Kapitel 8
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Es war bereits die dritte Nacht, in der Lord William von Baskerville sich nicht bei Madeleine sehen ließ, und so langsam fand sie, daß er es mit seiner Bücherleidenschaft etwas übertrieb. Francesca war gerade mit ihrem Bericht fertig, der sich im Wesentlichen auf die Feststellung beschränkt hatte, daß nichts aufregendes passiert war. Als ihr Ghoul gehen wollte, fragte Madeleine beiläufig: "Ich nehme an, Lord Baskerville hält sich in der Bibliothek auf?"

"Ausnahmsweise nicht. Er steht vor Lady Irians Zimmer und wartet ziemlich ungeduldig auf Markus."

"So, tut er das", murmelte Madeleine und rief nach Caterina. Dann ließ sie sich von ihren beiden Bediensteten zurechtmachen. "Aber keine große Toilette", meinte sie. "Ich will nicht die ganze Nacht hier verbringen."

Eine Viertelstunde später war Caterina der Meinung, daß sich in so kurzer Zeit nicht mehr erreichen ließe. "Wenn Ihr es nicht so eilig hättet, könnte ich das richtig machen, aber so..." Madeleine hatte den Eindruck, daß der professionelle Stolz ihrer Zofe etwas gelitten hatte. Sie schmunzelte und wandte sich ab.

"Keine Sorge, das reicht vollkommen. Den Rest übernehme ich selbst."

Sekunden später drehte sie sich wieder um. Den beiden Ghoulen blieb der Mund offenstehen. Madeleine hatte irgendetwas mit sich gemacht. Aus der normalerweise eher unauffälligen Lasombra war ein fast überirdisch schönes Wesen geworden. Ihr Haar glänzte wie Seide und hatte einen leichten goldenen Schimmer, der sonst nicht da war. Ihre grauen Augen wirkten größer und strahlender als sonst, ihre Züge ebenmäßiger. Sogar ihre Bewegungen waren anders, weicher und fließender. Madeleine lächelte.

"Meint ihr, daß das ausreichen wird, um die Aufmerksamkeit Seiner Lordschaft zu wecken?"

Die beiden Frauen konnten nur sprachlos nicken und sie anstarren. Immer noch lächelnd glitt Madeleine aus dem Zimmer. Francesca und Caterina sahen ihr hinterher.

"Also, wenn das nicht zu ihm durchdringt, werde ich mir den Mann persönlich vorknöpfen", murmelte Francesca.

"Wenn das nicht zu ihm durchdringt, muß er tot sein", stellte Caterina trocken fest.

Die beiden wechselten einen Blick und verließen eilig das Zimmer ihrer Herrin.

 

William von Baskerville lief ungeduldig auf dem Flur auf und ab. "Komm schon, werd endlich wach", knurrte er. Madeleine bog um die Ecke, sah ihn und blieb in einiger Entfernung stehen. Sie war durchaus neugierig, wie lange es dauern würde, bis er sie bemerkte, immerhin hatte sie in dieser Hinsicht bereits ihre Erfahrungen. Diesmal wurde sie allerdings nicht enttäuscht. Er war auf seiner Wanderung wieder am Ende des Flurs angekommen, drehte sich um - und erstarrte. "Eine Göttin..." murmelte er.

Madeleine schlug gespielt schüchtern die Augen nieder und machte einen kleinen Knicks. "Guten Abend, Mylord." Dann hob sie den Blick und sah ihm in die Augen, ehe sie sich langsam umdrehte und zu ihrem Zimmer zurückging. Sie brauchte nicht zurückzusehen, um festzustellen, daß er ihr folgte.

In ihrem Zimmer angekommen, schloß er die Tür hinter sich und stand einen Moment sprachlos da. Madeleine konnte sich eine spöttische Bemerkung nicht verkneifen. "Es beruhigt mich, zu sehen, daß es doch noch möglich ist, dich von deinen Büchern wegzulocken."

Er wirkte ein wenig schuldbewußt. "Nunja, die Sache ist wichtig, natürlich nicht so wichtig wie du, aber ihr habt mir gestern diesen Auftrag gegeben..."

Madeleine seufzte. "William, das war vor drei Nächten."

"Oh", sagte er nur und wurde rot. Dann erhellte sich seine Miene. "Dafür habe ich Fortschritte gemacht", und ehe sie noch etwas sagen konnte, berichtete er, was er herausgefunden hatte.

Das darf doch nicht wahr sein, daß er jetzt daran denken kann, dachte Madeleine und hörte zu, wie er erzählte, daß er etwas näheres über die Hexe herausbekommen hatte, die er kontaktieren wollte.

"Das Problem ist, daß es sich nicht um eine Hexe handelt, sondern um drei, die verbunden sind und zusammenarbeiten. Sie bezeichnen sich als Weiße Hexen und haben dem Bösen den Kampf angesagt. Es könnte sein, daß sie die halbe Stadt mit zerstören, wenn wir sie herholen, um den Dämon zu bekämpfen. Riskant, aber es könnte das Risiko wert sein. Soll ich nach ihnen schicken?"

Madeleine seufzte. "Tu das." Ihre Stimmung war verflogen. "Geh und kümmere dich darum", fügte sie hinzu.

Er sah sie etwas enttäuscht an. Irgendwie hatte er den Eindruck, einen Fehler gemacht zu haben, aber dann war er in Gedanken schon wieder bei seinen Nachforschungen und verließ grübelnd ihr Schlafzimmer.

 

Ein Stück weit den Flur hinunter sahen Francesca und Caterina, wie Lord Baskerville in Richtung Bibliothek marschierte und wie kurz darauf Madeleine, die jetzt wieder aussah wie immer, zum Blauen Salon hinunterging. Caterina schüttelte fassungslos den Kopf. "Ich glaube das einfach nicht."

Francesca konnte nur ratlos die Schultern zucken.

 

Das erste, was William spürte, als er erwachte, war Wärme. Elena lag neben ihm in seinem Bett und schien mehr oder weniger geduldig darauf zu warten, daß er zu sich kam. Als sie sah, daß er wach war, lächelte sie ihn an und küßte ihn. Er erwiderte den Kuß, dann schob er sie sanft von sich und machte Anstalten, aufzustehen. Elena schmollte.

"Hast du schon wieder keine Zeit für mich?"

"Leider... so gerne ich auch bei dir bleiben würde, aber ich habe einiges zu tun."

"Natürlich. Es gibt ja auch viel wichtigeres für einen hohen Herrn, als sich um seine Frau zu kümmern", antwortete sie beißend, rollte sich unter der Bettdecke zusammen und tat, als schliefe sie ein. William seufzte, zog sich an und ging zum Blauen Salon.

 

Madeleine war fest entschlossen, sich nicht anmerken zu lassen, daß sie sich geärgert hatte. Sie betrat den Blauen Salon mit einem freundlichen Lächeln und begrüßte die Anwesenden höflich. Erk war bereits wach und saß umlagert von einigen Mädchen in einer Ecke. Offenbar unterhielt er die Damen mit Erzählungen aus seiner Vergangenheit. Madeleine schlenderte hinüber, setzte sich in seine Nähe und hörte zu. Er war ein guter Erzähler, das mußte man ihm lassen. Die Mädchen fanden seine Geschichte offenbar auch recht unterhaltsam und hingen förmlich an seinen Lippen - bis die Tür aufging und William hereinkam.

Als der Ventrue den Raum betrat, ging eine Welle durch die Anwesenden, als sie sich verbeugten. Die versammelten Kainiten erhoben sich auf seinen Wink und fuhren mit dem fort, womit sie beschäftigt gewesen waren, als er eingetreten war. Die Sterblichen allerdings scharten sich sofort um ihn, und Erk mußte plötzlich feststellen, daß sein Publikum ihn verlassen hatte. Nur Madeleine saß noch neben ihm und hatte ein etwas spöttisches Lächeln auf den Lippen. "Wie die Motten", murmelte sie. Erk grinste und fuhr mit seiner Geschichte fort, da ihm ja eine Zuhörerin noch geblieben war.

 

William war sehr wohl aufgefallen, daß Madeleine sofort, als er aufgewacht war, ihre Gefühle vor ihm verborgen hatte. Als er den Salon betrat, sah er sie hinten bei Erk sitzen, offensichtlich entspannt und in recht guter Stimmung. Jeden anderen konnte sie damit auch täuschen, aber nicht ihn. Sie nickte ihm zu und lächelte, er erwiderte den Gruß, und dann wurde er von einigen Sterblichen abgelenkt.

