweg zu folgen, da wir nicht besonders darauf erpicht waren, die Risiken einer langen Seereise auf uns zu nehmen. Wir reisten den Balkan hinunter, schlugen dabei einen großen Bogen um die Karpaten, um den dort ansässigen Tzimisce aus dem Weg zu gehen, und durchquerten Griechenland. Schließlich erreichten wir unser letztes Ziel vor dem Heiligen Land. Es war das Jahr des Herrn 1156. Wir waren in Konstantinopel.

"Also das ist Konstantinopel", meinte Madeleine, als sie aus dem Stall trat und sich umsah. Sie waren tagsüber in der Stadt angekommen, was sie und ihre Geschwister gezwungen hatte, bis Sonnenuntergang in den verschlossenen Kutschen zu bleiben. Mog hatte mit gewohnter Effizienz alles organisiert und Lady Elena, ihre Zofe Angélique und die Ghoule bereits in einer der besten Herbergen der Stadt untergebracht. Kurz nach Sonnenuntergang war er in den Stall gekommen, um die Vampire zu ihren Zimmern zu geleiten. Der Stall hatte nur einen Ausgang zur Straße hin, so daß die Kainiten einen ersten kurzen Blick auf die Stadt werfen konnten, als sie zur Gaststube hinübergingen.

Die Herberge lag eindeutig in einem der besseren Viertel der Stadt, aber nichts anderes war zu erwarten gewesen. Die Leute, die noch auf den Straßen unterwegs waren, waren sichtlich wohlhabend, elegant gekleidet und selten ohne bewaffnete Eskorte unterwegs. Auch an den Gebäuden zeigte sich der Reichtum Konstantinopels. Kunstvoll bemalte Fassaden, Reliefs und farbenprächtige Mosaike erinnerten noch ein wenig an den verblassenden Glanz des byzantinischen Reiches.

Mog führte sie über die Straße in die Gaststube der Herberge, dann eine Treppe hinauf und schließlich in eine Zimmerflucht, die so prächtig ausgestattet war, daß Irian sich erschrocken zu ihrem Ghoul hinüberbeugte und leise fragte: "Mog, können wir uns das überhaupt leisten?"

Mog grinste nur und öffnete mit einer schwungvollen Geste die Tür.

"Euer Schlafzimmer, Herrin."

William sah sich um und nickte zufrieden. "Ich nehme an, du hast dich tagsüber auch ein wenig umgehört, wie hier so die Zustände sind. Wer hier das Sagen hat, wem man sich vorstellen soll, und so weiter."

"Natürlich. Konstantinopel wird von einem Triumvirat regiert. Ein Toreador namens Michael, Caius vom Clan Ventrue und Gregorius, ein Malkavianer, man stelle sich vor. Die drei Prinzen sind gewöhnlich im Palast zu finden, wo Ihr Euch auch vorstellen könnt."

"Nach dem Frühstück", erklärte Madeleine. "Hast du schon etwas besorgt?"

"Selbstverständlich", erwiderte Mog leicht beleidigt. Dann zwinkerte er ihr zu. "Es ist ein Priester dabei, Mylady."

Madeleine schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. "Mog, du bist ein Juwel. Wo finde ich den guten Mann? Ich habe seit Jahren nicht mehr gebeichtet."

Mog deutete auf eine Tür, und Madeleine verschwand. Hinter der Tür befand sich eine im Gegensatz zum Rest ihrer Unterkunft äußerst schlicht eingerichtete Kammer. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl und eine Truhe waren alles. An einer Wand hing ein Kreuz, vor dem ein Mann in einer Mönchskutte kniete und offenbar betete. Madeleine blieb an der Tür stehen und wartete höflich, bis er damit fertig war. Offenbar hatte er sie bemerkt, denn er beendete sein Gebet und drehte sich zu ihr um.

Er war nicht mehr jung, Madeleine schätzte ihn auf etwa fünfzig Jahre, aber er besaß eine ungewöhnliche Ausstrahlung. Er hatte einen sorgfältig gestutzten grauen Bart und dunkle Augen, die intelligent unter einem dichten grauen Haarschopf hervorblickten. Madeleine hatte den Eindruck, daß diese Augen schon eine Menge gesehen hatten, und sie las in ihnen eine Ruhe und Selbstsicherheit, die sie gegen ihren Willen beeindruckte. In der Tat, ein interessanter Mann. Mog hatte eine gute Wahl getroffen. Sie sah den Priester mit einem gekonnt schüchternen Augenaufschlag an.

"Guten Abend, Vater. Man sagte mir, daß Ihr hier wärt, und mir eventuell die Beichte abnehmen könntet." Wahrscheinlich glaubte er ihr das sogar. Wenn Madeleine wollte, konnte sie sehr unschuldig wirken. Sie war erst achtzehn Jahre alt gewesen, als sie den Kuß bekommen hatte, und auch die Geburt ihrer beiden Kinder hatte sie nicht vorzeitig altern lassen. Klein, zierlich, mit langem hellbraunem Haar und nebelgrauen Augen, die fast schon etwas zu groß für ihr Gesicht waren, sah die Lasombra auf den ersten Blick harmlos aus. Wie sehr dieser Eindruck täuschte, hatten schon etliche Leute auf unangenehme Art herausgefunden.

Der Priester lächelte und erhob sich. "Natürlich, gerne. Wenn Ihr Euch setzen wollt?" Er deutete auf den Stuhl, auf dem sie Platz nahm, setzte sich auf die Truhe neben sie und sah sie an. "Meine Ohren sind offen, und meine Lippen versiegelt. Was liegt Euch auf der Seele, mein Kind?"

"Oh, glaub mir... das willst du nicht wirklich wissen." Sie lächelte wie ein Raubtier und ließ kurz ihre Zähne aufblitzen, ehe sie sie in seinen Hals schlug.

Er erstarrte für einen Moment in Überraschung, ehe die Welt um ihn plötzlich jede Bedeutung verlor. Ohne jede Gegenwehr lag er in ihrem Arm, als sie sein Blut nahm. Madeleine ließ sich Zeit, wie meistens, wenn sie die Gelegenheit hatte, von Kirchenleuten zu trinken. Ehe sie ihm jedoch wirklich Schaden zufügte, ließ sie von ihm ab. Er sah sie völlig verwirrt an.

"Was war... wir haben gesündigt", murmelte er.

"Allerdings", antwortete sie sanft und strich ihm übers Gesicht. "Aber du brauchst keine Angst zu haben, es wird dir nichts passieren. Jedenfalls nichts schlimmeres als das, was dir schon passiert ist. Wie heißt du eigentlich?"

"Bruder William von Baskerville, vom Orden des Heiligen Franziskus."

Madeleine konnte sehen, daß Bruder William immer noch nicht völlig begriffen hatte, was mit ihm passiert war. Eigentlich hatte sie nach dem Frühstück gleich wieder gehen wollen, immerhin würden sie sich heute Nacht noch bei den Prinzen vorstellen müssen. Aber etwas Zeit hatte sie noch, entschied sie, und versuchte, den Mönch ein wenig zu beruhigen. Sie blieb ein paar Minuten bei ihm, unterhielt sich mit ihm und sorgte schließlich dafür, daß er einschlief. Dann ging sie nach draußen, um nach den anderen zu sehen.

William war offenbar noch bei seiner Frau, und Irian war ebenfalls nicht zu sehen. Toranaga und Morpheus saßen in Sesseln im Wohnzimmer und unterhielten sich leise. Ein paar der Bediensteten wuselten von Mog dirigiert durch die Räume, um letzte Hand an die Einrichtung zu legen. Plötzlich fiel Madeleine auf, daß unter ihren Begleitern einer fehlte.

