Kapitel 10
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Francesca hatte wenig gute Nachrichten, als sie bei ihrer Herrin zum abendlichen Bericht erschien.

"In der Stadt herrscht Unruhe. Es sind mehr Bewaffnete unterwegs als sonst, und allgemein scheinen sich die Leute ziemliche Sorgen zu machen. Etliche der Schiffe, die im Hafen lagen, sind tagsüber ausgelaufen. Der Leuchtturm ist seit letzter Nacht schwarz, was natürlich auch überall Gerüchte schürt. Außerdem versammelt sich um den Turm herum aller möglicher Abschaum, Schmuggler, Piraten und ähnliches, alle bewaffnet. Sie riegeln den Turm zur Stadt hin komplett ab. Man erzählt, daß diese Leute alle irgendwie nicht mehr normal sind, manche behaupten sogar, sie wären vom Teufel besessen."

"Damit liegen sie vermutlich gar nicht einmal so falsch", murmelte Madeleine. "Es sieht so aus, als würde der Dämon seine Hilfstruppen zusammenziehen."

Francesca nickte. "Das Gebiet um den Turm herum ist für uns effektiv verloren, dieses Pack, das sich dort eingenistet hat, hat es fest in der Hand." Sie wollte ihren Bericht schon beenden und gehen, da fiel ihr noch etwas ein. "Übrigens", meinte sie beiläufig, "ist unser Haus vom Templern umstellt."

"Was?" Madeleine war mit einem Satz aus dem Bett.

"Oh, sie stehen mit dem Rücken zu uns, sie schützen das Haus." Francesca wurde unter Madeleines vorwurfsvollem Blick rot. "Verzeiht, ich wollte Euch nicht erschrecken. Es scheint, als wollten sie auf jemanden aufpassen, der sich hier aufhält. Und einige von ihnen sind Ghoule."

"Das klingt nach Markus. Er hat immerhin einen hohen Rang bei den Templern, und er muß seine Machtbasis in der Stadt sichern. Offenbar verliert er keine Zeit, das ist gut so." Sie sah Francesca an. "Aber tu mir bitte den Gefallen und sei in Zukunft etwas deutlicher. Meine Nerven sind nicht mehr das, was sie einmal waren."

Ihr Ghoul nickte beschämt und verzog sich. Madeleine griff nach ihrer Kleidung. Als sie schließlich in ihren Ledersachen steckte, legte sie nachdenklich eine Hand auf das Kettenhemd, das in einer Ecke auf einem Rüstungsständer hing. Sie hätte lieber wieder die Schatten zu ihrem Schutz herbefohlen. Sie hielt sie für deutlich wirkungsvoller als bloßen Stahl. Allerdings war ihr klar, daß die Schatten gefährliche Diener waren und einem schwachen Herrn mehr Schaden als Nutzen bringen konnten. Und nach den Ereignissen der letzten Nacht zweifelte die Lasombra sehr daran, daß sie noch die Kraft hatte, sie zu kontrollieren. Seufzend nahm sie das Kettenhemd vom Ständer und zog es über, dann ging sie zum Atrium hinunter.

Die Sonne war noch nicht völlig untergegangen, aber im Hof war es schon dämmrig genug, daß es ungefährlich war. Travion stand steinern und unbeweglich in der Mitte. Er sah völlig intakt aus, wie sie bemerkte. Die Verletzungen, die er sich letzte Nacht zugezogen hatte, waren tagsüber komplett geheilt. Madeleine hielt sich am Rand des Atriums und beobachtete ihn.

Als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, stieg ein lauter Schrei aus der Brust des Gargoyle auf. Steinsplitter rieselten von ihm herunter, dann reckte er sich und sah sich um.

"Guten Abend", sagte Madeleine.

Er wandte sich zu ihr um und nickte ihr zu. Dann sah er sie einen Moment nachdenklich an. Madeleine begann sich schon zu wundern, daß er ausnahmsweise keine abfällige Bemerkung für sie bereitzuhalten schien.

"Stimmt etwas nicht?" fragte sie.

Eine steinerne Augenbraue hob sich ein paar Millimeter. "Sagt Ihr es mir."

Madeleine hob leicht die Schultern. "Was mich angeht, stimmt einiges nicht, aber das betrifft Euch nicht." Sie schwieg einen Moment, dann sagte sie: "Ich weiß, Ihr mögt mich nicht besonders, aber vielleicht verratet Ihr mir trotzdem, was bei diesem Turm gestern Nacht vorgefallen ist. Wogegen habt Ihr gekämpft?"

"Gegen geflügelte Dämonen", grollte Travion.

"Mehrere?" fragte sie. "Ich dachte, wir hätten es nur mit einem zu tun."

"Er kann Kreaturen der Hölle zu Hilfe holen, und das hat er auch getan."

"Wenn wir nur wüßten, was ihn hier hält...", murmelte sie. "Was bindet ihn?"

Der Gargoyle sah sie mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an. Es war nichts von der üblichen Geringschätzung darin, aber Madeleine konnte ihn nicht deuten. Während sie noch überlegte, ob sie danach fragen sollte, spürte sie, wie sich William von hinten näherte. Der Ventrue nickte ihnen grüßend zu und stellte sich neben Madeleine.

"Gibt es Neuigkeiten?"

"Keine guten. Der Dämon hat sich Verstärkung beschafft, sowohl menschliche als auch übernatürliche. Ich fürchte, wir müssen uns heute Nacht noch auf einiges gefaßt machen."

Travion schüttelte den Kopf. "Ich verstehe nicht, wieso Ihr zulaßt, daß er Euch in Eurem eigenen Haus zu Gefangenen macht."

"Wir haben die Verpflichtung übernommen, das Haus zu schützen", sagte Madeleine.

"Das Haus schützt sich selbst recht gut", widersprach er. "Und für den Rest habt Ihr Eure Leute. Wenn der Dämon tatsächlich daran interessiert wäre, hier hereinzukommen, wäre er letzte Nacht selbst gekommen, anstatt nur ein bißchen Fußvolk zu schicken."

"Aber was will er?" wiederholte William Madeleines Frage, ohne es zu wissen. Er erntete den selben seltsamen Blick.

"Findet es heraus", sagte Travion nur, dann verschwand er vor Williams Augen. Madeleine konnte ihn noch schemenhaft sehen, wie er sich in die Luft erhob und in Richtung Palast davonflog. Die beiden Vampire wechselten einen Blick, dann waren sie mit zwei Sätzen auf dem Dach. Madeleine hielt Ausschau, aber der Gargoyle war verschwunden. Sie wandte sich um und sah zum Turm hinüber. Er war tatsächlich schwarz, wie Francesca gesagt hatte, aber es war ruhig drüben.

"Wir brauchen Informationen", stellte William fest.

Madeleine nickte. "Du hast recht. Ich denke, ich werde noch einmal zu dieser Kathedrale gehen und versuchen, mit dem Priester Kontakt aufzunehmen. Der Mann weiß irgendetwas, vielleicht ist er vernünftig genug, daß man mit ihm reden kann." Sie erhob sich und wollte sich auf den Weg machen.

"Hast du etwas dagegen, wenn ich dich begleite?" fragte William.

Sie sah ihn nicht an. "Nein, natürlich nicht. Laß uns gehen."

 

"Was hältst du von einem kurzen Abstecher zum Palast?" fragte William, kurz bevor sie die Kathedrale erreichten. "Vielleicht können wir dort schon etwas erfahren."

Madeleine nickte zustimmend, und wenig später erreichten sie das große Tor zum Palasthof. Es stand offen wie sonst, aber die beiden hatten kaum den Hof betreten, als sie spürten, daß sich alles verändert hatte. Der Platz vor dem Eingang, wo sonst Kutschen standen und Bedienstete auf ihre Herrschaften warteten, war leer. Die Geräusche der Stadt, die vor dem Tor noch laut gewesen waren, waren auf dem Hof seltsam gedämpft und unwirklich. Ein kühler Wind trieb ein paar tote Blätter über das Pflaster, ansonsten bewegte sich nichts. Madeleine fröstelte plötzlich, und ein Blick auf den Ventrue zeigte ihr, daß es ihm nicht anders ging. Schweigend überquerten sie den Hof und betraten die Halle.

