Kapitel 5
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"Herein!"

Madeleine öffnete die Tür zu Williams Zimmer und trat ein. Ihr Ghoul saß an einem Tisch inmitten von Notizen und aufgeschlagenen Büchern, offenbar in Arbeit vertieft. Er hob den Kopf, um zu sehen, wer hereingekommen war und lächelte, als er Madeleine mit dem Buch im Arm sah.

"Ah, guten Abend. Ich hoffe, die Lektüre war interessant?"

"Allerdings, das war sie. Wo hast du das eigentlich gefunden?"

Er erhob sich und nahm ihr den schweren Wälzer aus den Händen. "In einem kleinen Laden im jüdischen Viertel. Eine wahre Schatzkammer, was Bücher angeht. Dieses hier fiel mir auf, weil ich schon vorher den Eindruck hatte, daß dieses Haus nach bestimmten Prinzipien gebaut ist. Und jetzt, wo ich mich etwas darin umgesehen habe, bin ich überzeugt davon."

"Du hast recht, das Haus wurde sehr sorgfältig geplant. Ich bin mir nicht sicher, ob ich alles richtig verstanden habe, deswegen würde ich gern einige Dinge hier drin mit dir besprechen."

"Nun, am besten gehen wir zusammen durch das Haus und sehen uns gründlich um. Ich habe das heute tagsüber zum Teil schon gemacht und bin an etlichen Stellen auf gut verborgene Inschriften gestoßen. Ich bin sicher, ich habe nicht alle gefunden, vielleicht finden wir zusammen noch mehr."

Als sie zustimmend nickte, sammelte er seine Notizen, einen Kohlestift und einen Stapel leere Blätter zusammen. "Gehen wir", sagte er fröhlich.

 

"Wie wir vermutet hatten - hier ist tatsächlich noch eine."

Madeleine nickte. "Das wären dann zwanzig. Und keine einzige, die wir lesen können."

Sie waren nach längerer Zeit an der Eingangstür angekommen. Die Inschriften waren zum Teil so gut verborgen gewesen, daß Madeleine sich fragte, wie William die ersten hatte finden können. Die Zeichen am Türrahmen waren das beste Beispiel dafür: mit bräunlicher Farbe auf das Holz gemalt, hoben sie sich fast nicht vom Untergrund ab. Man mußte schon wissen, wonach man suchte, damit sie auffielen. Und alle Schriftzüge bestanden aus so merkwürdigen Zeichen, daß sie zuerst gar nicht darauf gekommen wäre, daß es sich überhaupt um eine Schrift handelte. Zusammengesetzt aus kurzen senkrechten und waagerechten Strichen, hätte man die Zeichen ohne weiteres für Kratzer halten können, wären sie nicht so regelmäßig gewesen.

"Was macht ihr denn hier?"

Madeleine drehte sich um und sah ihren Bruder. "Das Haus absuchen." Sie erklärte ihm kurz, was sie suchten und was sie bisher gefunden hatten. William schien nachdenklich.

"Könnt ihr schon etwas über den Zweck dieser Inschriften sagen?"

"Nein. Im Moment tragen wir erstmal alles zusammen, was wir finden können, dann fangen wir an zu sortieren. Wie lange das dauert, kann ich nicht abschätzen."

"Ich gehe zu Elena", erklärte William. "Wir sollten uns später treffen und gemeinsam durchgehen, was ihr herausbekommen habt."

Madeleine nickte. "Sei um Mitternacht wieder hier. Vielleicht haben wir bis dahin etwas."

 

"Das sieht entfernt so aus wie Ogham-Schrift", bemerkte Irian, als sie sich die Abschriften ansah.

"Wie was, bitte?" erkundigte sich Madeleine.

"Keltische Schriftzeichen. Aber es sieht eben nur so ähnlich aus. Es wäre auch sehr merkwürdig gewesen, hier keltische Zeichen zu finden."

Madeleine hob die Schultern. "Langsam würde mich hier praktisch nichts mehr wundern. Kannst du das lesen?"

Die Gangrel schüttelte den Kopf. "Wir wissen ja nicht mal, in welche Reihenfolge das ganze gehört."

"Vier davon haben William und ich zusammengesetzt, jedenfalls glauben wir das, aber der Rest..."

"Insgesamt habt ihr zwanzig gefunden?" fragte William.

Madeleine nickte. "Das Haus ist als Fünfeck angelegt. An jeder Ecke haben wir vier Inschriften gefunden. Nicht alle am selben Platz, und teilweise auch nicht ganz exakt an den Ecken, aber im Großen und Ganzen kommt es schon hin. Und alle sehen so seltsam aus, außer denen, die im Keller bei dem Setiten sind. Das dürften vermutlich ägyptische Zeichen sein."

"Ich schlage vor", meinte William, "daß wir allmählich anfangen, uns Kontakte zu schaffen. Auf Dauer kommen wir ohne Informationen von jemandem, der sich hier auskennt, nicht weiter. Wenn alles nichts hilft, müssen wir wohl wieder ein Geschäft mit dem Nosferatu machen..."

"Wir sollten das hier erstmal für uns behalten", widersprach Madeleine. "Je weniger Leute davon wissen, um so besser. Was nicht heißt, daß ich es nicht prinzipiell für eine gute Idee halte, ein wenig die Fühler auszustrecken und unsere Nachbarn kennenzulernen."

William stand auf. "Und genau das werde ich jetzt tun. Ich reite zum Palast und lasse etwas meinen Charme spielen."

