Kapitel 1
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Etwas stimmte nicht, das war ihnen klar, sobald sie aufwachten. Sie lagen auf dünnen Matten auf einem Holzfußboden, jeder mit einer einfachen Decke, anstatt in den Betten, in denen sie bei Sonnenaufgang eingeschlafen waren. Der Rest der Umgebung hatte ebenfalls keinerlei Ähnlichkeit mit der Zimmerflucht ihrer Herberge in Konstantinopel. Madeleine verkniff sich die obligatorische Frage, weil William vermutlich auch keine Ahnung hatte, wo sie hier waren. Stattdessen sah sie sich um. Der quadratische Raum, in dem sie sich befanden, war spärlich (oder vielmehr überhaupt nicht) eingerichtet. Helles Tageslicht drang fast ungehindert durch fensterlose Wände aus... Papier? Wenigstens eins war noch wie immer: in einer anderen Ecke des Zimmers lag Irian und schlief tief und fest. Erstaunlich war allerdings, daß William und Madeleine anscheinend zur selben Zeit wach geworden waren; der Ventrue pflegte üblicherweise länger zu schlafen als seine Schwester. Sogar ihre Kleidung hatte sich verändert: anstelle von Hemd und Hose trug William ein einfach geschnittenes seidenes Gewand mit weiten Ärmeln. Als die Lasombra an sich heruntersah, bemerkte sie, daß sie selbst ähnlich gekleidet war. Madeleine warf William einen fragenden Blick zu. Der hob nur die Schultern.

Ein schabendes Geräusch ließ die beiden zur Tür herumfahren. Sie hatte sich gerade geöffnet, und dahinter tauchte ein prächtig gekleideter Japaner auf. Er verneigte sich, ehe er den Raum betrat und die Tür hinter sich schloß. "Toranaga!" rief William, und Madeleine spürte seine Erleichterung in ihrem Blut. "Was um Himmels Willen ist passiert? Du warst eine ganze Woche lang verschwunden."

"Guten Morgen, Geschwister", sagte Toranaga und ließ sich auf einer Matte nieder. "Eine Woche..." Er schien nachdenklich. "Mir kam es länger vor. Ich weiß nicht, wie ich hergekommen bin. Aber das spielt im Moment auch keine Rolle. Wie ihr vielleicht gemerkt habt, ist es tatsächlich Morgen. Hier sind viele Dinge etwas anders."

"Wo ist 'hier'?" fragte Madeleine, obwohl sie fast sicher war, daß sie die Antwort schon kannte.

"In meinem Schwert, wie ihr euch zweifellos schon gedacht habt." Der Samurai seufzte. "Ich habe hier einen alten Feind wiedergetroffen. Seit ich hier bin, bekämpfe ich ihn. Nun hat er sich Unterstützung geholt, gegen die ich nichts ausrichten kann. Ich hielt es für angemessen, mir ebenfalls Verbündete zu rufen. Ihr sollt mit mir gegen ihn kämpfen."

Madeleine lachte humorlos. "Dann hättest du dir besser noch einen Kämpfer gerufen, Bruder. Du weißt, daß solche Dinge nicht gerade meine Stärke sind."

Beide Männer sahen sie erstaunt an. "Bist du noch die, die ich kannte?" fragte Toranaga, der derartige Anfälle von Bescheidenheit bei ihr nicht gewohnt war.

"Nein", murmelte sie so leise, daß die beiden es nicht hörten, zumal William in diesem Moment verärgert hinzufügte: "Mach dich nicht schlechter als du bist. Du hast andere Waffen, das wissen wir alle."

Die Lasombra neigte zustimmend den Kopf. "Die Waffen, die ich habe, stehen zu deiner Verfügung. Das bin ich unserem Blut schuldig."

"Gut." Toranaga schien zufrieden. "Meinen Feind werde ich alleine bekämpfen müssen. Ihr sollt euch um seine Helfer kümmern. Irian wird mein Auge sein und unsere Gegner für uns finden."

