Kapitel 6
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Madeleine de Neuville war nervös. Kein gutes Zeichen, fand Francesca, die wie üblich als erste bei ihrer Herrin auftauchte, um ihr Bericht zu erstatten. Tagsüber war zum Glück nicht viel passiert, was die Lasombra noch zusätzlich hätte beunruhigen können. Der mit dem Tunnel beschäftigte Bautrupp kam voran, nicht übermäßig gut zwar, aber immerhin. Ansonsten war es ruhig gewesen. Madeleine hörte ihrer Bediensteten nur mit einem halben Ohr zu. In Gedanken war sie schon weiter: bei dem notwendigen Treffen mit dem Gargoyle, das irgendwann später am Abend noch würde stattfinden müssen. Sie konnte sich eines unguten Gefühls bei der ganzen Sache nicht erwehren und wartete mit ungewöhnlicher Ungeduld darauf, daß ihre Geschwister erwachten.

Als Francesca den Raum verlassen hatte, überlegte die Lasombra einen Moment, dann seufzte sie und machte sich auf die Suche nach William von Baskerville. Vielleicht konnte er sie ein wenig auf andere Gedanken bringen. Zu ihrer nicht geringen Überraschung war das Arbeitszimmer leer. In der Annahme, daß William vielleicht ausnahmsweise einmal vernünftig genug gewesen war, sich ein paar Stunden Ruhe zu gönnen, ging sie zu seinem Zimmer. Auch da war nichts von ihm zu sehen. Madeleine, die sich allmählich ernsthaft zu wundern begann, hielt Ausschau nach Francesca.

"Weißt du, wo William steckt?"

Ihr Ghoul überlegte einen Moment. "Er wollte nochmal zu diesem Laden, glaube ich. Wo er gestern diese Bücher gefunden hatte."

Das wiederum überraschte Madeleine nicht. Überzeugt, daß es mit ihrer Ablenkung nichts werden würde, ging sie zurück in ihr Zimmer, um sich umzuziehen. Mißtrauisch beäugte sie das sarazenische Kettenhemd, das Mog für sie organisiert hatte, dann ergab sie sich in ihr Schicksal und zog es an. So wenig es gegen die Klauen des Gargoyle auch nützen mochte, besser als das Leder alleine, das sie darunter trug, war es allemal.

Als sie fertig war, war es draußen auch dunkel genug, daß sie sich hinauswagen konnte. Sie stieg aufs Dach und begann, nach dem Gargoyle zu suchen. Als William eine Stunde später nach oben kam, um nach seiner Schwester zu sehen, stand diese regungslos da und suchte den Himmel ab. Fern am Horizont sah sie etwas, aber es war zu wolkig und der Schemen zu weit entfernt, als daß sie etwas genaues hätte ausmachen können. Sie war sicher, daß es der Gargoyle war, aber was er da draußen tat, blieb ihr verborgen.

Der Ventrue, der schweigend neben ihr gestanden hatte, hatte inzwischen die Straßen beobachtet.

"Da unten kommt dein Liebster", bemerkte er anzüglich. "Sieht ziemlich bepackt aus."

Tatsächlich näherte sich unten William von Baskerville dem Haus, gefolgt von drei Dienern, die mit etlichen Büchern beladen waren. Madeleine reagierte auf die Bemerkung ihres Bruders nur mit einem abwesenden Brummen und nahm die Augen nicht vom Horizont.

"Er ist da draußen", murmelte sie. Siehst du ihn?"

"Nein", mußte William zugeben, nachdem er einige Augenblicke mit zusammengekniffenen Augen in die Nacht gestarrt hatte.

"Da hinten, über dem Wasser... jetzt ist er weg."

William mußte einsehen, daß seine Schwester heute Abend offenbar nicht zum Reden aufgelegt war. "Ich gehe frühstücken. Irian müßte ja hoffentlich auch bald mal wach werden." Damit schwang er sich vom Dach und war verschwunden.

 

"Was machen wir mit dem Kerl?" Irian kam wie üblich ohne Umschweife auf den Punkt. "Wie müssen mit ihm reden, soviel ist klar, aber wie stellen wir es an, daß er uns zuhört?"

William zuckte die Schultern und schwieg. Madeleine meinte zögernd: "Ich hätte schon eine Idee. Nicht, daß sie mir besonders gefällt, aber sie hat wenigstens Aussicht auf Erfolg. Ich könnte als Schatten nach ihm suchen. So kann er mich nicht angreifen. Und ich denke, er ist intelligent genug, um zu begreifen, wenn ich ihm mit Zeichen zu verstehen gebe, daß wir reden wollen."

William schien wenig begeistert. "Ziemlich gefährlich."

"Wie ich schon sagte, mir gefällt das auch nicht. Aber ich denke nicht, daß mir viel passieren kann. Körperlich bin ich nicht angreifbar, und ich glaube, wenn er Feuer speien könnte, hätte er es gestern Abend getan." William mußte ihr recht geben, und da Irian auch keine bessere Idee hatte, verwandelte sich Madeleine und verschwand.

 

Madeleines Schattengestalt schwebte über der Stadt. Sie zog in mäßigem Tempo in die Richtung, in der sie den Gargoyle zuletzt gesehen hatte. Den Leuchtturm umflog sie in respektvollem Abstand, sie würde mit dem Gargoyle genug zu tun haben, auch ohne daß sie sich noch mit den Bewohnern des Turms anlegen mußte. Das einzig Gute an der Sache war, daß es ihr wieder Gelegenheit gab, den Schatten nahe zu sein.

Ihre Gedanken wurden abrupt unterbrochen, als etwas mit einem pfeifenden Geräusch die Luft unter ihr durchschnitt - und einen Augenblick später ihren Schattenkörper. Sofort hielt sie an und sah sich um, aber es war nichts zu sehen. Nicht einmal ihre geschärften Sinne halfen ihr weiter. In der Annahme, daß dieser Angriff eigentlich nur von dem Gesuchten ausgehen konnte, begann sie, sich zu einer menschlichen Gestalt zu formen. Ihr Angreifer schien noch nicht wirklich erkannt zu haben, daß er ihr auf diese Art nicht schaden konnte, und setzte seine Attacken fort. Unbeeindruckt goß Madeleine die Finsternis, die sie war, in eine menschliche Form und begann, dem Unsichtbaren Zeichen zu geben. Es dauerte ein paar Minuten, dann hatte er entweder verstanden, was sie wollte, oder eingesehen, daß er ihr nichts anhaben konnte, jedenfalls hörten die Angriffe auf. Madeleine wartete ein wenig, aber nichts rührte sich mehr. Langsam machte sie sich auf den Rückweg zum Haus. Über einem benachbarten Dach verhielt sie und wartete. Augenblicke später gab es ein lautes Knirschen, und neben ihr auf den Schieferplatten entstanden zwei tiefe Abdrücke. Jetzt oder nie, entschied sie - und verwandelte sich zurück, direkt vor dem Gargoyle, der nach wie vor unsichtbar blieb. Gleich darauf spürte sie, wie William hinter ihr auf das Dach kam. Und plötzlich ließ der Gargoyle seine Tarnung fallen.

