Kapitel 12
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"Ist das gerade wirklich passiert?" fragte Irian. Die Gangrel war mit einem sehr verwirrten Gesichtsausdruck im Arbeitszimmer erschienen, wo William und Madeleine standen und sich ähnlich ratlos ansahen. Sie waren an exakt derselben Stelle wieder aufgetaucht, an der sie gestanden hatten, als Toranaga sie geholt hatte, und beide hatten den etwas beunruhigenden Eindruck, daß sowohl ziemlich viel als auch sehr wenig Zeit seit ihrem Verschwinden vergangen war.

"Es ist passiert", bestätigte William. "Hast du eine Ahnung, wie lange wir weg waren? Toranaga sagte so etwas, daß die Zeit in der Geisterwelt anders abläuft als hier."

"Ich hoffe doch", meinte Madeleine. "Wir waren eine ganze Woche dort, und eigentlich hatten wir ja eine Verabredung." Die Lasombra schauderte bei dem Gedanken daran, was in der augenblicklichen Situation in Konstantinopel alles in einer Woche passieren konnte.

Irian schüttelte den Kopf. "Ich habe Mog gefragt, er hat nicht mal gemerkt, daß wir fort waren. Es sieht so aus, als wären hier nur ein paar Minuten vergangen." Sie sah Madeleine fragend an. "Was für eine Verabredung war das, die wir haben?"

"Bruder Matthias hat sich gemeldet. Wir sollen um Mitternacht zur Kathedrale kommen, offenbar hat er es geschafft, seinen Zirkel davon zu überzeugen, daß wir nicht mit dem Dämon im Bunde sind. Wir hatten gerade beschlossen, daß wir uns vorher mal am Hafen umsehen sollten. Da scheint ziemlich der Teufel los zu sein, aber die Ghoule waren klug genug, nicht so nahe heranzugehen, daß sie etwas genaueres hätten sehen können."

"Sehr vernünftig", meinte die Gangrel. "Es sind noch zwei Stunden bis Mitternacht, da sollten wir uns allmählich auf den Weg machen."

 

"Das sieht nicht gut aus", murmelte William, und Madeleine mußte ihm recht geben. Die beiden kauerten auf einem Hausdach unmittelbar am Hafen, während Irian in Fledermausgestalt irgendwo über ihnen Kreise zog. Schon auf dem ganzen Weg war ihnen die gefährliche Stimmung in der Stadt aufgefallen. Es waren viel mehr Sterbliche unterwegs als sonst zu dieser Zeit, und die meisten von ihnen waren bewaffnet. Haß und Gewalt lagen in der Luft wie ein allgegenwärtiger Gestank. Immer wieder brachen in den Straßen Schlägereien aus, scheinbar ohne Grund. Je näher sie dem Hafen gekommen waren, desto schlimmer war es geworden. Außerdem war beiden aufgefallen, daß hier in der Gegend praktisch alle Gefäße verseucht waren. Der Dämon verbreitete sein Gift offenbar rasend schnell.

Die chaotischen Zustände auf den Straßen setzten sich auf den Schiffen im Hafen fort. Es waren mehr als zwei Dutzend, Galeeren und Segler, alle voll bemannt mit Bewaffneten. Aus der Entfernung war nicht viel zu erkennen, aber es war hektische Bewegung auf allen Decks auszumachen. Auf allen, außer auf zweien. Zwei der Galeeren waren geradezu verdächtig ruhig. Als Madeleine genauer hinsah, erkannte sie auf diesen Schiffen das verräterische Funkeln von Magie. Irgendjemand hielt offenbar die Besatzungen im Zaum und sorgte für Ordnung.

Die Lasombra machte William auf die beiden Schiffe aufmerksam. "Ich werde mich dort mal umsehen, ich bin neugierig", erklärte sie. Als William daraufhin mißmutig das Gesicht verzog, lächelte sie nur kurz und küßte ihn auf die Wange. Dann trat sie in seinen Schatten, konzentrierte sich kurz und versank darin. Augenblicke später löste sich ein zweiter Schatten von dem seinen und schwebte in Richtung Wasser davon. Der Ventrue sah ihr unbehaglich hinterher. Er haßte es, zur Untätigkeit verdammt zu sein, während sie sich in Gefahr begab. Und das Schlimme war, daß sie das natürlich genau wußte und sich im Stillen darüber amüsierte.