"Francesca, wo ist Giacomo?"

"Er wollte sich ein wenig in der Stadt umsehen. Er meinte, er könnte unmöglich nach Konstantinopel kommen, ohne sich um neue Handelskontakte zu kümmern."

Madeleine schüttelte ärgerlich den Kopf. "Man sollte meinen, er hätte genug Verstand, sich in einer von Verwandten wimmelnden fremden Stadt nicht alleine auf den Weg zu machen. Wenn er wiederkommt, sag ihm, ich will ihn sprechen. Laß ihn ruhig wissen, daß ich nicht besonders zufrieden mit ihm bin. "

Das ist wohl leicht untertrieben, dachte Francesca, sagte aber nichts und knickste vor ihrer Herrin, als diese sich wieder abwandte.

"Wir sollten die Formalitäten möglichst schnell hinter uns bringen", meinte die Lasombra und setzte sich.

Toranaga nickte. "Die Kutschen werden schon bereitgemacht", sagte er. "Sobald William und Irian da sind, können wir los."

Madeleine bemerkte, daß ihr Bruder heute Abend einen merkwürdig abwesenden Eindruck machte und mit den Gedanken nicht ganz da zu sein schien. Sie verzichtete allerdings darauf, ihn darauf anzusprechen. Wenn er es für nötig hielt, daß sie darüber Bescheid wußte, würde er reden. Und wenn nicht, konnte man ohnehin nichts aus ihm herausbringen.

Schließlich erschienen auch William und Irian. Der Ventrue war wie üblich in Schwarz gekleidet, mit seinem Kettenhemd und dem Katana, von dem er sich nie trennte. Der einzige Flecken Farbe wurde von seinem Wappenrock beigesteuert, der einen schwarzen Drachen auf rotem Grund und spiegelbildlich dazu einen roten Löwen auf schwarzem Grund zeigte. Die dunkle Kleidung kontrastierte mit heller, wenn auch für einen Vampir ungewöhnlich rosiger Haut und rötlich-blonden Haaren. Hochgewachsen, schlank, aber kräftig, mit ungewöhnlich grünblauen Augen, verfehlte er normalerweise seine Wirkung auf Frauen nicht. Die einzige, die sich bisher als recht resistent gegen seinen Charme erwiesen hatte, war Madeleine - was Williams sportlichen Ehrgeiz eher noch anspornte.

Irian hatte sich für diesen offiziellen Anlaß tatsächlich entschlossen, ein Kleid anzulegen. Das kam eher selten vor; normalerweise bevorzugte die Gangrel praktische Lederkleidung. Auf ihr Schwert hatte sie allerdings nicht verzichtet. Das Kleid stand ihr hervorragend, wie Madeleine fand. Irian hatte im Leben einen recht dunklen, leicht olivfarbenen Teint besessen, von dem auch jetzt noch etwas zu erahnen war. Zu ihren dunkelbraunen Haaren und den fast schwarzen Augen paßte das weinrote Kleid ausgezeichnet. Offenbar war auch William dieser Meinung, der Irian einen anerkennenden Blick zuwarf, als sie das Wohnzimmer betrat.

Die Kutschen warteten wie angekündigt unten vor der Tür - und mit ihnen fast alle Ghoule, die mit einer Waffe umgehen konnten. Mog hielt für die Fahrt zum Palast offenbar bewaffneten Begleitschutz für notwendig. William hielt Madeleine die Kutschentür auf, half ihr galant hinein und beendete die Vorstellung mit einem perfekten Handkuß, was die Lasombra wie üblich ignorierte. Sie hatte sich im Lauf des vergangenen Jahres schon so an seine ständigen Annäherungsversuche gewöhnt, daß sie sie fast nicht mehr bemerkte. Immerhin ging er damit niemals zu weit - wenn der Ventrue etwas hatte, dann war es Stil. Die Sache hatte sich inzwischen zu einer Art Spiel entwickelt, das keiner von ihnen besonders ernst nahm.

Auf der Fahrt zum Prinzenpalast erkannten die Kainiten ziemlich bald, wieso Mog die Bewaffneten mitgenommen hatte. Der Weg führte durch ein Stadtviertel, in dem wenig angenehme Zustände herrschten. Aggression lag in der Luft, und die hier ansässigen Vampire schienen sich überhaupt nicht darum zu kümmern, ob man sie als das erkannte, was sie waren. Mehr als einmal sahen die Neuankömmlinge durch die Kutschenfenster, wie ein Verwandter völlig offen und ohne einen Gedanken an Tarnung mitten auf der Straße jagte und sich anschließend nicht einmal die Mühe machte, sich mit seiner Beute außer Sichtweite zu begeben. Die Sterblichen, die unterwegs waren, waren entweder bis an die Zähne bewaffnet oder in panischer Flucht, manchmal auch beides. Madeleine warf einen besorgten Blick zu Toranaga, der ihr gegenüber saß, aber das Schauspiel draußen gar nicht richtig wahrnahm. Der Japaner schien in Konzentration versunken und achtete nicht auf seine Umwelt.

Schließlich erreichten die beiden Kutschen den Vorhof des Palastes und hielten an. William sah neugierig nach draußen. Es schien schon einiges los zu sein bei Hofe. Ein paar Kutschen und etliche Pferde standen draußen, bewacht von Ghoulen oder Kainiten, deren Blut so dünn war, daß man sie fast für Sterbliche hätte halten können. Am Eingangsportal stand ein Ghoul mit einem mannshohen Stab, der ein offizielles Amt zu bekleiden schien, jedenfalls mußte jeder, der den Palast betreten wollte, an ihm vorbei und sich offenbar bei ihm anmelden. Der Palast selbst bestand aus mehr als einem Dutzend größerer und einer kaum überschaubaren Anzahl kleinerer Gebäude, mit Gärten und Blumenbeeten dazwischen. Vor einem der größeren Gebäude befand sich der gepflasterte Hof, auf dem die Kutschen angehalten hatten. Die Fassade war prachtvoll mit weißem Marmor verkleidet und mit Reliefs geschmückt. Ein schweres doppelflügliges Portal stand weit offen und gestattete den Blick in eine Säulenhalle.

"Guten Abend, die Herrschaften." Der Ghoul an der Tür musterte sie ruhig. Er schien älter zu sein als viele der Kainiten, die hier herumliefen, inklusive der Geschwister und Morpheus, und war sich seiner Position voll bewußt, ohne dabei wirklich überheblich zu wirken. "Wen darf ich melden?"

"Sir William von Tintagel, Lady Irian, Madeleine de Neuville, Toranaga und Graf Morpheus von Navarra", antwortete William. "Wir sind neu in dieser Stadt angekommen und wollen uns den Prinzen vorstellen."

Der Haushofmeister nickte. "Im Palast herrscht Friedenspflicht", erklärte er mit einem Blick auf die Bewaffnung der drei Männer und Irians. "Ihr könnt Eure Schwerter tragen, aber solltet Ihr sie ziehen, ist Euch die... Aufmerksamkeit der Prinzen gewiß." Damit wandte er sich um, machte zwei Schritte in den Eingangsraum hinein, stieß seinen Stab auf den Boden und kündigte jeden einzeln mit Namen an. Danach trat er zur Seite und ließ sie vorbei.