Er war wirklich beeindruckend. Drei Meter groß, muskelbepackt, mit rasiermesserscharfen Krallen... aber das erstaunlichste war sein Gesicht. Die wenigen Gargoylen (oder Bilder von ihnen) die die Geschwister bisher zu sehen bekommen hatten, waren abgrundtief häßlich gewesen, mit mehr oder weniger tierhaft verzerrten oder dämonischen Fratzen. Nicht so dieser. Auf eine undefinierbare Weise war sein Gesicht zwar auch tierähnlich, aber es war nicht genau auszumachen, welches Tier da Pate gestanden hatte. Es konnte genausogut ein Wolf wie eine Wildkatze gewesen sein. Und trotz dieser Ähnlichkeit war das Gesicht auf geradezu erschreckende Weise menschlich und schön. Nicht einmal die spitzen Ohren störten diesen Eindruck.

Der steinerne Riese musterte die beiden Vampire mit glühenden Augen. Im Gegensatz zu gestern Abend, wo diese Augen rot wie brennende Kohlen geleuchtet hatten, waren sie jetzt weiß. Madeleine nahm das als Zeichen, daß kein Angriff unmittelbar bevorstand. Schließlich brach der Gargoyle das Schweigen.

"Was wollt Ihr?"

"Mit Euch reden. Wir glauben, daß sich unsere Interessen möglicherweise in einem bestimmten Punkt überschneiden."

Die Lasombra hatte keineswegs die Absicht, beim ersten Gespräch gleich alle Karten auf den Tisch zu legen, dafür war sie viel zu vorsichtig. Ihr Gegenüber schien von ihrer Taktik nicht sehr viel zu halten.

"Die Nacht ist kurz für unseresgleichen. Redet."

"Wir vermuten, daß Ihr hier etwas sucht."

"Das ist kein Geheimnis."

" Etwas, das sich an einem Ort befindet, an dem wir ebenfalls ein Interesse haben. Vielleicht könnten wir uns einigen."

Der Gargoyle schien die Geduld zu verlieren. Er breitete die Flügel aus. "Wenn Ihr mir etwas zu sagen habt, werft von hier aus eine brennende Fackel hoch, dann komme ich wieder. Bis dahin habe ich sinnvolleres zu tun." Damit erhob er sich und entschwand senkrecht nach oben.

"Das war nicht besonders erfolgreich", bemerkte William. Es war ungefähr das verkehrteste, was er hätte sagen können.

"Du darfst den nächsten Versuch gerne selbst übernehmen", antwortete Madeleine kalt und ließ ihn stehen. Sie zog sich in ihr Zimmer zurück und begann wütend auf und ab zu laufen wie ein Raubtier im Käfig.

Irian, die die Geschehnisse von unten verfolgt hatte, sprang zu William aufs Dach. "Schlecht gelaufen", stellte sie fest.

William nickte. "Sie ist heute Abend ziemlich gereizt. Und der Fehlschlag eben dürfte nicht dazu beitragen, daß sich das wesentlich ändert. Aber laß uns das doch unten besprechen."

Die beiden zogen sich ins Besprechungszimmer zurück. Madeleine ließ sich nicht sehen, und in stillschweigendem Übereinkommen ließen die anderen sie auch in Ruhe. Nach einer Weile mehr oder weniger fruchtlosen Hin- und Herdebattierens beschlossen sie, einen neuen Versuch zu wagen. Diesmal würden sie notgedrungen auf diplomatische Floskeln verzichten und direkt zur Sache kommen müssen, denn eine dritte Chance würde sich ihnen wahrscheinlich nicht bieten. Die Geschwister wechselten einen Blick.

"Ich gehe ihr Bescheid sagen", beantwortete William Irians unausgesprochene Frage, und ging nach oben, wo Madeleine immer noch vergeblich versuchte, ihren Zorn abzureagieren.

Er klopfte an. "Madeleine? Darf ich reinkommen?"

"Komm."

Er trat ein. Irgendwie schien es im Zimmer etwas kühler zu sein als draußen auf dem Flur, aber das war sicher nur Einbildung. Es war allerdings definitiv dunkler als draußen, und die Schatten, die die beiden einsamen Kerzen auf dem Kaminsims warfen, benahmen sich sehr sonderbar. William schauderte und bemühte sich, nicht auf sie zu achten.

"Wir wollen es noch einmal versuchen. Kommst du mit?"

Madeleine zuckte die Schultern. "Von mir aus." Wenig begeistert folgte sie ihm nach oben. Irian blieb vorerst wieder im Atrium. William hatte James mitgebracht, der, behindert von einer brennenden Fackel, die er in einer Hand trug, leichte Schwierigkeiten hatte, auf das Dach zu kommen. Schließlich kam er aber doch oben an. Er holte aus und wollte die Flamme gerade werfen, als ein rauschendes Geräusch von einem unheilvollen Knirschen gefolgt wurde und auf einem bisher unbeschädigten Teil des Daches nebenan zwei neue Abdrücke entstanden. Diesmal machte sich der Gargoyle nicht die Mühe, seine Tarnung aufrechtzuerhalten, sondern gab sich gleich zu erkennen.

Irian beschloß, daß sie unten im Atrium doch zu weit vom Ort des Geschehens entfernt war und sprang mit einem gewaltigen Satz auf das Dach, gerade als James sich recht hastig wieder an den Abstieg machte. Der Kopf des Gargoyles ruckte herum, als sie landete, und seine Augen glühten für einen Moment rubinrot auf. Er knurrte drohend, dann beruhigte er sich wieder. Die Augen nahmen wieder ihre weiße Farbe an und er richtete seine Aufmerksamkeit auf William, der ihn ansprach.

"Ihr wollt etwas aus dem Leuchtturm am Hafen. Wir auch. Wir haben den Eindruck, daß Ihr den Turm nicht ohne weiteres betreten könnt. Wir können es. Wir könnten zusammenarbeiten, und ihr laßt uns in Ruhe. Das wäre unser Angebot."

Der Ventrue sah den Gargoyle an, der mit verschränkten Armen vor ihm stand und sich nicht rührte. Es dauerte eine Weile, ehe der Riese sprach.

"Was wollt ihr in dem Turm?"

"Einen seiner Bewohner. Einen unserer Art."

"Daran habe ich kein Interesse, macht mit ihm, was ihr wollt." Er machte eine kurze Pause, ehe er weitersprach. "Oben in dem Turm gibt es eine Kammer, wenn ihr die betretet, ist unser Abkommen nichtig. Ansonsten sind wir uns einig."

William nickte. Die Geschwister erwarteten, daß der Gargoyle nun wieder verschwinden würde, aber er zögerte. Offenbar hatte er doch noch etwas zu sagen.

"Diese Stadt gefällt mir nicht", erklärte er schließlich. "Sie macht mich nervös. Es gibt keine Verstecke, wo ich am Tag, wenn ich nur Stein bin und Schutz brauche, sicher wäre." Er sah auf William herab. "Gewährt mir euren Schutz bei Tag, oder den eurer Diener, und ich werde dieses Haus bei Nacht schützen."

Es fiel William nicht leicht, seine Überraschung zu verbergen. Er sah zu Madeleine, die es fertigbrachte, keine Miene zu verziehen und neben ihm stand, als ginge sie das alles nichts an. Von Irian kam ein fast unmerkliches Nicken.

"Wir sind einverstanden", erklärte er.

Der Gargoyle rührte sich nicht. "Ich brauche eine Einladung."

Irian verneigte sich. "Es wäre uns eine Ehre, Euch als unseren Gast zu haben. Seid willkommen."

William nickte zustimmend, und ohne ein weiteres Wort breitete der Gargoyle die Schwingen aus und glitt nach unten ins Atrium. Er landete auf dem Rasen, verschränkte die Arme und erstarrte zur Bewegungslosigkeit. Die drei Vampire wechselten einen Blick und verließen das Dach.

