Kapitel 9
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Madeleine erwachte neben Lord William von Baskerville. Ein gutes Zeichen, dachte sie; sie war nicht sicher gewesen, ob er da sein würde. Als sie nach den Ereignissen der letzten Nacht versucht hatte, ihrem Bruder zu helfen und von ihm abgewiesen worden war, hatte der Ghoul in ihrem Zimmer auf sie gewartet. Zuerst war sie einfach nur froh gewesen, daß er bei ihr war, aber dann hatten sie stundenlang geredet. Besser gesagt, sie hatte geredet und er hatte mit immer größer werdenden Augen zugehört. Sie hatte gesehen, daß die Probleme mit Elena hauptsächlich daher kamen, daß ihr Mann sie aus allem hatte heraushalten wollen. Sie war entschlossen, seinen Fehler nicht zu wiederholen. Und so hatte sie William alles erzählt, nicht nur, was passiert war, sondern auch wieso. Sie hatte mit der Nacht begonnen, in der der Ventrue von ihrem Blut getrunken hatte. Als sie erklärte, wieso sie es ihm gegeben hatte, hatte William zum ersten Mal gestaunt - er hatte nicht gewußt, daß sie eine Nonne gewesen war. Er wußte überhaupt fast nichts von ihrer Vergangenheit, war ihr während ihrer Erzählung aufgegangen. Aus irgendeinem Grund hatte sie nie mit ihm darüber geredet, und er hatte auch nie danach gefragt.

Sie hatte ihm auch erzählt, daß der Ventrue ihr Blut wieder losgeworden war, und daß das fast nichts geändert hatte. Auch sein Geständnis vor ein paar Nächten hatte sie nicht ausgespart, genausowenig wie die Tatsache, daß sie seine Gefühle zumindest teilweise erwiderte. Es war ihr nicht leicht gefallen, aber in diesem Moment war Ehrlichkeit nötig gewesen. Sie hoffte, daß Baskerville verstand, daß er nach wie vor wichtig für sie war, und daß ihre Zuneigung zu William von Tintagel irgendwie etwas anderes war als das, was sie für ihm empfand.

Zum Ende hin hatte sie gegen die aufgehende Sonne ankämpfen müssen, und das Reden war ihr immer schwerer gefallen. Als sie fertig gewesen war, war sie auch sofort eingeschlafen und hatte ihren Ghoul den Tag über seinen Gedanken überlassen. Und jetzt war sie aufgewacht, und er war da. Sie sah ihn vorsichtig an. "Du hast nachgedacht?"

Er nickte langsam. "Ja. Das war ein ziemlicher Brocken, den du mir da zu schlucken gegeben hast."

"Ich weiß. Aber wenn du bei mir bleibst, sollst du wissen, was passiert. Du hast ein Recht darauf, zu wissen, worauf du dich einläßt." Sie machte eine kurze Pause, ehe sie fragte: "Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?"

Er sah sie nachdenklich an. "Ich werde bei dir bleiben und dich beschützen, so lange und so gut ich das kann. Ich weiß, daß du mich liebst, und alles andere ist unwichtig."

Madeleine war selbst etwas überrascht, wie sehr sie bei seinen Worten erleichtert war. Statt einer Antwort zog sie ihn an sich und küßte ihn, und zum ersten Mal seit Tagen war die Welt wieder für kurze Zeit in Ordnung.

 

Sir William von Tintagel erwachte alleine, aber das war auch nicht anders zu erwarten gewesen. Er rief nach James, um sich beim Anziehen den abendlichen Bericht anzuhören, dann ging er frühstücken. Erk war natürlich schon anwesend, und ein oder zwei weitere Gäste, aber ansonsten war es noch recht ruhig.

Der Brujah unterhielt sich gerade angeregt mit Hassan, und William gesellte sich zu ihnen. Ihm entging nicht, daß der Assamit, der gerade noch einen für seine Verhältnisse eher ungezwungenen Eindruck gemacht hatte, plötzlich angespannt wirkte. Offenbar fühlte er sich in Gegenwart Williams, der hier im Haus immerhin den Status eines Prinzen besaß, nicht besonders wohl. Als der Ventrue dann auch noch begann, sich mit ihm über Kleinigkeiten zu unterhalten, und sich sehr interessiert nach Hassans Heimatland erkundigte, geriet er tatsächlich gelegentlich ins Stocken. Ganz allmählich taute er aber etwas auf, und es entspann sich eine recht angenehme Unterhaltung.

 

Madeleine wollte noch einmal nach draußen. Als sie gestern mit William am Stadttor gewesen war, war ihr dort ein Wachoffizier aufgefallen, der einen vielversprechenden Eindruck gemacht hatte. Sie wollte sich den Mann einmal genauer ansehen, immerhin war da immer noch das Problem der Nachfolge. Galant, wie ihr Ghoul nun einmal war, half er ihr beim Anziehen, wodurch es etwas länger dauerte, als wenn sie das alleine übernommen hätte. Schließlich steckte sie in ihrer zwar unstandesgemäßen, aber dafür praktischen Lederkleidung, küßte William noch einmal, und machte sich auf den Weg.

Im Blauen Salon stand ihr Bruder mit Erk und dem Assamiten zusammen. An seinen Gefühlen, oder vielmehr deren Abwesenheit, hatte sich nichts geändert, das war ihr gleich aufgefallen, als sie aufgewacht war. Nach außen ließ er sich nichts anmerken. Auf ihre Ankündigung, ausgehen zu wollen, antwortete er nur mit einem Nicken und wandte sich wieder seinen Gesprächspartnern zu. Madeleine verzog keine Miene und ging.

 

Irian wachte auf, und war ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit mit einem Satz aus dem Bett. Sie war so dicht davor gewesen, endlich den Sinn dieser Inschriften zu erkennen, als die Sonne aufgegangen war und sie eingeschlafen war. Heute Nacht, das spürte sie, würde sich ihre nächtelange Arbeit endlich auszahlen. Es fehlte nur noch so wenig...

Markus, der wie üblich vor ihr wach geworden war, sah sie erstaunt an, als sie nach ihrem Kleid griff, ohne ihn auch nur im Mindesten zur Kenntnis zu nehmen.

"Irian? Guten Abend, ich bin auch da."

"Jaja, guten Abend", murmelte sie abwesend, zog ihr Kleid über und war noch dabei, es zu verschließen, als sie schon in Richtung Arbeitszimmer aus dem Raum lief. Markus sah ihr zähneknirschend hinterher.

 

Die Doppeltür des Blauen Salons flog krachend auf. Beide Flügel schlugen gegen die Wand und prallten davon ab. In der Tür erschien Markus, und er war offenbar noch wütender als bei seinem letzten derartigen Auftritt vorgestern. Der Gangrel kochte vor Zorn. Er deutete wortlos auf zwei der Gefäße, die in der Nähe der Tür gestanden hatten, und zog sich mit ihnen zurück. William nahm alles gelassen zur Kenntnis. Allmählich gewöhnte man sich ja schon daran. Hassans fragenden Blick beantwortete er nur mit einem leichten Schulterzucken, dann tat er, als sei nichts geschehen.

 

Madeleine hockte im Schatten auf einem Dach in der Nähe des Stadttors. Das Objekt ihres Interesses war nicht zu sehen, aber das Tor war natürlich bewacht. Madeleine konzentrierte sich auf einen der Soldaten und versenkte sich in seine Gedanken. Es dauerte ein Weilchen, dann dachte der Mann tatsächlich an das, was sie wissen wollte.