Plötzlich flog die Tür mit einem lauten Krachen auf, und Markus stapfte herein. Er warf einen finsteren Blick in die Runde, dann deutete er auf zwei der Sterblichen, die gerade in seiner Nähe standen.

"Du, und du. Kommt mit." Die beiden gehorchten widerspruchslos, und Markus zog sich mit ihnen in eine der abgetrennten Nischen zurück, die den Raum säumten. Madeleine und William wechselten einen Blick. Sie hob fragend eine Augenbraue, er zuckte nur kaum merklich mit den Schultern.

Minuten später kam ein sichtlich gelösterer Markus wieder zum Vorschein. Madeleine schlenderte in seine Richtung. Er verneigte sich. "Guten Abend. Verzeiht meinen etwas ruppigen Auftritt eben."

Madeleine nickte ihm zu, warf einen Blick in den Raum und stellte fest, daß viel zu viele neugierige Augen auf ihnen ruhten. Sie nahm Markus am Arm. "Warum gehen wir nicht ein wenig nach draußen, mein Lieber?"

Er neigte zustimmend den Kopf und begleitete sie ins Atrium. Aus den Augenwinkeln bekam Madeleine noch mit, wie Giuseppe völlig ungeniert Anstalten machte, ihnen zu folgen. Mit einem Mal jedoch war Erk an der Tür, stellte sich ihm mit verschränkten Armen in den Weg und sah ihn nur an. Der Ravnos hob entschuldigend die Hände und machte keinen weiteren Versuch, den Salon zu verlassen.

Draußen setzte sich Madeleine auf eine der steinernen Bänke, die das Atrium umgaben und klopfte einladend mit der Hand neben sich. Markus ließ sich an ihrer Seite nieder und schaute eine Weile verdrossen vor sich hin.

"Also?" fragte sie nach einigen Minuten.

Er seufzte. "Irian, was sonst. Sie ist so mit diesen Inschriften beschäftigt, daß sie mich kaum noch wahrnimmt. Vorhin hat sie mich regelrecht rausgeworfen, als ich nach ihr sehen wollte. Sie gräbt sich im Arbeitszimmer ein und scheint völlig zu vergessen, daß ich da bin."

Madeleine nickte trübselig. "Glaub mir, ich weiß genau, wovon du sprichst."

Er warf ihr einen Seitenblick zu. "William, ich weiß. Ich habe das so ein bißchen mitbekommen."

Sie trat nach einem kleinen Stein. "Weiß inzwischen etwa das ganze Haus, daß ich mich mit meinem Ghoul lächerlich mache?"

Er schüttelte den Kopf. "Keine Sorge, die Gäste wissen von nichts. Die Ghoule natürlich... aber die werden sich da schön raushalten, wenn sie wissen, was gut für sie ist."

Madeleine seufzte. "Wie auch immer, ich kann es nicht ändern. Aber was Irian angeht, soll ich mal mit ihr reden? Von Frau zu Frau, sozusagen."

Er hob die Schultern. "Das wird im Moment nichts nützen, fürchte ich."

"Ich weiß nicht... vielleicht sollte man sie daran erinnern, daß wir nicht mehr lange in der Stadt sein werden. Und daß du hierbleiben wirst, wenn wir weiterziehen. Sie sollte eigentlich klug genug sein, die Zeit, die ihr noch habt, nicht so zu verschwenden."

"So wie sie sich im Moment in ihre Arbeit stürzt, dürfte ihr das ziemlich egal sein." Er stand auf. "Ich werde wohl warten müssen, bis sie endlich fertig ist. Aber ich danke dir, daß du mir zugehört hast."

"Keine Ursache. Wie ich schon sagte, ich verstehe dich sehr gut." Sie seufzte und erhob sich ebenfalls. "Irgendwie hält es mich heute Nacht nicht hier. Ich werde jagen gehen, das wird mich auf andere Gedanken bringen."

 

William sah Madeleine den Salon betreten. Sie hatte offenbar vor, auszugehen. Sie trug ihre Lederkleidung und ihre schlanke spanische Klinge an der Seite, allerdings kein Kettenhemd. Er wußte, daß sie diese Rüstung verabscheute und nur in Notfällen anlegte, allerdings hatte sie durchaus auch andere Möglichkeiten, sich zu schützen.

Die Lasombra kam auf ihn zu. "Ich wollte dir nur sagen, daß ich mich ein wenig draußen umsehe. Ich hielt es im Moment nicht für angebracht, einfach zu verschwinden, ohne jemandem Bescheid zu geben."

"Vernünftig, wenn man bedenkt, was da draußen unterwegs ist." Er sah sie an. "Mir wäre wohler, wenn du zulassen würdest, daß ich wenigstens weiß, wo du bist." Er wußte sehr wohl, daß sie dazu die Mauer, die sie um ihre Gefühle erreichtet hatte, würde fallenlassen müssen, und daß ihr das natürlich genauso klar war. Sie sah ihn nur an, lächelte kurz, und ging. Die Verbindung zwischen ihnen blieb unterbrochen.

 

Unbemerkt von den Sterblichen unten auf der Straße huschte Madeleine lautlos über die Dächer. Die Schatten verbargen sie vor neugierigen Blicken, als sie von einem Vorsprung zum nächsten glitt und zwischendurch immer wieder anhielt, um mit geschärften Sinnen ihre Umgebung zu mustern. Geschmeidig wie eine Raubkatze sprang sie über eine Gasse und landete federnd und ohne ein Geräusch auf der anderen Seite.

Die Lasombra war auf der Jagd, allerdings nicht nach vitae. Irian hatte ihren Nachfolger bereits gefunden, sie und William dagegen hatten noch nicht einmal einen aussichtsreichen Kandidaten an der Hand. Es wurde Zeit, das zu ändern. Madeleine hatte sich eins der besseren Viertel ausgesucht, weil sie hier wohl am ehesten finden würde, was sie suchte.

Plötzlich hielt sie inne, als aus einiger Entfernung eine volltönende Stimme zu ihr herüberdrang, die ihr sofort auffiel. Neugierig geworden, folgte sie dieser Stimme und kam schließlich an einer kleinen Kapelle an. Darin schien gerade eine Predigt in vollem Gang zu sein, und die Stimme gehörte dem Priester, der sie hielt. Madeleine mußte zweimal hinsehen, ehe sie tatsächlich davon überzeugt war. Der Mann war noch einen halben Kopf kleiner als sie, aber dafür mehr als doppelt so breit und rund wie ein Faß. Die beeindruckende Stimme wollte so gar nicht zu seinem eher lächerlichen Äußeren passen. Den in der Kapelle Versammelten war im Moment aber ganz offensichtlich überhaupt nicht zum Lachen zumute. Der kleine Priester predigte in flammenden Worten von Hölle, Verdammnis und Fegefeuer, und die Gemeinde, hauptsächlich gestandene Männer, von denen die meisten wohl Söldner waren, war völlig mitgerissen. Einer oder zwei von ihnen schienen angesichts der überdeutlichen Schilderungen von heftigster Reue gepackt zu werden und wischten sich verstohlen über die Augen. Einer der Anwesenden erhob sich und wollte sich unauffällig verdrücken, was der Prediger mit einem donnernden "Hiergeblieben!" unterband, ohne dabei aus dem Tritt zu kommen. Madeleine staunte. Der Mann verstand sein Handwerk. Wirklich interessant, dachte sie und konzentrierte sich mit ihren übernatürlichen Sinnen auf ihn. Für einen winzigen Moment glaubte sie, seine Aura zu sehen, aber ehe sie auch nur andeutungsweise etwas darin lesen konnte, wurde sie plötzlich von einem grellen Blitz geblendet. Als sie wieder etwas sehen konnte, war der Priester verschwunden.

Madeleine schüttelte benommen den Kopf und blieb noch einen Moment auf ihrem Platz sitzen, bis die letzten Nachwirkungen des Blitzes verschwunden waren. Dann entschied sie, daß der Priester ihr doch zu gefährlich war, und setzte ihre Suche fort.