Unten angekommen, erklärte Madeleine kurz: "Ich werde hier nicht gebraucht", und rauschte davon. William sah ihr nachdenklich hinterher.

"Ich vermute, es hat ihre Laune nicht unbedingt gehoben, daß du Erfolg hattest, wo sie gegen die Wand gelaufen ist", bemerkte Irian.

"Da könntest du recht haben. Ich glaube, ich sollte sie heute Nacht besser nicht mehr ansprechen. Ich werde hinübergehen und nach Elena sehen." Damit verzog er sich.

Irian beschloß, sich wieder der Entzifferung der Abschriften zu widmen. Irgendwie war ihr klar, daß sie dabei heute nicht auf Madeleines Unterstützung rechnen durfte. Als sie das Arbeitszimmer betrat, fand sie da jedoch deren Ghoul vor. Baskerville war wie üblich ganz in seine Arbeit vertieft und brauchte einen Moment, ehe er merkte, daß jemand hereingekommen war. Irian fand, daß er ziemlich übermüdet aussah. Plötzlich hob er den Kopf, und über sein Gesicht huschte ein erfreutes Lächeln - das prompt zu einem lediglich höflichen wurde, als er die Gangrel erkannte.

"Ach, Ihr seid es... guten Abend, Mylady."

Irian nickte ihm freundlich zu. "Guten Abend. Na, Fortschritte?"

William rieb sich die Augen. "Ja, allerdings nicht so große, wie ich gehofft hatte. Wenn Ihr Euch meine Notizen ansehen wollt..." Er reichte ihr einen Packen Pergamente und unterdrückte ein Gähnen. "Verzeiht, ich glaube, ich sollte mich hinlegen", murmelte er, als Irian ihm die Pergamente aus der Hand nahm. Die war schon mit seinen Aufzeichnungen beschäftigt und bekam kaum mit, als er das Zimmer verließ.

 

Madeleine mußte einsehen, daß es keinen Zweck hatte. Wenn sie noch länger in ihrem Zimmer herumlief, würde sie es zwar vielleicht schaffen, den Teppich zu durchlöchern, aber ihre Laune würde sich bestimmt nicht bessern. Sie mußte hier raus, und zwar am besten sofort. Ohne sich die Mühe zu machen, jemandem Bescheid zu sagen, verließ sie das Haus und begab sich auf die Jagd.

Es war erstaunlich, wie wenig Ärger man bekam, wenn man fast aktiv danach suchte. Die Lasombra hatte keine Schwierigkeiten, Beute zu finden. Selbst um diese Zeit waren noch genügend Gefäße unterwegs. Die üblichen Unruhestifter, die sich nachts immer auf den Straßen herumtrieben und normalerweise eine offensichtlich wohlhabende Dame, die ohne Begleitung unterwegs war, für eine willkommene Abwechslung gehalten hätten, warfen einen Blick auf sie und schlugen einen weiten Bogen. Die allgegenwärtigen Templer-Patrouillen, denen die selbe Dame normalerweise mindestens verdächtig vorgekommen wäre, sahen sie an und interessierten sich plötzlich brennend für die andere Straßenseite. Und ihre Beute... ein Blick und ein befehlsgewohntes "Komm her" reichten, um selbst ausgewachsene Kerle handzahm zu machen. Sie trank, und nahm ihren Opfern anschließend die Erinnerung an das, was geschehen war. Keine Herausforderung. Unzufrieden streifte sie noch eine Weile durch die Straßen, ehe sie sich auf den Rückweg zum Haus machte.

 

Der nächste Abend begann nicht wesentlich vielversprechender, als der letzte aufgehört hatte. Francesca hielt ihren Bericht so knapp wie möglich (es war ohnehin nichts interessantes passiert), und floh förmlich aus dem Raum, als ihre Herrin sie mit einem knappen Kopfnicken entließ. Die Lasombra suchte zum Frühstück den Blauen Salon auf, hielt sich dort aber zur Enttäuschung der anwesenden Gefäße nicht lange auf und kehrte nach oben zurück. Auf dem Rückweg begegnete sie ihrem Bruder. Seine freundliche Begrüßung erwiderte sie mit einem knappen "Guten Abend", dann war sie an ihm vorbei und verschwand in ihrem Zimmer. Er konnte ihren Ärger deutlich spüren und stellte fest, daß sich da seit gestern wirklich nichts verbessert hatte. Er blieb einen Moment an der Ecke des Korridors stehen und sah nachdenklich zu ihrer Tür. Gerade, als er nach unten gehen wollte, sah er von hinten William von Baskerville herankommen, wie üblich mit einem ziemlich dicken Buch im Arm. Er war offensichtlich auf dem Weg zu seiner Herrin, und hatte ebenso offensichtlich keine Ahnung, in welcher Stimmung sie sich gerade befand. Das könnte unangenehm werden für den Guten, dachte der Ventrue und überlegte kurz, ob er seinen Landsmann warnen sollte. Dann entschied er, daß dieser schon selbst merken würde, daß Madeleine der Sinn im Moment vermutlich nicht nach Büchern stand. Warum sollte ich ihm die Überraschung verderben, wo er es doch so liebt, Dinge herauszufinden, dachte er, grüßte den Ghoul höflich, als dieser herankam und zog sich ein paar Schritte zurück, um neugierig in einer dunklen Ecke abzuwarten, wie lange es dauern würde, bis die Lasombra ihn hinauswarf.

Madeleine hatte gerade beschlossen, noch einmal nach draußen zu gehen, sobald es völlig dunkel geworden war, als es klopfte, und Lord Baskerville eintrat. Er hatte natürlich wieder ein Buch dabei. Irgendwie traf man ihn in letzter Zeit nicht mehr ohne. Er lächelte und verneigte sich.

"Guten Abend, Mylady. Ich habe hier etwas gefunden, was Euch vermutlich interessieren dürfte. Wenn Ihr Lust habt, es Euch anzusehen?"

Madeleine seufzte. Rein logisch war ihr klar, daß Williams Fundstücke durchaus einen näheren Blick wert waren. Spätestens seit er das Buch gefunden hatte, mit dem sie begonnen hatten, die Geheimnisse des Hauses zu entschleiern, hatte sie eine recht hohe Meinung von seinen Fähigkeiten, was Nachforschungen und Analysen anging. Und normalerweise wäre die Aussicht, die Nacht in seiner Gesellschaft zu verbringen und über Bücher zu diskutieren, auch eine sehr angenehme gewesen. Aber nicht heute. Heute hatte sie nicht die Geduld dazu. Und wenn sie es trotzdem versuchte, würde sie vermutlich früher oder später aus der Haut fahren, mit unerfreulichen Ergebnissen für alle Beteiligten.

"Nimm es mir nicht übel, aber heute Abend kann ich mich nicht auf Bücher konzentrieren. Ich bin nicht in der Stimmung dafür."

Er legte das Buch auf einen Tisch. "Falls Ihr es Euch später anschauen wollt..." Er machte einen Schritt auf sie zu. Mit dem Buch schien er auch seine Förmlichkeit abgelegt zu haben. "Du siehst angespannt aus. Kann ich irgendetwas für dich tun?"

Madeleine spürte, wie ihre Beherrschung sie verließ, und das war in Williams Gegenwart so ungefähr das Letzte, was ihr passieren durfte. Sie sah ihn kühl an.