Drinnen war es noch schlimmer. Die Empfangshalle war leer und wirkte, als sei sie es schon sehr lange gewesen. Das Gedränge und das Stimmengewirr, die hier gestern noch geherrscht hatten, schienen unendlich weit weg zu sein, wie ein Traum, an den man sich beim Aufwachen nur noch halb erinnert. Die Luft war abgestanden und atmete Verfall und Vergessen. Im Gegensatz zu draußen war kein Hauch von Wind zu spüren, trotzdem war es eisig kalt. Einige wenige Fackeln zwischen den Säulen verbreiteten ein trübes, kränkliches Licht, das blaß und geisterhaft wirkte und kaum den Boden erreichte. Die Schritte der beiden Vampire klangen unnatürlich laut auf dem Marmor. Ansonsten war es still wie in einer Gruft.

Madeleine und William blieben stehen und sahen sich unbehaglich um. Plötzlich kamen Schritte auf sie zu. Schwere Stiefel krachten auf den Steinboden, und die Echos füllten den Raum wie Donner. Es war fast unmöglich, festzustellen, woher die Schritte kamen. Die Lasombra spürte, daß William neben ihr kurz vor einer Panik stand. Er sah sich völlig verwirrt um. Madeleine hatte den Eindruck, daß sich das Geräusch aus der Richtung des Audienzzimmers näherte, aber sicher konnte sie auch nicht sein. Mit einem Mal verstummte der Lärm wie abgeschnitten, und Gregorius stand vor ihnen. Der Malkavianer war halb im Schatten verborgen, und von ihm ging eine Aura von Trauer und Verlust aus, die fast körperlich spürbar war. Madeleine und William sanken vor dem Prinzen auf die Knie. Er sah sie lange an, dann machte er eine müde kleine Geste mit einer Hand.

"Erhebt euch", flüsterte er heiser. Sie gehorchten. "Was wollt ihr hier?"

William fühlte sich plötzlich beinahe schuldig, weil sie hergekommen waren. Es schien fast vermessen, die Grabesruhe dieses Ortes zu stören, und er kam sich vor wie ein Eindringling. In dieser Halle war die Gegenwart des Todes zu spüren, und William wäre am liebsten geflohen. Stattdessen sah er Gregorius an. "Wir hatten gehofft", sagte er leise, "hier einige Informationen bekommen zu können. Über die Dinge, die letzte Nacht geschehen sind und noch geschehen."

Gregorius schien ihn gar nicht gehört zu haben. Sein Blick wanderte durch den leeren Saal, und die Schatten um ihn schienen tiefer zu werden. Er wirkte sehr alt, und sehr müde. "Seht euch um", flüsterte er. "Viele Türen führen aus dieser Halle, und hinter jeder liegt ein anderer Raum. Es ist eine Entscheidung, welchen Weg man geht, und welche Türen man öffnet. Manchmal sieht der Raum dahinter anders aus, als man das erwartet hätte... und man sieht andere Gesichter als die, die man zu finden glaubte." Plötzlich sah er William durchdringend an. "Die Gesichter ändern sich mit den Räumen, die man betritt. Auch sie hängen von der Entscheidung ab, welchen Weg man geht. Manche trifft man wieder, andere nicht. Aber sein Gesicht... das werde ich nie wiedersehen."

Damit wandte er sich ab und ging mit schweren Schritten zurück in die Dunkelheit. Madeleine sah ihm schaudernd hinterher. William neben ihr war totenbleich. Er hat mich gemeint, schoß es ihm durch den Kopf. Er hat meinen Tod prophezeiht.

"Laß uns hier verschwinden", brachte er heraus, dann drehte er sich um, ohne ihre Antwort abzuwarten und rannte fast aus der Halle.

Madeleine folgte ihm verwirrt. Sie mußte zugeben, daß sie kein Wort von dem verstanden hatte, was Gregorius gesagt hatte. Und wen er mit seiner letzten Bemerkung gemeint hatte, konnte sie auch nur ahnen. Auf William schien er allerdings einen sehr starken Eindruck gemacht zu haben. Den Ventrue hatte die Veränderung, die hier passiert war, schon beim Eintreten deutlich mehr mitgenommen als sie. Und jetzt war sein Gesicht weiß wie ein Laken, was angesichts seines normalerweise täuschend lebendigen Teints umso deutlicher auffiel.

Die beiden verließen den Palast und sprachen kein Wort, bis sie draußen auf der Straße standen. Nach der Grabesstille der Halle war der Lärm der Stadt direkt willkommen. Madeleine sah William an, der immer noch unter dem Eindruck dessen stand, was sie gerade erlebt hatten. Sie dachte kurz daran, etwas zu sagen, entschied dann aber, daß sie kein Bedürfnis nach einer weiteren Abfuhr hatte und ließ es bleiben. William atmete ein-, zweimal tief durch, dann sah er sie an. "Zur Kathedrale?"

Sie nickte. "Es ist nicht weit."

 

Minuten später waren sie auf dem Dach gegenüber dem Hauptportal angekommen, auf dem Madeleine schon öfter ihren Beobachtungsposten bezogen hatte. Im Gegensatz zu vorher stand das Portal diesmal allerdings weit offen. Menschen drängten sich in der Kirche. Das ganze Gebäude war wieder von Templern und Stadtwachen umstellt, die alle Eingänge sicherten. Um mehr Platz für die Schutzsuchenden zu haben, waren die Bänke und Betstühle aus dem Kirchenschiff geräumt worden und stapelten sich nun wie Brennholz in einer Seitengasse. Von dem Priester, den sie suchten, war nichts zu sehen, aber das war angesichts dieser Menge von Leuten und seiner geringen Größe auch nicht verwunderlich. Daß allerdings auch nichts von ihm zu hören war, stimmte Madeleine bedenklich. Sie schloß ihre normale Wahrnehmung für einen Moment aus und konzentrierte sich stattdessen auf ihren Sinn für das Übernatürliche. Sofort fiel ihr die Anwesenheit der drei Gargoylen auf, die als schimmernde Flecken unter dem Dach leuchteten. Aber das war nicht alles. In der Nähe des Hauptaltars sah sie den Werwolf wieder, der sie vor einigen Tagen gejagt hatte. Er war in seiner menschlichen Gestalt, ein Krieger mit Kettenhemd und Schwert, aber sie erkannte ihn sofort. Außerdem waren im Hauptschiff noch einige Leute verteilt, deren Auren das charakteristische goldene Funkeln aktiver Magie zeigten. Madeleine wurde bewußt, daß hier vor kurzem, vermutlich innerhalb der letzten halben Stunde, ein Ritual gewirkt worden war. Die Wachen vor der Tür waren offenbar nicht der einzige Schutz, den die Magier der Gemeinde bieten konnten.

Einen der solcherart Funkelnden konnte die Lasombra nicht direkt sehen. Wenn die Magie in seiner Aura nicht so deutlich aktiv gewesen wäre, hätte sie ihn vermutlich überhaupt nicht bemerkt. Er stand mitten in der Menge, umgeben von einem halben Dutzend Kämpfer, die ihn alle wie Türme überragten. Seine Aura verriet ihn jedoch, und Madeleine stieß William leicht an, um ihn aufmerksam zu machen. "Da unten ist er, mitten im dicksten Gedränge. Meinst du, wir kommen halbwegs unauffällig zu ihm durch?"

"Eine meiner leichtesten Übungen", versicherte der Ventrue, der sich zumindest äußerlich etwas von dem Schock im Palast erholt zu haben schien. Die beiden sprangen nach unten in eine Gasse, Madeleine schlug ihre Kapuze hoch, dann gingen sie auf die Kirche zu. Niemand hielt sie auf, als sie eintraten. Drinnen arbeitete sich William mit einem freundlichen Lächeln und höflichen Entschuldigungen nach allen Seiten durch die Menge. Madeleine blieb hinter ihm. Ohne Probleme erreichten sie die Krieger, die den Priester umgaben. William tippte einem von ihnen auf die Schulter.

"Verzeiht, wir möchten gerne mit dem Priester sprechen."

Der Soldat sah ihn an, nicht unfreundlich, aber bestimmt. "Wenn Ihr eine Stunde wartet, könnt Ihr ihn predigen hören. Im Moment ist er beschäftigt."

