Kapitel 7
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Zwölf Gongschläge hallten langsam durch den Palast. Die allgemeine Unterhaltung verstummte, und alle Augen wandten sich zu dem großen doppelflügligen Portal am Ende der Halle. Als der zwölfte Ton verklungen war, schwang die Tür geräuschlos auf. Dahinter erschienen drei gottgleiche Wesen, deren Anblick alle Anwesenden augenblicklich auf die Knie zwang. Michael, Caius und Gregorius betraten den Saal. Michael schien von innen heraus in einem goldenen Licht zu leuchten, und flüchtig glaubte Madeleine Engelsflügel an ihm zu sehen. Einen Moment später war die Illusion jedoch verschwunden, und Madeleine senkte hastig wieder den Blick. Diese drei Kainiten auch nur anzusehen, erschien wie eine kaum vorstellbare Unverschämtheit. Caius und Gregorius wirkten kaum weniger prächtig als der Toreador. Selbst der Malkavianer war für den Augenblick ganz uncharakteristisch ernst.

Der Erzengel bedeutete den Versammelten mit einer würdevollen Handbewegung, sich zu erheben. Dann begab er sich mit den beiden anderen in einen Nebenraum, vor dem der Haushofmeister Aufstellung nahm. Der Ghoul pochte dreimal mit seinem Stab auf den Boden.

"Berichte, Bittgesuche und ähnliches können jetzt während der nächsten drei Stunden vorgebracht werden. Die Prinzen erwarten als erstes Sir William von Tintagel, Madeleine de Neuville, Irian und Gefolge."

Ein Raunen ging durch die Menge, und hier und da waren ein paar wütende Gesichter zu sehen. Es dürfte einigen der hohen Herrschaften nicht gefallen, dachte William, daß die Fremden vor ihnen zu den Prinzen gebeten werden. Im Vorbeigehen sah er weiter hinten das fassungslose Gesicht Erks, der offensichtlich gerade erkannt hatte, mit wem er sich gestern Abend so angeregt unterhalten hatte.

Die vier betraten das Audienzzimmer. Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloß. Die Prinzen saßen auf einem Podest an der Stirnseite des Raums und schauten ihnen mit unbewegten Gesichtern entgegen. Die Geschwister gingen vor dem Podest auf die Knie, Markus hinter Irian, und warteten darauf, daß sie angesprochen wurden. Plötzlich warf Michael einen kleinen Gegenstand in ihre Richtung, der ein Stück vor Madeleine liegenblieb. Sie erkannte den Beutel mit den Steinsplittern, den sie vorhin dem Haushofmeister ausgehändigt hatte.

"Das ist jetzt wertlos geworden. Wenn Euer Gast hier erledigt hat, weswegen er hergekommen ist, dann sorgt dafür, daß er die Stadt verläßt. Und jetzt steht auf und berichtet."

William sah einen Moment erstaunt auf den Beutel, von dem er nichts gewußt hatte, dann begann er in knappen Worten seinen Bericht abzugeben. Die Prinzen rührten sich nicht. Schließlich sagte er: "Was die Nachfolger angeht, die wir auf Euren Befehl finden sollten, so wollen wir Euch den ersten von ihnen vorstellen."

Irian drehte sich um und nickte Markus zu, der neben sie trat und auf ein Knie herunterging. Sie legte eine Hand auf seine Schulter und sah die Prinzen an.

"Dies ist Markus vom Clan Gangrel, mein Sohn."

Die drei Kainiten auf dem Podest musterten ihn eine Weile schweigend, ehe Caius ihm bedeutete, sich zu erheben.

"Wir erkennen Euch als Bewohner des Hauses an, als Stellvertreter seiner Besitzer und als ihr Nachfolger, wenn sie Konstantinopel verlassen haben. Die entsprechenden Rechte und Pflichten gehen dann auf Euch über."

Damit war die Sache offenbar für ihn erledigt, und er wandte sich an William.

"Was Euch drei angeht, so erhaltet Ihr die Erlaubnis, das Haus zu Eurer Zuflucht auszubauen. Ihr könnt und sollt alles zu seiner Sicherheit nötige veranlassen, und Ihr sollt dafür sorgen, daß es ständig bewohnt ist." Er machte eine kleine Pause und sah von einem zum anderen. "Falls Ihr Schwierigkeiten bekommt und Euer Einflußgebiet in der Hafengegend nicht halten könnt, dann will ich das wissen. Das wäre alles, Ihr könnt Euch zurückziehen."

Die vier verabschiedeten sich mit der angemessenen Ehrerbietung und verließen das Audienzzimmer. Sie waren kaum draußen angekommen, als die drei jungen Kainiten, die sie früher am Abend schon angesprochen hatten, sich auf sie zubewegten. Eine merkwürdige Truppe: ein Ravnos, der offenbar der Anführer war, ein Brujah und eine Nosferatu, die erst bei sehr genauem Hinsehen als weiblich zu erkennen war. Andererseits, dachte Madeleine, ist diese Zusammenstellung auch nicht viel seltsamer als unsere.

"Die Prinzen empfangen nun Magnus, Primogen des Clans Lasombra", erscholl es von hinten.

Mit seinem gewohnt mürrischen Gesichtsausdruck, der höchstens noch etwas düsterer war als sonst, schlurfte Magnus in Richtung Tür, nicht ohne einen bösartigen Blick zu den Geschwistern hinüberzuwerfen. Den meisten Anwesenden blieb vermutlich verborgen, daß der Lasombra nicht alleine war. Madeleine und William hatten jedoch schon früher am Abend den merkwürdigen Schatten in seiner Begleitung bemerkt, und als der selbe Schatten ihm jetzt nach drinnen folgte, erkannte Madeleine deutlich die Gestalt von Morpheus. Sie warf William einen bedeutungsvollen Blick zu, und der nickte kaum merklich.

Der Ravnos und seine beiden Begleiter waren inzwischen herangekommen und gesellten sich zu den Geschwistern. Während William sich mit ihnen über Belanglosigkeiten unterhielt, beobachtete Madeleine die drei. Irian und Markus wurde das Gerede bald zuviel, und sie verzogen sich ein Stück auf die Seite.

Irgendetwas an den dreien war in der Tat sehr seltsam. Giuseppe, der Ravnos, der offenbar der Anführer war, ließ seine Gefährten kaum zu Wort kommen. Sobald einer der beiden anderen etwas sagen wollte, wurde er unterbrochen. Außerdem, stellte Madeleine fest, waren die drei auf eine merkwürdige Art verbunden, nicht so wie sie mit ihren Geschwistern, sondern... anders. Giuseppes Aura war irgendwie stärker als sie eigentlich hätte sein dürfen, während die der beiden anderen schwächer war. Es war, als wäre er eine Art Fokus für die Kräfte der drei. Ich frage mich, dachte sie, warum die ausgerechnet uns um unseren Schutz gebeten haben.

Madeleines Gedanken wurden unterbrochen, als Magnus das Audienzzimmer verließ und der Haushofmeister verkündete:

"Die Primogen der Brujah wird erwartet."

In der Menge entstand Bewegung, ohne daß der Grund dafür sofort offensichtlich wurde. Schließlich schob sich eine hübsche, zierlich gebaute junge Frau zwischen den Wartenden hindurch. Blondes Haar umfloß ein feingeschnittenes Gesicht mit klaren blauen Augen, die genau den selben Farbton hatten wie das elegante, figurbetonte Kleid, das sie trug. Die Frau lächelte William im Vorbeigehen zu und verschwand im Audienzzimmer.

Magnus kam auf die Geschwister zu. Giuseppe und seine beiden Begleiter wichen hastig zurück, wie die meisten anderen Umstehenden auch. Magnus blieb mit verschränkten Armen vor William und Madeleine stehen und funkelte sie an.

"Von mir habt ihr keine Unterstützung zu erwarten. Seht gefälligst zu, wie ihr zurechtkommt."

Damit stapfte er in Richtung Ausgang, gefolgt von Morpheus, der nach wie vor für normale Sinne unsichtbar blieb und die Geschwister völlig ignorierte.

William und Madeleine sahen sich an.

"Was auch immer man davon jetzt halten soll", murmelte der Ventrue.

Madeleine hob nur die Schultern. "Er hat Morpheus vorgestellt. Was davon zu halten ist, dürfte klar sein."

William nickte und entschied mit einem Blick auf den Ravnos und sein "Gefolge", daß es klüger wäre, die Diskussion später fortzusetzen.

Kurz darauf verließ die Brujah das Audienzzimmer und kam auf die beiden zu. William verneigte sich höflich, er schien die Dame bereits zu kennen. Madeleine machte einen Knicks.