"Nein", beschied sie ihm kurz. "Nicht jetzt."

Wenn er enttäuscht war, ließ er es sich nicht anmerken. "Dann werde ich mich wieder zurückziehen." Er verbeugte sich noch einmal, sah ihr in die Augen und verzog keine Miene, als das keinerlei Eindruck auf sie zu machen schien. Dann ging er.

 

In seiner schattenverhangenen Ecke sah der Ventrue seine Erwartungen bestätigt, als nach kaum zwei Minuten die Tür sich erneut öffnete und ein sichtlich geknickter Lord William von Baskerville herauskam. Sir William von Tintagel nickte zufrieden und ging endlich frühstücken.

 

Madeleine hielt es noch wenige Augenblicke in ihrem Zimmer aus, dann unterdrückte sie einen Fluch und machte sich auf den Weg nach draußen. William, der sich gerade seinem Frühstück widmen wollte, sah sie durch die Tür des Blauen Salons, als sie gerade an ihm vorbei zur Eingangshalle wollte. Er unterbrach seine Mahlzeit kurz, kam nach draußen und hielt sie auf.

"Irian hatte gestern Abend eine Idee, wie wir den Tunnelbau etwas beschleunigen können. Vielleicht solltest du warten, bis sie wach ist, dann können wir darüber reden."

"Meinetwegen", sagte sie. "Ich bin in meinem Zimmer, sagt Bescheid, wenn sie endlich aufwacht." Damit drehte sie sich auf dem Absatz um und ließ ihn stehen. Kopfschüttelnd sah er ihr einen Moment nach, dann zuckte er die Schultern und ging wieder nach drinnen, wo drei reizende junge Damen ungeduldig auf seine Rückkehr warteten.

 

"Die Idee ist", sagte Irian eine Stunde später, "daß ihr beide es doch auf so widernatürliche Art und Weise dunkel machen könnt. Wenn ich mich recht erinnere, dämpft diese Dunkelheit auch alle Geräusche. Wenn man also so einen Schatten geschickt plaziert, könnte man damit die Baustelle praktisch lautlos machen, und unsere Arbeiter könnten auch nachts graben. Wenn wir dann zusätzlich noch Ghoule einsetzen anstatt normaler Menschen, müßte das die Geschwindigkeit drastisch steigern."

William sah Madeleine an. Schatten und alles, was damit zu tun hatte, fielen eindeutig in ihr Gebiet. Die Lasombra zuckte die Schultern.

"Von hier kann ich nicht sagen, ob das möglich ist oder nicht. Ich müßte mich vor Ort umsehen. Die Schwierigkeit wird darin bestehen, daß ich einen Teil der Finsternis in den massiven Fels hineinsetzen muß, und ob das geht, weiß ich nicht. Das müßte ich ausprobieren."

Irian stand auf. "Dann laßt uns gehen, die Nacht hat ja gerade erst angefangen. Schauen wir uns unsere Baustelle an."

 

Madeleine sah sich in dem engen Stollen um. Als einzige der drei konnte sie hier unten wenigstens aufrecht stehen. "Die Schatten müßten eine Halbkugel formen, eine Art umgedrehte Schüssel", murmelte sie nachdenklich. "Der größte Teil der Kuppel müßte im Fels liegen, damit man oben wirklich nichts hört, und damit unsere Arbeiter noch sehen, wo sie graben. Das werde ich ausprobieren müssen."

"Dann tu das", meinte William und machte eine einladende Handbewegung. Sie nickte kurz. Schatten gab es genug hier unten, die kleine Öllampe, die sie mitgebracht hatten, hätte kaum ausgereicht, daß ein Sterblicher genug gesehen hätte. Mit anderen Worten, perfekt. Sie streckte die Hände aus, pflückte hier etwas Schwärze aus einer Ecke, dort von einem Stützbalken, da aus einem Steinhaufen und sammelte alles in der hohlen Hand. Dann stand sie für einen Moment bewegungslos da und sah auf die schwarze Masse in ihren Händen hinab. Plötzlich begann diese zu brodeln, zu wallen und schließlich wie dunkler Nebel herauszufließen. Die Finsternis verteilte sich entlang der Wände und bedeckte sie wie schwarzer Samt, ehe sie darin verschwand. Nur noch ein dunkler Vorhang am Ausgang des Tunnels hinter den Geschwistern blieb übrig. Madeleine lauschte einen Moment in sich hinein und nickte zufrieden.

"Unsere Wand steht. Du kannst gerne ausprobieren, ob sie ihren Zweck erfüllt."

Irian begab sich nach oben zur Straße, während William eine liegengelassene Spitzhacke aufnahm und auf die Wand niedersausen ließ. Als die beiden nach oben kamen, schüttelte die Gangrel nur den Kopf.

"Das einzige, was ich gehört habe, war das Schnarchen von dem Kerl in dem Haus da drüben. Gute Arbeit, Schwester."

Die drei machten sich auf den Rückweg zum Haus. Der Gargoyle hatte inzwischen das Atrium verlassen und ging irgendwo in der Stadt seinen eigenen Geschäften nach. Irian verschwand prompt wieder im Arbeitszimmer, wo William ihr Gesellschaft leistete. Madeleine rang einen Moment mit sich, dann trieb das schlechte Gewissen sie zu Lord Baskervilles Tür. Von drinnen erklang auf ihr Klopfen ein verschlafenes "Herein". Sie trat ein und stellte fest, daß sie ihren Ghoul offenbar geweckt hatte. Er lag etwas zerzaust im Bett, wurde aber sichtlich munterer, als er sie sah.

"Ich fürchte, ich muß mich bei dir entschuldigen", begann sie und erntete einen verständnislosen Blick.

"Wofür?"

"Für diese Abfuhr, die ich dir vorhin erteilt habe. Ich hatte schlechte Laune, aber dafür konntest du nichts und ich hatte kein Recht, das an dir auszulassen."

Er lächelte. "Das macht nichts." Er rückte ein Stück zur Seite und klopfte einladend mit der Hand neben sich auf das Bett. Sie kam heran und setzte sich zu ihm.

"Doch, das macht etwas. Es war ungerecht."

Er zuckte die Schultern. "Das Leben ist ungerecht. Aber wenn es dich beruhigt - vergeben und vergessen." Jeglichen Protest, den sie dagegen vielleicht hätte äußern können, schnitt er mit einem Kuß ab. Und schließlich vergaß sie für eine Weile den Gargoyle, den Spanier und alle Probleme.

 

Am nächsten Abend war Francesca nicht wie üblich zur Stelle. Stattdessen sah Madeleine beim Aufwachen William von Baskerville gemütlich in einem Sessel am Kamin sitzen und in dem Buch lesen, das er ihr gestern Abend hingelegt hatte (und in das sie immer noch keinen Blick geworfen hatte, wie ihr einfiel). Madeleine verhielt sich ruhig und beobachtete ihn eine Weile. Nach ein paar Minuten bemerkte er schließlich, daß sie aufgewacht war, und legte mit einem Lächeln den Folianten zur Seite.

"Guten Abend", meinte sie. "Was ist denn aus Francesca geworden?"

"Nun, Mog arbeitet doch jetzt an der Baustelle. Und irgendjemand muß sich um die Organisation im Haus kümmern. Francesca und Giovanni waren den ganzen Tag über sehr beschäftigt, und ich habe ihr angeboten, den abendlichen Bericht für sie zu übernehmen, damit sie sich ausruhen kann."