"Es wäre wichtig, daß wir ihn gleich sprechen..." begann William, aber der Mann achtete gar nicht mehr auf ihn. Er hatte gerade Madeleine hinter ihm gesehen, und es gab keinen Zweifel daran, daß er sie als das erkannt hatte, was sie war. Sein Blick wurde hart, als er sich umwandte und den Priester ansprach.

"Wir haben Gäste", sagte er kalt. Im nächsten Moment wurde er zur Seite gedrängt und der Priester erschien. Madeleine hat nicht übertrieben, dachte William. Er ist wirklich mehr als doppelt so breit wie sie.

Madeleine neigte grüßend den Kopf. "Guten Abend. Seid versichert, daß wir keine Absicht haben, Euch zu schaden. Wir sind hier, um mit Euch zu reden."

Der Priester musterte sie. "Richtige Zeit, falscher Ort", sagte er knapp.

"Bestimmt einen anderen", antwortete sie ruhig.

"Draußen, wo das ganze Zeug lagert." Dann drehte er sich um und pflügte durch die Menge zum Seiteneingang. Er hatte trotz seiner geringen Größe keine Schwierigkeiten, durchzukommen. Auch ohne daß er seine beeindruckende Stimme erhob, wichen die Leute fast ehrfürchtig vor ihm zur Seite. Madeleine und William suchten sich ebenfalls ihren Weg durch das Gedränge und traten nach draußen. "Euch brauche ich hier nicht", beschied der Priester den Wachen in der Gasse, die sich auch prompt verzogen. Dann sah er die beiden an. "War das einer von Euch, der vor knapp einer Woche die Gargoylen da drin in Aufregung versetzt hat?" wollte er wissen.

"Ich fürchte, das war ich", gab Madeleine zu. "Ihr wart mir aufgefallen, deswegen hatte ich Euch beobachtet."

Er nickte. "Und anschließend seid Ihr irgendwie dem Wolf entkommen. Eine beachtliche Leistung."

Madeleine hob die Schultern. "Ich war zu schnell für ihn", sagte sie, als sei es nicht weiter der Rede wert, daß sie einen Werwolf im Jagdfieber abgehängt hatte.

Er sah sie an, und in seinem Blick lag Anerkennung. "Beachtlich, in der Tat. Ich beginne, Respekt vor Euch zu haben."

Ehe sie darauf antworten konnte, flog die Tür zur Kirche auf. Der Werwolf erschien, zwar noch in menschlicher Gestalt, aber offenbar kurz vor der Verwandlung und fast rasend vor Wut. Seine Augen waren blutrot, und tief aus seiner Brust drang ein unheimliches Knurren, als er die beiden Vampire ansah. Ehe er sich jedoch auf sie stürzen konnte, griff der Priester ein.

"Was soll das?" fuhr er den Werwolf an, und William erlebte zum ersten Mal, wie beeindruckend seine Stimme tatsächlich war. "Ich hatte dir befohlen, drinnen zu warten."

Wäre der Garou in Wolfsgestalt gewesen, hätte er vermutlich den Schwanz eingezogen und die Ohren angelegt. So knurrte er nur und wich einen Schritt zurück. "Verschwinde!" donnerte der Priester, und der Werwolf verschwand.

Madeleine hob eine Augenbraue. "Seid versichert, daß der Respekt beiderseitig ist. Es gibt nicht viele, die das mit einem Garou machen könnten, was Ihr gerade getan habt."

"Man muß wissen, womit man es zu tun hat", erwiderte er achselzuckend. "Werwölfe sind stolz und stur, das gilt für diese hier besonders. Man muß sich jeden einzeln unterwerfen, aber sie sind nützliche Verbündete." Er sah sie an. "Was mich wieder zu der Frage bringt, was Ihr eigentlich hier wollt."

Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen, entschied Madeleine - wenigstens ein paar davon. "Wir haben einen gemeinsamen Feind", sagte sie. "Das macht uns nicht automatisch zu Freunden, aber es wäre vernünftig, wenn wir zusammenarbeiten, anstatt ihm zu erlauben, uns der Reihe nach einzeln auszuschalten."

Ihr Gegenüber lächelte kurz. "Werdet genauer. Ich habe viele Feinde, welchen davon meint Ihr?"

"Ihr habt kürzlich Eure Männer vor einem dunklen Diener Gottes gewarnt."

"Das habt Ihr also auch gehört? Ich müßte ja direkt geschmeichelt sein bei soviel Interesse."

"Ich habe es gehört, auch wenn ich erst seit gestern weiß, daß Ihr damit unseren Feind gemeint habt. Oder besser gesagt, einen Teil von ihm."

Er musterte sie nachdenklich. "Und was genau habt Ihr gegen ihn?"

Sie sah ihn unbewegt an. "Mag sein, daß das etwas unglaubwürdig klingt, wenn einer von uns so etwas sagt, aber uns gefällt nicht, was er hier in der Stadt tut. Ich habe gesehen, was er hinterläßt, und das muß aufhören."

Seine Augen verengten sich ein wenig. "Was habt Ihr gesehen?" wollte er wissen.

"In der Nacht, als ich Eure Gargoylen erschreckt habe, wurde nicht allzu weit von hier entfernt ein Kind umgebracht. Ihr wart da, um die Leiche zu untersuchen, ich habe Euch dabei beobachtet. Was Ihr nicht bemerkt habt, war, daß ich vor Euch da war. Ich habe mir die Leiche angesehen, und ich habe gesehen, was der Dämon mit diesem Kind gemacht hat."

"Nämlich?"

"Er hat seine Seele geraubt. Er hat diese Seele in sich aufgenommen, und sie hat ihn stärker gemacht."

"Das ist nahe genug an der Wahrheit", murmelte er. "Der Dämon ernährt sich von diesen Seelen. Vor ein paar Tagen hat er mehr gegessen als sonst, er schien verletzt zu sein."

Madeleine nickte. "Es hat einen Kampf gegeben zwischen dem Dämon und einem unserer... Verwandten. Er hat dabei einiges abbekommen."

Er schnaubte abfällig. "Nicht genug, wie es aussieht. Der Kerl ist nicht leicht zu töten, und Euer Verwandter war ziemlich leichtsinnig, es zu versuchen."

"Der Dämon hat ihm nicht viel anderes übriggelassen. Er hat ihn gejagt, und unser Verwandter hat gekämpft, um sich zu retten. Der Dämon wollte mit ihm spielen, sonst wäre unser Verwandter jetzt vermutlich tot." Sie hielt es nicht für nötig, zu erwähnen, daß der Dämon vorher, als er William angegriffen hatte, keineswegs mit ihm gespielt, sondern sehr ernsthaft versucht hatte, ihn umzubringen. Und daß ihm das beinahe gelungen wäre. William bemerkte das, aber er war in Gedanken noch zu sehr mit den Ereignissen im Palast beschäftigt und hielt sich lieber aus dem Gespräch heraus.

"Es scheint", stellte der Priester fest, "daß wir tatsächlich gemeinsame Interessen haben. Aber ehe ich mich auf etwas einlasse, muß ich mehr über Euch wissen - und Ihr über mich. Wenn ich einen Pakt mit jemandem schließe, muß ich mich auf ihn verlassen können. Ich bin bereit, Euch Informationen zu geben. Wenn Ihr es auch seid, können wir uns vielleicht einig werden." Als sie nickte, zog er unter seiner Kutte etwas hervor und reichte es ihr. Es war ein einfaches Kreuz aus Holz, sorgfältig poliert, aber ansonsten schmucklos. "Das trage ich seit einer Weile bei mir, es sollte ausreichen, Euch einiges zu verraten - wenn Ihr die richtigen Fragen stellt. Was habt Ihr anzubieten?"

Madeleine sah ihn einen Moment nachdenklich an, dann streifte sie einen ihrer Handschuhe ab und gab ihn ihm.

"Interessante Wahl", murmelte er, dann schob er den Handschuh in seinen Ärmel. "Wo kann ich Euch finden?" Als Madeleine daraufhin nur lächelte, nickte er. "Ich werde es herausfinden, das ist kein Problem. Ihr hört von mir." Dann nickte er ihnen noch einmal zu und verschwand wieder in der Kirche.