"Da habt Ihr ja einige Leute ziemlich vor den Kopf gestoßen", meinte die Primogen und zwinkerte William belustigt zu. Der grinste zurück.

"Es sieht ganz danach aus. Magnus' Blick vorhin hätte fast ausgereicht, uns in Starre zu versetzen."

"Verzeiht", mischte sich Madeleine ein, "wir hatten noch nicht das Vergnügen. Madeleine de Neuville."

"Oh, das weiß ich natürlich." Die Brujah lächelte sie freundlich an. "Ich bin Natalya Vorshevna, Primogen der Brujah. Aber das habt Ihr sicher bereits gemerkt. Wir sollten uns übrigens unterhalten, laßt uns doch nach draußen gehen."

Sie wandte sich ab und steuerte auf den Ausgang zu. Schlank und zierlich wie sie war, hatte sie trotzdem überhaupt keine Schwierigkeiten, sich einen Weg durch die Versammelten zu bahnen. Wo sie ging, bildete sich eine Gasse. William sah sich kurz nach Irian um, stellte fest, daß sie gerade damit beschäftigt war, Markus vor einem Trio Malkavianer zu retten, die ihn ärgern wollten, und beschloß, sie dabei lieber nicht zu stören. Es hätte leicht sein können, daß die Malkavianer sich sonst ihn als Ziel ausgesucht hätten, und darauf legte er nun wirklich keinen Wert.

Draußen im Hof war es ruhig. Natalya blieb stehen und sah sich unauffällig nach eventuellen Lauschern um, während sie ein eher belangloses Gespräch mit den beiden begann. Schließlich schien sie überzeugt zu sein, daß sie unter sich waren, und sah William und Madeleine ernst an.

"Ihr habt den Auftrag bekommen, Euer Haus mit Leben zu füllen, oder wenigstens mit Unleben. Ich werde Euch zwei meiner Kinder schicken, die Euch unterstützen werden. Sie werden morgen Abend bei Euch eintreffen."

William neigte den Kopf. "Wir danken Euch. Wie Ihr schon sagtet, gewisse Leute scheinen nicht besonders gut auf uns zu sprechen zu sein. Unterstützung ist da willkommen."

Natalya nickte. "Paßt mir gut auf meine Brujah auf. Ich habe den Eindruck, daß man Eure Feinde nicht unterschätzen sollte."

Die drei schlenderten langsam wieder nach drinnen. In einiger Entfernung bemerkte Madeleine Erk van der Wehr, der die beiden und seine Primogen offenbar auch gerade gesehen hatte und mit mäßigem Erfolg versuchte, seine Zwei-Meter-Gestalt in der Menge zu verbergen. Natalya warf einen Blick zu ihm, hob leicht eine Hand und sagte leise: "Erk, mein Lieber, komm mal her." Der Mangel an Begeisterung auf Erks Gesicht wurde nur noch von dem übertroffen, den William zur Schau stellte. Er kam heran, verbeugte sich vor Natalya und Madeleine und nickte dem Ventrue zu.

"Hallo William."

"Erk." Williams Stimme hätte Wasser gefrieren lassen können.

Natalya hob eine Augenbraue. "Ihr kennt Euch? Das trifft sich ja hervorragend. Erk, du wirst deinen Bediensteten sagen, daß du umziehst. Laß deine Sachen aus deinem Landsitz holen, du wirst vorerst nicht dahin zurückkehren."

William gab ein unterdrücktes Stöhnen von sich. Natalya sah ihn fragend an. "Ihr seid mit meiner Wahl nicht einverstanden? Warum denn?"

"Sagen wir, es gab gewisse... Differenzen zwischen uns", sagte William und ließ Erk dabei nicht aus den Augen.

Natalya zuckte die Schultern. "Die gibt es öfter, und man kann sie ausräumen. Nennt mir einen wirklich guten Grund, und ich schicke Euch jemand anderen. Wenn Ihr das nicht könnt, bleibt es dabei."

William wand sich noch ein wenig, wollte aber seine persönlichen Streitereien mit seinem früheren Begleiter auch nicht gerade hier im Palast und vor einer Primogen ausbreiten. So stimmte er schließlich zähneknirschend zu.

Natalya nickte zufrieden. "Der zweite, den ich Euch schicke, ist Dan de Ville, Ihr kennt ihn glaube ich auch schon." Sie deutete auf den jungen Brujah in Giuseppes Begleitung. "Ich wünsche Euch Erfolg", sagte sie noch, dann verschwand sie.

Erk wollte ebenfalls gehen, dann fiel ihm offenbar noch etwas ein und er wandte sich an die Geschwister. "Ehe ich es vergesse... wieviele meiner Bediensteten darf ich mitbringen?"

Irgendetwas an seinem Ton mißfiel Madeleine. Sie hielt es für angebracht, ihn das merken zu lassen und sah ihn kühl an. "Es war die Rede davon, daß Ihr bei uns einzieht, Monsieur van der Wehr. Ich kann mich nicht erinnern, daß Euer Gefolge dabei erwähnt wurde."

Erks Gesichtsausdruck angesichts dieser Zurechtweisung versöhnte William schon fast wieder. Er grinste innerlich, nach außen blieb seine Miene völlig unbewegt, als er Erk ansah und keinerlei Anstalten machte, der Lasombra zu widersprechen. Der Brujah nickte steif und verzog sich.

 

"Mog, wir bekommen Besuch. Richte dich darauf ein, daß morgen Abend acht Verwandte hier auftauchen. Sie werden bis auf weiteres hier wohnen."

"Gleich acht?" staunte der Ghoul.

"Ja, vorhin im Palast sind der Reihe nach die Primogen sämtlicher in der Stadt ansässiger Clans bei uns aufgetaucht. Die Prinzen müssen ein paar deutliche Worte verloren haben, jedenfalls haben etliche der Primogen angekündigt, daß sie einen oder mehrere ihrer Schützlinge hier einquartieren werden."

"Acht Gäste... das bedarf einiger Vorbereitung, aber das ist nicht wirklich ein Problem. Darf ich fragen, was das für Leute sind?"

William seufzte. "Einen von ihnen kennst du schon. Erk wird morgen hier einziehen."

"Oh", sagte Mog nur und enthielt sich jedes weiteren Kommentars.

"Außer ihm kommen noch ein weiterer Brujah, ein Ravnos, eine Nosferatu, ein Assamit und drei Malkavianer."

"Drei Malkavianer und ein Assamit?" Mog verzog das Gesicht. "Habt Ihr irgendjemand wichtigen verärgert, Sir? Das muß doch eine Bestrafung sein."

William zuckte die Schultern. "Malkavianer scheinen meistens zu dritt aufzutauchen, warum auch immer. Was den Assamiten angeht, so werden wir ihn natürlich im Auge behalten. Sorg dafür, daß die Kellerräume abgesperrt werden und die Gäste in gesunder Entfernung von unseren Quartieren unterkommen. Groß genug ist das Haus ja. Sie werden keine Bediensteten mitbringen, so daß wir uns wenigstens darum nicht kümmern müssen."

Mog nickte. "Mit Eurer Erlaubnis werde ich mich gleich an die Vorbereitungen machen."

Als der Ghoul verschwunden war, fiel William plötzlich dieser merkwürdige Beutel ein, den Michael bei der Audienz Madeleine zugeworfen hatte, und den sie ohne ein Wort eingesteckt hatte. Sie schien genau gewußt zu haben, was es damit auf sich hatte. William, der keine Ahnung hatte, worum es bei der ganzen Sache ging, entschied, daß er neugierig war und wollte gerade zu ihr gehen, als er von draußen aus dem Atrium ein unverwechselbares Geräusch hörte. Der Gargoyle erhob sich mit rauschenden Flügeln von seinem üblichen Platz und flog über die Stadt. Spontan beschloß der Ventrue, nachzusehen, wo er hinwollte. Er bezog seinen bewährten Beobachtungsposten auf dem Dach und sah die riesige Gestalt in Richtung Hafen fliegen. Das könnte interessant werden, dachte er und folgte dem Gargoyle über die Dächer.

Gerade als er in der Nähe des Leuchtturms ankam, stieß der Gargoyle von oben auf die auf der Turmspitze sitzenden Wächter herab und griff sie an. Die drei erhoben sich von ihrem Posten. William konnte nur ungläubig den Kopf schütteln, als sie sich von verschiedenen Seiten auf den Eindringling stürzten. Der erste wurde im Anflug von einer mächtigen Pranke mitten ins Gesicht getroffen und wie ein Ball zu Boden geschleudert. Mit einem donnernden Geräusch schlug er ins Straßenpflaster, kaum zwei Meter neben der Stelle, unter der der von den Ghoulen gegrabene Tunnel verlief.

