Kapitel 3
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Es dauerte einen Moment, bis Madeleine wirklich begriff, was das offene Fenster zu bedeuten hatte. Elena hätte sich nie die Hauswand hinunterarbeiten können, ganz abgesehen davon, daß ihr das auch nie in den Sinn gekommen wäre. Madeleine wirbelte herum und stürmte zu Irians Zimmer.

"Irian!" Die Gangrel war mit ihrem Kasten beschäftigt und reagierte nicht. Seit sie das Ding in dem seltsamen Labyrinth unter dem Kloster Tristram gefunden hatten, war Irian fasziniert davon gewesen. Der ursprüngliche Besitzer, ein sehr seltsam gekleideter Ritter, hatte von sich behauptet, aus der Zukunft zu kommen. Als er dann auch noch beiläufig erwähnt hatte, daß die unscheinbare kleine Kiste mehr Wissen enthielt als eine durchschnittliche Bibliothek, hatte William nicht widerstehen können und den Kasten "unabsichtlich" eingesteckt. Genützt hatte es ihm nicht viel, weil Irian das seltsame Gerät bald darauf mit Beschlag belegt und nicht wieder hergegeben hatte. Inzwischen kannte die Gangrel sich recht gut damit aus und hatte auch schon einige nützliche Informationen daraus gewonnen. Im Moment allerdings war ihre Begeisterung für den Kasten eher hinderlich. Madeleine schüttelte ärgerlich den Kopf und hob die Stimme. "Irian!! Laß dir Flügel wachsen und such William, Elena ist weg!"

Das erregte nun doch Irians Aufmerksamkeit. "Was soll das heißen, weg?"

Madeleine machte eine ungeduldige Handbewegung. "Das soll heißen, daß sie nicht mehr da ist. In ihrem Zimmer ist das Fenster offen und keine Spur von ihr. Jetzt mach dich endlich auf den Weg. Ich glaube, William und Toranaga sind vorhin aus der Stadt geritten. Ich folge ihnen, aber aus der Luft findest du sie vielleicht schneller."

Ohne Irians Verwandlung abzuwarten, eilte die Lasombra aus dem Zimmer. Auf dem Weg zum Stall hielt sie sich nur so lange auf, wie nötig war, um James Bescheid zu sagen. Ihr Pferd sattelte sie selbst, und Augenblicke später jagte sie durch die Straßen von Konstantinopel in die Richtung, in der sie ihre Brüder spürte.

 

"Die ganze Sache ist wirklich ziemlich kompliziert, da muß ich dir recht geben." Toranaga blickte William nachdenklich an. Der nickte nur.

"Daß Elena sich im Moment wieder einmal von ihrer unangenehmsten Seite zeigt, macht es auch nicht einfacher. Meinem Verstand ist ja völlig klar, daß diese plötzliche Liebe zu Madeleine nicht echt ist, aber dafür fühlt sie sich verdammt echt an. Und da ich mit Elena im Moment nicht vernünftig reden kann..." Er hob ratlos die Schultern.

"Es gäbe eine Möglichkeit, das Problem zu lösen", sagte Toranaga langsam. "Erinnerst du dich an Bologna? Da hast du mir einen Vorschlag gemacht, um deine Schwierigkeiten mit einem gewissen Herrn in den Griff zu bekommen. Damals habe ich das abgelehnt, aber mittlerweile scheint mir das ein vernünftiger Ausweg aus dem ganzen Durcheinander zu sein."

William sah ihn an. "Ich habe auch schon daran gedacht. Wenn die einzige Lösung wirklich darin besteht, daß ich mich auf diese Art an jemanden binde, dann wäre es mir am liebsten, wenn du dieser Jemand wärst, Bruder."

Toranaga nickte. "Ich biete es dir an. Wenn du willst..."

William gab sich einen Ruck. "Gut, dann..." Er brach ab, als Toranaga plötzlich den Kopf hob. Dann merkte er es auch. "Irian... und Madeleine, von da vorne. Sie kommen hierher."