Der Name des Offiziers, der die Lasombra interessierte, war Joseph, und der Soldat unten dachte nicht ohne ein gewisses Schaudern an ihn. Hauptmann Joseph war offenbar für die nächste Wache eingeteilt, und der Soldat hätte ohne nachzudenken sofort eine zweite Schicht übernommen, wenn er dadurch diesem Wachwechsel hätte entgehen können. Es war allerdings nicht wirklich Angst, die er vor ihm empfand, eher ein sehr gesunder Respekt. Joseph nahm seinen Dienst offenbar sehr ernst. Gerecht, aber hart, das war der Eindruck, den Madeleine aus den Gedanken des Soldaten gewann. Es war seine Angewohnheit, sich beim Wachwechsel jeden einzelnen vorzunehmen, der vor ihm auf Posten gewesen war, und sich genauestens über das informieren zu lassen, was vorgefallen war. Das paßte zu dem Bild, das Madeleine sich bei ihrer kurzen Begegnung gestern Abend von Joseph gemacht hatte. Er hatte ihnen den Respekt gezeigt, der adligen Herrschaften zustand, aber er war ruhig und bestimmt aufgetreten und hatte keinen eingeschüchterten Eindruck gemacht. Diese Selbstsicherheit war es gewesen, die Madeleine auf ihn aufmerksam gemacht hatte.

Madeleine sah zum Himmel hoch. Bis zum Wachwechsel um Mitternacht blieben ihr noch einige Stunden, und sie sah keinen Sinn darin, so lange hier zu warten. Lautlos erhob sie sich und machte sich auf den Weg zur Kathedrale beim Palast.

 

"Was habe ich mir da gestern bloß gedacht, das kann doch so nicht stimmen..." murmelte Irian und verschob zwei der Pergamente. Die Gangrel hatte alles um sich herum vergessen. So kurz vor dem Ziel fühlte sie sich fast wie auf der Jagd, Momente bevor sie die Beute schlug. Und sie war kurz vor dem Ziel, daran gab es keinen Zweifel. Sie sah nachdenklich auf die Teile, nahm eins davon und legte es an eine andere Stelle - und plötzlich paßte alles zusammen. Irian lehnte sich einen Moment zurück und sah auf ihr Werk herunter. Vor ihr lag ein großer Pergamentbogen mit dem Ergebnis nächtelangen Rätselratens. Das Blatt zeigte ein merkwürdiges Zeichen: acht Pfeile, die von einem gemeinsamen Mittelpunkt aus in verschiedene Richtungen strebten und von einem Kreis eingeschlossen wurden. Es war Irian nicht gelungen, die fremde Schrift wirklich zu entziffern, aber das Zeichen zusammen mit den Bruchstücken, deren Bedeutung sie erkannt hatte, ergaben ein recht genaues Bild. Überaus zufrieden mit sich ließ die Gangrel den Blick über das Pergament wandern und gestattete sich einen triumphierenden Ausruf.

 

William hörte Irian zwar nicht, aber er spürte das Hochgefühl, das die Gangrel plötzlich ergriffen hatte. Neugierig geworden, entschuldigte er sich bei seinen Gesprächspartnern und eilte zum Arbeitszimmer. Seine Schwester saß inmitten eines chaotischen Haufens von Notizen und Schreibzeug und hatte ein sehr zufriedenes Grinsen im Gesicht, das noch eine Spur breiter wurde, als sie ihn sah.

"Ich nehme an, es gibt Neuigkeiten?" erkundigte er sich schmunzelnd.

"Die gibt es. Allerdings glaube ich, daß ich mich nach der ganzen Anstrengung erst einmal ein wenig frischmachen sollte..."

William mußte lachen. "Schwester, du bist grausam. Spann mich nicht so auf die Folter. Was hast du herausgefunden?"

Irian wurde ernst. "Beunruhigende Dinge, fürchte ich. Sagt dir dieses Symbol etwas?"

William sah auf das Zeichen und schüttelte den Kopf.

"Es ist ein Symbol für das Chaos. Nicht das Böse in dem Sinn wie der Antichrist, sondern reines, pures Chaos. Das Böse will die Welt korrumpieren, das Chaos will sie vernichten und von Grund auf neu erschaffen. Dieser Kreis außen herum hält allerdings das Chaos im Zaum und verhindert, daß es ausbricht. Und das ist die Funktion dieses Hauses. Daß es ein Gefängnis ist, wußten wir schon. Jetzt wissen wir auch, was es gefangen hält: einen, der das Chaos bringt, sollte er ausbrechen. Aber solange das Haus steht, hat er keine Chance, freizukommen. Das Gefängnis ist absolut sicher."

William schwindelte bei ihren Worten. Irgendwie hatten die Dinge in letzter Zeit die Angewohnheit, relativ harmlos anzufangen und sich dann sehr unvorhergesehen zu entwickeln. Und das, was Irian ihm da gerade erzählt hatte... kein Wunder, daß Michael so viel daran gelegen war, daß das Haus zuverlässige Wächter hatte. "Gute Arbeit", sagte er. "Wenigstens haben wir jetzt eine Ahnung, womit wir es zu tun haben."

Als er auf dem Weg zurück nach unten an Mog vorbeikam, hielt er den Ghoul an.

"Mog, laß Elena bitte wissen, daß ich sie um Mitternacht im Audienzzimmer sprechen will."

Mog nickte. "In Ordnung. Da wäre noch etwas, Sir. Der Assamit will mit Euch reden. Er meinte, er hätte Informationen über..." Mog sah sich kurz um und senkte die Stimme, "... den Turm."

"Interessant", murmelte William.

"Außerdem", fügte Mog hinzu und wurde plötzlich verlegen, "hat er sich beschwert, daß jemand sein Zimmer durchsucht hätte. Er hat mir das schon vor zwei Tagen gesagt, aber irgendwie kam ich noch nicht dazu, das weiterzugeben."

William sah ihn streng an. "Das nächste Mal kommst du dazu, verstanden? Wir haben schon genug Ärger, auch ohne daß wir uns zusätzlich noch welchen mit unseren Gästen machen. Sag Hassan, daß ich draußen auf ihn warte, wir werden uns sofort darum kümmern."

Mog nickte zerknirscht und ging. William schlenderte eine Weile durchs Atrium, bis er den Assamiten herauskommen sah, dann wandte er sich ab und ging langsam zur Bibliothek hinüber. Mit einem Blick vergewisserte er sich, daß niemand hier war. Hassan trat ein und schloß die Tür.

"Ihr wollt mich sprechen?"

William nickte. "Bedauerlicherweise ist mir erst jetzt zu Ohren gekommen, daß es ein Problem gibt. Was genau ist passiert?"

"Jemand war in meinem Zimmer", sagte der Assamit ruhig. "Es wurde nichts gestohlen, es war auch nichts da, was man hätte stehlen können. Trotzdem bin ich über derartige Versuche, mich auszuspionieren, nicht eben glücklich. Ich will wissen, wer das war und was er gesucht hat."

"Ich habe da schon so meine Vermutung, aber wir werden es herausfinden", versprach William. "Aber ehe ich mir das ansehe... man sagte mir, Ihr hättet Informationen für uns?"

