Prolog, Teil 2
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Zwei Stunden nach Sonnenuntergang am nächsten Abend standen die Geschwister wieder am Eingang zur Kanalisation. Das Viertel brannte noch immer, und die Zustände waren immer noch chaotisch. Um das Viertel herum waren unauffällig Wachen postiert, teilweise sogar Kainiten. Es war den Geschwistern nicht allzu schwergefallen, durch die Absperrung hindurchzuschlüpfen, trotzdem bewegten sie sich vorsichtig. Es schien, als würde innerhalb des abgesperrten Gebiets Jagd auf Verwandte gemacht, und die drei verspürten wenig Lust, die Beute zu sein.

Sie hatten in der Nacht vorher beschlossen, noch einmal zu versuchen, mit dem Nosferatu ins Geschäft zu kommen. Sollte das nicht gelingen, wollte William sich am Hof umsehen. Es gab mit Sicherheit noch andere Nosferatu in der Stadt, und möglicherweise hatte einer von ihnen etwas von Morpheus' Entführung mitbekommen und erwies sich als umgänglicher. Der Ventrue hob den Schachtdeckel an und deutete einladend nach unten.

Kurz darauf standen sie vor dem Zugang zur Höhle des Nosferatu. Wenn man den direkten Weg kannte und nicht solche Umwege lief wie die Geschwister vorgestern, war sie nicht weit vom Einstieg entfernt. An der Tunnelmündung stand der ihnen bereits bekannte Ghoul und hielt Wache. "Guten Abend. Womit kann ich den Herrschaften dienen?"

"Wir möchten den Herrn dieser Domäne sprechen", erklärte William.

"Das wird nicht möglich sein", erwiderte der Diener. "Mein Meister ist zur Zeit nicht anwesend, und ich kann nicht sagen, wann er wiederkommt. Soll ich ihm eine Nachricht übermitteln?"

"Nicht nötig", antwortete William nach einem kurzen Seitenblick zu seinen Schwestern. Er nickte dem Ghoul noch einmal zu, dann machten sich die drei wieder auf den Rückweg.

Oben angekommen, atmete Madeleine einmal tief durch. "Ehe wir uns in den Palast wagen, dürfte noch einmal ein Bad nötig sein." Niemand widersprach ihr.

Sie hatten etwa die Hälfte des Weges durch das Latinerviertel zurückgelegt, als sie vor sich Kampflärm hörten. Mit einem geschmeidigen Satz war William auf dem nächsten Dach. Vorsichtig lugte er über die Ecke nach unten, dann winkte er seine Schwestern heran. Gleichzeitig machte er ihnen ein Zeichen, sich versteckt zu halten.

Madeleine drückte sich in den Schatten hinter einer Tonne und spähte um die Ecke. In der Straße vor ihnen war in der Tat ein Kampf im Gang. Besser gesagt, im Gang gewesen. Im Latinerviertel waren nicht nur Vampire unterwegs. Angesichts der Zustände wurden die Straßen auch von Templern patrouilliert, meistens in Sechsertrupps, die oft einen Priester dabeihatten. Einer dieser Trupps war hier auf einen Kainiten gestoßen und ihm offensichtlich nicht gewachsen gewesen. Als Madeleine ihren Blick schweifen ließ, zählte sie fünf tote Templer. Über ihnen stand ein arabisch aussehender Mann, der gerade seinen Krummsäbel am Mantel eines der Toten abwischte. Madeleines geschärfte Sinne erkannten ihn sofort als einen Verwandten; die blassen Farben seiner Aura sprachen eine deutliche Sprache. Er schien nicht sonderlich beunruhigt zu sein, als er sich umsah. Dann bemerkte er offenbar eine Bewegung auf dem Dach, und sein Kopf ruckte hoch. Im nächsten Augenblick stand William vor ihm.

"Guten Abend" bemerkte der Ventrue leichthin. "Eine gefährliche Gegend für einen Spaziergang."

"In der Tat", antwortete der andere ungerührt. "Besonders", er warf einen bezeichnenden Blick zu Madeleine und Irian, die ebenfalls herankamen, "mit Damen." Er betrachtete die drei einen Moment lang abschätzend, dann steckte er demonstrativ sein Schwert weg. "Ich denke, wir können wie zivilisierte Wesen miteinander reden", sagte er. "Wenn ich mich vorstellen darf, ich bin Kapitän Omar ibn Yussuf al-Qahiri. Mit wem habe ich die Ehre?"

"Sir William von Tintagel", erwiderte der Ventrue. "Die Damen sind Madeleine de Neuville und Lady Irian."

"Sehr erfreut. Wenn ich fragen darf, was führt Euch in diese ungastliche Gegend?"

William lächelte höflich. "Geschäfte."

"Ah, ich verstehe. Nun, verzeiht meine Neugier. Ich denke, es wäre angebracht, sich hier zu entfernen. Einer der Templer ist mir entwischt, es wäre möglich, daß er mit Verstärkung wiederkommt."

William nickte und setzte sich in Bewegung. "Ihr sagtet, Ihr seid Kapitän? Liegt Euer Schiff hier im Hafen?"

Der Araber nickte. "Ja, ich bin auf dem Weg nach Jerusalem. Sobald ich neue Ladung gefunden habe, werde ich ablegen." Er warf einen Blick auf die Umgebung. "Ich gestehe, daß ich es hier nicht so angenehm finde, daß ich länger als nötig bleiben wollte."

"Allerdings", murmelte William nachdenklich. "Sagt, befördert Ihr auch Passagiere?"

Der Kapitän hob die Schultern. "Wenn der Preis stimmt, selbstverständlich. Mein Schiff verfügt über entsprechend ausgestattete Gästequartiere. Sucht Ihr eine Passage?"

"Vielleicht. Wie Ihr schon sagtet, die Zustände in dieser Stadt sind nicht besonders angenehm. Es könnte angebracht sein, sie möglichst schnell zu verlassen."