Madeleine zwinkerte ihm zu. "Wie großzügig von dir", bemerkte sie mit freundlichem Spott. Sie erinnerte sich noch recht gut an Mogs entsetztes Gesicht, als Irian ihm gestern Abend eröffnet hatte, daß er tatsächlich zur Baustelle gehen und dort körperlich arbeiten sollte. Er war natürlich ohne allzu heftigen Widerspruch gegangen, als seine Herrin es verlangt hatte, aber gefallen hatte es ihm nicht. Und daß Mog als Haushofmeister auch durch zwei andere Ghoule nicht ohne weiteres zu ersetzen war, konnte sie sich durchaus vorstellen.

Sie deutete auf das Buch, in dem er gelesen hatte. "Was ist das eigentlich? Ich bin noch nicht dazu gekommen..."

"Ich bin auch noch nicht sehr weit gekommen, das erste Drittel vielleicht. Es ist sehr schwer zu lesen, weil es in mindestens einem halben Dutzend verschiedener Sprachen geschrieben ist, die ich nicht alle verstehe. Aber soweit ich das überblickt habe, geht es um folgendes..."

 

Zwei Stunden nach Mitternacht befand sich Madeleine in höchster Eile auf dem Weg zum Palast. Michael hatte ihnen befohlen, ihm Informationen zu liefern, und das würde sie auch tun. Sie hatte nach Williams Bericht einige Stunden damit verbracht, noch möglichst viel aus dem Buch herauszuholen und war sicher, daß das Ergebnis den Prinzen durchaus interessieren würde. Es gab keinen Grund, zu warten, bis sie zur wöchentlichen Audienz erscheinen mußten.

Sie erreichte den Palast und sah sich um. In der Audienzhalle waren ein paar Kainiten unterwegs, aber Michael konnte sie nirgends sehen. In den angrenzenden Sälen, in denen die Gefäße und die für die Unterhaltung zuständigen Sterblichen untergebracht waren, schien eine größere Feier im Gang zu sein. Madeleine schlenderte hinüber und begann sich umzusehen. Es war kaum anzunehmen, daß der Erzengel sich den Sterblichen in seiner normalen Gestalt zeigen würde, das würde die künstlerischen Darbietungen doch zu sehr stören. Also hielt sie mit ihren geschärften Sinnen Ausschau nach seiner Tarnung.

Sie war noch nicht besonders weit gekommen, als ihr ein hochgewachsener Mann auffiel, der sich zielstrebig durch die Menge auf sie zubewegte. Für einen Moment glaubte sie, es könnte Michael sein, aber dann war sie sicher, daß dieser Mann nicht mehr und nicht weniger war, als er zu sein schien. Der Fremde war groß und schlank, ein Kämpfer offenbar und nicht einmal schlecht aussehend, aber irgendetwas an ihm störte Madeleine. Sie sah ihn fragend an, als er vor ihr stehenblieb und sich verbeugte.

"Ich grüße Euch, Mylady. Ich habe Euch noch nie hier gesehen, seid Ihr neu in der Stadt?"

Madeleine erwiderte seine Verbeugung mit einem höflichen Nicken. "Ich bin noch nicht lange hier, in der Tat. Mit wem habe ich die Ehre?"

"Erk van der Wehr, Kreuzritter zu Konstantinopel."

"Madeleine de Neuville", stellte sie sich ihrerseits vor. "Ich muß zugeben, daß Ihr mir bisher auch noch nicht aufgefallen seid."

"Mein Landsitz befindet sich einige Tagesreisen nördlich der Stadt, ich bin nicht sehr häufig hier. Aber sagt, wenn Ihr neu hier seid - gestattet Ihr mir, Euch herumzuführen?"

Madeleine, die es nicht für nötig hielt, ihm zu erklären, daß sie sich bereits recht gut auskannte, akzeptierte sein Angebot und seinen Arm und ließ sich durch die Säle geleiten. Während sie herumschlenderten, versuchte ihr neuer Bekannter, der sich bald als Brujah zu erkennen gab, recht ungeschickt, sie auszuhorchen. Madeleine, die dieses Spiel als echte Lasombra hervorragend beherrschte, wich seinen Fragen gewandt aus und versuchte ihrerseits, ihm Informationen zu entlocken. In der Tat gewann sie mehr und mehr den Eindruck, daß van der Wehr auf einer ähnlichen Route nach Konstantinopel gekommen war wie sie und ihre Begleiter - und daß er ihre Geschwister, die sie mit keinem Wort erwähnte, von früher her kannte. Ehe sie allerdings näheres aus ihm herausbekommen konnte, näherte sich ihr von der Seite ein offenbar ziemlich junger Vampir, der hier als Diener fungierte.

"Verzeiht die Störung, die Herrschaften, aber Madame wird erwartet. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt?"

Madeleine entschuldigte sich bei ihrem Begleiter und ließ sich von dem Diener zu einem angrenzenden Besprechungsraum führen. Als sie angekommen waren, schloß er die Tür hinter sich und sah sie fragend an.

"Nun? Was gibt es?"

So sehr Madeleine sich auch anstrengte, sie konnte an dem unscheinbaren Kainiten vor ihr absolut keine Anzeichen von Michael entdecken. Als sie zögerte, zog ihr Gegenüber mit einer ungeduldigen Geste einen Siegelring aus der Tasche. Sofort erkannte sie in dem Siegel Michaels persönliches Zeichen. Diesen Ring, das wußte sie, würde er niemals aus der Hand geben. Sie machte Anstalten, niederzuknien, aber mit einer unwirschen Handbewegung hielt er sie auf.

"Laß den Unsinn." Er sah sie nicht unfreundlich an. "Erzähl mir lieber, warum du hier bist."

Offenbar nahm er, wenn er sich tarnte, nicht nur das Aussehen, sondern auch das Wesen seiner Tarngestalt an. So offen hatte Madeleine den Toreador jedenfalls noch nie erlebt. Sie riß sich zusammen und berichtete von dem Gespräch mit dem Gargoyle und der getroffenen Abmachung.

"Aber das ist noch nicht alles", fuhr sie fort. "Mein Ghoul hat ein überaus interessantes Buch entdeckt. Es erzählt die Geschichte eines Adligen aus den Karpaten, der dort als Herrscher über ein recht großes Gebiet regierte - mit eiserner Faust und wenig Nachsicht, wenn man den Quellen glauben kann. Aber so gnadenlos er auch war, er hatte eine einzige weiche Stelle. Es gab da eine Frau, die die Welt für ihn war. Es muß wahre Liebe gewesen sein... aber er wurde durch Intrigen darum betrogen. Auch hier weiß ich leider noch keine Einzelheiten, aber die sind vielleicht im Moment auch noch nicht so wichtig. Er verlor seine Geliebte, wenn ich das Buch richtig verstanden habe, starb sie. Und er nahm grausame Rache dafür. Was er genau getan hat, habe ich noch nicht herausfinden können, einige Absätze sind in mir unbekannten Sprachen geschrieben, und ich habe es noch nicht ganz durchlesen können. Jedenfalls wurde er für seine Rache bestraft. Er wurde mit einem Fluch belegt, der ihn tagsüber in Stein verwandelte, und bei Nacht in einen Gargoyle. Einen besonders mächtigen Gargoyle, der zum Wächter über die anderen seiner Art und besonders zum Beschützer ihrer Brut bestimmt wurde. Sein Name ist Clanlord Travion Xerxes, Sohn des Titus zu Pietrosul, und sein Portrait auf dem Bucheinband hat eine bemerkenswerte Ähnlichkeit mit unserem Gast."