Hassan nickte. "Ich weiß, daß Ihr ein Interesse an diesem Leuchtturm und seinem Bewohner habt. Ich habe einige Dinge herausbekommen, die für Euch vielleicht wichtig sein könnten, und ich habe die Erlaubnis, Euch diesbezüglich einen Handel vorzuschlagen."

William sah ihn nachdenklich an. "An derartigen Informationen wären wir in der Tat interessiert. An was für einen Handel hattet Ihr dabei gedacht?"

Hassan lächelte kurz. "Bedenkt, mit wem Ihr redet. Es sollte offensichtlich sein, welchen Preis ich will."

"Vitae", sagte William nur.

Der Assamit nickte. "Und zwar von Euch, oder von jemandem mit vergleichbarer Nähe zu Kain. Über die Menge werden wir noch verhandeln müssen."

"Einverstanden. Allerdings sollten wir uns vor den Verhandlungen vielleicht erst um Euer Problem kümmern. Ich brauche ein wenig Bedenkzeit. Wenn Ihr nichts dagegen habt, sollten wir zu Eurem Zimmer gehen und sehen, was wir über den Eindringling herausfinden."

 

Madeleine spürte Irians Triumph, als sie kurz vor der Kathedrale angekommen war. Das Hochgefühl konnte sie aber nicht anstecken, es verlor sich zu sehr in der Kälte, die von William ausging. Die wiederum schien Irian nicht besonders zu stören. Madeleine ignorierte beides und postierte sich auf einem Dach gegenüber dem Portal der Kirche.

Ihr Besuch vorgestern hatte offenbar seine Nachwirkungen. Sowohl das Hauptportal als auch die Seiteneingänge wurden bewacht, und zwar nicht von Stadtwachen, sondern von Templern. Madeleine sah nachdenklich nach unten. Ungesehen durch eine der Türen in die Kathedrale zu gelangen war ausgeschlossen. Zum Glück war die Lasombra nicht auf Türen angewiesen. Sie griff nach den Schatten und wurde eine von ihnen, dann schwebte sie langsam nach oben und glitt unbemerkt durch eines der unverglasten Fenster in den Glockenturm. Die Glocken waren unangenehm, sie wich ihnen aus. Sie floß die Treppe hinunter und durch das Schlüsselloch der Verbindungstür in den Innenraum.

Schon auf der Treppe hörte sie die bekannte Stimme, und als sie unten ankam und unter die Decke schwebte, um nicht bemerkt zu werden, erkannte sie den Priester. Er stand in seiner vollen Größe vor zehn Soldaten und verpaßte ihnen eine Strafpredigt, die sich gewaschen hatte. Die Männer überragten ihn alle, den meisten reichte er gerade bis zur Brust, aber so, wie sie im Moment vor ihm standen, schien jeder von ihnen kleiner zu sein als er.

"... und wenn hier schon die Kreaturen der Hölle und der Finsternis ein- und ausgehen können, wie ihnen beliebt, wofür stellt ihr euch dann eigentlich noch hin und tut, als würdet ihr Wache halten? Zu Hause bei Frau und Kind hättet ihr es sicher bequemer..."

Kreaturen der Finsternis, dachte Madeleine leicht amüsiert. Redet der etwa von mir? Sie blieb bewegungslos neben einer Säule hängen und verfolgte das Schauspiel. Sie war nicht die einzige, stellte sie mit einem Mal fest. Im Hauptschiff verteilt befanden sich drei Gargoylen, und sie lebten. Zum Glück schienen sie jedoch ebenfalls einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit auf den Priester zu richten und bemerkten den neu hinzugekommenen Schatten nicht. Die drei waren so plaziert, daß sie den Altar im Blick hatten, an dem der Priester vorgestern gestanden hatte, als er sie bemerkt hatte. Jetzt wußte sie auch, wie er sie hatte wahrnehmen können: nicht er hatte sie gesehen, sondern einer der steinernen Wächter hatte Alarm geschlagen. Als Madeleine sich genauer umsah, stellte sie fest, daß die Gargoylen wirklich sehr geschickt postiert waren. Es gab in der ganzen Kirche nur sehr wenige tote Winkel, die nicht wenigstens von einem der drei eingesehen werden konnten, und in diesen waren Feuerschalen aufgestellt. Auch in der Nähe des Altars befanden sich welche, außerdem standen dort Kerzen, die alles hell ausleuchteten. Sich dem Altar zu nähern, ohne dabei gesehen zu werden, war unmöglich. Madeleine nahm das zur Kenntnis und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Priester, der offenbar noch längst nicht am Ende seiner Rede angekommen war. Etwas von dem, was er sagte, ließ die Lasombra aufhorchen. Er sprach gerade davon, daß die vorhin schon von ihm angesprochenen finsteren Kreaturen keineswegs das Gefährlichste waren, was momentan in der Stadt unterwegs war. Viel bedrohlicher sei ein "dunkler Diener Gottes". Madeleine hatte keine Ahnung, wen oder was er damit meinte. Sie versuchte, es aus seinen Gedanken zu erfahren, mußte aber erkennen, daß sie nicht an sie herankam. Ihre Konzentration reichte nicht aus, um in seinen Geist einzudringen, und sein Wissen blieb ihr verborgen. Madeleine sah ein, daß sie hier nicht mehr erfahren würde. Außerdem wurde es langsam Zeit, sich auf den Rückweg zum Stadttor zu machen. Unbemerkt von dem Priester und den Gargoylen kroch sie zum Turm und verließ die Kathedrale, wie sie gekommen war.

 

Williams Miene war ausdruckslos, als er die Treppe von den Gästezimmern herunterkam. "Mog, schick Giuseppe ins Audienzzimmer. Und zwar alleine und sofort."

Mog eilte prompt davon. Minuten später führte er den Ravnos herein. William saß in seinem Sessel, die Beine übereinandergeschlagen, den Arm auf die Lehne gestützt, und sah Giuseppe entgegen wie ein gelangweilter König. Der Ravnos kniete nieder, so dicht bei der Tür wie es ihm nur möglich war. William ließ ihn schmoren. Nach ein paar Minuten gab er ihm zu verstehen, daß er sich erheben möge. Giuseppe war unruhig, versuchte aber, sich das nicht anmerken zu lassen.

"Mir sind Klagen über Euch zu Ohren gekommen", sagte William schließlich.

"Aha? Welcher Art?"

"Ihr habt Euch an Orten herumgetrieben, an denen Ihr nichts zu suchen habt. Die Zimmer anderer Gäste sind für Euch tabu, das hätte Euch eigentlich auch klar sein sollen."

Seltsamerweise schien Giuseppe fast erleichtert. Er grinste William an. "Meine angeborene Neugier, verzeiht. Es wird nicht wieder vorkommen."

William nickte. "Das wird es nicht, oder ich werde sicherstellen, daß ein dritter derartiger Vorfall unmöglich wird. Ich denke, Ihr habt mich verstanden."

"Sicher, mein Prinz", sagte Giuseppe mit einer übertrieben ehrerbietigen Verbeugung.

"Da wäre noch eine Sache", sagte William eisig. Die gespielte Langeweile war von ihm abgefallen, und er sah den Ravnos durchdringend an. "Ich habe erfahren, daß Ihr hier im Haus mit irgendwelchen okkulten Dingen hantiert. Das wird aufhören, und zwar sofort. In diesem Haus sind derartige Experimente absolut verboten, und es wird keine zweite Warnung geben."

