Kapitel 11
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William erwachte, und neben ihm bewegte sich etwas. Es dauerte eine Sekunde, ehe die Erinnerung an die letzte Nacht die Reste seines Traums aus seinen Gedanken vertrieb, dann öffnete er die Augen und lächelte Madeleine an.

"Guten Abend, du Langschläfer", sagte sie und küßte ihn, ehe er antworten konnte. Während er den Kuß noch erwiderte, klopfte es. William seufzte.

"Ja?"

Draußen räusperte sich jemand. "Den Bericht, Sir?" fragte James durch die geschlossene Tür.

"Später", antwortete William.

"Jawohl, Sir." Draußen entfernten sich Schritte.

"Spätestens jetzt dürften zumindest unsere Ghoule Bescheid wissen", kommentierte der Ventrue.

Madeleine hob die Schultern. "Das war abzusehen. Ich werde mich damit abfinden müssen, daß mein Ruf endgültig ruiniert ist." Sie machte nicht den Eindruck, als würde sie besonders darunter leiden.

"Wieso das denn?"

Sie reckte sich. "Mein lieber William, das ist die Ungerechtigkeit dieser Welt. Ein Mann, der viele Frauengeschichten hat, wird normalerweise noch bewundert. Für eine Frau, die sich mit mehreren Männern einläßt, haben anständige Leute deutlich unfreundlichere Namen. Besonders, wenn einer dieser Männer auch noch mit einer anderen verheiratet ist."

Er sah sie nachdenklich an. "Es ist allerdings ungerecht. Aber wahr, das stimmt schon."

"Ich bedaure es trotzdem nicht." Sie lächelte plötzlich. "Das einzige, was ich bedaure, ist, daß wir heute ziemlich viel zu tun haben und jetzt wirklich aufstehen sollten." Sie begann, sich nach ihren Kleidern umzusehen. "Ich sollte vielleicht, bevor wir nach unten gehen, in meinem Zimmer vorbeischauen und mir etwas Anständiges zum Anziehen..." Sie brach ab, als ihr Blick auf einen Stuhl fiel. Anstelle der Lederkleidung, die sie letzte Nacht getragen hatte, lag eines von ihren Kleidern sauber gefaltet darauf. "Ich würde sagen, Francesca weiß auch Bescheid", meinte sie trocken und deutete auf das Kleid.

William grinste. "Alles andere hätte mich auch gewundert. Es ist schließlich ihre Aufgabe, Bescheid zu wissen. Soll ich dir beim Anziehen helfen?"

 

In der Eingangshalle wartete Mog auf sie. "Guten Abend, die Herrschaften. Sir, diese bulgarische Kriegerin, die Ihr eingeladen hattet, ist eingetroffen."

"Ah, Lena, sehr gut. Ich werde mich nachher um sie kümmern."

Sie betraten den Blauen Salon, in dem heute Abend recht wenig los war. Erk war da, von den anderen Gästen war nichts zu sehen. Lena stand etwas abseits von den übrigen Gefäßen an einer Seite des Raums und beobachtete. Ihr Gesicht, fand Madeleine, als sie an Williams Arm den Raum betrat, war das reinste Bilderbuch. In dem winzigen Moment, ehe sie ihre Anwesenheit bemerkt hatte, war leichte Anspannung zu sehen. Sie behielt alles im Blick, wußte aber offensichtlich nicht so recht, was davon zu halten war. Ein derartig reiches Haus hatte sie wohl nicht erwartet. Als ihre Augen auf William fielen, leuchteten sie erfreut auf - um sich schlagartig wieder zu verfinstern, als sie Madeleine an seiner Seite sah. Der Blick, den sie der Lasombra zuwarf, war voll unverhohlener Eifersucht und spontaner Abneigung. Hier sollten sofort einige Dinge klargestellt werden, dachte Madeleine, richtete sich unmerklich etwas höher auf und ließ die Kriegerin ein wenig von ihrer Macht spüren. Äußerlich veränderte sich gar nichts, aber ihre Miene war plötzlich die einer Königin. Offensichtlich verwirrt sank Lena wie die anderen Anwesenden auf die Knie. Das reichte für den Anfang, entschied die Lasombra, und nickte höflich grüßend in den Raum.

Die Geschwister gesellten sich zu Erk. "Ziemlich ruhig hier", bemerkte William. "Wo steckt denn der ganze Rest?"

Erk zuckte die Schultern. "Irgendwo im Haus. Markus ist draußen bei seinen Templern, Irian dürfte vermutlich noch schlafen, die drei Malkavianer sind auf dem Dach..." Er runzelte die Stirn. "Den Ravnos habe ich schon ziemlich lange nicht gesehen. Seine zwei Kumpane sind mit Hassan im Atrium, aber wo er selbst steckt..."

"Um den brauchen wir uns wohl keine Gedanken mehr zu machen", meinte Madeleine. "So wie es aussieht, würde ich vermuten, daß Hassan ihn... zu sich genommen hat."

William nickte. "Das denke ich auch, ja. Die beiden schienen gewisse Differenzen zu haben, als wir vorgestern aus dem Palast aufgebrochen sind. Ich nehme an, daß Hassan die unterwegs beseitigt hat."

"Und wenn schon", sagte Madeleine achselzuckend. "Der Kerl war ein Risiko. Wenn Hassan ihn nicht erledigt hätte, hätte einer von uns das früher oder später getan, und wozu vitae verschwenden?"

Erks Miene war im Verlauf des Gesprächs immer finsterer geworden. Mit einem Mal knurrte er wütend, drehte sich auf dem Absatz um und stapfte aus dem Raum. Madeleine sah ihm verwundert hinterher. "Habe ich etwas falsches gesagt?"

William verzog das Gesicht. "Ich fürchte, ja. Erk hat zu diesen Dingen eine etwas weniger pragmatische Einstellung als wir. Ich hätte wirklich daran denken müssen."

"Es wäre in der Tat nett gewesen, wenn du mich gewarnt hättest, ehe ich mich in die Nesseln setze", bemerkte sie etwas bissig.

"Tut mir leid", murmelte er schuldbewußt. "Er wird sich schon wieder beruhigen. Nur heute Nacht sollte man ihn vielleicht nicht mehr ansprechen." Er schaute sich um und sah Lena, die ihn offen beobachtete. "Ich denke, ich sollte mich allmählich um unseren Neuzugang kümmern. Wenn Irian aufwacht, haben wir andere Dinge zu tun. Wenn du mich entschuldigen würdest?"

Madeleine zwinkerte ihm zu. "Viel Spaß. Und laß dich nicht zu sehr zurichten."

Er grinste nur und schlenderte zu Lena hinüber. "Schön, daß du kommen konntest", begrüßte er sie. "Wollen wir uns nicht draußen ein wenig unterhalten?" Als sie nickte, nahm er ihren Arm und führte sie hinaus, zu einem der Nebenräume, wo sie ungestört waren.