"Da habt Ihr nicht unrecht. Überlegt Euch, ob Ihr Interesse habt, mit mir ins Geschäft zu kommen. Einen Passagier habe ich möglicherweise bereits, Ihr solltet Euch also mit der Entscheidung nicht allzulange Zeit lassen."

"Aha?" fragte William interessiert. "Noch jemand, der schnellstens hier verschwinden möchte?"

Omar zuckte erneut die Schultern. "Anscheinend. Er kam heute Abend zu mir an Bord und fragte nach einer Passage nach Jerusalem. Beim Propheten, einen so langen Kerl habe ich noch nie gesehen." Er schüttelte leicht belustigt den Kopf.

William spürte die Überraschung seiner Schwestern in seinem Blut. "Ein langer Kerl? Etwa zwei Meter, kräftig, schwarze Haare? Ein Spanier?"

"Ja, das war der Mann. Ein Bekannter von Euch?"

"Flüchtig", entgegnete William und ging ein paar Schritte schweigend weiter. An der nächsten Kreuzung blieb er stehen. "Ich denke, wir werden uns hier von Euch verabschieden", meinte er. "Wir werden uns überlegen, ob wir die Stadt mit Euch verlassen wollen, und uns bei Euch melden."

"Tut das", antwortete der Kapitän. "Mein Schiff ist die 'Leuchtende Schwalbe', Ihr könnt sie nicht verfehlen, wenn Ihr zum Hafen kommt. Zwei oder drei Nächte werde ich auf jeden Fall noch hiersein." Er verneigte sich vor den beiden Frauen. "Ich wünsche Euch noch eine angenehme Nacht." Damit verschwand er.

"Hochinteressant", murmelte Madeleine, sobald er außer Sichtweite war. "Morpheus ist also keineswegs in Gefangenschaft. Bleibt die Frage, wieso er nicht zu uns zurückgekehrt ist."

"Das wüßte ich allerdings auch gerne", knurrte William. "Immerhin haben wir jetzt eine weitere Spur. Wir sollten uns im Palast umhören, und wenn das nichts bringt, können wir uns den Hafen vornehmen."

Irian nickte. "Ich frage mich allerdings, wieso dieser Kapitän so mitteilsam war. Es kommt mir fast wie ein zu großer Zufall vor, daß wir ihn hier treffen und er Morpheus gesehen hat, gerade, als wir den Kerl suchen und keine Spur von ihm haben."

"Deswegen werden wir auch entsprechend vorsichtig sein, wenn wir sein Schiff beobachten", stimmte William zu. "So ganz traue ich der Sache auch nicht, aber es ist der einzige konkrete Hinweis, die wir haben."

 

Der Besuch im Prinzenpalast ergab keine weiteren Anhaltspunkte. Nicht zum ersten Mal wünschte Madeleine, sie hätten Toranaga noch bei sich gehabt. Ihr Bruder hätte mit seinen Sinnen auch aus den wenigen Spuren, die sie gefunden hatten, wertvolle Informationen ziehen können. Ihre und Williams Fähigkeiten in dieser Hinsicht waren nicht so gut trainiert, sie waren darauf angewiesen, was ihre Augen ihnen verrieten. Und das war in diesem Fall nicht genug.

Die Stimmung der Lasombra verdüsterte sich weiter, als sie bei ihrer Rückkehr Vittorio in der Herberge vorfand - alleine. Sie sah ihn an und hob fragend eine Augenbraue, sagte aber nichts. Der Ghoul trat auf sie zu und verneigte sich. "Herrin, ich bringe Neuigkeiten von Giacomo. Gemäß Eurem Befehl habe ich nach ihm gesucht, und ich fürchte, ich habe ihn gefunden."

Madeleine schnupperte leicht und bemerkte, daß ihr Leibwächter schwach nach Blut roch. "Ist er tot?"

"Nein, Herrin. Allerdings..." Vittorio zögerte einen Moment. "Er ist ein Ghoul."

"Ich verstehe." Madeleine nickte langsam. "Wem gehört er?"

"Einem Lasombra namens Magnus. Ich habe nicht viel herausfinden können, ehe seine Wachen mich vertrieben haben, aber ich denke nicht, daß Giacomo den Pakt freiwillig eingegangen ist."

Madeleine hob die Schultern. "Das ändert jetzt auch nichts mehr. So, wie ich Magnus kenne, dürfte Giacomos neue Anstellung nicht gerade angenehm sein." Sie musterte ihren Ghoul nachdenklich. "Bist du verletzt worden? Ich rieche Blut an dir."

"Ich dachte, ich hätte alles abgewischt..." murmelte er, dann schüttelte er den Kopf. "Nein, das war nicht meines."

"In Ordnung", sagte sie. "Ich betrachte die Angelegenheit als erledigt. Du hast deine Sache gut gemacht." Damit wandte sie sich ab und wollte zu ihrem Zimmer gehen, als ihr noch etwas einfiel. Kurz entschlossen klopfte sie an die Tür von Bruder Williams Kammer.

Der Mönch kniete betend vor dem Kreuz an seiner Wand, erhob sich aber, als Madeleine eintrat. "Guten Abend, Mylady." Er lächelte. "Was verschafft mir die Ehre?"

Madeleine lächelte zurück und ließ sich auf einem Stuhl nieder. "Ich möchte mich gerne ein bißchen mit dir unterhalten", sagte sie. "Wenn ich dich richtig verstanden habe, bist du schon etwas länger in der Stadt und kennst dich hier aus..."