Jetzt wurde Giuseppe doch sichtlich unbehaglich zumute. Er neigte nur schweigend den Kopf, und als William ihm mit einer Geste zu verstehen gab, daß er sich entfernen solle, floh er förmlich aus dem Raum. William sah ihm nachdenklich hinterher.

 

Madeleine erreichte das Stadttor rechtzeitig, um das Eintreffen von Hauptmann Joseph und drei weiteren Soldaten mitzuerleben. Der Wachwechsel vollzog sich tatsächlich so, wie sie es in den Gedanken des Soldaten gesehen hatte. Die Wachen standen stocksteif da, als Joseph sich jeden einzelnen vornahm und mit leiser Stimme Informationen aus ihnen herauswrang wie Wasser aus einem Lappen. Er erhob nicht ein einziges Mal die Stimme, wie Madeleine anerkennend feststellte. Sie verachtete Leute, die schreien mußten, um sich Respekt zu verschaffen.

Nachdem die Wache übergeben war, postierte Joseph seine drei Männer auf taktisch geschickte Weise und übernahm selbst den Platz am Tor. Madeleine verbrachte die nächsten Stunden damit, sich gründlich in seinen Gedanken umzusehen. Was sie fand, gefiel ihr. Der Mann war ein Einzelgänger, und lebte für seinen Beruf. Er hatte einen starken Willen, was offenbar in seiner Vergangenheit dazu geführt hatte, daß er sich mit seiner Familie überworfen hatte und jetzt allein lebte. Allerdings mußte sie im Laufe ihrer Nachforschungen erkennen, daß es nicht einfach sein würde, ihn auf ihre Seite zu bringen. Joseph war ein sehr ruhiger, beherrschter Mensch, aber er war äußerst besorgt um den Zustand seiner Seele. Es stand zu befürchten, daß er ihr nicht eben wohlgesonnen sein würde, wenn sie mit ihm Kontakt aufnahm und er erkannte, was sie war. Sehr nachdenklich machte sie sich schließlich auf den Weg nach Hause.

In der Villa war es ruhig. William und Elena spazierten durch das Atrium, in ein Gespräch vertieft. Der Ventrue hatte offenbar damit begonnen, seinem Kind das Notwendige beizubringen. Elena hing förmlich an seinen Lippen und sog jedes Wort in sich auf. Ihrem verliebten Blick nach zu urteilen, mußte William ihr noch einmal von seiner vitae gegeben haben. Wenigstens so vernünftig war er anscheinend, dachte Madeleine und ging am Atrium vorbei, ohne die beiden eines weiteren Blickes zu würdigen.

In ihrem Zimmer angekommen, entledigte sie sich ihrer Lederkleidung und schlüpfte in ein Kleid. Sie war kaum damit fertig, als es klopfte und Irian hereinkam. Die Gangrel sah sie etwas besorgt an.

"Guten Abend, Schwester. Kann ich mit dir reden?"

"Sicher", sagte Madeleine. "Was ist los?"

Irian setzte sich. "Das wollte ich eigentlich von dir wissen. Ich gebe ja zu, daß ich in den letzten Nächten ziemlich beschäftigt war, und einiges scheint an mir vorbeigelaufen zu sein. Als ich heute Abend aufwachte, war Elena eine Ventrue, und zwischen dir und William stimmte irgendetwas nicht mehr. Ich habe ihn schon gefragt, aber er redet nicht darüber."

"Das wundert mich nicht", murmelte Madeleine. "Erinnerst du dich noch, daß er immer gesagt hat, er würde Elena niemals den Kuß geben? Daß er ihr das nicht antun wollte?"

Irian nickte. "Offenbar hat er seine Meinung geändert."

"Nein", sagte Madeleine. "Er hat es nicht freiwillig getan. Sie hat ihn erpreßt. Wenn er es nicht getan hätte, wäre sie zu Prinz Michael gegangen."

"Wie bitte?" fragte die Gangrel ungläubig.

"Du hast richtig gehört. Sie haßt ihn, Irian. Sie fühlt sich von ihm vernachlässigt, und sie gibt mir die Schuld daran. Sie wollte so sein wie er, damit er sie wieder zur Kenntnis nehmen muß. Sie hat ihm das Messer auf die Brust gesetzt, und er hat ihr gegeben, was sie wollte. Und dabei ist nicht nur Elena gestorben."

Irian sah sie fragend an.

"Du warst vermutlich mit deiner Arbeit beschäftigt, als es passiert ist", erklärte die Lasombra. "Ich war nicht derart abgelenkt, im Gegenteil. Ich war ziemlich eng mit ihm verbunden, als es passierte. Ich habe mitbekommen, wie es in ihm langsam kälter wurde, und ich konnte nicht das geringste dagegen tun. Danach bin ich zu ihm gegangen, weil ich dachte, ich könnte ihm vielleicht helfen. Aber er hat mich mehr oder weniger rausgeworfen, und seither ist er nicht mehr er selbst. Das hast du wahrscheinlich auch gemerkt."

"Ich verstehe," sagte Irian langsam. "Und jetzt?"

Madeleine hob die Schultern. "Ich weiß es nicht. Ich komme nicht zu ihm durch, und ich werde es auch nicht noch einmal versuchen." Sie sah Irian nicht an. "Geh jetzt bitte."

"Wenn ich dir irgendwie helfen kann..."

"Geh", wiederholte Madeleine.

Irian nickte nur und ging.

 

Die nächste Nacht war wieder ein Samstag, womit die wöchentliche Audienz im Palast auf dem Programm stand. Madeleine ließ sich von Caterina zurechtmachen und betrat schließlich den Blauen Salon, um auf ihre Geschwister zu warten. Die meisten der Gäste waren schon anwesend und erwiesen ihr den ihr zustehenden Respekt. Madeleine begrüßte sie mit einem höflichen Nicken und zog sich in den hinteren Teil des Raums zurück. Kurz nach ihr kam William an, dann Irian an Markus' Arm. Die beiden Gangrel schienen ihre Differenzen überwunden zu haben. Sie gesellten sich zu Erk und William, die angeregt plaudernd in der Nähe der Tür standen. Irian warf Madeleine einen kurzen Blick zu, kümmerte sich aber nicht weiter um die Lasombra, als diese nicht reagierte.

Etwa eine halbe Stunde später öffnete sich die Tür und Elena erschien. Ein Raunen ging durch die Menge, als sie durch den Raum schwebte und vor William und Irian in einen tiefen Knicks sank, ehe sie sich den Gefäßen widmete. Williams Frau war als Sterbliche schon eine außergewöhnliche Schönheit gewesen, mit kupferrotem Haar und strahlenden Augen, aber seit ihrer Verwandlung hatte sich das noch gesteigert. Und Elena hatte sich heute Nacht offenbar auch alle Mühe gegeben, das noch zu unterstreichen. Sie würde gut aussehen an Williams Arm, dachte Madeleine. Die beiden paßten wirklich hervorragend zusammen, ebenso wie Irian und Markus. Plötzlich fand Madeleine die Vorstellung unerträglich, später bei der Ankunft im Palast alleine hinter den beiden Paaren herzugehen, als gehörte sie nicht dazu. Sie ging zur Tür, rief Mog zu sich und befahl leise: "Sag Vittorio, er soll mein Pferd satteln." Dann drehte sie sich zu ihren Geschwistern um.