Madeleine erreichte ohne Probleme das Hafenbecken. Die Sterblichen auf der Straße waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf einen Schatten mehr oder weniger zu achten. Die Lasombra schwebte über dem Wasser und sah zu den beiden Galeeren hinüber. Eine Art gespannte Ruhe schien über beiden Schiffen zu liegen, aber sie war immer noch zu weit entfernt, um genauer erkennen zu können, was an Bord vorging. Sie setzte sich in Bewegung, um näher heranzugehen, und spürte im selben Moment, daß sich von hinten etwas näherte. Ein rascher Blick zur Stadt zeigte fünf schwarze Gestalten, die aus der Luft sternförmig auf sie zugeschossen kamen. Die Bewegung war so zielgerichtet, daß es keinen Zweifel gab, daß das, was da ankam, es tatsächlich auf Madeleine abgesehen hatte. Und sie waren schnell. Der Lasombra blieb keine Zeit zum Nachdenken. Sie zog blitzartig eine Kurve und stieß senkrecht nach unten, ins Wasser hinein.

William entdeckte die fünf im selben Moment wie seine Schwester. Im Gegensatz zu ihr konnte er allerdings erkennen, worum es sich bei den Angreifern handelte: es waren fünf Gargoylen, wahrscheinlich aus Travions Clan. Sie konnten natürlich nicht wissen, daß dieser Schatten nichts mit dem Dämon zu tun hatte. Sie hielten Madeleine für einen Feind und waren offensichtlich entschlossen, sie zu vernichten. Und er konnte absolut nichts tun, als sie wie von der Sehne geschnellt über das Wasser auf sie zuflogen. Frustriert angesichts seiner Hilflosigkeit ballte er die Fäuste und sah zu, wie einer der fünf hinter Madeleine her ins Wasser tauchte, während die anderen vier darüber schwebten und offenbar darauf warteten, daß sie wieder nach oben kam.

Im Wasser waren Schatten, aber das hatte Madeleine erwartet. Sie war kaum untergetaucht, da sah sie Dutzende von ihnen. Allerdings waren nur drei oder vier davon wirklich intelligent. Der Rest waren Tentakel wie die, die sie auch schon gerufen hatte. Die Kreaturen hatten sie bemerkt, machten aber vorerst keine Anstalten, sie anzugreifen, sondern bewegten sich langsam in ihre Richtung. Offenbar wußten sie noch nicht so recht, was sie von ihr halten sollten. Madeleine machte sich im Moment recht wenig Sorgen um die Schatten, sie wollte zuerst wissen, womit sie es bei den Angreifern aus der Stadt zu tun hatte. Einer von ihnen durchschlug gerade wie ein Stein die Wasseroberfläche hinter ihr. Gleich darauf erkannte sie, daß es tatsächlich ein Stein war - ein Gargoyle. Er tauchte hinter ihr her, konnte sie aber nicht einholen. Im Gegensatz zu ihm setzte das Wasser ihr keinen nennenswerten Widerstand entgegen, sie glitt hindurch, als ob es Luft wäre. Madeleine überlegte kurz. Der Gargoyle hatte keine Chance, sie zu fangen oder ihr zu schaden, allerdings verschwendete er mit der Jagd auf sie wertvolle Zeit, die er besser gegen die Kreaturen des Dämons genutzt hätte. Ich frage mich, dachte sie, ob er so intelligent ist wie sein Herr. Dann müßte man ihm verständlich machen können, daß er sich das falsche Ziel ausgesucht hat... Kurz entschlossen tauchte sie in einiger Entfernung von den übrigen Gargoylen auf und begann, ihrem Schattenkörper eine menschliche Gestalt zu geben.

William ertrug die Untätigkeit nicht länger. Er spürte zwar, daß Madeleine wegen ihrer Verfolger nicht ernsthaft beunruhigt war, aber trotzdem mußte er irgendetwas unternehmen. Irgendwie mußte er den Gargoylen klarmachen, daß sie den falschen Gegner angriffen. Er erhob sich, so daß sie ihn sehen konnten, blieb aber in der Mitte des Daches, damit er von unten nicht bemerkt wurde. Es dauerte nur einen Moment, ehe die Gargoylen auf ihn aufmerksam wurden. Einer von ihnen kam mit langsamen Flügelschlägen auf William zu. Er landete neben dem Ventrue und sah ihn ausdruckslos an. "Ihr gehört nicht zu diesem Dämon", stellte er fest.

"Nein", sagte William. "Und meine Gefährtin da draußen auch nicht. Ihr solltet sie in Ruhe lassen, zumal ich glaube, daß Ihr sie sowieso nicht verletzen könnt."