Falls unser Langschläfer rechtzeitig aufwacht, dachte William, sagte aber nichts.

"Du, Schwester," fuhr Toranaga fort, "wirst mit deinen Schatten hinter mir sein und mir den Rücken decken. Und du, Geistbruder... du wirst der einzige sein, der hier außer mir ein Schwert führen darf." Er erhob sich. "Genießt den Tag. Die Sonne wird euch dieses eine Mal nichts anhaben können. Wenn sie untergegangen ist, wird der Baumgeist kommen. Dann muß die Entscheidung fallen."

Er verneigte sich noch einmal und verließ den Raum. William wollte etwas sagen, wurde aber von einem herzhaften Gähnen aus der anderen Ecke unterbrochen.

"Guten Abend, ihr beiden. Was ist denn hier los?" erkundigte sich Irian verschlafen.

"Guten Morgen, Irian" sagte William mit seltsamer Betonung. Madeleine achtete nicht mehr auf die beiden, sondern ging langsam zur Tür. Einen Moment zögerte sie noch, dann gab sie sich einen Ruck, öffnete sie und trat nach draußen. Sonnenlicht umflutete sie und ergoß sich wie flüssiges Gold über den seltsamen Garten, der das Haus umgab. Kleine Bäume und vereinzelte Bambusstauden standen zwischen sorgfältig geharkten Kiesflächen. Sauber abgegrenzte Pfade wanden sich dazwischen. Vögel sangen, und da war noch ein Geräusch, das sie nicht sofort einordnen konnte. Meeresrauschen? Wie im Traum folgte sie diesem Geräusch und kam schließlich zu einer Klippe. Unter ihr erstreckte sich das Meer, eine saphirblaue Fläche, die wie ein kostbarer Edelstein im Sonnenlicht glitzerte. Fasziniert starrte sie darauf und bemerkte kaum, wie die beiden anderen ebenfalls herauskamen.

 

Der Tag verging viel zu schnell. Toranaga ließ sich nicht mehr sehen. Die drei Vampire sprachen kaum. Jeder war versunken in Erinnerungen an eine Zeit, als Sonnenlicht noch zu den selbstverständlichsten Dingen der Welt gehört hatte.

William fühlte sich durch den Anblick der Brandung an den Klippen beinahe wieder nach Hause zurückversetzt. Tintagel thronte auf einem steilen Felsen über dem Meer, und selbst an ruhigen Tagen war das Rauschen der Wellen bis nach oben in die Burg zu hören. Auch die kleine Burg, in der er nach seiner Heirat mit Elena gelebt hatte, stand direkt am Meer, und plötzlich wurde ihm bewußt, wie sehr er diesen Anblick vermißt hatte.