Sie schaffte es mühelos, ihn in ein angenehmes Gespräch zu verwickeln. Der englische Mönch war ein sehr belesener Mann, mit einer ausgesprochenen Vorliebe für griechische Philosophen und einem ebenso stark ausgeprägten Forschertrieb. Madeleine, die sich während ihrer Zeit als Nonne und danach bei ihrem Mentor einiges Wissen angeeignet hatte, konnte mit seinen Argumenten mühelos mithalten, was ihn sichtlich erfreute. Irgendwie wurde sie dabei den Eindruck nicht los, daß Bruder William recht genau wußte, womit er es hier zu tun hatte, und daß er womöglich auch die Mittel gehabt hätte, sich gegen sie zu wehren. Daß er es nicht tat, offenbar nicht einmal daran dachte, verwirrte sie ein wenig, machte sie aber gleichzeitig neugierig. Mehr als einmal ertappte sie sich dabei, daß sie ihn mit Giacomo verglich, wobei der Venezianer nicht sonderlich gut wegkam.

Nachdem sie schließlich von ihm getrunken hatte, faßte sie einen Entschluß. Während er noch mit geschlossenen Augen an der Wand lehnte und darauf wartete, daß sein Herzschlag sich wieder beruhigte, griff sie nach einem Kelch, öffnete eine Ader in ihrem Arm und ließ ihre vitae hineinrinnen. Dann reichte sie ihm den Becher. "Trink", sagte sie leise.

Er öffnete die Augen und sah sie an. Dann nahm er den Kelch, schaute hinein, sah ihr wieder in die Augen - und hob ohne ein Wort den Becher an die Lippen und trank einen tiefen Schluck.

Als er den Kelch schließlich wieder absetzte, lag Verwunderung in seinem Blick. Madeleine nahm ihm den leeren Becher aus der Hand und strich leicht über seine Wange. "Du solltest etwas schlafen, es ist spät", sagte sie sanft. "Du wirst merken, daß sich einige Dinge verändern. Hab keine Angst."

Er nickte nur und ging gehorsam zum Bett. Sie lächelte noch einmal, dann verließ sie seine Kammer und schloß leise die Tür hinter sich.

Draußen winkte sie Francesca heran. "Dieser unerfreuliche Zwischenfall mit Giacomo hat mir zu denken gegeben", erklärte sie. "Ich habe dafür gesorgt, daß mir mit Bruder William nichts derartiges passiert."

Francesca nickte verstehend. "Ihr seid dabei, einen Ghoul aus ihm zu machen."

"Genau. Ich möchte, daß du dich morgen ein wenig um ihn kümmerst und ihm einige Dinge erklärst. Er ist ziemlich neugierig, vermutlich wird er eine Menge Fragen haben. Beantworte sie ihm, und sorge dafür, daß er sich mit seinem neuen Zustand zurechtfindet."

Francesca knickste. "Ich werde mich bemühen, Madame."

Madeleine nickte zufrieden und begab sich ebenfalls zur Ruhe.

 

Am nächsten Abend wartete eine Neuigkeit auf die Geschwister, die zwar unangenehm war, aber keinen von ihnen so recht überraschte. "Graf Morpheus' Ghoule und Bedienstete sind fort", berichtete Mog. "Sie sind tagsüber einfach verschwunden, und den Besitz ihres Herrn haben sie offenbar mitgenommen." Mog blickte ein wenig schuldbewußt drein. "Wir hatten keinen Befehl, sie besonders unter Bewachung zu halten, aber ich hätte wohl daran denken sollen..."

Irian schüttelte den Kopf. "Wir hätten daran denken sollen. Aber bis gestern Nacht glaubten wir ja noch, der Kerl wäre irgendwo eingesperrt."

"Jedenfalls hat er sich recht deutlich von uns verabschiedet", brummte William. "Wir sollten zusehen, daß wir zum Hafen kommen, ehe er uns noch entwischt."

 

Omar hatte recht gehabt. Die 'Leuchtende Schwalbe' war in der Tat kaum zu verfehlen. Sie war mit Abstand das größte Schiff im Hafen, ein stattlicher Dreimaster. Die Besatzung bestand zu einem großen Teil aus Ghoulen, wie die Geschwister sehr schnell feststellten. William und Madeleine hatten sich am Rand des Hafens auf zwei Dächern versteckt, um das ganze Gebiet möglichst gut beobachten zu können. Irian hatte sich in eine Fledermaus verwandelt und zog über ihnen ihre Kreise. Für einen Menschen wäre es zu dunkel gewesen, um wirklich etwas zu erkennen, für die Vampire hingegen war die Beleuchtung mehr als ausreichend.

Im Hafen herrschte reger Betrieb. Der Aufstand im Latinerviertel, das nicht weit entfernt nun schon die vierte Nacht in Flammen stand, zog seine Kreise. Schiffe wurden hektisch beladen, und die Hafengegend war stärker als sonst von Wachen gesichert.

Die Geschwister saßen bereits seit Stunden auf ihren Posten und warteten darauf, daß Morpheus sich zeigte. Endlich, es war schon nach Mitternacht, gab Madeleine William auf dem Nachbardach ein Zeichen und deutete zur Straße hinunter.

Tatsächlich trat in diesem Moment eine große, schwarz verhüllte Gestalt aus einem Schatten und ging zielstrebig auf die 'Leuchtende Schwalbe' zu. Der Gang, die Bewegungen - es war eindeutig der Spanier. Vor dem Schiff hielt er an, rief etwas nach oben, und bekam anscheinend Antwort. Ohne zu zögern ging er an Deck und verschwand durch eine Luke nach unten. Er hatte sein Pferd nicht dabei gehabt, aber dafür ein Bündel über der Schulter. Offenbar, schloß William, wollte er tatsächlich abreisen, wenn auch noch nicht unbedingt heute Nacht. Die ganze Angelegenheit wurde immer seltsamer.

Plötzlich sah er Irian, die gerade über dem Wasser schwebte, eine scharfe Kehre ziehen und aufs Meer hinausfliegen. Da das Schiff zwischen ihm und ihr lag, konnte er nicht sehen, was sie dazu bewogen hatte, allerdings hatte er den Eindruck, als verfolgte sie etwas. Ein Blick zu Madeleine verriet ihm, daß sie ebenfalls etwas gesehen hatte, die Lasombra wirkte leicht verärgert.