Sie sah sich um und nickte anerkennend. "Tolles Haus", meinte sie. "Du scheinst ja wirklich etwas Größeres zu sein, hätte ich nicht gedacht." Sie sah ihn an. "Und warum bin ich hier?"

"Ich möchte, daß du in meine Dienste trittst", sagte er.

"Hmm", machte sie. "Und was wären meine Aufgaben?"

Er hob die Schultern. "Du bist eine Kriegerin. Du wärst für meinen Schutz zuständig."

Er konnte sehen, wie es in ihr arbeitete. Sie ging langsam um ihn herum, wie eine Katze, die eine Schale Milch umkreiste. "Du machst keinen besonders schutzbedürftigen Eindruck", stellte sie fest. "Ich nehme an", sie deutete auf sein Schwert, "du kannst mit dem Ding da umgehen." Sie runzelte die Stirn. "Übrigens die merkwürdigste Klinge, die ich je gesehen habe, und ich habe schon einige gesehen." Sie setzte ihren Rundgang fort, während er unbeweglich stehen blieb.

"Glaubst du an übernatürliche Dinge?" fragte er plötzlich.

Sie blieb einen Moment stehen, dann ging sie weiter um ihn herum. "Übernatürlich? Wie im Märchen? Frau Holle und sowas?"

Er runzelte die Stirn. "Frau was?"

"Frau Holle. Die, die den Schnee macht. Behaupten jedenfalls die Märchen."

Er lächelte. "Nicht direkt, nein. Ich meine andere Dinge. Geister. Werwölfe. Vampire."

"Wo ich herkomme, gibt es ziemlich wilde Wolfsrudel. Und Reisenden wird geraten, bei Sonnenuntergang in einer Herberge zu sein, weil es draußen dann richtig gefährlich wird. Vermutlich ist das alles reichlich übertrieben."

"Nein", sagte William und ließ sie seine Zähne sehen. Sie sprang einen Schritt zurück, und ihre Hand flog an ihr Schwert. Zeit für die erste Lektion, dachte William. Sein Blut ließ ihn so schnell werden, daß sie für seine Augen praktisch mitten in der Bewegung einfror. Mit einem Griff entwand er das Schwert ihren Fingern. Zwei, drei rasche Schritte brachten ihn quer durch den Raum. Als die Wirkung seiner vitae nachließ, stand er fünf Meter von ihr entfernt und klopfte mit einem spöttischen Lächeln leicht mit ihrer Klinge auf seine Handfläche. Sie schluckte, blieb aber stehen. Sie war offensichtlich beeindruckt, Angst hatte sie nicht.

Sie sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an. "Du bist kein Mensch", stellte sie fest. "Was bist du?"

Er kam wieder heran und reichte ihr ihr Schwert, mit dem Griff zuerst. "Ein Wesen der Nacht", sagte er. "Das, was ihr einen Vampir nennt, obwohl wir selbst andere Bezeichnungen dafür bevorzugen."

Sie nahm das Schwert wieder an sich und musterte ihn nachdenklich. "Blutest du?" fragte sie plötzlich.

Er lächelte nur und sagte nichts.

"Kannst du bluten?" wiederholte sie.

"Du solltest es nicht ausprobieren", empfahl er ihr.

"Also kannst du", bemerkte sie zufrieden und steckte ihr Schwert weg. Sie nahm ihre Wanderung wieder auf. "Interessant", murmelte sie. "Du siehst aus wie ein Mensch, du benimmst dich wie einer..." Sie blieb vor ihm stehen, krallte die Hand in sein Haar, zog seinen Kopf zu sich heran und küßte ihn. "Du schmeckst auch wie einer", stellte sie dann fest und fuhr fort, um ihn herumzugehen. "Aber du bist keiner, das habe ich gerade gesehen. Da stellt sich mir die Frage: was willst du wirklich von mir?"

"Wie ich schon sagte: du sollst mich beschützen."

"Red keinen Unsinn", antwortete sie barsch. "Du hast mir gerade gezeigt, was du kannst. Du brauchst meinen Schutz nicht."

"Ich sagte bereits, ich bin ein Wesen der Nacht. Am Tag kann ich nicht handeln, ich muß ruhen. Und dann sollst du auf mich aufpassen."

"Dieser lange Kerl da draußen mit dem riesigen Schwert... ist das auch so einer wie du?" fragte sie.

William nickte.

Sie runzelte die Stirn, als fiele ihr plötzlich etwas ein. "Und wer ist das Weibsbild, mit dem du vorhin reingekommen bist?"

Er hob eine Augenbraue. "Sie ist eine Gefährtin, ebenfalls eine meiner Art. Und du solltest sie nicht 'Weibsbild' nennen, sie ist eine Herrin dieses Hauses und hat hier genausoviel zu sagen wie ich."

Lena schien wenig begeistert von dieser Eröffnung, ging aber nicht weiter darauf ein. "Also, ich soll auf dich aufpassen. Du bist irgendwas besonderes, hast offensichtlich viel Geld, und ein hübscher Kerl bist du auch noch. Wo ist der Haken?"

William hob die Schultern. "Wenn du in meine Dienste trittst, ist das eine dauerhafte Sache. Und ich meine wirklich dauerhaft. Ich würde dir etwas von meiner Macht abgeben. Der Nachteil dabei ist, falls ich sterbe, wirst du das vermutlich auch nicht überleben."

"Wenn ich auf dich aufpasse, bin ich im Zweifelsfall vor dir tot", bemerkte sie lakonisch. "Sonst noch etwas?" Sie kniff die Augen zusammen und musterte ihn nachdenklich. "Meine Seele willst du nicht, oder?"

Er lächelte. "Nein. Nur deine Klinge."

"Na dann...", meinte sie achselzuckend. "Einverstanden."

 

Nachdem William gegangen war, zog Madeleine sich mit einem der Gefäße zurück und frühstückte. Ein paar Minuten später verließ sie ebenfalls den Blauen Salon und ging nach oben. Auf dem Flur lief ihr Francesca über den Weg. Ihr Ghoul knickste. "Guten Abend, Herrin."

"Guten Abend. Gibt es etwas Neues aus der Stadt?"

"Nicht wirklich. Die allgemeine Anspannung und Unruhe steigt. Im Moment ist es ruhig, aber das ganze hat etwas von der Ruhe vor dem Sturm."

Madeleine nickte. "Das befürchte ich auch, ja." Sie seufzte. "Weißt du, wo ich William finde? Ich habe gerade in der Bibliothek nachgesehen und war sehr überrascht, daß er nicht dort war."

"Er ist in seinem Zimmer und wieder einmal mit irgendetwas beschäftigt. Ich habe ihm vor ein paar Stunden etwas zu essen gebracht, aber ich bezweifle, daß er das bemerkt hat."