 

Sie war etwa eine Stunde mehr oder weniger ziellos durch die Stadt gestreift, als sie in ihrer Nähe eine Präsenz spürte. Wenige Meter vor ihr bewegten sich die Schatten, und vor ihren entsetzten Augen formte sich der Dämon. Madeleine wich ein paar Schritte zurück und war sich vollkommen bewußt, daß sie keine Chance haben würde, ihm zu entkommen, wenn er sie angriff. Der Dämon jedoch schien keineswegs die Absicht zu haben, das zu tun. Er machte einige beruhigende Gesten, die ihr wohl bedeuten sollten, daß er sie in Ruhe lassen würde, solange sie von sich aus nichts unternahm. Sie wollte sich lieber nicht darauf verlassen, daß er es ernst meinte, und zog sich weiter zurück. Schließlich zuckte er die Schultern und verschwand vor ihren Augen.

Augenblicke später hörte Madeleine ein paar Straßen weiter ein Kind schreien. Sie fuhr erschrocken zusammen, und alles in ihr drängte sie zu sofortiger Flucht. Stattdessen wirbelte sie herum und lief in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Sie erreichte ein Haus, dessen Tür sperrangelweit offenstand. Drinnen auf dem Fußboden lag die Leiche eines vielleicht sechs Jahre alten Kindes. Von dem Dämon war nichts mehr zu sehen, und Madeleine war sich auch absolut sicher, daß er sich nicht mehr in der Nähe aufhielt. Sie musterte die Leiche. Für einen Menschen hätte sie lediglich seltsam blutleer und bleich ausgesehen, aber die Lasombra erkannte, daß diesem Kind etwas wichtigeres geraubt worden war als sein Blut. Der Dämon hatte seine Seele ausgesaugt, und irgendwie wußte sie, daß diese Seele jetzt in ihm war. Madeleine schauderte. Ehe sie jedoch näheres herausfinden konnte, hörte sie von draußen von der Straße plötzlich Lärm. Es näherte sich ein Trupp Stadtwachen, begleitet von dem faßförmigen kleinen Priester, dessen Stimme mühelos bis zu ihr durchdrang. Madeleine sprang auf, hastete aus dem Haus und bezog in einer dunklen Seitengasse Stellung.

Tatsächlich näherte sich eine Abteilung Wachen, gefolgt von dem Priester, der sichtlich Mühe hatte, mit seinen kurzen Beinen mit den deutlich größeren Wächtern Schritt zu halten. Er postierte die Wachen vor der Tür und stürmte ins Haus. Drinnen begann er sofort, die Leiche und das ganze Zimmer fachmännisch zu untersuchen. Dabei wurde seine Miene immer besorgter. Madeleine stand draußen unbemerkt in der Gasse und beobachtete durch einen Fensterspalt, wie er ein paar Kräuter aus einem Beutel nahm und über die Leiche streute. Die Kräuter begannen zu dampfen und waren Sekunden später verschwunden.

"Sehr bedenklich..." murmelte er. "Das muß ich mit den anderen besprechen." Er erhob sich und verließ das Haus. Madeleine war mit einem Satz wieder auf dem nächsten Dach. Sie hatte keine Ahnung, wer diese anderen sein mochten, mit denen der Priester sich besprechen wollte, aber sie war entschlossen, es herauszufinden. Dieser Priester war kein gewöhnlicher Mann der Kirche, soviel stand fest, und sie wollte wissen, womit sie es hier zu tun hatte.

Als er aus dem Haus trat, stutzte er plötzlich und sah sich um. Irgendetwas hatte er offenbar bemerkt. Madeleine erstarrte zu völliger Bewegungslosigkeit und zog die Schatten enger um sich herum. Schließlich schüttelte er den Kopf, brummte irgendetwas vor sich hin und stapfte davon. Die Lasombra folgte ihm.

So ganz schien sein Mißtrauen nicht ausgeräumt zu sein, oder er war von Natur aus übervorsichtig. Er führte seine Verfolgerin auf Umwegen und vielfach gewundenen Pfaden durch die Stadt. Ein oder zweimal hätte Madeleine ihn fast verloren, aber sie schaffte es, ihm auf den Fersen zu bleiben, bis er schließlich in der Nähe des Prinzenpalasts an einer Kathedrale anlangte und darin verschwand. Ohne zu zögern folgte sie ihm. Sie hielt sich in den Schatten auf der anderen Seite des Kirchenschiffs, als er der Reihe nach an einigen Seitenaltären vorbeiging und an jedem kurz anhielt, um sich zu bekreuzigen. Endlich erreichte er einen Altar, der sein Ziel zu sein schien, blickte sich um - und sah sie. Eigentlich hätte er sie nicht bemerken dürfen, sie stand in einiger Entfernung völlig still und gut verborgen in der Dunkelheit, aber es gab keinen Zweifel, daß er sie trotzdem irgendwie wahrgenommen hatte. Einen Augenblick starrte er sie nur an, dann holte er tief Luft und brüllte: "Wachen!"

Madeleine warf sich herum und floh. Keinen Augenblick zu früh, wie sie gleich feststellte. Ein Sprung beförderte sie auf eines der Dächer gegenüber dem Haupteingang, wo sie sich in die Schatten drückte. Unten erschien gerade ein Trupp Stadtwachen und bezog Aufstellung am Portal. Die Männer sahen sich um, bemerkten sie aber nicht, und der Priester blieb in der Kathedrale.

 

Madeleine wartete eine ganze Weile, ohne daß irgendetwas passiert wäre. Dann öffnete sich das Portal wieder, und ein Mann trat heraus. Es war mit Sicherheit nicht der Priester, den sie verfolgt hatte, und ebenso sicher wußte sie, daß dieser Mann vorhin nicht in der Kathedrale gewesen war und sie auch nicht betreten hatte, während sie den Eingang beobachtet hatte. Der Altar, vor dem der Priester vorhin gestanden hatte, als er sie bemerkt hatte, führte wahrscheinlich zu einer unterirdischen Anlage, die einen weiteren Zugang hatte. Madeleine konzentrierte sich auf seine Aura und fluchte innerlich. Die hochgewachsene Gestalt des Fremden war von einem goldenen Funkeln umgeben und knisterte förmlich vor Energie. Ein Magier, fast hatte sie es schon vermutet. Plötzlich hob er den Kopf und sah in ihre Richtung. Er hatte sie anscheinend nicht wirklich gesehen, aber er schien zu spüren, daß da irgendetwas war. Schließlich wandte er sich ab und verschwand. Madeleine überlegte kurz, ob sie ihm folgen sollte, entschied dann aber, daß das angesichts der Kraft, die sie in seiner Aura gespürt hatte, zu gewagt gewesen wäre und daß es sinnvoller wäre, auf den Priester zu warten.

Eine halbe Stunde später öffnete sich das Portal erneut. Madeleine erwartete, den Priester zu sehen, und fuhr erschrocken zusammen, als sie sah, was stattdessen die Kathedrale verließ. Es war ein Werwolf, ohne jeden Zweifel. Er war zwar in seiner menschlichen Gestalt, aber alles an seinen Bewegungen und seinem Verhalten schrie den Wolf heraus. Er trat auf die Straße, hob den Kopf und schnupperte. Madeleine war klar, daß er sie sofort sehen würde, wenn sie sich jetzt bewegte, und erstarrte. Es half nichts. Der Werwolf sah in ihre Richtung, gab den Wachen ein Zeichen und setzte sich mit ihnen in Bewegung, genau auf das Haus zu, auf dem sie saß.

Madeleine zwang sich, absolut ruhig zu bleiben, bis er für einen Moment aus ihrem Blickfeld verschwand. Dann sprang sie auf und hetzte mit übermenschlicher Geschwindigkeit davon. Hinter sich hörte sie ein Heulen, dann ein reißendes Geräusch und gleich darauf ein Hecheln, das langsam näher kam. Madeleine holte das Letzte aus sich heraus. Sie erreichte die Dachkante, hechtete hinüber und rollte sich ab. Im nächsten Moment war sie wieder auf den Füßen und rannte weiter. Wäre der Dämon nicht unterwegs gewesen, hätte sie ihre Schattengestalt angenommen und wäre dem Wolf problemlos entkommen, aber irgendwie hatte sie den Verdacht, daß sie für den Dämon in dieser Form noch leichtere Beute gewesen wäre als sonst. Er hatte offenbar selbst ein sehr enges Verhältnis zu den Schatten, und wie er reagieren würde, wenn Madeleine sich verwandelte und er zufällig in der Nähe war, wollte sie nicht unbedingt herausfinden. Das war ein Fluchtweg für den absoluten Notfall.