"Nicht im Wasser", gab der Gargoyle zu. "Das Wasser löst das Gift von unseren Klauen." Er hob eine Pranke, und William bemerkte eine klebrige, grünlich-schwarze Schicht, die die Krallen überzog. "Damit können wir auch Schatten verletzen, aber wir können einen Schatten nicht vom anderen unterscheiden. Wenn Eure Gefährtin in dieser Form unterwegs ist, werden wir sie angreifen." Er sah übers Wasser, wo Madeleine gerade aufgetaucht war und seinen Begleitern mit Gesten zu verstehen zu geben versuchte, daß sie nicht ihr Feind war. William hatte den Eindruck, daß er ihnen irgendetwas mitteilte, auch wenn er nicht wirklich etwas hören konnte. Gleich darauf kam Madeleines Schattengestalt wieder zu ihm herüber. Sie hatte die menschenähnliche Form beibehalten, die sie angenommen hatte, als sie aus dem Wasser aufgetaucht war, und diesmal war ihr das besonders gut gelungen. Obwohl William den Schatten sonst mit Mißtrauen begegnete und er sich immer etwas unwohl fühlte, wenn Madeleine sich vor seinen Augen in Schwärze verwandelte, mußte er zugeben, daß sie schön war. Sie landete neben ihm, eine perfekt geformte weibliche Gestalt aus absoluter Schwärze. Der Gargoyle musterte sie ungerührt.

"Wie ich schon sagte - wir können einen Schatten nicht vom anderen unterscheiden. Wenn Ihr der Meinung seid, Euch in dieser Form bewegen zu müssen, solltet Ihr Euch in Acht nehmen." Plötzlich neigte er den Kopf, als würde er lauschen. "Ja, Meister, wir kommen", murmelte er, dann sprang er ohne ein weiteres Wort senkrecht in die Höhe und war Augenblicke später mit seinen Begleitern verschwunden.

William sah Madeleine fragend an, als diese keine Anstalten machte, sich zurückzuverwandeln. Sie schüttelte den Kopf und deutete zu den Schiffen hinaus. Er seufzte. "Wenn du meinst..."

Sie löste ihre Form wieder auf und wurde zu einer schwarzen Wolke, die noch einmal um ihn herumfloß, ehe sie wieder zum Hafenbecken hinunterschwebte. William sah ihr einen Moment hinterher, dann begann er, ruhelos auf dem Dach auf und abzulaufen.

Madeleine blieb dicht über dem Wasser, bis sie nahe bei einer der beiden Galeeren war. Sie hielt an und versuchte, sich einen Überblick über die Zustände an Deck zu verschaffen. Die Männer da oben waren tatsächlich recht ruhig, wenn auch angespannt. Einige von ihnen zeigten eindeutige Anzeichen, daß sie unter dem Einfluß von Magie standen. Madeleine versuchte, einen Offizier ausfindig zu machen, von dem sie näheres erfahren konnte, mußte aber feststellen, daß sie noch zu weit vom Schiff weg war. Sie tauchte knapp unter die Oberfläche, immer auf der Hut vor den im Wasser verteilten Schattenkreaturen, schwamm auf das Schiff zu und floß dicht an der Außenwand nach oben. Vorsichtig arbeitete sie sich zur Reling hoch, auf der Suche nach einem Winkel, von dem aus sie sehen konnte, ohne gesehen zu werden. Schließlich erreichte sie eine Ecke, von der aus sie zumindest den vorderen Rand des Achterdecks einsehen konnte. Dort hatte sie vorhin zwei oder drei der magisch Behandelten gesehen. Madeleine konzentrierte sich auf einen von ihnen und begann, sich in seinen Gedanken umzusehen. Was immer die Magie bei ihm bewirkte, sie schützte jedenfalls nicht seinen Geist vor ihrem Zugriff. Der Mann war offenbar ein Maat oder etwas ähnliches. Er war nicht über alles informiert, was an Bord vorging, aber er wußte genug, um ernsthaft besorgt zu sein. Besorgt, aber nicht panisch, wie sie feststellte. Es schien eher, als hätte er mit dem Leben abgeschlossen. Er wußte, daß er und seine Leute gegen etwas übernatürliches würden kämpfen müssen. Auch, wenn er keine Ahnung hatte, welcher Art der Gegner genau war, war ihm doch klar, daß die meisten hier an Bord den Kampf nicht überleben würden. Er dachte flüchtig an einen grauhaarigen alten Mann, der mehr wußte und offenbar an Bord das Sagen hatte, obwohl er nicht der Kapitän war. Dann kehrten seine Gedanken zu den Vorbereitungen auf das bevorstehende Gefecht zurück - und zu seinem wahrscheinlichen Ausgang. Madeleine erkannte, daß sie von dem Maat nicht mehr erfahren würde. Außerdem begann seine Resignation ihr aufs Gemüt zu schlagen. Sicher, er war nur ein Gefäß, und die lebten ohnehin nicht besonders lange, aber es war eben doch etwas anderes, ob man erwarten konnte, friedlich im Bett zu sterben, oder stattdessen von irgendwelchen finsteren Kreaturen zerrissen zu werden.