"Ich bin ja wirklich neugierig", murmelte Madeleine und drehte das Kreuz in der Hand.

William hob die Schultern. "Dann wirf einen Blick darauf. Vor unfreundlichen Augen sollten wir hier einigermaßen sicher sein, und ich werde aufpassen."

Madeleine nickte und konzentrierte sich. Sie sah auf das Kreuz hinab und fokussierte ihre Gedanken auf seinen Besitzer. Was wußte er über den Dämon und diese ganze Angelegenheit?

Es begann harmlos. Der Priester, so erfuhr sie bald, hieß Bruder Matthias. Er war offenbar ein Experte für alles, was Engel anging. Was dieser Mann darüber nicht wußte, erkannte sie, das brauchte man nicht zu wissen. Plötzlich spürte sie, wie sie in eine Vision hineingezogen wurde. Ihre Hand und das Kreuz darin schienen durchsichtig zu werden, wie ein Fenster in eine andere Wirklichkeit. Und das, was sich dahinter auftat, war entsetzlich.

Eine weite, geröllbedeckte Ebene, die sich kalt und trostlos von einem Horizont zum anderen erstreckte. Kein Strauch, kein Grashalm wuchs hier, nur die Skelette einiger abgestorbener Bäume ragten tot und schwarz in den Himmel. Und auf dieser Ebene tobte ein Krieg, wie ihn noch kein menschliches Auge gesehen hatte - ein Krieg der Engel. Blitze zuckten über einen bleigrauen Himmel, als die Heere sich trafen, Donner mischte sich mit Waffengeklirr. Direkt vor Madeleines Augen schwebten zwei leuchtende Gestalten in der Luft, groß und schrecklich, die mit haßverzerrten Gesichtern aufeinander einschlugen und sich mit ihren Morgensternen gegenseitig zerfleischten. Ein weiterer Schemen stürzte schreiend und brennend herab, die Flügel bedeckt mit Blut und Asche. Überall lagen verwundete und sterbende Engel, von Schwertern zerhackt und von Speeren aufgespießt, und schrieen ihren Schmerz und ihre Verzweiflung hinaus. Ströme von Blut ergossen sich über das Schlachtfeld, aber dieses Blut weckte keinen Hunger in ihr. Die Erbitterung, mit der der Kampf geführt wurde, stach wie ein Messer in ihre Seele. Rauch und Blutgeruch lagen schwer in der Luft, und die Schreie, die Schreie...

In diesem Moment erkannte Madeleine, was sie die ganze Zeit nicht hatte wahrhaben wollen: es gab einen Himmel, und es gab eine Hölle, und dies war der Kampf zwischen den beiden. Es war nicht das, was oft vereinfacht als Kampf zwischen Gut und Böse bezeichnet wurde, es war einfach der Konflikt zwischen absoluten Gegensätzen. Seit jener Nacht, da sie zu dem geworden war, was sie jetzt war, hatte sie nicht mehr wirklich an die Existenz eines Gottes glauben können. Wenn Er zuließ, daß eine Nonne in ihrem Kloster von einer derartigen Kreatur angefallen und der Verdammnis ausgeliefert wurde, so hatte sie gedacht, dann mußte das bedeuten, daß Er es entweder nicht verhindern konnte, in welchem Fall es mit Seiner Allmacht nicht besonders weit her sein konnte, oder daß Er es nicht verhindern wollte, und das hieß wohl, daß das, was man von Seiner Güte erzählte, deutlich übertrieben war. Als sie das Gemetzel auf der Ebene mit ansehen mußte und das Leid der sterbenden Engel spürte, begann der Lasombra zu dämmern, daß sie vielleicht eine dritte Möglichkeit übersehen hatte. Sie stolperte einen Schritt zurück und suchte Halt an der Hauswand, während sie versuchte, sich von der Vision zu lösen.

William erschrak, als er sah, wie Madeleine plötzlich taumelte und wie ihre Hand, die das Kreuz hielt, zu bluten begann. Es war nicht das Kreuz selbst, das sie verbrannte. Vielmehr schien das, was sie sah, ihre vitae aus ihr herauszutreiben. Er legte schützend einen Arm um sie und hielt sie fest, während er mit der anderen Hand ein Taschentuch hervorzog und versuchte, das Blut zu stillen.

Plötzlich ging die Tür wieder auf, und der Werwolf erschien. Er sah sie haßerfüllt an. Madeleine sah ihm ausdruckslos entgegen. So beeindruckend ein wütender Werwolf auch war, im Augenblick konnte sie sich nicht dazu aufraffen, auch nur im Mindesten Angst vor ihm zu haben.

"Macht, daß ihr wegkommt", knurrte der Garou.

William streifte ihn mit einem Blick. "Gleich", sagte er abwesend, dann wandte er sich wieder Madeleine zu, die sich offenbar allmählich wieder fing.

"Es geht schon wieder. Danke", sagte sie. "Laß uns gehen." Sie machte keinen Versuch, seinen Arm abzustreifen; so ganz sicher war sie offenbar noch nicht auf den Beinen.

Er nickte, und sie traten hinaus auf die Hauptstraße. Eine Weile gingen sie schweigend die Straße entlang, dann fragte er: "Was hast du gesehen?"

Sie antwortete nicht sofort. "Engel", sagte sie schließlich. "Sterbende Engel, Feuer und Blut und einen großen Krieg. Es war furchtbar."

Er blieb stehen und sah sie an. Dann streckte er die Hand aus. "Laß mich sehen", bat er.

Sie schüttelte leicht den Kopf. "Willst du dir das wirklich antun, William? Es war schlimmer als alles, was ich bisher gesehen habe. Du solltest dir das ersparen." Er zog die Hand nicht zurück und sah sie nur an. "Wie du willst", meinte sie schließlich und gab ihm das Kreuz.

William sah einen Moment nachdenklich darauf herab. Er wollte das sehen, was Madeleine gesehen hatte. Das Kreuz war dafür eigentlich kein geeigneter Fokus. Er hielt einen viel besseren in seinem Arm. William ignorierte das Kreuz und konzentrierte sich stattdessen auf Madeleine.

Im selben Moment war ihm klar, daß das ein Fehler gewesen war. Er hatte seine eigenen Fähigkeiten unterschätzt. Etwas griff nach ihm wie ein Strudel und zog ihn mit sich, tief in ihre Erinnerungen hinein. Er durchschlug einen dicken schwarzen Schatten, der etwas verbarg, was sie tief in ihrer Seele geheimhielt, und plötzlich spürte er einen unmenschlichen Haß. Er konnte noch nichts sehen, um ihn war es dunkel, aber der Haß erfüllte ihn und wurde beinahe zu seinem eigenen. Während er noch dagegen ankämpfte, konnte er plötzlich wieder sehen. Wie durch einen roten Schleier sah er ein brennendes Kloster, hörte die Schreie der Nonnen, die unter seinen Händen starben... nein, erkannte er, unter Madeleines Händen. Mit einem Mal wußte er, daß er die Nacht miterlebte, in der sie zum Vampir geworden war. Er spürte den unglaublichen Hunger, mit dem sie erwacht war, die Raserei, mit der sie sich auf ihre Schwestern gestürzt hatte, die Schuldgefühle und die abgrundtiefe Verzweiflung, als sie danach langsam wieder zu Sinnen kam und erkannte, was sie getan hatte. Und er spürte den Haß auf den, der ihr das angetan hatte, und dessen Namen sie nicht einmal kannte. Sein Gesicht jedoch hatte sich tief in ihre Erinnerung eingebrannt. Irgendwann würde sie ihm wieder begegnen, und dann würde er für diese Nacht bezahlen.

Noch ehe William sich von dem Schock erholen konnte, stürzten neue Bilder auf ihn ein. Diesmal sah er, was Madeleine vorhin bei der Kathedrale gesehen hatte: die Ebene, den Krieg, die sterbenden Engel. Madeleine hatte ihn gewarnt, daß es schlimm sein würde, und sie hatte nicht übertrieben. Wäre der Krieg die einzige Vision gewesen, hätte er sie verkraften können. Verbunden mit dem, was er gerade vorher durchgemacht hatte, zerbrach er beinahe daran. Mit einem Schluchzen brach er zusammen.