Schließlich sank die Sonne über dem Meer herunter und färbte es blutrot. Der Himmel schien in Flammen zu stehen. Madeleine starrte hinaus und verstand plötzlich, warum manche Toreador starben, um einen Anblick wie diesen als letztes mitzunehmen. Sie hatte viele Sonnenuntergänge gesehen, als sie noch gelebt hatte, aber nie einen am Meer. Das Wissen, daß sie so etwas vielleicht nie wieder sehen würde, machte das Erlebnis um so kostbarer. Sicher, der Sinn der langen Reise nach Jerusalem bestand darin, ein Ritual durchzuführen, das sie und ihre Geschwister gegen Sonnenlicht unempfindlich machen würde, aber bis es soweit war, würden noch fast zwei Jahre ins Land gehen. Abgesehen davon war die Sache so riskant, daß Madeleine noch nicht wirklich glauben konnte, daß es funktionieren würde. Nach fast zwölf Jahren als Vampir konnte sie sich einfach nicht mehr vorstellen, irgendwann einmal wieder so unbesorgt ins Tageslicht zu treten, wie das hier offenbar möglich war. Damals, als sie zu dem geworden war, was sie war, hatte sie nicht einmal gewußt, daß sie die Sonne zum letzten Mal untergehen sah. Merkwürdigerweise war das mit der Hauptgrund, weshalb sie den, der sie geschaffen hatte, so sehr haßte. Nicht nur, daß er ein Monster aus ihr gemacht hatte, eine Mörderin und einen Bastard, der nicht einmal den Namen seines Erzeugers kannte. Madeleine mochte sich nicht vorstellen, was aus ihr geworden wäre, hätte ihr Mentor sich nicht ihrer angenommen. Ihr Erzeuger hingegen hatte sie nicht nur wie ein Tier auf Unschuldige losgelassen ohne, daß sie sich dagegen hätte wehren können, er hatte sie auch um den Abschied von ihrem Leben betrogen. Genauso, wie sie sich zwei Jahre zuvor nicht von ihrer Familie hatte verabschieden können... Madeleine gab ich einen Ruck und zwang ihre Gedanken in eine andere Richtung. Das war vorbei und nicht mehr zu ändern. Jetzt gab es wichtigeres zu tun.

Als hätte er ihre Gedanken gespürt (was angesichts des Bandes zwischen ihnen allen gar nicht so abwegig war), erschien Toranaga im Garten. Er trug eine ausgesprochen merkwürdig aussehende Rüstung, die an ihm jedoch vollkommen passend wirkte. Zwei Schwerter steckten in seinem Gürtel. William fiel sofort auf, daß es andere Waffen waren als die, die sein Bruder sonst trug. Außerdem wurde ihm plötzlich klar, daß er selbst immer noch unbewaffnet war. Ehe er den Freund darauf ansprechen konnte, ergriff der das Wort.

"Es wird Zeit, daß wir uns auf den Weg machen. Denkt daran, daß hier nichts so sein muß, wie eure Augen euch das glauben machen wollen. Deshalb brauchen wir dich, Schwester." Er sah Irian an. "Bist du bereit?"

Die Gangrel nickte und schloß die Augen. Langsam begannen ihre Umrisse zu verschwimmen. Wie ein Spiegelbild auf einer bewegten Wasseroberfläche waberten sie, zerfaserten an den Rändern und verdichteten sich zur Mitte. Sie wurde rasch kleiner, Flügel entstanden, und schließlich schwebte da, wo kurz vorher noch eine Frau gestanden hatte, eine Fledermaus in der Luft. Sie stieß einen kaum hörbaren Schrei aus, stieg höher und schoß wie ein Pfeil davon.

Die anderen folgten, am Boden zwar, aber so schnell, daß sie auch zu fliegen schienen. Toranaga hatte recht, dachte Madeleine. Hier sind wirklich manche Dinge anders.

 

Die Fledermaus schien sich zurückzuhalten, um die Gefährten nicht abzuhängen. Zielsicher führte sie sie durch die dunkler werdende Landschaft, bis sie einen Wald erreichten. William und Madeleine sahen sich an. Das war kein Wald, wie man ihn gewohnt war. Nicht einmal ein Gangrel würde sich hier wohlfühlen. Selbst die Bäume wirkten bedrohlich. Alles war düster, das Grün der Pflanzen so dunkel, daß es fast schwarz war. Flechten schienen die Bäume zu ersticken, und schier undurchdringliches Unterholz bedeckte den Boden. Das unheimlichste war die Stille. Es schien hier keine Tiere zu geben, die die üblichen nächtlichen Geräusche verursachten. Der ganze Wald machte den Eindruck einer gigantischen, gefährlichen Kreatur, die auf der Lauer lag um alles zu verschlingen, was sich in ihre Nähe wagte.

Toranaga wandte sich an William. "Du solltest deine Waffe rufen. Ich kann dir dabei nicht helfen, das mußt du selbst tun. Dein Schwert wird nur deinem Ruf folgen."