Madeleine löste sich von ihm und machte sich auf die Suche nach jemandem, der mehr wußte. Sie glitt ein Stück an der Schiffswand nach unten und kroch weiter nach achtern, wo sie die Kabine des Kapitäns oder des Alten vermutete, an den der Maat gedacht hatte. Tatsächlich fand sie gleich darauf ein sorgfältig mit einem Laden verschlossenes Fenster. Sie schob vorsichtig eine Ecke ihres Schattenkörpers durch eine Ritze und blickte in eine relativ große, edel eingerichtete Kabine. An einem kleinen Tisch saß ein grauhaariger Mann mit dem Rücken zu ihr und schrieb irgendetwas. Madeleines Blick wurde allerdings sofort von dem angezogen, was auf dem Tisch hockte. Neben dem Ellbogen des Schreibenden kauerte eine kleine, verwachsene Gestalt mit spitzen Ohren und einer überlangen, knorrigen Nase. Madeleine hatte keine Ahnung, was das für ein Geschöpf war, sie hatte etwas derartiges noch nie gesehen. Plötzlich ruckte der Kopf des Wesens herum in Richtung Fenster, und gleich darauf begann es mit schriller Stimme zu zetern und den Mann am Ärmel zu zupfen. Der sprang sofort auf. Madeleine wartete nicht ab, bis er sich zu ihr umgedreht hatte, sondern zog sich schnellstens zurück. Wenn der Alte, wie sie vermutete, ein Magier war, hatte sie kein Verlangen danach, in näheren Kontakt mit ihm zu kommen.

Dicht über dem Wasser glitt sie auf das zweite Schiff zu, als sie plötzlich von irgendwoher das Gefühl bekam, daß von hinter ihr Gefahr drohte. Ihr Instinkt hatte sie schon öfter als einmal gerettet, also tauchte sie ohne lange zu überlegen unter. Keinen Augenblick zu früh. Über ihr wurde es für einen Moment hell, offenbar war sie gerade noch einem Feuerball entkommen. Den Schatten, die unten im Wasser auf sie gewartet hatten, entkam sie allerdings nicht. Es waren zwei von der intelligenten Sorte. Einer der beiden war so substanzlos wie sie selbst, sie glitt durch ihn hindurch, ohne daß sie sich gegenseitig verletzt hätten. Der andere jedoch schien auf eine merkwürdige Weise stofflich zu sein, und Madeleine prallte mit voller Wucht gegen ihn. Das Wesen zögerte nicht lange und ging sofort zum Angriff über. Es bildete eine Klaue aus und schlug nach ihr, ohne sie jedoch zu treffen. Madeleine wurde ärgerlich. Diese Kreaturen waren Schatten, und sie war eine Lasombra. Wenn überhaupt, dann hatten die Schatten ihr zu gehorchen und zu dienen, anstatt sie anzugreifen. Hier war offensichtlich eine Lektion fällig. Sie zog sich ein wenig zusammen und verdichtete die Schwärze, aus der sie bestand, dann begann ihr gesamter Körper langsam zu pulsieren und zu wallen. Fortsätze bildeten sich und verschwanden wieder, und von ihrer Gestalt ging eine derart spürbare Bedrohung aus, daß sogar die Schattenkreatur beeindruckt war, wenn auch nur für einen kurzen Moment. Dieser Moment reichte ihr, um etwas Abstand zwischen sich und das Ding zu bringen. Madeleine mußte widerwillig einsehen, daß sie gegen das Wesen im Moment nichts ausrichten konnte. Irgendwie konnte es sie berühren, also vermutlich auch verletzen. Sie selbst verfügte über keine derartige Fähigkeit; das, was sie von dem alten Mann in der Geisterwelt gelernt hatte, konnte sie nur in ihrer stofflichen Gestalt einsetzen. Dieses Problem war durchaus einer genaueren Nachforschung wert, um allerdings dazu Gelegenheit zu bekommen, würde sie sich zurückziehen müssen, auch wenn ihr das überhaupt nicht gefiel. Als ihr Gegner sich wieder soweit gefangen hatte, daß er sie erneut angreifen wollte, sammelte die Lasombra ihre ganze Kraft und schoß wie ein schwarzer Blitz aus dem Wasser. Hinter ihr explodierte erneut ein Feuerball, der aber zu ihrem Bedauern keinen der beiden Schatten erwischte. Beide blieben unter Wasser, wahrscheinlich hatten sie schon ihre Erfahrungen gemacht. Madeleine warf einen kurzen Blick zurück und sah den alten Mann aus der Kabine auf dem Achterdeck der Galeere stehen. Er hob gerade erneut die Hand, und Madeleine wartete nicht, bis das nächste Geschoß kam. Mit Höchstgeschwindigkeit kehrte sie zu dem Dach zurück, auf dem William mit spürbarer Ungeduld auf sie wartete.