Der Schritt durch das Eingangstor war gleichzeitig ein Schritt in die Vergangenheit. Um sie herum strahlte die Pracht von Byzanz, wie sie zur Blütezeit des Reiches überall geherrscht hatte. Mosaike in Gold und leuchtenden Farben bedeckten den Boden und die Decke und zogen sich an den Säulen hoch. Kostbare Wandteppiche hingen an den Wänden. Zwischen den Säulen standen in regelmäßigen Abständen Statuen aus Marmor. Die Eingangshalle mündete schließlich in einen großen Hauptraum, der ähnlich prunkvoll ausgestattet war. Von dort führten mehrere Türen in Nachbarräume, in denen sich Gefäße aufhielten. Dort waren zum Teil auch künstlerische Darbietungen im Gange, deren Natur von hier aus nicht genau zu erkennen war. Ein weiteres doppelflügliges Portal gegenüber dem Eingang war noch verschlossen. Glanz und Luxus herrschten überall; von den Zeichen des Verfalls, die draußen in der Stadt allgegenwärtig waren, war hier drinnen nichts zu sehen.

Stimmengemurmel erfüllte die Halle. In der Haupthalle waren einige Dutzend Kainiten unterwegs, mehr, als die Geschwister jemals auf einem Fleck gesehen hatten. Die Toreador waren natürlich auf den ersten Blick zu erkennen, sie standen meist vor Statuen oder besonders schönen Mosaiken, in deren Anblick versunken. Zwei oder drei Nosferatu waren zu sehen (und zu riechen), es stand zu vermuten, daß sich noch mehr Angehörige dieses Clans unbemerkt im Saal aufhielten. Eine Gestalt, die allein an einer Säule lehnte, fiel Madeleine auf. Es handelte sich offenbar um eine Frau, mehr war unter dem schwarzen Schleier, der sie vom Kopf bis zu den Zehenspitzen verhüllte, nicht zu erkennen. Was die Dame so außergewöhnlich machte war, daß sie ihrer Kleidung nach zu urteilen (und der Vorsicht, mit der sie von den anderen behandelt wurde) eine Assamitin war - und dieser Clan duldete üblicherweise nur Männer in seinen Reihen.

"Dort vorn, bei der Statue, das ist Prinz Michael", sagte der Haushofmeister leise. "Ihm könnt Ihr Euch vorstellen."

Nicht, daß es des Hinweises bedurft hätte. Die beeindruckende Gestalt konnte nur einer der Prinzen sein. Und diese hingebungsvolle Aufmerksamkeit, mit der er die Statue bewunderte und die ihn alles andere ignorieren ließ, verrieten den Toreador. Seinem Äußeren nach war der Prinz Anfang Zwanzig gewesen, als er den Kuß bekommen hatte. Er war mittelgroß, schlank, aber durchtrainiert. Goldblonde Locken fielen bis zu seinen Schultern, und die Augen, die so hingebungsvoll die Statue betrachteten, waren strahlend blau. Er war kostbar, aber geschmackvoll gekleidet, und seine Haltung war die eines Herrschers.

Die fünf näherten sich langsam, hielten in respektvoller Entfernung an und sanken auf die Knie. Der Prinz schien völlig in den Anblick der Statue versunken und bemerkte sie nicht. Geduldig verharrten sie und warteten. Es dauerte einige Minuten, bis Michael sie schließlich doch zur Kenntnis nahm.

"Diese Nase..." seufzte er. "Welch ein Talent." Dann schien er die vor ihm Knienden zu bemerken. "Ihr wollt mich sprechen? Erhebt Euch."

Sie taten, wie ihnen geheißen war. "Wir sind gerade in der Stadt angekommen, Herr, und wollen uns vorstellen, wie die Traditionen es verlangen", sagte William und nannte ihre Namen.

Michael musterte sie der Reihe nach, nicht unfreundlich. "Gedenkt Ihr, lange hierzubleiben?"

"Eigentlich nicht", antwortete William, "wir sind nur auf der Durchreise. Ein paar Nächte vielleicht."

Der Prinz nickte. "Dann seid willkommen in Konstantinopel. Ihr werdet schon gehört haben, daß wir in dieser Stadt zu dritt herrschen. Wir sprechen mit einer Stimme, das Wort eines von uns ist das Wort aller. Ansonsten..." Er überlegte einen Moment. "In der direkten Umgebung des Palastes ist Euch das Jagen nicht gestattet. Wenn Ihr anderswo jagt, wird erwartet, daß Ihr die Sechste Tradition respektiert. Diskretion ist eine Notwendigkeit in einer von Verwandten überbevölkerten Stadt wie dieser."

"Verzeiht, Herr", wagte Madeleine einzuwenden, "aber auf dem Weg hierher sind wir durch ein Viertel gekommen, dessen Einwohner es gerade damit nicht allzu genau zu nehmen schienen."

Michaels Gesicht verdüsterte sich ein wenig. "Ihr meint vermutlich das Latinerviertel. Ihr wärt gut beraten, Euch von dort fernzuhalten, es hat dort in den letzten Nächten Unannehmlichkeiten gegeben." Der Toreador schien eine Neigung zur Untertreibung zu haben. Für einen Moment schwieg er, scheinbar in Gedanken versunken. "Ich denke, das wäre für den Moment alles", sagte er schließlich. Er machte eine Geste, die die Halle zu umfassen schien. "Seid heute Abend unsere Gäste. Die Gefäße und die sonstigen Zerstreuungen stehen zu Eurer Verfügung." Dann wandte er sich wieder seiner Statue zu. Die tiefen Verbeugungen, mit der die fünf sich verabschiedeten, schien er schon gar nicht mehr zu bemerken.

 

"Wir sollten uns noch unseren jeweiligen Primogen vorstellen", sagte Madeleine, als sie langsam durch die Halle schlenderten.

William nickte. "Das sollten wir. Obwohl ich vermute, daß meiner gar nicht hier ist. Ich denke, Prinz Caius ist auch gleichzeitig das Oberhaupt des Clans, und wenn der hier wäre, wüßte man das wahrscheinlich." Er sah sich um. Dann blieb sein Blick an Toranaga hängen, und er runzelte die Stirn. "Alles in Ordnung, Bruder?" fragte er leise.

Der Samurai wirkte schon wieder seltsam abwesend und antwortete nicht gleich. "Ich denke, ich sollte mich möglichst bald auf den Rückweg machen", sagte er schließlich. Als William ihn besorgt musterte und etwas sagen wollte, schüttelte er den Kopf. "Nicht hier."

"Ich fühle mich hier auch nicht wirklich wohl", erklärte Morpheus. "Zu viele Leute. Wenn du zur Herberge zurückfährst, komme ich mit." Toranaga nickte nur.

 

"Ich bin Baron Thomas Feroux, Primogen des Clans Gangrel zu Konstantinopel. Ihr wünscht?"

Irian musterte den Mann, der ihr gegenüberstand. Ein Ritter, ganz offensichtlich, und stolz darauf. Er trug Kettenhemd und Schwert, und Irians geübter Blick verriet ihr, daß er mit der Waffe wahrscheinlich hervorragend umzugehen wußte. Er betrachtete sie ruhig und gelassen, als sie vor ihm in einen tiefen Knicks sank. "Ich bin gerade in Konstantinopel angekommen und Gast in dieser Stadt. Die Höflichkeit gebietet mir, mich dem Primogen meines Clans vorzustellen. Mein Name ist Irian."

"Aha", machte er und bedeutete ihr, sich zu erheben. "Wurdet Ihr vorhin nicht als 'Lady Irian' angemeldet? Welchen Titel tragt Ihr?"

"Keinen, Herr", gab Irian verlegen zu. "Ich bin nicht von Adel."

