Kapitel 2
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Madeleine erwachte, und der Hunger war übermächtig. Der Kampf im Wald hatte sie mehr mitgenommen, als sie gedacht hatte. Einen winzigen Moment hatte sie geglaubt, sie hätte alles nur geträumt. Aber da war der Hunger, der ihr das Gegenteil bewies. Der Hunger, und der Schmerz tief in ihrem Innern, wo die Geister sie verwundet hatten.

Sie roch Blut... da war ein Sterblicher in ihrem Zimmer, und ein Sterblicher bedeutete Nahrung. Sie war schon halb aus dem Bett, als ihr zu Bewußtsein kam, wer da vor ihr stand: Lord William von Baskerville. William, von dem sie nicht wieder hatte trinken wollen, weil ihr allmählich klar wurde, daß er etwas Besonderes war, nicht einfach ein Gefäß für vitae wie die anderen Sterblichen. Ein letzter Rest Selbstbeherrschung ließ sie bei seinem Anblick innehalten, anstatt über ihn herzufallen.

"William - verschwinde. Sofort", stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. William schien am Klang ihrer Stimme zu merken, daß etwas nicht stimmte. Er stellte keine Fragen, sondern verließ fluchtartig ihr Zimmer. Gut. Aber jetzt wurde es höchste Zeit.

"Francesca! Ich brauche etwas zu trinken, und zwar schnell."

Francesca gehorchte prompt wie immer. Kaum, daß der Befehl gekommen war, scheuchte sie schon drei Gefäße in den Raum und beobachtete etwas erstaunt, wie ihre Herrin ohne die übliche Zurückhaltung über sie herfiel. Sie warf einen Blick zu Baskerville, der mit leicht besorgtem Gesichtsausdruck in der Tür stand und offenbar nicht verstand, was diese Veränderung in Madeleine ausgelöst hatte. Fast tat er Francesca leid. Madeleines Blut schien bei ihm besonders gut gewirkt zu haben. Es war offensichtlich, daß er bis über beide Ohren in sie verliebt war, und dabei gelegentlich vergaß, daß sie kein Mensch mehr war. Er war eben noch zu neu dabei, aber er würde es lernen. Nach mehr als einem Jahr als Madeleine de Neuvilles Bedienstete glaubte Francesca, daß es nicht mehr allzuviel gab, was sie noch überraschen konnte. Das Benehmen, das die normalerweise so kühle und beherrschte Lasombra im Augenblick an den Tag legte, war allerdings eher ungewöhnlich. Francesca entschied, daß es nicht gut war, wenn William sie in diesem Zustand sah, und trieb ihn mit einer knappen Kopfbewegung aus dem Zimmer. Er verzog sich und schloß die Tür hinter sich.

Francesca wandte sich wieder ihrer Herrin zu, die inzwischen von dem dritten der Sterblichen trank. Sie stellte mit einer gewissen Erleichterung fest, daß die ersten beiden noch am Leben waren und es auch bleiben würden. Lediglich die Frau, von der Madeleine als erstes getrunken hatte, sah etwas blaß und erschöpft aus, aber nach ein oder zwei Tagen Ruhe würde sie wieder in Ordnung sein. Madeleine mochte ein Vampir sein, aber Francesca kannte sie gut genug, um zu wissen, daß es sie sehr mitgenommen hätte, wenn sie einem ihrer Opfer ernsthaft geschadet oder es gar umgebracht hätte. Verglichen mit den meisten anderen ihrer Art waren die Lasombra und ihre Geschwister ausgesprochen menschlich.

Madeleine ließ von ihrem dritten Opfer ab und lehnte sich einen Moment mit geschlossenen Augen zurück. Sie fühlte ihre Selbstkontrolle zurückkehren. Später würde sie noch ihre Wunden heilen, aber das konnte noch einen Moment warten. Zuerst war da noch etwas anderes. Sie sah Francesca an und seufzte.

"Danke. Du kannst William ausrichten, daß er wieder hereinkommen kann. Es ist jetzt ungefährlich. Oder wenigstens nicht gefährlicher als gewöhnlich."

Francesca deutete einen Knicks an und verließ mit den drei Sterblichen das Zimmer. Augenblicke später kam Baskerville zurück. Eins mußte man ihm zugestehen, dachte Madeleine. Er schien keine Angst vor ihr zu haben. Obwohl sie fast sicher war, daß er recht schnell gemerkt hatte, was sie war, hatte er nie zu erkennen gegeben, daß er sie für ein Monster hielt. Er hatte sie von Anfang an wie einen Menschen behandelt, was die Lasombra nicht wirklich gewohnt war. Entweder war er weniger klug, als sie gedacht hatte, oder er hatte sich hervorragend in der Gewalt. Sie zog es vor, letzteres anzunehmen. Aus alter Gewohnheit holte sie noch einmal tief Luft, ehe sie sich ihm zuwandte.