"Wie üblich", murmelte Madeleine und mußte lächeln. "Ich werde mal nach ihm sehen. Ach, übrigens..."

"Ja?"

Madeleine strich ihren Rock glatt und zwinkerte Francesca zu. "Das war sehr aufmerksam."

Francesca neigte den Kopf und versuchte erfolglos, ihre Heiterkeit zu verbergen. "Danke, Herrin."

Madeleine nickte ihr freundlich zu und machte sich auf den Weg zu Williams Zimmer. Auf ihr Klopfen bekam sie keine Antwort. Sie klopfte erneut, und von drinnen kam ein Laut, den man mit etwas gutem Willen als "Herein" interpretieren konnte. Madeleine trat ein. Francesca, das sah sie sofort, hatte nicht übertrieben: Lord Baskerville war in der Tat beschäftigt. Ein Großteil des Fußbodens war mit einem riesigen Pergament bedeckt, das offenbar aus mehreren kleinen Bögen zusammengesetzt war. Die Ecken waren mit Kerzenständern beschwert. Auf dem Pergament kniete William. Er hatte ein Stück Kreide in der Hand, das für Madeleines geschärfte Sinne magisch glitzerte, und zeichnete damit etwas, das sehr nach einem Beschwörungsdiagramm aussah. Madeleine schloß die Tür sehr leise, um ihn nicht zu stören, und betrachtete das Diagramm. Nach einer Weile wußte sie, wozu es gedacht war. William hatte auf ihre Bitte hin seine Kontakte zu den Templern spielen lassen, um Näheres über die drei Weißen Hexen herauszufinden, die ihnen vielleicht gegen den Dämon helfen konnten. Vorgestern war ein Antwortschreiben eingetroffen, das die Anleitung für ein Ritual enthalten hatte, mit dem man die Hexen rufen konnte. Und das, was William da gerade zeichnete, war der entsprechende Beschwörungskreis. So, wie es aussah, war er schon eine ganze Weile damit beschäftigt, der Kreis war zu ungefähr drei Vierteln fertig.

William zeichnete ein angefangenes Symbol zu Ende, dann hob er den Blick. Als er sah, wer hereingekommen war, lächelte er erfreut, stand auf und kam zu ihr. Sie erwiderte das Lächeln und strich ihm sanft übers Gesicht. "Du siehst müde aus", bemerkte sie. "Wie lange bist du schon dabei?"

"Seit gestern früh... glaube ich", sagte er. "Aber es wird uns eine Menge Zeit sparen, wenn es fertig ist. Man kann es zusammenrollen und mitnehmen, und alles, was man dann noch braucht, ist ein ebener Untergrund. Das eigentliche Ritual kann man dann in einer halben Stunde durchführen."

Sie nickte anerkennend. "Eine hervorragende Idee", sagte sie. "Zeit könnte in der Tat ein kritischer Faktor sein, wenn es erst einmal richtig losgeht. Und das hier sieht mir wirklich nach sehr sauberer Arbeit aus." Sie musterte das Diagramm nachdenklich, dann sah sie ihn wieder an. "Brauchst du etwas zu trinken?" fragte sie.

Er schien schwer mit sich zu ringen. "Naja, nicht wirklich dringend. Und ich fürchte, es könnte mich jetzt zu sehr ablenken..."

Sie nickte. "In Ordnung, dann später. Es wäre ein Jammer, wenn dir so kurz vor dem Ziel noch ein Fehler unterlaufen würde. Ich werde dich auch wieder allein lassen, dann kannst du dich besser konzentrieren."

Er schaute etwas enttäuscht. "Du willst schon gehen?"

Sie lächelte. "Soll ich nicht?"

"Naja..." meinte er gedehnt, dann schob er ihr einen Stuhl hin. "Willst du dich nicht setzen?"

Sie setzte sich und sah erstaunt, wie er sich wieder seinem Diagramm zuwandte. Er schaute zu ihr hoch und zwinkerte. "Wenn du schön ruhig da sitzen bleibst, störst du mich auch nicht und kannst hier warten, bis ich fertig bin."

Madeleine brach in lautes Gelächter aus, und er lachte mit ihr. "Ihr seid ein Gauner, Mylord", sagte sie schließlich mit einem warmen Lächeln. "Leider habe ich nicht soviel Zeit, wir haben dem Gargoyle versprochen, daß wir Unterstützung für ihn rufen. Sobald Irian endlich wach ist, machen wir uns an die Arbeit." Sie stand auf und ging zur Tür. "Ich komme wieder, wenn du fertig bist", sagte sie, aber er war schon wieder in seine Arbeit vertieft und nahm sie gar nicht mehr richtig wahr. Sie ging und schloß leise die Tür hinter sich.

 

"Also?" fragte Irian. "Wohin gehen wir?"

"Gute Frage", meinte Madeleine. "Hier im Haus sollten wir das auf keinen Fall machen. Vor die Stadt können wir nicht. Hier in der direkten Nachbarschaft wäre vermutlich auch keine besonders gute Idee. Und ansonsten..." Sie hob die Schultern.

"In dem Viertel, in dem die Herberge liegt, wo wir zuerst gewohnt haben", meinte William nachdenklich. "Da gab es ein paar Parks, da ist im Moment nachts bestimmt keiner. Dort sollten wir relativ ungestört sein."

Keine seiner Schwestern hatte Einwände, also holte William die Steintafel und sie machten sich auf den Weg. Da sie es eilig hatten, mußten sie unterwegs ein paarmal anhalten, um ihren Vorrat an vitae aufzufrischen. Bei der zweiten dieser Gelegenheiten stutzte Madeleine plötzlich. Das Gefäß vor ihr sah äußerlich völlig normal aus, ein Mann mittleren Alters, wahrscheinlich ein Handwerker oder so etwas. Aber irgendetwas stimmte nicht mit ihm. Im selben Moment, in dem ihr das klar wurde, spürte sie etwas beunruhigendes von William, der gerade von der Begleiterin des Mannes getrunken hatte.

"William? Was ist los?"

"Ich weiß nicht", murmelte der Ventrue. "Irgendetwas ist nicht, wie es sein sollte..."

Madeleine sah den Mann vor sich an, der ihren Blick voller Unverständnis erwiderte. Zu riskant, entschied sie. "Du hast mich nie gesehen", erklärte sie. Er nickte verwirrt und wandte sich ab. Die drei Kainiten bogen um die nächste Ecke, dann zog Madeleine ihre Geschwister in einen geschützten Winkel.

"Ich will mir das mal ansehen", sagte sie. "Irian, würdest du bitte aufpassen?"