Als sie geendet hatte, schwieg Michael einen Moment nachdenklich, ehe er antwortete: "Das würde in der Tat erklären, was er hier will. Die Kammer oben im Turm, die er euch verboten hat, enthält vermutlich geraubte Eier von Gargoylen." Er grinste plötzlich. "Und wenn er sich die zurückgeholt hat, dürfte der Turm schlagartig an Wert für Caius und Magnus verlieren. Aber das sollen die beiden dann unter sich ausmachen, das geht mich nichts an."

"Uns hoffentlich auch nicht", murmelte Madeleine, die die Aussicht, in einen Konflikt zwischen dem Ventrue-Prinzen und dem Lasombra-Primogen hineingezogen zu werden, nicht besonders erfreulich fand.

Michael winkte ab. "Keine Sorge deswegen. Übrigens, könntest du mir vielleicht irgendetwas von eurem Gast besorgen? Etwas persönliches, aus dem ich mehr über ihn erfahren könnte?"

Madeleine überlegte einen Moment. "Bei Sonnenuntergang, wenn er aufwacht, platzen kleine Steinsplitter von ihm ab, die könnte ich vielleicht einsammeln, wenn er weg ist. Ich kann allerdings nicht garantieren, daß ich das bis morgen Nacht schaffe. Solange er da steht, möchte ich eher ungern etwas derartiges unternehmen."

Michael nickte. "Eine Handvoll sollte es schon sein. Gib sie unserem Haushofmeister, er wird Bescheid wissen. Ach ja, und eine Sache wäre da noch." Er sah sie ernst an, und für einen Moment blitzte unter der Maske des zwanglosen jungen Kainiten der Prinz durch. Madeleine wich unwillkürlich etwas vor ihm zurück. "Das letzte Mal, als euer Gast sich auf den Straßen ausgetobt hat, habe ich dafür gesorgt, daß die Sache ohne Folgen blieb. Ich möchte das nicht noch einmal tun müssen. Sollte sich derartiges wiederholen, seid ihr dafür verantwortlich, daß hinter ihm aufgeräumt wird."

Madeleine schlug die Augen nieder. "Natürlich. Beim letzten Mal konnten wir uns leider nicht selbst darum kümmern..."

Er hob beruhigend die Hand. "Ich mache euch auch keinen Vorwurf. Ich weiß, daß er hinter euch her war und ihr genug damit zu tun hattet, euch in Sicherheit zu bringen. Ich wollte nur für Klarheit sorgen."

Madeleine nickte. Die Besprechung schien damit beendet zu sein. Sie verabschiedete sich höflich und machte sich auf den Rückweg.

Als sie nach draußen kam, hielt sie Ausschau nach Erk van der Wehr, konnte ihn aber nirgends sehen. Vermutlich lag er irgendwo auf der Lauer und wartete, bis sie sich zeigte. Als echter Edelmann würde er es sich sicher nicht nehmen lassen, ihr in gebührendem Abstand nach Hause zu folgen und dafür zu sorgen, daß ihr nichts zustieß. Madeleine beabsichtigte nicht, es ihm so einfach zu machen. Wenn er wissen wollte, wo sie wohnte, würde er sich etwas anderes einfallen lassen müssen. Sie trat in eine Nische, in der es schon angenehm dunkel war, zog die Schatten dicht um sich herum und verschmolz mit ihnen. Schließlich floß sie aus der Nische, zur Tür hinaus und über den Hof. Als sie die Mauer hinaufkroch, bemerkte sie unten im Hof einen sichtlich erbosten van der Wehr, der seinen Zorn über ihren Abgang an seinem Pferd ausließ.

 

Madeleine fand ihre Geschwister im Arbeitszimmer. William schien dem Rätsel der Inschriften inzwischen auch erlegen zu sein. Er war gerade in eine Diskussion mit Irian verwickelt, als die Lasombra hereinkam.

"Wenn ich eure wissenschaftlichen Ausführungen einen Moment unterbrechen dürfte... ich glaube, ich habe jemanden interessantes kennengelernt."

William hob fragend eine Augenbraue, sagte aber nichts. Madeleine zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. "Ich war gerade im Palast", erklärte sie. "Und da habe ich einen Ritter getroffen, genauer gesagt, er hat mich angesprochen. Wir sind ins Gespräch gekommen, und er hat mir eine Reisegeschichte erzählt, die mir in einigen Teilen bekannt vorkam. Ich habe den Eindruck, der gute Mann kennt euch. Sein Name ist Erk van der Wehr."

Die Reaktion ihrer Geschwister überraschte Madeleine dann doch. Irian fluchte lautstark, während William aufsprang und dem Stuhl, auf dem er gesessen hatte, einen heftigen Tritt versetzte. Madeleine legte den Kopf schief und sah den Ventrue fragend an.

"Diese Ratte... ja, wir kennen ihn. Er ist eine Zeitlang mit uns gereist, ehe er uns ohne Vorankündigung einfach so verlassen hat."

"Weiß er Bescheid?" fragte Madeleine.

Irian nickte. "Ja, er war ganz zu Anfang dabei, als William den Auftrag bekommen hat. Er weiß ebenso viel wie wir."

"Und es würde mich nicht wundern", ergänzte William, "wenn er die Gelegenheit nutzen würde, um uns noch einmal eins auszuwischen, ehe wir Jerusalem erreichen. Ich bin mir sicher, daß er da auch hin will."

"Ich habe ihm nicht verraten, daß ich euch kenne, aber er wird es ziemlich bald herausbekommen. Wo wir wohnen weiß er auch noch nicht. Er wollte mir folgen, aber es ist nunmal nicht so einfach, eine Lasombra zu beschatten."

William grinste. "Das dürfte ihn etwas frustriert haben, nehme ich an. Nun, vermutlich werden wir ihm morgen Abend über den Weg laufen."

"Das ist auch immer noch früh genug", knurrte Irian und warf einen Blick aus dem Fenster. "Es wird bald Tag... ich glaube, ich gehe schlafen." Damit verließ sie den Arbeitsraum und ging Markus suchen.

 

Der nächste Tag war ein Samstag, und damit war die wöchentliche Audienz im Prinzenpalast fällig. Da die Geschwister erst um Mitternacht anwesend sein mußten, hoffte Madeleine, daß sie vorher noch eine Gelegenheit bekommen würde, sich um die Splitter für Michael zu kümmern. So lange draußen die Sonne noch nicht untergegangen war, konnte sie allerdings nichts unternehmen. Das würde ihr Zeit geben, noch ein wenig in dem Buch zu lesen.

Francesca hatte gerade ihren Bericht vom Tag beendet, zögerte aber, den Raum zu verlassen. Madeleine sah ihre Bedienstete an und entschied, daß diese noch irgendetwas auf dem Herzen hatte und sich nicht traute, es anzusprechen.

"Was ist los, Francesca? Dich bedrückt doch etwas."

"Naja", druckste diese herum. "Ich weiß nicht, ob ich mit Euch darüber reden kann, Madame..."

"Du kannst", erklärte Madeleine. "Raus mit der Sprache, was ist es?"

"Es geht um William", gab Francesca zögernd zu. "Er ist in den letzten Tagen so seltsam, ich weiß auch nicht..."

"Seltsam? Ich habe nichts davon gemerkt, aber das ist vielleicht auch kein Wunder. Was genau ist mit ihm?"