In diesem Moment krachte es draußen ohrenbetäubend. William, schoß es ihr durch den Kopf, und diesmal dachte sie nicht an Lord Baskerville, der neben ihr stand, sondern an ihren Ventrue-Bruder. Durch das Blut, das sie getauscht hatten, gab es eine Verbindung zwischen ihr und ihren Geschwistern, und was sie im Moment über diese Verbindung spürte, war mehr als beunruhigend. William war offenbar gerade aus der Geisterwelt zurückgekehrt, und sein Hunger war noch stärker als ihrer gewesen war. Der Hunger hatte ihn voll im Griff, das war deutlich. Während ihr all dies noch klar wurde, griff sie bereits nach der Macht ihrer vitae und sprintete los, so schnell, daß Baskerville sie nur noch als huschenden Schemen sah.

William hatte den Tag in einem kleinen leergeräumten Zimmer verbracht, nur mit Toranagas Schwert dabei. Nach der Begegnung mit Antonia am Vorabend und ihren kryptischen Andeutungen, daß etwas passieren würde, hatten sie mit Ärger gerechnet, und der Ventrue hatte sich vorsichtshalber einsperren lassen. Daß ein verschlossenes Zimmer im Ernstfall keine richtige Barriere für ihn sein würde, war ihnen zwar klargewesen. Trotzdem war Madeleine nicht auf den Anblick vorbereitet, der sich ihr bot. Die Wand, die den Raum einmal vom Korridor abgetrennt hatte, war eine massive, gemauerte Steinwand gewesen. Jetzt klaffte ein Loch darin. William war offenbar unter der Kontrolle seines Tiers durch die Mauer hindurchgebrochen. Madeleine spürte, daß er sich den Flur hinunterbewegte. Zur Treppe, wahrscheinlich auf dem Weg in die Gaststube, die um diese Uhrzeit gut gefüllt sein würde. Und dort würde er ein Blutbad unter den anwesenden Sterblichen anrichten, bis sein Hunger gestillt war. Dann würde er zwischen den Leichen wieder zu sich kommen und langsam begreifen, was er getan hatte. So wie sie damals...

"Nein", flüsterte sie, und rannte ihm nach, ihren verblüfften Ghoul hinter sich lassend. Sie holte ihren Bruder kurz vor der Treppe ein und legte die ganze Kraft ihres Willens in einen Befehl.

"William! Halt!"

Sie fühlte, wie etwas in ihm sich gegen sie wehrte, während ein anderer Teil ihr gehorchen wollte. Für einen Moment hielt er an. Sie überholte ihn, stellte sich ihm in den Weg und sah ihm in die Augen.

"Du willst das nicht tun, Bruder. Beherrsche das Tier. Du willst niemanden töten."

Es reichte nicht, das merkte sie sofort. Für einen winzigen Augenblick hatte sie ihn in ihrem Bann, aber dann spürte sie, wie er ihrer Kontrolle entglitt. Jeden Moment würde er sie überrennen, und dann würde ihn nichts aufhalten können. Mit reiner Körperkraft konnte sie ihn nicht stoppen, er war deutlich stärker als sie. Madeleine blieb keine Zeit mehr. Sie tat das einzige, was sie tun konnte: sie öffnete eine Ader in ihrem Arm. "Verzeih mir", flüsterte sie, und hielt ihm die blutende Wunde hin. "Trink", befahl sie, und er trank, ohne zu zögern.

Das Gefühl war unbeschreiblich. Sie hatte natürlich schon oft genug Sterblichen von ihrem Blut gegeben, aber dies war das erste Mal, daß ein anderer Vampir von ihr trank. Ein Teil von ihr fragte sich, ob es für die Sterblichen, deren Blut sie nahm, ähnlich war. Wenn ja, war es kein Wunder, daß die meisten sich nach dem ersten Schluck nicht mehr wehrten. Sie fühlte seine Zähne in ihrem Arm, aber der Schmerz war kaum spürbar unter dem unglaublichen Hochgefühl, das sie durchströmte. Sie schloß die Augen und hätte sich beinahe in diesem Gefühl verloren, ehe ein letzter Rest von Vernunft sie wieder zu sich brachte. Sie riß sich zusammen, ehe er soviel getrunken hatte, daß er sie zu sehr schwächte.

"Genug", sagte sie leise, und er ließ sofort von ihr ab. Er sah sie an, mit einem Blick, den sie nur zu gut kannte. Ihr Blut hatte seine Wirkung getan, in mehr als einer Hinsicht. Bedauern erfüllte sie, aber sie schwieg. Es gab nichts, was sie hätte sagen können. Ein langer Moment verstrich, während sie sich schweigend ansahen. Dann legte sie einen Arm um ihn.

"Komm", sagte sie ruhig. "Laß uns zurückgehen."

