Kapitel 4
[home]

[bibliothek]
[links]

[kontakt]

Williams Laune war, wie so oft in den letzten Nächten, nicht gerade die beste. Die Audienz bei den Prinzen letzte Nacht war nicht allzu erfreulich verlaufen. Michael hatte ihnen noch einmal offiziell die Aufsicht über die Villa übertragen. Offenbar war ihm sehr daran gelegen, daß das Haus ständig bewohnt, oder vielmehr, bewacht wurde. Er hatte die Geschwister vor eine Wahl gestellt: sich entweder endgültig hier niederzulassen, mit allen Pflichten und Privilegien von Bewohnern der Stadt, oder nach einem Jahr und einem Tag abzureisen, in welchem Fall jeder von ihnen einen Nachfolger zu erschaffen und zurückzulassen hatte. Wie man es auch drehte, sie würden für mindestens ein Jahr hier festsitzen, und dann würde es mit der Weiterreise nach Jerusalem recht knapp werden. Sie mußten nächstes Jahr zur Wintersonnenwende dort sein und einen Weg gefunden haben, wie sie die Grabeskirche betreten konnten, ohne von der Heiligkeit des Ortes vernichtet zu werden. Dort mußte das Ritual stattfinden, und falls sie den Zeitpunkt versäumten, würde es über tausend Jahre dauern, bis die nächste Gelegenheit kam. Alles in allem waren das wenig angenehme Aussichten.

Beim Aufwachen war William sofort der Lärm draußen aufgefallen, der auf hektische Betriebsamkeit auf dem Korridor schließen ließ. Es klang nach deutlich mehr Leuten, als seiner Meinung nach das Recht gehabt hätten, vor seinem Schlafzimmer unterwegs zu sein. Der Sache mußte auf den Grund gegangen werden.

"James!"

"Guten Abend, Sir."

Die Geschwindigkeit, mit der der Ghoul auftauchte, mußte bedeuten, daß er vor der Tür Wache gehalten hatte. Wenigstens etwas, aber es reichte nicht, um William milde zu stimmen.

"Was ist das für ein Aufstand da draußen?"

"Nun ja, Ihr wißt doch, das neue Personal, das heute kommen sollte... Die Leute sind heute morgen angekommen und Mog hat sie gleich eingeteilt..." Ein Blick auf seinen Herrn ließ ihn verstummen.

"Soll das etwa heißen", erkundigte sich William gefährlich leise, "daß vor unseren Schlafzimmern Sterbliche herumlaufen? Noch dazu welche, die wir nicht kennen?"

James schluckte. "So könnte man das..."

"Wo ist Mog?"

"Ich glaube, im Erdgeschoß", murmelte James kaum hörbar. William verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer und ignorierte das erleichterte Aufatmen seines Dieners.

Im Erdgeschoß traf er Madeleine, die wie üblich schon wach war und gerade von draußen hereinkam.

"Hast du Mog gesehen?" fragte er statt einer Begrüßung.

"Da hinten. Laß mich raten, dir ist das hier auch etwas zu lebhaft?"

Als Antwort gab er nur ein Knurren von sich und wandte sich in die Richtung, in die sie gezeigt hatte. In der Eingangshalle fand er Mog, der offenbar voll in seinem Element war: Um ihn herum wimmelten einige Diener mit Möbeln und Gepäckstücken durcheinander, während Mog wie ein Aufseher in der Mitte stand und sie dirigierte.

"Nein, der Teppich soll nach oben, der große Tisch kommt in den Blauen Salon... 'n Abend, Sir. Mylady", ein Nicken in Madeleines Richtung, die ihrem Bruder gefolgt war. William blieb mit verschränkten Armen an der Tür stehen und sah sich das Ganze einige Augenblicke an. Schließlich bemerkte Mog doch, daß etwas nicht stimmte.

"Wünscht Ihr etwas, Sir?"

William winkte ihn wortlos in einen Nebenraum. Die Diener, die darin gerade damit beschäftigt waren, irgendetwas auszupacken und einzuräumen, warfen einen Blick auf ihn und flohen. Mog folgte den beiden Vampiren, schloß die Tür hinter sich und bereitete sich innerlich auf ein Donnerwetter vor.

"Was denkst du dir dabei, Sterbliche tagsüber in die Nähe unserer Schlafzimmer zu lassen?" fragte William kalt.

"Nun, dies ist ein großes Haus, es muß eingerichtet werden. Und jeder von Euch hatte einen Ghoul als Wache vor der Tür..."

"Du hast anscheinend vergessen, daß es hier nicht besonders sicher ist, auch wenn das Haus offiziell uns gehört. Du hast recht, es ist ein großes Haus, da wird es doch wohl möglich sein, die Leute tagsüber anderswo zu beschäftigen als ausgerechnet in unserer Nähe."