"Ich werde jetzt schon zum Palast aufbrechen. Es kann nicht schaden, wenn ich etwas früher da bin."

Irian musterte sie zweifelnd. "Ich würde es für klüger halten, wenn wir zusammen ankommen."

"Wir sind zu fünft, da passen wir sowieso nicht in eine Kutsche. Ich werde vorausreiten."

Die Gangrel schüttelte den Kopf. "Ich denke trotzdem, daß das keine gute Idee ist, aber tu, was du nicht lassen kannst."

"Wir sehen uns im Palast", antwortete Madeleine nur und ging. William hatte kein Wort gesagt.

 

Als sie den Palast erreichte, fiel Madeleine sofort die merkwürdige Stimmung auf, die hier herrschte. Es waren bereits weitaus mehr Kainiten versammelt, als sonst zu dieser frühen Stunde üblich war, und alle schienen recht angespannt zu sein. Die Nebenzimmer, in denen normalerweise Gefäße und Künstler zur Zerstreuung untergebracht waren, waren geschlossen. Wilde Gerüchte flogen hin und her, viele sprachen davon, daß die Prinzen eine Ankündigung machen würden. Worin diese bestehen würde, darüber gab es fast soviele Meinungen wie Vampire in der Halle. Eine Blutjagd, die Nachfolge eines der Prinzen, ein in Ungnade gefallener Primogen... Madeleine hielt sich aus den allgemeinen Spekulationen heraus und wartete auf die Stunde der Audienz.

Eine Stunde vor Mitternacht kamen auch die anderen am Palast an. Madeleine wechselte gerade einige höfliche Worte mit Baron Thomas Feroux, dem Primogen der Gangrel, als sich in ihrer Umgebung alle Köpfe in Richtung Tür drehten. Elena war noch nie bei Hof gesehen worden und erregte offensichtlich die Neugier der Versammelten. William streifte durch den Saal, blieb bei diesem einen Moment stehen und sprach kurz mit jenem. Elena ging an seinem Arm, sagte kein Wort und sog alles wie ein Schwamm in sich auf. Wie ein Fisch im Wasser, dachte Madeleine. Das hier ist wirklich ihr Element.

Schließlich hallten zwölf Gongschläge durch den Palast, und das Portal gegenüber dem Eingang schwang auf. Die drei Prinzen erschienen in üblicher Pracht, Michael zuerst, hinter ihm Caius und zum Schluß Gregorius. Die Anwesenden sanken auf die Knie, als die drei in die Halle traten. Plötzlich erklang ein lauter Gesang. Eine volltönende Stimme intonierte einen Choral, und Madeleine erkannte, daß es der Malkavianer war, der da sang. Kaum, daß er angefangen hatte, waren aus allen Richtungen Schmerzensschreie zu hören. Der Choral tat seine Wirkung bei den Vampiren, einige wanden sich auf dem Boden und bei manchen stieg Rauch von der Kleidung auf. Madeleine und ihre Geschwister waren zum Glück weniger empfindlich, aber angenehm war der Gesang auch für sie nicht, und das hatte nichts mit Gregorius' Kunstfertigkeit zu tun. Im Gegenteil, der Prinz besaß eine schöne Stimme und sang fehlerfrei, aber ein heiliger Choral in dieser Umgebung wirkte verheerend.

Das Triumvirat verschwand im Audienzzimmer, und die Schreie ringsum verebbten. Die Versammelten erhoben sich, und der Haushofmeister nahm neben der Tür Aufstellung. Er erhob seinen Stab, aber ehe er etwas sagen konnte, trat Magnus vor. Sein Schatten war merkwürdig, fand Madeleine. Sie konnte den Dämon, der Morpheus gewesen war, zwar nicht direkt sehen, war aber fast sicher, daß er in der Nähe war. Der Lasombra baute sich vor dem Haushofmeister auf.

"Heute Nacht bin ich der erste, der zu den Prinzen vorgelassen wird", verkündete er, schob den Ghoul einfach beiseite und öffnete die Tür. Dann betrat er das Zimmer, und hinter ihm fiel die Tür zu.

Kaum war er verschwunden, geriet Bewegung in die Anwesenden. Madeleine sah Natalya und Shabah, die wie üblich tiefschwarz verschleierte Gesandte der Assamiten, auf die Tür zurennen. Zusammen mit Irian und William hastete sie hinterher. Die drei erreichten den Durchgang, als die beiden Frauen die Tür aufrissen. Mit einem Mal hielt jede von ihnen ein Schwert in der Hand, ohne daß Madeleine gesehen hätte, wie sie es gezogen hatten. Im Fall der Brujah war nicht einmal zu erkennen, wo die Klinge vorher gewesen war, ihr enganliegendes Kleid bot jedenfalls keine Möglichkeiten, sie zu verstecken.

Das Zimmer hinter der Tür lag in tiefer Finsternis. Schemenhaft war Michael zu erkennen, der als leuchtender Fleck im Hintergrund schwebte. In den Schatten war Bewegung, und die Anwesenheit des Dämons war eher zu spüren als zu sehen. Natalya und Shabah stürzten mit gezogenen Klingen in die Dunkelheit, William direkt hinter ihnen. Von irgendwoher tauchte Hassan auf und verschwand ebenfalls in den Schatten. Madeleine ließ sich einen winzigen Moment Zeit, die Situation zu überblicken. Die Finsternis war offenbar Magnus' Werk, und er war auch irgendwo da vorne bei dem Dämon. Da er die Dunkelheit geschaffen hatte, würde er im Gegensatz zu allen anderen auch etwas darin sehen können. Madeleine beschloß, seinen Vorteil zunichte zu machen und rief selbst nach den Schatten. Dann bewegte sie sich vorsichtig in die Dunkelheit hinein. Sehr gedämpft klang ein Choral durch die Finsternis. Gregorius sang wieder, und selbst durch den dicken Schleier der Schatten war zu hören, wie es ihn anstrengte. Irgendwo vor ihr wurde gekämpft, aber sie konnte nichts genaues ausmachen. Nur andeutungsweise waren Bewegungen wahrzunehmen.

Sekunden später konnte Madeleine plötzlich wieder etwas sehen. Vor ihr rappelte sich William gerade wieder vom Boden auf, offenbar war er von dem Dämon weggeschleudert worden. Hassan lag regungslos da, während Natalya und Shabah mit wirbelnden Schwertern auf die leere Luft einschlugen. Madeleine erkannte, daß der Dämon und Magnus verschwunden waren - und Caius ebenfalls.

Die Lasombra schickte ihre Schatten fort und mußte für einen Moment geblendet die Augen schließen. Michael leuchtete hell wie die Sonne, und er war zornig. In unglaublichem Tempo stürmte er aus dem Zimmer und trat dabei alles nieder, was nicht schnell genug aus dem Weg kam.

Shabah und Natalya hatten inzwischen eingesehen, daß ihr Gegner verschwunden war, und stellten den Kampf ein. Auch Hassan bemühte sich, wieder auf die Beine zu kommen. Gregorius saß auf seinem Thron und rieb sich den Hals.

"Kommt näher", krächzte er. "Irian, mach die Tür zu."

Die Gangrel war bei Michaels Abgang hastig zur Seite gesprungen und hatte dann versucht, sich möglichst unauffällig in eine Ecke zu drücken. Offenbar war ihr das nicht gelungen. Sie schloß eilig die Tür und gesellte sich zu den anderen, die vor Gregorius' Thron knieten. Der Malkavianer musterte sie der Reihe nach.