Kurz darauf kehrte Irian zurück und landete in Williams ausgestreckter Hand. Vorsichtig setzte er sie ab, und während sie sich zurückverwandelte, kam Madeleine zu ihnen herüber.

"Der Mistkerl will uns hereinlegen", knurrte sie. "Irian, hast du gesehen, wo er hinwollte?"

Die Gangrel schüttelte den Kopf. "Ich hätte beinahe nicht einmal bemerkt, daß er das Schiff verlassen hat." An William gewandt, fügte sie erklärend hinzu: "Er ist als Schatten herausgekommen. Er muß sich unter Deck verwandelt haben, dann ist er durch eine Ritze in der Schiffswand gekrochen und sofort ins Wasser getaucht. Da unten konnte ich ihn kaum sehen, und als er schließlich tiefer getaucht ist, habe ich ihn verloren. Es sah aber so aus, als wollte er aufs offene Meer hinaus."

"Vorsichtig ist er, das muß man ihm lassen", murmelte William. "Der Kerl heckt doch irgendetwas aus. Wenn wir nur wüßten, was..."

"Wir können uns natürlich hier noch den Rest der Nacht um die Ohren schlagen und darauf hoffen, daß er wiederkommt", meinte Madeleine. "Für mich sah das allerdings so aus, als würde er damit rechnen, beobachtet zu werden; ich glaube nicht, daß er heute noch einmal auftaucht. Was haltet ihr davon, wenn Irian und ich die Sache hier weiter im Auge behalten, und William noch einmal zum Palast geht und versucht, mit den Nosferatu ins Geschäft zu kommen?"

"Gute Idee", meinte William und erhob sich. "Wir sehen uns dann kurz vor Sonnenaufgang in der Herberge." Damit verschwand er.

 

Im Palast war deutlich zu merken, daß in der Stadt etwas nicht in Ordnung war. Es waren weniger Vampire unterwegs als in der Nacht, als die Geschwister angekommen waren, und die Gerüchteküche brodelte. Was genau im Latinerviertel vor sich ging, war Gegenstand verschiedenster Spekulationen. Nur soviel war offiziell bekannt: das Gildenhaus der Tremere hatte sich dort befunden, und irgendwie war der Clan in die Aufstände verstrickt. Das Triumvirat hatte eine allgemeine Blutjagd auf die Tremere ausgerufen, und es wurde erzählt, daß das Mutterhaus in Wien den Konstantinopeler Zweig für abtrünnig erklärt hätte. Die Prinzen ließen das Viertel bewachen und Jagd auf jeden machen, der darin angetroffen wurde. Das war ja gestern bereits zu spüren gewesen; inzwischen war die Absperrung noch verstärkt worden.

William schlenderte durch die Halle, blieb hier und da stehen und wechselte ein paar Worte mit den Einheimischen. Der Sinn seines Besuchs bestand nicht nur darin, etwas über Morpheus zu erfahren, sondern auch darin, Kontakte zu knüpfen. Er hatte zwar nicht vor, sich länger als ein paar Nächte in dieser Stadt aufzuhalten, aber so etwas konnte nie schaden. Nebenbei hielt er Ausschau nach dem Nosferatu aus der Kanalisation. Endlich entdeckte er ihn tatsächlich. Er stand in einer Ecke, in ein Gespräch mit einem anderen seines Clans vertieft. Offenbar hatte er William bemerkt, jedenfalls sah er einmal direkt zu ihm herüber. Er machte aber keinerlei Anstalten, auf den Ventrue zuzugehen, und der wiederum hielt es nicht für angebracht, ihn zu unterbrechen. William nickte ihm höflich zu und spazierte weiter. Als er eine halbe Stunde später erneut an der Stelle vorbeikam, waren die beiden Nosferatu verschwunden. William fluchte in Gedanken und begann, die Halle abzusuchen, aber von den beiden war nichts mehr zu sehen.

 

Madeleine erwachte mit dem Gefühl, daß ihnen die Zeit davonlief. Es war die fünfte Nacht seit Toranagas und Morpheus' Verschwinden, und sie hatten immer noch nicht herausgefunden, was in jener Nacht im Latinerviertel passiert war. Seufzend erhob sich die Lasombra, kleidete sich an und machte sich mit einem Becher voll vitae auf den Weg zu Bruder Williams Kammer. Heute Nacht würde er das dritte Mal von ihrem Blut trinken und damit seine Verwandlung zum Ghoul abschließen. Francesca hatte ihr berichtet, daß der Mönch tatsächlich mehr von Neugier als von Angst erfüllt gewesen war und ihr tagsüber viele Fragen gestellt hatte. Und als Madeleine gestern bei ihm gewesen war, hatte er keinen Augenblick gezögert, als sie ihm den Kelch gereicht hatte.

Madeleine klopfte, öffnete die Tür - und ließ beinahe den Becher fallen, den sie in der Hand hielt. Sie hatte erwartet, Bruder William wie gewöhnlich betend vor seinem Kreuz zu finden. Stattdessen saß auf dem einzigen Stuhl der Kammer ein vornehm gekleideter englischer Lord und lächelte ihr freundlich entgegen. Madeleines Unterkiefer klappte nach unten, und es dauerte einen Moment, bis sie in dem Adligen William von Baskerville erkannte. "Guten Abend, Mylady", begrüßte er sie. Er hatte ein schelmisches Glitzern in den Augen, offenbar amüsierte er sich über ihre offensichtliche Verwirrung.

Madeleine riß sich mühsam zusammen. "Guten Abend. Ich gestehe, ich bin etwas überrascht."