"Im Übrigen", warf Madeleine jetzt ein, die Williams Bedenken durchaus teilte, "ist es ja schön und gut, Wachen vor der Tür stehen zu haben, aber auch die können ihre Arbeit besser machen, wenn klar ist, daß da oben vor Sonnenuntergang niemand etwas verloren hat."

Mog gab sich geschlagen. "Ich werde die Organisation noch einmal überdenken. Ich bin sicher, mir fällt etwas ein, wie man das günstiger verteilen kann."

"Davon gehe ich aus", sagte William. Während der Ghoul erleichtert, noch einigermaßen glimpflich davongekommen zu sein, den Raum verließ, wandte sich William an Madeleine.

"Ich gehe nach Elena sehen. Und wenn Irian wach ist, sollten wir endlich mal etwas wegen Morpheus unternehmen. Diese Untätigkeit bekommt mir nicht."

"Das stimmt", murmelte sie und sah ihm hinterher.

 

"Das sieht nicht sehr einladend aus", bemerkte Irian, und Madeleine mußte ihr rechtgeben. Die Geschwister standen im Schatten einer Seitengasse und sahen zum Leuchtturm hinüber. Madeleine bedauerte, daß Toranaga wieder einmal verschwunden war (was neben Mogs Fehlplanung bezüglich der neuen Diener zweifellos ein weiterer Grund für Williams schlechte Laune war). Gegen den Turm vorzugehen würde nicht einfach werden, da wäre der Samurai eine echte Hilfe gewesen, ganz abgesehen davon, daß die Sorge um seinen Freund William mehr ablenkte, als gut war. Nun ja, er war nicht da, also würde man sehen müssen, was mit den vorhandenen Mitteln zu erreichen war. Sie sah Irian an.

"Wir sollten uns das mal von oben anschauen, Schwester. Vielleicht können wir durch die Fenster etwas erkennen."

Die Gangrel nickte zustimmend und begann, sich auf die Verwandlung zu konzentrieren. Manchmal hatte Madeleine den Eindruck, daß Irian sich als Fledermaus beinahe wohler fühlte als in ihrer menschlichen Gestalt. Irgendwie konnte sie das auch verstehen. So wie die Lasombra mit den Schatten, waren die Gangrel mit dem Tier verbunden. Als sie selbst es das erste Mal geschafft hatte, ihre Schattengestalt anzunehmen, hätte sie sich am liebsten nicht mehr zurückverwandelt. Es war fast wieder so wie in der Geisterwelt gewesen, wo die Schatten ihr besonders nahe gewesen waren...

Etwas ärgerlich über sich selbst wischte Madeleine diese Gedanken beiseite. Irgendwie war sie heute Nacht abgelenkt. Sie würde sich wieder besser in den Griff bekommen müssen. Rasch verwandelte sie sich und schwebte als undurchdringliche schwarze Wolke hinter der Fledermaus her, die bereits auf den Turm zuflatterte.

Irian zog ein paar Kreise und gewann dabei allmählich an Höhe. Schließlich wagte sie sich näher an den Turm heran. Das Leuchtfeuer ganz oben brannte hell, aber keines der Fenster war erleuchtet. Wozu auch, wenn da drin ein Lasombra hauste. Die waren ja bekanntlich noch lichtscheuer als die restliche Verwandtschaft...

Irian reagierte, ehe sie den heranfliegenden Armbrustbolzen bewußt registrierte. Sie schlug einen eleganten Salto und wich dem Geschoß aus. Hastig stieg sie noch einige Meter auf und versuchte festzustellen, von wo der Bolzen gekommen war. Und dann bemerkte sie die Gestalten auf dem Dach des Turms. Gargoylen, so ein Mist, dachte sie und stieß steil nach unten, um William Bescheid zu geben.

Madeleine ließ sich Zeit. Sie wußte, daß sich in dem Turm mindestens ein Lasombra aufhielt, der beim Anblick eines Schattenwesens sofort Bescheid wissen und gewarnt sein würde. Vorsichtig jede sich bietende Deckung ausnutzend, schwebte sie über die Dächer der umstehenden Häuser, floß dann an einer Hauswand herab zu Boden und kroch die letzten Meter über das unbebaute Gebiet direkt am Turm. Niemand schien sie bemerkt zu haben. Langsam glitt sie dicht an der Außenwand nach oben. An einem der Fenster stutzte sie kurz. Sie hatte den Eindruck, als sei es dahinter viel dunkler, als es selbst zu dieser Nachtstunde hätte sein dürfen...