Zu ihrer großen Erleichterung trat dieser nicht ein. Ihr Blut ließ sie schnell genug werden, um ihrem Verfolger zu entkommen. Allmählich wurden die Geräusche hinter ihr leiser, und schließlich war sie sicher, daß sie ihn abgehängt hatte. Madeleine blieb stehen, ging hinter einem Kamin in Deckung und versuchte, herauszufinden, wo sie war.

Ihre Flucht hatte sie gefährlich nahe an das Latinerviertel herangeführt, wo sie mit Sicherheit nicht hinwollte. Außerdem bemerkte sie, daß sie hungrig war. Dem Werwolf zu entkommen, hatte seinen Preis von ihrer vitae gefordert. Madeleine machte sich langsam auf den Rückweg zur Villa und hielt unterwegs Ausschau nach Beute. Sie fand sie in Gestalt von vier Männern, die vor einer Taverne auf der Straße zusammenstanden und sich über irgendetwas unterhielten. Die Lasombra glitt geräuschlos in eine Seitengasse hinunter, von wo aus sie die vier sehen konnte. An der Ecke blieb sie stehen, halb im Schatten verborgen, und schaute zu den vieren hinüber. Einer von ihnen sah sie. Seine Augen weiteten sich kurz, als er ihrem Blick begegnete. Sie lächelte nur, legte einen Finger auf die Lippen und winkte ihn mit der anderen Hand zu sich heran, ehe sie einen Schritt nach hinten machte und in der Dunkelheit verschwand. Er murmelte irgendetwas von "Muß mal..." zu seinen Kumpanen und folgte ihr, völlig in ihrem Bann.

Madeleine erwartete ihn bereits. Sie lockte ihn noch ein Stückchen in die Gasse hinein, um sicher zu sein, daß die drei anderen sie nicht sahen, dann griff sie nach ihm und biß zu. Zuerst war er zu überrascht, um sich zu wehren, und als sie erst einmal angefangen hatte, von ihm zu trinken, verlor er jedes Interesse an seiner Umwelt. Schließlich ließ sie von ihm ab und schickte ihn mit einem Befehl schlafen. Wenn er wieder zu sich kam, würde er sie vergessen haben. Madeleine leckte sich die Lippen. Für den Anfang war das schon einmal nicht schlecht gewesen, aber es reichte noch nicht. Seine drei Begleiter würden auch noch das kurze Vergnügen ihrer Bekanntschaft genießen dürfen. Sie überlegte gerade, wie sie möglichst unauffällig den nächsten hereinlocken konnte, als der schon völlig freiwillig auf die Gasse zukam, um nachzusehen, wo der andere geblieben war. Um so besser, dachte sie, und gleich darauf teilte er das Schicksal seines Vorgängers.

Die letzten beiden schienen sich jetzt doch zu wundern und kamen gemeinsam auf Madeleines Versteck zu. Als sie die Lasombra sahen, blieben sie überrascht stehen. Madeleine lächelte sie an, veränderte leicht ihre Haltung und blickte ihnen tief in die Augen. Einer der beiden war von ihrer Erscheinung völlig überwältigt und kam geradewegs auf sie zu. Der andere allerdings schien, gerade als sie seinen Begleiter biß und den ersten Schluck von seinem Blut nahm, endlich zu bemerken, daß hier etwas nicht stimmte, und wandte sich zur Flucht. Madeleine ließ ihr Opfer achtlos fallen und sah ihn an. "Bleib", befahl sie. Er blieb wie angewurzelt stehen und sah ihr aus schreckgeweiteten Augen entgegen, als sie mit zwei raschen Schritten bei ihm war. Er wollte schreien, aber ihre Hand legte sich wie eine stählerne Klammer über seinen Mund und verschloß ihn mit einer Kraft, die so gar nicht zu der zierlichen Gestalt passen wollte. Als er erst einmal in ihrem Arm lag, erlosch auch in ihm jeder Gedanke an Widerstand. Madeleine trank sich satt und schickte ihn zu den drei anderen ins Reich der Träume. Vermutlich würden sich alle vier morgen wundern, wieso sie in einer schmutzigen Seitengasse zu sich kamen und was in der Nacht passiert war, aber das kümmerte die Lasombra wenig. Ohne noch einmal zurückzusehen, machte sie sich endgültig auf den Heimweg.

 

Als sie sich ihrem Haus näherte, sah sie William auf seinem angestammten Platz auf dem Dach sitzen. Auch ohne seine Gefühle direkt mitzubekommen, wußte sie, daß er sich Sorgen gemacht hatte und sich deswegen da oben postiert hatte, damit er auf einen eventuellen Hilferuf von ihr sofort reagieren konnte. Sie lächelte, als sie federleicht neben ihm landete.

"Wie du siehst, bin ich noch heil und unversehrt. Aber ich habe unterwegs ein paar sehr interessante Dinge gesehen..."

Sie erzählte ihm von dem seltsamen Priester, von der Begegnung mit dem Dämon und von ihrer Flucht vor dem Werwolf. "Es sieht ganz danach aus, als wäre ich in dieser Kathedrale auf einen Magierzirkel gestoßen. Ein ziemlich bunter Haufen war das jedenfalls, was mir da über den Weg gelaufen ist."

Er nickte nachdenklich und schwieg eine Weile. "Übrigens", fuhr sie fort, "hat William noch etwas über diese Hexe herausbekommen, die er da in Italien kontaktieren wollte." Sie gab ihm eine kurze Zusammenfassung dessen, was Lord Baskerville ihr früher am Abend berichtet hatte, und ließ dabei mit keiner Silbe durchblicken, was ansonsten vorhin noch zwischen ihnen vorgefallen war.

Gerade als sie mit ihrer Erzählung zu Ende war, bemerkten die beiden eine rasche Bewegung, die auf das Haus zukam. William kniff die Augen zusammen und versuchte herauszufinden, was da ankam. "Das ist doch..."

"... Hassan", vollendete Madeleine, die den Assamiten ebenfalls erkannt hatte. "Und unser Freund ist hinter ihm her."

Tatsächlich bewegte sich Hassan mit Höchstgeschwindigkeit auf die Villa zu, dicht gefolgt von einem wabernden schwarzen Schemen, der stetig aufholte.

"Er schafft es nicht", murmelte William, und er behielt recht. Der Assamit war noch eine Querstraße von der rettenden Zuflucht entfernt, als der Dämon ihn einholte und ihm den Weg verlegte. Aus der Schwärze bildete sich eine menschliche Gestalt mit einem Schwert, das auf Hassan herunterzuckte. Der hielt plötzlich seine eigene Klinge in der Hand und parierte den Schlag im letzten Moment.

Madeleine grub ihre Finger in Williams Unterarm, als sie spürte, wie ihr Bruder sich neben ihr anspannte. "Du bleibst hier", befahl sie mit leiser Stimme. "Der Kerl hätte sich gestern deine Seele geholt, wenn du nicht rechtzeitig wieder zu dir gekommen wärst. Du wirst jetzt nicht deinen Hals für ihn riskieren und dich schon wieder von diesem Dämon zurichten lassen."

Die Erinnerung an das knappe Entkommen gestern ließ William erschauern und sorgte dafür, daß er sitzenblieb. Trotzdem ließ Madeleine seinen Arm nicht los. Sie sah angestrengt zu den Kämpfenden hinüber und machte eine merkwürdige Bewegung mit ihrer freien Hand. Am Schwertarm des Dämons bildete sich plötzlich ein seltsamer Auswuchs. William, der schon öfter gesehen hatte, wie die Lasombra ihre Schatten rief, erkannte einen der Tentakel, die sie gelegentlich im Kampf beschwor. Der Tentakel wand sich um den Arm des Dämons und versuchte, ihn zu fesseln. Für einen Moment sah es so aus, als würde das auch gelingen, dann wurde der Tentakel förmlich in den Arm hineingesogen und war verschwunden. Madeleine sah etwas fassungslos zu und fröstelte, als sie daran dachte, was möglicherweise passiert wäre, wenn sie vorhin tatsächlich versucht hätte, dem Werwolf in ihrer Schattengestalt zu entkommen.