Jetzt hörte man auch deutlich etwas Schweres durchs Unterholz brechen. Einen Moment später sahen die beiden das weiße Fell von Madeleines Streitroß durch die Dunkelheit schimmern. Die beiden Vampire sahen sich an. "Da muß etwas passiert sein", stellte Toranaga fest und brüllte: "Hier drüben!'' Das Krachen kam näher, gleichzeitig stieß aus den Bäumen eine Fledermaus herab und landete in Williams ausgestreckter Hand. Sekunden später zügelte Madeleine ihr Pferd auf der Lichtung, wo die beiden auf sie warteten.

"William, Elena ist verschwunden. Ich wollte mit ihr reden, aber als ich in ihr Zimmer kam, stand das Fenster offen und sie war weg."

William fluchte und schwang sich in Goliaths Sattel. Während die drei in Richtung Stadt zurückgaloppierten und Irian in der Luft folgte, berichtete Madeleine das wenige, was sie gesehen hatte. "Sie kann nicht viel Vorsprung haben", schloß sie. "Du warst noch nicht lange weg, als ich zu ihr wollte, und mit meinem Pferd habe ich bis zu euch nur ein paar Minuten gebraucht. Ich würde schätzen, daß sie alles in allem seit weniger als einer halben Stunde fort ist."

"Das kann eine halbe Stunde zu viel sein", knurrte William und gab Goliath die Sporen.

 

Zurück in der Herberge suchte Toranaga nach seinem Hund. Er ließ das riesige Tier Witterung an einem von Elenas Kleidern aufnehmen und befahl: "Und jetzt such!"

Trotz der späten Stunde waren die Straßen keineswegs ausgestorben. Die vier kümmerten sich nicht um die Sterblichen, die noch unterwegs waren und beim Anblick des gigantischen Hundes meistens rasch in Seitengassen oder Hauseingängen verschwanden. Madeleine warf einen Blick zu William, der mit versteinerter Miene neben ihr die Straßen entlangrannte.

"Wir finden sie", sagte sie leise. "Ich möchte fast wetten, daß der Spanier dahintersteckt."

"Ich hätte sie nicht alleinlassen dürfen", stieß der Ventrue plötzlich hervor. "Wir wußten, daß der Kerl vermutlich etwas plant..."

Madeleine setzte zu einer Antwort an, aber ehe sie etwas sagen konnte, meldete sich der Hund mit einem lauten Bellen. Mit seinen riesigen Pfoten begann er an einer Regentonne zu scharren, die an einer Hausecke stand. Mit zwei schnellen Schritten war William heran, beugte sich über die Tonne und zerbiß einen Fluch zwischen den Zähnen. In der Tonne lag Elenas Umhang, ansonsten war nirgends eine Spur von ihr zu sehen.

"Laß mich mal sehen." Toranaga schob sich an seinem Hund vorbei an William heran und nahm ihm den Umhang aus der Hand. Langsam ließ er den Stoff durch die Finger gleiten, den Blick in die Ferne gerichtet.

"Sie ist getragen worden", murmelte er schließlich. "Von einem Kainiten. Ich kann ihn sehen, er will... in diese Richtung. Und sein Name..." Er hielt einen Moment inne und runzelte die Stirn. "Julius. Sein Name ist Julius. Er ist..."

"... ein Sohn von Prinz Michael", beendete Madeleine den Satz. "Wir hatten schon das zweifelhafte Vergnügen. Seine Manieren sind so erbärmlich wie seine Abstammung hervorragend ist." Sie sah William an. "Wir sollten zum Palast gehen. Ehe wir uns mit Michaels Sohn anlegen, sollten wir den Prinzen darüber informieren, sonst könnte es Mißverständnisse geben."

William wollte protestieren, aber Irian schnitt ihm das Wort ab. "Madeleine hat recht. Geht ihr zum Palast, Toranaga und ich kümmern uns um den Knaben. Wir lassen dir auch etwas von ihm übrig, versprochen."

Widerwillig mußte William einsehen, daß der Vorschlag vernünftig war. Michael war niemand mit dem er es sich hätte verderben wollen. Allein schon die Vorstellung, der Toreador könnte einen Grund zur Unzufriedenheit haben, war unerfreulich.

"Dann werde ich dich aber tragen, sonst muß ich an jeder Ecke auf dich warten. Und dafür haben wir keine Zeit."