Im selben Moment, als ihr das klar wurde, schoß aus dem Fenster ein absolut schwarzer Schemen hervor. Madeleine reagierte instinktiv und ergriff die Flucht. Jede jetzt sinnlos gewordene Vorsicht aufgebend, flog sie in gerader Linie auf die nächsten Häuser zu, weg von der Seitengasse, wo William wartete.

 

William sah seinen Schwestern etwas mißmutig nach. Es behagte ihm nicht sonderlich, hier zur Untätigkeit verurteilt zu sein, während die beiden sich umsahen. Schließlich kam ihm der Gedanke, die umliegenden Häuser etwas genauer in Augenschein zu nehmen. Immerhin gehörte das Gebiet bis hierher jetzt offiziell zu ihrem Einflußbereich, womit auch das Problem erledigt war, einen passenden Keller für den Tunnelbau anzumieten - sie konnten sich einfach einen günstigen aussuchen. Nachdenklich musterte der Ventrue die Häuser, ehe er sich für eins davon entschied. Es war ein kleines, nicht sonderlich gepflegtes Gebäude am äußersten Rand des bebauten Gebiets. William warf einen Blick nach oben, stellte fest, daß Irian noch da war, während von Madeleine erwartungsgemäß nichts zu sehen war, und ging zu dem Haus. Auf sein Klopfen öffnete ein Mann mittleren Alters, dessen leicht heruntergekommenes Aussehen dem seines Domizils entsprach. Ein Hafenarbeiter oder etwas ähnliches vermutlich. William hatte ihn offenbar geweckt, besonders munter sah er nicht aus.

"Was wollt Ihr?" fragte der Mann verschlafen.

"Euren Keller inspizieren", antwortete William, schob ihn beiseite und trat seelenruhig ein.

Etwas verwirrt sah ihm der Bewohner nach. "Aber Ihr könnt doch nicht einfach..."

William drehte sich um und sah ihm in die Augen. "Schlaf", sagte er fast gelangweilt. "Und wenn du aufwachst, erinnerst du dich nicht an mich."

Der Mann sackte gehorsam zu Boden und begann Augenblicke später friedlich zu schnarchen. William ignorierte ihn und schaute sich nach der Kellertreppe um. Manchmal war es fast zu einfach.

 

Irian ahnte den nächsten Angriff, ehe er kam. Sie ließ sich einige Meter nach unten fallen und drehte eine enge Schleife, während über ihr ein weiterer Armbrustbolzen genau da vorbeipfiff, wo sie sich eben noch befunden hatte. Im Fallen bemerkte sie, daß die Gargoylen auf dem Dach sich tatsächlich bewegt hatten. Die Dinger lebten also wirklich, und sie schossen nicht einmal schlecht. Innerlich fluchend schlug sie einen weiteren Haken und schoß auf die sichere Deckung der Häuser zu.

Madeleine erreichte das erste der Dächer, flog um den Kamin herum und suchte nach einem passenden Versteck. Ihr Verfolger konnte sie zwar in dieser Form nicht direkt angreifen, genausowenig wie sie ihn, trotzdem legte sie keinen Wert auf einen näheren Kontakt. Zum Glück konnte sie sich als Schatten in der kleinsten Ritze verstecken, und wenn sie erst einmal im Mauerwerk verschwunden war, würde kein Verfolger sie aufspüren können. Als sie sich umschaute, bemerkte sie jedoch, daß der andere sich offenbar damit zufriedengab, sie vom Turm vertrieben zu haben. Er schwebte in einigen Metern Entfernung, aber noch innerhalb der freien Fläche, und schien abzuwarten, was sie als nächstes unternahm. Die Lasombra hatte jedoch vorerst nicht die Absicht, irgendetwas zu unternehmen. Sie nutzte stattdessen die Gelegenheit, sich den anderen genauer anzusehen. Es war ohne weiteres möglich, daß sie hier Morpheus vor sich hatte, von dem sie wußte, daß er die Kunst der Verwandlung ebenfalls beherrschte. Sie konzentrierte sich auf seine Aura, und tatsächlich erkannte sie gleich darauf ein Muster aus unnatürlich bleichen Farben, das den Schatten umgab. Das Muster war ihr jedoch unbekannt, offenbar hatte sie es hier nicht mit dem Spanier zu tun. In diesem Moment sah sie William aus einem der Häuser treten. Nach einem letzten Blick, um sich zu vergewissern, daß der Fremde ihr tatsächlich nicht weiter folgte, floß sie vom Dach herunter und bewegte sich auf einem Umweg zu ihm in die Seitengasse, wo sie fast gleichzeitig mit Irian eintraf.