Hassan hatte inzwischen eingesehen, daß eine weitere Flucht unmöglich war, und ließ seinen Krummsäbel herumwirbeln. Er traf den Dämon quer über die Brust. Es gab ein häßliches schmatzendes Geräusch, als die Klinge die Schattensubstanz zerriß, und der Dämon stieß ein grauenhaftes Brüllen aus. Hassan schien ihn ernsthaft verwundet zu haben. Der offensichtliche Effekt davon war allerdings, daß der Dämon voller Wut erneut angriff, und diesmal schaffte der Assamit es nicht, dem schwarzen Schwert ganz zu entkommen. Er wich ein wenig zurück und entging dadurch der vollen Wucht des Schlages, sonst hätte der Hieb vermutlich ausgereicht, um ihn zu töten. Trotzdem riß die Klinge eine tiefe Wunde von seinem Hals über die Schulter und den Oberkörper hinab. Hassan taumelte, aber auch sein Gegner war angeschlagen.

Der Dämon kreischte noch einmal, dann löste er sich in eine Schattenwolke auf und verschwand. Hassan wartete nicht ab, ob er zurückkam, sondern schleppte sich hastig zum Hauseingang, der von innen geöffnet wurde, und brachte sich in Sicherheit.

"Er hat dem Kerl anscheinend richtig wehgetan", stellte William fest.

Madeleine nickte. "Ja, aber umgekehrt genauso. Er hat ziemliches Glück gehabt. Und meine Schatten sind gegen den Dämon machtlos, das gefällt mir überhaupt nicht."

Das wiederum verstand er nur zu gut.

 

Als Francesca am nächsten Abend berichtete, daß wieder ein Kind tot aufgefunden worden war, nickte Madeleine nur und verzog das Gesicht. "Das weiß ich bereits, ich habe den Mörder gesehen."

Francesca sah sie erstaunt an. "Da habt Ihr mehr gesehen als alle anderen. Die Leute, die diese Morde untersuchen, tappen jedenfalls ziemlich im Dunkeln."

"Die Glücklichen", knurrte Madeleine. "Mir wäre es auch wohler, wenn ich von dem Dämon nichts wüßte." Sie entließ ihre Bedienstete und überlegte ernsthaft, ob sie wirklich schon aufstehen sollte. Vor ihrer Schlafzimmertür wartete eigentlich nichts als Probleme.

Plötzlich klopfte es. Auf ihre Aufforderung hin öffnete sich die Tür und ein riesiger Strauß Rosen wurde sichtbar. Dahinter erschien ein deutlich vom schlechten Gewissen geplagter William von Baskerville. "Ist meine Anwesenheit erwünscht?" fragte er leise.

Madeleine mußte lächeln. "Komm herein."

Er trat ein, schloß die Tür hinter sich und stellte die Blumen in eine Vase, von der Madeleine plötzlich sicher war, daß sie gestern Abend noch nicht dagewesen war. Hier schien wieder einmal Francesca die Hand im Spiel gehabt zu haben. Dann stand er mitten im Zimmer und sah sie mit einem derart zerknirschten Gesichtsausdruck an, daß sie ihm einfach nicht mehr böse sein konnte. Sie lächelte ihn an. "Komm", sagte sie nur und breitete die Arme aus.

 

Als William aufwachte, erwartete er schon halb, Elena wieder in seinem Bett zu finden. Er war etwas überrascht, daß das nicht der Fall war, und noch überraschter, als er sie bei der Tür auf einem Stuhl sitzen sah. Statt ihres üblichen Kleides trug sie eine schwarze Hose, ein dunkles Hemd darüber, Stiefel und einen schwarzen Umhang. An ihrem Gürtel hing ein schmales spanisches Langschwert. Der Anblick war so ungewohnt, daß William sie erst einmal nur anstarren konnte. "Wie siehst du denn aus?" brachte er schließlich hervor.

Das war es offensichtlich nicht, was sie hatte hören wollen. Wütend sprang sie auf, warf ihm noch einen eisigen Blick zu und stürmte aus dem Zimmer. Hinter ihr fiel die Tür mit einem Knall ins Schloß. "Anscheinend kann ich nie das Richtige sagen", murmelte der Ventrue und schlüpfte aus dem Bett.

 

Als Madeleine aus ihrem Zimmer trat, sah sie gerade noch Elena in einem höchst ungewöhnlichen Aufzug die Treppe hinunterrauschen. Erstaunt folgte sie ihr und sah, wie sie an Hassan, der unten gerade aus dem Blauen Salon trat, zuerst vorbeistürmte, dann anhielt, sich zu ihm umdrehte und ihn ausgesucht höflich und charmant begrüßte. Hassan erwiderte den Gruß, wechselte einige Worte mit ihr und sah ihr schließlich unbewegt nach, als sie im Empfangsraum verschwand. Madeleine schwante nichts Gutes. Ein Gespräch zwischen ihr und Elena war überfällig, fand sie, und folgte ihr. Als sie an Hassan vorbeiging, grüßte sie ihn recht abwesend und sogar freundlich, was diesen angesichts ihres Zusammenstoßes kürzlich leicht wunderte. Er hielt es aber nicht für angebracht, etwas dazu zu sagen, grüßte zurück und wandte sich zum Gehen.

Als Madeleine das Empfangszimmer betrat, trat Elena gerade wütend nach einem Stuhl. Die Lasombra schloß die Tür hinter sich, dann lehnte sie sich mit verschränkten Armen daneben an die Wand und wartete, bis Williams Frau sich abreagiert hatte.

Nach einer Weile schien Elena einzusehen, daß ihr Wutausbruch an Madeleine wirkungslos abprallte. Sie wandte sich um und sah sie an. "Was wollt Ihr?"

"Mit Euch reden, wenn das möglich ist. Und seid bitte so gut und fangt nicht wieder an, mit Dingen zu werfen. Ein so unwürdiges Benehmen steht Euch nicht."

So hatte anscheinend schon lange niemand mehr mit Elena geredet. Sie sah Madeleine prüfend an, dann wurde sie plötzlich ruhig und nickte. "Gut, dann laßt uns reden. Ihr wißt so gut wie ich, was los ist, also können wir uns die üblichen Floskeln sparen."

Madeleine rührte sich nicht. "Ihr fühlt Euch von Eurem Mann vernachlässigt. Und vermutlich nicht einmal ganz zu Unrecht."

Elena lachte bitter. "Wie freundlich von Euch, das zuzugeben. Ich bin doch nur noch Ballast für ihn, ein Gepäckstück, das man mitschleppen muß. Er hält es nicht einmal für nötig, mir zu sagen, worum es hier eigentlich geht. Daß er vorgestern fast gestorben wäre, habe ich von den Dienern erfahren müssen!"

"Er will Euch schützen", sagte Madeleine. "Er will vermeiden, daß Ihr in Dinge hineingezogen werdet..."

"Ach, hört auf", unterbrach Elena sie ärgerlich. "Das mag früher wohl richtig gewesen sein, aber inzwischen gibt es da einen ganz anderen Grund."

Madeleine sah sie an. Sie wollte gerade antworten, da bemerkte sie mit einem Mal eine Bewegung draußen vor der Tür. Es war nur ein kaum hörbares Geräusch gewesen, aber es reichte. "Entschuldigt mich einen Moment", murmelte sie, wirbelte herum und riß die Tür auf. Draußen stand ein vollkommen überraschter Hassan, der ganz offensichtlich gerade noch sehr interessiert gelauscht hatte. Madeleine funkelte ihn an.

"Okajid Hassan, Ihr seid ein Gast in unserem Haus. Als solcher darf ich wohl von Euch erwarten, daß Ihr die Höflichkeit habt, Euch aus privaten Gesprächen herauszuhalten."

"Verzeiht." Er verneigte sich tief, dann zog er sich ein paar Schritte zurück. Ehe er ging, wandte er sich noch einmal um. "Was die Höflichkeit betrifft, so habe ich als Gast wohl ebenfalls ein Anrecht darauf. Mein Zimmer ist durchsucht worden, ich schätze das nicht besonders."

Madeleine hatte jetzt wirklich andere Dinge im Kopf. "Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun", sagte sie frostig. "Ich werde mich darum kümmern, und jetzt werdet Ihr die Güte haben, uns allein zu lassen."

Er verneigte sich wortlos noch einmal und verschwand. Madeleine schloß die Tür hinter sich und wandte sich wieder Elena zu, die inzwischen in einem der drei Sessel Platz genommen hatte, in denen die Geschwister ihre Gäste empfangen hatten. Es entging der Lasombra keineswegs, daß Elena in Williams Sessel saß - und daß der, den sie vorhin bei ihrem Eintreten so wütend traktiert hatte, der von Madeleine gewesen war.