"Dann tut auch nicht so, als wärt Ihr es", sagte er kurz. "Mit derartigen Dingen sollte man nicht leichtfertig umgehen." Irian, die nicht wußte, was sie darauf antworten sollte, neigte nur schweigend den Kopf. Sie war heilfroh, daß Markus zusammen mit den Ghoulen draußen geblieben war. Möglicherweise hätte er sich verplappert, und Baron Feroux war mit Sicherheit niemand, der über einen nicht von höherer Stelle genehmigten Nachkommen großzügig hinweggesehen hätte. "Ihr habt Eurer Pflicht Genüge getan", sagte der Primogen. "Respektiert die Traditionen und wahrt die Etikette, dann werden wir keine Schwierigkeiten haben." Damit war Irian offenbar entlassen. Sie knickste noch einmal und zog sich zurück.

 

Madeleine beobachtete ihren Primogen aus sicherer Entfernung. Er hieß Magnus, wie man ihr gesagt hatte, und er schien bei den Kainiten einen gewissen Ruf zu genießen. Leider keinen besonders guten. Als sie sah, wie er mit anderen umging, erkannte sie auch rasch, wieso. Der paßt zu Morpheus, dachte sie. Magnus war ein älterer Mann, klein, dicklich, mit stechenden Augen, die keinen Moment ruhig zu sein schienen. Er trug eine einfache schwarze Robe. Seine Stimme, mit der er gerade einen jüngeren Kainiten zusammenstauchte, war deutlich durch den Saal zu vernehmen. Madeleine hatte gesehen, wie er vorhin durch die Halle gestapft war und dabei einen Diener, der nicht schnell genug aus dem Weg gekommen war, einfach niedergetrampelt hatte. Der Lasombra-Primogen war offensichtlich ein brutaler Mann ohne Sinn für Stil oder Etikette. Seine Position in der Stadt erlaubte ihm das allerdings wohl auch. Madeleine seufzte leise und trat auf ihn zu.

"Guten Abend, Herr." Sie knickste.

Er sah unfreundlich auf sie herunter. "Was wollt Ihr?"

"Mein Name ist Madeleine de Neuville. Ich gehöre demselben Clan an wie Ihr, und als Gast in dieser Stadt wollte ich mich dem Primogen vorstellen."

"Gut, das habt Ihr getan. Ist sonst noch etwas?"

"Nein, Herr."

"Dann verschwindet", sagte er barsch und wandte sich ab. Mit Vergnügen, dachte sie, erhob sich, und machte sich auf die Suche nach den anderen.

 

"Toranaga und Morpheus sind zur Herberge zurückgefahren", sagte William, als sie kurz nach Irian bei ihm eintraf. "Mit Toranaga scheint etwas nicht zu stimmen..."

"Ehrlich gesagt, ich hätte auch nichts dagegen, mich bald hier abzusetzen", meinte Irian.

"Ich denke..." begann William, und verstummte. Am Eingang war Unruhe entstanden. Durch die offene Tür sahen die Geschwister einen Reiter in vollem Galopp auf den Hof preschen, aus dem Sattel springen und hastig auf die Halle zurennen.

"Ein Bote, wie es aussieht", bemerkte Irian.

"Wahrscheinlich brennt das Latinerviertel", meinte Madeleine mißmutig. Die Begegnung mit Magnus hatte nicht eben dazu beigetragen, ihre Stimmung zu heben.

"Das Latinerviertel brennt!" rief der Bote in diesem Augenblick.

William sah seine Schwester an und hob eine Augenbraue. "Ich wußte gar nicht, daß du Talent zur Wahrsagerin hast", sagte er trocken. Plötzlich fuhr er zusammen. "Toranaga! Er und Morpheus sind doch schon losgefahren, und der direkte Weg zur Herberge führt mitten durch das Latinerviertel!"

Ohne ein weiteres Wort rannten die drei nach draußen, wo die zweite Kutsche mit Mog, James und Markus auf sie wartete. Die beiden hatten offenbar bereits mitbekommen, was vorgefallen war. Kaum hatte sich die Kutschentür hinter den Geschwistern geschlossen, als sich das Gefährt auch schon in Bewegung setzte. Gleich darauf öffnete sich die Luke zum Kutschbock. "Gut, daß ich vorgesorgt habe", bemerkte Mog und begann, Waffen und Rüstungen nach drinnen zu reichen.

Als die Kutsche sich dem Latinerviertel näherte und schließlich anhielt, waren ihre Insassen bereits kampfbereit. William schloß kurz die Augen und lauschte in sich hinein. Das Katana, das er an seiner Seite trug und das einmal Toranaga gehört hatte, schuf ein Band zwischen ihm und dem Samurai, das weit über das hinausging, was er mit den beiden Frauen teilte. Er spürte die Anwesenheit des Freundes, in welcher Richtung er sich befand und wie es ihm ging. Wenn sie nicht zu weit voneinander entfernt waren, konnten sie sogar ohne hörbare Worte miteinander sprechen. Dafür allerdings war im Augenblick die Entfernung zu groß. William spürte, daß der Japaner sich tatsächlich im Latinerviertel aufhielt, aber die Verbindung zwischen ihnen schien seltsam gedämpft. Der Ventrue schlug die Augen auf. "Diese Richtung", sagte er und ging voran.

Der Bote hatte nicht übertrieben. Das Viertel brannte tatsächlich an mehreren Stellen, und Madeleine sah besorgt zu den lodernden Flammen. Feuer war einer der größten Feinde ihrer Art, außerdem vertrieb es die Schatten, die ihre Verbündeten und ihre stärkste Waffe waren. Mit genügend starken Schatten allerdings kam man auch gegen Flammen an. Die Lasombra blieb kurz stehen und sah sich um. Ihr Blick blieb an einer besonders dunklen Ecke hängen. Sie hob eine Hand und winkte, gleichzeitig streckte sie ihre Gedanken nach der Dunkelheit aus und rief sie zu sich. Die Schwärze in der Ecke begann sich zu bewegen, dann floß sie wie ein dunkler Strom auf Madeleine zu und zog sich an ihr hoch. Augenblicke später war ihre Kleidung von einem samtig-schwarzen, lichtschluckenden Überzug bedeckt, und von ihren Schultern wallte ein weiter schwarzer Umhang mit einer Kapuze. Deutlich beruhigt beeilte sich die Lasombra, den anderen zu folgen.

Das Viertel war umstellt. William bemerkte an etlichen strategisch interessanten Stellen Gestalten mit Bögen und Armbrüsten auf den Dächern. Die meisten von ihnen waren Ghoule oder dünnblütige Kainiten, aber es waren auch zwei oder drei darunter, die näher an Kain waren. In ein paar Stunden würde die Gegend vermutlich komplett abgeriegelt sein. Es war durchaus verständlich, daß den Prinzen daran gelegen war, die Sache so schnell wie möglich unter Kontrolle zu bringen; ein so eklatanter Bruch der Sechsten Tradition würde schon jetzt schwer zu vertuschen sein. Um so wichtiger war es, daß sie Toranaga und Morpheus rasch fanden, ehe das Triumvirat zu drastischen Maßnahmen griff.

Auf den Straßen herrschte das Chaos. Sterbliche rannten schreiend durcheinander, auf der Flucht vor dem Feuer und gelegentlich auch vor Vampiren. Plünderer sahen ihre Chance und brachen ungeniert in Wohnhäuser und Läden ein. Die Abwesenheit der Stadtwache war auffällig, offensichtlich wagten sich die Gardisten nicht herein. Niemand behelligte allerdings die Kainiten und ihre beiden Ghoule, die entschlossen die Straße entlangmarschierten. Plötzlich blieb Irian stehen."William, willst du etwa da vorne durch?" Sie deutete auf einen Torbogen zwischen zwei Häusern, die in hellen Flammen standen. Das Feuer hatte die Dächer erfaßt und griff allmählich auch auf den Bogen über. Gelegentlich brachen brennende Trümmer los und stürzten funkenschlagend auf die Straße.