Madeleine reagierte sofort. Sie fing William auf und sah sich um. Sie standen mitten auf der Straße, sie mußten hier weg, und zwar sofort. Ein paar Schritte weiter zweigte eine dunkle Gasse von der Hauptstraße ab. Sie stützte den Ventrue und steuerte mit ihm auf die Gasse zu. Er ließ sich ohne jeden Widerstand führen. In der Gasse fiel sie fast über einen Sterblichen, einen abgerissenen Kerl, der sich hier offenbar für die Nacht eingerichtet hatte.

"He, das ist mein Platz", protestierte er.

Madeleine sah ihn nur an. Ihre Augen, sonst grau wie Nebel, schimmerten plötzlich wie Quecksilber. "Verschwinde", sagte sie leise.

Sein Gesicht war eine Maske des Entsetzens, als er auf allen vieren ein paar Schritte rückwärts in Richtung der Hauptstraße stolperte, ehe er endlich auf die Füße kam und Hals über Kopf floh. Madeleine hatte ihn im selben Moment vergessen. Sie sah sich um, dann führte sie William in eine geschützte Ecke hinter einem Holzstapel, ließ sich mit ihm auf den Boden sinken und hielt ihn fest. Er lag in ihren Armen wie ein Kind, und weinte.

Das Blut, das sie teilten, ließ Madeleine spüren, wie es in ihm aussah. Der Eispanzer, mit dem er sein Inneres in den letzten Tagen umgeben hatte und der für sie undurchdringlich gewesen war, zersplitterte. Was zurückblieb, war Verzweiflung, Schmerz und völlige Hilflosigkeit. Die Hilflosigkeit war das schlimmste, sie paßte überhaupt nicht zu dem sonst so selbstsicheren Ventrue. Madeleine erkannte, daß er möglicherweise daran zugrunde gehen würde, wenn sie nicht etwas unternahm. Sie drückte ihn sanft an sich und begann, sich auf die Verbindung zu konzentrieren, die ihr Blut zwischen ihnen schuf. Was sie versuchte, war etwas ähnliches wie das, was sie vor ein paar Nächten auf dem Dach getan hatte. Nur, daß er damals nicht einmal in Sichtweite gewesen war, während sie jetzt direkten Kontakt zu ihm hatte. Beim letzten Mal hatte er nicht einmal ihre Anwesenheit gespürt. Diesmal hatte sie bessere Chancen, zu ihm durchzukommen. Langsam tastete sie sich an dem unsichtbaren Band entlang, bis sie ihn gefunden hatte. Als sie ihn berührte, erschrak sie. Sie hatte gehofft, ihm Gefühle übermitteln zu können, um ihm Halt zu geben. Stattdessen mußte sie erkennen, daß sein Innerstes völlig offen vor ihr lag. Alles, was er sonst zur Abwehr errichtet hatte, war verschwunden. In diesem Moment hätte sie ihn vollkommen umformen können, wenn sie das gewollt hätte, aber daran verschwendete sie keinen Gedanken. Sie würde sehr, sehr vorsichtig sein müssen, damit sie ihm nicht mehr schadete als half. Die schmutzige Gasse um sie herum verschwand, als sie behutsam ihren Geist in seinen versenkte und mit sanften Fingern nach seiner Seele griff.

William hatte jeden Sinn für Zeit verloren. Es schien, als wäre um ihn herum nie etwas anderes gewesen als Schmerz und Verzweiflung und das Gefühl, durch endlose Schwärze und Kälte zu fallen. Der Sturz war unerträglich, gleichzeitig fürchtete er sich vor dem, was ihn erwartete, wenn er unten ankam. Wo immer das auch sein mochte. Plötzlich spürte er, wie sein Fall sich verlangsamte. Etwas war da, er war mit einem Mal nicht mehr allein. Und dieses Etwas berührte ihn, leicht wie eine Feder, hielt ihn fest und bremste seinen Sturz. Er spürte, wie ihn Wärme umflutete. Die Präsenz in seinem Geist gab ihm Halt und schützte ihn. Madeleine, erkannte er plötzlich. Irgendwie war sie in ihm und kämpfte gegen die Kälte, und sie gewann. Er hielt sich an ihr fest und ließ zu, daß sie ihn aus der Dunkelheit zog. William schlug die Augen auf, und nichts war mehr wie vorher.

Madeleine hatte keine Ahnung, wie lange sie mit William in der Gasse gesessen hatte. Es mußte mindestens eine Stunde vergangen sein, wahrscheinlich mehr. Aber das spielte keine Rolle mehr, als er die Augen öffnete und sie ansah. Er war wieder er selbst, das spürte sie. Die Distanz, die in den letzten Nächten zwischen ihnen gewesen war, war verschwunden, und ihre Erleichterung darüber war so groß, daß ihr davon schwindlig wurde. Elenas Verlust und die Dinge, die er heute erlebt hatte, waren immer noch Narben auf seiner Seele und würden es auch bleiben, aber darunter kam wieder der alte William zum Vorschein. Und noch eins spürten sie beide: das Band zwischen ihnen war enger geworden, und das schloß auch Irian mit ein. Obwohl die Gangrel nicht körperlich da war, spürten sie ihre Anwesenheit im Hintergrund. Was gerade geschehen war, hätte sie alle vernichten können, aber stattdessen hatte es sie gestärkt.

"Danke", flüsterte er fast unhörbar.

"Schon gut", sagte sie leise. "Was ist passiert?"

"Ich habe mehr gesehen, als ich wollte."

"Das kommt gelegentlich vor. Was hast du gesehen?"

"Zum Teil das selbe wie du, den Krieg der Engel. Aber vorher... erinnerst du dich, daß du mir vor einiger Zeit erzählt hast, wie du den Kuß bekommen hast? Ich hatte geglaubt, daß ich damals verstanden hätte, wie du dich danach gefühlt hast. Jetzt weiß ich, daß ich keine Ahnung hatte."

Sie runzelte die Stirn. Wie er etwas derartiges hatte erkennen können, wo sie das Kreuz nur für kurze Zeit in der Hand gehabt hatte... plötzlich fiel ihr auf, daß er nicht geblutet hatte, während er das Kreuz gehalten hatte. Sie sah ihn scharf an und merkte, wie er sich ertappt fühlte.

"Du hast nicht das Kreuz gelesen." Es war keine Frage.

"Nein", gab er zu. "Ich wollte ja sehen, was du gesehen hast, da dachte ich, es wäre einfacher, wenn ich stattdessen dich anschaue. Es tut mir leid."

Sie winkte ab. "Vergiß es, ich bin dir nicht böse. Ich bin viel zu froh, daß du wieder da bist. Laß uns nach Hause gehen. Und dann sollten wir reden, das ist überfällig."

Er nickte, kam auf die Füße und half ihr hoch. Dann sah er sich um und rümpfte die Nase. "Ich habe für heute wirklich genug von der Stadt", erklärte er. "Hast du etwas dagegen, wenn wir uns beeilen?"

"Du meinst, wenn du dich beeilst und ich mich beeilen lasse", korrigierte sie trocken.

Er grinste plötzlich. "Wenn du es so sehen willst... Einwände?"

Seine Laune steckte sie an. Sie setzte ein gespielt hochmütiges Gesicht auf und schnippte mit den Fingern. "Träger!"

Er verneigte sich übertrieben ehrerbietig. "Zu Diensten, Mylady." Dann hob er sie hoch, und Augenblicke später waren sie verschwunden.

 

"Ich habe Hunger", stellte William fest, als sie etwa die Hälfte des Weges hinter sich gebracht hatten.

Madeleine hob die Schultern. "Wenn du nicht immer so schrecklich wählerisch wärst, könntest du satt sein. Dieser junge Söldner vorhin war gar nicht übel."

"Ich habe nun mal gewisse Ansprüche", gab er zurück und sah sich um. "Oha, was ist das denn?"

Madeleine sah an ihm vorbei. Ein Stück vor ihnen an der Straßenecke stand eine junge Frau in Lederkleidung, ein Langschwert an der Seite. Sie war hübsch, mit dunklem Teint und schwarzem Haar, und durchtrainiert. Sie machte durchaus den Eindruck, als wäre das Schwert an ihrem Gürtel nicht nur zur Dekoration da.