Sie seufzte. "Verzeiht die Unterbrechung, aber ich verabscheue Lauscher. Wo waren wir stehengeblieben?"

"Bei dem Grund für Williams... Nachlässigkeit." Elena schien sich jetzt völlig in der Gewalt zu haben und war anscheinend die Ruhe selbst. Sie sah Madeleine kühl an. "Und erzählt mir bitte nicht, daß Euch nicht klar wäre, daß Ihr dieser Grund seid. Ich habe Augen im Kopf."

Madeleine erwiderte ihren Blick ruhig. "Lady Elena, ich habe nicht die Absicht, Euch Euren Mann wegzunehmen."

Mit Elenas Ruhe schien es schon wieder vorbeizusein. "Seid Ihr so blind oder tut Ihr nur so?" schrie sie aufgebracht. "Ihr habt ihn doch schon längst! Ob Ihr ihn nun wollt oder nicht, Ihr habt ihn!"

Madeleine ließ sich von dem erneuten Wutausbruch nicht beeindrucken. "Ich kann nur wiederholen, ich bin nicht daran interessiert, ihn Euch wegzunehmen. Und ich denke, daß William das auch durchaus weiß."

Elena lachte spöttisch. "Da wäre ich mir nicht so sicher. Männer haben ein unglaubliches Talent, Dinge zu ignorieren, die sie nicht wahrnehmen wollen."

Madeleine hob die Schultern. "Wenn Ihr wollt, rede ich mit ihm. Ich werde ihm die Dinge so klarmachen, daß er sie wahrnehmen muß. " Sie sah Elena direkt in die Augen. "Ich will keinen Streit mit Euch, Elena, und ich bin auch nicht Euer Feind. Ich werde sehen, was ich tun kann. Mehr kann ich Euch nicht versprechen."

"Tut das", sagte Elena.

Madeleine nickte, dann verabschiedete sie sich und ging. Den Blick, mit dem Elena ihr hinterhersah, bemerkte sie nicht mehr.

 

William hatte, kurz nachdem er aufgewacht war, das Haus verlassen und sich mit Höchstgeschwindigkeit in Richtung Stadtrand entfernt. Madeleine trat nach draußen und orientierte sich. Ihr Bruder hatte sich wieder abgekapselt, aber sie war entschlossen, ihn zu finden. Unter der Kraft ihres Willens zerbrach seine Barriere, und sie erkannte, wo er sich aufhielt. Madeleine konzentrierte sich kurz, rief die Macht ihres Blutes und war Augenblicke später verschwunden.

William spürte, daß die Lasombra durch die Mauer, die er zwischen ihnen errichtet hatte, hindurchgebrochen war und ihn gefunden hatte. Er ging mit raschen Schritten eine unbelebte Straße in der Nähe der Stadtmauer entlang, ohne wirklich darauf zu achten, wo er hinlief. Elenas wütender Abgang vorhin hatte ihn doch mitgenommen. Was sie betraf, überlegte er, hatte er in letzter Zeit offenbar wirklich so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte. Sagte er nichts, war es ihr nicht recht, sagte er etwas, war sie ihm auch böse. Es war ja nicht so, daß sie ihm plötzlich egal geworden wäre. Im Gegenteil, er liebte sie immer noch. Aber trotzdem war alles anders geworden, seit die Sache mit Madeleine passiert war. William war weiß Gott noch nie ein Engel gewesen, aber bisher hatte Elena über seine Frauengeschichten großzügig hinwegsehen können, in dem sicheren Wissen, daß das alles nicht ernst gewesen war. Dabei, dachte er bitter, war mit Madeleine noch nicht einmal wirklich etwas passiert. Sie hatte ja ihren William, und sie war ihm zu wichtig, als daß er da dazwischenfunken wollte. Tatsache war allerdings, daß er und Madeleine sich in vielen Dingen sehr ähnlich waren, und daß sie im Gegensatz zu Elena von seiner Art war. Sie teilte etwas mit ihm, zu dem Elena keinen Zugang hatte, und vermutlich war es genau das, was seine Frau so aufbrachte.

Er spürte, wie Madeleine schräg über ihm auf dem Dach landete, dann war sie mit einem Sprung an seiner Seite. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie einige Minuten neben ihm her. Schließlich blieb sie stehen und setzte sich am Straßenrand unter einen Baum. "Wenn wir ohnehin nicht wissen, wo wir hinlaufen, können wir genausogut hierbleiben, nicht wahr?"

Er nickte und setzte sich neben sie.

"Ich habe gerade mit Elena gesprochen", sagte sie nach einer Weile. "Du solltest dich dringend mit ihr unterhalten, und ich kann dir nur raten, dich nicht von ihren berühmten Ausbrüchen aus dem Konzept bringen zu lassen. Wenn man die ignoriert, kann man sogar vernünftig mit ihr reden."

William sah sie nicht an. "Was soll ich ihr denn sagen? Ich kann sie nicht anlügen, und es ist einfach nicht mehr so wie früher."

"Ich weiß", sagte sie leise und schwieg einen Moment. "Trotzdem solltest du sie wissen lassen, daß du sie ernstnimmst. Sie fühlt sich im Moment wie unnützer Ballast. Ich weiß, daß sie mehr für dich ist, aber sie glaubt das nicht."

William lehnte den Kopf an den Baumstamm und schloß die Augen. Lange Zeit sprach keiner von beiden. Schließlich stand der Ventrue auf. "Wir sollten zurückgehen. Und dann werde ich mit ihr reden, obwohl ich immer noch keine Ahnung habe, was ich ihr sagen soll." Er hielt ihr die Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Sie zog sich hoch. Einen Augenblick standen sie da und sahen sich wortlos an. Dann beugte er sich herab, gab ihr einen Kuß auf die Stirn, wandte sich ab und ging. Schweigend folgte sie ihm.

 

Als William sein Zimmer betrat, saß Elena, jetzt wieder im Kleid, am Tisch und schrieb etwas. Er schloß die Tür, blieb stehen und wartete, bis sie fertig war. Schließlich beendete sie den Absatz, faltete das Pergament zusammen und versiegelte es. Dann drehte sie sich um. William sah sie an und suchte nach Worten.

"So still?" fragte sie mit leisem Spott. "Du bist doch sonst nie um Worte verlegen. Nur in meiner Gegenwart..." Sie lächelte eigenartig. William musterte sie prüfend. Sie schien tatsächlich völlig gefaßt zu sein, und kalt wie Eis. So kannte er sie nicht, und er begann, sich unwohl zu fühlen.

"Was ist passiert, Elena?" fragte er ruhig.

Sie legte den Kopf schief und erwiderte seinen Blick. "Das sollte ich dich fragen. Wir können anscheinend in letzter Zeit nicht mehr miteinander reden. Das war früher anders."

Er seufzte. "Glaubst du, mir gefällt das? Glaubst du, mir gefällt es, in dieser verfluchten Stadt inmitten von Schwierigkeiten zu sitzen, anstatt mit dir in England, wo ich hingehöre? Aber ich kann es nunmal nicht ändern."

Sie stand auf und kam zu ihm herüber. Auf ihrem Gesicht lag immer noch dieses merkwürdige Lächeln. "Ist es nicht seltsam", sagte sie und tippte mit einem Finger auf seine Brust, genau über dem Herzen, "daß ein Vampir von deiner Macht und deiner Größe sich davon so beeinflussen läßt?"

Er starrte sie an. "Wie meinst du das?"

Sie trat einen Schritt zurück und ihr Lächeln verschwand. "Ich meine damit, daß ich sehr wohl mitbekommen habe, was zwischen dir und Madeleine passiert ist. Auch, wenn du mir nichts mehr erzählst, gewisse Dinge erfahre ich noch immer." Er wollte etwas sagen, aber sie war noch nicht fertig. "Ich weiß, daß sich hier einiges verändert hat. Ich war vor kurzem krank. Jetzt geht es mir wieder gut, ich wohne wieder bei dir, aber irgendwie ist seither alles anders. Obwohl sich ja schon vorher so manches angedeutet hat. Du hast keine Zeit mehr für mich, selbst wenn du im Haus bist, bekomme ich dich nicht zu sehen. Ich bin für dich ja nicht einmal das, was du ein Gefäß nennst." Ihre Augen verengten sich. "So kann es nicht weitergehen. Es gibt zwei Möglichkeiten, diesen Zustand zu beenden. Die erste ist, daß du mich zurück nach England schickst, in das Nest, aus dem ich komme."