William nickte, streckte die Hand aus und schloß die Augen. Während er sich konzentrierte, schien langsam etwas in seiner Hand zu entstehen. Allmählich formten sich die Konturen eines Schwertes, aber ehe es vollständig stofflich wurde, begann es wieder durchscheinend zu werden und zu verschwinden. Der Ventrue rührte keinen Muskel, schien aber einen heftigen Kampf auszufechten. Winzige Blutstropfen erschienen wie Schweißperlen auf seiner Stirn. Madeleine und Toranaga standen neben ihm und beobachteten ihn besorgt. Irian hing in ihrer Fledermausgestalt an einem Zweig.

Plötzlich sah Madeleine eine Bewegung schräg über William, Sekundenbruchteile, ehe der Geist sich aus den Ästen herab auf ihn stürzte. Ohne nachzudenken griff sie nach ihren Schatten und warf sich zwischen den Ventrue und seinen Angreifer. Im selben Moment wußte sie, daß ihr nicht genug Zeit blieb, um die Schatten zu einer wirklichen Barriere gegen das zu machen, was da angeflogen kam. Dann traf sie der Geist. Er durchschlug mühelos den dünnen Schatten, den sie um sich gezogen hatte. Ein sengender Schmerz explodierte tief in ihr, schlimmer als Feuer. Mit einem Schrei stürzte sie zu Boden.

Der Moment hatte ausgereicht, um William seinen Kampf mit dem Schwert beenden zu lassen. Die Waffe in der Hand, wirbelte er herum und ließ die Klinge auf das formlose weiße Geschöpf niedersausen, das sich gerade von Madeleine löste und mit irrsinniger Geschwindigkeit zurück zwischen die Bäume schoß. Er traf nicht, aber der Geist war verschwunden. Madeleine rappelte sich auf, scheinbar unverletzt.

"Das war leichtsinnig. Danke", bemerkte er, als er ihr die Hand hinhielt, um ihr hochzuhelfen.

"Das war es", stimmte sie zu, ergriff die ausgestreckte Hand und zog sich hoch. "Wartet einen Moment, ich würde gerne Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Noch einmal möchte ich das nicht erleben. Es war unangenehm." Sie untertrieb deutlich, das war ihren Geschwistern durchaus klar. Ihr Blut verband die vier eng genug, um die anderen deutlich spüren zu lassen, daß sie Schmerzen hatte. Mit vitae würde sich das heilen lassen, aber dafür war jetzt keine Zeit. Während die anderen schützend um sie herumstanden, hob sie die Arme und konzentrierte sich auf die Schatten, die sie überall umgaben. Sie spürte sie, als wären es lebende Wesen, die sie suchte und zu sich rief - und die Schatten gehorchten. Zwischen den Bäumen und dem Unterholz sammelten sich tiefschwarze Fäden, flossen auf sie zu und verdichteten sich um sie herum. Die zierliche Lasombra schien plötzlich größer zu werden, und gefährlicher. Die Dunkelheit waberte um sie herum und umgab sie wie schwarze Flammen. Unwillkürlich wichen die anderen ein wenig vor ihr zurück. Und dann hörte sie ein Wispern direkt in ihren Gedanken. Zum ersten Mal sprachen die Schatten zu ihr. Gebieterin, hörte sie ihre Stimmen. Was befiehlst du?

Schützt mich, dachte sie zurück und begann, aus der Dunkelheit eine Rüstung um sich herum zu formen. Das Schattengespinst war fein wie Seide und gleichzeitig härter als Stahl, als sie es zu einer schützenden Hülle wob. Dann hob sie den Kopf und sah ihre Gefährten an. "Gehen wir", sagte sie.