William blieb auf seiner Wanderung auf dem Dach abrupt stehen, als über dem Wasser der erste Feuerball explodierte. Für einen Moment war er starr vor Schreck, dann wußte er, daß Madeleine unverletzt war. Augenblicke später schlug der zweite Feuerball ins Wasser, dann löste sich ein Schatten aus der Finsternis und schoß auf ihn zu. Madeleine landete neben ihm und kehrte in ihre stoffliche Gestalt zurück.

"Ich habe Hunger", war das erste, was sie sagte.

"Dagegen läßt sich etwas unternehmen, aber nicht hier. Was hast du gesehen?"

Sie berichtete ihm das wenige, was sie herausgefunden hatte, während sie sich langsam auf den Weg in Richtung Kathedrale machten. "Die Leute auf den Schiffen scheinen damit zu rechnen, daß es bald ernsthaft losgeht", schloß sie.

William nickte. "Den Eindruck habe ich allerdings auch. Während du draußen warst, habe ich ein wenig beobachtet, was da unten auf der Straße abläuft, und das war ziemlich beunruhigend."

"Wir werden sehen, was Bruder Matthias zu sagen hat", meinte Madeleine. Plötzlich blieb sie stehen. "Was ist das denn?"

Vor ihnen schälte sich eine Gestalt aus dem Schatten eines Kamins. Sie war klein, gebeugt und abgrundtief häßlich - ein Nosferatu. Er blieb ein Stück vor ihnen stehen und sah sie mit seltsam ausdruckslosen Augen an. "Guten Abend, die Herrschaften", sagte er langsam. "Seid Ihr aus dem Haus?"

"Das kommt darauf an, welches Haus Ihr meint", antwortete Madeleine vorsichtig.

Der Nosferatu hob müde die Schultern. "Gut, wenn die Herrschaften nicht mit mir reden wollen..." murmelte er mit der selben merkwürdig schleppenden Stimme. Dann drehte er sich um und schlurfte in die Dunkelheit zurück.

"Wir haben nicht gesagt, daß wir nicht mit Euch reden wollen..." begann William, aber der Fremde kümmerte sich nicht darum und verschwand in den Schatten. William sah Madeleine an. "Denkst du, was ich denke?"

Sie nickte. "Ein Opfer des Dämons. Das also wird aus denen, die zu oft von der vergifteten vitae trinken." Sie schauderte. "Laß uns von hier verschwinden."

 

Sie hatten schon fast die Gegend um den Palast erreicht, ehe sie wieder auf Sterbliche trafen, die noch nicht verseucht waren. Selbst hier waren es aber nur wenige, die weitaus meisten trugen das Gift in sich. William und Madeleine hielten Ausschau nach unbedenklichen Gefäßen. Irian, die die Spuren des Dämons nicht erkennen konnte, kreiste weiterhin über ihnen und behielt die Umgebung im Auge.

Plötzlich stieß William die Lasombra leicht an und deutete auf die Straße hinunter. "Schau mal, die fünf da vorne. Die scheinen alle sauber zu sein. Glaubst du, davon wirst du satt?"

Sie grinste. "Das werden wir gleich sehen." Sie überholte das Grüppchen, sprang vom Dach und betrachtete ihre Opfer, die ihre Anwesenheit noch nicht bemerkt hatten. Es waren fünf Männer, die den Eindruck machten, als wären sie noch nicht lange in der Stadt oder würden sich zumindest in diesem Viertel nicht besonders gut auskennen. Einer von ihnen blieb ein paar Schritte hinter den übrigen zurück und beteiligte sich nicht an ihrem Gespräch. Perfekt, dachte Madeleine. Als der Einzelne an der Ecke vorbeiging, hinter der sie sich verborgen hatte, machte sie ihn mit leiser Stimme auf sich aufmerksam. Als er sich zu ihr umdrehte, schenkte sie ihm ihr bezauberndstes Lächeln, legte einen Finger auf die Lippen und winkte ihn zu sich heran. Er war offensichtlich verwirrt, kam aber näher. In diesem Moment drehte sich einer seiner Begleiter um. Erstaunt über das merkwürdige Benehmen seines Freundes kam er hinterher. Madeleine entschied, daß ihr keine Zeit mehr für diplomatische Feinheiten blieb. Sobald ihr Opfer nahe genug heran war, schloß sie die Arme um ihn und biß zu. Augenblicke später ließ sie ihn an die Häuserwand gelehnt zu Boden gleiten, wo er mit einem leicht verstörten Gesichtsausdruck sitzenblieb. Irgendetwas war ungewöhnlich an ihm, aber Madeleine hatte keine Zeit, näher darüber nachzudenken, was es gewesen sein könnte. Sein Blut jedenfalls, da war sie sicher, war nicht gefährlich.