Sie machte eine Pause und sah ihn an, während er langsam den Kopf schüttelte. Er hob die Hand und strich ihr sanft übers Gesicht. "Ich würde dich nie wegschicken", sagte er leise.

"Dann mach mich zu dem, was du bist."

Er sah sie sprachlos an. "Habe ich das richtig verstanden?" fragte er schließlich ungläubig. "Du willst, daß ich dich entweder nach England zurückschicke - oder daß ich dich verdamme?"

Sie lachte ärgerlich auf. "Verdammen? Schau dich doch an! Sieh, was du bist, und sieh, welche Macht du hast! Das nennst du verdammt sein?"

Er konnte es immer noch nicht fassen. "Weißt du, was es bedeutet, nur für die Nächte zu existieren? Niemals die Sonne zu sehen und sich vom Blut von Menschen zu ernähren? Du weißt nicht, was du da verlangst."

"Gerede", sagte sie abfällig. "Ich bin lange genug mit deinesgleichen unterwegs, um zu sehen, was ihr seid. Ich will sein wie du, und wenn du mir nicht gibst, was ich haben will, wird es ein anderer tun." Sie nahm den Brief auf, an dem sie geschrieben hatte, als er hereingekommen war. "Dies ist eine Botschaft an Prinz Michael. Ich habe von Mog erfahren, wer er ist, was es mit dem Prinzen auf sich hat, wo man ihn findet und so weiter. Vergib Mog dafür, ich habe ihm keine Wahl gelassen als mir alles zu erzählen, was ich wissen wollte. Ich habe dem Prinzen das Problem geschildert und meinen Wunsch dargelegt. Ich habe ihn gebeten, ihn selbst zu erfüllen oder jemand anderen zu bestimmen, der es tut. Und wenn ich meinen Willen bekommen habe, werde ich in Konstantinopel bleiben, wenn ihr weiterzieht. Du wirst mich also in jedem Fall los sein."

William starrte sie an. Er konnte nicht begreifen, wie jemand gleichzeitig so verschlagen und so naiv sein konnte. Vor allem hatte er das nicht von Elena erwartet. Sie kannte Michael nicht. Unter einem Prinzen stellte sie sich vermutlich so etwas wie einen Herrscher der Sterblichen vor. Sie hatte keine Ahnung, was für ein Wesen der Toreador war. Mit einer derartigen Bitte an ihn heranzutreten wäre mehr als vermessen gewesen. Abgesehen davon würde William sein Gesicht verlieren, wenn seine Frau sich an Michael wandte, um ihre Probleme zu lösen.

"Es ist dir wirklich ernst damit", murmelte er.

Sie stand vor ihm, den Brief in der Hand, und aus ihrem Blick sprach blanker Haß. Was auch immer sie vorher für ihn empfunden hatte, war verschwunden. "Ja, es ist mir ernst damit. Wenn ich für dich nur noch eine Last bin, bei Gott, dann will ich eine möglichst schwere Last sein. Du sollst wissen, daß ich da bin. Als Sterbliche kannst du mich ignorieren. Wenn ich so bin wie du, wirst du das nicht mehr können."

Seine Augen wurden hart. "Du willst mich also erpressen", sagte er tonlos.

"Nenn es, wie du willst", antwortete sie unbeeindruckt. "Ich werde bekommen, was ich will. Entweder jetzt, von dir, oder später von einem anderen." Ihre Finger glitten zum Verschluß ihres Kleides. Sie öffnete ihn und schüttelte das Kleid ab. Dann sah sie William an und breitete die Arme aus. "Nun? Wofür entscheidest du dich?"

Irgendetwas in ihm zerbrach. Ohne ein weiteres Wort packte er sie und riß sie zu sich heran. Seine Hand krallte sich in ihr Haar, dann zog er grob ihren Kopf nach hinten und biß zu. Das letzte, was er bewußt wahrnahm, war das triumphierende Funkeln in ihren Augen.

 

Madeleine war sich durchaus der Ironie der Situation bewußt, als sie auf Williams bevorzugtem Platz auf dem Dach saß. Einer von ihnen, dachte sie seufzend, hatte in letzter Zeit offenbar immer einen Grund, alleine sein zu wollen. Sie hatte sich hierher zurückgezogen, damit sie sich ohne abgelenkt zu werden auf die Verbindung zu William konzentrieren konnte. Wenn er mit Elena redete, konnte es sehr leicht sein, daß er wieder aus der Haut fuhr, und das würde alles nur noch schlimmer machen. Die Lasombra hoffte, daß sie im Notfall beruhigend auf ihn einwirken und ihm helfen konnte, die Nerven zu behalten.

Die Gefühle, die sie von ihm mitbekam, waren chaotisch. Zuerst war da Unsicherheit und mit Traurigkeit gemischte Zuneigung, dann Verwirrung, Unglaube und Schock. Madeleine spürte, daß in seinem Zimmer gerade irgendetwas furchtbar schiefging. Sie drängte ihre Umwelt zurück und versuchte, die Verbindung zu William enger zu ziehen. Was auch immer da unten gerade passierte, er litt. Sie versuchte, ihm Halt zu geben, als sie spürte, wie es in ihm plötzlich kalt wurde. Eisige Wut beherrschte ihn. Und dann durchfuhr es sie wie eine glühende Klinge als sie fühlte, wie er Elena biß und ihr Leben trank. Madeleine schrie auf und brach zusammen.

 

William fühlte den letzten Tropfen von Elenas Blut durch seine Kehle rinnen wie flüssiges Feuer. Während er ihren schlaffen Körper mit einem Arm festhielt, biß er sich am anderen eine Ader auf und ließ einige Tropfen seiner vitae in ihren halbgeöffneten Mund fallen. Mit einem Mal riß sie die Augen auf. Ihre Hand zuckte nach oben und griff nach seinem Arm, dann zog sie ihn an ihre Lippen und begann gierig zu trinken.

Als sie endlich von ihm abließ, ließ er sie zu Boden gleiten und taumelte geschwächt einige Schritte zurück. Sie hatte viel von seinem Blut genommen, aber stärker als der Hunger war in ihm der Abscheu über das, was er getan hatte. Er sah auf sie herab, und während ihr Körper vor seinen Augen starb, starb ein Stück von Williams Seele mit ihm.

 

Oben auf dem Dach schluchzte Madeleine trocken auf und krümmte sich. Sie hatte den kurzen Moment unglaublichen Hochgefühls geteilt, den William erlebt hatte, als er Elenas Blut getrunken hatte. Jetzt teilte sie seinen Schmerz, aber schlimmer war die Kälte, die nach ihm griff, als er zusah, wie Elena starb. Madeleine wußte instinktiv, was in seinem Zimmer gerade geschah, ihre Verbindung zu ihm war jetzt so eng, als würde sie unten neben ihm stehen. Gleichzeitig war ihr klar, daß diese Verbindung im Moment praktisch einseitig war und William viel zu abgelenkt war, um zu merken, daß sie da war. Sie versuchte, ihn zu erreichen und die Kälte zu vertreiben, die sich in ihm ausbreitete, aber es gelang ihr nicht. Er nahm sie nicht einmal wahr. Hilflos mußte sie erleben, wie er sich von ihr entfernte. Stumm kauerte sie sich zusammen und merkte nicht einmal, daß ihr eine blutige Träne über die Wange rann.

 

Elenas Todeskampf dauerte lange. Sie schrie und schlug um sich, während William danebenstand und sich zwang, zuzusehen. Schließlich ebbten ihre krampfartigen Bewegungen ab und sie wurde ruhiger. Als es vorbei war, blieb sie einen Moment still liegen, dann erhob sie sich in einer unnatürlich geschmeidigen Bewegung und sah sich um. William sagte kein Wort, als sie staunend und neugierig wie eine junge Katze im Zimmer herumging und ihre neu erwachten Sinne auf sich wirken ließ. Schließlich ging sie zum Schrank, nahm ein einfaches Kleid heraus und zog sich an. Dann drehte sie sich zu ihm um und sank in einen tiefen Knicks.

"Mit Eurer Erlaubnis, Meister, werde ich nach unten gehen."