Er folgte ihr sanft wie ein Lamm zurück zu ihrem Quartier. James stand immer noch auf seinem Wachposten an der Tür, mit Mog und Baskerville dahinter. Alle drei schauten etwas fassungslos auf das Loch in der benachbarten Wand. Madeleine übergab ihren Bruder der Obhut seines Ghouls und schaute sich nach Francesca und Caterina um. Die beiden waren in der Nähe und kamen auf einen auffordernden Wink ihrer Herrin heran. Ohne sich die Mühe zu machen, eine etwas privatere Umgebung aufzusuchen, trank sie und holte sich zurück, was sie William gegeben hatte. Die Anstrengungen der letzten Stunden forderten ihren Tribut, das merkte sie deutlich. Sie hoffte nur, daß sonst niemand mitbekam, wie miserabel sie sich gerade fühlte. Nur keine Schwäche zeigen, dachte sie, als sich ihre Wunden, um die sie sich immer noch nicht hatte kümmern können, erneut schmerzhaft bemerkbar machten. Zum Glück hatte sie keine sichtbaren Verletzungen, aber trotzdem wurde es allmählich Zeit, daß sie sich der Sache annahm.

Ein Blick überzeugte sie, daß der Ventrue sich gerade mit einigen Gefäßen in sein Zimmer zurückzog. Ihre Augen suchten Lord Baskerville. Der schaute leicht fragend zurück. Mit einem kaum merklichen Kopfnicken wandte sie sich ab und ging zu ihrem Zimmer. Er verstand, kam an ihre Seite und bot ihr seinen Arm, den sie dankbar annahm.

Sie schaffte es, Haltung zu bewahren, bis sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. Dann lehnte sie sich schwer an Baskervilles Schulter und atmete einmal tief durch. Es erstaunte sie immer wieder, wie sehr menschliche Gewohnheiten in solchen Momenten ihre Nerven beruhigten.

Ihr Ghoul musterte sie besorgt. "Mylady, was ist mit Euch? Ihr scheint Schmerzen zu haben?"

Sie nickte. "Du hast natürlich nicht mitbekommen, was heute tagsüber passiert ist." In knappen Worten erzählte sie, wie sie mit ihren Geschwistern in Toranagas Schwert aufgewacht war, ohne dabei jedoch den Sonnenuntergang zu erwähnen - das war etwas, worüber sie im Moment noch nicht sprechen konnte. Sie berichtete von dem Kampf mit den Geistern, und wie diese sie verletzt hatten. Williams Besorgnis wuchs.

"Geister, hm... ich habe im Laufe meiner Studien viel über solche Wesen gelesen... das klingt wirklich nicht gut. Und da Ihr kein Mensch seid, wäre es in Eurem Fall auch sicher nicht ratsam, zu versuchen, sie zu exorzieren..."

Sie unterbrach ihn. "Die Geister haben mich verwundet, nicht besessen. Es gibt da nichts auszutreiben. Nur zu heilen." Sie hielt einen Moment inne, ehe sie weitersprach. "William, wenn ein Geist uns verletzt, verletzt er die Seele. Deswegen siehst du auch keine Wunden. Trotzdem sind sie da, und ich muß mich bald darum kümmern."

Er wurde tatsächlich ein wenig bleich, fing sich aber sofort wieder. "Eure Seele, Mylady? Ich habe das Gewand eines Priesters abgelegt, aber trotzdem gibt es in... dem Buch Stellen, die Euch hier vielleicht helfen könnten..."

Sie schüttelte den Kopf. "Ich bevorzuge die althergebrachte Methode, vielen Dank. Ich werde mich selbst heilen."

Er sah sie zweifelnd an. "Ihr wollt Eure eigene Seele heilen?"

Sie lächelte humorlos. "Unser Blut ist sehr mächtig, wie du aus eigener Erfahrung weißt, und es kann mehr, als nur Sterbliche versklaven oder Monster aus uns machen. Es kann auch Wunden heilen, sogar solche wie diese. Aber das braucht Zeit und Ruhe." Sie sah ihm gerade in die Augen. "Ich denke, deine Anwesenheit wird mir die nötige Ruhe geben."

Er neigte leicht den Kopf. "Es ist mir eine Ehre, Mylady." Vorsichtig legte er einen Arm um ihre Schultern und hielt sie fest, während sie die Augen schloß und sich auf die Macht ihrer vitae konzentrierte. Sie drängte ihre Umgebung zurück und spürte dem Schmerz nach, der wie ein viel zu hell loderndes Feuer im Innersten ihres Wesens brannte. Dorthin befahl sie die Kraft, um die Flammen mit ihrem Blut zu löschen. Langsam, ganz langsam ließ das Brennen nach und wurde schließlich zu einem düsteren Glimmen irgendwo im Hintergrund, das zwar unangenehm war, das sie aber für den Moment ignorieren konnte. Mehr würde sie heute nicht schaffen, das wußte sie. Der Rest würde bis morgen warten müssen.

Sie öffnete die Augen und merkte, daß sie hungrig war. Der Heilprozeß hatte seinen Preis gefordert, aber das war ihr vorher klar gewesen und sie konnte sich zurückhalten, obwohl sie sich Williams Gegenwart und der Wärme seines Blutes überdeutlich bewußt war.

Er ließ sie los, trat einen Schritt zurück und sah sie prüfend an. "Fühlt Ihr Euch besser?"