 

Wie Irian den Weg fand, war ihnen schleierhaft. Die Gangrel in ihrer Fledermausgestalt schien genau zu wissen, welche Richtung die richtige war. Im Zickzack schoß sie zwischen den Bäumen hindurch, während ihr die anderen folgten. Wo es am Boden kein Durchkommen gab, suchten sie sich ihren Weg durch die Äste. Toranaga schien von einer Entschlossenheit durchdrungen, die keinen Platz für etwas anderes ließ, und überließ es William und Madeleine, die Umgebung im Blick zu behalten. Sie sahen noch öfter die bekannten weißen Gebilde zwischen den Bäumen, wurden aber nicht mehr angegriffen. Schließlich, Stunden nachdem sie den Wald betreten hatten, erreichten sie eine Lichtung und sahen den Baum.

Er war riesig, zwei Dutzend Männer hätten seinen Stamm nicht mit den Armen umspannen können. Und er war bösartig. Es ging eine spürbare Bedrohung von ihm aus, Haß, Wut und der unbändige Wunsch, alles in seiner Nähe zu vernichten. Die drei Vampire hatten kaum die Lichtung betreten, da begannen sich die riesigen Äste wie Klauenhände zu bewegen. Wurzeln brachen aus dem Boden und zuckten wie Tentakel in Toranagas Richtung. Der Samurai zog seine Schwerter.

Und dann kamen die Geister. Ein knappes Dutzend nebelgleicher weißer Schemen stürzte sich aus den umstehenden Bäumen aus zwei Richtungen auf die Gefährten. William packte sein Schwert fester und glitt in einer unglaublich raschen Bewegung zur Seite, um sich zwischen die Geister und Toranaga zu bringen. Madeleine breitete die Arme aus und befahl ihren Schatten, einen Schutzschild zu bilden. Irian war nirgends mehr zu sehen, aber dann waren die Geister heran und Madeleine und William hatten keine Zeit mehr, sich nach ihrer Schwester umzusehen.

Williams Schwert schien ein eigenes Leben zu führen. Die Klinge zuckte zu schnell, als daß das Auge ihr hätte folgen können. Fünf Geister drängten sich um ihn und versuchten, an ihm vorbei zu Toranaga zu gelangen. Zweimal wäre es ihnen fast gelungen, aber der Ventrue schaffte es im letzten Moment, sie zu blockieren und dabei mit katzenhafter Gewandtheit den Angriffen der restlichen zu entgehen. Aber es war knapp, sehr knapp. William war klar, daß er sich keinen einzigen Fehler leisten durfte, wenn er ihnen auf Dauer entgehen wollte. An einen Angriff war im Moment überhaupt nicht zu denken, er war vollauf damit beschäftigt, die Kreaturen sich und seinem Bruder vom Leib zu halten.

Madeleine stand hinter Toranagas Rücken und sah die Geister kommen. Ihre Schatten waren überall um sie herum und sie fühlte ihren Eifer, ihre Herrin zu beschützen. So eng war die Verbindung noch nie gewesen. Die Schatten waren viel stärker als sonst, und sie hatte auch nie zuvor ihre Stimmen hören können. Sie würde darüber noch einmal in Ruhe nachdenken müssen - wenn sie das hier überlebte. Im nächsten Moment spürte sie, wie der erste Geist in ihre Rüstung einschlug. Es gab einen leichten Ruck, aber sonst passierte nichts. Viel stärker, in der Tat. Auch die anderen vier, die sich auf sie stürzten, hatten nicht mehr Erfolg. Sie rannten gegen ihren Schutzschild an, dann zogen sie sich wie auf einen unhörbaren Befehl ein Stück zurück und sammelten sich für den nächsten Angriff.