"Dann bleiben wir wohl besser hier, damit wir niemanden von dir ablenken", meinte Madeleine trocken und wandte sich an Irian. "Schwester, was hältst du davon, wenn wir versuchen, hier noch etwas Ordnung hineinzubekommen, während William den Hof bezaubert? Vielleicht kann uns ja auch dein Kasten weiterhelfen."

 

Madeleine ließ die Feder sinken und sah fast vorwurfsvoll auf ihre Notizen herab. Drei Stunden Arbeit, und sie waren kaum weitergekommen. Gerade eine weitere Inschrift hatten sie an die vier bereits sortierten anfügen können. Sie mußte sich allerdings auch eingestehen, daß es mit ihrer Konzentration heute Nacht wirklich nicht zum Besten stand. Die Lasombra seufzte und gestattete sich einen Moment der Unvorsichtigkeit.

"Sag mal, Irian... ist das normal, daß man mit Männern dauernd Probleme hat, oder ist das nur mein Glück?"

Irian glaubte im ersten Moment, sich verhört zu haben. Gerade von Madeleine hätte sie eine solche Frage ganz sicher nicht erwartet. Sie erinnerte sich an mehr als eine Gelegenheit, bei der die Lasombra ätzende Bemerkungen über Gefühle im allgemeinen und Liebe im Besonderen gemacht und ihr Unverständnis darüber geäußert hatte, daß vernünftig denkende Wesen sich auf so etwas einließen. Und ausgerechnet Madeleine hatte ein Problem mit einem Mann? Ein kurzer Blick auf ihre Schwester überzeugte sie allerdings, daß es dieser offenbar ernst war.

"Eigentlich, im Großen und Ganzen... nein, ich würde sagen, daß Ärger eher die Ausnahme ist. Wieso, was ist los? Hast du Streit mit Baskerville?"

Madeleine schüttelte den Kopf. "Du weißt, daß das kaum möglich ist, er hat immerhin mein Blut getrunken. Mit mir zu streiten ist ziemlich unmöglich für ihn. Aber das ist eigentlich schon der Kern des Ganzen... die Sache wird langsam ernst, und er ist nun einmal mein Ghoul."

Irian zuckte die Schultern und nahm sich das nächste Pergament vor. "Na und? Wenn er Schwierigkeiten macht, schick ihn in die Wüste."

"Nein", antwortete Madeleine sofort und erstaunlich heftig. "Das kann ich nicht. Du hast mich nicht verstanden, fürchte ich."

Irian legte das Pergament auf den Tisch und sah ihre Schwester an. "Dann erkläre es mir. Was genau ist dein Problem?"

Madeleine holte tief Luft und gestand: "Ich habe mich in ihn verliebt, fürchte ich. Ernsthaft. Und mein Problem ist, daß ich genau weiß, daß da von seiner Seite nur das ist, was mein Blut ihm eingibt." Sie sah zu Boden. "Verstehst du jetzt?" fragte sie leise.

Irian war einen Moment lang sprachlos. Daß ich das noch erleben darf, dachte sie. Es gibt doch noch Wunder. Und wahrscheinlich weiß der Mann nicht einmal, daß er eins vollbracht hat. Unseren lieben William läßt sie seit einem Jahr immer wieder abblitzen, und Baskerville erobert sie in einer Woche... Nachdenklich sagte sie: "Allerdings, ich verstehe. Aber daran läßt sich leider nichts mehr ändern."

"Das weiß ich. Ich habe ihm das angetan und muß jetzt damit leben. Aber das ist noch nicht alles. Dazu kommt noch, daß er als mein Ghoul offiziell ein Diener ist. Und sowohl William als auch Toranaga haben mehr als deutlich gemacht, daß sie ihn auch als solchen behandeln. Und jeder andere Verwandte wird das auch tun. Das wird früher oder später nicht gutgehen. Ganz davon abgesehen, ist er von altem Adel und mit seinem jetzigen Status bestimmt nicht glücklich."

"Nun, das zu ändern liegt an dir", meinte Irian. "Du kannst ihn sozusagen auf die nächste Stufe heben."

"Ich habe auch schon daran gedacht", gab Madeleine zu. "Aber ich werde das nie gegen seinen Willen tun. Und ich kann ihn nicht fragen, ob er es will, weil..."

"... er dann ja sagen würde, weil er denkt, daß du das hören willst, ich weiß. Dann mußt du wohl warten, bis er von sich aus darauf kommt. Gib ihm Zeit."

"Ich fürchte, er wird mich nicht danach fragen. Aber du hast natürlich recht, ich kann im Moment nichts tun. So sehr mir das auch mißfällt." Sie seufzte. "Aber womit ich vielleicht etwas tun kann, das sind diese Inschriften. Gib mir doch nochmal den Zettel da drüben..."

 

Es war schon gefährlich kurz vor Sonnenaufgang, als William aus dem Palast zurückkehrte. Madeleine traf ihn im Stall, wo sie sich gerade um ihre Ghoulpferde gekümmert hatte. William führte Goliath in seine Box und wirkte recht zufrieden mit sich.

"Na, warst du erfolgreich?"

Er nickte. "Ja, es war ein recht interessanter Abend. Und bei euch?"

"Ebenso", antwortete sie knapp und bereute schon halb, Irian ihr Herz ausgeschüttet zu haben. Eigentlich gingen derartige Dinge ja wirklich niemanden etwas an.

William warf einen kritischen Blick durch die Tür zum Himmel. "Wir sollten uns beeilen. Morgen Abend erzähle ich euch, was ich herausbekommen habe."

"In Ordnung. Schlaf gut."