Sie nickte. "Noch nicht wirklich gut, aber viel besser als vorher. Morgen werde ich ganz wiederhergestellt sein. Wie ich schon sagte, solche Wunden zu heilen braucht Zeit - und viel vitae."

Sie haßte das plötzliche Aufflackern von Hoffnung in seinen Augen. Gestern hatte er sie gebeten, von seinem Blut zu nehmen, und sie hatte sich geweigert. Er war enttäuscht gewesen, hatte aber natürlich nicht weiter darauf bestanden. Dafür hatte er viel zu gute Manieren. Und jetzt glaubte er offenbar, daß sie ihre Meinung geändert hätte.

"Mylady..."

"Nein", schnitt sie ihm das Wort ab, schärfer als beabsichtigt. Sanfter fügte sie hinzu: "Ich möchte nicht mehr von dir trinken."

"Habe ich Euer Mißfallen erregt?" fragte er leise. Sie schüttelte stumm den Kopf. Wenn sie ehrlich war, überraschte es sie nicht allzusehr, daß er den Grund für ihre Weigerung nicht verstand. Schließlich hatte sie selbst noch Schwierigkeiten, sich einzugestehen, was wirklich mit ihr los war. Sie schaute ihn an und überlegte, wie sie ihm erklären sollte, was sie nicht wirklich begriff: daß die, von denen sie trank, ihr wenig oder gar nichts bedeuteten und daß er irgendwie anders war...

In diesem Moment schien irgendetwas zwischen ihnen zu passieren, ohne daß sie hinterher genau hätte sagen können, was es gewesen war oder wodurch es ausgelöst wurde. Er ging vor ihr auf ein Knie nieder, ergriff ihre Hand und küßte ihre Fingerspitzen.

"Mylady, darf ich es wagen..." Er verstummte und sah sie an, scheinbar eine Ewigkeit lang. Madeleine stand wie erstarrt, während sie seinen Blick erwiderte und nicht wußte, was sie sagen sollte. Schließlich erhob er sich und kam langsam näher, sehr langsam, so als wollte er ihr Gelegenheit geben, sich abzuwenden, falls sie das wünschte. Eine kleine Stimme in ihrem Kopf beschwor sie, genau das zu tun. Ihr war vollkommen bewußt, daß das, was da gerade geschah, einzig eine Wirkung ihres Blutes war, daß sie ihm, wäre er nicht ihr Ghoul, vermutlich keinen zweiten Blick wert gewesen wäre, und daß dies alles nur eine Farce war. Aber die Stimme verstummte, als sie in seine Arme glitt und seinen Kuß wie ein Geschenk annahm.

 

Sir William von Tintagel fühlte sich inzwischen deutlich besser. Das lag zu einem nicht unwesentlichen Teil an der Aufmerksamkeit, mit der seine Herde sich um ihn kümmerte. Die Mädchen waren geradezu rührend um ihn besorgt und überaus entgegenkommend, wenn es darum ging, seinen Hunger zu stillen. Für einen kleinen Moment hatte er sogar die Wut vergessen, die ihn mit einem Mal überfallen hatte, als er mit ansehen mußte, wie dieser... dieser Emporkömmling von einem Ghoul mit seiner Madeleine in ihrem Zimmer verschwand... nein. Ärgerlich über sich selbst schüttelte er den Kopf. Sie war nicht "seine" Madeleine, das war nur eine Einbildung, die ihrem Blut entsprang, von dem er getrunken hatte. Seinem Verstand zumindest war das auch völlig klar. Madeleine hätte ihm für so einen Gedanken vermutlich gründlich den Kopf gewaschen, ganz zu schweigen von Elena... William seufzte. Elena. Der Gedanke an seine Frau war im Moment nicht gerade dazu angetan, seine Stimmung zu heben. Sie war in den letzten Tagen wieder einmal so schwierig geworden. Wenn sie sich vernachlässigt fühlte, konnte sie wirklich unausstehlich sein.

Ein knackendes Geräusch hinter ihm schreckte ihn aus seinen immer unerfreulicher werdenden Überlegungen. Er drehte sich um, und dort auf dem Tisch, mitten zwischen seinen Sachen, wo er die sorgfältig eingepackte Asche abgelegt hatte, saß -

"Toranaga!" Hocherfreut wand William sich aus den Armen seines Frühstücks, um den Bruder zu begrüßen, der einen etwas verwirrten Eindruck machte.

"Guten Abend." Toranaga sah sich um. "Wo sind wir hier?"

"In Konstantinopel, in unserer Herberge. Bruder, ist das gut, dich zu sehen. Wie geht es dir? Alles in Ordnung?"

"Höllische Kopfschmerzen, Hunger, und keine Ahnung, was eigentlich passiert ist, aber abgesehen davon scheint mir nichts zu fehlen."