"Ziemlich genau deine Kragenweite, wenn ich mich nicht täusche", bemerkte Madeleine.

"In der Tat. Würdest du mich bitte einen Moment entschuldigen?"

"Sicher. Guten Appetit."

"Danke", antwortete er und ging. Madeleine beobachtete, wie er auf die Frau zuging, ein paar Worte mit ihr wechselte und dabei seinen ganzen Charme spielen ließ. Das ist ja schon beinahe langweilig, dachte sie. Das arme Mädchen hat keine Chance. Tatsächlich dauerte es nur ein paar Minuten, ehe die beiden Hand in Hand in einer Gasse verschwanden. Es dauerte allerdings ein paar Minuten länger, bis sie wieder herauskamen. William verabschiedete sich galant und kehrte zu Madeleine zurück, einen leicht verwirrten Ausdruck im Gesicht. "Sowas", murmelte er.

Madeleine konnte sich ein unverschämtes Grinsen nicht verkneifen. "Recht rabiat, die Dame. Ich wußte gar nicht, daß du derartige Vorlieben hast."

Der Ventrue zuckte die Schultern. "Ich auch nicht, aber man lernt eben nie aus. Ich habe übrigens dafür gesorgt, daß sie morgen zu unserem Haus kommt. Es wäre glatte Verschwendung, aus ihr keinen Ghoul zu machen."

Madeleine kicherte. "Ich fürchte, wenn ich dazu jetzt etwas sage, muß ich den restlichen Weg nach Hause laufen."

"Würde ich so etwas tun?" fragte er mit einem unschuldigen Augenaufschlag.

"Ja", antwortete sie.

"Stimmt", gab er zu. "Laß uns gehen."

 

"Guten Abend, die Herrschaften", sagte Mog, als er sie einließ. Madeleine lächelte, William nickte ihm freundlich zu.

"Guten Abend. Sei doch bitte so gut und richte ein weiteres Zimmer her. Morgen wird hier eine junge Dame auftauchen, die wir eben unterwegs getroffen haben. Sie ist eine Kriegerin und wird in meine Dienste treten."

Mog nahm Madeleines anzügliches Grinsen zur Kenntnis und grinste zurück. "Sehr wohl, Sir. Gibt es noch etwas, das ich wissen sollte?"

William zuckte die Schultern. "Vielleicht solltest du in ihrer Gegenwart ein wenig vorsichtig sein. Sie ist etwas kratzbürstig."

Madeleines Grinsen wurde bei seinen Worten schon beinahe undamenhaft. "Ach, das sollte jetzt kein Problem mehr sein. So, wie sich das vorhin anhörte, hat sie sich die Krallen an dir abgewetzt."

Interessant, dachte Mog und hob eine Augenbraue. William zog es aus unerfindlichen Gründen vor, darauf nicht näher einzugehen. Er wollte mit Madeleine an dem Ghoul vorbei, als der plötzlich wieder ernst wurde und ihn aufhielt. "Da wäre noch etwas. Der..." Er senkte die Stimme. "Der Steinhaufen im Atrium will Euch sprechen."

"Aha? Dann sollten wir gleich sehen, was er will. Und - Mog?"

"Sir?"

"Du solltest ihn nicht 'Steinhaufen' nennen, wenn er da ist. Er hört verdammt gut, und er ist ziemlich empfindlich."

"Ich werde es mir merken, Sir", versicherte Mog und verzog sich.

Im Atrium stand Travion an seinem angestammten Platz, hatte sein Buch im Arm und schrieb. Als die Geschwister eintraten, sah er auf und klappte das Buch zu. William nickte ihm zu. "Ihr wolltet uns sprechen?"

"Ja. Es gibt Schwierigkeiten. Der Dämon hat so viele Hilfstruppen zu seiner Verfügung, daß ich alleine nicht mit ihnen fertig werde. Ich brauche die Unterstützung meines Clans. Ich selbst kann ihn hier in der Stadt aber nicht herbeirufen, und für den Moment kann ich die Stadt nicht verlassen." Er sah Madeleine an. "Deswegen bitte ich Euch um Hilfe. Ihr sollt meinen Clan für mich rufen."

Jetzt habe ich alles gesehen, dachte Madeleine. Clanlord Travion Xerxes bittet um Hilfe, und dann auch noch mich. Sie sah ihn nachdenklich an.

"Verzeiht meine Offenheit, aber bisher hatte ich nicht den Eindruck, daß Ihr von mir und meinen Fähigkeiten besonders viel haltet. Wieso dieser Sinneswandel? Versteht mich nicht falsch", fügte sie rasch hinzu, "ich werde Eurer Bitte nachkommen. Ich bin nur... neugierig."

Travion sah zu ihr herunter. "Ihr scheint einen falschen Eindruck von mir zu haben", stellte er fest.

"Dann korrigiert ihn", sagte sie ungerührt.

Er hob die Schultern. "Es ist Eure Art, um die Dinge herumzureden, und es ist meine, das nicht zu tun. So gesehen, sind wir beide unserer Natur treu geblieben. Ich habe nichts gegen Euch persönlich, aber wenn Ihr - verzeiht den Ausdruck - plappert, dann sehe ich keinen Grund, meine Zeit damit zu verschwenden."

"Damit wäre das wohl klargestellt", bemerkte sie. "Dann kommt doch gleich auf den Punkt und erklärt uns, was wir für Euch tun sollen."

Er begann wieder, etwas in sein Buch zu schreiben. Dann riß er die Seite heraus und ließ sie fallen. Wie vorher wurde auch dieses Blatt zu Stein, sobald es den Boden berührte. Die Geschwister musterten die Steintafel. Es waren Symbole darauf gezeichnet, ähnlich denen auf der ersten Platte, die sie von Travion bekommen hatten. Diesmal allerdings war die Sache deutlich komplizierter, das war beiden sofort klar. Dies war kein Ritual, das sich in einer Stunde durchführen lassen würde.

"Das sollten wir nicht im Haus probieren", murmelte Madeleine. "Wenn ich nicht gesehen hätte, was vor der Stadt alles los ist, würde ich vorschlagen, damit nach draußen zu gehen, aber so..."

"Die Stadt zu verlassen, wäre keine gute Idee", stimmte Travion zu. "Die Wendigos sind unterwegs, das wäre ziemlich gefährlich."

"Wendigos? Ich habe Werwölfe gesehen, meint Ihr die?"

"Die Wendigos sind die Krieger der Werwölfe. Sie sind deutlich gefährlicher als gewöhnliche Garou. Sie tragen ein Zeichen, an dem man sie erkennen kann..." Er kritzelte etwas in sein Buch und zeigte es ihnen. Madeleine erkannte das Symbol.

"Der Werwolf in der Kathedrale hatte so etwas an seinem Mantel", murmelte sie. "Ich glaube, jetzt verstehe ich, warum Bruder Matthias so überrascht war, daß ich dem Kerl entkommen bin." Sie sah nachdenklich auf die Marmortafel hinunter.

"Heute Nacht schaffen wir das nicht mehr", stellte William fest. "Und wir sollten Irian dazunehmen, damit wir wirklich stark genug sind, um sie alle zu rufen." Er hob die Tafel mit einiger Anstrengung hoch und sah den Gargoyle an. "Morgen bekommt Ihr Eure Unterstützung", versprach er. Dann nickte er Travion noch einmal zu und verließ das Atrium. Madeleine warf noch einen nachdenklichen Blick auf den steinernen Riesen, bevor sie ebenfalls ging.

William schleppte den Marmorblock in sein Zimmer und verstaute ihn sorgfältig. Dann drehte er sich zu Madeleine um, die ihm gefolgt war. Die Lasombra war gerade damit beschäftigt, sich ihres Kettenhemdes zu entledigen. "Entschuldige mich einen Moment", murmelte sie, dann wand sie sich leise ächzend aus der Rüstung und ließ sie mit einem tiefen Seufzer klirrend zu Boden fallen. Der Ausdruck von Erleichterung auf ihrem Gesicht wirkte so komisch, daß William lachen mußte. Er hob das Kettenhemd auf und hängte es sorgfältig über einen Ständer.