Sie eilten zum Haus und erreichten die Sicherheit ihrer Schlafzimmer, ehe die aufgehende Sonne sie in den Schlaf schickte.

 

Als Madeleine am nächsten Abend erwachte, war Francesca wie gewohnt zur Stelle, um zu berichten, was sich tagsüber ereignet hatte.

"Die Templer sind auf Hexenjagd, wie es scheint. Man hat in der Umgebung und unten im Hafenviertel in den letzten Tagen einige tote Kinder gefunden, und die Leichen sahen merkwürdig blutleer aus. Eine Patrouille war hier. Sie haben nichts bestimmtes gesucht, anscheinend haben sie das ganze Viertel abgearbeitet. Das seltsame war aber, daß sie sofort beruhigt waren, als sie Williams Wappen an James' Kleidern gesehen haben. Sie meinten, wenn Sir William von Tintagel hier wohnen würde, dann wäre ja wohl alles in Ordnung. Dann sind sie wieder gegangen."

Madeleine glaubte, sich verhört zu haben. "Wie bitte? Die Betbrüder kennen William? Und sie sind beruhigt, wenn sie hören, daß er hier wohnt? Wie kommt das?"

Francesca wich einen Schritt zurück und hob die Hände. "Entschuldigt, Herrin, das weiß ich nicht. Ich kann Euch nur erzählen, was passiert ist..."

"Ist schon gut, das sollte kein Vorwurf an dich sein. Aber manchmal wundere ich mich wirklich über Williams seltsame Bekanntschaften. Ich werde ihn nachher mal fragen müssen, was er gestern Nacht so alles getrieben hat."

Sie stand auf und begann sich anzuziehen. "Ist William im Haus? Baskerville, meine ich."

Francesca nickte. "Im Arbeitszimmer. Soweit ich weiß, war er den ganzen Tag da, ich habe jedenfalls nicht viel von ihm gesehen. Soll ich ihn rufen?"

"Das ist nicht nötig, ich gehe zu ihm. Ich bin gespannt, was er herausgefunden hat."

Die Tür zum Arbeitszimmer stand offen. Drinnen hatte sich das Durcheinander im Vergleich zur letzten Nacht ungefähr verdoppelt. Jede freie Fläche war mit Notizen, aufgeschlagenen Büchern und Pergamentrollen bedeckt. Mitten in dem ganzen Chaos lief Lord Baskerville hin und her, murmelte aufgeregt vor sich hin und verschob ab und zu eins der Pergamente oder schrieb etwas auf. Madeleine hatte ihn noch nie so begeistert gesehen. Er nahm offensichtlich nichts um sich herum wahr. Leise klopfte sie an den Türrahmen. Baskerville antwortete, ohne sich umzudrehen.

"Ja, stell das Tintenfaß da drüben hin."

Madeleine unterdrückte ein Kichern und gab stattdessen ein dezentes Hüsteln von sich. Baskerville fuhr herum als hätte ihn etwas gestochen und lief puterrot an.

"Ah... guten Abend..." stammelte er verlegen. "Verzeiht, ich habe nicht bemerkt, daß Ihr es seid..."

"Den Eindruck hatte ich auch, ja." Madeleine nahm dem inzwischen hinter ihr aufgetauchten Diener das Tintenfaß aus der Hand, schob den Mann aus dem Zimmer und schloß die Tür. Mit einem spöttischen Lächeln hob sie das Tintenfaß hoch. "Wo soll ich das hinstellen, Mylord?"

Das Rot in seinem Gesicht wurde noch einen Ton dunkler, als er ihr hastig das Tintenfaß abnahm und es abstellte. Das Ganze war ihm offenbar äußerst peinlich. Madeleine hatte Erbarmen mit ihm.

"Du scheinst Fortschritte gemacht zu haben", bemerkte sie und sah sich um.

Erleichtert ergriff er die Gelegenheit, das Thema zu wechseln. "Ja, in der Tat. Ich habe eine weitere Inschrift an unsere Reihe anfügen können, und außerdem habe ich mir noch ein paar Gedanken gemacht...", und er begann, ihr seine Überlegungen darzulegen. Madeleine mußte zugeben, daß sie durchaus logisch klangen. Außerdem wurde ihr klar, daß er etliche Stunden in diese Arbeit gesteckt haben mußte. Erst jetzt fielen ihr die dunklen Ringe unter seinen Augen auf.

"Das ist allerdings interessant", meinte sie, als er nach etwa einer halben Stunde am Ende angelangt war. "Ich muß das mit Irian besprechen, ich bin neugierig, was sie davon hält. Aber sag mal... hast du die ganze Zeit nicht geschlafen?"

Er blinzelte verwirrt. "Schlaf...?"

Sie seufzte. "Ja, Schlaf. Du weißt schon, man legt sich ins Bett, verliert das Bewußtsein und wenn man wieder aufwacht, ist es einen Tag später. Meistens jedenfalls."

Er blickte verlegen zu Boden. "Nun, um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich habe nicht einmal gemerkt, daß ich seit letzter Nacht durchgearbeitet habe. Jetzt allerdings..." Er unterbrach sich und gähnte.

Madeleine schüttelte belustigt den Kopf. "Ist dir in deinem Forscherdrang etwa entfallen, daß du dein Blut hättest benutzen können, um wach zu bleiben? Richtig wach, meine ich."

Er wurde schon wieder rot. "Ich fürchte, dem ist so", gestand er, schloß die Augen und erstarrte für einen Moment in Konzentration. Als er sie wieder öffnete, waren die dunklen Ringe verschwunden und er wirkte so munter, als hätte er gerade eine durchgeschlafene Nacht hinter sich. Er schnupperte und rümpfte die Nase.