"Ihr beide könnt gehen", sagte er schließlich zu Natalya und Shabah, die sich sofort zurückzogen.

Von draußen drang ein Schrei herein. Gregorius seufzte.

"Einer von uns ist gegangen", flüsterte er heiser. Er wirkte erschöpft und gleichzeitig irgendwie traurig, so als hätte er gerade etwas wertvolles verloren. Madeleine hatte sich in der Gegenwart des Malkavianers noch nie besonders wohl gefühlt, aber jetzt mußte sie sich wirklich beherrschen, um nicht aufzuspringen und fluchtartig den Raum zu verlassen.

"Diese Kreatur ist noch da..." murmelte Gregorius wie abwesend, dann sah er die immer noch vor seinem Thron knienden Kainiten an. "Vielleicht könnt ihr mit ihm fertigwerden. Ich rede nicht von eurem früheren Gefährten. Ich rede von dem anderen... Sie sind zu dritt, euer Freund, der Schattendämon, und noch einer. Ein gefallener Engel... findet heraus, was ihn hier bindet, vielleicht kann man ihn mit Demut und Vergebung besiegen..." Er verstummte und sah einen Moment nachdenklich ins Leere.

Das hat der Priester also mit dem dunklen Diener Gottes gemeint, durchfuhr es Madeleine. Ein gefallener Engel... sie schauderte.

"Aber jetzt solltet ihr euch beeilen, zu eurem Haus zurückzukehren", krächzte Gregorius plötzlich. "Verteidigt es gut, diese Nacht wird gefährlich werden."

Der Prinz machte eine ungeduldige Handbewegung, und die Geschwister und Hassan verließen den Raum. Draußen sammelten sie Markus und Elena ein, während der Assamit sich um die übrigen Gäste kümmerte und versuchte, sie so schnell wie möglich zum Haus zurückzubringen. Mit Giuseppe hatte er offenbar kurz Schwierigkeiten, der Ravnos schien wenig begeistert von dem hastigen Aufbruch. Madeleine war allerdings sicher, daß Hassan recht problemlos mit ihm fertig werden würde. Sie selbst hatte es sehr eilig, nach Hause zu kommen. Falls es wirklich zum Kampf kam, mußte sie vorher noch einige Vorbereitungen treffen.

 

In ihrem Zimmer angekommen, verriegelte die Lasombra die Tür hinter sich und wühlte ein paar Minuten in einer Truhe, ehe sie fand, was sie suchte. Sie hatte damals in Bologna interessante Dinge in der Bibliothek des Priesters gefunden, unter anderem etwas, das sie heute zum ersten Mal einsetzen wollte. Damals war ihre Verbindung zu den Schatten noch nicht stark genug gewesen, aber inzwischen hatte sich das geändert. Sie zog ein mit Symbolen eng beschriebenes Pergament aus der Truhe und musterte es. Dann begann sie, das Ritual vorzubereiten.

 

"Wir könnten Hilfe gebrauchen", bemerkte Irian. "Vielleicht solltest du unseren steinernen Freund einladen. Er könnte es schlecht aufnehmen, wenn der Tanz ohne ihn losgeht."

William nickte. "Ich werde ihn rufen. Hoffentlich reicht die Zeit. Sind die anderen schon da?"

"Nein, aber sie müßten bald ankommen. Hassan hat ihnen ziemlich Beine gemacht. Vor allem dem Ravnos."

William zuckte die Schultern. "Das kann nicht schaden. Ruf mich, wenn etwas passiert." Damit verschwand er.

 

Madeleine flüsterte ein paar lateinische Worte und griff zu ihrem Dolch. Langsam zog sie die Klinge über ihre Hand und ließ ein paar Tropfen ihres Blutes auf jede der Kerzen fallen, die um den Kreis auf dem Boden brannten. Als ihr Blut die Flammen löschte und das Licht vertrieb, spürte sie, wie die Schatten um sie herum stärker wurden. Dann waren sie mit einem Mal da, überall um sie herum und fast so stark wie damals in der Geisterwelt. Und wie damals sprachen sie zu ihr.

Gebieterin. Befiehl.

Schützt mich, gebot sie und legte ihren ganzen Willen in diesen Gedanken.

Die Schatten sammelten sich wie eine tintenschwarze Pfütze zu ihren Füßen und flossen an ihr hoch. Madeleine stand mit ausgebreiteten Armen im Zimmer, während die Dunkelheit sie einhüllte und sich wie ein öliger Film über ihre Kleidung legte. Die Schwärze kroch höher, ihren Hals hinauf und bildete schließlich noch einen Umhang aus, dessen Kapuze sie im Notfall hochschlagen konnte, um ihr Gesicht zu schützen. Sie spürte die Macht der Schatten und wußte, daß, wer auch immer sie verwunden wollte, sich sehr würde anstrengen müssen.

 

Travion landete mit rauschenden Flügeln im Atrium und sah William und Irian an. "Was wollt Ihr?"

"Es geht los", sagte William nur. "Der Dämon hat die Prinzen angegriffen, und drüben im Turm passiert irgendetwas. Wir müssen hierbleiben und das Haus verteidigen, aber Ihr..."

Der Gargoyle wartete gar nicht ab, bis er fertig war, sondern erhob sich kommentarlos wieder. Sobald er Höhe gewonnen hatte, schoß er wie ein Pfeil in Richtung Turm davon.

William und Markus verteilten die Wachen. Die Ghoule wurden im Haus postiert, um Fenster und Türen zu bewachen und die Gefäße zu schützen, die aus dem Blauen Salon weiter ins Hausinnere gebracht worden waren. Es war zwar nicht damit zu rechnen, daß es tatsächlich einem Gegner gelingen würde, ins Haus einzudringen, aber William beabsichtigte nicht, ein Risiko einzugehen. Die Vampire sollten das Dach sichern, weil von dort noch am ehesten ein ernstzunehmender Angriff zu erwarten war.

Mit einem Mal wurde es still im Atrium. William sah einige der anwesenden Ghoule, immerhin alles gestandene Kämpfer, bleich werden und von der Tür zurückweichen. Er drehte sich um und sah Madeleine.

Im ersten Moment glaubte er, den Dämon vor sich zu sehen, dann erkannte er seine Schwester. Die Lasombra hatte sich in Schatten gehüllt, aber nicht auf die selbe Art, wie sie das schon früher getan hatte. Das hier, wußte er sofort, war etwas anderes, etwas mächtigeres. Es hatte tatsächlich Ähnlichkeit mit dem Dämon, so wie er ihn gesehen hatte, ehe die Verschmelzung mit Morpheus völlig abgeschlossen gewesen war. William musterte sie eindringlich, und was er sah, gefiel ihm nicht. Schwärze umgab sie wie eine zweite Haut, und die Schatten schienen sich auf eine unheimliche Art zu bewegen und über sie zu kriechen, als hätten sie einen eigenen Willen. Was möglicherweise gar nicht einmal so abwegig war...