Irian landete in der Gasse, verwandelte sich zurück und begann zu berichten. Sie hatte kaum begonnen, als Madeleine (jedenfalls nahm sie an, daß dieses formlose und irgendwie unangenehme dunkle Gebilde Madeleine war) aus einer Mauerritze neben William hervorquoll. William wich einen Schritt beiseite und warf einen unbehaglichen Blick auf den wabernden schwarzen Schemen, der in der Luft hängenblieb und keine Anstalten machte, wieder zu Madeleine zu werden. Und da drüben vor dem Turm hing noch so ein Ding... Sehr weit war die Lasombra offenbar auch nicht gekommen.

"Gargoylen also", sagte er nachdenklich, als Irian fertig war. "Das riecht nach Tremere. Keine besonders guten Nachrichten, würde ich meinen."

Irian nickte. "Ich denke, hier können wir vorerst nichts mehr erreichen. Wir sollten nach Hause gehen und gründlich planen, ehe wir uns mit denen da drin anlegen."

William warf einen fragenden Blick zu Madeleine. Die formte sich zu einer entfernt menschenähnlichen Gestalt und gab ein zustimmendes Nicken von sich, ehe sie nach oben davonschwebte. Irian sah der sich rasch entfernenden Wolke mit einem Schaudern nach.

"Komm, laß uns verschwinden."

 

Madeleine hatte beschlossen, die Gelegenheit zu nutzen und die Verteidigungsbereitschaft ihrer Wachmannschaft auf die Probe zu stellen. Keiner ihrer Ghoule hatte sie bisher in ihrer Schattengestalt gesehen, andererseits war ihnen schon vor Tagen gesagt worden, daß Morpheus diese Fähigkeiten zur Verfügung standen und man auf derartige Angriffe gefaßt sein mußte. Es würde sich zeigen, ob die Warnung etwas genutzt hatte. Am Haus angekommen, kroch sie an der Wand nach oben und durch einen Fensterspalt in das dahinterliegende Zimmer. Der Raum lag auf dem selben Flur wie die Schlafzimmer der Geschwister, war im Moment aber leer. Draußen auf dem Korridor konnte sie jedoch jemanden hören. Madeleine verformte ihren Schattenkörper und zog blitzartig durch das Schlüsselloch nach draußen - wo sie direkt vor William von Baskerville erschien. Entsetzt riß der Ghoul die Augen auf, dann reagierte er. Er stieß einen schrillen Pfiff aus, warf sich herum und stürzte ins nächste Zimmer. Neugierig folgte Madeleine ihm, um zu sehen, was er als nächstes tun würde. Unterdessen ertönten aus dem Erdgeschoß weitere Pfiffe. Baskerville griff in einen Schrank, zog eine Fackel hervor und entzündete sie an einer bereitstehenden Kerze. Die Flamme angriffsbereit in der Hand, wirbelte er herum und bewegte sich drohend auf den Schatten zu. Das reichte jetzt, entschied Madeleine, die wenig Lust verspürte, mit der lodernden Fackel in näheren Kontakt zu kommen. Ehe Baskerville zuschlagen konnte, verwandelte sie sich zurück. Fassungslos starrte er sie an, ehe er die Fackel langsam sinken ließ. Dann pfiff er erneut, was ebenfalls aus dem Erdgeschoß beantwortet wurde. Er ging zum Kamin, trat dort die Fackel sorgfältig aus und drehte sich zu ihr um.

"Haben wir bestanden?" fragte er, und ließ sich in einen Sessel sinken, wo sich sein Herzschlag langsam wieder beruhigte.

"Ich bin beeindruckt", gab Madeleine zu. "Das war eine erstklassige Reaktion. Da hat sich jemand genau daran erinnert, was ich vor ein paar Tagen über Schattengestalten und Feuer gesagt habe."

Er nickte. "Mog hat dafür gesorgt, daß überall Fackeln bereitliegen. Er hat aber nicht erwähnt, daß du... daß Ihr das auch könnt."

Madeleine lächelte. "Das weiß er auch nicht. Ich habe diese Fähigkeit noch nicht sehr lange... erst, seit ich in der Geisterwelt diesen engen Kontakt mit den Schatten hatte. Es weiß kaum jemand davon."

"Das sollten wir beibehalten, das kann nur von Vorteil sein", meinte er.

Sie nickte. "Allerdings", sagte sie, beugte sich zu ihm hinab und küßte ihn. Als sie vom Flur Schritte hörte, richtete sie sich auf und seufzte. "Die anderen scheinen auch zurück zu sein. Dann ist es wohl Zeit für einen Kriegsrat." Sie zwinkerte ihm zu. "Erhol dich von dem Schrecken. Wir sehen uns später."