Alles geschah völlig lautlos. Ganz im Gegensatz zu Toranagas Kampf. Mit einem widerwärtigen Knirschen schob sich ein Wurzelstrang direkt vor dem Samurai aus dem Boden und griff ihn mit einem blitzschnellen Peitschenschlag an. Toranagas Katana zuckte nach vorn und traf. Es gab ein ungesundes knackendes Geräusch, als die Klinge ein Stück der Wurzel heraustrennte. Eine zähe rötliche Flüssigkeit quoll aus der Wunde. Die Wurzel zuckte zurück, ehe sie zornig wie eine verwundete Schlange erneut angriff. Die Äste des gigantischen Baumes rauschten wie zuschlagende Knüppel durch die Luft, waren aber zu weit entfernt, um Toranaga ernsthaft zu gefährden. Der Baum schien das auch zu wissen und schob zwei weitere Wurzelstränge aus dem Boden. Toranaga wich ihnen mühelos aus und ließ in der selben fließenden Bewegung seine Klinge erneut auf den angeschlagenen Tentakel herabsausen. Diesmal drang der Stahl ohne spürbaren Widerstand hindurch und trennte die Wurzel glatt ab.

Der Baum schrie. Selbst durch ihre Schatten hindurch, die jeden Laut dämpften, hörte Madeleine das entsetzliche Geräusch so laut, daß sie am liebsten die Hände über die Ohren geschlagen hätte. Mit Mühe beherrschte sie sich und konzentrierte sich auf die Geister, die sich über ihr für den nächsten Angriff sammelten.

William hatte weniger Glück. Seine Angreifer stürzten sich genau in dem Moment erneut auf ihn, als der Baum seinen Schrei ausstieß. Für einen winzigen Moment strauchelte er - und das war alles, was die Geister brauchten. Blitzschnell waren sie um ihn herum, über ihm, überall, und wanden sich um ihn. Im nächsten Augenblick war er vollkommen in einen Kokon wie aus Spinnenseide eingewickelt, der ihn blind machte und seinen Schwertarm nutzlos an seine Seite fesselte.

Aus den Augenwinkeln heraus sah Madeleine ihren Bruder unter den Geistergeschöpfen verschwinden. Ehe sie auch nur daran denken konnte, ihm zu Hilfe zu kommen, waren ihre Gegner wieder heran. Der kurze Augenblick der Ablenkung hätte beinahe fatale Folgen gehabt. Der erste Geist traf ihre Schattenrüstung, ehe sie sich völlig auf den Angriff vorbereitet hatte. Mit viel Mühe fing sie ihn gerade noch ab, aber dann stürzten sich die restlichen vier gleichzeitig auf sie. Ihre Schatten verdichteten sich und schützten sie, aber eine der Kreaturen kam durch. Der Schmerz war so heftig wie beim ersten Treffer, obwohl auch diesmal wieder keine Wunde zu sehen war. Plötzlich wurde Madeleine klar, daß die Geisterwesen nicht ihren Körper angriffen - sie war sich nicht einmal ganz sicher, ob sie in dieser verrückten Welt überhaupt einen hatte, oder ob ihre fleischliche Hülle nicht noch friedlich schlafend in Konstantinopel in der Herberge lag. Nein, die Verletzungen, die diese Wesen verursachten, trafen die Seele. Und wenn sie oft genug damit durchkamen, würde Madeleine einfach zu Staub zerfallen. Kein Blut würde sie dann noch heilen können. Madeleine biß die Zähne zusammen und griff erneut nach ihren Schatten.

Toranaga spürte die Wut und den blinden Haß des Baumgeistes, als er gewandt wie ein Tänzer zwischen den beiden nach ihm schlagenden Wurzeln hindurchglitt. Sein Ziel war der Stamm, und er erreichte ihn, ehe die Wurzeln oder die immer noch laut zischend herumwirbelnden Äste ihn treffen konnten. Seine Klinge beschrieb einen silbrigen Halbkreis durch die Luft und versank tief im Stamm des Riesenbaumes, viel tiefer, als es eigentlich hätte möglich sein dürfen. Es gab ein ohrenbetäubendes Krachen, als das Katana das Holz spaltete, und wieder schrie der Baum.