William trieb die etwas enttäuschten Mädchen aus dem Zimmer und zog sich an, während er Toranaga kurz über alles informierte, was in den letzten Tagen vorgefallen war. Es stellte sich heraus, daß der Samurai keine Erinnerung an den Kampf in der Geisterwelt hatte. Genausowenig konnte er sich an die Ereignisse erinnern, die seinem Verschwinden unmittelbar vorausgegangen waren.

"Alles, was ich noch weiß", sagte er nachdenklich, "ist, daß dieser Bastard in meinem Schwert einen Angriff gestartet hat, an dem Abend, als wir uns bei den Prinzen vorstellen wollten. Von der Sache im Palast habe ich kaum etwas mitbekommen, außer daß Prinz Michael mich mehr abgelenkt hat, als gut für mich war. Deswegen haben Morpheus und ich uns auch so früh auf den Weg gemacht. Und in der Kutsche ging es dann richtig los. Von der Fahrt habe ich nichts mitbekommen, außer, daß es unterwegs irgendwo brannte..."

"Das Latinerviertel", warf William ein. "Dort herrscht seit einer Woche praktisch Krieg, und es brennt eigentlich ununterbrochen."

Toranaga zuckte die Schultern. "Wir müssen da mitten durchgefahren sein, es liegt ja genau auf dem Weg, aber ich weiß nichts genaues mehr. Irgendwann bin ich dann plötzlich zu Hause aufgewacht. In Japan. Aber irgendwie war es nicht mein richtiges Zuhause, sondern... geisterhaft. Es hat mir nicht gefallen, da wollte ich weg. Und das nächste, was ich weiß, ist, daß ich hungrig auf deinem Tisch sitze, während du dich hier mit losen Weibern amüsierst." Er grinste.

William mußte lachen. "Komm, laß uns mal nach den anderen sehen, dann finden wir auch was zu essen für dich. Und deine Ghoule, die sind nämlich fast gleichzeitig mit dir verschwunden."

Toranaga runzelte die Stirn. "Sind sie?" Er schien einen Moment in sich hineinzulauschen. "Sie sind in der Nähe... und auf dem Weg hierher." Er schlug William auf die Schulter. "Aber du hast recht, Bruder, laß uns mal nach unseren beiden Damen schauen. Zumindest Madeleine müßte doch auf sein, sie ist sonst immer als erste wach."

Er wandte sich zur Tür, wodurch ihm entging, wie Williams Miene sich schlagartig verfinsterte. Draußen wurde er erfreut von den anwesenden Ghoulen begrüßt - und von Markus, der keinen besonders glücklichen Eindruck machte. William, der Toranaga gefolgt war, hob eine Augenbraue und sah den jungen Gangrel fragend an. "Was ist denn mit dir los?"

Markus grummelte ein wenig vor sich hin, ehe die beiden ihm eine Antwort entlocken konnten: "Irian hat mich rausgeworfen. Dieser verdammte Kasten!" Er versetzte einem neben ihm stehenden Sessel einen Tritt. "Eines schönen Tages rücke ich dem Ding mit einem Hammer zu Leibe."

Toranaga grinste. "Und wie ich Irian kenne, wird sie dir diesen 'Gefallen' sofort mit gleicher Münze heimzahlen."

Markus nickte trübselig. "Was glaubst du, warum ich das Ding noch nicht aus der Welt geschafft habe."

Über ihrem Geplänkel entging den beiden völlig, daß William inzwischen Madeleines Tür anstarrte, als wäre sie ein persönlicher Feind. Toranaga marschierte auf das Zimmer der Lasombra zu, klopfte, und wollte eintreten, ohne auf eine Antwort zu warten.

"Verriegelt", stellte er überrascht fest. "Aber sie ist da drin, das merke ich doch... ob da etwas passiert ist?" Er machte tatsächlich Anstalten, die Tür aufzubrechen, als William ihn ungewöhnlich grob zurückhielt.

"Laß es", fuhr er den Samurai an, der ihn daraufhin mit einem erstaunten Blick bedachte.

"Also, hier stimmt doch etwas nicht. Was ist los mit dir, William?" Toranaga verschränkte die Arme und sah ihn abwartend an.

"Vergiß es", knurrte der Ventrue, sichtlich um Beherrschung ringend. "Laß uns rausgehen, mir wird es zu eng hier drin."

Toranaga schüttelte den Kopf, folgte ihm aber. "Da ist man mal ein paar Tage außer Gefecht, und schon dreht ihr hier alle durch. In Ordnung, gehen wir raus, aber dann wirst du mir verdammt nochmal erklären, was hier gespielt wird, verstanden?"

William war schon halb draußen und antwortete nicht. Toranaga warf noch einen verständnislosen Blick zu Markus, der nur ratlos die Schultern hob und sich in eine Ecke verzog, um dort zu schmollen, bis Irian wieder Zeit für ihn hatte. Toranaga seufzte tief und folgte seinem Schwertbruder nach draußen.

Unten auf der Straße hob der Japaner plötzlich den Kopf, und ein Lächeln huschte über sein Gesicht. "Taifun", flüsterte er, dann stieß er einen so gellenden Pfiff aus, daß William erschrocken die Hände über die Ohren schlug. Momente später hörten sie in einiger Entfernung Hufgetrappel, Hundegebell und panische Schreie.