 

"Ich denke, ich werde mal sehen, wie sicher wir in unserem neuen Haus sind", sagte William zu Irian, als sie noch eine Straße von der Villa entfernt waren.

"Willst du bei uns einbrechen?"

"Genau", grinste er, winkte ihr zu und machte sich auf den Weg. Er schlug einen Bogen und kam an der hinteren Gartenmauer an. Ein kurzer Blick überzeugte ihn, daß die paar Gestalten, die noch auf der Straße waren, in irgendwelchen Ecken schliefen und nicht auf ihn achteten. Die Mauer war kein Hindernis. Zwei katzengleiche Sprünge beförderten ihn von da aufs Dach. Der Ventrue kauerte auf einem Vorsprung und sah sich um. Aus dem Innenhof waren leise Stimmen zu hören, irgendjemand unterhielt sich da offenbar. Von da, wo er saß, konnte er problemlos über das Dach eines Balkons zum Atrium gelangen. Das Dach war mit Schieferplatten gedeckt, die möglicherweise Lärm machen würden, aber er traute sich zu, das zu vermeiden. Er stieß sich von seinem Vorsprung ab und landete sicher und fast ohne einen Laut. Das Stimmengemurmel im Atrium hatte sich nicht verändert, offenbar war er unbemerkt geblieben. Mühelos glitt er auf den Balkon herab und blieb einen Augenblick im Schatten stehen. Unten auf dem Hof unterhielt sich James gerade mit Markus. Der Ghoul schien tatsächlich nichts mitbekommen zu haben. Markus zunächst auch nicht - aber dann bemerkte William für einen winzigen Moment ein rotes Aufglühen in seinen Augen. So schnell wie es gekommen war, erlosch es wieder, und Markus ließ sich nicht anmerken, daß er William gesehen hatte. Der Ventrue schwang sich über das Balkongeländer und landete mit einem eleganten Sprung lautlos hinter James. Es dauerte einen viel zu langen Moment, ehe der mitbekam, daß sie plötzlich zu dritt waren. Erschrocken fuhr er herum und seufzte erleichtert, als er seinen Herrn erkannte.

"Ihr seid es... verzeiht, ich habe Euch nicht gehört."

"Das habe ich gemerkt", knurrte William. "Nennst du das vielleicht Wache?"

James schien ein Stück kleiner zu werden, war aber klug genug, keine Entschuldigung zu versuchen. William wandte sich an Markus.

"Ist Madeleine schon da?"

Der Gangrel zuckte die Schultern. "Gesehen habe ich sie nicht, aber vor ein paar Minuten hat William im Obergeschoß Alarm gegeben und gleich darauf Entwarnung. Könnte sein, daß sie das gewesen ist."

William nickte und wandte sich zum Gehen. "Ich werde mal nachsehen. Und sorgt dafür, daß hier etwas unternommen wird. Es war lächerlich einfach, hereinzukommen, das kann so nicht bleiben."

Drinnen blieb er einen Moment stehen und lauschte. Wenn er sich darauf konzentrierte, waren seine Ohren so scharf wie die eines Luchses, und gerade im Moment interessierte es ihn sehr, was James und Markus noch zu bereden hatten.

"Was für eine Blamage", murmelte James. "Ich habe ihn tatsächlich nicht bemerkt, bis er direkt hinter mir stand."

"Das habe ich gesehen", antwortete Markus heiter.

"Sag bloß, du hast gewußt, daß er da ist?"

"Ich habe gesehen, wie er vom Dach heruntergekommen und auf dem Balkon gelandet ist, ja."

"Und es ist dir vermutlich nicht in den Sinn gekommen, mich mal zu warnen?"

"Wozu?" Der Ventrue konnte Markus' breites Grinsen förmlich sehen. "Ich habe gesehen, daß es William war, also keine Gefahr, und ich wollte ihm den Spaß nicht verderben."

"Vielen Dank", knurrte James sarkastisch. William schüttelte belustigt den Kopf und machte sich auf die Suche nach seinen Schwestern.

 

"Gut, dann wäre ja soweit alles klar." William sah in die Runde. "Mog nimmt sich morgen ein paar Leute, sorgt dafür, daß das Haus am Hafen ab sofort von einem unserer Ghoule bewohnt wird und fängt an, möglichst unauffällig einen Tunnel anzulegen."

Mog nickte. "Sollte kein Problem sein. Am Hafen ist tagsüber genug Lärm, daß das nicht auffallen sollte, und die Säcke mit dem Abraum können wir vorläufig im Haus einlagern. Das müßten wir hinkriegen."

"Hoffentlich besser als verschiedene andere Dinge, die ich heute so gesehen habe", konnte William sich nicht verkneifen, hinzuzufügen. Mog wurde rot und sagte nichts.