Er nickte nur stumm. Sie wollte gehen, da fiel ihr noch etwas ein, und sie rief laut nach Mog. Der Ghoul erschien prompt, sah sie fassungslos an, schaffte es aber, nichts zu sagen. Elena reichte ihm den Brief an Michael.

"Verbrenn das, es wird nicht mehr benötigt. Und dann sorg dafür, daß meine Sachen hier herausgeschafft werden und ich ein anderes Quartier bekomme."

Mog nahm den Brief, verneigte sich, und verschwand eiligst. Elena knickste noch einmal vor William, dann verließ sie das Zimmer. William blieb alleine zurück.

Mit einem Mal spürte er Madeleine. Ihm wurde bewußt, daß sie die ganze Zeit bei ihm gewesen war und alles mitbekommen hatte. Warum sie das getan hatte, war ihm nicht völlig klar, aber dafür war ihm umso klarer, daß sie schrecklich unter den Nachwirkungen litt. Er entschied, daß sie jetzt jemanden brauchte, und daß dieser Jemand nicht er war. Er ging nach draußen und hielt den nächsten Diener an, der ihm über den Weg lief.

"Wo finde ich William von Baskerville?"

Der Diener warf einen Blick in Williams Augen und erbleichte. "Bei Lady Irian im Arbeitszimmer."

"Danke." William wandte sich ab. Im Arbeitszimmer fand er tatsächlich den Ghoul und die Gangrel einträchtig inmitten von Büchern, Pergamenten und Schreibzeug sitzen. Irian schien zwar mitbekommen zu haben, daß etwas nicht stimmte, aber sie hatte seine Gefühle offenbar nicht so eng geteilt wie Madeleine. Sie sah ihm besorgt entgegen, sagte jedoch nichts. William achtete nicht auf sie und sah den Ghoul an.

"Ihr solltet zum Dach hochgehen. Jetzt gleich", sagte er nur.

Baskerville stellte keine Fragen, sondern verschwand. Irian sah ihren Bruder an und hob fragend eine Augenbraue, aber der schüttelte nur stumm den Kopf und ging.

 

Madeleine lag auf dem Rücken und starrte mit blicklosen Augen in den Himmel. Sie rührte sich nicht, als sie hörte, wie jemand auf das Dach geklettert kam. Gleich darauf ließ William von Baskerville sich neben ihr nieder, hob sie vorsichtig an und bettete ihren Kopf in seinen Schoß. Er strich ihr sanft übers Haar und wartete geduldig, bis sie von sich aus zu reden begann. Es dauerte fast eine halbe Stunde, dann fragte sie leise: "Hast du mitbekommen, was passiert ist?"

"Nicht wirklich", mußte er zugeben. "Ich war im Arbeitszimmer, als Sir William hereinkam und mich bat, nach dir zu sehen. So, wie er aussah, hielt ich es nicht für angebracht, ihn lange nach seinen Gründen zu fragen."

"Elena ist tot", sagte sie nur.

Er starrte sie erschrocken an. "Was?"

"William hat ihr den Kuß gegeben. Sie hat ihm keine Wahl gelassen. Und ich war bei ihm, als er es getan hat." Sie schloß die Augen.

Er verstand. Was es für sie bedeutet hatte, etwas derartiges mitzuerleben, konnte er nicht einmal ahnen. Madeleine lag in seinem Arm und überließ sich ihren Gedanken. Sie fühlte sich mitschuldig an dem, was passiert war. Wenn sie damals William nicht ihr Blut gegeben hätte, wäre es vielleicht nie so weit gekommen. Sicher, er hatte ihr gestanden, daß er sie auch liebte, ohne daß ihre vitae ihn dazu zwang, und abgesehen davon war es in diesem Moment auch das einzige gewesen, was sie hatte tun können. Trotzdem machte sie sich Vorwürfe. Elena war ihretwegen eifersüchtig gewesen, und ihre Eifersucht war es gewesen, die sie dazu getrieben hatte, William das anzutun. Und jetzt war er allein. Toranaga, mit dem er eng verbunden gewesen war, war verschwunden, Elena hatte er verloren, und sie selbst trug zumindest einen Teil der Verantwortung dafür. Es drängte sie, zu ihm zu gehen und wenigstens zu versuchen, ihm Trost zu geben.

"Dann tu es", sagte William. Sie öffnete die Augen und sah ihn erstaunt an. Er lächelte. "Es war nicht schwer, deine Gedanken zu erkennen. Du willst zu ihm gehen."

Sie nickte. "Ja, das würde ich gerne... aber er ist so kalt. Wenn du das spüren könntest... sein Inneres ist wie Eis."

"Dann solltest du erst recht gehen. Vielleicht kannst du ihm Wärme geben."

Sie schaute zu ihm hoch und erkannte, daß er es ernst meinte. In ihm war keine Spur von Eifersucht, nur Sorge und der Wunsch, zu helfen. Spontan drückte sie ihn an sich. "Du hast recht", sagte sie und stand auf. "Ich weiß nicht, ob ich zu ihm durchkomme, aber ich werde es auf jeden Fall versuchen." Dann küßte sie ihn und verschwand.

 

William ging nach unten, um seinen Hunger zu stillen. Allmählich konnte er nicht mehr ignorieren, daß Elena ihm einen großen Teil seiner vitae genommen hatte. Als er den Blauen Salon betrat, war seine Frau bereits da. William spürte die Blicke der Anwesenden auf sich, die natürlich mitbekommen hatten, daß irgendetwas vorgefallen war. Die meisten von ihnen hatten Elena vor dem heutigen Abend nicht zu Gesicht bekommen, und diejenigen, die sie wie Erk bereits kannten, kannten sie als Sterbliche - und nicht als die überaus beeindruckende Ventrue, die vorhin hereingekommen war. Erk sah sichtlich erschüttert zu William herüber, was der ignorierte. William gab sich höflich und freundlich wie immer und ließ mit keiner Miene erkennen, daß etwas nicht stimmte. Natürlich entging es keinem der anderen, daß er viel mehr trank als üblich, und allein aus dieser Tatsache und Elenas Auftritt konnte sich der eine oder andere zusammenreimen, was geschehen war. Da William aber sichtlich entschlossen war, so zu tun, als sei nichts geschehen, wollte auch niemand riskieren, indiskrete Fragen zu stellen.

Kurz nachdem er hereingekommen war, verzog sich Elena mit einem höflichen Knicks nach draußen ins Atrium. Markus war gerade wieder mit dem Training der Wachen beschäftigt, was sie sich sehr interessiert ansah. Plötzlich stand Madeleine neben ihr. Die Lasombra war mit einem lautlosen Sprung vom Dach gekommen und musterte sie ausdruckslos und ohne die geringste Spur von Überraschung. Elena sank in einen ehrerbietigen Knicks, wie er der Hausherrin zustand.

"Mylady."

Madeleine bedeutete ihr, sich zu erheben. "Lady Elena." Sie neigte höflich den Kopf, ehe sie sich abwandte und ins Haus ging. Sie haßte Elena abgrundtief für das, was sie William angetan hatte, aber sie hätte sich eher pfählen lassen, als die andere das spüren zu lassen.

 

William hatte den Salon verlassen und sich wieder in sein Zimmer zurückgezogen. Elenas Besitztümer waren bereits herausgeräumt worden, und der Raum wirkte so leer, wie William sich fühlte. Als es klopfte, wußte er, wer draußen stand. Madeleine wartete seine Antwort nicht ab, kam herein und schloß leise die Tür hinter sich.

"Geht es dir besser?" fragte er.

Sie nickte, "Besser als dir, denke ich. Danke, daß du William geschickt hast."

"Es schien mir angebracht", sagte er nur.

Sie sah ihn einen Augenblick schweigend an, dann trat sie auf ihn zu und nahm ihn in die Arme. "Es tut mir leid", flüsterte sie und legte den Kopf auf seine Brust. Er rührte sich nicht, und das Eis in seinem Innern schmolz nicht. Schließlich drückte er sie kurz an sich, dann löste er sanft ihre Hände und schob sie von sich.

"Ich verstehe", sagte sie leise, dann wandte sie sich ab und ging zur Tür.

"Madeleine."

Sie blieb stehen, ohne sich umzudrehen. "Ja?"

"Mach dir keine Vorwürfe. Es ist nicht deine Schuld."

Sie schüttelte nur stumm den Kopf und ließ ihn allein.

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