Baskerville erhob sich und verneigte sich vor ihr. "Es freut mich, daß ich Euch eine Überraschung bereiten konnte", sagte er. "Ich hielt angesichts dessen, was geschehen ist, die Mönchskutte nicht mehr für passend."

"Ich gebe zu, daß dir ein Wappenrock mindestens ebenso gut steht. Aber daß du das Priestergewand ablegst, hätte ich nicht erwartet."

Er hob die Schultern. "Es ist nicht die Kutte, die einen zum Priester macht", meinte er gleichmütig.

Sie lächelte plötzlich. "Da du deine Entscheidung offenbar getroffen hast, werde ich sie selbstverständlich akzeptieren. Ich glaube, ich möchte bei Gelegenheit etwas mehr über deine Vergangenheit erfahren, sie scheint interessanter zu sein, als ich dachte. Aber jetzt..." Sie reichte ihm den Becher und sah zu, wie er ihn leerte.

 

Sir William von Tintagel hatte größte Mühe, sich sein Erstaunen nicht anmerken zu lassen. Als er aus seinem Zimmer trat, stand bei den Wachen an der Tür ein Ghoul, den er im ersten Moment noch nie gesehen zu haben glaubte. Auf den zweiten Blick erkannte er den Priester, dem Madeleine ihre vitae gegeben hatte, weil sie ihn interessant fand und verhindern wollte, daß er ihr wie Giacomo von einem anderen Verwandten gestohlen wurde. Nur, daß dieser Priester jetzt das Wappen eines englischen Lords trug und somit zumindest nach den Regeln der sterblichen Gesellschaft im Rang deutlich über ihm stand. Sein Wappen, ein goldener Löwe auf rotem Grund, belegte zudem eine enge verwandtschaftliche Beziehung zum englischen Königshaus. Na großartig, dachte der Ventrue mißmutig, ließ sich aber nichts ansehen, als er zu dem Ghoul hinübertrat.

Baskerville verneigte sich, als William herankam. "Guten Abend, Sir."

"Guten Abend", erwiderte William und hob eine Augenbraue. "Ihr habt Euch sehr verändert, seit ich Euch das letzte Mal gesehen habe."

"Die Ereignisse ließen mir diese Veränderung angebracht erscheinen", gab Baskerville ungerührt zurück.

"Zweifellos", murmelte William und musterte das Wappen. "Baskerville... der Herzog von Cornwall ist ein Baskerville."

Im Gesicht des Ghouls zuckte es für einen Moment, obwohl William die Regung nicht genau deuten konnte. "Er ist mein Bruder."

"Ahja. Nun, ich hoffe, Ihr habt es nicht allzu eilig, nach England zurückzukehren. Es wird eine Weile dauern, bis wir dazu kommen." Er nickte Baskerville freundlich zu und drehte sich um, als er Madeleine und Irian hinter sich spürte. "Ah, da seid ihr ja." Er musterte die beiden mit einem bewundernden Blick, was Irian ein Lächeln und Madeleine nicht die geringste Regung entlockte. Allmählich war William wirklich neugierig, wie dieses Spiel zwischen ihnen beiden ausgehen würde. Die Lasombra schien tatsächlich nicht das geringste Interesse an ihm zu haben, das war er nicht gewohnt. Dabei war sie nicht einmal wirklich hübsch, aber irgendwie interessant. Und daß sie sich inzwischen seit einem Jahr seinem Charme erfolgreich widersetzte, machte sie noch interessanter. Er sah ihr in die Augen und lächelte, als er ihr seinen Arm anbot. "Gehen wir."

 

Es schien, als hätten sie diesmal endlich Glück. Die drei waren noch keine halbe Stunde im Palast unterwegs, als William den Nosferatu bemerkte. Er stand allein im Schatten einer Säule und sah zu ihnen herüber. Kurz entschlossen marschierte der Ventrue direkt auf ihn zu, dicht gefolgt von den beiden Frauen.

Der Nosferatu neigte grüßend den Kopf. "Guten Abend. Wollt Ihr immer noch meine Domäne durchqueren?"

William erwiderte den Gruß. "Für den Augenblick nicht", sagte er. "Allerdings wären wir an einem anderen Geschäft interessiert. An einigen Informationen."

Das häßliche Gesicht seines Gegenübers verzog sich zu etwas, das entfernte Ähnlichkeit mit einem Lächeln hatte. "Selbstverständlich. Worum handelt es sich?"

William sah sich um. Irian und Madeleine standen rechts und links von ihm und behielten die Umgebung im Auge. Es schien nicht so, als würden sie im Moment belauscht, aber man konnte nie vorsichtig genug sein. Er senkte die Stimme, als er weitersprach. "Ihr wißt, daß wir auf der Spur eines entführten Gefährten in Euer Gebiet gekommen sind. Dieser Gefährte ist inzwischen wieder aufgetaucht, hat es allerdings nicht für nötig gehalten, uns über seine Befreiung zu informieren. Irgendetwas ist seltsam an der ganzen Angelegenheit, und wir wollen mehr darüber wissen. Wer ihn entführt hat und warum man ihn offenbar freigelassen hat, wo er sich aufhält und so weiter."

Der Nosferatu nickte nachdenklich. "Ihr verlangt recht viel", meinte er. "Was habt Ihr als Gegenleistung zu bieten?"

William hob die Schultern. "Wir sind noch nicht lange genug in der Stadt, um Wissen gegen Wissen tauschen zu können", erklärte er offen. "Nennt Euren Preis."

Der Nosferatu schwieg einen Moment. "Erzählt mir mehr über Euren Gefährten", sagte er schließlich.

"Er ist ein Lasombra namens Graf Morpheus von Navarra. Vor sechs Nächten wurde er im Latinerviertel von Unbekannten verschleppt. Vorgestern wurde er im Hafen gesehen, als er sich auf einem Schiff nach einer Passage nach Jerusalem erkundigte. Was zwischen seinem Verschwinden und seinem Wiederauftauchen geschehen ist, wissen wir wie gesagt nicht. Er scheint vorzuhaben, die Stadt bald zu verlassen." William seufzte. "Ich fürchte, mehr können wir Euch nicht über ihn sagen."