Inzwischen war der zweite heran, dicht gefolgt von den übrigen drei. Madeleine hatte die ganze Sache eigentlich möglichst diskret erledigen wollen, aber das schien jetzt nicht mehr möglich zu sein. Andererseits wußte sie William auf dem Dach über sich, der notfalls eingreifen und für Ruhe sorgen konnte. Und vier Sterbliche sollten auch kein ernstes Problem darstellen. Sie blickte dem gerade herangekommenen entgegen. Er warf einen besorgten Blick auf seinen Begleiter, ehe er sie fragend ansah. Madeleine lächelte strahlend.

"Madame...?" fragte er zögernd. Eine Frau in Männerkleidung und Kettenhemd, aber offensichtlich unbewaffnet, das schien nicht wirklich in sein Bild zu passen. Ihr Lächeln und ihre Ausstrahlung verwirrten ihn zusätzlich, was natürlich genau das war, was sie beabsichtigt hatte. "Hier ist kein sicherer Ort für eine Dame", sagte er schließlich. Er sprach stockend und mit einem starken Akzent, offenbar bereitete ihm das Griechische noch Schwierigkeiten. "Erlaubt..." Er bot ihr den Arm.

"Aber gerne", sagte sie, griff nach seinem Arm und senkte ihre Zähne hinein. Kurz darauf leistete er seinem Freund an der Hauswand Gesellschaft.

William beobachtete die ganze Szene vom Dach aus und amüsierte sich. Die beiden, von denen Madeleine getrunken hatten, saßen aneinandergelehnt auf dem Boden und machten den Eindruck, als würden sie die Welt nicht mehr verstehen. Die übrigen drei kamen näher, und William entschied, daß es an der Zeit war, daß er sich ebenfalls zeigte. Es wäre wirklich schade gewesen, wenn zwei von ihnen Gelegenheit bekommen hätten, Alarm zu schlagen, während Madeleine mit dem dritten beschäftigt war. Elegant sprang er vom Dach und landete lautlos neben ihr auf der Straße. Die drei Gefäße zuckten bei seinem plötzlichen Erscheinen zusammen, machten aber keine Anstalten, zu fliehen. Stattdessen bedachten sie den Ventrue mit einem überaus bewundernden Blick, ehe sie sich wieder Madeleine zuwandten.

"Wenn die Herrschaften Hunger haben..." sagte einer von ihnen zögernd und hielt ihr seinen Arm hin. Die beiden Kainiten wechselten einen überraschten Blick.

"Ihr scheint Euch unseretwegen keine großen Sorgen zu machen", stellte Madeleine fest. Statt einer Antwort zog er etwas aus der Tasche und hielt es ihr hin. Es war ein Amulett mit einem verschlungenen Symbol darauf. Beide erinnerten sich, das Symbol schon einmal irgendwo gesehen zu haben. Es war das Zeichen eines Dämons, der sich selbst als neutral bezeichnete, weil er sich aus den großen Konflikten herauszuhalten pflegte und sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte. Das machte ihn zwar nicht automatisch ungefährlich oder gar zu dem, was man "gut" nennen mochte, aber immerhin schien er es nicht darauf angelegt zu haben, möglichst viel Zerstörung nur um der Zerstörung willen anzurichten.

Der Sterbliche schien noch etwas sagen zu wollen, fand aber die rechten Worte nicht. Madeleine schüttelte nur den Kopf, sah ihm tief in die Augen und berührte seine Gedanken mit den ihren.

"Das ist besser", erklang seine Stimme in ihrem Kopf. Er schien direkt erleichtert zu sein, als das Sprachproblem überwunden war, und erwies sich als ausgesprochen mitteilsam. Innerhalb von Sekunden erfuhr sie, daß die fünf untereinander verbunden waren und die Macht, die sie von dem Dämon bekommen hatten, nur zusammen benutzen konnten. Da zwei von ihnen im Moment mehr oder weniger ausgeschaltet waren, waren die übrigen drei nicht mehr als normale Menschen. Der Dämon, dem sie dienten, hatte sie in die Stadt geschickt, um zu beobachten. Die fünf waren erst vor wenigen Stunden angekommen und hatten keine Ahnung, was hier vor sich ging, sie wußten nur, daß es ungewöhnliche Dinge waren. Es stand zu vermuten, daß ihr Herr mehr wußte, aber er hatte es nicht für nötig gehalten, ihnen diese Informationen zu geben.