Die Gangrel nickte, und Madeleine legte eine Hand auf Williams Arm. Sie schloß die Augen, verdrängte ihre Umwelt und konzentrierte sich mit aller Macht auf den Ventrue und das seltsame Gefühl, das vorhin von ihm ausgegangen war. Irgendetwas hatte offensichtlich mit dem Blut nicht gestimmt, das er getrunken hatte, und sie wollte wissen, was das war. Für ein paar Sekunden blitzte eine Vision vor ihrem geistigen Auge auf, dann war sie verschwunden. Aber der Moment hatte ausgereicht. Sie schlug die Augen auf und schauderte.

"Was hast du gesehen?" fragte William beunruhigt.

"Den Dämon, und wie alle Kainiten dieser Stadt praktisch Wachs in seinen Händen waren. Kein einziger hatte noch den Willen, ihm Widerstand zu leisten, er hatte sie alle gebrochen. Und ich bin mir ziemlich sicher, daß das keine besonders ferne Zukunft war, die ich da gesehen habe. Der Mistkerl vergiftet unsere Nahrung."

William wurde blaß. "Wir müssen unbedingt die anderen warnen, wenn wir ins Haus zurückkommen. Unsere eigenen Gefäße sind sicher, aber in der Stadt sollte nicht mehr getrunken werden."

Irian nickte. "Es würde reichen, wenn einer von uns unter seinen Einfluß gerät und den Kerl ins Haus einlädt."

"Laßt uns zusehen, daß wir weiterkommen", meinte Madeleine. "Je eher wir das hier hinter uns bringen, desto schneller kommen wir zurück."

 

Zwei Stunden vor Sonnenaufgang war es geschafft. Madeleine ließ sich erschöpft auf den Rasen sinken und sah ihre Geschwister an. Von den gerufenen Gargoylen war nichts zu sehen, aber sie würden kommen, das war sicher.

"Laßt uns heimgehen", murmelte Irian, die ähnlich mitgenommen aussah. Ehe einer der beiden anderen antworten konnte, rauschte es in der Luft über ihnen, dann stand Travion vor ihnen.

"Ich danke Euch", sagte er. "Mein Clan ist unterwegs hierher, das kann ich spüren. Habt Ihr es eilig, nach Hause zu kommen?"

Madeleine und William nickten. Irian warf dem Gargoyle einen mißtrauischen Blick zu, nahm ihre Fledermausgestalt an und flatterte davon. Travion beugte sich herab, nahm Madeleine vorsichtig in die Arme und breitete die Flügel aus. Als er abhob, griffen seine krallenbewehrten Füße nach William und packten ihn, ohne ihn zu verletzen. Den beiden wurde kurz schwindlig, und Sekunden später spürte William, wie er wieder losgelassen wurde. Er landete im Atrium der Villa. Travion kam neben ihm herunter und setzte Madeleine sanft ab. "Danke", sagte William. Der Gargoyle nickte nur, dann hielt er plötzlich wieder sein Buch und seine Schreibfeder in der Hand und schrieb. Die beiden Kainiten betraten das Haus. William sah Madeleine halb bedauernd an. "Ich muß nach Elena sehen", sagte er. "Ich bin dafür verantwortlich, daß sie lernt, was sie wissen muß."

Madeleine nickte. "Ich wollte sowieso noch einmal bei William vorbeischauen", meinte sie. "Er hatte da eine ziemlich brauchbare Idee." Sie erzählte ihm von dem Beschwörungskreis auf dem Pergament, und er nickte anerkennend.

"Gar nicht dumm, der Gedanke", gab er zu. "Wenn wir die Hexen tatsächlich brauchen, dann bedeutet das, daß wir massiv in Schwierigkeiten stecken. Und dann ist Zeit kostbar."

"Das fürchte ich auch, ja. Mir wäre es ja nach wie vor lieber, wenn wir ohne die drei auskämen, aber verlassen will ich mich nicht darauf." Sie lächelte ihn noch einmal an, ehe sie sich zur Treppe wandte. "Wir sehen uns morgen Abend."

Als sie nach oben kam und leise an Williams Tür klopfte, bekam sie keine Antwort. Vorsichtig öffnete sie die Tür und sah ins Zimmer. Auf einem Tisch lag eine sehr große, versiegelte Pergamentrolle. Und im Bett lag Lord William von Baskerville und schlief wie ein Stein. Madeleine lächelte, schloß sehr leise die Tür und zog sich in ihr eigenes Zimmer zurück.

 

Als Francesca am nächsten Abend bei ihr erschien, wirkte sie beunruhigt. "Im Hafen sind Kriegsschiffe aufgetaucht. Die loyalen Vasallen aus dem Umland wollen die Herrscher der Stadt dabei unterstützen, den Pöbel in seine Schranken zu weisen, wie sie sich ausdrücken. Aber das merkwürdige ist, sie greifen nicht an. Jedenfalls nicht die Stadt. Stattdessen entern sie sich gegenseitig. Irgendetwas geht da draußen vor, was nicht normal ist, aber ich kann nicht sagen, was genau los ist. Bemerkenswert ist aber, daß das alles am Tag vor sich geht."

"Das würde gegen den Dämon sprechen", meinte Madeleine nachdenklich. "Der ist nachts aktiv, genau wie wir. Ob da Bruder Matthias und sein Magierzirkel versuchen, das Volk zu beschützen?"

Francesca hob die Schultern. "Ich weiß es nicht. Um genaueres herauszufinden, müßte man zum Hafen hinunter, und das ist nicht ungefährlich."

Madeleine nickte. "Ich denke, ich werde mich später einmal selbst dort umsehen. Es könnte wichtig sein, zu wissen, was da passiert."

Francesca sah sie besorgt an. "Seid vorsichtig", bat sie.

Madeleine lächelte. "Keine Angst, das bin ich. Ich werde auch mit Sicherheit nicht allein da hingehen, das wäre zu riskant. Ich habe momentan wirklich ein großes Interesse daran, noch ein Weilchen weiterzuexistieren. Gibt es sonst noch etwas?"

"Ja, es ist ein Brief für Euch abgegeben worden." Francesca reichte ihr ein versiegeltes Pergament. Das Siegel zeigte ein verziertes L, das gleiche Symbol, das Madeleine schon früher auf einem Ring aufgefallen war, den Bruder Matthias trug. Sie nahm den Brief und erbrach das Siegel. Das Schreiben enthielt eine Einladung an sie und ihre Geschwister, sich um Mitternacht in der Kathedrale einzufinden. Offenbar hatte Bruder Matthias die Informationen bekommen, die er hatte haben wollen, und war der Ansicht, daß ein Pakt von Vorteil sein würde.

Madeleine nickte zufrieden. "Ausgezeichnet. Wenigstens eine gute Nachricht."

"Ich glaube, ich habe noch eine zweite", meinte Francesca mit einem spitzbübischen Lächeln. "Draußen vor der Tür steht ein Rosenstrauß mit Beinen und möchte Euch sehen."

Madeleine lachte. "Dann laß ihn herein, ehe er welk wird."