"Ich brauche ein Bad", stellte er fest.

"Da kann ich dir nicht widersprechen", gab sie zu. "Aber ehe du dir das gönnst, komm bitte mal mit mir."

"Sicher", meinte er etwas erstaunt und folgte ihr. Seine Verwunderung steigerte sich noch, als sie das Haus verließ und den Weg zum Stall einschlug. Sie durchquerte das Gebäude, bis sie am hinteren Ende zu einer Box kam, in der, in sicherer Entfernung von den anderen Pferden, ein prächtiger grauer Hengst stand. Das Tier begrüßte Madeleine mit einem freudigen Wiehern. Sie tätschelte ihm liebevoll den Hals, ehe sie sich zu William umwandte und ihn fragte: "Was hältst du von ihm?"

Baskerville musterte den Grauen. Er verstand genug von Pferden, um zu sehen, daß er hier ein erstklassiges Streitroß vor sich hatte. Der Hengst mußte ein kleines Vermögen wert sein. Außerdem war da etwas an dem Tier, das ihn fast sicher machte, daß dies kein normales Pferd mehr war. Er wußte, daß Madeleines weißes Streitroß ein Ghoul war, und er wäre bereit gewesen, darauf zu wetten, daß es sich mit dem Grauen ebenso verhielt.

"Ein edles Tier", meinte er und lächelte, als das Pferd mit einigen sanften Stupsern um Madeleines Aufmerksamkeit bettelte. "Und ein nettes Tier, wie es scheint." Er streckte die Hand aus und strich dem Hengst über die Nase, was der sich gerne gefallen ließ.

Madeleine lachte. "Ja, er hat heute ausgezeichnete Laune. Davon solltest du dich nicht täuschen lassen, er hat ein ziemliches Temperament."

"Das schätze ich an einem Pferd", meinte William.

"Das freut mich zu hören", erwiderte sie beiläufig. "Er gehört nämlich dir."

William ließ langsam die Hand sinken und starrte sie sprachlos an.

Sie lächelte. "Ihr braucht doch ein Eurem Stand angemessenes Reittier, Mylord." Übergangslos wurde sie ernst. "William... wenn es eng wird, und früher oder später wird das passieren... dann will ich dich an meiner Seite haben. Ich will nicht, daß du zurückbleibst, nur weil dein Pferd nicht mit meinem Schritt halten kann. Dieses hier kann es, es hat mein Blut in sich."

William fehlten immer noch die Worte. Ein Pferd, das kainitische vitae in sich hatte, das war schon für einen Vampir keine Selbstverständlichkeit. Er wußte, daß es nicht so ganz einfach war, ein ausgebildetes Streitroß dazu zu bringen, Blut zu trinken. Für einen Ghoul war ein solches Reittier mehr als ungewöhnlich. Baskerville suchte nach Worten, fand keine und beschloß endlich, stattdessen Taten sprechen zu lassen. Er zog Madeleine an sich und küßte sie. Und das, fand sie, war die beste Antwort, die er ihr geben konnte.

 

Goliath hatte zu lange im Stall gestanden. Auf dem Weg aus der Stadt hatte William alle Hände voll zu tun, den Rappen davon abzuhalten, nach Passanten zu treten oder zu beißen.

"Gleich darfst du laufen, Großer", murmelte er beruhigend, als sie sich dem Stadttor näherten. Kaum waren sie hindurch, als er dem Tier endlich seinen Willen ließ. Und Goliath lief. Wie ein schwarzer Blitz jagte er in Richtung Wald. William genoß den Ausritt mindestens so sehr wie sein Pferd. Es war gut, den ganzen Ärger wenigstens für eine kurze Weile hinter sich zu lassen und an nichts denken zu müssen.

Er bemerkte den herankommenden Schatten einen winzigen Augenblick, ehe der ihn traf. Sofort gab er Goliath die Sporen, und jetzt zeigte das Streitroß erst richtig, zu welchem Tempo es fähig war, wenn es sein mußte. Es schoß wie ein Pfeil zwischen den Bäumen hindurch, William dicht über seinen Hals geduckt. Der Schatten schien im ersten Moment von ihrem schnellen Start überrascht gewesen zu sein, aber kurz darauf holte wieder auf. Jetzt reichte es William. Er hechtete aus dem Sattel, rollte sich katzengleich ab und kam in der selben fließenden Bewegung auf die Beine. Goliath lief weiter. Der Ventrue kümmerte sich nicht darum; er wußte, daß er sein Pferd jederzeit wiederfinden würde. Ruhig sah er dem Schattenwesen entgegen. Er wußte von Madeleine, daß ein Vampir in dieser Gestalt keine Möglichkeit hatte, ihn körperlich anzugreifen.

"Du kannst mir gar nichts tun", stellte er gelassen fest. Im nächsten Augenblick war die dunkle Wolke um ihn herum und schien ihn zu zerquetschen. Die Überraschung lähmte ihn nur einen kurzen Moment, dann setzten seine Reflexe ein. Er gebrauchte die Macht seines Blutes, und drückte mit aller Kraft, die es ihm verlieh, gegen die Umklammerung. Es nützte nicht viel. Alles, was er erreichte, war, daß sich der eisenharte Griff nicht noch weiter verstärkte. Ein Sterblicher wäre wie eine reife Frucht zerdrückt worden.