Der zweite hatte mehr Glück. Er traf den Riesen mit einer Klaue, ohne ihn jedoch ernsthaft zu verletzen. Er selbst bekam allerdings auch nichts ab, weil sein Gegner gerade damit beschäftigt war, den dritten Wächter mit einem gezielten Tritt nach unten zu schicken. Auch dieser hinterließ einen kleinen Krater in der Straße, glücklicherweise in sicherer Entfernung von der Tunneldecke.

Der Riese schien vorerst genug von den dreien zu haben. Er drehte ab und flog aufs Meer hinaus, während die beiden abgestürzten Gargoylen sich langsam aufrappelten und sich an der Wand des Turms nach oben zogen. Der dritte begann halbherzig eine Verfolgung, kehrte jedoch nach wenigen Metern um und gesellte sich zu den anderen.

Plötzlich öffnete sich die Tür des Leuchtturms, und Morpheus trat heraus. Er blieb auf der Schwelle stehen, auf sein Schwert gestützt, und sah sich um. Als sein Blick auf William fiel, der eigentlich geglaubt hatte, auf seinem Dach in den Schatten einigermaßen gut getarnt zu sein, nickte er dem Ventrue höflich zu. William sah ihn prüfend an - und erschrak. Mit einem Mal war ihm klar, daß das, was da unten stand, mit dem Spanier nur noch die äußere Form gemeinsam hatte. Es war wohl einmal Morpheus gewesen, jetzt allerdings war es nur noch ein Behältnis für etwas abgrundtief Böses. Morpheus, so wurde ihm bewußt, hatte sich offenbar mit einem Dämon eingelassen, ob freiwillig oder nicht, spielte jetzt keine Rolle mehr. Daß ihre Begegnung im Wald vor ein paar Tagen so glimpflich für den Ventrue verlaufen war, lag vermutlich daran, daß die Verwandlung zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz abgeschlossen war. Jetzt allerdings, da war er sich sicher, existierte Morpheus nicht mehr.

Während William noch versuchte, den Schock dieser Erkenntnis zu verdauen, wurde aus dem, was einmal der Spanier gewesen war, eine schwarze Wolke, die sich rasch in die Luft erhob und hinaus aufs Meer zog, dahin, wo der Gargoyle vorhin im Wasser verschwunden war. Von seinem Posten auf dem Dach konnte William nichts genaues mehr erkennen, und er war nicht so wahnsinnig, näher herangehen zu wollen. Wenn diese beiden sich wirklich trafen, wollte er nicht unbedingt in der Nähe sein. Nachdenklich trat er den Rückweg nach Hause an.

Der Gargoyle verspürte anscheinend auch keine Lust, sich mit dem Dämon anzulegen. William war noch nicht besonders weit gekommen, als er das charakteristische Rauschen großer Flügel über sich hörte und den Umriß einer bekannten Gestalt in Richtung der Villa fliegen sah. Sehr vernünftig, dachte er, und stutzte plötzlich, als er aus einem der umliegenden Häuser eine wütende Stimme hörte, gefolgt von einem lauten Klatschen und einem Aufschluchzen. Irgendwo da unten gab es offenbar häusliche Unstimmigkeiten, und einer der Beteiligten hielt es für angebracht, seine Argumente handfest zu untermauern. William, der nur Verachtung für Männer übrig hatte, die es nötig hatten, eine Frau zu schlagen, beschloß, einzugreifen.

Das richtige Fenster zu finden, war kein Problem. Der Ventrue schwang sich elegant hindurch und landete federnd auf dem Boden. Direkt vor ihm stand ein kräftig gebauter Mann, der ihn sprachlos ansah. In einer Ecke kauerte völlig verängstigt eine Frau und hielt abwehrend die Hände vors Gesicht. Als sie den Fremden sah, der da so plötzlich aufgetaucht war, schwanden ihr die Sinne und sie sackte bewußtlos in sich zusammen.

William sah den Kerl mit einem eisigen Blick an. "Schweig", befahl er, als der gerade den Mund aufmachen wollte. "Halt", schickte er noch hinterher, als sein Gegenüber Anstalten machte, sich zur Tür zu bewegen. Solcherart ruhiggestellt, konnte der Sterbliche nur dastehen und ihn anstarren. Kein gewöhnlicher Mensch hatte eine Chance gegen einen Kainiten, der es wie William verstand, seine Stimme zu gebrauchen. Der Ventrue sah ihm tief in die Augen und begann, leise auf ihn einzureden. Dabei griff er mit unsichtbaren Fingern nach dem Geist seines Opfers und fing an, ihn nach seinen Vorstellungen umzukrempeln. Der Mann, offenbar ein Hafenarbeiter, würde sich morgen sehr engagiert um eine bessere Arbeit bemühen und in der nächsten Zeit überaus höflich zu seiner Frau sein. William nahm sich die Zeit, die nötigen Veränderungen mit größter Sorgfalt vorzunehmen. Schließlich wollte er einen permanenten Effekt erreichen, der armen Frau in der Ecke wäre nicht geholfen, wenn ihr Mann nach ein oder zwei Tagen wieder mit seinem alten Benehmen anfing. Endlich war er zufrieden und schickte sein Opfer in den Schlaf, nicht ohne ihm vorher noch die Erinnerung an das Vorgefallene zu nehmen. William verließ die Wohnung auf dem selben Weg, wie er sie betreten hatte, und machte sich auf den Heimweg.

 

Madeleine wog nachdenklich den Beutel mit den Steinsplittern in der Hand. Es war ihr völlig unklar, wieso Michael auf einmal jedes Interesse daran verloren hatte. Andererseits konnte es nicht schaden, wenn sie einmal selbst versuchte, aus den Fragmenten schlau zu werden. Sie öffnete den Beutel, berührte seinen Inhalt und konzentrierte sich auf Travion und den Fluch, der auf ihm lag. Vielleicht war es ja möglich, diesen Fluch irgendwie zu brechen. Außerdem hielt sie es für ein ziemlich schlechtes Zeichen, daß Michael so nachdrücklich darauf bestanden hatte, daß der Gargoyle schnellstmöglich die Stadt verließ. Ob es dafür einen bestimmten Grund gab? Oder lag es nur an der Laune des Prinzen, der, wie sie inzwischen gemerkt hatte, dazu neigte, seine Umgebung mit extremen Stimmungsschwankungen zu verwirren?

Vor ihrem inneren Auge entstanden Bilder, undeutlich zuerst, dann immer schärfer. Sie sah Travion, wie er im Handumdrehen die Bevölkerung eines kleinen Dorfes auslöschte und in rascher Folge an verschiedenen Orten Massaker anrichtete. Langsam veränderte sich seine Umgebung, und Madeleine begriff, daß sie das Vergehen der Zeit beobachtete, mehrere Jahrhunderte anscheinend. Im Laufe dieser Jahrhunderte änderte sich sein Verhalten ganz allmählich, und sehr langsam wurde aus dem Monster, das sie zu Anfang gesehen hatte, der Beschützer, den der Fluch aus ihm machen wollte. Madeleine konnte nicht genau abschätzen, wie lang der Zeitraum war, den sie hier beobachtete, vermutete aber, daß es noch mindestens fünfhundert Jahre dauern würde. Zum Ende der Vision war Travion kaum noch zu erkennen. Seine anfangs schöne Gestalt war von zahllosen Kämpfen in Mitleidenschaft gezogen worden. Sein Gesicht wirkte halb geschmolzen und furchtbar entstellt, trotzdem schien er irgendwie zufrieden, als er vor einem Haufen riesiger Eier stand und sie zählte.

Und warum will Michael ihn jetzt unbedingt aus der Stadt haben? dachte Madeleine. Im selben Moment wechselte das Bild abrupt, und sie wußte, daß sie sich wieder in der Gegenwart befand. Sie sah William vor dem Gargoyle stehen und mit ihm reden, als der plötzlich ausholte und den Ventrue mit seinen riesigen Pranken förmlich zerfetzte. Entsetzt schrie sie auf, und die Vision verschwand. Benommen schüttelte sie den Kopf. Da spürte sie mit einem Mal Williams Anwesenheit im Haus. Der Ventrue war zurückgekommen und schickte sich gerade an, das Atrium zu betreten, wo der Gargoyle vorhin wieder gelandet war. Madeleine sprang auf und stürzte nach unten.

"William, nicht!"