Der andere überlegte eine Weile. "In Ordnung", sagte er dann. "Die Geschichte klingt interessant, ich werde sehen, was ich für Euch herausfinden kann." Er musterte William ausdruckslos. "Da Ihr, wie Ihr selbst sagtet, meinen bevorzugten Preis nicht zahlen könnt, werde ich ihn mir selbst besorgen. Alles, was ich im Laufe meiner Nachforschungen an innenpolitisch interessanten Dingen herausbekomme, wird mir gehören. Ihr habt keinen Anspruch darauf, solange es nichts ist, was in direktem Zusammenhang mit Euren Fragen steht."

William war mißtrauisch. "Und falls Ihr auf etwas stoßen solltet, das für uns eine Gefahr bedeutet?"

Sein Gegenüber lächelte humorlos. "In diesem Fall werde ich dafür sorgen, daß Ihr gewarnt werdet. Möglichst rechtzeitig, daß Ihr die Stadt verlassen könnt."

William zögerte kurz, dann gab er sich einen Ruck. Solange sie nichts zu bieten hatten, mußten sie froh sein, wenn der Nosferatu sich überhaupt bereiterklärte, ihnen zu helfen. "Einverstanden", sagte er.

Der Nosferatu nickte zufrieden. "Gut. Seid morgen um Mitternacht wieder hier, vielleicht kann ich Euch dann schon etwas berichten. Falls Ihr mich dringend erreichen müßt: Hinter der Kathedrale in der Nähe des Palastes gibt es einen kleinen Friedhof. Dort findet Ihr das Grab eines namenlosen Kriegers. Vergrabt eine Nachricht direkt neben dem Grabstein, sie wird mich erreichen. Und jetzt entschuldigt mich, ich habe zu tun." Ohne eine Antwort abzuwarten, drehte er sich um und schlurfte davon.

Irian sah ihm hinterher, dann zuckte sie die Schultern und wandte sich William zu. "Ich werde jetzt gleich zur Herberge zurückkehren", erklärte sie. "Kommt ihr mit oder habt ihr noch etwas anderes vor?"

Langsam schlenderten die Geschwister zum Ausgang. "Ich werde mich noch ein wenig in der Stadt umsehen", meinte William. "Es scheint, als wäre Morpheus jetzt ein Gegner, und ich denke, es wäre klug, unsere Wachmannschaft etwas aufzustocken. Ich werde sehen, ob ich jemanden finde, der sich zum Ghoul eignet."

"Ich werde dich begleiten, wenn du nichts dagegen hast", sagte Madeleine. "Auch wenn sich mein Priester so überraschend in einen Ritter verwandelt hat, du hast recht. Ein weiterer Bediensteter, der mit Waffen umgehen kann, kann nichts schaden."

 

Sie streiften mehrere Stunden lang durch die Straßen, ohne etwas passendes zu finden. "Es ist ja auch nicht einfach", gab William zu. "Jeder, der in Frage kommt, muß sich an James messen lassen, und der Mann ist einfach gut in seinem Beruf. So etwas findet man nicht oft."

Madeleine nickte. "Ich denke, ich werde mich auf den Rückweg machen", erklärte sie. "Kommst du mit, oder willst du noch ein wenig weitersuchen?"

"Ich komme mit", antwortete er mit einer leichten Verbeugung und einem charmanten Lächeln. "Ich werde doch keine Dame ohne Begleitung durch die Stadt wandern lassen."

"Ganz der Gentleman", murmelte sie etwas spöttisch.

"Natürlich." Er grinste. "Allerdings würde ich gerne erst noch eine Kleinigkeit essen." Er deutete unauffällig auf eine hübsche junge Frau, die ein Stück vor ihnen gerade hinter einer Hausecke verschwand. "Geh ruhig schon vor, ich komme gleich. Es wird nicht lange dauern."

Während der Ventrue lautlos seiner Beute folgte, ging Madeleine langsam die Straße hinunter. Sie teilte sich ein Stück vor ihr, um Platz für einen Brunnen zu lassen, der von einer Statue gekrönt wurde. Das Standbild war eine meisterhafte Arbeit, deswegen hatte es auch weder William noch Madeleine überrascht, auf dem Hinweg einen Toreador zu sehen, der bewundernd vor dem Kunstwerk stand. Das war vor nicht ganz einer Stunde gewesen. Wie Madeleine feststellte, stand der Kainit immer noch da. Er schien sich inzwischen nicht viel bewegt zu haben. Er schien von ziemlich dünnem Blut zu sein, und Madeleine ging an ihm vorbei, ohne weiter auf ihn zu achten. Sie spürte gerade, daß William irgendwo hinter ihr mit Trinken fertig war und sich anschickte, ihr zu folgen, als eine Stimme sagte: "Was für ein Hintern!"

Madeleine blieb wie angewurzelt stehen und drehte sich betont langsam um. Neben dem Brunnen stand der Toreador und grinste sie unverschämt an. Die Lasombra spürte Wut in sich hochkochen. "Ich bin es nicht gewohnt, von dünnblütigen Nichtsnutzen belästigt zu werden", erklärte sie eisig. "Auf die Knie, und ich erwarte eine angemessene Entschuldigung."

Das Grinsen verschwand. "Seid vorsichtig, wessen Blut Ihr beleidigt", zischte der Toreador. Mit einem Mal schien ein Schleier von seiner Aura zu weichen, und seine wirkliche Macht schien hindurch. Sein Blut war keineswegs dünn, er war sogar mit größter Wahrscheinlichkeit näher an Kain als Madeleine selbst. "Ich bin Julius, ein Sohn von Prinz Michael."