"Taifun", bestätigte William und verzog das Gesicht. Tatsächlich bog nach einigen Augenblicken ein großer schwarzer Schatten in halsbrecherischem Tempo um eine Straßenecke und fegte auf die beiden zu. Toranaga stand mit einem breiten Lächeln mitten auf der Straße und wartete.

Das riesige Streitroß kam einen Meter vor Toranaga zum Stehen, wieherte und rieb die Nase an seinem Ärmel. Während der Samurai sein Pferd wie einen lang vermißten Freund begrüßte, schwang sich eine Gestalt aus dem Sattel und fiel vor ihm auf die Knie.

"Ihr seid zurück!" Roberto strahlte seinen Herrn an. Ehe der antworten konnte, wurde er von einem wahrhaft gigantischen Hund beinahe von den Beinen gerissen, der scheinbar aus dem Nichts auftauchte und mit lautem Bellen und heftigem Schwanzwedeln seiner Wiedersehensfreude Ausdruck verlieh. Gleichzeitig löste sich eine Gestalt in einem Umhang aus den Schatten und schlug ihre Kapuze zurück.

"Antonia." Toranaga lächelte sie an und küßte sie. "Da wären wir ja fast wieder komplett", stellte er fest, während er mit einer Hand seinen Hund streichelte, der völlig aus dem Häuschen schien, und mit der anderen Taifun den Hals tätschelte.

"Beren müßte auch jeden Moment hier sein." Roberto blicke sich suchend um, und tatsächlich näherte sich von hinten eine seltsame Prozession: ein hünenhafter dänischer Söldner, gefolgt von drei Stadtwachen, die offenbar Anstoß an seiner Bewaffnung nahmen, aber über genug gesunden Menschenverstand verfügten, um ihn deswegen nicht wirklich zur Rede zu stellen. Ihre Nervosität war durchaus berechtigt: Beren überragte den größten von ihnen wie ein Turm, und gegen die riesige Zweihänder-Axt, die er lässig über die Schulter gelegt hatte, wirkten ihre Bastardschwerter eher unzulänglich. Toranaga sah ihnen beinahe mitleidig entgegen.

"Danke für die Eskorte. Ich denke, ihr könnt gehen", beschied er den dreien, als sie heran waren. Die sahen sich kurz an und zogen sich dann so schnell zurück, wie es ihnen unter Wahrung eines Mindestmaßes an Würde möglich war.

"Hallo Kleiner", begrüßte Toranaga den Riesen und boxte ihm spielerisch in den Bauch. Beren lachte dröhnend. "Hallo Großer", antwortete er und gab die Begrüßung zurück.

William hatte sich in einen Schatten zurückgezogen und beobachtete das ganze Chaos. Unwillkürlich mußte er lächeln - das war Toranaga, wie er leibte und... naja, nicht mehr lebte, wenn man genau sein wollte. Wenigstens eine Konstante in diesem ganzen hoffnungslosen Durcheinander. Er ertappte sich schon wieder dabei, wie seine Gedanken zu Madeleine zurückkehrten. Der Geschmack ihres Blutes in seinem Mund, der Blick mit dem sie ihn danach angesehen hatte, voller Bedauern, aber etwas anderes war auch noch dagewesen... und jetzt war Baskerville bei ihr, und er wollte sich lieber nicht ausmalen, was da oben in diesem Zimmer passierte. Mit Mühe zwang er sich, stattdessen an Elena zu denken. Seine Liebe zu ihr kam wenigstens aus ihm selbst, auch wenn sie sich im Moment einfach unmöglich benahm...

"William? Träumst du?" Toranaga war anscheinend mit seiner Begrüßung fertig und sah ihn fragend an. "Du wolltest mir ein paar Ecken zeigen, wo man hier frühstücken kann. So langsam könnte ich wirklich etwas vertragen."

William riß sich aus seinen Gedanken los und nickte. "Komm mit, hier ist eigentlich ein recht brauchbares Jagdrevier..."

 

Es muß kurz vor Mitternacht sein, dachte Madeleine und strich William, der im Halbschlaf neben ihr lag, eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Er blinzelte sie verschlafen an und lächelte.

"Toranaga ist zurück", sagte sie leise. "Schon seit einer Weile. Irgendwie hatte ich es nicht so eilig, ihm guten Abend zu sagen, aber allmählich..."

Er nickte. "Ich fürchte, wir haben heute nacht noch viel zu tun. Ich sollte zusehen, daß ich zurück auf meinen Posten komme." Er schlüpfte aus dem Bett und begann sich anzuziehen.

Sie seufzte. "Ich hasse es, wenn du recht hast, aber es ist so. Jetzt, wo Toranaga wieder da ist, sollten wir uns dringend um den Spanier kümmern und zusehen, daß wir aus dieser Stadt verschwinden." Sie schaute sich suchend um, fand ihre Kleider und zwinkerte ihm zu. "Hilfst du mir beim Anziehen? Sonst muß ich Caterina rufen, und das arme Mädchen braucht doch seinen Schlaf..."