Madeleine konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. "In Ordnung. Dann nichts wie los." Er hob sie bemerkenswert vorsichtig auf die Arme, nickte den beiden anderen noch einmal zu und war verschwunden. "Irgendwann werde ich auch mal so schnell", murmelte Irian ein wenig neidisch, als sie sich mit Toranaga auf den Weg machte, um dem Entführer zu folgen.

 

Kurz bevor sie den Palast erreichten, setzte William Madeleine ab. Einen Moment lang sahen sie sich an, dann bot er ihr seinen Arm. Leicht legte sie die Hand darauf, und sie betraten die Residenz des Triumvirats.

Der Palast war bei weitem nicht so stark besucht wie am ersten Abend ihrer Anwesenheit. Die Zustände im Latinerviertel machten sich bemerkbar; viele, die sonst hiergewesen wären, hielten sich jetzt dort auf und machten Jagd auf Abtrünnige. William sah sich um. "Er ist nicht hier", stellte er enttäuscht fest. Michael, der Erzengel, war wirklich niemand, den man hätte übersehen können. Außer natürlich, er wollte nicht gesehen werden...

"Warte." Madeleine sah aus zusammengekniffenen Augen zu einer Ecke, in der sich gerade zwei Nosferatu zu unterhalten schienen. Einer der beiden hatte für ihre seit kurzem so geschärften Sinne etwas ungewöhnliches. Und dann sah sie es. "Das ist er. Die beiden da hinten... der linke ist Michael."

"Wäre nicht das erste Mal, daß er sich tarnt, aber ein Nosferatu? Bist du sicher?" William hatte offensichtlich Zweifel.

"Ich bin sicher." Madeleine setzte sich langsam in Richtung der Ecke in Bewegung, so daß William, der sie immer noch am Arm hatte, nichts übrigblieb als ihr zu folgen. In einigem Abstand blieben sie stehen. Es wäre nicht klug gewesen, Michael bei einer Unterredung zu unterbrechen, bei der er so offensichtlich nicht gestört werden wollte.

Einen Moment später lagen beide auf den Knien - genau wie der Nosferatu, mit dem der Prinz sich unterhalten hatte, und die meisten anderen der Anwesenden. Michael, jetzt wieder in voller Pracht, kam auf sie zu und trat dabei auf seinen Gesprächspartner, ohne auf ihn zu achten. Madeleine wäre am liebsten im Boden versunken, als sie den Blick des Toreador auf sich ruhen fühlte. Er nannte sich nicht umsonst "Erzengel" - in seiner Gegenwart war es unmöglich, daran zu zweifeln, daß er genau das war.

"Ihr wollt mich sprechen?" Seine Stimme war nicht laut, aber sie schien trotzdem alles zu durchdringen. Es dauerte einen Moment, bis William sich soweit wieder gefaßt hatte, daß er antworten konnte.

"Das ist richtig, Herr. Es gibt ein Problem..."

Madeleine wagte es, kurz den Blick vom Boden zu heben, während William dem Prinzen berichtete. Als sie Michaels Gesicht sah, senkte sie ihn sofort wieder. Der Prinz verzog keine Miene, aber es ging eine derartig kalte Wut von ihm aus, daß Madeleine ihre ganze Beherrschung aufbieten mußte, um nicht zu flüchten, so schnell sie konnte. Schließlich war William am Ende seines Berichts angekommen - und Michael verschwand ohne ein weiteres Wort vor ihren Augen. Die Geschwister wechselten einen kurzen Blick, ehe sie wortlos aufsprangen und so schnell wie möglich den Palast verließen.

Es bereitete William keine Schwierigkeiten, zu erkennen, in welcher Richtung Toranaga sich aufhielt. Schweigend rannte er die Straßen hinunter. Madeleine, die er wieder auf den Armen trug, verspürte ebenfalls keine große Lust zu reden. Begegnungen mit Prinz Michael hatten öfter diesen Effekt.