Madeleine war unbeeindruckt. "Eure Abstammung ist wohl kaum Euer Verdienst. Auf den Respekt, den ich für Euren Erzeuger habe, habt Ihr keinerlei Anspruch, das habt Ihr soeben eindrucksvoll bewiesen."

"Wenn Ihr nicht die wärt, die Ihr seid, würde ich Euch vernichten", fauchte Julius erbost.

"Das solltet Ihr nicht versuchen", kam Williams Stimme von hinten. "Es ist auch absolut nicht notwendig. Ich bin sicher, dieses Mißverständnis läßt sich auch anders aus der Welt schaffen."

Julius drehte sich um und musterte den Ventrue, der hinter ihm stand und höflich lächelte. Der Toreador riß sich sichtlich zusammen. "Ihr habt recht", erklärte er. "Wir sollten diesen... Zwischenfall vergessen und der Etikette Genüge tun. Mit wem habe ich die Ehre?"

"Sir William von Tintagel."

Julius ging kurz auf ein Knie herab. "Ich grüße Euch." Dann erhob er sich und drehte sich zu Madeleine um. Die war immer noch wütend und wollte gerade auf einer Entschuldigung bestehen, als William hinter Julius' Rücken eine begütigende Handbewegung machte. Kein unnötiger Ärger, sollte das wohl heißen.

Die Lasombra nickte kurz. "Madeleine de Neuville."

Der Toreador kniete auch vor ihr nieder. "Seid auch Ihr gegrüßt." Dann erhob er sich. "Es ist bereits spät, ich werde erwartet. Eine angenehme Nacht noch." Damit drehte er sich um und ging rasch eine Seitenstraße hinab.

William spürte, wie es in Madeleine kochte. Er trat an ihre Seite und bot ihr seinen Arm. "Reg dich nicht auf über den Kerl", sagte er leise. "Uns mit Michael anzulegen wäre so ungefähr der größte Fehler, den wir hier machen könnten." Er schmunzelte plötzlich und zwinkerte ihr zu. "Außerdem glaube ich nicht, daß er so ganz zurechnungsfähig war, als er diese Bemerkung gemacht hat. Du weißt doch, wenn ein Toreador etwas wirklich Schönes sieht, kann er sich einfach nicht zurückhalten."

Madeleine setzte zu einer geharnischten Erwiderung an, sah das belustigte Funkeln in Williams Augen, und mußte lachen. "Bruder, manchmal bist du wirklich unmöglich, weißt du das?"

Er hob die Schultern. "Ich tue mein Bestes", antwortete er mit gespielter Bescheidenheit.

 

Als sie in der nächsten Nacht im Prinzenpalast eintrafen, hatte der Nosferatu tatsächlich Neuigkeiten für sie. "Ich denke, ich habe Euren Freund gefunden", begrüßte er sie. "Es sieht allerdings nicht danach aus, als hätte er vor, demnächst die Stadt zu verlassen. Ich glaube im Gegenteil, daß er beabsichtigt, noch eine ganze Weile zu bleiben."

"Dann wäre die Aktion am Hafen ein Täuschungsmanöver", erwiderte William achselzuckend. "Was bringt Euch zu Eurer Vermutung?"

"Die Tatsache, daß Graf Morpheus ein Grundstück in der Stadt erworben hat. Und zwar am Hafen, dort, wo der Leuchtturm steht."

Die Geschwister wechselten einen verblüfften Blick. "Er hat den Leuchtturm gekauft?" vergewisserte sich Irian ungläubig.

"So ist es", bestätigte der Nosferatu.

"Der Turm ist strategisch günstig gelegen, das ist mir schon neulich aufgefallen", meinte William nachdenklich. "Trotzdem, was will der Kerl dort?"

Sein Gegenüber hob die mißgebildeten Schultern, was eine der Beulen an seinem Hals aufplatzen ließ. Madeleine bemühte sich, nicht allzu genau hinzusehen. "Das kann ich Euch auch nicht sagen", antwortete er. "Allerdings ist Morpheus nicht der einzige, der sich für diesen Turm interessiert. Der Turm und das Gelände, auf dem er steht, ist schon seit längerem ein Zankapfel zwischen Magnus und Prinz Caius." Er lächelte dünn. "Das solltet Ihr vielleicht bedenken, falls Ihr vorhabt, Euch etwas genauer dort umzusehen."

"Danke für die Warnung", murmelte Irian.

Der Nosferatu nickte nur. "Ich betrachte unseren Handel damit als abgeschlossen", erklärte er. "Solltet Ihr an weiteren Geschäften interessiert sein, Ihr wißt, wie Ihr mich erreichen könnt." Damit trat er einen Schritt zurück und verschwand vor ihren Augen.

William sah sich um. "Zu viele neugierige Ohren", bemerkte er leise. "Gehen wir." Schweigend verließen die Geschwister den Palast und machten sich auf den Rückweg zur Herberge.

Dort angekommen, wurden sie von Lady Elena empfangen, die in einem Sessel im Wohnzimmer saß und mit einer Stickarbeit beschäftigt war. Als die Kainiten eintraten, hob sie den Kopf und lächelte William an. "Da seid ihr ja wieder. Ich habe auf dich gewartet." Sie erhob sich, kam auf ihn zu und küßte ihn.

Er erwiderte den Kuß, dann schob er seine Frau mit einem bedauernden Seufzen von sich. "Es tut mir wirklich leid, Elena, aber ich..."

Ihr Lächeln erlosch, als hätte man eine Kerze ausgeblasen. "Ich verstehe schon", unterbrach sie ihn. "Du hast wichtige Dinge zu tun." Ohne seine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und rauschte davon. Die Tür ihres Zimmers fiel krachend hinter ihr zu.

William seufzte erneut. Er machte einen Schritt hinter ihr her, dann blieb er stehen und schüttelte den Kopf. "Nein", sagte er. "So leid es mir tut, aber sie hat recht. Wir haben wirklich wichtigeres zu tun." Er sah seine Schwestern an. "Was unternehmen wir als nächstes?"