William, der in der Tat gerade mit dem Gargoyle über das Problem mit dem Dämon hatte reden wollen, blieb stehen und sah Madeleine erstaunt entgegen. Sie kam hastig die Treppe heruntergerannt und sah aus, als hätte sie gerade etwas ziemlich furchtbares gesehen.

"Was ist denn passiert?"

Sie erreichte ihn und legte eine Hand auf seinen Arm. "Ich hatte eine Vision", sagte sie. "Für einen Moment hatte ich geglaubt, du wärst..." Sie schüttelte den Kopf, um die letzten Reste der beunruhigenden Bilder zu vertreiben, dann sah sie ihn an. "Halt dich aus seiner Reichweite, wenn du zu ihm gehst. Ich habe gesehen, wie er dich umgebracht hat. Laß das nicht Wirklichkeit werden."

Er erwiderte ihren Blick. Sie schien ernsthaft besorgt um ihn zu sein. Er wußte nicht so recht, ob er sich darüber nun freuen sollte. Auch wenn er ihr Blut losgeworden war, seine eigenen Gefühle für sie waren noch da, und die Lage war wirklich kompliziert genug, auch ohne daß er sich Hoffnungen darauf machte, daß sie diese Gefühle vielleicht erwidern könnte. So lange sie mit Baskerville glücklich war, würde er sich heraushalten.

Er nickte langsam. "Ich werde auf mich aufpassen. Aber die Dinge haben sich ziemlich verändert, und ich bin mir nicht sicher, ob der Gargoyle wirklich weiß, womit wir es zu tun haben."

Sie sah ihn erstaunt an. "Mit Morpheus, dachte ich. Und mit Magnus, so wie es aussieht."

William seufzte. "Morpheus ist tot, oder vielmehr, er stirbt und wird noch bis zum Jüngsten Tag sterben. Das, was wie Morpheus aussah, ist ein Dämon, der seine Gestalt trägt. Ich habe ihn vorhin gesehen, und ich weiß wirklich nicht, ob unser Gast dem Kerl gewachsen ist."

"Auch das noch." Sie schüttelte den Kopf. "Na gut, laß uns mit ihm reden. Oder vielmehr, vielleicht solltest du das Reden übernehmen. Mich mag er anscheinend nicht besonders."

Sie betraten das Atrium, wo der Gargoyle stand, als wäre nichts geschehen, und ein Buch im Arm hatte, in das er emsig schrieb. Als die beiden herauskamen, hob er den Kopf und sah sie an. Als seine Augen Madeleine streiften, glühten sie kurz rot auf, dann sah er William an und das Leuchten wechselte wieder zu weiß. "Was wollt ihr?"

William erzählte kurz, was er gesehen hatte, und schloß: "Damit sind unsere Angriffspläne für den Turm erst einmal hinfällig."

"Wieso?"

Entgegen ihren Vorsätzen ergriff Madeleine nun doch das Wort. "Wir waren davon ausgegangen, daß wir es mit einem unserer Art zu tun haben", erklärte sie. "Seine Schwachstellen kennen wir. Mit Dämonen kennen wir uns nicht aus, wir haben keine Ahnung, wie wir gegen so ein Geschöpf vorgehen sollen."

Der Gargoyle sah verächtlich auf sie herab. "Dann lernt", knurrte er unfreundlich. Madeleine, die absolut keine Lust verspürte, sich von ihm noch weiter beleidigen zu lassen, drehte sich um und verschwand kommentarlos im Haus. Der Gargoyle ignorierte ihren Abgang völlig, kritzelte irgendetwas in sein Buch und riß die Seite anschließend heraus.

"Wenn ihr mich braucht, könnt ihr mich damit rufen. Bis dahin werde ich meine eigenen Wege gehen." Er ließ das Pergament fallen, das sich sofort in Stein verwandelte, als es den Boden berührte, erhob sich in die Luft und war wenig später verschwunden.

Madeleine hatte recht, er mag sie wirklich nicht, dachte William und hob mit einiger Anstrengung den Marmorblock hoch, der vor kurzem noch ein Stück Pergament gewesen war.

 

"Die Gäste sind vollzählig eingetroffen und warten im Empfangszimmer auf Euch", sagte Mog am nächsten Abend.

"Dann wollen wir sie mal begrüßen", meinte William und bot Madeleine den Arm. Dicht gefolgt von Markus und Irian betraten sie das Empfangszimmer. Die acht darin versammelten Kainiten verneigten sich, als sie an ihnen vorbei zu den drei Sesseln gingen, die Mog an der Stirnseite plaziert hatte. Die Geschwister setzten sich, Markus nahm hinter Irian Aufstellung. William sah langsam von einem zum anderen, ehe er sprach.

"Seid willkommen in unserem Haus. Nach dem Willen des Triumvirats und Eurer Primogen werdet Ihr für die nächste Zeit unsere Gäste sein."

Madeleine beobachtete die Neuankömmlinge genau, während er weitersprach. Er nannte einige Verhaltensregeln, was von dem Ravnos mit eher unwilliger Miene zur Kenntnis genommen wurde. Die anderen jedoch waren offenbar völlig in seinem Bann. Madeleine mußte zugeben, daß William sehr beeindruckend sein konnte, wenn er es darauf anlegte. Und dabei spürte sie, daß er im Moment noch nicht einmal seine gesamten Möglichkeiten ausschöpfte. Für die Anwesenden schien es aber durchaus zu reichen, sie hingen förmlich an seinen Lippen.

Schließlich kam William zum Ende und forderte Mog mit einer Handbewegung auf, die Gäste vorzustellen. Der Ghoul setzte eine wichtige Miene auf und stieß seinen Stab (Gott weiß, wo er den her hat, dachte Madeleine) auf den Boden. Er nahm sich völlig ernst und wirkte dabei so unfreiwillig komisch, daß die Geschwister Mühe hatten, keine Miene zu verziehen.

"Erk van der Wehr, vom Clan Brujah." Erk verneigte sich mit ausdruckslosem Gesicht, was von den Geschwistern höflich zur Kenntnis genommen wurde.

"Dan de Ville, vom Clan Brujah." Der junge Brujah, den die vier gestern schon im Palast kennengelernt hatten, trat einen Schritt nach vorne und machte eine tiefe Verbeugung.

"Giuseppe Beldarabat, vom Clan Ravnos." Ein ironisches Funkeln lag in Giuseppes Augen, als er sich übertrieben tief verbeugte.

"Johanna de Guerot, vom Clan Nosferatu." Die Nosferatu knickste und machte dabei irgendwie den Eindruck, als wünschte sie sich gerade meilenweit fort.

Mog blieb neben einem hochgewachsenen Mann stehen, dessen Gestalt von einem schwarzen Burnus fast völlig verhüllt wurde. Dunkle Augen sahen ruhig und ohne jede Gefühlsregung unter dichten Brauen hervor. "Okajid Hassan, vom Clan der Assamiten." Hassan verneigte sich, ohne die Augen von den Geschwistern zu nehmen.

Mog trat zwischen drei völlig identisch aussehende, kleinwüchsige Vampire, die die ganze Vorstellungszeremonie sichtlich erheitert und mit unaufhörlichem Gekicher verfolgt hatten. "Peng!" schrien sie begeistert und wie aus einem Mund, als Mog erneut mit seinem Stab auf den Boden klopfte. Entschlossen, sich seinen großen Auftritt als Haushofmeister nicht verderben zu lassen, ignorierte der Ghoul den Heiterkeitsausbruch der drei und verkündete: "Tim, Tom und Tam, vom Clan der Malkavianer."

William sah noch einmal von einem zum anderen, dann sagte er: "Seid nochmals willkommen. Wenn Ihr Euch das Haus ansehen wollt, so wird Mog Euch jetzt herumführen. Ansonsten möchte ich Euch noch einmal daran erinnern, daß während unserer Abwesenheit Markus mit unserer Stimme spricht. Er wird immer im Haus sein, und wenn wir nicht da sind, ist sein Wort für Euch Gesetz." Damit nickte er allen noch einmal zu. Mog nahm das als Zeichen, daß die Audienz beendet war und öffnete die Tür. Die Gäste folgten ihm nach draußen, nur Erk blieb zurück.

"Ich bitte um eine Privataudienz", sagte er ruhig. William nickte, und Mog schloß die Tür. Erk sah William einen Moment lang an, ehe er sprach.