"Sehr wohl, Herrin", erwiderte Francesca mit gespieltem Ernst, und ging. "Mylady läßt bitten", sagte sie draußen und hielt die Tür auf. In der Tat kam William von Baskerville herein, nur undeutlich zu erkennen hinter einem gigantischen Strauß dunkelroter Rosen. Francesca schloß unauffällig die Tür hinter ihm. Madeleine schüttelte lächelnd den Kopf, als er die Blumen in eine Vase stellte und sich zu ihr umdrehte.

"Es freut mich, daß deine Laune sich anscheinend deutlich gebessert hat", bemerkte er und erwiderte das Lächeln. "Das ist mir gestern Nacht schon aufgefallen. Darf ich erfahren, wieso?"

Madeleine nahm ihn in die Arme. "Eigentlich gibt es ja wenig Grund dazu, wenn man überlegt, wie es draußen so aussieht. Aber es sind in den letzten Nächten einige Dinge passiert... vermutlich hast du das meiste nicht mitbekommen, wenn du so beschäftigt warst." Ihr kam ein Gedanke. "Du bist doch schon eine Weile länger in der Stadt. Kennst du zufällig einen gewissen Bruder Matthias?"

William stöhnte gequält. "Allerdings, den kenne ich. Zu seinen Predigten sollte man ein großes Stück Wachs mitnehmen, für Ohrenstopfen. Er redet und redet und findet kein Ende."

Madeleine kicherte amüsiert. "Ja, er ist ziemlich wortgewaltig. Ich war neulich dabei, wie er einen Trupp Templer heruntergeputzt hat. Die Ärmsten konnten einem direkt leidtun."

Er schnaubte verächtlich. "Templer... wo ist das Problem? Allerdings habe ich einmal erlebt, wie er einen Inquisitor auseinandergenommen hat. Das war schon eher beeindruckend, der Mann war hinterher noch kleiner als er. Seine Ansichten sind jedoch in der Kirche nicht unbedingt beliebt. Sein Orden hat ihn praktisch ausgeschlossen, er trägt die Kutte nur noch, weil er nichts anderes hat."

Sie runzelte die Stirn. "Er predigt aber noch."

"Er hat eine Art Abkommen mit dem Priester der Kathedrale beim Palast. Der erlaubt einem Wanderprediger, die Kirche zu benutzen."

"Und der Wanderprediger ist..."

"... Bruder Matthias, genau. Einer seiner kleinen Winkelzüge. Er hat eine ungesunde Vorliebe dafür, seine Grenzen bis zum Äußersten auszureizen."

"Du scheinst ja nicht besonders viel von ihm zu halten", stellte sie fest. "Hast du auch gewußt, daß er ein Magier ist?"

Das überraschte ihn dann doch. "Nein, das wußte ich nicht."

"Er ist einer, und kein Anfänger. In der Kathedrale sitzt ein ganzer Zirkel. Diese Leute mögen übrigens den Dämon auch nicht besonders. Wir haben später eine Verabredung mit ihnen. Es wäre sehr sinnvoll, wenn wir uns gemeinsam um dieses Problem kümmern. Was mich übrigens zu den Dingen bringt, die du in den letzten Nächten verpaßt hast." Sie erzählte ihm von dem Besuch im Palast, dem anschließenden Treffen mit dem Priester und auch von dem, was sein Kreuz ihr gezeigt hatte.

William sah sie nachdenklich an. "Dir ist klar, daß das, was du da gerade gesagt hast, Blasphemie ist."

Sie hob die Schultern. "Ich habe es gesehen, und ich zweifle nicht daran, daß es wahr ist", sagte sie. "Wie kann die Wahrheit Blasphemie sein?"

"Du weißt so gut wie ich, daß die Kirche sich oft genug nicht um die Wahrheit schert", meinte er trocken. "Ich wollte damit nur sagen, daß man derartige Dinge besser nicht allzu lautstark verbreiten sollte, wenn man keinen Ärger will."

"Das habe ich auch nicht vor", beruhigte sie ihn. "Allerdings hatte die Sache noch Folgen." Sie berichtete ihm von der Wirkung, die die Vision auf William gehabt hatte und von dem, was in der Gasse passiert war. Dann holte sie tief Luft. "Und später ist noch etwas geschehen." Sie sah ihn an, und ehe sie weitersprechen konnte, beugte er sich herab und küßte sie. "Du weißt es", stellte sie schließlich fest.

Er nickte. "Du kennst meine Meinung. Sie hat sich nicht geändert."

"Meine auch nicht", flüsterte sie, dann zog sie ihn an sich und sagte nichts mehr.

 

Etwas später begegnete ihr ihr Bruder auf dem Weg zum Blauen Salon. "Hast du letzte Nacht die anderen noch warnen können, daß das Essen in der Stadt nicht mehr sicher ist?" fragte sie ihn.

"Die meisten", sagte er. "Die Malkavianer wissen Bescheid, Hassan und seine Schützlinge auch. Nur Erk habe ich nicht mehr gesehen, er war nicht da, als wir zurückkamen."

Als wäre es ein Stichwort gewesen, betrat in diesem Moment Erk die Halle. William nickte ihm zu. Der Brujah begrüßte die beiden respektvoll, aber kühl. Auf Williams Warnung hin sagte er nur knapp: "Ich habe es schon gehört. Ich werde vorsichtig sein." Damit verneigte er sich noch einmal und wollte gehen.

Madeleine rief ihn zurück. "Monsieur van der Wehr?"

Er blieb stehen. "Mylady?"

"Falls ich Euch gestern Abend beleidigt haben sollte, so geschah das aus Unwissenheit. Es war nicht meine Absicht, Euch zu nahe zu treten, und ich bitte Euch, mir das nachzusehen."

Er sah sie einen Moment lang ausdruckslos an, dann nickte er zustimmend und ging.

Madeleine hob eine Augenbraue und sah William fragend an. Der Ventrue zuckte die Schultern. "Thema erledigt, würde ich meinen. Solange wir in Zukunft etwas vorsichtiger in unserer Wortwahl sind, sollte es keine Probleme mehr geben." Er machte eine einladende Geste zum Blauen Salon hin. "Frühstück?"

"Einverstanden", sagte sie. "Und danach sollten wir uns irgendwohin zurückziehen, wo wir uns ungestört unterhalten können, es gibt Neuigkeiten." Er sah sie fragend an. "Nach dem Frühstück", sagte sie fest.

 

William schloß die Tür des Arbeitszimmers hinter sich und sah Madeleine an. "Also? Was gibt es Neues?"

"Zwei Dinge", sagte sie. "Das erste weißt du vielleicht schon. Hast du von den Schiffen im Hafen gehört?"

"James hat davon berichtet, ja. Klingt ausgesprochen merkwürdig."