Abrupt gab der Schatten ihn frei und schwebte ein Stück nach oben, wo er hängenblieb, als warte er auf etwas. William war verärgert und entschlossen, ihn das auch spüren zu lassen. Er sah zu der schwarzen Gestalt hinauf und ließ die ganze Kraft seiner Ausstrahlung auf sie wirken. Eine Aura von Macht schien den Ventrue plötzlich zu umgeben. Eigentlich hätte sie ausreichen müssen, um jeden in seiner Nähe sofort auf die Knie zu zwingen. Wie ein übernatürliches Wesen stand er da, verehrungswürdig und beeindruckend. Und tatsächlich schwebte die Wolke zu Boden und verdichtete sich einen Moment später zu der bekannten Gestalt von Morpheus. Der Spanier blieb stehen, es war ihm allerdings anzusehen, daß es ihn eine enorme Willensanstrengung kostete.

"Was willst du eigentlich von mir, William?" fragte er. "Ich gehe meine eigenen Wege, ich bin euch nicht in die Quere gekommen, und ich habe nichts dagegen, daß das auch so bleibt."

William musterte ihn kühl. "Du erwartest anscheinend, daß ich dir das glaube."

Morpheus hob in gespielter Gelassenheit die Schultern. "Wieso nicht? Euer Geheimnis ist sicher bei mir, ich habe kein Interesse daran. Wieso sollte ich bei Tag unterwegs sein wollen, wo ich meine Fähigkeiten nicht nutzen kann und die Schatten schwach sind? Ich habe alles, was ich will. Laßt mich in Ruhe, und ihr habt mein Wort, daß ich euch keinen Ärger mache."

William gab ein spöttisches Lachen von sich. "Man könnte es dir fast abnehmen. Aber eben nur fast. Bedauerlicherweise ist dein Wort keine besonders starke Versicherung."

Der Lasombra seufzte. "Wie du willst. Ich wollte es im Guten versuchen. Aber jetzt entschuldige mich, ich habe noch eine Verabredung." Sprachs, verwandelte sich wieder in seine Schattengestalt und verschwand.

William sah ihm einen Moment nachdenklich hinterher. Er zweifelte keine Sekunde daran, daß der Spanier gelogen hatte, aber was war der Zweck dieses Überfalls gewesen? Morpheus kannte ihn gut genug um zu wissen, daß er ihm kein Wort glauben würde. Wozu also seine Zeit verschwenden? Er seufzte und pfiff nach Goliath. Es schien, als würde er seinen Ausflug abkürzen müssen - die anderen mußten erfahren, was passiert war.

 

Madeleine klopfte an Irians Tür. Es war inzwischen spät genug, daß die Gangrel vermutlich wach war, und sie wollte ihr über die Fortschritte berichten, die William tagsüber gemacht hatte. Die Tür öffnete sich. Madeleine stieß einen erschrockenen kleinen Schrei aus und wich ein paar Schritte zurück. Im Türrahmen stand ein Templer in voller Uniform, bewaffnet und gerüstet. Es dauerte einen Moment, ehe sie erkannte, um wen es sich da handelte.

"Markus?" Ungläubig musterte sie ihn.

Er nickte. "Derselbe. Wie du siehst, habe ich beschlossen, meinen alten Rang wieder anzunehmen."

"Du warst ein Templer?" Ihr wurde plötzlich klar, daß sie über seine Vergangenheit überhaupt nichts wußte.

"Ein Großmeister meines Ordens in Mailand. Ein Geheimagent, mit dem Befehl, nun ja... Vampire aufzuspüren." Er grinste.

"Das ist dir ja hervorragend gelungen", stellte sie trocken fest. "Seltsame Verwandlungen scheinen hier an der Tagesordnung zu sein. Erst Lord Baskerville, jetzt du..." Sie bemerkte Irian, die hinter Markus aufgetaucht war. "Schwester, hast du einen Moment Zeit? Ich würde gerne mit dir über unsere Arbeit reden."

"Dafür werde ich nicht gebraucht", stellte Markus fest und verschwand, um sich wieder um die neuen Kämpfer zu kümmern, deren Ausbildung er übernommen hatte. Irian sah ihm mit ausdruckslosem Gesicht nach.

"Stimmt etwas nicht?" erkundigte sich Madeleine leise.

"Er hat sich entschieden", sagte Irian nur. "Wir haben den ersten unserer Nachfolger."

Madeleine verstand. Das bedeutete, daß Markus in Konstantinopel bleiben würde, wenn die Geschwister in einem Jahr weiterreisten. Und es bedeutete außerdem, daß er nicht mit Irian nach England zurückkehren würde, wenn alles vorbei war.

Irian wandte sich ab. "Ich werde frühstücken gehen und dann einen Spaziergang machen."

Madeleine nickte. "Soll ich dich begleiten, oder wärst du lieber allein?"

"Ich möchte lieber allein sein."

Die Lasombra nickte und verließ das Zimmer. Wie es aussah, würden sie und ihr Ghoul heute Nacht alleine an den Inschriften arbeiten müssen.