Minuten später erreichten sie ein Wohnviertel, in dem hauptsächlich großzügig angelegte Villen im römischen Stil standen. Es war unschwer zu erkennen, welches dieser Häuser ihr Ziel war. Über einem der Dächer schwebte ein goldenes Leuchten, das sich merkwürdig von dem roten Glühen abhob, das vom Latinerviertel her den Himmel färbte. Als sie näher kamen, verblaßte das Leuchten ein wenig, und beide wußten mit beklemmender Sicherheit, wohin Michael so plötzlich verschwunden war. Die Eingangstür eines der Häuser stand offen, und in der Halle dahinter standen Irian und Toranaga und spähten nach draußen.

"Kommt herein", sagte Toranaga, und Irian fügte hinzu: "Sie sind im Atrium. Ich fürchte, Michael ist nicht allzu zufrieden mit seinem Sohn."

Im Atrium der Villa bot sich ihnen ein unbeschreiblicher Anblick. Auf dem Rasen in der Mitte des Hofes lag Julius flach auf dem Bauch, zitternd, das Gesicht in den Boden gedrückt. Vor ihm stand - nein, schwebte Michael. Hatte Madeleine vorhin im Palast noch geglaubt, von seiner Ausstrahlung beeindruckt gewesen zu sein, so wurde ihr jetzt klar, daß sie bisher noch gar nichts davon mitbekommen hatte. Die Aura der Macht, die von ihm ausging, war körperlich spürbar und traf Madeleine wie ein Schlag. Unfähig, auch nur einen weiteren Schritt zu tun, sank sie zu Boden und rührte sich nicht mehr. Und irgendwo in ihrem Hinterkopf saß eine tiefe Erleichterung darüber, daß Michaels offensichtlicher Zorn nicht ihr galt, sondern...

"Julius." Die Stimme des Prinzen war die Ankündigung des Jüngsten Gerichts. "Du hast zum dritten Mal gegen meine Gebote verstoßen. Ich verliere die Geduld mit dir. Du wirst sterben."

Madeleine fühlte, wie Michaels Blick über sie und ihre Geschwister hinwegglitt. "Sir William von Tintagel, Euch hat er geschadet. Erhebt Ihr Anspruch auf ihn?"

"Ja." Williams Stimme klang erstaunlich fest.

"Gut. Wenn Ihr von ihm trinkt, vernichte ich Euch beide. Abgesehen davon gehört er Euch. Kämpft."

Endlich fühlte sich Madeleine in der Lage, sich wenigstens soweit zu bewegen, daß sie den Kampfplatz verlassen konnte. Irian und Toranaga schien es nicht viel besser zu gehen. Die drei versammelten sich am Rand des Innenhofs, während William zur Mitte des Rasens ging und sein Schwert zog. Plötzlich öffnete sich auf der anderen Seite des Atriums eine Tür. Dahinter erschien ein Diener, der Elena am Arm führte. Sie sah sehr schwach aus, schien aber unverletzt zu sein. Toranaga gab William ein Zeichen, sich nur auf seinen Gegner zu konzentrieren, sprintete zu ihr und geleitete sie über den Hof, wo er sie Madeleines Obhut übergab. Die Lasombra stellte rasch fest, daß Elena tatsächlich keine Wunden hatte und ihr auch kein Blut fehlte. Trotzdem mußte Julius irgendetwas mit ihr angestellt haben, sie konnte sich ohne Hilfe nicht einmal auf den Beinen halten. Madeleine stützte sie, während sie den Kampf beobachtete.

Julius hatte sich inzwischen vom Boden erhoben und maß seinen Gegner mit verächtlichen Blicken. Er trug keine Waffe, aber mit einem Mal wuchsen an seinen Fingern scharfe Klauen. Madeleine wußte aus eigener Erfahrung, daß derartige Krallen mühelos in der Lage waren, durch gewachsenen Fels hindurchzugraben, und daß sie in Fleisch Wunden hinterließen, die selbst mit vitae nicht leicht zu heilen waren. Mit diesen Krallen konnte er William zerfetzen - falls er ihn traf.