Irian stand auf. "Sehe ich das richtig, daß wir heute Nacht nichts mehr unternehmen können?"

Madeleine grinste. "Ja, du kannst dich wieder deinem Kasten widmen gehen."

Ungewohnt ernst schüttelte die Gangrel den Kopf. "Nein. Ich sollte mich mal mit Markus unterhalten. Bis dann", und weg war sie.

Die anderen sahen ihr nach. "Das Nachfolgeproblem, würde ich vermuten", murmelte Madeleine, ehe sie sich an ihren Bruder wandte. "Du siehst aus, als könntest du ein bißchen Aufmunterung vertragen. Ich habe ziemlichen Hunger und möchte unsere Herde nicht über Gebühr strapazieren. Was hältst du von einem Spaziergang?"

"Gerne", antwortete er. "Es kann nicht schaden, wenn wir das Viertel hier ein bißchen besser kennenlernen."

"Das auch", stimmte sie zu und nahm seinen Arm.

 

Eine halbe Stunde später war Madeleine immer noch hungrig. Wahrscheinlich war es einfach schon zu spät - die Gefäße, die jetzt noch auf der Straße waren, lagen mehr oder weniger betrunken und in jedem Fall nicht besonders appetitlich in irgendwelchen Ecken oder Hauseingängen. William war die ganze Zeit recht schweigsam gewesen. Zu seiner Sorge um Elena war jetzt auch noch die um Toranaga hinzugekommen. Madeleine war sein Schweigen ganz recht gewesen. Sie hatte ihren eigenen Gedanken nachgehangen, und die hätten ihrem Bruder ohnehin nicht gefallen. Seit er von ihrem Blut getrunken hatte, war er natürlich eifersüchtig auf ihren Ghoul, auch wenn er sich das die meiste Zeit nicht anmerken ließ. Und das machte ihn nicht gerade zu einem geeigneten Zuhörer für das, was sie im Moment so beschäftigte.

Sie wollte gerade vorschlagen, zurückzugehen und sich doch an ihrer Herde gütlich zu tun, als sie ein inzwischen bekanntes Geräusch hörten: schwere Stiefel im Gleichschritt und Gebetsgemurmel. Irgendwo hinter der nächsten Ecke war eine Patrouille unterwegs. Hastig zogen sich die beiden in die Dunkelheit eines Hauseingangs zurück und sahen sich an. William hob fragend eine Augenbraue.

"Ich weiß nicht...", beantwortete sie zögernd seine unausgesprochene Frage. "Das könnte Ärger geben."

Er zuckte die Schultern. "Mit wem? Im Übrigen dachte ich, du magst Kirchenvolk?"

Madeleine seufzte. "Du bringst mich ja schwer in Versuchung..." Die Schritte kamen näher. "Na gut, laß uns mal sehen, wie heilig die edlen Streiter wirklich sind."

Er grinste. "In der Tat. Mylady, darf ich bitten?" Mit einer übertrieben höflichen Verbeugung bot er ihr den Arm. Sie legte ihre Hand darauf, und sie traten aus dem Schatten, als die Patrouille kurz vor ihnen um die Ecke bog. Es handelte sich wie üblich um vier Kämpfer, die von einem Priester mit einem Weihrauchkessel angeführt wurden. Der Weihrauch biß Madeleine etwas unangenehm in die Nase, aber ansonsten war nichts zu spüren. Allzuweit konnte es mit der Überzeugung des guten Mannes also nicht her sein. Als die beiden plötzlich vor ihm auftauchten, hob der Priester die Hand und hielt die ganze Mannschaft an.

"Guten Abend, die Herrschaften. Habt Ihr Euch verlaufen?" Das leichte Mißtrauen in seiner Stimme war nicht zu überhören. William lächelte gewinnend und ließ seinen Charme spielen. Er war gut darin, das mußte Madeleine neidlos anerkennen. Daß er sich nicht allein auf seine natürliche Ausstrahlung verließ, sondern das Ganze mit seinen Fähigkeiten subtil unterstützte, fiel nur ihr auf.

"So ist es. Wir sind wirklich sehr froh, Euch zu sehen."

Die fünf waren von seiner Erscheinung sichtlich beeindruckt. "Dies ist kein sicheres Gebiet für Herrschaften von Stand, schon gar nicht um diese Uhrzeit. Wenn Ihr gestattet, geleiten wir Euch und Eure Dame zu einer Herberge."

William nickte gnädig. "Das wäre sehr freundlich, ja."

Der Priester wandte sich an seine Leute. "Männer, wir eskortieren die Herrschaften zum 'Goldenen Krug'. Marsch!"