"Mylady, es ist mir eine Ehre", erklärte er lächelnd, machte eine perfekte Verbeugung und half ihr in ihr Kleid.

Als sie aus dem Zimmer traten, verließ auch Irian gerade das ihre. Madeleine hatte gespürt, daß ihre beiden Brüder sich von draußen her näherten, und tatsächlich öffnete sich gleich darauf die Tür und beide traten ein. Sie ignorierte den Blick, den der Ventrue ihrem Ghoul zuwarf, als dieser seinen Platz bei den Wachen wieder einnahm, und begrüßte Toranaga. Und dann wurde es Zeit, Pläne zu schmieden.

"Wir wissen, daß der Spanier sich irgendwie ein Grundstück am Hafen gesichert hat, auf das sowohl Magnus als auch sein Ventrue-Gegenspieler ein Auge geworfen haben", faßte William zusammen.

Toranaga hob die Hand. "Entschuldige, wer? Ich muß da etwas verpaßt haben..."

"Magnus ist der Primogen meines Clans in Konstantinopel", klärte Madeleine ihn auf. "Ein ziemliches Monster, wenn er gute Laune hat. Wenn er schlechte hat, würde ich es vorziehen, nicht in der selben Stadt zu sein wie er."

"Beeindruckend", murmelte der Japaner, während William fortfuhr: "Auf diesem Grundstück steht ein Leuchtturm, der strategisch sehr günstig gelegen und hervorragend zu verteidigen ist. Wir wissen weiterhin, daß es äußerst unklug wäre, Morpheus dort einfach auszuräuchern, weil wir es uns sowohl mit Magnus als auch mit Caius verderben würden, wenn der Turm zu Schaden käme."

"Außerdem scheint es", ergänzte Madeleine, "daß Morpheus entweder bei der Verteidigung des Turms Unterstützung hat, oder daß der Turm belagert wird. William", sie nickte ihrem Bruder zu, "hat sich gestern dort umgesehen und festgestellt, daß die unterseeischen Zugänge von Schattenwesen bewacht werden, die höchstwahrscheinlich durch ein Ritual in ihren jetzigen Zustand gebracht wurden. Es ist ausgeschlossen, daß Morpheus die Macht hat, ein derartiges Ritual zu leiten. Wir vermuten vorläufig Magnus dahinter, was für die Belagerungstheorie sprechen würde. Wobei mir nicht so ganz klar ist, warum Magnus mit all seiner Macht diesen Welpen nicht einfach aus seinem Bau holt..." Sie zuckte die Schultern.

"Unser Plan", übernahm William wieder das Wort, "sieht vor, daß wir uns in unmittelbarer Nähe des Turms ein Haus kaufen oder wenigstens einen Keller anmieten, und uns von dort aus zum Leuchtturm durchgraben. Die Fenster an dem Ding sind Schießscharten, da käme höchstens Irian durch. Oberirdisch gibt es nur einen Eingang, und die unterirdischen Tunnels werden von diesen Schattenkreaturen bewacht. Also müssen wir uns unseren eigenen bauen. Mog!"

Irians Ghoul näherte sich. "Sir?"

"Wie sieht es mit deinen Versuchen aus, uns in der Hafengegend einen Brückenkopf zu verschaffen?"

"Schlecht." Mog schien das Eingeständnis peinlich zu sein. Verständlich, schließlich hatte er nicht umsonst den Ruf, so ziemlich alles organisieren zu können, was gebraucht wurde. "Um nicht zu sagen, es ist unmöglich. Irgendjemand hat die Hand auf den Gebäuden in der Gegend. Zwanzig Meter im Umkreis um den Turm steht, wie Ihr wißt, sowieso nichts, und die nächsten Häuser sind bei aller Anstrengung nicht zu haben. Ich habe nicht herausfinden können, wem sie gehören, aber irgendjemand mit sehr viel Geld und sehr viel Einfluß sorgt dafür, daß dieser Turm nur von seinen eigenen Besitztümern umgeben ist."

Irian öffnete den Mund um etwas zu sagen, wurde aber von einer krachend auffliegenden Tür unterbrochen. "Scher dich hier raus!" schrie Elena aufgebracht hinter der hastig aus ihrem Zimmer flüchtenden Angélique her. Die Zofe schloß die Tür und sah entschuldigend zu den vier Vampiren herüber, die sie anstarrten.

"Dicke Luft?" erkundigte sich Irian. Angélique nickte.

Madeleine nahm William beiseite. "Was ist denn schon wieder mit ihr?" fragte sie leise.

Er zuckte die Schultern. "Das übliche. Sie fühlt sich vernachlässigt und findet, daß ich mich nicht genug um sie kümmere. Sie weiß, was für uns auf dem Spiel steht, aber trotzdem benimmt sie sich manchmal wie eine verzogene Göre. Und gerade jetzt geht mir das wirklich sehr auf die Nerven."