Ohne Vorwarnung stürzte der Toreador sich plötzlich auf William. Der brachte seine Klinge zwischen sich und den Angreifer und wich mit einer eleganten Bewegung zur Seite. Beide Kämpfer bewegten sich mit einer unnatürlichen Geschwindigkeit. Madeleine stellte mit einer gewissen Erleichterung fest, daß Julius ein wenig langsamer zu sein schien als ihr Bruder. Trotzdem ging alles fast zu schnell zum Zusehen. Aus seiner Ausweichbewegung heraus griff William an. Julius duckte sich unter dem Schwert durch und brachte wieder etwas Abstand zwischen sich und den Ventrue. Den hielt er allerdings nicht lange. Blitzschnell zuckten die Klauen auf Williams linke Seite zu. Der drehte sich ein wenig, um dem Angriff auszuweichen - und drehte sich genau in Julius' Krallen, die nach der raschen Finte plötzlich von der anderen Seite kamen. Es gab ein häßliches Geräusch, als die Klauen Williams Hemd wie Papier zerschnitten, aber der Ventrue war offenbar aus härterem Holz geschnitzt, als Madeleine angenommen hatte: er blieb unverletzt und ging sofort zum Gegenangriff über. Sein Katana traf auf den Rücken seines Gegners, der einen winzigen Moment zu lange brauchte, um sich wieder außer Reichweite zu bringen. Ein Mensch wäre von dem Schlag zweigeteilt worden. Unglücklicherweise war Julius kein Mensch. Er wich zurück, ohne Schaden genommen zu haben. Jetzt allerdings begann sich bemerkbar zu machen, daß William über mehr Erfahrung und über die größere Geschwindigkeit verfügte. Der Ventrue setzte seinem Gegner nach und zog das Schwert nach oben, um es in einem weiten Bogen auf Julius herabsausen zu lassen. Der schaffte es diesmal nicht, auszuweichen. Die Klinge traf, und als William sich wieder einen Schritt zurückzog, schimmerte Blut auf dem Stahl.

Es war deutlich zu sehen, daß der Toreador angeschlagen war. Seinen Bewegungen fehlte etwas von der mühelosen Eleganz, die ihnen vorher eigen gewesen war. Er hätte nur wenige Momente gebraucht, um die tiefe Wunde in seiner Seite mit Hilfe seines Blutes zu heilen, aber William ließ ihm diese Zeit nicht. Entschlossen, die Sache zu einem raschen Ende zu bringen, griff er sein Katana mit beiden Händen und zog es mit einem mächtigen Hieb durch. Julius, der nach dem letzten Treffer sein Gleichgewicht noch nicht völlig wiedergefunden hatte, hatte keine Chance, dem Angriff zu entgehen. Getroffen brach er in die Knie. William zögerte einen kaum wahrnehmbaren Moment und warf einen Blick zu Michael. Der rührte sich nicht. Mit grimmiger Miene ließ der Ventrue seine Klinge herumwirbeln und trennte mit einem einzigen Schlag Julius' Kopf von den Schultern. Sekunden später war von dem Toreador nur noch ein Häufchen Asche übrig, das der leichte Wind über den Rasen verteilte.

Ohne ein weiteres Wort steckte William sein Schwert weg, drehte sich um, ging über den Hof zu Elena und schloß sie in die Arme. Madeleine sah verstohlen zu Michael hinüber, der mit ausdruckslosem Gesicht die Asche seines Sohnes betrachtete. Schließlich wandte sich der Prinz an die Geschwister.

"Er hat seine Strafe bekommen. Dieses Anwesen gehört Euch, mit seinen Ländereien, seinen Einkünften - und seiner Verantwortung. Ihr werdet Euch hoffentlich als würdiger erweisen, als er das getan hat. Findet Euch morgen um Mitternacht zur Audienz im Palast ein."

Mit diesen Worten erhob sich der Toreador langsam in die Luft, schwebte höher und verschwand. Von den Zurückbleibenden wich plötzlich ein Druck. Irian stand auf und sah sich um.

"Wenn das hier jetzt alles uns gehört, sollten wir uns das Ganze vielleicht einmal ansehen", schlug sie vor, pragmatisch wie immer. Die anderen achteten nicht auf sie. William war mit Elena beschäftigt, die bisher noch kein einziges Wort gesagt hatte und einen sehr abwesenden Eindruck machte. Toranaga sah sie nachdenklich an und stutzte dann.

"Madeleine? Siehst du das auch? Elenas Aura?"