"Ich weiß, daß du über mein Verhalten damals nicht gerade glücklich bist. Ich bedauere das, aber ich konnte zu diesem Zeitpunkt nicht anders handeln. Darüber hinaus werde ich mich dafür nicht rechtfertigen." Er zog plötzlich sein Schwert, einen riesigen Zweihänder. Für Madeleines geschärfte Sinne schien die Klinge zu leuchten, in einem goldenen Licht, das für normale Augen nicht zu sehen war. Das Schwert, wußte sie plötzlich, war eine heilige Waffe, allerdings schien der Brujah es unter Kontrolle zu haben, sonst hätte sie seine Wirkung schon unangenehm gespürt. Erk stellte die Klinge vor sich auf und ging auf ein Knie herunter. "Ihr seid die Herren dieses Hauses, und als solche stelle ich mich euch zur Verfügung. Ich bin vorerst an diesen Ort gebunden. Ich kann Konstantinopel nicht verlassen, wenn ihr weiterzieht. Ich werde euch also nicht begleiten können, aber es gibt absolut keinen Grund, warum ich euch Steine in den Weg legen sollte. Da wir jetzt die nächste Zeit unter einem Dach wohnen werden, wäre es wohl angebracht, unsere Meinungsverschiedenheiten zu begraben. Im Übrigen", er stand auf, steckte sein Schwert weg und lächelte plötzlich, "freue ich mich wirklich, euch wiederzusehen." Er streckte William die Hand hin.

Der Ventrue war ehrlich überrascht. Instinktiv spürte er, daß Erk die Wahrheit sagte und tatsächlich nicht daran interessiert war, ihm und den anderen Probleme zu bereiten. William mußte erkennen, daß er dem Brujah Unrecht getan hatte und daß sein Zorn auf ihn eigentlich keine Grundlage hatte. Er erwiderte das Lächeln, erhob sich und packte Erks Unterarm. Die Männer sahen sich einen Moment lang an, bis Irian aufstand und sich beschwerte: "Und was ist mit mir? Werde ich etwa nicht begrüßt, du alter Gauner?" Erk verneigte sich. "Verzeiht meine Nachlässigkeit, Mylady", sagte er mit großem Ernst, dann grinste er breit und umarmte sie.

Madeleine beobachtete die ganze Szene schweigend und fühlte sich ein wenig ausgeschlossen. Andererseits war sie froh, daß wenigstens dieses Problem offenbar keines mehr war. Es blieben weiß Gott noch genug andere übrig. Schließlich verschwand Erk nach draußen, wo Mog bereits die Gäste durchs Haus führte. Irian und Markus folgten. Madeleine wollte auch gerade gehen, als ihr der merkwürdige Blick auffiel, mit dem William dem Brujah hinterhersah. "Stimmt etwas nicht?" fragte sie leise.

Williams Gesicht verschloß sich sofort. "Ach, vergiß es. Ich will nicht darüber reden."

"Diese Antwort bekomme ich in letzter Zeit öfter zu hören", meinte sie.

"Wir sollten uns um unsere Gäste kümmern", erklärte er und verließ das Zimmer.

 

Irgendwie, fand Madeleine am nächsten Abend, ist Williams schlechte Laune ziemlich ansteckend. Sie hatte nach dem Frühstück recht schnell gemerkt, daß ihr der Sinn im Moment nicht nach der Gesellschaft ihrer Gäste stand. Ihr Bruder schien auch immer noch mit seinen Problemen zu kämpfen. Er ließ sich zwar nach außen nichts anmerken, aber Madeleine spürte seine Unruhe, die sie inzwischen auch erfaßt hatte und die sie nicht mehr losließ. Eingedenk der Abfuhr, die sie sich gestern geholt hatte, sagte sie jedoch nichts, sondern zog sich kommentarlos in ihr Zimmer zurück, um noch ein wenig in Travions Lebensgeschichte zu lesen. Vielleicht konnte sie ja noch etwas neues darin finden.

 

William ließ sich nach dem Frühstück eine Weile bei den Gästen sehen, dann fand er, daß er seinen Pflichten als Hausherr Genüge getan hatte und verzog sich in sein Zimmer. Er wollte sich noch einmal mit dem seltsamen Steinblock beschäftigen, den der Gargoyle vorgestern bei seinem Abgang hinterlassen hatte. Die Marmortafel lag sicher verwahrt in seinem Schrank. William holte sie hervor und starrte eine Weile auf die seltsamen Zeichen, die ihre Oberfläche bedeckten. Es handelte sich um irgend ein Ritual, soviel war ihm klar, aber er war sich absolut sicher, daß er es nicht würde durchführen können. Nachdenklich ließ er seine Finger über den Stein gleiten und konzentrierte sich auf die Eindrücke, die ihm die Tafel über ihren früheren Besitzer vermittelte. Was er sah, war überaus beunruhigend. Ohne es zu wissen, sah er ähnliche Bilder wie die, die Madeleine vorgestern erlebt hatte. Der Gargoyle vergoß Ströme von Blut, zuerst das von Unbekannten, dann das von Williams Begleitern. Als der Riese schließlich Madeleine wie ein Spielzeug hochhob und regelrecht in Stücke riß, wich William mit einem leisen Schrei von dem Stein zurück.

Diese letzten Bilder hatten ihn mehr mitgenommen als er sich eingestehen wollte. Was der Gargoyle vorher angerichtet hatte, war schlimm genug gewesen, aber der Anblick von Madeleines blutüberströmter Leiche hatte ihm den Rest gegeben. William hielt es plötzlich nicht mehr mit dem Stein im selben Raum aus und kletterte zu seinem Lieblingsplatz auf dem Dach. Hier oben, wo ihn keiner störte und die Stadt unter ihm lag, konnte er am besten nachdenken.

 

Madeleine mußte einsehen, daß ihre Lektüre nicht unbedingt dazu angetan war, sie zu beruhigen. Die frühen Abschnitte von Travions Lebensgeschichte hatten zu große Ähnlichkeit mit dem, was sie vorgestern in ihrer Vision gesehen hatte. Er mußte sich in dem Landstrich, den er beherrscht hatte, wirklich wie ein Monster aufgeführt haben. An neuen Informationen hatte das Buch offenbar auch nichts mehr zu bieten. Frustriert klappte sie es zu und schleuderte es in eine Ecke. William, das spürte sie, saß wieder einmal auf dem Dach und schlug sich mit seinen Problemen herum. Wenn er mir nur endlich sagen würde, was mit ihm los ist, dachte sie. Das ist ja nicht zum Aushalten. Sie wollte gerade das Zimmer verlassen, da fiel ihr Blick auf das Buch, das sich geöffnet hatte, als es in der Ecke gelandet war. Die aufgeschlagene Seite zeigte einige merkwürdige Symbole. Neugierig geworden, nahm Madeleine den Wälzer wieder zur Hand und sah sich die Sache genauer an. Nach wenigen Minuten mußte sie jedoch erkennen, daß sie offenbar zu unkonzentriert war, um mit den Symbolen etwas anfangen zu können. Madeleine seufzte, legte das Buch wieder auf den Tisch und beschloß, doch noch einmal einen Versuch zu unternehmen, mit ihrem Bruder zu reden. Er hatte sich in der letzten halben Stunde keinen Millimeter vom Dach gerührt.

 

So sehr es William auch mißfiel, das zuzugeben, er hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen, was Erk anging. All die Monate, seit der Brujah die Gruppe ohne ein Wort verlassen hatte und einfach verschwunden war, hatte er seinen Zorn auf ihn genährt und sich ausgemalt, was passieren würde, falls sie sich noch einmal begegneten. Er hatte ernsthaft erwartet, daß Erk versuchen würde, gegen sie zu intrigieren und ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen. Stattdessen hatte der nicht nur nichts gegen sie unternommen, er hatte ihnen auch noch Gefolgschaft geschworen, und William hatte keinen Zweifel daran, daß der Brujah das Haus im Notfall bis zum Letzten verteidigen würde. Der Ventrue haßte es einfach, im Unrecht zu sein, und diesmal führte wirklich kein Weg an dieser Erkenntnis vorbei.

Er hatte noch keine zehn Minuten oben gesessen, als sich auf dem Dach gegenüber ein Schatten bewegte, der vorher nicht dagewesen war. Der Dämon formte sich aus der Dunkelheit und nahm Morpheus' Gestalt an. Einen langen Augenblick sah er zu William herüber, dann verneigte er sich mit einem spöttischen Lächeln und verschwand. Kurze Zeit später drang aus der Hafengegend ein gedämpfter Schrei herüber. William biß die Zähne zusammen, als er den Laut hörte. Das war kein Erwachsener gewesen, der da geschrieen hatte. Kurz darauf erhob sich zwischen den Häusern in einiger Entfernung ein formloser Schatten, schwebte über die Dächer und verschwand schließlich irgendwo zwischen ihnen. Wenn wir nur wüßten, dachte William, wie man mit diesem Kerl fertig wird... Der Ventrue zermarterte sein Gehirn und versuchte, sich alles in Erinnerung zu rufen, was er über Dämonen und ihresgleichen wußte. Viel war es nicht gerade. Mit einem Mal erinnerte er sich jedoch an etwas, das er in der Bibliothek des Priesters in Bologna gelesen hatte. Der Mann hatte eine sehr umfangreiche Sammlung okkulter Schriften besessen, und die Geschwister hatten während der Monate, die sie in der Stadt gewesen waren, mehrmals Gelegenheit gehabt, diese zu studieren. Und irgendwo in einer dieser Schriften, in einer Randnotiz, stand etwas über...