"Naja, er ißt nichts, schläft kaum, arbeitet fast nur noch, wenn er nicht gerade auf der Jagd nach Büchern ist... ehrlich gesagt, ich mache mir Sorgen um ihn."

Madeleine nickte nachdenklich. "Ich sollte wohl mit ihm reden, ehe er sich völlig ruiniert."

Francesca nickte. "Ja, es wäre wirklich schade um ihn... er ist irgendwie süß." Kaum hatte sie das gesagt, wurde sie tiefrot und schlug erschrocken die Hand vor den Mund.

Madeleine konnte nicht anders, sie prustete los. Als sie sich wieder etwas gefaßt hatte, legte sie einen Arm um Francescas Schultern und meinte: "Es beruhigt mich sehr, daß ich mit dieser Meinung nicht alleine dastehe." Die Frauen sahen sich einen Moment lang an, dann lachten beide.

 

Wie erwartet fand Madeleine ihren Ghoul im Arbeitszimmer. Er saß am Schreibtisch und brütete über einem Pergament. Als sie eintrat, sah er auf und warf einen überraschten Blick zum Fenster.

"Guten... tatsächlich, guten Abend. Ich hatte wirklich nicht bemerkt, daß es schon so spät ist."

"Das scheint ja in letzter Zeit nichts ungewöhnliches zu sein", meinte sie und musterte ihn prüfend. Francesca hatte recht, er sah wirklich erschöpft aus. Vitae konnte zwar Schlaf und Nahrung ersetzen, aber irgendwann würde sein Vorrat aufgebraucht sein. Besorgt konzentrierte sie sich auf seine Aura - und konnte einen erstaunten Ausruf nicht unterdrücken. Ungläubig starrte sie auf das farbige Leuchten, das ihn umgab und seine Gefühle wiederspiegelte. Sie hatte erwartet, Müdigkeit darin zu lesen, und darunter die Liebe und bedingungslose Ergebenheit, die ihr Blut in ihm hervorrief. Was sie stattdessen sah, konnte sie kaum fassen.

Seine Aura brannte. Anders hätte sie es nicht beschreiben können. Tiefrote, leuchtende Flammen züngelten langsam um ihn herum und glühten in einem unglaublich warmen Farbton, der trotz der allen Kainiten eigenen Angst vor Feuer auf Madeleine nicht bedrohlich wirkte. Was sie hier sah, war Liebe, und zwar eine Liebe, die nichts mit ihrem Blut zu tun hatte, sondern aus ihm selbst kam - und stärker war als das, was ihre vitae ihm aufzwang. Überwältigt ließ Madeleine sich auf den nächsten Stuhl sinken, unfähig, ein Wort zu sagen.

Baskerville war sofort an ihrer Seite. "Um Himmels Willen, Madeleine, was ist los? Geht es dir nicht gut?"

Sie winkte ab. "Es ist alles in Ordnung", brachte sie heraus. Er schien ihr das nicht so recht zu glauben und sah besorgt zu ihr herunter. Sie brachte ein Lächeln zustande, was ihn ein wenig zu beruhigen schien. Madeleines Gedanken rasten. Es dauerte einen Moment, bis sie es schaffte, sich wieder auf das zu besinnen, weswegen sie eigentlich gekommen war.

"Mit mir ist alles in Ordnung", wiederholte sie. "Aber mit dir nicht, habe ich den Eindruck. Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen? Oder richtig geschlafen, nicht bloß für ein, zwei Stunden?"

William kratzte sich am Kopf. "Gegessen... vor drei oder vier Tagen, glaube ich. So ungefähr."

Madeleine schüttelte seufzend den Kopf. "Mein Blut hilft dir dabei natürlich, aber es wird nicht ewig reichen. Wieviel von deinem Vorrat hast du verbraucht?"

"Ziemlich viel", gab er zu.

Madeleine seufzte erneut. "Und du warst natürlich zu stolz, um zu mir zu kommen und mich danach zu fragen, ich weiß. Wie dem auch sei, ich werde dir vitae geben müssen. Und so viel, wie du brauchst, kann ich dir nicht aus mir selbst geben. Ich werde mir vorher etwas von dir holen müssen."

Für einen winzigen Moment blitzten seine Augen triumphierend auf, dann hatte er sich wieder in der Gewalt. Wenn Madeleine ihn nicht gerade so genau betrachtet hätte, hätte sie es nicht einmal bemerkt. So aber fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Lord Baskerville war in der Tat ein würdiger Lasombra-Ghoul. Er hatte sie äußerst geschickt ausmanövriert. Daß sie beschlossen hatte, nicht mehr von ihm zu trinken, hatte ihm die ganze Zeit nicht gefallen, auch wenn er wahrscheinlich ihre Gründe verstand. Anstatt mit ihr zu darüber zu diskutieren, was ohnehin nichts genutzt hätte, hatte er sich mit voller Absicht in eine Situation gebracht, in der ihr kaum etwas anderes übrig blieb, als von seinem Blut zu trinken. Natürlich hätte sie sich von den Gefäßen im Blauen Salon holen können, was sie brauchte, aber das waren gewöhnliche Sterbliche, die sie nicht übermäßig belasten wollte, und außerdem wäre es herzlos gewesen, ihn um die Belohnung für seinen Schachzug zu bringen. Madeleine beschloß, die Waffen zu strecken, und stand auf.

"Gut, du sollst deinen Willen haben. Aber nicht hier. Laß uns nach oben gehen."

Er lächelte und öffnete ihr mit einer galanten Verbeugung die Tür.

 

Irian war gerade auf dem Weg zum Frühstück, als Madeleine und ihr Ghoul Arm in Arm den Gang entlangkamen und ihr sichtlich in bester Laune einen guten Abend wünschten. Was das Band zwischen ihnen ihr im Moment über den Gefühlszustand ihrer Schwester verriet, unterschied sich doch erheblich von den Eindrücken der letzten Tage. Es war, als wäre ein Felsbrocken von Madeleines Seele gewichen. Zum ersten Mal erlebte Irian die Lasombra tatsächlich glücklich.

"Da scheint wohl ein Knoten geplatzt zu sein", bemerkte sie zu sich selbst, zufrieden, daß wenigstens ein Problem offenbar gelöst war.

William hingegen, der gerade in seinem Zimmer saß und sich um seine Klinge kümmerte, war alles andere als zufrieden. Er spürte natürlich ebenso wie die Gangrel, was mit Madeleine los war. Er empfand es wegen des doppelten Bandes, das er mit Madeleine teilte, eher noch stärker. Und deswegen war ihm in diesem Moment auch vollkommen klar, daß er verloren hatte. Madeleine hatte sich endgültig für Baskerville entschieden. Wut packte ihn, und er stürmte aus dem Zimmer nach unten.

Wie erwartet fand er Markus im Atrium. Obwohl der junge Gangrel die Verbindung zwischen den Geschwistern nicht teilte, erfaßte er mit einem Blick, daß mit William etwas nicht stimmte. Es war ja auch nicht zu übersehen. Der Ventrue nahm ihn beiseite.

"Hast du Zeit für einen Übungskampf? Ich habe das dringende Bedürfnis, mich abzureagieren."

Markus entschied, daß das offenbar wirklich nötig war, und nickte wortlos. Er griff sich zwei der hölzernen Übungsschwerter, die noch vom letzten Training seiner Schützlinge herumlagen. Dann überlegte er kurz, warf die Schwerter weg und hob die Fäuste. "Die Schwerter sind nicht stabil genug", grinste er und ging in Deckung, als William angriff.