"Allerdings. Ich denke, wir sollten uns das mal ansehen. Das würde sich hervorragend mit der zweiten Sache verbinden lassen, von der ich dir erzählen wollte. Wir haben eine Verabredung." Auf seinen fragenden Blick hin reichte sie ihm den Brief von Bruder Matthias.

Er las ihn und nickte zufrieden. "Du hast recht, das paßt ausgezeichnet. Wir sollten uns rechtzeitig vor Mitternacht auf den Weg machen."

Madeleine drehte den Kopf, als würde sie lauschen. "Irian wacht gerade auf", stellte sie fest. "Vielleicht sollten wir gehen, sobald sie mit dem Frühstück fertig ist."

William nickte. "In Ordnung. Aber ein paar Minuten haben wir ja noch..." Er lächelte und legte die Arme um sie.

Sie wollte gerade etwas sagen, da erklang hinter den beiden eine vertraute Stimme. "Guten Morgen, meine Lieben."

"Toranaga?" riefen beide wie aus einem Mund. Tatsächlich stand der Japaner in voller Lebensgröße im Raum. Er hob leicht eine Augenbraue, als er Madeleine in Williams Armen sah, enthielt sich aber eines Kommentars.

"Wo warst du?" fragte William erstaunt.

Toranaga grinste nur und boxte ihm spielerisch gegen die Schulter. Der Ventrue gab das natürlich sofort zurück - und im selben Moment wurden er und Madeleine von einem grellen Blitz geblendet. Als sie wieder sehen konnten, standen sie im hellen Sonnenschein. Die Lasombra schrie erschrocken auf und drückte sich an William. Gleich darauf merkten allerdings beide, daß die Sonne ihnen nicht schadete. Sie standen in dem selben japanischen Garten, in dem sie sich vor einigen Wochen schon einmal wiedergefunden hatten. Damals, als Toranaga sie zu Hilfe geholt hatte, um gegen den Baumgeist zu kämpfen. Madeleine sah ihn vorwurfsvoll an.

"Bruder, es ist schön, dich wiederzusehen, aber mußtest du uns dabei so erschrecken?"

"Ja", erklärte er, und sein Grinsen wurde noch eine Spur breiter.

William sah sich nachdenklich um. "Ich dachte, das Problem mit deinem Feind sei gelöst. Warum bist du hier?"

"Ich weiß es nicht", antwortete Toranaga. "Aber ich bin schon ziemlich lange hier, jedenfalls länger, als ich nicht in Konstantinopel bin. Falls das für euch einen Sinn ergibt. Und ich habe festgestellt, daß die Grenze, die diese Welt von der anderen trennt, durchlässiger ist, als ich dachte. Ich habe einiges von dem mitbekommen, was bei euch in letzter Zeit passiert ist. Und auch, daß das Band zwischen uns plötzlich stärker geworden ist."

"Und warum hast du uns geholt?" fragte Madeleine. "Nicht, daß ich es nicht genießen würde, wieder einmal ungefährdet die Sonne sehen zu können, aber deswegen sind wir doch bestimmt nicht hier."

Er schüttelte den Kopf. "Nein, das ist nur ein angenehmer Nebeneffekt. Wie ich bereits sagte, ich bin schon seit einer Weile hier. Ich habe einige sehr interessante Leute getroffen, und ich habe sehr viel gelernt. Einiges davon möchte ich mit euch teilen, deshalb habe ich euch geholt. Übrigens müßte Irian auch jeden Moment..."

Plötzlich stand die Gangrel neben ihnen. Das unerwartete Sonnenlicht erschreckte sie ebenso wie ihre Geschwister, und sie war schon halb in der Erde versunken, ehe sie merkte, daß es ihr nichts tat. "Das hätte ich mir denken können", meinte sie etwas säuerlich und sah Toranaga an. "Du hattest schon immer einen sehr seltsamen Humor." Dann grinste sie plötzlich und umarmte ihn zur Begrüßung.

Toranaga sah lächelnd von einem zum anderen, dann wurde er ernst. "Wie gesagt, ihr seid hier, um zu lernen, also sollten wir keine Zeit verlieren. Irian, du solltest dich einmal da hinten am Rand des Gartens umschauen. Da wirst du jemanden treffen, den du sicher gerne kennenlernen willst."

Die Gangrel hob fragend eine Augenbraue, aber als er keine weitere Erklärung gab, zuckte sie nur die Schultern und ging in die Richtung, in die er gedeutet hatte.

Toranaga sah Madeleine an. "Dir würde ich empfehlen, zu dieser einzeln stehenden Hütte da drüben zu gehen. Stelle dich dem, den du darin findest, mit Respekt vor und sieh, was er dir zeigen kann."

Sie nickte und sah nachdenklich zu der Hütte hinüber.

"Und du", sagte er zu William, "kommst mit mir." Dann packte er den überraschten Ventrue am Arm und zog ihn hinter sich her auf ein Haus zu. William wand sich in seinem Griff und wurde fast wütend, als er feststellen mußte, daß er keine Chance hatte, ihm zu entkommen. Toranaga ignorierte seinen Protest ungerührt.

"Laß mich los", zischte William. "Ich folge dir, aber ich lasse mich nicht wie einen Sack hinter dir herschleifen."

Endlich ließ der Japaner los, aber da waren sie auch schon am Ziel angekommen. Das kleine Haus beherbergte einen Trainingsraum. Toranaga legte seine Familienschwerter sehr ehrerbietig ab und griff nach zwei einfachen Katanas. Eins davon warf er William zu, der es geschickt auffing. Dann grinste er. "Dann zeig mir mal, was du kannst", sagte er, und griff an.

Madeleine, die immer noch da stand, wo sie angekommen war und zum Dojo hinüberschaute, kam aus dem Staunen kaum heraus, als sie den beiden zusah. Beide Kämpfer benutzten ihre vitae, um ihre Bewegungen schneller werden zu lassen, und das Auge konnte ihnen kaum noch folgen. Gleichzeitig hatte das, was dort drüben ablief, die Eleganz und Schönheit eines komplizierten Tanzes. Madeleine mußte neidlos anerkennen, daß sie eine derartige Meisterschaft mit der Klinge wohl nie erreichen würde. Jedenfalls nicht in den nächsten paar Jahrhunderten. Sie wandte sich ab und ging zu der einzelnen Hütte hinüber.

Innen war es dunkel. Jeder Winkel war von Schatten erfüllt, die sich bewegten und fast unhörbar flüsterten. In der Mitte des Raums stand ein alter Mann. Sein weißer Bart hob sich scharf von der schwarzen Kleidung ab, die er trug. Sie hüllte ihn von den Zehen bis zum Hals ein, und Madeleine war sicher, daß sie nicht aus gewöhnlichem Stoff gemacht war. Die lichtschluckende Schwärze des Materials erinnerte sie an die Schatten, die sie selbst schon angelegt hatte. Madeleine verneigte sich ehrerbietig und blieb mit gesenktem Kopf respektvoll stehen, bis er sie ansprach. Zumindest vorläufig schien ihr Gegenüber aber keineswegs die Absicht zu haben, das zu tun. Er nahm ihre Anwesenheit überhaupt nicht zur Kenntnis, sondern stand nur regungslos da und starrte über sie hinweg. Der Lasombra war klar, daß er ihre Geduld auf die Probe stellen wollte. Sie war durchaus entschlossen, bis Sonnenuntergang oder noch länger hier stehenzubleiben, wenn es das war, was er sehen wollte. Also wartete sie.