Die sonst leuchtenden Farben von Elenas Aura wirkten trüb und matt, aber wirklich ungewöhnlich war der fingerdicke Strang, der schwach funkelnd daraus hervorwuchs. Er zeigte in Richtung des hinteren Gebäudeteils, wurde aber nach weniger als einem Meter zu blaß als daß Madeleine ihm hätte weiter mit den Augen folgen können.

"Dieser... Faden, oder was auch immer das sein mag... ja, das sieht merkwürdig aus. Irgendetwas stimmt hier ganz und gar nicht."

Die beiden folgten der seltsamen Erscheinung, die sich wie eine Nabelschnur ins Haus hineinwand. Irian, die mit ihren Sinnen derartige Dinge nicht wahrnehmen konnte, sah sich inzwischen in den vorderen Räumen um und ließ William taktvollerweise mit Elena allein.

Als sie das Haus betraten, fiel den beiden sofort der Blutgeruch auf, der schwer in der Luft hing. Seine Quelle war nicht schwer zu finden: in einem der Räume, die vom Hauptkorridor abgingen, lagen Leichen. Die Geschwister zählten fünfzehn Tote, die offenbar Julius' Ghoule gewesen waren und von Michael zusammen mit ihrem Herrn zum Tode verurteilt worden waren. Madeleine sah Toranaga an, aber der schüttelte nur den Kopf.

"Darum kümmern wir uns später. Jetzt ist Elena wichtiger." Sie verließen das Zimmer, und Madeleine schloß mit einem Schaudern die Tür hinter sich.

Das leuchtende Band schlängelte sich durch den Flur und die Kellertreppe hinunter, ehe es schließlich in einem haarfeinen Spalt in einer Wand verschwand. Toranaga schaute den Spalt etwas ratlos an und begann, die Wand nach einer verborgenen Tür abzuklopfen. Er fand keine. Auch ansonsten schien es in der Nähe keine Räume zu geben, durch die man hätte auf die andere Seite der Mauer gelangen können. Schließlich schüttelte Madeleine den Kopf.

"So wird das nichts", stellte sie fest - und begann sich vor Toranagas erschrockenen Augen aufzulösen. Sekunden später schwebte an der Stelle, wo die Lasombra gerade noch gestanden hatte, eine formlose dunkle Wolke. Die absolute Finsternis dieses Schattens verursachte Toranaga Unbehagen. Mit einer gewissen Erleichterung sah er, wie das schwarze Etwas seine Form änderte, sich in die Länge zog und dabei dünner wurde und schließlich durch den Spalt in der Wand abzog. Kopfschüttelnd sah er ihr nach. "Das konnte sie auch noch nicht, als wir uns das letzte Mal gesehen haben", brummte er und wartete auf ihre Rückkehr.

Madeleine glitt mühelos durch den feinen Spalt. Die Wand war ungewöhnlich dick, mehrere Meter sogar. Was auch immer sich hinter dem Riß befand, war irgendjemandem offenbar sehr wichtig. Schließlich öffnete sich der Spalt in eine Kammer. Madeleine schwebte nach oben unter die Decke und sah sich um. Schon beim ersten Blick wurden ihr verschiedene Dinge klar: Wer immer diesen Raum benutzt hatte, mußte erstens über ähnliche Möglichkeiten verfügen wie sie, und zweitens sehr daran interessiert sein, daß er hier ungestört blieb, denn der Mauerspalt, durch den sie gekommen war, stellte den einzigen Zugang dar. Der Grund dafür war ebenfalls offensichtlich: die Stirnwand der Kammer wurde von einem Altar eingenommen, über dem ein umgedrehtes Kreuz hing. Verschiedene andere Gegenstände wiesen darauf hin, daß hier Rituale abgehalten worden waren. Die leuchtende Spur von Elenas Aura, der die Lasombra gefolgt war, führte in gerader Linie zum Altar und endete dort, genauer gesagt an einem Pergament, das mit verschiedenen anderen zusammen auf dem Altar lag. Madeleines Schattengestalt verlagerte sich über den Altar und sie versuchte, die Schriftzeichen zu entziffern. Was sie da las, hätte ihr den Atem verschlagen, wenn sie noch welchen gehabt hätte: Das Dokument, offenbar irgendwie magisch bearbeitet, war ein Vertrag zwischen Elena und Julius. Williams Frau hatte dem Toreador ihre Schönheit überlassen. Ungläubig starrte Madeleine auf das Schriftstück. Gleichzeitig war ihr klar, daß Elena, als sie ihre Unterschrift darunter gesetzt hatte, nie und nimmer gewußt hatte, was genau sie da unterschrieb. Madeleines Blick glitt über die anderen acht Pergamente, die auf dem Altar lagen. Sieben davon enthielten ähnliche Verträge wie Elenas, allerdings war der Vertragsgegenstand überall ein anderer. Auf einem der Dokumente hatte ein sarazenischer Händler Julius seine Stärke überlassen, ein weiterer Mann hatte seine scharfen Augen an den Toreador abgetreten, und so ging es weiter. Offenbar hatte Julius sich hier alles notwendige besorgt, um einen perfekten Körper zusammenzustellen, wofür er den auch immer brauchte.