 

Nach zwei Stunden fruchtloser Diskussion hielt es William nicht mehr aus. "Entschuldigt mich, aber ich kann nicht mehr geradeaus denken. Ich muß eine Weile hier heraus, jagen oder so etwas." Er erhob sich und griff nach seiner Rüstung. "Vielleicht fällt mir draußen etwas ein. Bis später."

Draußen nahm er einen tiefen Atemzug, dann schwang er sich auf das nächste Dach. Während er ziellos durch die Stadt streifte und mit einem Auge Ausschau nach einem zum Ghoul geeigneten Krieger hielt, versuchte er, sich ein wenig zu beruhigen. Elenas Auftritt vorhin war genau das gewesen, was er im Moment nicht gebrauchen konnte. Er liebte seine Frau, und ihm war bewußt, wie schwer es für sie war, mit einem Kainiten verheiratet zu sein. Tagsüber, wenn sie wach war, schlief er wie tot, und die wenigen Stunden, die sie hätten zusammen verbringen können, mußten in letzter Zeit immer öfter anderen Dingen geopfert werden. Er verstand durchaus, daß sie sich vernachlässigt fühlte, nur hätte er sich gewünscht, sie würde ihm glauben, daß ihm dieser Zustand genausowenig gefiel wie ihr.

Und leider war das nicht das einzige seiner Probleme. Da war die Sache mit Morpheus, und was davon zu halten war, konnte der Ventrue sich beim besten Willen nicht vorstellen. Ihm war klar, daß der Spanier jetzt wohl als Gegner einzustufen war, aber wieso, und was Morpheus wollte, war ihm ein Rätsel. Außerdem hatte er allmählich den Verdacht, daß die ganze Sache größer war, als er und seine Schwestern zunächst angenommen hatten. Morpheus war noch relativ jung, und neu in der Stadt dazu. William konnte nicht glauben, daß er sich in den Besitz eines Grundstücks bringen konnte, um das sich zwei der mächtigsten Kainiten Konstantinopels stritten, ohne daß einer von beiden ihm dabei half.

Toranagas Abwesenheit bedrückte ihn ebenfalls. Nicht nur, daß er seinen besten Freund vermißte, der mit seiner unerschütterlichen Gelassenheit immer ein ruhender Punkt für ihn gewesen war. Mit Toranaga hätte er über die ganzen Schwierigkeiten reden können, und irgendwie hätte danach alles nicht mehr ganz so düster ausgesehen. Vor allem die Ungewißheit, was mit seinem Freund wirklich passiert war, zerrte an Williams Nerven. Einerseits wußte er, daß der Samurai noch existierte, andererseits war da das Häufchen Asche, das in seinem Zimmer lag, immer noch sorgfältig in Madeleines Taschentuch gewickelt.

Etwas erstaunt über sich selbst bemerkte er, wie seine Gedanken plötzlich zu Madeleines neuestem Ghoul abschweiften. Nicht nur, daß der Kerl sich plötzlich vom Priester zum Lord gemausert hatte und auch noch einen höheren Rang hatte als William selbst. Als die Geschwister vorhin zurückgekommen waren, hatte Baskerville, der an der Tür Wache gehalten hatte, seiner Herrin einen so eindeutig verliebten Blick zugeworfen, daß es Williams Laune schon drückte, wenn er nur daran dachte. Im nächsten Moment schalt er sich einen Narren. Natürlich liebt er sie, du Dummkopf, dachte er ärgerlich. Er hat ihr Blut getrunken. Außerdem, was kümmert es dich? Erstens ist er nur ein Ghoul, und zweitens kann es dir doch egal sein, was Madeleine tut, oder? Wütend auf sich selbst beschleunigte er seinen Schritt, bis er über die Dächer rannte und zu sehr damit beschäftigt war, sein Gleichgewicht zu halten, um auf weitere dumme Gedanken zu kommen.

 

Es war bereits kurz vor Sonnenaufgang, als William endlich beschloß, zur Herberge zurückzukehren. Er hatte wieder niemanden gefunden, der es in seinen Augen wert gewesen wäre, zum Ghoul gemacht zu werden, und allmählich mußte er sich eingestehen, daß er einen zweiten James wahrscheinlich auch nicht finden würde. Unzufrieden mit dem Verlauf der Nacht trottete der Ventrue die inzwischen leeren Straßen entlang. Plötzlich bemerkte er eine Bewegung in den Schatten neben sich. Er blieb stehen, und eine Hand flog an sein Schwert. Im nächsten Moment entspannte er sich ein wenig. Aus einem Hauseingang trat eine Gestalt, die er trotz des weiten Umhangs und der hochgeschlagenen Kapuze sofort erkannte. "Guten Morgen", sagte Antonia.

William musterte sie eindringlich, aber offenbar handelte es sich wirklich um Toranagas Ghoul. "Guten Morgen", antwortete er vorsichtig. "Wo bist du gewesen? Und was ist mit Toranaga?"

Sie schüttelte leicht den Kopf. "Das kann ich nicht sagen", erwiderte sie. "Ich habe nicht viel Zeit, deswegen hört mir genau zu. Morgen wird etwas geschehen, und Ihr solltet sehr gut auf die Schwerter meines Herrn achten. Er wird Euch brauchen, Euch und die anderen."

William öffnete den Mund, um weitere Fragen zu stellen, aber Antonia trat bereits einen Schritt zurück. Im nächsten Augenblick löste sie sich vor seinen Augen auf, als wäre sie nie dagewesen. William starrte einen Moment fassungslos auf die Stelle, an der sie gestanden hatte, dann zerbiß er einen Fluch zwischen den Zähnen, warf sich herum und rannte zur Herberge zurück, als sei die Hölle hinter ihm her.

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