 

Irian hielt sich beim Frühstück nicht lange auf. Sie trank, was sie brauchte, dann nahm sie ihre Fledermausform an und verließ das Haus. Ein Ziel hatte sie nicht, sie flog einfach drauflos und versuchte, ihre Gedanken zu sortieren. Sie verstand Markus' Entscheidung, und immerhin hatte sie selbst ihm die Wahl gelassen. Es war eine einmalige Chance für ihn, sich einen Namen zu machen und vor allem den Makel loszuwerden, der an ihm haftete, seit sie ihm Kains Blut gegeben hatte, ohne vorher die Erlaubnis eines Prinzen einzuholen. Sicher, hier schien man derartige Dinge nicht allzu ernst zu nehmen. Irian vermutete, daß zumindest Michael recht genau wußte, was mit Markus los war, immerhin hatte der Toreador schon früher bewiesen, daß er in den Gedanken anderer lesen konnte wie in einem offenen Buch. Solange er es aber nicht offiziell als Bruch der Traditionen zur Kenntnis nehmen mußte, war er offenbar wenig geneigt, Maßnahmen zu ergreifen. In dem Moment, wo das Triumvirat Markus als Wächter und Besitzer des Hauses anerkannte und es ihm als Zuflucht zugestand, war sein Status gesichert. Sie wußte das alles, und er hatte die vernünftigste Entscheidung getroffen. Trotzdem versetzte es ihr einen Stich, daß er es offenbar so leicht in Kauf nahm, daß das die Trennung von ihr bedeutete.

Sie war etwa eine halbe Stunde lang unterwegs gewesen, als sie ihren Verfolger bemerkte. Sie sah nichts - was immer hinter ihr war, war unsichtbar. Aber es war riesig, und es war schnell. Irian hatte einen flüchtigen Eindruck von mächtigen Flügeln mit bestimmt acht Metern Spannweite. Sie hatte wenig Lust, näheres über das Wesen herauszufinden. Hastig ging sie in einen Sturzflug über und suchte die Sicherheit der Straße.

Sie mußte rasch erkennen, daß diese Sicherheit eine Illusion gewesen war. Das Ding folgte ihr, und es holte auf. Verzweifelt schoß sie im Zickzack zwischen den Häusern hindurch. Ihr Verfolger blieb ihr auf den Fersen. Hinter sich hörte sie Schreie, als Passanten den messerscharfen Flügeln zum Opfer fielen. Als sie um eine Ecke bog, erhaschte sie aus den Augenwinkeln den ersten einigermaßen klaren Blick auf das, was da hinter ihr her war. Ein Gargoyle - aber was für einer. Bestimmt drei Meter groß und unglaublich schön, war dieses Wesen kein Vergleich zu den Kreaturen, die das Dach des Leuchtturms bewachten. Das hier, wußte Irian sofort, war wirkliche Macht. Und mit einem unguten Gefühl beschlich sie die Ahnung, daß es nicht einfach sein würde, ihm zu entkommen.

Sie schlug einen Haken und bog um die Ecke in eine Seitengasse - und kollidierte mit einem lauten Klatschen mit dem auf Hochglanz polierten Brustpanzer eines Kreuzritters. Benommen krallte sie sich irgendwo fest, um nicht auf den Boden zu rutschen, wo sie völlig hilflos gewesen wäre. Mit einem pfeifenden Geräusch kam der Gargoyle heran und trennte im Vorbeifliegen mit einer Flügelkante den Kopf des Kreuzritters sauber von den Schultern. Weg hier, war Irians einziger Gedanke, als sie ihren Halt aufgab und mehr oder weniger elegant in der Gasse zu Boden glitt. Sie nahm schnellstens wieder ihre menschliche Gestalt an, während die Geräusche hinter ihr zweifelsfrei verrieten, daß der Gargoyle mit den Kameraden des eben gestorbenen Ritters beschäftigt war. Ohne einen weiteren Gedanken an sie zu verschwenden, sprintete sie mit Höchstgeschwindigkeit davon, nur darauf bedacht, eine möglichst große Entfernung zwischen sich und die Kreatur zu bringen, ehe diese mit ihren momentanen Opfern fertig war. Kurze Zeit später erreichte sie die Villa. Mit einem Satz landete sie auf der Gartenmauer. Zwei weitere Sprünge beförderten sie ins Atrium - genau in die Schußbahn von zwei Armbrustbolzen. Einer verfehlte sie, der andere traf, zersplitterte aber an ihr. Markus, der im Hof mit den Wachen trainiert hatte, erkannte sie und stoppte zwei seiner Männer, die mit ihren hölzernen Speeren auf sie losgehen wollten.

"War das wieder ein Test?" fragte er.

Irian schüttelte den Kopf. "Besetz die Wachposten, ich werde verfolgt."

Markus wandte sich an seine Leute. "Ihr habt es gehört: Alarmzustand."

Im nächsten Moment gellten Signalpfiffe durch das Haus. Die im Blauen Salon untergebrachten Gefäße wurden ins Hausinnere in Sicherheit gebracht. Eingänge wurden verbarrikadiert, Wachen mit Armbrüsten bezogen Stellung. Keine zwei Minuten nach Irians Eintreffen war der Verteidigungszustand komplett.

Madeleine, die immer noch mit William im Arbeitszimmer beschäftigt war, bemerkte den Tumult. "Das klingt ernst", stellte sie fest und war mit einem Satz aus dem Fenster, um im Hof nach dem Rechten zu sehen. Unglücklicherweise hatte sie in ihrer Hast den Absprung nicht richtig erwischt und rutschte auf den Schieferplatten des Daches aus. Im letzten Moment packte William sie von hinten am Kleid und bewahrte sie vor einem würdelosen Absturz ins Atrium. Madeleine sah sich um und erfaßte die Lage. "Du kannst mich hochziehen, es ist Irian", teilte sie William über ihre Schulter hinweg mit. Er hob sie wieder ins Zimmer und verkniff sich weise jeden Kommentar. Madeleine beugte sich aus dem Fenster und rief nach Irian.