Diesmal war Madeleine darauf gefaßt, so daß der unmenschliche Laut ihr nichts anhaben konnte. Sie warf einen kurzen Blick zu William, der immer noch von den Geistern eingehüllt wurde. Er hatte seinen Schwertarm ein wenig befreien können, aber es reichte noch nicht, um seine Angreifer wieder auf Distanz bringen zu können. Immerhin schienen sich die Geister völlig auf ihn zu konzentrieren, anstatt seine momentane Hilflosigkeit zu einem gemeinsamen Sturm auf Toranaga zu nutzen.

Der Samurai ignorierte die Hilfstruppen seines Gegners völlig. Er verließ sich darauf, daß seine Geschwister ihm die Geisterwesen vom Leib hielten, und konzentrierte sich voll auf den Baum. Sein letzter Schlag hatte einen tiefen Riß in den Stamm getrieben, und aus diesem quoll nun eine Nebelwolke hervor, die sich mit atemberaubender Geschwindigkeit zu einer menschlichen Gestalt verdichtete. Zur Gestalt eines Kriegers mit zwei Schwertern, der sich mit einem wilden, haßerfüllten Schrei auf Toranaga stürzte.

William war wütend. Sehr wütend sogar. Hilflos wie ein Kleinkind mußte er sich von diesen Wesen einwickeln lassen, die bisher allen Befreiungsversuchen widerstanden. Kaum hatte er sich an einer Stelle ein wenig Luft verschafft, wanden sie sich an einer anderen nur um so fester um ihn. Das schlimmste war, daß er nichts sehen konnte und nicht einmal mitbekam, ob nicht einige der Geister inzwischen über Toranaga herfielen. Ebensowenig konnte er erkennen, wie Madeleine sich schlug. Die Lasombra hatte mit ihren Schatten eine mächtige Abwehrmöglichkeit, aber sie würde die Geister nicht angreifen können. Nicht, daß sein eigenes Schwert ihm bisher viel genutzt hätte. Durch das Gespinst, das seinen Kopf einhüllte, drang der zweite Schrei des Baumgeistes. Gut, zumindest Toranaga schien also noch Herr der Lage zu sein. William sammelte alle Kraft, die sein Blut ihm geben konnte, spannte die Muskeln an und versuchte erneut, aus seinem Kokon auszubrechen.

Es kostete Madeleine einiges an Anstrengung, das plötzliche Klirren von Stahl auf Stahl hinter sich zu ignorieren. Zum dritten Mal schickten sich die Geister an, gegen ihre Barriere anzurennen. Madeleine war fest entschlossen, sie diesmal auf keinen Fall durchkommen zu lassen. William konnte sie jetzt nicht helfen; das einzige, was sie tun konnte war, Toranaga diese Geschöpfe vom Hals zu halten, damit er seinen Gegner möglichst schnell erledigen konnte. Dann würden sie sich gemeinsam um den Ventrue kümmern können. Sie konnte nur hoffen, daß er so lange durchhielt. Als die Geister auf sie zuschossen, streckte sie ihre Gedanken nach ihren Schatten aus, formte sie neu, verstärkte den Schild an den Stellen, wo die Angreifer ankommen würden, und benutzte ihren Willen, um den Schleier undurchdringlich zu machen. Und es funktionierte. Diesmal war ihre Verbindung zu ihren schattenhaften Dienern so perfekt, daß sie selbst die Barriere war. Sie spürte das Auftreffen der Geister, aber nicht als Verletzung wie vorher, sondern lediglich als etwas lästigen Stoß. Auf ihre Angreifer hingegen hatte die Verstärkung des Schildes einen deutlicheren Effekt. Zwei von ihnen prallten so heftig gegen die Wand aus Schatten, daß sie ein Stück zurückgeworfen wurden und wie betäubt bewegungslos in der Luft hängenblieben. Zwei weitere schwebten nach dem Aufprall nach oben weg, und der letzte versank spurlos im Boden, wo er sich anscheinend auflöste. Madeleine genoß noch für einen vollkommenen Augenblick die Umarmung der Schatten und die Einheit mit ihnen, ehe sie es riskierte, sich nach Toranaga umzusehen.