"Das Buch der Schatten", flüsterte William.

"Wie bitte?" fragte Madeleine.

Der Ventrue zuckte zusammen. Er war so in Gedanken versunken gewesen, daß er nicht einmal gemerkt hatte, daß sie nach oben gekommen war. Er hatte keine Ahnung, wie lange sie schon neben ihm saß.

"Das Buch der Schatten", wiederholte er. "Ich habe gerade darüber nachgedacht, wie man diesem Dämon beikommen könnte. Da fiel mir ein, daß ich mal etwas über dieses Buch gelesen habe. Es ist ein Hexenbuch und enthält Beschreibungen verschiedener Dämonen und ähnlich unangenehmer Dinge. Inklusive einer Anleitung, wie man sie loswird." Ihm kam ein Gedanke. "Dein William hat doch ein geradezu unheimliches Talent, was seltene Bücher angeht. Meinst du, er könnte es für uns organisieren?"

Madeleine zuckte die Schultern. "Das mußt du schon ihn fragen, ich weiß es nicht." Sie kniff die Augen zusammen und sah auf die Straße. "Da soll doch..." murmelte sie. "Da unten läuft er gerade."

In der Tat kam William von Baskerville unten gerade auf das Haus zu. Offenbar stand er sich mit seinem Buchhändler inzwischen schon so gut, daß er ihn sogar nach Sonnenuntergang noch aufsuchen konnte. Madeleine konnte sich jedenfalls sonst nichts vorstellen, was ihn um diese Zeit noch auf die Straße getrieben hätte.

William war noch drei oder vier Schritte von der Haustür entfernt, als sich von einem der benachbarten Dächer plötzlich ein Schatten löste und mit irrsinniger Geschwindigkeit auf ihn zuschoß. Madeleine schrie entsetzt auf. Irgendwie schien der Ghoul, der gerade noch einen völlig sorglosen Eindruck gemacht hatte, den Angriff geahnt zu haben. Er warf sich zur Seite und hechtete durch den Torbogen. Die Tür öffnete sich, und William brachte sich mit einem Satz in Sicherheit. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloß. Es krachte vernehmlich, als irgendetwas von der anderen Seite dagegenprallte.

Madeleine landete mit einem Sprung vom Dach im Atrium, rannte in die Eingangshalle und schloß William in die Arme. "Bist du in Ordnung?"

"Nichts passiert", versicherte er und drückte sie beruhigend an sich. "Allerdings gebe ich zu, daß das ziemlich knapp war."

Sie sah ihn an. "Tu mir bitte den Gefallen und geh bis auf weiteres nach Sonnenuntergang nicht aus dem Haus. Wir haben es mit einem Dämon zu tun, und der Kerl ist extrem gefährlich."

"Er hat unseren ehemaligen Begleiter übernommen", ergänzte der Ventrue, der inzwischen auch herangekommen war.

"Ein Dämon? Was für einer?" Der Ghoul schien eher interessiert als beunruhigt.

William zuckte die Schultern. "Keine Ahnung, wir kennen uns da nicht aus. Wobei mir einfällt, daß du uns womöglich helfen kannst. Du kennst dich doch so hervorragend mit Büchern aus, vielleicht kannst du eins für uns beschaffen. Es geht um..." Er sah sich um, ob sie belauscht wurden, dann formten seine Lippen lautlos die Worte "das Buch der Schatten".

Baskerville pfiff leise durch die Zähne. "Das legendäre... ich weiß nicht, ob ich es beschaffen kann. Dazu bräuchte man Kontakte, und zwar sehr gute Kontakte. Am besten zu einer Hexe. Zu einer richtigen, meine ich. Es gibt da eine Hexe in Italien, die mir einen Gefallen schuldet, allerdings weiß ich nicht, ob sie eine echte Hexe ist oder ob sich die Heilige Mutter Kirche in ihrem Fall wieder einmal geirrt hat. Ich bräuchte die Hilfe des Templerordens, aber mit Markus im Haus sollte das machbar sein... hmm." In Gedanken versunken wandte er sich ab und ging langsam nach oben in Richtung Arbeitszimmer. Madeleine sah ihm mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck hinterher. "Den werde ich die nächsten paar Tage nicht zu sehen bekommen", stellte sie fest. "Herzlichen Dank, Bruder."

"Keine Ursache", erwiderte William und grinste sie an. Dann sah er, wie weiter hinten Erk den Gang entlangkam und sich angeregt mit Irian unterhielt, und wurde schlagartig wieder ernst.

Madeleine seufzte. "Willst du mir jetzt vielleicht endlich sagen, was die ganze Zeit schon mit dir los ist? Seit gestern unsere Gäste angekommen sind, bist du wegen irgendetwas in Aufruhr. Nicht, daß du vorher so besonders ruhig gewesen wärst, aber inzwischen wird es langsam wirklich schlimm."

William biß die Zähne zusammen. "Warum begreifst du nicht endlich, daß ich nicht mit dir darüber reden will?" Dann nahm er seinen Willen zusammen und schottete sein Innenleben gegen die Verbindung ab, die er mit Madeleine teilte.

Sie spürte, wie er mit einer gewaltigen Anstrengung seine Gefühle vor ihr verbarg und sie ausschloß. Irgendwie verletzte sie das fast noch mehr als seine Worte. "Vergiß, daß ich gefragt habe", sagte sie kalt und ließ ihn stehen.

 

Irian seufzte. Die letzten beiden Nächte waren fast nicht zum Aushalten gewesen. Und dabei sollte man sich nun konzentrieren... es war kein Wunder, daß sie mit dem Sortieren der Inschriften seit dem Abend, als die Gäste eingetroffen waren, fast keine Fortschritte gemacht hatte. William ließ sich abends kurz sehen und erfüllte seine Pflichten als Gastgeber, dann verbrachte er den Rest der Nacht auf dem Dach und brütete vor sich hin. Madeleine hatte sie seit vorgestern überhaupt nicht gesehen, die Lasombra hatte sich mit ihren Schatten in ihr Zimmer zurückgezogen und war seither nicht mehr herausgekommen. Francesca, die das Pech hatte, von ihrer Herrin bei Sonnenuntergang zum Bericht erwartet zu werden, schlich förmlich durch die Gänge und wirkte ziemlich eingeschüchtert, offenbar hatte sie sich schon mehr als eine Abreibung eingefangen. Nicht, daß Irian auch nur für einen Moment angenommen hätte, daß Madeleine ihre Bedienstete etwa geschlagen hätte oder so etwas. Das war nicht ihr Stil. Wenn die Lasombra wirklich ärgerlich war, hatte sie das allerdings auch nicht nötig, da reichte ein Blick. Keine Ahnung, was da schon wieder los ist, dachte die Gangrel mißmutig und starrte auf ihre Notizen. Irgendwie hatten ihre beiden Geschwister die gleiche verhängnisvolle Neigung, Dinge unnötig zu komplizieren. William, zum Beispiel. Anstatt, daß er sich freute, daß Erk wieder da war und es offenbar keine Meinungsverschiedenheiten mehr zwischen ihnen gab, lief er herum und machte ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter. Natürlich nicht wirklich, oh nein. Der Ventrue würde seine Stimmung nie derart offen zur Schau stellen, noch dazu, wo Fremde im Haus waren. Nach außen hin gab er den perfekten Hausherrn, zumindest für eine Stunde am Abend. Die Form mußte schließlich gewahrt bleiben. In ihm, das wußte Irian, sah es allerdings ganz anders aus. Und irgendwie spürte sie auch, daß sie im Moment die einzige war, die davon etwas mitbekam. Aus irgendeinem Grund verschloß er sich gegenüber ihrer Schwester. Und diese hielt es umgekehrt ebenso. Anscheinend war zwischen den beiden etwas vorgefallen. Irian hatte den Grund der Auseinandersetzung nicht mitbekommen, und sie hütete sich, danach zu fragen. Wenn die beiden Probleme miteinander hatten, sollten sie das gefälligst unter sich ausmachen. Und wenn sie nicht von selbst darauf kamen, daß sie sich absolut albern benahmen, würde die Gangrel sie mit Sicherheit nicht darauf aufmerksam machen. Die meisten Leute waren für derartige Hinweise nicht gerade dankbar.