Eins der Schriftstücke fiel aus dem Rahmen. Es enthielt sehr seltsame Schriftzeichen, aus denen Madeleine nicht völlig schlau wurde. Immerhin konnte sie erkennen, daß es sich offenbar um eine Art Passierschein oder Beglaubigungsschreiben handelte, das einen ägyptischen Abgesandten ausweisen sollte. Im Moment war dieses Schreiben allerdings auch nicht besonders wichtig. Madeleine sah sich im Raum um, konnte aber nichts finden, mit dem sie Elenas Vertrag hätte vernichten können. Notgedrungen mußte sie in ihre menschliche Gestalt zurückkehren, das Pergament einstecken und sich erneut verwandeln, um das Dokument nach draußen zu schaffen.

Toranaga wich unwillkürlich ein wenig zurück, als die finstere Wolke wie ein Tentakel aus dem Mauerspalt quoll und an ihm vorbei zum Innenhof zog. Er folgte ihr und sah, wie neben William aus der Schwärze wieder die vertraute Gestalt der Lasombra wurde. Madeleine zog das Pergament aus dem Ärmel und hielt es ihrem Bruder hin.

"Verbrenn das", sagte sie. "Das und viel Ruhe sollten reichen, um Elena wieder zu kurieren, jetzt, wo Julius tot ist."

William übergab seine Frau an Madeleine und verschwand auf der Suche nach etwas Brennbarem im Haus.

"Was hast du da drin eigentlich gefunden?" erkundigte sich Toranaga. Madeleine erzählte in knappen Worten von dem Altar und den Verträgen - und mußte plötzlich Elena auffangen, die ohne einen Laut zusammenbrach. Rasch stellte sie fest, daß die Sterbliche nur bewußtlos war; sie atmete und ihr Herz schlug zwar langsam, aber kräftig und regelmäßig. Vorsichtig ließ sie ihren Schützling zu Boden gleiten und bettete ihren Kopf in ihren Schoß.

William kam wieder nach draußen, warf einen Blick auf Elena und stellte fest: "Wir können sie in dem Zustand nicht zur Herberge transportieren. Und da das Haus jetzt ja wohl ohnehin uns gehört, können wir auch gleich hierbleiben. Ich suche ein Schlafzimmer für sie." Ohne die Kommentare seiner Geschwister abzuwarten, hob er Elena hoch und trug sie ins Haus. Toranaga sah ihm nach und seufzte.

"Ich gehe Irian suchen", erklärte er. "Sie soll zur Herberge zurückfliegen und unsere Ghoule packen schicken."

Madeleine nickte. "Ich werde inzwischen schauen, ob ich hier etwas trinkbares finde. Diese Nacht ist wirklich überaus anstrengend."

 

Gut eine Stunde später kehrte die Lasombra gesättigt zum Haus zurück. Unterwegs traf sie auf den mittlerweile recht umfangreichen Troß ihrer Bediensteten, die (zweifellos angetrieben von Irian und von Mogs Organisationstalent) in rekordverdächtiger Zeit alles zusammengeräumt hatten und jetzt mit Sack und Pack kurz vor der Villa angekommen waren. Sie begleitete den Zug zum Haus und gesellte sich dann zu Toranaga und Irian, die vor den Ghoulen zurückgekommen war und den Japaner beim gründlichen Durchsuchen des Gebäudes unterstützte.