 

Zwei Stunden später wartete Madeleine in der Eingangshalle auf ihre Geschwister. Sie hatte Lord Baskerville friedlich schlafend in ihrem Bett zurückgelassen, und da der Gargoyle inzwischen verschwunden war, steckte in ihrem Gürtel ein kleiner Beutel, dessen Inhalt Michael sehr interessieren würde. Allmählich wurde es Zeit, daß sie sich auf den Weg zum Palast machten. Plötzlich flog mit lautem Krachen eine Tür auf, und William kam von draußen herein. Madeleine spürte, daß er in Aufruhr war, und hielt ihn an.

"Was ist los, Bruder? Gibt es Schwierigkeiten?"

Er sah sie mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck an. "Ich will nicht darüber reden", sagte er mühsam beherrscht. Instinktiv spürte Madeleine, daß es ein Fehler gewesen wäre, in seinem gegenwärtigen Zustand weiter in ihn zu dringen. So nickte sie nur und trat zur Seite, um ihn vorbeizulassen. Ohne sie noch einmal anzusehen, verschwand er die Treppe hinauf.

Als er gerade an seinem Zimmer ankam, traf er Irian. Die Gangrel hatte sich in einem für sie recht ungewöhnlichen Anfall von Eitelkeit sorgfältig zurechtgemacht, was William unter anderen Umständen mit Sicherheit eine galante Bemerkung entlockt hätte. Heute jedoch wollte er ohne ein Wort an ihr vorbei. Irian legte eine Hand auf seinen Arm.

"Stimmt etwas nicht?"

Ohne die Türklinke loszulassen und ohne sich umzudrehen, sagte er leise: "Laß mich los."

Sie nahm ihre Hand zurück. "Was ist passiert?"

"Wie ich gerade schon zu Madeleine sagte, ich will nicht darüber reden. Und jetzt laß mich in Ruhe." Damit verschwand er in seinem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Irian sah ihm einen Moment nachdenklich hinterher, dann ging sie nach unten.

William ließ sich zu Boden sinken und lehnte sich mit geschlossenen Augen an die Tür. Das Training mit Markus hatte überhaupt nicht geholfen, das Chaos in seinem Inneren zu ordnen. Es hatte ihn nicht einmal davon ablenken können, einen winzigen Bruchteil von Madeleines Gefühlen zu teilen. Sicher, jetzt machte sie sich Sorgen um ihn, aber das war es nicht, was er wollte. Für seinen Verstand war alles ganz einfach. Er hatte von ihrem Blut getrunken, also liebte er sie, oder glaubte es wenigstens. Allerdings, so mußte er sich eingestehen, brauchte es normalerweise mehr als das eine Mal, das er getrunken hatte, damit dieses Gefühl so stark wurde wie das, was er im Moment erlebte. Madeleine hatte mit Sicherheit keine Ahnung, daß er sie schon gern gehabt hatte, ehe er von ihrer vitae gekostet hatte. Was als Spiel begonnen hatte, war irgendwann Ernst geworden, ohne daß einer von beiden das wirklich gemerkt hatte. William selbst hatte es sich die ganze Zeit nicht eingestehen wollen, bis er von Madeleine getrunken hatte. Das Band, das ihr Blut zwischen ihnen geschmiedet hatte, hatte nichts neues schaffen müssen, sondern lediglich etwas verstärkt, was in Ansätzen schon dagewesen war. Und dann war dieser Priester gekommen, den sie nur zum Ghoul gemacht hatte, damit ihr mit ihm nicht das selbe passierte wie mit Giacomo. Daraufhin hatte er sich in einen Lord verwandelt und ihr prompt den Kopf verdreht. Daß der Ventrue seinen Landsmann, der immerhin ein Angelsachse alter Abstammung war, eigentlich recht sympathisch fand, machte die Sache nicht einfacher. Und so, wie die Dinge jetzt offenbar standen, war es zu spät, noch mit Intrigen und irgendwelchen Tricks einen Keil zwischen die beiden zu treiben.

William hatte seine bisherigen Liebesaffären nie besonders ernst genommen, schließlich hatte er ja Elena. Es war ihm allerdings auch noch nie vorher passiert, daß er sich tatsächlich in eine andere Frau verliebt hatte - und sie ihm einen anderen vorzog. Verzweiflung schlug schwärzer als einer von Madeleines Schatten über ihm zusammen. Und als er seiner Trauer freien Lauf ließ, rann eine einzelne, blutig rote Träne über sein Gesicht. Sie fiel auf seine Hand herab, kristallisierte dort und lag funkelnd wie ein kostbarer Rubin auf seiner Haut. Langsam nahm er den Kristall hoch und sah ihn an. Gleichzeitig spürte er eine ungeheuere Erleichterung, und die Verbindung zu Madeleine verlor an Intensität, bis sie nicht stärker war als die, die er zu Irian spürte. Nachdenklich drehte William den Tropfen im Licht. Er hatte es geschafft, Madeleine loszulassen, und was er in der Hand hielt, war die Essenz dessen, was ihn an sie gebunden hatte - und ihn wieder an sie binden würde, falls er den Kristall schluckte.

 

Madeleine und Irian, die in der Eingangshalle standen, spürten beide die Veränderung, die mit William vorging. Wortlos sahen sie sich an, dann wandte sich Madeleine ab und ging nach oben.

Sie klopfte an die Tür ihres Bruders. "William? Darf ich reinkommen?"

"Sicher."

Als sie eintrat, saß er auf dem Boden und lächelte sie an. "Hast du vielleicht ein Medaillon für mich? Ein leeres, meine ich."

Sie sah ihn verblüfft an. "Ich glaube nicht, daß ich so etwas habe... ich kann nachsehen."

Er schüttelte den Kopf. "Nicht nötig. Mog!"

"Ich komme", ertönte es von unten, dann hörte man eilige Schritte, und gleich darauf öffnete sich die Tür. "Ihr habt gerufen, Sir?"

"Kannst du ein Medaillon besorgen? Möglichst schlicht, mit einer Kette?"

Mog überlegte kurz. "Ich glaube, wir haben sogar etwas passendes hier... einen Augenblick." Er verschwand und kehrte einige Minuten später mit einem einfachen silbernen Medaillon an einem hübsch geflochtenen Lederband wieder. "Paßt das?"

"Ausgezeichnet", sagte William zufrieden und nahm es. Mog verschwand. William öffnete den Anhänger und legte die Träne hinein. Madeleine sah ihn neugierig an.

"Was ist das?"

"Das", antwortete er und legte das Medaillon um, "ist dein Blut. Du wirst gemerkt haben, daß die Folgen des... Zwischenfalls von neulich verschwunden sind. Man könnte sagen, daß das, was für diese Folgen verantwortlich war, jetzt hier drin ist. Im Notfall läßt sich das hervorragend als Waffe einsetzen."

Seine Worte versetzten ihr einen Stich. Das war typisch William - er sah wie immer die praktische Seite der Dinge. Auch wenn sie um seinetwillen froh war, daß er die Wirkung ihres Blutes offenbar überwunden hatte, enttäuschte es sie, daß er es jetzt anscheinend nur noch als nützliches Werkzeug sah. Bemüht, ihn diese Gedanken nicht spüren zu lassen, wandte sie sich ab.

"Es wird Zeit, wir müssen zum Palast. Kommst du?"

"Ich komme", bestätigte er, und folgte ihr nach unten.

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