"Du solltest ein wenig netter zu dem Ding sein, es könnte einmal deine Haut retten."

Madeleine warf einen unfreundlichen Blick auf den Rüstungsständer. "Das mag sein, aber es ist einfach keine angemessene Kleidung für eine Dame." Sie seufzte noch einmal und reckte sich.

William wurde plötzlich ernst. "Du wolltest reden, und das ist wohl auch wirklich nötig. Es ist viel passiert... womit willst du anfangen?"

"Eigentlich gibt es nur eine Sache", sagte sie leise. "Du hast mich weggeschickt."

Er wußte sofort, was sie meinte. "Das war ein Fehler, ich weiß", sagte er und sah zu Boden. "Aber ich wollte allein sein. Ich hätte es nicht ertragen, wenn jemand dagewesen wäre."

"Du warst die ganze Zeit über nicht allein", sagte sie. Ein Blick in sein Gesicht verriet ihr, daß er das schon vermutet hatte, aber nicht ganz sicher gewesen war, wieviel sie wirklich mitbekommen hatte. "Ich war da, von dem Moment an, in dem du dein Zimmer betreten hast. Ich weiß, daß du es nicht bemerkt hast, aber ich war bei dir, als es passiert ist. Allein warst du erst, als es kalt wurde in dir. Da habe ich mich nicht mehr halten können."

Er schloß die Augen. "Es tut mir so leid."

Sie schüttelte den Kopf. "Das ist nicht mehr zu ändern. Es war sogar irgendwo... verständlich. Aber später... ich bin zu dir gekommen, weil ich gehofft hatte, ich könnte dir helfen, mit allem fertig zu werden und das Eis wieder zu schmelzen. Aber du hast mich abgewiesen, und das hat mich ziemlich getroffen."

"Ich wollte dich da heraushalten. Der selbe Fehler, den ich schon öfter gemacht habe, ich weiß."

"Wenn du es schon weißt, warum wiederholst du ihn dann dauernd?" fragte sie beinahe ärgerlich. "Warum bestehst du nur immer darauf, alle um dich herum beschützen zu müssen, aber deine eigenen Schwierigkeiten immer alleine anzugehen? Ich bin nicht aus Glas, ich muß nicht dauernd beschützt werden. Das solltest du inzwischen auch gemerkt haben. Wenn ich wirklich so hilflos wäre, wie du manchmal zu glauben scheinst, wäre ich längst tot."

"Du hast ja recht", gab er zu, etwas überrascht über ihren Ausbruch. "Es ist wohl mein Stolz..."

"Natürlich ist es dein verdammter Stolz", unterbrach sie ihn. "Es wäre für uns alle und nicht zuletzt für dich selbst eine große Erleichterung, wenn du ihn gelegentlich mal beiseite lassen und unsere Hilfe annehmen würdest. Du bist nicht allein, und je eher du das endlich akzeptierst, desto besser."

Er sah sie lange an. "Ich bin dir wirklich dankbar", begann er, aber sie schnitt ihm sofort das Wort ab.

"Unsinn, du sollst nicht dankbar sein. Dankbarkeit ist etwas ziemlich unangenehmes."

"Nein, nicht immer." Er legte den Kopf schief und sah sie belustigt an. "Außerdem, findest du das nicht ein kleines bißchen ungerecht? Du verlangst von mir, daß ich deine Hilfe und deinen Schutz annehme, aber du weigerst dich, dafür meine Dankbarkeit zu akzeptieren?"

Sie musterte ihn einen Moment, dann mußte sie lachen. "Na gut, einigen wir uns darauf, daß ich dich gelegentlich beschützen darf, dafür darfst du mir dann meinetwegen dankbar sein."

"Ich denke, darauf könnte ich mich einlassen", meinte er und lächelte.

"Gut", sagte sie zufrieden. "Solange dir klar ist, daß ich das nicht um deiner Dankbarkeit willen tue."

"Ich weiß, unser Blut verbindet uns..."

"Ja, das auch. Aber du weißt selbst, daß die Verbindung inzwischen tiefer geht als das Blut. Das ist es nicht."

Neugierig sah er sie an. "Was meinst du damit?"

Sie wollte gerade antworten, da klopfte es an der Tür. Draußen, so merkten beide, stand Irian. Sie hat ein unglaubliches Talent, im falschen Moment aufzutauchen, dachte Madeleine und rief durch die Tür: "Nicht jetzt, Irian."

"Später, Irian", rief William gleichzeitig. Sie spürten beide die Verwunderung ihrer Schwester, ehe sie sich leicht beleidigt entfernte. William sah Madeleine wieder an. "Also? Du wolltest mir etwas erklären."

Für einen langen Moment betrachtete sie ihn schweigend, dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, nahm sein Gesicht in ihre Hände und küßte ihn. Einen Augenblick lang war William starr vor Überraschung, bevor seine Arme wie von selbst um sie herumglitten und er ihren Kuß leidenschaftlich erwiderte.

 

Irian stand einen Moment lang vor der Tür und überlegte ernsthaft, ob sie nicht doch eintreten sollte. Dann siegte ihr Stolz. "Nein, Irian", murmelte sie zu sich selbst. "Nicht jetzt heißt, nicht jetzt. Vielleicht in ein paar Minuten, aber nicht jetzt." Ärgerlich vor sich hinmurmelnd machte sie sich auf die Suche nach Mog. Sie fand ihren Ghoul im Erdgeschoß. "Mog?"

"Herrin?"

"Weißt du, wo mein Kasten geblieben ist?"

Mog sah sie erstaunt an. "Den hat sich vor ein paar Nächten Sir William ausgeliehen, das wißt Ihr doch."

"Aha, und woher weiß ich das?"

"Nun", sagte Mog vorsichtig, "weil ich Euch selbstverständlich vorher gefragt habe, ehe ich ihn aus der Hand gegeben habe."

Irian sah ihn skeptisch an. "Du hast mich gefragt."

Mog nickte eifrig. "Natürlich, Herrin. Ihr wart im Arbeitszimmer mit Euren Pergamenten beschäftigt und habt den Kasten nicht gebraucht. Sir William wollte ihn sich ausleihen, ich habe Euch gefragt, und Ihr habt ja gesagt. Oder so etwas ähnliches", fügte er wahrheitsgetreu hinzu. Eigentlich war es eher ein "hmmm" als ein "ja" gewesen.

Irian hob eine Augenbraue. "Wenn du das sagst, wird es wohl so gewesen sein. Mit anderen Worten, der Kasten ist in Williams Zimmer?"

Mog hob die Schultern. "Das würde ich annehmen, ja."

"Dann werde ich da mal nachsehen gehen." Sie lächelte Mog plötzlich überaus liebenswürdig an. "Danke."

"Keine Ursache", murmelte Mog und sah ihr nach, als sie die Treppe hinaufging.

Irian klopfte erneut an Williams Tür, wartete aber diesmal eine Antwort erst gar nicht ab und wollte eintreten. Angesichts des Anblicks, der sich ihr bot, blieb sie stehen, als sei sie gegen eine Wand gelaufen. Mitten im Zimmer standen Sir William von Tintagel und Madeleine de Neuville eng umschlungen und küßten sich hingebungsvoll. Irian machte den Mund auf, um etwas zu sagen, stellte fest, daß kein Ton herauskommen wollte, und schloß ihn wieder. Augenblicke später ließen die beiden ohne jede Eile voneinander ab und drehten sich zu ihr um.

"Hallo Irian", sagte Madeleine, und in ihren Augen blitzte es amüsiert.

"Komm doch herein", fügte William sichtlich erheitert hinzu.

Irian folgte der Einladung, schloß die Tür und ließ sich auf den nächsten Sessel fallen. Madeleine legte den Kopf schräg und betrachtete sie. "Du solltest deinen Unterkiefer vom Boden aufheben, ehe jemand darüber stolpert", schlug sie vor.

Irian nickte schwach, dann riß sie sich zusammen. "Würdet ihr zwei mir vielleicht mal erklären, was heute Nacht eigentlich passiert ist? Was ich in den letzten Stunden an Gefühlen und Stimmungsschwankungen erlebt habe, war ziemlich beängstigend."