"Toranaga ist irgendwo dahinter", sagte William leise und ging auf den Bogen zu, obwohl es ihn sichtlich Überwindung kostete. Madeleine zog ihren Schattenmantel enger um sich und schlug die Kapuze hoch. Dann folgte sie ihm.

"Ich kann nicht" stieß Irian hervor und starrte in kaum unterdrückter Panik auf das Feuer. Just in diesem Moment löste sich oben ein weiteres Holzstück und krachte einen Meter vor William auf die Straße. Der Ventrue brachte sich mit einem hastigen Satz in Sicherheit, setzte sich aber sofort wieder in Bewegung. Schließlich hatte er das brennende Tor erreicht und war mit einem beherzten Sprung hindurch.

Madeleine blieb stehen und drehte sich zu Irian um. "Komm", sagte sie und breitete ihren Mantel aus. "Ich weiß, du magst die Schatten nicht besonders, aber sie schützen uns vor dem Feuer. Und mein Umhang ist weit genug für uns beide."

Zögernd kam die Gangrel näher. "Ich weiß nicht, was mir weniger gefällt, das Feuer oder das da", knurrte sie mit einem mißtrauischen Blick auf die schwarze Substanz, die um Madeleines schlanke Gestalt herumwaberte, als hätte sie ein Eigenleben. Widerwillig ließ sie zu, daß die Lasombra sie unter ihren Umhang nahm. Irian mußte sich bücken, sie war deutlich größer als ihre Schwester. Langsam gingen die beiden auf das Tor zu. Plötzlich krachte es über ihnen, und sie spürten, wie etwas auf den Mantel aufschlug. Es wurde ein wenig wärmer unter den Schatten, ansonsten passierte nichts. Madeleine hielt Irian fest, die schon hatte fliehen wollen, und beschleunigte ihren Schritt etwas. Endlich erreichten sie William, der auf der anderen Seite wartete. Gleich darauf waren auch James, Mog und Markus bei ihnen, die sich mit Markus' Schild vor herabfallenden Trümmern geschützt hatten.

Madeleine warf einen fragenden Blick zu William. "Wohin?"

Der Ventrue deutete die Straße entlang, die ein Stück weiter vorn in einen großen Platz mündete. "Es beunruhigt mich aber, daß ich ihn nicht wirklich deutlich spüre", gab er zu. "Normalerweise hätte ich schon merken müssen, daß wir uns ihm nähern, aber wir scheinen noch genauso weit von ihm weg zu sein wie vorher." Er schüttelte leicht den Kopf und eilte die Straße hinunter.

Kurz darauf hatten sie den Platz erreicht. Hier herrschte relative Ruhe; zwar brannten einige Häuser in der Nähe, aber es waren weder Sterbliche noch Kainiten zu sehen. Selbst der Brunnen in der Mitte des Platzes, der Löschwasser hätte liefern können, war verlassen. Und vor dem Brunnen lag etwas auf der Erde, etwas, das im Widerschein der Flammen metallisch blinkte. "Oh mein Gott, nein..." murmelte William und rannte los. Vor dem metallischen Gegenstand fiel er auf die Knie und blieb mit gesenktem Kopf sitzen.

Als die anderen näherkamen, erkannten sie ebenfalls, worum es sich handelte: auf dem Boden lagen zwei Schwerter, Katana und Wakizashi. Toranagas Familienschwerter. Die Klingen waren dem Japaner heilig, er hätte sich niemals freiwillig von ihnen getrennt. Madeleine trat neben William und legte eine Hand auf seine Schulter. Dabei fiel ihr Blick auf einen grauen Fleck neben den Klingen. Ein Häufchen Asche. Entsetzt sah sie William an. Der hob den Kopf. "Er ist nicht tot", sagte er leise. "Ich kann ihn noch spüren. Es fühlt sich an..." Er runzelte die Stirn. "Es fühlt sich an, als wäre er in seinem Schwert, so verrückt das auch klingt." Er blickte zu Madeleine hoch. "Ich werde die Asche mitnehmen. Hast du etwas, wo ich sie hineinpacken kann, so daß nichts davon verloren geht?"

Sie nickte und reichte ihm wortlos ein seidenes Taschentuch. Er nahm es und begann, sehr sorgfältig die Asche aufzusammeln und einzupacken. Schließlich verstaute er das kleine Päckchen in einer Gürteltasche und richtete sich auf. Toranagas Schwerter hielt er in der Hand, dabei achtete er darauf, sie nur am Griff anzufassen.

Irian hatte sich inzwischen in der näheren Umgebung umgesehen. "Es gibt tatsächlich ein paar Spuren", sagte sie, als sie sich wieder zu den anderen gesellte. "Es hat hier einen Kampf gegeben. Was genau mit Toranaga geschehen ist, kann ich nicht sagen, aber wenn ich mich nicht sehr irre, ist Morpheus überwältigt und verschleppt worden." Sie deutete auf eine der Straßen, die von dem Platz wegführten. "Sie scheinen ihn in diese Richtung gebracht zu haben. Es gibt da einen Zugang zur Kanalisation, dort verliert sich die Spur. Ich vermute, sie haben ihn nach unten geschafft."

"Dann sollten wir ihnen folgen", meinte William entschlossen. "Wenn wir Morpheus finden, kann er uns vielleicht erklären, was mit Toranaga passiert ist. Falls er da nicht selbst die Hände mit im Spiel hatte, ich traue dem Kerl einfach nicht."

Madeleine nickte. "Außerdem weiß er zuviel über uns und unser Ziel. Es wäre mehr als unangenehm, wenn die, die ihn entführt haben, unsere Geheimnisse aus ihm herausholen."

Ohne weitere Diskussion packte Markus das Gitter, das den Schacht abdeckte, und hob es an. Darunter wurden eiserne Sprossen sichtbar, die in der Wand nach unten führten. William schwang sich in den Schacht und kletterte vorsichtig nach unten.

Der Gestank war grauenhaft. Madeleine bedauerte Mog und James, die im Gegensatz zu ihren Herrschaften darauf angewiesen waren, zu atmen. Sie standen in einem Tunnel, dessen Boden knietief mit einer übelriechenden Brühe bedeckt war. Rechts und links gab es schmale Simse, auf denen man mit etwas Mühe hätte laufen können, wenn sie nicht mit Moos und Algen überwuchert und glitschig wie Schmierseife gewesen wären. Ein paar Meter entfernt kreuzte ein weiterer Gang, noch etwas enger als der, in dem sie standen. William wechselte einen Blick mit Irian. Die Gangrel nickte und übernahm die Führung.

 

Irian fluchte laut und einfallsreich. "Hier sind wir vorhin schon einmal durchgekommen. Ich fürchte, ich habe die Spur verloren", gab sie zu.

William musterte die Kreuzung. "Weißt du noch, wo wir beim ersten Mal hingegangen sind?" Die Gangrel deutete auf einen der Tunnel. "Gut, dann nehmen wir jetzt den anderen", meinte William achselzuckend und ging voran.

Eine halbe Stunde später wurde der Gang allmählich breiter. Inzwischen waren alle sechs von oben bis unten mit dem fauligen Wasser bespritzt. An einigen Stellen war es so tief gewesen, daß Mog Madeleine hatte tragen müssen, weil die Lasombra sonst vollkommen untergetaucht wäre. Ertrinken konnte sie zwar nicht, trotzdem legte sie keinen Wert darauf, ganz in der Brühe zu verschwinden. Immerhin hatte Irian tatsächlich die Spur wiedergefunden, auch wenn sie nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, wieviel Vorsprung ihre Beute mittlerweile hatte.