Madeleine trat langsam ins Atrium hinaus. Die Ghoule wurden bei ihrem Anblick von nackter Angst ergriffen. Die Vampire musterten sie unbehaglich. Madeleine fiel auf, daß der Ravnos offenbar nicht mit den anderen zurückgekommen, war, dafür hielten sich seine Gefährten auffällig nahe bei Hassan. Aber das nahm sie nur nebenbei wahr, viel deutlicher war die Reaktion ihrer Geschwister auf ihr Erscheinen. Irian hatte für ihre Schatten noch nie viel übrig gehabt, auf dem Gesicht der Gangrel lag Abscheu. Und William... er war kalt wie immer, aber in seinem Blick war etwas, das sie nicht recht deuten konnte. Sie sah ihn an. "Gibt es ein Problem?"

Er erwiderte ihren Blick unbewegt. "Ich habe so etwas schon einmal gesehen. So etwas wie das, was du an dir hast."

Sie zuckte die Schultern. "Ich habe schon öfter die Schatten zu meinem Schutz gerufen."

"Aber nicht so. Das hier habe ich zuletzt an dem Dämon gesehen."

Madeleine sah ihn an, als wollte sie etwas darauf erwidern, aber dann wandte sie sich nur ab und sprang aufs Dach hinauf. Sie bezog ihren Posten auf der Seite, die dem Turm zugewandt war, und starrte regungslos in die Nacht.

 

"Runter!" schrie William und hechtete in Deckung. Madeleine hatte das anfliegende Geschoß ebenfalls wahrgenommen, ließ sich flach auf das Dach fallen und rollte zur Seite. Da, wo sie gerade noch gesessen hatte, schlug ein Bolzen ein. Unten waren mindestens vier oder fünf Schützen, die schemenhaft zu erkennen waren, wie sie gerade ihre Armbrüste nachluden. Wieviele die anderen Seiten des Hauses angriffen, konnte Madeleine nicht sehen, darum würden sich die anderen kümmern müssen. Die Angreifer waren nur sehr undeutlich zu erkennen, und William und Irian schienen sie überhaupt nicht zu sehen. Dann sollt ihr genauso blind sein, dachte die Lasombra, und rief nach ihren Schatten. Kaum war es unten finster geworden, sprang sie mit einem Satz vom Dach und griff den nächsten Schützen an. Er hatte gegen ihre übermenschliche Geschwindigkeit keine Chance. Ehe er überhaupt registrieren konnte, daß sie da war, war sie an seinem Hals und biß zu. Der Mann sah merkwürdig aus, fand sie, als sie nahe genug heran war, um das sehen zu können. Er hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit Toranaga. Was er war, konnte sie auch nicht genau sagen, kein Kainit auf jeden Fall, aber mit Sicherheit auch kein normaler Mensch. Normale Menschen konnten sich im allgemeinen nicht vor Kainiten verbergen. Und sein Blut... sie stutzte, kaum daß sie den ersten Schluck getrunken hatte. Es schmeckte merkwürdig, ohne daß sie das genauer hätte erklären können. Sie ging kein Risiko ein, zog ihre Klinge und schnitt seine Kehle durch.

Als sie sich umsah, bemerkte sie William, der drüben auf dem anderen Dach gerade gegen einen weiteren Schützen kämpfte. Der Ventrue konnte seinen Gegner offenbar wirklich nicht sehen. Sein Katana sauste gerade Zentimeter über dessen Kopf hinweg, weil der andere sich rechtzeitig unter dem Schlag hinweggeduckt hatte. Madeleine griff erneut nach den Schatten. Und plötzlich konnte William sehr genau erkennen, wo sein Gegner war - mitten zwischen den drei sich windenden schwarzen Tentakeln, die vor ihm aus der Luft wuchsen und sich um den Schützen schlangen. Der Ventrue ließ sein Schwert heruntersausen und spaltete ihn förmlich. Dann drehte er sich zu Madeleine um und nickte ihr zu.

Die anderen waren mit den restlichen Angreifern offenbar ebenfalls fertiggeworden, aber die Ruhe währte nicht lange. William hatte gerade seine Patrouille auf dem Dach wieder aufgenommen, als es drüben irgendwo aufblitzte und ein Feuerball an der Hausecke einschlug, direkt unter Madeleines Posten. Die Lasombra wollte die Flammen in Dunkelheit ersticken, aber in dem Moment, in dem diese erschien, erkannte sie, daß etwas schiefgelaufen war. Die Schatten wehrten sich gegen ihren Ruf, und sie mußte alle Kraft aufbieten, um sie herbeizuzwingen. Als sie schließlich kamen, entstanden sie nicht an der brennenden Hausecke, wo sie eigentlich hingesollt hätten, sondern um Madeleine herum. Sie befahl ihnen, das Feuer zu löschen, aber die Schatten kümmerten sich nicht um ihre Wünsche. Wütend wollte Madeleine sie wieder vertreiben, aber auch das fiel ihr nicht leicht. Schließlich setzte sie ihren Willen durch. Es wurde wieder heller, und die Lasombra wich vor den Flammen zurück, die allmählich an der Hauswand hochleckten.

William hatte von hinten ihren Mißerfolg beobachtet. Seine eigenen Fähigkeiten in dieser Hinsicht blieben zwar weit hinter denen seiner Schwester zurück, aber er hoffte, daß sie ausreichen würden, um das Feuer zu löschen. Er konzentrierte sich, und plötzlich war nicht nur die Ecke, sondern die gesamte Seite des Dachs in Schwärze getaucht. Sekunden später waren die Flammen erloschen.

Madeleine blieb keine Zeit, sich zu ärgern, daß er Erfolg gehabt hatte, wo sie versagt hatte. Schräg gegenüber war eine Gestalt in einer roten Robe aufgetaucht, zwischen deren Händen gerade eine Flamme erschien. Ein Tremere, erkannte sie, die hatten ja bekanntermaßen diese ungesunde Vorliebe für Feuerbälle. Sie mußte verhindern, daß er das Ding auf das Haus warf und es erneut in Brand setzte, und in der Kürze der Zeit hatte sie nur eine Möglichkeit, das zu tun. Sie biß die Zähne zusammen und griff erneut nach der Dunkelheit. Diesmal wurde es auch finster, und zwar da, wo sie es haben wollte - aber sie spürte sofort, daß sie keine Kontrolle über die Schatten hatte. Außerdem merkte sie, daß ein Teil ihrer Rüstung in die Finsternis übergegangen war, die den Tremere umgab, und daß ihr Schutz schwächer geworden war. Trotzdem mußte er aufgehalten werden. Er konnte zwar nichts sehen, aber gefährlich war er immer noch. Madeleine setzte mit einem Sprung auf das andere Dach. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie Irian ihr folgte. Offenbar hatten ihre Geschwister ihre beiden Mißerfolge bemerkt, kein Wunder, daß sie sie jetzt für unfähig hielten, auf sich selbst aufzupassen.

"Kümmer dich um die anderen, ich brauche keinen, der mich beschützt!" fauchte sie die Gangrel zornig an, dann verschwand sie in der Dunkelheit.

"Dann eben nicht", knurrte Irian ärgerlich und zog sich zurück.

Madeleine hörte die Gangrel schon nicht mehr. Sie erreichte den Tremere, ehe der Zeit hatte, sich in der plötzlichen Finsternis zu orientieren. Mit einem weiteren Schritt war sie hinter ihm, und ohne lange zu überlegen, biß sie zu. Sein Blut war mächtig, das erkannte sie, als die ersten Tropfen über ihre Lippen kamen. Er war so nahe an Kain wie sie selbst, und kein Neugeborener. Jegliche Zurückhaltung, die vielleicht noch in ihr gewesen war, schwand, und sie trank bis zum letzten Tropfen.