Das unverständliche an der Sache war, daß Irian ziemlich sicher war, daß die beiden sich eigentlich gern hatten. Sie hatte sogar den leisen Verdacht, daß es zumindest bei William etwas mehr sein könnte als nur das. Vermutlich war er eifersüchtig auf Baskerville. Warum er allerdings seine Chance jetzt nicht nutzte, wo der Ghoul sich praktisch rund um die Uhr hinter seinen Büchern verkroch, anstatt sich um Madeleine zu kümmern, konnte die Gangrel auch nicht verstehen. Vermutlich hatte es etwas damit zu tun, daß alle Beteiligten in diesem Trauerspiel adlig waren. Die hochgeborenen Herrschaften kamen aus irgendwelchen Gründen nie auf das naheliegende. "Ich bin gespannt, wie lange er das durchhält", murmelte Irian zu sich selbst und wandte sich wieder ihren Inschriften zu.

 

William mußte einsehen, daß es so nicht weitergehen konnte. Er hatte die letzten beiden Nächte mehr oder weniger vollständig auf dem Dach verbracht und gegrübelt, aber das hatte natürlich keines seiner beiden Probleme gelöst. Alles, was er erreicht hatte, war, daß Madeleine sich auch nicht mehr sehen ließ. Er verbarg seine Gefühle noch immer vor ihr, und sie tat offenbar das gleiche. Auf Dauer war dieser Zustand unhaltbar. Und da er ihn herbeigeführt hatte, auch wenn ihm diese Einsicht absolut nicht behagte, war es wohl auch an ihm, ihn zu beenden.

Der Ventrue drückte sich fast eine halbe Stunde vor Madeleines Zimmer herum, ehe er den Mut aufbrachte, anzuklopfen. Als von drinnen eine Aufforderung erklang, trat er ein, schloß die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen. Madeleine saß in einem Sessel und sah ihm unbewegt entgegen. Sie hatte ihren Schatten wie einen Umhang um sich gelegt, der sich bewegte, als würde ein leichter Wind mit ihm spielen. Natürlich war es im Zimmer absolut windstill, aber das machte den Effekt nur noch beunruhigender.

Einen langen Moment sprach keiner der beiden. Dann sagte William: "Es ist genau das passiert, was ich eigentlich vermeiden wollte. Ich wollte dich nicht mit meinen Problemen belasten, aber das scheint mir nicht gelungen zu sein. Also sollten wir wohl reden. Was willst du wissen?"

"Ich habe dich schon zweimal gefragt. Ich werde es nicht ein drittes Mal tun."

Er nickte. "Also schön, du willst wissen, was los ist. Es sind eigentlich zwei Dinge, die mir zu schaffen machen. Das erste ist die Geschichte mit Erk. Ich habe gemerkt, daß ich ihm Unrecht getan habe. Er ist nicht unser Feind, aber ich habe ihn wie einen behandelt."

Madeleine hob leicht die Schultern. "Wo ist das Problem? Entschuldige dich bei ihm. So, wie ich ihn einschätze, wird die Angelegenheit damit für ihn erledigt sein."

Er seufzte. "Du hast ja recht. Es ist nur so, daß ich mir mit solchen Dingen ziemlich schwer tue. Aber ich werde es wohl nicht vermeiden können."

"Damit hätten wir ein Problem, das keins ist. Was ist das zweite?"

Er wich ihrem Blick aus. "Das zweite bist du."

"Ich?" Sie schien wirklich überrascht zu sein. "Was habe ich dir denn getan?"

"Nichts", sagte er leise.

"Das einzige, was mir einfallen würde, wäre die Sache mit meinem Blut, aber das hat sich ja inzwischen wohl gelöst."

"Das hat es, jedenfalls vorläufig. Solange ich die Perle nicht schlucke."

"Wenn du die Perle vernichtest, bist du auf der sicheren Seite", sagte sie einfach. "Aber ich vergaß, man kann sie ja noch als Waffe gebrauchen."

Er zuckte leicht zusammen. Mit diesem etwas unbedachten Ausspruch schien er sie tatsächlich getroffen zu haben, ohne es zu wollen. "Das ist ein Grund, weswegen ich sie aufhebe. Es gibt einen wichtigeren."

"Und der wäre?"

"Weil sie von dir stammt."

Sie sah ihn erstaunt an. "Das solltest du mir näher erklären."

Er erkannte, daß es jetzt kein Zurück mehr gab und bereitete sich innerlich auf ein Geständnis vor, das er eigentlich unbedingt hatte vermeiden wollen. So schwer es ihm auch fiel, er hob den Blick und sah ihr gerade in die Augen, als er sagte: "Genau darüber wollte ich mit dir nicht reden, damit die Dinge nicht noch komplizierter werden, als sie es ohnehin schon sind. Du hattest gerade Baskerville gefunden, da wollte ich nicht alles durcheinanderbringen, indem ich dir sage, daß du mir auch ohne dein Blut etwas bedeutest. Daß du mir sogar sehr viel bedeutest." Er schwieg einen Moment. "Ich wollte, daß du glücklich bist mit deinem William. Deswegen habe ich nichts gesagt, und deswegen habe ich die Verbindung zwischen uns unterbrochen."

Sie sah ihn nur an. "Und du glaubst, daß es mich glücklich macht, wenn du mich so ausschließt? Wenn ich sehe, daß es dir schlecht geht, und du dich vor mir zurückziehst? Damit beweist du mir, daß du mir nicht vertraust, und wie mich das glücklich machen soll, verstehe ich wirklich nicht."

Darauf hatte er zunächst keine Antwort. "Es tut mir leid", flüsterte er schließlich. Sie stand auf, war mit zwei raschen Schritten bei ihm und nahm ihn in die Arme. Er drückte sie kurz an sich, dann ließ er sie los. "Ich sollte jetzt besser gehen", sagte er leise.

Sie nickte. "Rede mit Erk. Und was das andere angeht... ich bin froh, daß ich es weiß."

Damit ging er, und ließ sie mit ihren Gedanken allein.

 

Am nächsten Abend erschien Madeleine mit einem dicken Buch bei ihrem Bruder. Ihr war aufgegangen, daß sie noch gar nicht dazu gekommen war, die Informationen, die sie über den Gargoyle herausgefunden hatte, mit ihm zu teilen. Es stellte sich heraus, daß er die meisten Dinge schon erfahren hatte, als er sich auf die Spuren konzentriert hatte, die Travion in der Marmortafel hinterlassen hatte. Neu waren ihm allerdings die Symbole, die ganz hinten in dem Buch standen und die Madeleine bereits vergeblich zu deuten versucht hatte.

"Das scheint eine genaue Niederschrift des Fluchs zu sein, der ihn zu dem gemacht hat, was er ist", meinte der Ventrue. "So, wie es aussieht, muß er tatsächlich bis zum Jüngsten Gericht über die Gargoylen wachen. Erst dann wird auch er gerichtet werden. Der einzige Weg, den Fluch vorher zu brechen, ist eine Begegnung mit seiner wahren Liebe, aber da die Dame ja bekanntlich tot ist, fällt diese Möglichkeit wohl aus. Er könnte einem fast leidtun."

"Ja, wenn er nicht so ein Monster wäre", meinte Madeleine trocken. "Und wenn du ihn wissen läßt, daß er dir leidtut, wird er dich zum Dank dafür in Stücke reißen." Sie erinnerte sich an ihre Vision und schauderte.

William schien plötzlich sehr nachdenklich zu sein. "Was den Gargoyle angeht, können wir wohl wirklich nichts mehr unternehmen. Ich frage mich allerdings gerade, ob wir nicht noch eine Möglichkeit haben, etwas über diesen Dämon herauszubekommen." Er sah sie an. "Würdest du mit mir kommen und ein wenig auf mich aufpassen?"

"Natürlich. Was hast du vor?"

"Ich dachte gerade daran, daß der Kerl vor drei Tagen auf dem Dach gegenüber gestanden und herübergeschaut hat. Vielleicht könnte man da noch irgendwelche Spuren finden, wenn man sich sehr genau umschaut."

Sie nickte. "Laß uns gehen."