"Was ist denn los da unten? Ist etwas passiert?"

"Wo ist William?" fragte die Gangrel statt einer Antwort.

"Hinter mir... nein, du meinst vermutlich den anderen. Weggeritten, er wollte Goliath bewegen."

Irian fluchte. "Kannst du ihn erreichen? Du bist doch sozusagen doppelt mit ihm verbunden."

Madeleine hob die Schultern. "Keine Ahnung, ich kann es versuchen. Was ist los?"

"Es gibt Ärger. Ein Gargoyle ist hinter mir her, und zwar ein richtig großer. Sieh zu, daß du William Bescheid gibst, ich ziehe mich um." Damit eilte sie ins Haus, um ihre Rüstung anzulegen.

Madeleine zog sich ins Zimmer zurück und schloß die Augen. Sie wußte nicht, ob das Band zwischen ihr und ihrem Bruder stark genug war, daß sie ihm tatsächlich eine Botschaft zukommen lassen konnte. Sie konzentrierte sich und versuchte zu spüren, in welcher Richtung er sich aufhielt. Da war etwas... langsam tastete sie sich an der Verbindung entlang und merkte, wie sie ihm näher kam. Ja, da war er... offenbar schon auf dem Weg zurück in die Stadt, und deutlich verärgert. So ganz entspannend war sein Ausritt anscheinend auch nicht gewesen. Ihr war klar, daß sie ihm keine deutlichen Gedanken senden konnte, aber vielleicht Gefühle... Sie sammelte ihren Willen und versuchte, ihm starke Beunruhigung zu übermitteln, verbunden mit dem dringenden Bedürfnis, nach Hause zurückzukehren. Sie hatte vage den Eindruck, daß er sie verstanden hatte, aber dann riß der Faden, und sie wußte, daß sie nicht mehr tun konnte. Rasch stand sie auf, um sich ebenfalls kampfbereit zu machen.

 

William war gerade am Stadttor angekommen, als ihn mit einem Mal Unruhe packte. Irgend etwas stimmte nicht. Er hielt einen Moment inne und lauschte in sich hinein. Plötzlich wußte er, daß es Madeleine war, die ihn rief. Irgendetwas war vorgefallen, und zwar etwas, das ihr Angst machte. Das bedeutete, es mußte ernst sein. Er sah sich um. Die Straßen waren noch zu belebt, als daß er mit Goliath einfach hätte durchgaloppieren können. Aber es gab ja noch einen anderen Weg. Er schwang sich aus dem Sattel und gab seinem Pferd einen Klaps, wissend, daß es den Weg nach Hause auch alleine finden würde. Im nächsten Moment war er auf einem benachbarten Haus, und dann jagte er ohne Rücksicht darauf, wieviel vitae es ihn kostete, mit Höchstgeschwindigkeit über die Dächer zur Villa.

 

Madeleine, die inzwischen bei Irian und den Wachen im Atrium angekommen war, hob den Kopf und sah ihre Schwester an. "William ist da", sagte sie. "Drüben, auf dem Nachbarhaus."

Irian nickte. "Ich sehe ihn... warum kommt er denn nicht rüber, solange es noch geht?"

Im nächsten Moment hörten sie ein Rauschen, das unglaublich rasch näher kam. "Verdammt, William, beeil dich", murmelte Irian.

Madeleine hob die Hand, um sie zum Schweigen zu bringen, und neigte wie lauschend den Kopf zur Seite. "Er will jemanden beschützen... natürlich, Elena. Sie ist ja da drüben." In diesem Moment verdeckte ein riesiger Schatten die Sterne. Der Gargoyle hatte das Haus gefunden und drehte zwei, drei Kreise über dem Innenhof.

"Warum greift er uns nicht an?" wunderte sich Irian.

"Er kann nicht", erkannte Madeleine plötzlich. "Irgend etwas an diesem Haus hält ihn ab. William soll endlich zusehen, daß er herkommt, da drüben ist er nicht sicher vor dem Ding."

Der Ventrue schien das auch gerade erkannt zu haben und verschwand im Innern des Hauses. Augenblicke später tauchte er unten an der Tür auf, gefolgt von Angélique und James, der Elena über der Schulter trug.

"Macht das Tor auf!" befahl Madeleine den Wachen, die das Eingangstor sicherten. Die gehorchten. Die beiden Frauen eilten nach vorn, blieben aber klugerweise im Tor stehen. Während William mit gezogenem Schwert den Weg sicherte, rannte James mit Elena quer über die Straße auf die rettende Zuflucht zu. Viel zu langsam. In einem weiten Bogen stieß der Gargoyle wie ein rächender Engel auf ihn herab. Die Geschwister reagierten fast gleichzeitig. Während William und Irian mit gezogenen Schwertern von zwei Seiten heranstürmten, rief Madeleine nach den Schatten. Und die Schatten folgten ihrem Befehl. Um den Gargoyle herum bildeten sich vier lange, sich schlangengleich windende Tentakel, die sofort begannen, das riesige Wesen zu umschlingen. Einer der Tentakel löste sich gleich wieder auf, die anderen drei fanden jedoch einen Halt und begannen, zuzudrücken. Es war sofort offensichtlich, daß sie dem steinernen Riesen nicht wirklich schaden konnten, aber seine Bewegungsfreiheit war eingeschränkt.