Die Soldaten setzten sich in Bewegung, der Priester mit den beiden Vampiren vorneweg. Madeleine hatte Mühe, sich das Lachen zu verbeißen, als er anfing, angeregt Konversation mit seinen beiden vermeintlichen Schützlingen zu betreiben.

"Es ist ja eine solche Beruhigung, zu wissen, daß so fähige Kämpfer hier für Ordnung und Sicherheit sorgen", schnurrte sie und lächelte ihn bewundernd an. Sichtlich geschmeichelt, fuhr er fort, sich über die Stadt und ihre Geschichte auszulassen - und über die überaus gefährlichen Dinge, die hier nachts die Straßen unsicher machten.

Nach etwa einer Viertelstunde erreichten sie schließlich ein Haus, das ein Schild über der Tür als die Herberge 'Zum Goldenen Krug' auswies. Allmählich wurde es auch Zeit, fand Madeleine, der der Weihrauch in den letzten paar Minuten doch zu schaffen gemacht hatte.

"Laß uns die Komödie beenden", flüsterte sie William zu, als der Priester einem seiner Männer den Befehl gab, die Wirtsleute zu wecken. William nickte.

"Ich glaube, das wird nicht nötig sein", sagte er zu dem Soldaten, der gerade an die Tür klopfen wollte, und hielt seinen Arm fest. Der sah verwirrt zu seinem Kommandanten, der offenbar auch nicht so ganz begriff, was hier gerade vorging.

"Kümmerst du dich bitte um die vier?" fragte Madeleine.

"Natürlich", nickte William.

"Danke", antwortete sie und machte einen Schritt auf den Priester zu.

"Wie Ihr schon sagtet, es ist eine unsichere Gegend", sagte sie und ließ ihn ihre Zähne sehen, ehe sie zubiß.

"Im Namen Jesu..." Weiter kam er nicht mehr, bevor sie seine Halsschlagader fand und die Welt für ihn in einem unvorstellbaren Glücksgefühl unterging.

William stellte inzwischen mit gewohnter Effizienz die Soldaten ruhig. Drei der vier waren immer noch dermaßen von ihm beeindruckt, daß sie ohnehin nichts gegen ihn oder Madeleine unternommen hätten. Der vierte, der offenbar etwas eigensinniger war als seine Kameraden, sank auf seinen Befehl hin schlafend zu Boden. William überzeugte sich, daß die Lage unter Kontrolle war und sah sich nach seiner Schwester um. Die ließ gerade von dem Priester ab, ohne ihm ernsthaft geschadet zu haben.

Ihr Opfer glitt matt zu Boden und begann zu murmeln: "Vater unser, der Du..." Rasch hielt Madeleine ihm den Mund zu und sah ihm tief in die Augen.

"Schlaf - und vergiß", befahl sie, und er schlief gehorsam ein.

"Satt?" fragte William.

"Beinahe", antwortete sie, und nahm noch einen Schluck von einem der Soldaten. Anschließend war es eine Sache von Augenblicken, dafür zu sorgen, daß die Leute sich an nichts erinnerten. Der Priester würde sich morgen vielleicht fragen, woher seine Kopfschmerzen und diese seltsame Müdigkeit kamen, aber das war alles. William nickte zufrieden und sah Madeleine an.

"Und was stellen wir jetzt an? Bis Tagesanbruch sind es noch ein paar Stunden..."

"Es freut mich, zu sehen, daß es dir anscheinend besser geht", bemerkte sie trocken. "Was den weiteren Ablauf der Nacht angeht, bin ich offen für Vorschläge."

Er lächelte plötzlich. "Wollen wir tanzen gehen? In einer der Tavernen am Hafen ist sicher noch etwas los."

Sie lächelte zurück. "Du denkst an Florenz, nicht wahr?"

Er nickte. "Es muß ja diesmal nicht wieder so unerfreulich enden wie dort."

"Einverstanden, laß uns gehen. Sollten wir irgendwelchen Ravnos begegnen, können wir ja die Flucht ergreifen."

 

Es waren schätzungsweise noch anderthalb Stunden bis Sonnenaufgang, als die beiden zu ihrem Haus zurückkamen. William geleitete seine Schwester zu ihrer Tür und verabschiedete sich mit einer eleganten Verbeugung und einem Handkuß, ehe er noch einmal nach Elena sehen ging. Madeleine betrat ihr Schlafzimmer und stellte fest, daß sich darin schon jemand aufhielt: in einem Sessel, ein aufgeschlagenes Buch auf den Knien, lag William von Baskerville. Offenbar hatte er auf sie gewartet und war darüber eingeschlafen. Madeleine schloß die Tür leise, um ihn nicht zu wecken, und trat neben ihn. Einen Moment lang betrachtete sie ihn. Er sah so friedlich aus, und nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, ihn unter anderen Umständen kennengelernt zu haben. Als Sterbliche, die er vielleicht wirklich hätte lieben können, anstatt von ihrem Blut zu einem Diener degradiert zu werden...