"Da vorne ist Licht", bemerkte William schließlich. Tatsächlich war in dem Gang vor ihnen ein trüber Schimmer auszumachen. Die sechs näherten sich vorsichtig. Der Tunnel schien in eine Art Höhle oder Kammer zu münden, und am Eingang stand eine Gestalt.

Der Mann war offenbar ein Sterblicher, ein Ghoul wahrscheinlich. Und es gab auch wenig Zweifel daran, zu welcher Verwandtschaft sein Meister gehörte. Nosferatu-vitae pflegte ihre Spuren auch an Menschen zu hinterlassen, die davon regelmäßig tranken. Der Mann trug eine Axt in den Händen und zwei Holzpflöcke im Gürtel und schaute den Ankömmlingen ohne sichtbare Nervosität entgegen. "Was wünschen die Herrschaften?" fragte er, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, in der Kanalisation Gäste zu empfangen.

"Wir möchten lediglich passieren", antwortete William ebenso höflich. "Es war uns nicht bewußt, daß wir uns dem Domizil eines Verwandten nähern."

"Ihr seid in der Domäne meines Herrn, seit Ihr die Kanalisation betreten habt", stellte der Ghoul nüchtern fest. "Was Eure Durchreise angeht, so fürchte ich, daß ich das nicht selbst entscheiden kann. Und mein Herr ist zur Zeit nicht abkömmlich."

"Es ist ausgesprochen wichtig, daß wir seine Domäne passieren", beharrte William.

Allmählich wurde dem Ghoul wohl doch ungemütlich. "Verzeiht, aber meine Anweisungen sind eindeutig. Ich kann Euch lediglich anbieten, den Tag hier zu verbringen, an einem sicheren Ort, und morgen Abend mit meinem Herrn selbst zu verhandeln. Die Sonne wird ohnehin bald aufgehen."

"Da hat er nicht unrecht", murmelte Madeleine. An den Ghoul gewandt, fügte sie hinzu: "Garantiert Ihr für unsere Sicherheit während des Tages?"

Der Ghoul schien leicht beleidigt, als er antwortete: "Ich gewähre Euch im Namen meines Herrn Gastfreundschaft, wie die Traditionen es gebieten. Ihr werdet ein sicheres Quartier haben."

Die Geschwister wechselten einen raschen Blick, dann nickte William. "Wir nehmen Euer Angebot an."

"Folgt mir", erwiderte der Ghoul und ging in die Höhle hinein. Im schwachen Licht einiger vereinzelter Fackeln erkannte Madeleine einen großen, annähernd runden Raum, der fast völlig von einem trüben, schmutzig-braunen See ausgefüllt wurde. Morsche Stege führten von etwas trockeneren Bereichen am Rand zu einer Insel in der Mitte, die aus fauligem Schlamm, Trümmerstücken und unangenehmeren Dingen aufgeschüttet zu sein schien. Auf dieser Insel, halb im Untergrund eingesunken, stand ein steinerner Sarkophag.

Der Ghoul steuerte auf einen Durchgang in einer Wand zu, der von einer dicken Steinplatte verschlossen wurde. Kein normaler Sterblicher hätte sie bewegen können, und selbst mit kainitischer vitae in den Adern fiel es dem Diener schwer, sie zu öffnen. Er machte eine einladende Handbewegung in die dahinterliegende Kammer. "Hier könnt Ihr den Tag verbringen. Ihr habt gesehen, daß der Zugang nicht ohne weiteres zu öffnen ist. Ansonsten bin ich überzeugt, daß Eure Bediensteten über Euch wachen werden." Er warf einen Blick auf Mog und James, den diese unbewegt erwiderten.

"Danke", sagte William knapp, und trat durch die Tür. Die anderen folgten, und hinter ihnen schloß sich der Eingang wieder. Der Raum war nicht besonders groß, aber erstaunlicherweise einigermaßen trocken. Die Tür, durch die sie gekommen waren, war der einzige Zugang. Licht gab es keins; es war stockdunkel, was aber außer den beiden Ghoulen niemanden störte.

Irian ging zu einer Ecke und ließ sich kommentarlos zu Boden sinken. Nach und nach folgten die anderen ihrem Beispiel, nur Markus wanderte auf und ab wie ein gefangenes Tier. "Herrje", knurrte Irian schließlich gereizt, "komm schon her und setz dich. Du machst mich noch wahnsinnig."

"Ich fühle mich eingesperrt", gab er mißmutig zurück, blieb aber gehorsam bei ihr stehen und ließ sich neben sie fallen.

"Das ist besser", murmelte sie zufrieden und schmiegte sich an ihn.

Madeleine ließ den Blick über ihre übrigen Begleiter schweifen. William saß mit einem abwesenden Gesichtsausdruck an die Wand gelehnt da und strich leicht mit den Fingerspitzen über den Griff von Toranagas Katana. Er machte sich Sorgen um seinen besten Freund, das war offensichtlich, auch ohne daß ihr Blut es sie spüren ließ. James hockte neben seinem Herrn, hatte die Augen geschlossen und döste vor sich hin. Und in einer anderen Ecke saß Mog und wirkte mehr als unzufrieden. Madeleine schlenderte zu ihm hinüber und ließ sich neben ihm nieder. Als er das Geräusch neben sich hörte, ruckte sein Kopf hoch und er sah sich erschrocken um. "Keine Sorge, ich bin es nur", sagte sie leise und legte beruhigend eine Hand auf seinen Arm.

Er entspannte sich sofort. "Entschuldigung, Mylady", murmelte er. "Aber das alles hier macht mich nervös."

"Verständlich", gab sie zu. "Mir gefällt das auch nicht. Aber morgen haben wir es hoffentlich hinter uns." Irgendwie tat ihr der Ghoul fast ein wenig leid, und so blieb sie neben ihm sitzen, bis die Sonne aufging, und versuchte, ihn ein wenig aufzumuntern.

 

Als sie am nächsten Abend wach wurde, gab es wenigstens etwas Licht in der Kammer. Auf einem Sims in der Wand flackerte eine einzelne Kerze. Die beiden Ghoule saßen neben der Tür und hielten Wache. Markus begann gerade, sich zu rühren, Irian und William schliefen noch. Von draußen war kein Laut zu hören.

James blickte auf, als er merkte, daß sie wach war, und nickte ihr zu. "Guten Abend, Mylady."

"Guten Abend", erwiderte sie und reckte sich. "Ist tagsüber etwas vorgefallen?"

Der Ghoul schüttelte den Kopf. "Man hat uns etwas zu essen und Licht gebracht, ansonsten war alles ruhig. Es wurde uns jedoch zu verstehen gegeben, daß wir hier warten sollen, bis der Hausherr uns rufen läßt."

Die Lasombra warf einen Blick auf ihre schlafenden Geschwister. "Bevor die beiden wach sind, hatte ich ohnehin nicht vor, auf Erkundung zu gehen."

Eine Stunde später erwachte William, eine weitere halbe Stunde danach auch Irian. Die Gangrel hatte kaum die Augen geöffnet, als von der Tür ein kratzendes Geräusch hörbar wurde. Gleich darauf begann sich die Steinplatte zu bewegen. Dahinter erschien der Ghoul, der sie gestern Abend in Empfang genommen hatte. William bemerkte, daß er irgendwie mitgenommen aussah. Es schien, als wäre sein Meister nicht allzu glücklich über die ungebetenen Gäste gewesen.