"Wir haben hier insgesamt acht Stellen gefunden, an denen Rituale vorbereitet waren, oder vielmehr, sieben vorbereitete und eine, wo anscheinend schon alles passiert war. Julius scheint hier eine größere Sache geplant zu haben", berichtete die Gangrel. "Wir wissen noch nicht genau, was es hätte werden sollen, aber es sieht ziemlich ungesund aus."

"Außerdem", ergänzte Toranaga, "haben wir in einem Geheimraum im Keller einen Sarkophag gefunden. Darin liegt ein Setit, der offenbar magisch darin festgehalten wird. Nein, wir haben den Sarkophag nicht aufgemacht", fügte er schnell hinzu, als er Madeleines entsetzten Gesichtsausdruck bemerkte. "Sein Herz steht in einer magisch versiegelten Urne - die wir auch nicht geöffnet haben - daneben. Ich glaube, wir wissen jetzt, was Michael meinte, als er davon sprach, daß mit dem Anwesen hier Verantwortung verbunden wäre..."

Madeleine nickte. "Wächter", sagte sie. "Wir sollen dafür sorgen, daß der Kerl im Sarg, wer immer er ist, auch drin bleibt."

Sie erkundeten noch einige Zeit die übrigen Räume. Mog kümmerte sich mit gewohnter Effizienz darum, daß die Leichen unauffällig verschwanden und die Zimmer hergerichtet wurden. Schließlich, kurz vor Sonnenaufgang, machte sich Madeleine auf die Suche nach William. Sie fand ihn in einem der Schlafzimmer im Obergeschoß, wo Elena reglos im Bett lag. Madeleine konnte seinen Schmerz fast selbst spüren. Ohne nachzudenken trat sie auf ihn zu und nahm ihn in die Arme.

"Sie kommt wieder in Ordnung. Alles, was sie braucht, ist Zeit und viel Ruhe", murmelte sie in sein Ohr. Er vergrub kurz den Kopf an ihrer Schulter. "Ich hoffe, du hast recht", antwortete er leise.

Schließlich riß er sich zusammen und machte sich los. "Ich glaube, das ist keine gute Idee. Nicht, nachdem..."

Sie wandte sich ab. "Ich weiß. Ich wünschte wirklich, mir wäre eine andere Möglichkeit eingefallen..."

Er unterbrach sie. "Es gab keine. Du hast das richtige getan, auch wenn wir jetzt eben mit den Folgen zurechtkommen müssen."

"Dir ist klar, warum ich es getan habe, oder?" Sie sah ihn an.

Er nickte. "Du hast verhindert, daß ich zum Mörder wurde. Dafür bin ich dir dankbar. Es kann nicht besonders angenehm sein, inmitten von Leichen zu sich zu kommen und zu begreifen, daß man dafür verantwortlich ist."

"Es ist furchtbar." Etwas am Klang ihrer Stimme ließ ihn aufhorchen.

"Ich kann es mir vorstellen", begann er, aber sie unterbrach ihn.

"Nein. Das kannst du nicht, und du solltest hoffen, daß das auch so bleibt." Sie starrte in die Ferne, als sie mit tonloser Stimme fortfuhr: "Damals, als dieser Bastard, dessen Namen ich nicht einmal kenne, mir Kains Blut gab... da gab er mir gerade soviel davon, wie nötig war, um mich zu wecken. Du weißt selbst, wie schlimm der erste Hunger ist. Ich war auf nichts vorbereitet. Er weckte mich auf - und dann stand er daneben und sah zu, wie ich über meine Schwestern herfiel. Wir waren ein kleines Kloster, ein gutes Dutzend Nonnen, mehr nicht. Als ich wieder klar denken konnte, lagen sechs von ihnen tot vor mir, und das Kloster brannte."

"Mein Gott", flüsterte William.

Madeleine lachte bitter. "Der hat ihnen nicht geholfen. Und mir auch nicht. Es ist fast zwölf Jahre her, und ich sehe sie immer noch vor mir." Ohne ihn noch einmal anzusehen, wandte sie sich ab und öffnete die Tür. "Schlaf gut", sagte sie, und ging.

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