 

Es war bereits später Nachmittag, als William sich erschöpft gegen die Wand des Dojos sinken ließ. Er sah zu Toranaga hinüber, der ebenfalls den Eindruck machte, als könne er kaum noch seine Klinge heben. "Unentschieden?"

Der Samurai nickte schwach. "Einverstanden. Ich glaube, für heute reicht es. Hast du Hunger?"

"Und wie", gab William zu.

Toranaga erhob sich etwas mühsam. "Dann sollten wir etwas dagegen unternehmen."

Im Haupthaus erwartete die beiden ein Bad und danach ein reich gedeckter Tisch. William sah etwas verwundert darauf. "Wir können hier essen?"

Toranaga nickte. "Wir können, und was noch besser ist, wir werden sogar satt davon." Er deutete mit einer einladenden Geste auf das Festmahl. "Greif zu. Auf unsere beiden Damen müssen wir nicht warten, die dürften noch eine Weile beschäftigt sein."

William ließ sich das nicht zweimal sagen. Er setzte sich und machte sich über den Inhalt der Schüsseln her. Toranaga ließ sich ebenfalls nieder und sah nachdenklich zu der Hütte hinüber, in deren offener Tür sich die regungslose Silhouette der Lasombra abzeichnete. "Ich bin gespannt, ob Madeleine es schafft", murmelte er.

"Ob sie was schafft?" fragte William mit vollem Mund.

"Ihn zu überzeugen, daß er sie unterrichtet. Mein Freund ist bei der Auswahl seiner Schüler mehr als wählerisch, er nimmt keinen, den er nicht für würdig hält."

Der Ventrue sah hinüber. "Im Moment scheint nicht viel zu passieren."

"Oh doch, es passiert eine Menge. Warten wir ab." Toranaga wandte sich ebenfalls dem Essen zu, und für eine ganze Weile herrschte Schweigen.

 

Als die Sonne hinter dem Horizont verschwand, regte sich der alte Mann zum ersten Mal. Er sah Madeleine an. "Guten Abend."

Sie erwiderte den Gruß und wartete darauf, daß er weitersprach. Damit schien er es nicht besonders eilig zu haben. Er musterte sie eine ganze Weile, dann sagte er: "Mir wurde gesagt, daß Ihr es vielleicht wert wärt, unterrichtet zu werden. Zeigt mir Euer Können."

Sie neigte den Kopf und sah sich kurz im Raum um. Dann griff sie nach den Schatten, die ihrem Willen ohne Widerstand folgten. Sie formte sie, und Augenblicke später war ihr Kleid mit einer nachtschwarzen Schicht überzogen, die den Stoff zu durchdringen schien. Ein weiter Umhang schützte sie zusätzlich, und eine Kapuze konnte bei Bedarf ihr Gesicht verbergen. Die Schatten, die sie einhüllten, verschmolzen nahtlos mit denen im Raum, aber wo sie in ihre Kleidung übergingen, sahen sie aus wie Samt. Madeleine sah den Alten an und wartete auf sein Urteil.

Wieder betrachtete er sie lange und prüfend, dann nickte er und breitete die Arme aus. Plötzlich schien er größer zu werden. Die Schwärze, die seine Kleidung bildete, kroch rasend schnell höher und verhüllte sein Gesicht, nur die Augen blieben noch frei. Er deutete mit jeder Hand in eine Ecke des Raums, oben unter der Decke, und Madeleine sah, wie sich die Schatten dort bewegten und sich etwas aus ihnen formte. Im nächsten Moment kamen zwei schwarze Klingen auf die Lasombra herabgeschossen. Madeleine reagierte sofort. Sie drehte sich ein wenig zur Seite, duckte sich leicht und riß in der selben Bewegung ihren Arm nach oben, um ihren Umhang zwischen sich und die heranfliegenden Waffen zu bringen. Es gab ein seltsam dumpfes Geräusch, als die Klingen auf ihre Deckung trafen und abprallten. Einen Augenblick später waren sie verschwunden, aber irgendetwas durchschlug ihre Schatten und versetzte ihr einen leichten, aber spürbaren Schlag auf die Wange.

Madeleine richtete sich auf, ließ den Umhang sinken und sah den Alten an. Der hob nur fragend eine Augenbraue. "Interessiert?"

Mehr als nur interessiert, dachte die Lasombra beeindruckt. Sie neigte respektvoll den Kopf. "Wenn Ihr bereit seid, zu lehren, bin ich bereit, zu lernen."

"Dann laßt uns anfangen", sagte er nur.

 

Als die Sonne aufging, hob ihr Lehrer eine Hand. "Das soll für den Moment genügen. Ihr habt die Grundlagen verstanden. Kommt wieder, wenn es dunkel ist, dann sehen wir weiter." Damit erstarrte er wieder in der selben Haltung, in der er dagestanden hatte, als Madeleine hereingekommen war. Die Lasombra verneigte sich wortlos und wandte sich zum Gehen. Mit einem Mal spürte sie, wie hungrig sie war. Und von draußen wehte ein schwacher Duft herein, der überaus verlockend war. Madeleine ging raschen, aber gerade noch würdevollen Schritts zum Haupthaus hinüber, wo William und Toranaga an einem gedeckten Tisch saßen. Von Irian war nichts zu sehen.

William nickte ihr anerkennend zu, als sie herankam. "Das sah ziemlich beeindruckend aus, was ihr da drüben gemacht habt. Was genau war das?"

"Es hat sich auch ziemlich beeindruckend angefühlt", gab sie zu. "Er hat mir beigebracht, wie ich die Schatten als Waffe einsetzen kann. Wenn ich das erst richtig beherrsche, werde ich nie wieder ein Schwert anrühren." Sie deutete auf die Schüsseln auf dem Tisch und sah Toranaga fragend an. "Noch einer dieser angenehmen Nebeneffekte?" Er nickte und reichte ihr ein Stück gebratenes Huhn. Sie nahm es dankbar an und genoß jeden Bissen.

Als sie fertig war, füllte Toranaga einen Teller und stand auf. "Ich werde mal sehen, ob ich Irian finde. Ich könnte mir vorstellen, daß sie auch etwas vertragen kann." Damit verschwand er nach draußen.

Madeleine sah William an. "Schlafen müssen wir hier anscheinend auch nicht, jedenfalls bin ich nicht müde. Ich möchte nach draußen, in die Sonne. Kommst du mit?"