Fast im selben Moment war William heran. Irian kam gleichzeitig von der anderen Seite. Williams Katana pfiff durch die Luft und prallte funkenschlagend an dem Gargoyle ab. Ein paar winzige Splitter flogen, aber der Schlag hatte keinen ernsthaften Schaden angerichtet. Irians Sprung dagegen traf sein Ziel genau. Die Wucht der Kollision warf den Gargoyle aus seiner Bahn und schleuderte ihn gegen die nächste Hauswand, wo er mit einem lauten Krachen aufprallte. Es grenzte fast an ein Wunder, daß diese den Einschlag fast unbeschadet überstand. Leider ganz im Gegensatz zu den Schattententakeln, die Madeleine gerufen hatte. Zwei von ihnen lösten sich unter der Wucht des Aufpralls auf, nur einer hielt den Gargoyle weiterhin umklammert und behinderte ihn.

Entschlossen, ihrem übermächtigen Gegner keine Gelegenheit zur Erholung zu lassen, näherten sich William und Irian mit gezogenen Klingen. Madeleine, die genau wußte, daß sie sich aus direkten Kämpfen besser heraushielt, warf einen Blick zu James. Dem stand die übernatürliche Geschwindigkeit, die sowohl die Geschwister als auch der Gargoyle an den Tag legen konnten, nicht zur Verfügung, und so befand er sich, scheinbar in der Bewegung eingefroren, immer noch mitten auf der Straße. Die Lasombra beschloß, wenigstens Elena in Sicherheit zu bringen. Sie sprintete los, hob Williams Frau von den Schultern seines Ghouls und rannte mit ihr in den Schutz des Hauseingangs, wo sie sie vorsichtig absetzte.

Der Gargoyle rappelte sich langsam hoch. Offenbar beabsichtigte er, sich zurückzuziehen. So nicht, dachte Irian und hob ihr Schwert. Pfeifend sauste die Klinge herab, und traf. Es krachte donnernd, und eine dichte Wolke von Funken stob von dem Stein auf. Erschrocken wichen die beiden Vampire einen Schritt zurück. Diese Reaktion war heftiger gewesen, als sie normalerweise hätte sein dürfen, und die Funken hätten sie übel verletzen können. Zum Glück war nichts passiert, außer, daß ihr Gegner seine Chance nutzte, um auf die Beine zu kommen und sich an der Hauswand hochzog. Gleich darauf hatte er das Dach erreicht. William und Irian war klar, daß er keineswegs vorhatte, den Kampf aufzugeben, sondern lediglich einen neuen Angriff aus der Luft starten würde. Ohne zu zögern, griffen sie sich James und Angélique und brachten sich in die Villa in Sicherheit.

Keinen Augenblick zu früh, wie sie feststellten. Der Gargoyle hatte bereits wieder zum Sturzflug angesetzt. Als er sah, daß seine Beute entkommen war, stieß er einen enttäuschten Schrei aus, drehte noch einige Kreise und zog schließlich ab.

Die Geschwister sahen sich an. Madeleine merkte, wie ihre Knie zitterten, und lehnte sich an die Wand. Sie wollte gerade etwas sagen, da spürten sie alle eine Präsenz, die sich näherte. Dieses Gefühl, daß ein übermächtiges Wesen herankam, kannten sie inzwischen gut genug, um sofort zu wissen, was es bedeutete. Und tatsächlich sank von oben Michael zu ihnen herunter. Die Geschwister fielen sofort auf die Knie, während die anwesenden Ghoule völlig eingeschüchtert flach auf dem Bauch lagen und kaum zu atmen wagten. Dem Prinzen schien jedoch der Sinn nicht nach Formalitäten zu stehen.

"Erhebt Euch", gebot er knapp. "Berichtet."

Gehorsam standen die drei auf, und William erstattete Bericht, den Irian ergänzte. Michael hörte sich das Ganze regungslos an und wandte sich dann an Irian.

"Eure Klinge", sagte er und streckte die Hand aus. Irian reichte ihm ihr Schwert, den Griff zuerst. Er nahm es und schaute eine Weile aus halbgeschlossenen Augen darauf, dann ließ er es plötzlich fallen, als hätte er etwas Schmutziges berührt.

"Ein Gargoyle", murmelte er. "Ein sehr alter Gargoyle, und sehr mächtig. Er kommt aus den Karpaten und sucht etwas. Es geht um einen Pakt... Euch hat er nur angegriffen, weil Ihr seid, was Ihr seid."

"Er wollte also nichts von uns persönlich?" vergewisserte sich Madeleine.

Der Toreador schüttelte den Kopf. "Nein. Er haßt lediglich unsere Art. Was er genau hier will, kann ich nicht erkennen." Er sah die drei der Reihe nach an. "Ich schlage vor, Ihr versucht mit ihm zu verhandeln. Was immer er hier sucht, es hat etwas mit dem Leuchtturm zu tun. Vielleicht könnt Ihr ein Abkommen mit ihm schließen. Wenn Ihr etwas herausfindet, laßt es mich wissen."

"Natürlich, Herr", murmelte William, aber der Prinz erhob sich schon wieder in die Luft und war Augenblicke später verschwunden.

"Großartig", meinte Madeleine sarkastisch. "Verhandeln wir einfach mit dem Kerl, kein Problem. Ich wüßte nicht einmal, wie wir ihn dazu bringen, uns lange genug in Ruhe zu lassen, damit wir ihm erklären können, was wir wollen."

William zuckte die Schultern. "Nun, wir haben bis morgen Nacht Zeit, uns zu überlegen, wie wir das anstellen wollen, nicht wahr?"

Irian sah mit einem Schaudern zum Himmel hoch. "Dann laßt uns Pläne schmieden. Aber bitte drinnen."

Keiner der anderen widersprach ihr.

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