Madeleine nickte und wurde ernst. "Beängstigend trifft die Sache recht gut, fürchte ich. Wir haben wieder einmal feststellen müssen, daß das, was hier vor sich geht, einige Nummern größer ist, als wir zuerst dachten."

Sie erzählten von ihrem Besuch im Palast und von Gregorius' sogar für einen Malkavianer seltsamem Verhalten. "Ich war mir absolut sicher, daß er von mir redet", meinte William schaudernd. "Ich war überzeugt, daß er meinen Tod gesehen hat."

Madeleine sah ihn von der Seite an. "Deswegen bist du so blaß geworden. Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich hatte ehrlich gesagt keinen Moment den Eindruck, daß er einen von uns beiden meint. Mein erster Gedanke war, daß er von seinem eigenen Tod redet. Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher, ich glaube eher, daß er Caius gemeint hat. Oder Michael. Sei froh, daß du das nicht erlebt hast, Schwester. Der Palast war wie ein Grab. Es würde mich gar nicht mehr wundern, wenn wir demnächst erfahren würden, daß Prinz Michael nicht mehr ist. Die Stimmung da drin war jedenfalls entsprechend."

"Das war also diese erste Verzweiflung, die ich gespürt habe", sagte Irian nachdenklich. "Ich hatte auch irgendwie den Eindruck, daß sie eher von William kam als von dir. Aber gemessen an dem, was später kam, war das auch noch fast harmlos."

"Fast, ja", murmelte William und berichtete weiter. Er erzählte von der Kathedrale und von dem Gespräch mit Bruder Matthias. "Der Mann macht einen sehr vernünftigen Eindruck", meinte er. "Und er weiß eine Menge. Wenn wir ihn als Verbündeten bekommen können, haben wir viel gewonnen."

Madeleine beschrieb ihre Vision, als sie das Kreuz gelesen hatte. Irian nickte. "Daher kam das also. Ich habe es auch gesehen. Diese Ebene und die sterbenden Engel..."

Madeleine nickte. "Es war ziemlich furchtbar. Unser Bruder wollte mir das allerdings nicht so recht glauben, und bestand darauf, selbst auch noch einmal nachzusehen. Und das hätte er besser bleiben lassen. William hatte schon vorher zu diesen ganzen Dingen eine etwas andere Einstellung als ich. Ich hatte meinen Glauben weitgehend verloren, seiner war die ganze Zeit da. Wahrscheinlich hat ihn das deswegen schlimmer getroffen als mich."

William bemerkte sehr wohl, daß Madeleine nicht die Absicht hatte, Irian in die anderen Dinge einzuweihen, die er gesehen hatte, oder sie wissen zu lassen, daß er seine Informationen keineswegs aus dem Holzkreuz gewonnen hatte. Er respektierte das und beschloß, für den Moment nicht näher darauf einzugehen.

"Ich habe allerdings auch gemerkt, daß dich das ziemlich mitgenommen hat, Bruder", meinte Irian. "Ich war für ein paar Stunden völlig ausgeschaltet. Irgendwie habe ich mitbekommen, daß du... abgerutscht bist, dich entfernt hast, ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll. Dann wurde es plötzlich warm, und du warst wieder da. Warst du das?" Sie sah Madeleine an, und die Lasombra nickte. Irian betrachtete William nachdenklich. Dann lächelte sie plötzlich. "Es ist gut, daß du wieder da bist, William. Die letzten Nächte waren nicht besonders angenehm." Sie stand auf. "Genug davon, das muß ich erst verarbeiten. Weswegen ich eigentlich hergekommen bin... hast du meinen Kasten noch?"

William grinste. "Sicher."

"Dann gib ihn mir doch mal, dann lasse ich euch zwei Hübschen auch gleich wieder alleine."

"Oh, ich habe ihn sicher verwahrt. Wer weiß, wenn ich ihn dir gebe, machst du ihn vielleicht kaputt." Sein Grinsen wurde langsam unverschämt.

"William!" Sie sah ihn vorwurfsvoll an. Dann wurde ihr Blick beinahe flehend. "Bitte!"

Madeleine sah sehr interessiert zu. "Erstaunlich", bemerkte sie. "Glaubst du, du schaffst es, daß sie Männchen macht?"

Irian warf ihr einen giftigen Blick zu, dann wandte sie sich wieder an William. "Bruder?"

William lächelte sie zuckersüß an und rührte sich nicht. Madeleine mußte lachen. "Hab Erbarmen und gib ihr das Ding", bat sie. "Das kann man ja nicht mit ansehen."

"Na gut", meinte er, nahm den Kasten aus einer Schublade und reichte ihn Irian. Die Gangrel griff hastig danach. Ehe sie jedoch irgendetwas damit tun konnte, begann die Luft vor ihr plötzlich zu flimmern. Mitten im Raum erschien eine Tür, die sich öffnete. Heraus trat eine Gestalt in einer sehr seltsamen Rüstung. Die Geschwister erkannten den Ritter, den sie damals in Zeitlabyrinth unter dem Kloster Tristram getroffen hatten. Der Mann hatte behauptet, aus der Zukunft zu kommen, und er war es auch gewesen, er ihnen den Kasten "ausgeliehen" hatte.

"Da seid ihr ja endlich", rief er. "War gar nicht einfach, euch zu finden. Das war nicht nett, daß ihr mich damals bestohlen habt." Er nahm der völlig verblüfften Irian den Kasten aus der Hand, dann winkte er ihnen zu und verschwand. Während die Geschwister ihm noch verwirrt nachsahen, flimmerte es erneut, und vor ihnen erschien der Abt von Tristram. Er nickte ihnen wohlwollend zu.

"Eure Zeitlinie ist wirklich überaus interessant zu verfolgen. Ein Glück, daß Ihr diesen Zugang zum Labyrinth bei uns gefunden habt. Ein Wort der Warnung noch: nicht alles, was Ihr über die Zukunft gelesen habt, muß genau so eintreten. Was den Zeitpunkt der Mondfinsternis angeht, die für Euch so wichtig ist, da hat Euch der Kasten nicht belogen. Der Rest... man wird sehen." Damit verschwand er, und ließ drei vollkommen fassungslose Kainiten zurück. Die Geschwister sahen sich einen Moment lang an, dann warf Irian den Kopf zurück und stieß ein lautes Heulen aus.

Madeleine seufzte. "Ja, ich weiß genau, was du meinst. Wir sind endgültig wahnsinnig geworden."

William nickte betrübt, und mit einem Mal lagen sich alle drei in den Armen. Dieser letzte Schock war eindeutig zuviel gewesen, und jeder von ihnen hatte plötzlich das Bedürfnis, sich zu vergewissern, daß wenigstens die anderen noch da waren und die Welt noch nicht vollkommen aus den Fugen geraten war.

Nach einer Weile löste sich die Gangrel von ihnen. "Ich werde mal nach Markus sehen", meinte sie. "Zumindest einer, der sich freuen wird, daß der Kasten weg ist." An der Tür drehte sie sich noch einmal um und grinste Madeleine an. "Übrigens, Schwester, was ich dir noch sagen wollte... das war eine ziemlich reife Leistung, wie du gestern Nacht mit diesem Gargoyle umgesprungen bist. Dein Stil mit den Krallen läßt zwar noch ein wenig zu wünschen übrig, aber für einen Anfänger war das nicht übel."

Madeleine grinste zurück. "Welch Kompliment aus berufenem Munde. Wie wäre es, wenn du mir bei Gelegenheit ein paar Nachhilfestunden gibst, damit ich beim nächsten Mal etwas stilvoller zuschlagen kann?"

Irian verneigte sich. "Stets zu Diensten, Schwester." Sie zwinkerte anzüglich. "Viel Spaß noch."

Als sie gegangen war, schloß William die Tür hinter ihr und drehte sich zu Madeleine um. "Wo waren wir stehengeblieben?" fragten beide wie aus einem Mund. Er lachte und zog sie an sich. "Und was mache ich jetzt mit dir?"

Sie lächelte. "Ich bin sicher, wenn du lange und gründlich nachdenkst, wird dir etwas einfallen."

Ihm fiel tatsächlich etwas ein, und er mußte nicht einmal besonders lange dafür nachdenken.

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