Als der Tremere nur noch ein Häufchen Staub zu ihren Füßen war, schickte sie die Dunkelheit fort. Es kostete sie große Anstrengung, die Schatten wollten sich ihrem Befehl widersetzen, aber letztendlich zwang sie sie, zu verschwinden. Madeleine merkte, daß sie erschöpft war. Ihre eigenen Schatten hatten ihr bisher mehr zugesetzt als die Gegner, die das Haus angriffen. Heute Nacht ging wirklich alles schief. Wo früher William gewesen war, war immer noch nur ein Eisblock. Mit Irian hatte sie es sich wohl auch fürs erste verdorben, und um allem die Krone aufzusetzen, ließen sie jetzt auch noch die Schatten im Stich. Madeleine fühlte sich plötzlich so einsam wie selten zuvor. Müde kehrte sie auf ihren Posten zurück und wartete auf den nächsten Angriff.

Der kam gut eine halbe Stunde später. In der Luft über dem Haus erklang ein unheilvolles Rauschen, und gleich darauf krachte ein Felsbrocken auf das Dach herab, genau zwischen Madeleine und Irian. Ein Blick nach oben zeigte die drei Gargoylen vom Leuchtturm, die mit großen Steinen in den Klauen über der Villa kreisten und die Felsen wie Geschosse herabfallen ließen. Sie hielten sich vernünftigerweise außerhalb der Schußweite von Bögen oder Armbrüsten, und so konnten die Verteidiger nur zusehen, wie die Steine einschlugen. Außer Schußweite, dachte Madeleine, aber nicht außer Reichweite - und versuchte erneut, die Schatten unter ihren Willen zu zwingen. Die Gargoylen waren gerade dabei, abzudrehen und zum Turm zurückzukehren, vermutlich um mit neuer Munition wiederzukommen. Unter dem hintersten der drei entstand aus dem Nichts ein schwarzer Tentakel, der ihn blitzschnell umschlang und zu Boden zog. Die anderen beiden entkamen, aber der Gefesselte schlug Sekunden später donnernd unten auf der Straße ein. Benommen versuchte er sich aufzurappeln, während sich der Tentakel fester um ihn herumzog und vergeblich bemüht war, ihn irgendwie zu verletzen.

Madeleine beobachtete die schon fast lächerlichen Anstrengungen des Tentakels, und tief in ihr riß irgendetwas. Dieser letzte Fehlschlag war der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen brachte. Das Tier in ihr witterte seine Chance und versuchte, die Kontrolle zu übernehmen. Die Lasombra fauchte wie eine Wildkatze und sprang mit einem Satz vom Dach. Als sie elegant unten auf der Straße aufsetzte, waren an ihren Fingern bereits messerscharfe Klauen entstanden. Ohne zu zögern stürzte sie sich auf den Gargoyle und griff ihn an.

Oben auf dem Dach spannte sich William an und wollte hinter ihr herspringen. Irian legte eine Hand auf seine Schulter und hielt ihn zurück.

"Laß sie", sagte sie. "Sie will keine Hilfe, das hat sie vorhin mehr als deutlich gemacht."

William nickte und blieb sitzen. Er entspannte sich jedoch nicht. Madeleine war kein Kämpfer, das wußte er. Früher oder später würde der Gargoyle vermutlich die Oberhand gewinnen, und wenn es soweit war, würde der Ventrue bereit zum Eingreifen sein.

Madeleine schlug ihre Klauen in den Gargoyle und duckte sich unter seinem Gegenschlag hinweg. Er war langsamer als sie, das war gut. Ihr Blut machte sie schnell und ihre Bewegungen unnatürlich fließend und geschmeidig, aber ihr Gegner bestand aus Stein, und seine Krallen konnten Fels zertrümmern. Ihre Geschwindigkeit war ihr Vorteil - das und die Tatsache, daß der Gargoyle immer noch teilweise in dem Krater steckte, den er bei seinem Absturz in die Straße geschlagen hatte, und außerdem von dem Tentakel leicht behindert wurde. Der allerdings, das sah sie, würde nicht mehr lange halten. Einen Arm hatte ihr Gegner schon freibekommen. Er schlug zu und traf sie voll. Seine Klauen rissen tiefe Furchen in ihre Schattenrüstung - die sich sofort wieder schlossen, als wären sie nie dagewesen. Madeleine blieb unverletzt. Sie glitt einen halben Schritt zur Seite, dann zuckte ihre Hand vor. Es gab ein häßliches kreischendes Geräusch, als ihre eigenen Krallen den Flügel des Gargoyle trafen und ein Stück herausschlugen.

William verfolgte äußerlich unbewegt, aber innerlich unruhig, wie Madeleine um ihren Gegner herumhuschte. Als der Gargoyle sie traf, zuckte er fast zusammen, aber dann sah er, daß die Klaue offenbar nicht durch ihre Schatten hindurchgedrungen war. Die Lasombra kämpfte lautlos. Seit dem ersten Angriff hatte sie keinen Ton mehr von sich gegeben, und ihre Miene war fast so steinern wie der Gargoyle, der selbst jedoch keineswegs ruhig war. Er brüllte, als Madeleines Klaue ein Stück aus seinem Flügel riß und schlug nach ihr, aber sie tanzte mit einem raschen Schritt aus seiner Reichweite. Bisher hielt sie sich erstaunlich gut, mußte William zugeben, aber das war kein Grund, in seiner Wachsamkeit nachzulassen.

Madeleine entging dem Schlag ihres Gegners und suchte mit raschen Blicken nach einer verwundbaren Stelle. Die Bewegungen des Gargoyle wurden unbeholfener, offenbar war er angeschlagen. Ein, zweimal hatte er sie gestreift, aber jedesmal war sein Angriff in ihrer Rüstung hängengeblieben. Und dann gab er sich eine Blöße, die er nicht schnell genug schließen konnte. Die Lasombra brachte ihre Klauen durch seine Deckung, schlug sie in seine Brust und krallte die Finger zusammen. Als sie die Hand zurückzog, hielt sie einen großen Brocken Stein darin. Ihr Gegner kreischte noch einmal, dann schlug ihre andere Hand zu, und er zerfiel.

Oben auf dem Dach tauschten William und Irian einen Blick, dann wandte sich die Gangrel wortlos ab und ging nach hinten.

Madeleine trat einen Schritt zurück und betrachtete einen Moment lang mit unbewegtem Gesicht die Überreste des Gargoyle. Dann sprang sie mit einem Satz zurück aufs Dach, wo sie neben William landete. Ihr war durchaus bewußt, daß er die ganze Zeit bereit gewesen war, einzugreifen. Auch wenn seine Gefühle weitgehend abgestorben waren, glaubte er offenbar immer noch, sie beschützen zu müssen. Verbunden mit der Kälte, die von ihm ausging, war das noch unerträglicher, als es ohnehin gewesen wäre. Sie streifte ihn mit einem Blick. "Wie du siehst, bin ich doch noch fähig, auf mich aufzupassen", sagte sie, dann verschwand sie nach unten, ohne eine eventuelle Antwort abzuwarten. Der Kampf hatte seinen Preis von ihrer vitae gefordert, und man konnte ja nicht wissen, womit der Gegner als nächstes aufwarten würde.

Wie sich herausstellte, war ihre Eile unnötig gewesen. Es kam kein weiterer Angriff, und dann ging die Sonne auf.

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