"Guten Abend, die Herrschaften. Wenn Ihr mir bitte folgen würdet?" Er wandte sich um und führte die Besucher zu der Insel.

Auf dem Steinsarg, der darauf stand, saß ein Nosferatu. Er war hochgewachsen, fast so groß wie William, dabei aber so spindeldürr, daß es schien, als würde der leichteste Windstoß ausreichen, um ihn in Stücke zu brechen. Haare hatte er keine, dafür eine stattliche Anzahl von Beulen und nässenden, eiternden Geschwüren auf dem Kopf und im Gesicht. Seine Nase klebte platt an einer Wange, so, als wäre sie ihm einmal eingeschlagen worden. Er betrachtete die Herankommenden aus milchig-trüben Augen, und als er sprach, wurden Reißzähne sichtbar. "Ich grüße Euch", sagte er mit knarrender Stimme. "Mein Diener hat Euch in meinem Namen Gastrecht gewährt." Der Ghoul zuckte bei diesen Worten leicht zusammen, obwohl sein Meister ihn gar nicht angesehen hatte. "Was führt Euch in meine Domäne?"

William hatte sich am Morgen, ehe er eingeschlafen war, lange überlegt, was er auf diese Frage antworten sollte. Er war zu dem Schluß gekommen, daß es unumgänglich war, dem Nosferatu zumindest teilweise reinen Wein einzuschenken. "Wir sind auf der Fährte einiger Leute", sagte er deshalb. "Sie haben einen unserer Gefährten entführt, und die Spur führte hierher. Ich nehme an, daß sie Euer Gebiet durchquert haben, und wir möchten ihnen folgen."

"Soso", machte der Nosferatu. "Und was habt Ihr mir anzubieten für die Erlaubnis, meine Domäne durchqueren zu dürfen?"

"Nennt Euren Preis", erwiderte der Ventrue, der nicht die leiseste Ahnung hatte, was seinen Gegenüber interessieren würde.

Der schüttelte den Kopf. "Oh nein, den Ball lasse ich mir nicht zurückspielen. Macht mir ein Angebot. Wenn Ihr Euch erst noch beraten wollt, könnt Ihr das gerne tun." Er deutete auf den Tunnel, durch den sie gestern hereingekommen waren. "Draußen." Damit erhob er sich und schlurfte zu einem der Seitengänge.

William ließ sich nicht anmerken, wie sehr ihn das Verhalten des Nosferatu verärgerte. Als Herr dieses Gebiets hatte der andere alle Trümpfe in der Hand, und es war nur natürlich, daß er sie möglichst gewinnbringend ausspielte. Auf der anderen Seite war es wichtig, daß sie Morpheus schnell fanden. Trotzdem war es jetzt wohl ratsam, sich erst einmal zurückzuziehen. Vielleicht kam ihnen ja eine Idee, was man dem Nosferatu anbieten konnte, obwohl von seinen beiden Schwestern gerade eine ähnliche Ratlosigkeit ausging, wie William sie selbst spürte.

"Es sieht aus, als stecken wir in einer Sackgasse", meinte Madeleine, als sie draußen im Gang standen und der Ghoul sie wieder verlassen hatte. "Die bevorzugte Währung unter Nosferatu sind Informationen, und gerade damit können wir nicht dienen, weil wir uns in dieser Stadt nicht auskennen."

William nickte mißmutig. "Ich fürchte, du hast recht. Die Frage ist, was machen wir jetzt?"

"Wir könnten vor allen Dingen erst einmal hier verschwinden", schlug Irian vor. "Wenn wir ausgerechnet hier anfangen, Pläne zu schmieden, können wir dem Kerl da drinnen gleich alles erzählen." Die Gangrel warf einen unfreundlichen Blick auf eine Ratte, die neugierig aus einer Mauerspalte hervorblinzelte und erschrocken zurückzuckte, als Irian sie anfauchte.

Mog warf seiner Herrin einen dankbaren Blick zu. "Hier verschwinden klingt hervorragend", erklärte er. "Laßt uns den nächsten Schachtdeckel suchen, ich könnte dringend etwas frische Luft vertragen."

 

Der nächste Schachtdeckel mündete in einer Straße direkt unterhalb einer Mauer, die ein ganzes Viertel einschloß. Ein paar Meter entfernt befand sich ein Tor, das allerdings nicht bewacht war. In einiger Entfernung, vermutlich auf der anderen Seite des abgeschlossenen Gebiets, war Feuerschein zu sehen.

"Das Latinerviertel brennt immer noch", stellte Madeleine fest. "Weiß jemand von euch, wo wir ungefähr sind?"

James sah sich um. "Ich hatte noch nicht viel Gelegenheit, die Stadt kennenzulernen", meinte er etwas zögernd, "aber ich glaube, diese Mauer umgibt das jüdische Viertel. Der kürzeste Weg zurück zur Herberge führt hier durch - und dann mitten durch das Latinerviertel."

Irian zuckte die Schultern. "Dann laßt uns gehen. Ich für meinen Teil bin froh, wenn ich aus diesen Kleidern und in ein Bad komme, und ich habe nicht vor, unnötige Umwege zu machen."

Eine kurze Untersuchung ergab, daß das Tor unverschlossen war. Niemand hielt sie auf, als sie hindurchtraten und sich auf den Weg zur anderen Seite machten. Sie hatten die gegenüberliegende Mauer fast erreicht, als William stehenblieb und in einen Innenhof deutete. "Seht mal, ein Brunnen. Was haltet ihr davon, wenn wir versuchen, uns wenigstens ein bißchen sauberzubekommen, damit wir die Leute in der Herberge nicht allzusehr erschrecken?"

"Gute Idee", meinte Madeleine knapp und betrat den Hof. Die anderen folgten, und Mog machte sich daran, einen Eimer voll Wasser hochzuziehen.

Plötzlich öffnete sich in einem der umliegenden Häuser eine Tür und ein alter Mann trat hervor. "Was tut Ihr hier?" wollte er wissen und sah William dabei an.

"Wir haben..." begann Madeleine, aber der Alte fiel ihr ins Wort, ohne sie dabei auch nur anzusehen: "Schweig, Weib! Ich habe nicht mit dir geredet!"

Madeleine war einen Moment lang sprachlos vor Zorn. Ein Sterblicher, der derart unverschämt mit ihr sprach, das war die Lasombra nicht gewohnt. Während sie noch nach einer passenden Antwort suchte, versuchte William, die Wogen zu glätten. "Wenn wir auf Euren Besitz eingedrungen sind, so entschuldigt das bitte. Wir habe lediglich etwas Wasser gesucht."

"Um diese Uhrzeit?" fragte der Mann mißtrauisch.

"Nun, wir..." sagte William, aber Madeleine unterbrach ihn. "William, du redest zuviel", erklärte sie und sah den Alten an. Im selben Moment schien es auf dem Hof etwas kühler zu werden. Madeleines normalerweise schon recht bleiche Haut wurde kalkweiß. Ihre Augen sanken in die Höhlen zurück und schimmerten rötlich, und als sie den Mund öffnete, waren ihre Reißzähne deutlich zu sehen. "Verschwinde", fauchte sie den Alten an, und ihre sonst so angenehme Stimme klang mit einem Mal kalt und unmenschlich.