Minuten später kniete der Ventrue auf dem Dach und strich mit den Fingern über die Stelle, wo der Dämon gestanden hatte. Er fühlte deutlich einen winzigen Rest seiner Gegenwart, so als hätte seine kurze Anwesenheit schon gereicht, um den Ort, wo er gewesen war, zu vergiften. William schloß seine Umgebung aus und konzentrierte sich ganz auf diese Spur. Er wollte herausfinden, ob der Dämon irgendwelche Schwachstellen hatte, die sich ausnutzen ließen. Da war etwas... irgendwie wußte er plötzlich, daß man den Dämon mit Feuer und Sonnenlicht bekämpfen konnte. Angesichts der Natur seines "Behälters" war das auch nicht weiter verwunderlich. Außerdem gab es da noch etwas, etwas, das mit Kindern zu tun hatte...

William sah einen absolut finsteren Schatten auf sich zurasen, der nach seiner Seele griff. Instinktiv riß er die Hand zurück, warf sich zur Seite und kam auf die Füße. Der Schatten streifte ihn, und für einen Moment spürte der Ventrue eine eisige Kälte tief in seinem Innern. Seine schnelle Reaktion hatte ihn gerettet, wenn der Schatten ihn voll getroffen hätte, hätte es übel ausgehen können.

Aus der Stelle, die William gerade untersucht hatte, quoll eine schwarze Wolke, die sich blitzschnell zu einem Schwert formte. Der Ventrue zog mit einer Hand sein Katana, packte mit der anderen Madeleine und wollte gerade mit ihr vom Dach springen, als die nachtdunkle Klinge herumwirbelte und ihn in die Seite traf. Ein grauenhafter Schmerz durchzuckte ihn, er schrie auf und strauchelte.

Madeleine reagierte instinktiv. Sie sah, wie sich Williams Kettenhemd da, wo das Dämonenschwert ihn getroffen hatte, in nichts auflöste. Ihr war klar, daß ihr Bruder einen zweiten Treffer nicht überstehen würde, er war schon nach dem ersten kaum noch bei Bewußtsein. Die einzige Rettung lag in der Sicherheit ihres eigenen Hauses, wohin der Dämon ihnen nicht folgen konnte - und das etwa zwanzig Meter weit entfernt auf der anderen Straßenseite lag. Mit einem einzigen Gedanken zog die Lasombra Kraft aus ihrem Blut, riß William an sich, und sprang.

Es war eigentlich ein unmöglicher Sprung, und wenn sie einen Augenblick Zeit gehabt hätte, darüber nachzudenken, wäre ihr das auch völlig klar gewesen. William war deutlich größer als sie, und das Gewicht seines Kettenhemds machte es nicht gerade einfacher. Zum Glück für sie beide blieb ihr jedoch keine Zeit, sich diese Tatsache bewußt zu machen. Ihr Blut und die Angst vor dem Dämon schienen ihr Flügel zu verleihen. Mit einem gewaltigen Satz erreichte sie das Dach der Villa und ließ sich sofort mit William hinunter ins Atrium fallen, wo sie unsanft auf dem Boden aufschlug. Er landete auf ihr und rollte sich sofort zur Seite, ehe sein Gewicht sie verletzte. Von drüben gellte der enttäuschte Schrei des Dämons herüber.

Madeleine setzte sich auf und wollte gerade nach ihrem Bruder sehen, der mit schmerzverzerrtem Gesicht neben ihr kniete und vorsichtig seine Wunde betastete. Plötzlich schrie er und brach zusammen. Erschrocken sah Madeleine ihn an. Es sah nicht gut aus. In seiner Seite klaffte ein breiter Riß, dessen Ränder schwarz verfärbt waren. Noch während sie hinsah, verbreiterte sich die Wunde noch ein Stück. Ihr wurde schlagartig klar, daß William innerhalb kürzester Zeit an dieser Wunde sterben würde, wenn sie nicht sofort etwas unternahm.

"James!"

Sekunden später stürzte der Ghoul ins Atrium. Als er seinen Herrn bewußtlos in Madeleines Armen liegen sah, wurde er bleich. Sofort war er an seiner Seite, riß seinen Dolch heraus und zog die Klinge über seinen Arm. Dann preßte er die blutende Wunde auf Williams Lippen.

Als Madeleine kurz aufsah, bemerkte sie mit einem Mal Hassan, der neben ihr stand und mit gewohnt ausdruckslosem Gesicht auf William herabschaute.

"In ein paar Minuten werde ich mich um ihn kümmern", sagte er ruhig.

"Verschwindet", fauchte Madeleine, die sehr wohl verstand, was der Assamit meinte. "Ehe Ihr sein Blut bekommt, müßt Ihr an mir vorbei."

Hassan zeigte keinerlei Gefühlsregung und rührte sich nicht von der Stelle. Madeleine beachtete ihn nicht weiter und sah wieder zu William.

Als die ersten Tropfen von James' Blut seine Zunge berührten, erwachte der Ventrue zumindest soweit aus seiner Bewußtlosigkeit, daß er von selbst zu trinken begann. Nur von seinem Instinkt getrieben, trank er viel zu hastig, das sah sie sofort. Erst als James ohnmächtig neben ihm zu Boden fiel, schlug er die Augen auf und sah sich benommen um. Madeleine war klar, daß er keine Zeit zu verlieren hatte.

"William, hör mir zu. Du mußt dich heilen, und zwar sofort. Benutze dein Blut und schließe diese Wunde, sonst ist es zu spät!" Mit Entsetzen sah sie, daß sich die schwarze Verfärbung weiter ausgebreitet hatte und die Wunde noch einmal ein Stück weiter aufgerissen war.

Der Ventrue war noch nicht völlig bei Bewußtsein. Wie aus weiter Ferne hörte er Madeleines Stimme, die ihn beschwor, sich zu heilen. Seine Gedanken flossen zäh wie Sirup, und es wäre so einfach gewesen, sich wieder fallenzulassen und dem tobenden Schmerz in seiner Seite zu entgehen. Aber er war ein Kämpfer, und es war nicht seine Art, sich so einfach besiegen zu lassen. Mit aller Entschlossenheit, die er aufbringen konnte, lenkte er seine vitae zu der Stelle, wo die schwarze Klinge ihn getroffen hatte, und begann, das Schattengift aus seinem Fleisch zu treiben.

Erleichtert sah Madeleine, daß William sie offenbar gehört hatte und begann, gegen das, was die schwarze Klinge in ihm zurückgelassen hatte, anzukämpfen. Ganz langsam verschwand die Verfärbung und die Wunde schloß sich. Der Assamit schien einzusehen, daß er seine Chance heute Nacht nicht bekommen würde, wandte sich wortlos ab und verließ den Innenhof.

Es dauerte einige lange Minuten, bis William sich wieder rührte. Er rappelte sich auf und wollte gerade etwas sagen, als sein Blick auf James fiel, der noch immer regungslos am Boden lag.

"O Gott, nein..." flüsterte er und beugte sich über seinen Ghoul. Zu seiner Erleichterung sah er, daß James noch lebte. Sein Atem ging flach, und sein Herzschlag war kaum spürbar, aber er war noch zu retten. William hob ihn auf die Arme und rannte mit ihm ins Haus. Madeleine folgte den beiden.

In James' Zimmer angekommen, legte William ihn vorsichtig aufs Bett, dann setzte er sich neben ihn und gab ihm ein wenig von seinem Blut. Der Ghoul trank ein paar kleine Schlucke, dann versank er wieder völlig in der Bewußtlosigkeit.

"Wie geht es ihm?" fragte Madeleine leise.

William stand auf. "Er wird es überleben, aber es war ziemlich knapp. Nicht nur für ihn, übrigens." Er sah sie an. "Danke."

Sie winkte ab. "Ich bin froh, daß wir es geschafft haben. Ich hatte ziemliches Glück." Sie hielt es nicht für angebracht, ihm zu sagen, daß ihr die Vorstellung, wie nahe sie daran gewesen war, ihn zu verlieren, einen kalten Schauer über den Rücken jagte. Stattdessen sagte sie: "Du solltest dich umziehen. Weder dein Hemd noch deine Rüstung sind wirklich in standesgemäßem Zustand."

Er sah an sich herab. Tatsächlich hatte sein Kettenhemd ein Loch, wo das Schwert des Dämons ihn getroffen hatte. Die Ringe an dieser Stelle waren jedoch nicht durchtrennt, sie waren verschwunden. Er schluckte hörbar. "Zwei Dinge dürften wohl feststehen: wir werden einen sehr guten Plan brauchen, wenn wir uns mit dem Kerl anlegen. Und ich brauche ein neues Kettenhemd."

Sie mußte ihm in beiden Punkten rechtgeben.

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