"Rede mit ihr. Und zwar jetzt gleich", riet sie ihm. "Vorher kriegst du ohnehin keine Ruhe."

Er sah sie mit einem Widerwillen an, der schon fast wieder komisch wirkte. "Meinst du wirklich?" Sie nickte. Er seufzte. "Vermutlich hast du recht. Also, bringen wir es hinter uns... Entschuldigt mich einen Moment", fügte er an die anderen gewandt hinzu und betrat Elenas Schlafzimmer.

Es dauerte nur ein paar Augenblicke, ehe er wieder herauskam. Er kochte offensichtlich vor Wut und stürmte ohne ein Wort zu sagen aus dem Raum. Die anderen sahen sich an. Madeleine schüttelte nur stumm den Kopf und folgte ihm. Sie fand ihn draußen im Flur, wo er mit geschlossenen Augen an der Wand lehnte.

"Was ist passiert?" fragte sie ruhig.

"Es war unmöglich, mit ihr zu reden. Sie hat getobt und irgendetwas nach mir geworfen. Wenn sie wieder normal ist, versuche ich es noch einmal, aber im Moment..." Er stieß sich von der Wand ab und ging in Richtung Treppe. "Ich wäre jetzt gern allein."

"Wie du willst", sagte sie und ließ ihn gehen.

"Irgendwie habe ich gerade das Gefühl, daß heute keine besonders gute Nacht ist", bemerkte Toranaga, als sie zurückkam.

Madeleine nickte. "Es gibt etwas, das du wissen solltest, Bruder", sagte sie zu ihm und bedeutete ihm, ihr zu folgen. Irian sah den beiden kopfschüttelnd nach. "Lauter Verrückte", murmelte sie und sah sich nach Markus um. Bei ihm wußte man wenigstens, woran man war.

Madeleine führte Toranaga zu dem kleinen Raum, in dem William früher am Abend aufgewacht war. Die Ghoule waren noch nicht dazu gekommen, das Loch in der Wand zu reparieren.

"Du und William, ihr seid eng verbunden, auf eine Art, die ich nicht so richtig verstehen kann. Deswegen sollte ich dir erzählen, was passiert ist." Sie deutete auf die Öffnung. "Das hier war bis vor kurzem noch eine völlig intakte Wand. Bis William nach diesem Kampf, an den du dich leider nicht erinnerst, aufwachte und feststellte, daß sein Vorrat an vitae fast verbraucht war."

Toranaga schien beeindruckt. "Du meinst, er ist durch die Wand...?"

Sie nickte. "Er war nicht mehr er selbst, nicht einmal annähernd. Das Tier hatte ihn völlig unter Kontrolle. Er befreite sich aus diesem Raum und wollte nach unten. Ich war als einzige in der Nähe, und ich wollte nicht, daß er zum Mörder wird." Sie sah ihn an. "Du kannst dir denken, wie ich ihn aufgehalten habe."

"Du hast ihm Blut gegeben. Dein Blut." Toranaga sagte es ohne jede Gefühlsregung.

"Deswegen ist er jetzt so völlig durcheinander", bestätigte sie. "Ich kann nur hoffen, daß er sich wieder beruhigt. Und glaub mir - ich habe es nicht gern getan."

Für eine Weile schwiegen beide, dann sagte sie: "Du solltest zu ihm gehen. Vielleicht kannst du ihm helfen, ich kann es jetzt mit Sicherheit nicht. Ich glaube, er ist nach unten, zum Stall... aber du findest ihn sicher selbst."

"Ich wollte sowieso nochmal nach Taifun sehen", meinte er, und verschwand.

Zurück im Wohnzimmer rang Madeleine ein paar Minuten lang mit sich. Einerseits war sie nicht sonderlich erpicht darauf, sich mit Elena herumzuärgern, andererseits konnte ein Gespräch unter Frauen manchmal Wunder wirken. Im Übrigen wußte Elena sehr genau, daß sie mit ihren Temperamentsausbrüchen bei der Lasombra an der falschen Adresse war. Dazu kam noch, daß sie in der augenblicklichen Lage kaum etwas weniger gebrauchen konnten, als einen von derartigen Problemen abgelenkten William. Wenn sie daran gingen, sich ernsthaft mit dem Spanier anzulegen, konnte schon ein kleiner Fehler tödlich sein. Morpheus war nach dem Maßstäben ihrer Art noch sehr jung, aber trotzdem ein nicht zu unterschätzender Gegner. Schließlich war er ein Lasombra.

Madeleine gab sich einen Ruck und klopfte an Elenas Tür, hinter der es mittlerweile verdächtig still geworden war. Als keine Antwort kam, trat sie vorsichtig ein, immer auf der Hut vor plötzlich anfliegenden Wurfgeschossen. Aber es kam keines. Es war auch gar niemand im Zimmer, der mit etwas hätte werfen können. Der Raum war menschenleer, und das normalerweise verbarrikadierte Fenster stand sperrangelweit offen.

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