Er lächelte und bot ihr den Arm. "Mylady?"

Langsam schlenderten sie durch den weitläufigen Garten, und lange sprach keiner von ihnen. Nach der Hektik und der Gefahr der letzten Nächte genossen beide die Ruhe. Schließlich ließen sie sich auf einer flachen steinernen Bank nieder, die am Ufer eines kleinen Baches stand. Madeleine seufzte leise und lehnte den Kopf an Williams Schulter.

"Es ist wirklich wunderschön hier", murmelte sie.

William nickte. "Eines Tages will ich Japan sehen", sagte er nachdenklich. "Toranaga hat mir soviel davon erzählt..."

Sie lächelte. "Es wird aber noch eine Weile dauern, bis du dazu kommst. Erst einmal müssen wir die Sache in Konstantinopel erledigen, dann kommt Jerusalem, und wenn ich dich richtig verstanden habe, willst du dann nach England zurück?"

"Ja, es gibt da noch einige Dinge, die ich erledigen muß. Familienangelegenheiten. "

"Ich war nie in England", sagte sie nachdenklich. "William hat mir viel davon erzählt, es muß schön sein."

"Baskervilles Ländereien grenzen an die meiner Familie, wir sind praktisch Nachbarn. Es gibt ziemlich viel Moor dort. Schön ist es schon, wenn auch natürlich nicht halb so schön wie Tintagel." Er grinste.

"Natürlich", sagte sie und zwinkerte. "Ich werde es ja sehen. Ich habe William versprochen, daß ich mit ihm nach England gehe, wenn das hier alles vorbei ist. Er hat auch einige Familienangelegenheiten zu klären, und ich werde ihm dabei helfen."

"Hat er etwa auch Ärger mit seinem Bruder?" fragte er halb im Scherz.

Sie nickte. "Ja, nur ist in diesem Fall der Bruder jünger. William ist der rechtmäßige Erbe von Baskerville. Sein Bruder wollte sich damit nicht abfinden und hat vor ungefähr fünfzehn Jahren recht erfolgreich ein paar Intrigen eingefädelt, was letzten Endes dazu führte, daß William England verlassen hat und Priester wurde. Ich werde ihm helfen, dieses kleine Mißverständnis zu beheben. Und danach..." Sie hob die Schultern. "Ehrlich gesagt habe ich mir noch nicht wirklich Gedanken gemacht, wie es danach weitergehen soll. Oder wo ich dann hingehe. Ich habe weder Heimat noch Besitz, die Burg meines Mannes konnte ich ja damals nicht erben. Aber irgend etwas wird sich schon finden."

"Mit Sicherheit", meinte er. "Ich habe auch noch keine weitergehenden Pläne, außer, daß ich etwas wegen meines Bruders unternehmen will. Er mag ja der ältere von uns sein, aber er ist einfach unfähig, er wird Tintagel ruinieren. Und dann ist da noch eine Kleinigkeit, die ich mit meinem Erzeuger zu klären habe. Ich habe noch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen, in aller Freundschaft natürlich."

Madeleines Gesicht verschloß sich. "Ja", sagte sie leise. "Das habe ich auch. Sobald ich herausfinde, wer er ist." Sie stutzte, als sie bei ihren Worten plötzlich eine merkwürdige Unruhe in William spürte. "Was ist?" fragte sie, aber er schüttelte nur den Kopf. Madeleine sah ihn scharf an. "William... weißt du etwas, das ich nicht weiß?"

Manchmal hat es Nachteile, so eng verbunden zu sein, dachte er. Man kann einfach keine Geheimnisse haben. Er nickte zögernd. "Diese Nacht in der Gasse, als ich deine Erinnerungen erlebt habe... da habe ich sein Gesicht gesehen... " Er verstummte.

"Sag bloß, du kennst den Kerl?" fragte sie fassungslos.

"Ja", gab er zu.

"Wer ist er?" Ihre Stimme war ein kaum hörbares Flüstern.

Er schwieg. Sie spürte, daß er Angst hatte, ihr die Wahrheit zu sagen. Sie wußte nicht, wieso, aber es war ihr auch egal.

"Wer ist er?"

Er sah zu Boden. "Erinnerst du dich an diesen Brief von den Templern, den wir vor ein paar Nächten bekommen haben? Ich habe mir das Siegel angeschaut, mit dem er verschlossen war. Ich habe zwei Dinge gesehen, ein Gesicht und einen Namen dazu. Das Gesicht war dasselbe, das ich später in deinen Erinnerungen gesehen habe. Und der Name..." Er brach ab und sah sie unglücklich an, aber ihr Blick ließ ihm keine Wahl. "Jacques de Molay", sagte er schließlich. "Der Großmeister des Templerordens."

Sie schloß die Augen und saß lange Zeit völlig unbeweglich da. William spürte ihren Haß, der nach Jahren nun endlich ein Ziel hatte und sah sie besorgt von der Seite an.

"Versprich mir, daß du vorerst nichts gegen ihn unternimmst", bat er nach einer Weile leise. "Der Mann ist gefährlich."

"Ich weiß", sagte sie. "Keine Sorge, ich werde nichts überstürzen. Wir wissen, daß unsere Art bei den Templern keine Seltenheit ist, und in der Umgebung des Großmeisters finden sich vermutlich nicht gerade die Neugeborenen. Für den Moment habe ich genug andere Probleme. Aber irgendwann..." Sie blickte auf, und ihre Augen waren wie Eis. "Er hat mir in jener Nacht ein paar Tropfen seiner vitae gegeben. Jetzt, wo ich weiß, wer er ist, werde ich mir den Rest holen. Alles davon. Und wenn ich noch ein Jahrhundert darauf warten muß, das macht nichts. Zeit habe ich, dafür hat er gesorgt. Er hat mir damals ein so großes Geschenk gemacht, da sollte mein Dank angemessen ausfallen." Sie sah ihn an, und ihr Blick wurde weicher. "Danke, daß du es mir gesagt hast."

Er nickte nur stumm und hielt sie fest. Sie drückte ihn an sich und vergrub für eine Weile das Gesicht an seiner Schulter. Schließlich sah sie auf.

"Laß uns für den Moment nicht mehr daran denken", bat sie. "Es ist so schön hier, und so friedlich, das sollten wir genießen."

Er nickte. "Ärger werden wir noch genug haben, wenn wir wieder zurück sind."

"Richtig", stimmte sie zu. Plötzlich lächelte sie. "Erinnerst du dich noch an das erste Mal, als wir hier waren? Irgendwo da vorn gab es eine Klippe, von der aus man einen wunderbaren Blick auf das Meer hat. Ich würde gern noch einmal den Sonnenuntergang sehen."

"Ich erinnere mich", sagte er. Er stand auf und streckte ihr die Hand hin. "Wollen wir gehen?"

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