Madeleine sah ihn nachdenklich an. Diese Verbindung zwischen ihnen erklärte das merkwürdige Gefühl, das sie beschlichen hatte, als sie von den beiden getrunken hatte. Vermutlich war es die potentielle Macht in ihnen gewesen, die sie gespürt hatte: im Prinzip vorhanden, aber im Moment nicht aktiv. Außerdem war ihr klar geworden, daß zumindest die beiden auf dem Boden, aber wahrscheinlich alle fünf, durch mehr verbunden waren als nur durch den gemeinsamen Dienst an ihrem Herrn und die Kräfte, die er ihnen verlieh.

Ihr Gegenüber sah sie fast schüchtern an. "Wenn Ihr erlaubt, würden wir uns jetzt gern um unsere Gefährten kümmern."

Madeleine lächelte. "Natürlich, tut das. Ihnen fehlt nichts, außer, daß sie etwas durcheinander sind." Sie sah William an. "Laß uns gehen, es wird Zeit."

Der Ventrue nickte. Er wurde das Gefühl nicht los, daß er von dem, was hier gerade passiert war, nur die Hälfte mitbekommen hatte. Außerdem konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, daß mit den beiden, von denen Madeleine getrunken hatte, irgendetwas nicht stimmte. Nicht, daß sie gefährlich gewesen wären, aber etwas war ungewöhnlich, und es machte ihn nervös, daß er nicht genauer sagen konnte, was es war. Als sie ein paar Ecken zwischen sich und die fünf gebracht hatten und fast an der Kathedrale angekommen waren, blieb er stehen. "Würdest du mir mal erklären, was das alles eigentlich sollte?"

"Sicher", meinte sie und erzählte ihm, was sie aus den Gedanken des Fremden erfahren hatte. "Jeder für sich ist nur ein Sterblicher", schloß sie. "Zu fünft allerdings sind sie Magier."

"Das erklärt einen Teil des merkwürdigen Eindrucks, den die Kerle auf mich gemacht haben", meinte er nachdenklich. "Aber irgendwie glaube ich, daß das noch nicht alles war. Du hast doch gar nicht viel von diesen beiden getrunken, warum waren die so mitgenommen?"

Madeleine lachte. "Das hat mich zuerst auch etwas stutzig gemacht. Aber keine Sorge, sie sind nicht wirklich zu Schaden gekommen. Es ist nur... du weißt, was ein Sterblicher fühlt, von dem wir trinken. Diese zwei waren einfach deswegen so durcheinander, weil sie es nicht gewohnt sind, daß für derartige Empfindungen eine Frau verantwortlich ist."

Er sah sie fassungslos an. "Du meinst, die beiden..."

"... lieben sich, ja. Bei den beiden bin ich mir sicher. Ob die anderen drei mit eingeschlossen sind, kann ich nicht sagen, ich würde es aber vermuten. Ein ungewöhnliches Arrangement, aber inzwischen wundert mich in dieser Stadt fast nichts mehr."

Er schüttelte langsam den Kopf. "Ich glaube das einfach nicht", sagte er.

Madeleine sah lächelnd zu ihm hoch. "Denk nicht weiter darüber nach", riet sie ihm. "Ich glaube nicht, daß wir von denen etwas zu befürchten haben, und im Moment haben wir dringendere Sorgen."

"Allerdings, die habt ihr", bemerkte eine krächzende Stimme neben ihnen.

Beide fuhren herum, als hätte sie etwas gestochen. Vor ihnen stand eine uralte Frau, runzlig und gebeugt. Sie stützte sich auf einen Stock und blinzelte zu ihnen hoch. Die Alte war noch kleiner als Madeleine und dürr wie ein Zweig, aber den beiden war sofort klar, daß sie mehr war, als sie zu sein schien. Das Weiblein pochte ungeduldig mit seinem Stock auf den Boden. "Wenn ihr endlich euren Mund wieder zugekriegt habt, kommt zu mir dort drüben in die Gasse neben der Kathedrale. Ihr werdet erwartet." Damit drehte sie sich um und humpelte davon.

William sah ihr hinterher. "Ich glaube einfach nicht, daß ich wirklich wach bin", murmelte er. "Normalerweise träume ich zwar nicht, aber das hier muß ein Traum sein."

Madeleine legte einen Arm um ihn und drückte ihn kurz an sich. "Du bist wach. Und du solltest dich wieder fassen, damit wir dieser freundlichen Einladung nachkommen können. Ich weiß nicht, ob du es gemerkt hast, aber die Dame ist ein Garou, und die sind nicht gerade für ihre Geduld berühmt."

Der Ventrue nickte, atmete einmal tief durch und richtete sich auf. "Dann sollten wir sie nicht warten lassen", stimmte er zu.