Vier Schwerter wirbelten durch die Luft, viel schneller, als das Auge ihnen folgen konnte. Dies war ein Duell zwischen zwei Meistern, eher einem Tanz ähnlich als einem Kampf auf Leben und Tod. Und doch gab es keinen Zweifel, daß es genau das war - eine tödliche Auseinandersetzung, an deren Ende nur einer der beiden Gegner den Kampfplatz verlassen würde. Es war nicht der erste Kampf zwischen den beiden; seit Toranaga in sein Schwert verbannt worden war, hatten sie sich fast pausenlos duelliert. Aber diesmal würde es eine Entscheidung geben. Und sie fiel schneller als erwartet. Toranaga sah die Öffnung in der Deckung seines Gegners einen Sekundenbruchteil, ehe dieser selbst sie bemerkte und sie schließen konnte. Seine Klinge fand diese Öffnung und stieß zu. Und dann war es vorbei.

Die Geister gaben ihn so plötzlich frei, daß William fast das Gleichgewicht verlor. Mit einem eleganten Schritt zur Seite gewann er seine Balance wieder, brachte sein Schwert nach oben und wirbelte in einer fließenden Bewegung herum, um sich wieder in Angriffsposition zu bringen. Dann sah er, daß es nichts mehr anzugreifen gab. Die Geister, die ihn eingehüllt hatten, stoben zwischen den Bäumen davon. Von den fünfen, die Madeleine angegriffen hatten, waren nur noch zwei zu sehen, die sich ebenfalls entfernten. Die Lasombra stand mit geschlossenen Augen und ausgebreiteten Armen völlig bewegungslos zwischen ihren Schatten, die sie wie düstere Nebelschwaden umflossen. Für einen Moment hatte William Schwierigkeiten zu erkennen, wo die Schatten aufhörten und seine Schwester begann, so sehr schienen sie eins zu sein. Dann bewegte sie sich, und die Illusion verflog.

Toranaga stand gelassen und offenbar unverletzt neben dem gespaltenen Baumstamm und blickte die beiden an. Plötzlich stand auch Irian wieder in ihrer menschlichen Gestalt neben ihnen. Toranaga nickte ihnen zu. "Es ist vorbei", sagte er ruhig.

Mit einem Mal standen sie wieder in dem Raum, in dem sie aufgewacht waren. Nichts deutete mehr darauf hin, daß sie gerade einen heftigen Kampf überstanden hatten. Nichts außer dem stechenden Schmerz, den Madeleine immer noch tief im Innern spürte und der sich nicht so einfach ignorieren ließ. Toranaga sagte noch irgendetwas, aber sie hörte es kaum noch. Ich will zurück, dachte sie - und erwachte.

"Ich danke euch für eure Hilfe", sagte Toranaga. "Gegen die Geister hätte ich nichts unternehmen können. Deswegen habe ich euch gerufen - hier seid ihr selbst Geister, deshalb konntet ihr sie bekämpfen."

In diesem Moment verschwand Madeleine. William blickte ungläubig auf die Stelle, wo sie eben noch gestanden hatte. Sie war einfach durchsichtig geworden und hatte sich aufgelöst.

"Keine Angst", beruhigte Toranaga ihn, "sie ist dahin zurückgekehrt, von wo ich euch geholt habe. Und ihr beide solltet das ebenfalls tun. Hier wird bald die Sonne wieder aufgehen, und diesmal werdet ihr nicht vor ihr sicher sein."

William nickte. "Sehen wir uns wieder, Bruder?"

Toranaga gestattete sich ein kurzes Lächeln. "Mit Sicherheit."

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