Ein gewöhnlicher Sterblicher hätte sich das nicht zweimal sagen lassen. Der Anblick eines Kainiten in seiner wahren Gestalt, unterstützt durch die Macht ihrer vitae, die die Lasombra hineingelegt hatte, das genügte normalerweise, um einen Menschen in Panik flüchten zu lassen. Der alte Mann erbleichte und wich ein, zwei Schritte zurück. Mit aufgerissenen Augen starrte er Madeleine einen Moment an, dann murmelte er etwas vor sich hin und eilte ins Haus zurück. Panisch allerdings, stellte William fest, sah er nicht aus. Der Ventrue wollte dem Flüchtenden folgen, aber als er sich der Haustür näherte, fielen ihm die merkwürdigen Zeichen auf, die sich darüber befanden und von denen ein sehr unangenehmes Gefühl ausging. Diese Zeichen waren eindeutig dafür da, um Wesen wie ihn abzuhalten, und sie waren von jemandem angebracht worden, der von echtem Glauben erfüllt war.

Aus dem Haus drang Stimmengemurmel. "Wir sollten verschwinden", erklärte Irian. Niemand widersprach ihr, und die Vampire und ihre Ghoule verließen hastig den Hof. Sie waren gerade an dem Tor angekommen, das hinaus zum Latinerviertel führte, als sie hinter sich schwere Schritte hörten. Was auch immer sich da näherte, es war deutlich größer als ein Mensch. Madeleine duckte sich hastig in eine Seitengasse, griff nach den Schatten und zog sie eng um sich herum. Für William, der direkt hinter ihr gewesen war, verschmolz sie mit der Finsternis. Rasch glitt der Ventrue ebenfalls in den Schutz der Gasse und rückte dicht an Madeleine heran, um sich ebenfalls von ihren Schatten tarnen zu lassen. Augenblicke später sah er, was das Geräusch verursacht hatte: hinter einer Straßenecke erschien eine riesige Gestalt, geformt wie ein Mensch, aber gute zweieinhalb Meter hoch. Das Geschöpf schien aus Ton oder Erde zu bestehen. Ein Gesicht hatte es nicht, aber es schien trotzdem die Anwesenheit Fremder wahrzunehmen, denn es drehte wie suchend den Kopf hin und her. William und Madeleine standen stocksteif und rührten sich nicht. Mit langsamen Schritten, die die Erde ein wenig erzittern ließen, stapfte das Wesen die Straße hinunter und verschwand schließlich um eine Ecke, ohne auf sie oder die anderen aufmerksam geworden zu sein.

Vorsichtig wagten sich Madeleine und William aus der Seitengasse. Hinter einer anderen Ecke wurden Irian, James und Markus sichtbar. "Was um Himmels Willen war das?" wollte William wissen.

"Ein Golem, denke ich", antwortete Irian. "Ich habe einmal in irgendwelchen kabbalistischen Schriften davon gelesen, daß solche Kreaturen als Wächter eingesetzt werden können."

Madeleine sah sich suchend um. "Wo ist Mog?"

"Hier, Mylady", erklang die Stimme von Irians Ghoul. Gleich darauf erhob sich Mogs Gesicht, tropfnaß und mit einem etwas verschämten Grinsen, aus einer Regentonne. Nach einem vorsichtigen Blick, ob der Golem auch tatsächlich verschwunden war, schwang er sich behende aus der Tonne. "Wenigstens bin ich jetzt einigermaßen sauber", erklärte er. Irian grinste ihn nur an und sagte nichts.

 

Es dauerte noch über eine Stunde, bis sie endlich wieder an der Herberge ankamen. Um nicht allzuviel Aufsehen zu erregen, betraten sie das Haus durch den Hintereingang. Die Kutsche, die sie gestern in der Obhut von zwei Ghoulen am Latinerviertel zurückgelassen hatten, war noch nicht zurückgekehrt; vermutlich wartete sie immer noch dort. Den in der Herberge zurückgebliebenen Ghoulen war die Erleichterung deutlich anzusehen, als die sechs zwar schmutzig und übelriechend, aber sichtlich unversehrt die Suite betraten. Williams Sorge um Toranaga wuchs, als er mit einem Blick feststellte, daß kein einziger von dessen Ghoulen anwesend war. Wenn man den Zurückgebliebenen glauben konnte, und es gab keinen Grund, an ihrem Wort zu zweifeln, dann waren Toranagas sämtliche Bedienstete einfach verschwunden. William mußte zähneknirschend einsehen, daß er im Augenblick nichts tun konnte, um das Rätsel zu lösen. Stattdessen schickte er einen der Ghoule los, um die Kutsche zurückzuholen. Kurz darauf lagen alle sechs im heißen Wasser des römischen Bades, das sich im Keller der Herberge befand.

Den Geruch loszuwerden, erwies sich als nicht ganz einfach. Gute zwei Stunden Einweichen und wiederholtes Abschrubben mit Unmengen von Seife waren notwendig, ehe Madeleine sich wieder einigermaßen wohlfühlte. Schließlich jedoch trafen sich die Geschwister wieder oben im Wohnzimmer, um sich darüber klarzuwerden, wie es weitergehen sollte.

Als sie nach oben kam, sah Madeleine sich nach Francesca um. Auf ihren Wink kam ihre Bedienstete heran. "Ist Giacomo inzwischen zurück?" erkundigte sich die Lasombra. Allmählich begann sie sich über den venezianischen Händler zu ärgern. Sie hatte ihn damals in Florenz aus einer Laune heraus mitgenommen, weil sie ihn für eine Weile amüsant gefunden hatte. Er war allerdings nie interessant genug gewesen, daß sie ernsthaft in Erwägung gezogen hätte, ihn zum Ghoul zu machen. Und langsam kam sie zu der Überzeugung, daß es Zeit war, sich von ihrem Begleiter zu trennen. Das allerdings wollte sie ihm persönlich mitteilen.

Francesca schluckte. "Nein, Madame. Er hat Euch lediglich eine Nachricht geschickt, sie wurde heute mittag von einem Boten gebracht und unten abgegeben. Ich habe den Boten leider nicht selbst gesehen, sonst hätte ich ihn selbstverständlich aufgehalten." Sie zog ein versiegeltes Pergament aus der Tasche und reichte es ihrer Herrin.

Madeleine nahm es, öffnete es und überflog den Inhalt. Dann sah sie Francesca an. "Es ist gut, danke. Du hast getan, was du konntest. Vittorio!"

Madeleines Leibwächter näherte sich und machte einen Diener. "Madame?"

"Giacomo ist seit zwei Tagen unterwegs", informierte sie ihn. "Er war der Meinung, sich hier um irgendwelche Handelskontakte bemühen zu müssen. Ich habe beschlossen, daß es ein Risiko für unsere Sicherheit ist, wenn er noch länger weg bleibt. Finde ihn und bring ihn zurück." Die Lasombra sah den Ghoul an und ließ zu, daß ein wenig von dem Ärger, den sie über Giacomos Verhalten spürte, in ihrem Blick durchkam. "Wenn du ohne ihn wiederkommst, solltest du eine sehr gute Erklärung dafür haben. Das wäre alles."

"Sehr wohl." Vittorio verneigte sich erneut, ohne eine Miene zu verziehen, griff nach seinem Umhang und verschwand.

Madeleine seufzte und wandte sich noch einmal zu Francesca. "Was ist mit dem Priester, den Mog gestern angeschleppt hat? Ist der noch da?"

"In dem selben Zimmer, in dem er gestern war", nickte Francesca. "Ich wußte nicht, ob Ihr ihn vorerst behalten wollt, deswegen habe ich ihn gebeten, noch zu bleiben. Er hat nicht einmal versucht, zu gehen."

"Gut", stellte Madeleine zufrieden fest. "Dann werde ich ihn noch kurz besuchen, ehe wir uns beraten. Ich habe noch nicht gefrühstückt."

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