Plötzlich öffnete er die Augen, offenbar hatte er ihre Anwesenheit irgendwie bemerkt. Rasch stand er auf und verbeugte sich.

"Verzeiht, Mylady, ich muß eingeschlafen sein."

"Hast du etwa die ganze Nacht hier auf mich gewartet?" fragte sie.

"Nun, das Zimmer muß doch bewacht werden... im Übrigen habe ich hier ein Buch gefunden, das Euch vielleicht interessieren könnte. Ein höchst bemerkenswertes Werk über die Architektur dieses Hauses." Er reichte ihr das Buch, das er auf den Knien gehabt hatte und unterdrückte ein Gähnen.

"Geh schlafen", sagte sie sanft und nahm ihm das Buch aus der Hand. Er nickte, verabschiedete sich und ging. Madeleine setzte sich an den Tisch und begann zu lesen.

Eine Stunde später war ihr klar, daß sie sofort mit ihrem Bruder reden mußte. Wenn sie das, was sie gelesen hatte, richtig verstanden hatte, durfte Elena keinen Moment länger in diesem Haus bleiben. Gerade als sie das Zimmer verlassen wollte, um ihn zu suchen, hörte sie, wie er draußen auf dem Flur nach James rief. Sie öffnete die Tür.

"Elena muß hier weg", sagte sie, während William im selben Moment seinem Ghoul befahl: "Sag Angélique, sie soll Elenas Sachen packen, und dann schafft sie in eins der Nachbarhäuser. Und zwar schnellstens."

"Du hast es also gemerkt", stellte sie fest.

Er nickte. "Als ich sie angeschaut habe, habe ich auf einmal diese merkwürdigen Fransen an ihrer Aura gesehen... als hätte das Haus Wurzeln in sie getrieben und würde sie aussaugen. Aber woher weißt du davon?"

"William hat mir ein Buch gebracht, das er gefunden hat. Es ist nicht so ganz einfach zu verstehen; wer immer das geschrieben hat, hat sich Mühe gegeben, die wichtigen Sachen nur zwischen den Zeilen zu erwähnen. Aber wenn man einmal gemerkt hat, worauf man achten muß, findet man heraus, was mit diesem Haus nicht stimmt. Es ist als eine Art Gefängnis gebaut, allerdings ein, wie soll ich sagen, magisches. Und es vergiftet allmählich alle, die darin wohnen - es macht sie anfällig für das, was man vereinfacht das Böse nennen könnte. Sterbliche sind besonders gefährdet, auch wenn es selbst bei ihnen normalerweise Jahre dauert, bis der Einfluß voll zum Tragen kommt. Und wie wir gesehen haben, sind anscheinend auch Kainiten nicht immun dagegen. Wenn ich mich an das erinnere, was Julius hier vorbereitet hatte... Und Elena war schon angeschlagen, deswegen ging es bei ihr noch schneller als normalerweise bei Sterblichen. Solange sie hier ist, wird sie auch nicht gesund werden."

Er nickte grimmig. "Deswegen soll James sie auch hier wegschaffen. Und sorg für Bewachung", fügte er an seinen Ghoul gewandt hinzu.

"Ich melde mich freiwillig dafür", erwiderte der und ging, um Angélique beim Packen zu helfen.

Madeleine seufzte. "Und ich Dummkopf dachte tatsächlich für einen Moment, die Prinzen hätten uns einen Gefallen getan, als sie uns dieses Haus überließen... na gut, ich gebe zu, ich habe es nicht wirklich geglaubt."

William grinste schwach. "Und wenn man bedenkt, daß wir erst seit ein paar Nächten hier sind, kannst du dich ja wirklich auf das kommende Jahr freuen. Langweilig wird es uns hier sicher nicht."

"Das wäre doch aber mal ganz nett zur Abwechslung." Sie reckte sich. "Ich gehe schlafen, es ist bald Zeit. Mal sehen, was morgen Abend, wenn wir aufgewacht sind, so alles an Katastrophen passiert ist."

"Hör auf zu unken, du hast nämlich meistens recht damit. Gute Nacht, Schwester."

"Gute Nacht", erwiderte sie und zog sich zurück. Ich muß William morgen Abend unbedingt fragen, wo er dieses Buch her hat, war ihr letzter Gedanke, ehe die aufgehende Sonne sie übergangslos in den Schlaf schickte.

zurück weiter