Als sie die Gasse betraten, wartete die Alte bereits auf sie. "Wir sollten der Höflichkeit Genüge tun", stellte sie fest. "Ich bin Anja."

Die beiden stellten sich ebenfalls vor. Anja nickte zufrieden. "Wie ich schon sagte, ihr werdet erwartet. Allerdings werden wir einen Weg nehmen müssen, der für euch etwas ungewohnt sein dürfte. Man legt Wert darauf, daß ihr nicht wißt, wo genau sich das Ziel befindet." Sie machte eine Handbewegung, und neben ihr begann die Luft zu flimmern. Nach und nach entstand der Umriß eines Tores, in dem es milchig schimmerte. "Das Portal wird sich hinter mir schließen, deswegen müßt ihr vorangehen", erklärte sie. "Ein Wort der Warnung noch: auf der anderen Seite warten meine Jungs. Sie werden euch nichts tun, wenn ihr ihnen nichts tut, also benehmt euch." Damit deutete sie noch einmal auffordernd auf das Portal, und die beiden Vampire traten hindurch.

Auf den ersten Blick schien sich nichts verändert zu haben, und trotzdem war alles anders. Auf der anderen Seite des Tors war eine Gasse wie die, aus der sie gekommen waren, auch die Kathedrale stand da. Aber es gab Unterschiede: die Farbe des Mauerwerks eines Hauses, die Form eines Fensters, die Lage der Kirchentür. Madeleine wurde, kaum daß sie das Tor durchschritten hatte, von einem zutiefst unbehaglichen Gefühl ergriffen. Sie wußte genug über Werwölfe, um zu erkennen, wo sie herausgekommen waren: im Umbra, jenem Gegenstück zu ihrer Welt, in dem die Werwölfe genauso zu Hause waren wie auf der anderen Seite. Daß die Gemeinsamkeiten wirklich nur oberflächlicher Natur waren, fiel ihr spätestens auf, als ihr Blick das Schwert an Williams Seite streifte. Auf dem Schwertgriff kauerte ein kleines, durchscheinendes Wesen, das mit wutverzerrtem Gesicht drohend die Fäuste schüttelte. Erschrocken wich sie zurück und machte einen hastigen Schritt um ihren Bruder herum auf seine andere Seite. William schien den ersten Schrecken sehr schnell überwunden zu haben. Er legte einen Arm um Madeleines Schultern und drückte sie beruhigend an sich, während er sich mit kaum verhohlener Neugierde umsah.

Außer ihnen standen in der Gasse noch vier sehr merkwürdige Gestalten. Es handelte sich ganz offensichtlich um Krieger, allerdings die ungewöhnlichsten, die der Ventrue je zu Gesicht bekommen hatte. Sie waren in Leder gekleidet, mit nackten Oberkörpern. Vor der Brust des einen hing ein seltsames Gebilde aus Knochen. Alle vier hatten die Köpfe teilweise kahl geschoren und nur in der Mitte einen Kamm stehen lassen. Sie betrachteten die beiden Neuankömmlinge mißtrauisch, machten aber keinerlei Anstalten, sie anzugreifen.

Das Tor flackerte kurz, als Anja hindurchtrat, dann erlosch es. William hatte Mühe, seine Überraschung zu verbergen. Es war Anja, daran bestand kein Zweifel, aber anstatt des runzligen alten Mütterchens stand eine geradezu übernatürlich schöne junge Frau vor ihnen. Sie nickte den vier Kriegern grüßend zu, dann wandte sie sich an William und Madeleine.

"Wir werden ein Stück zu Fuß gehen müssen. Es wird euch nichts passieren, wenn ihr tut, was ich euch sage. Meine Jungs werden auf euch aufpassen. Folgt mir." Damit wandte sie sich ab und begann, nach durch die leere Luft nach oben zu gehen wie auf einer Treppe. Die beiden Kainiten sahen sich an, dann zuckte William die Schultern und folgte ihr. Madeleine, die er immer noch im Arm hielt, blieb nichts anderes übrig, als mitzukommen.

Die Lasombra bemühte sich, sich nicht allzu genau umzusehen, während sie die unsichtbaren Stufen hinaufstieg. Je höher sie kamen, desto weniger glich ihre Umgebung der Stadt, aus der sie kamen. Um sie herum wallte grauer Nebel, in dem sich ab und zu geisterhafte Schemen bewegten. Die meisten von ihnen hielten Abstand von der Gruppe, aber die, die nahe genug herankamen, daß man ihre Gesichter erkennen konnte, machten einen entschieden unfreundlichen Eindruck. Mit jedem Schritt wurde die Landschaft um sie herum unwirklicher, bis es eigentlich gar keine Landschaft mehr war, sondern nur noch dieses wabernde graue Nichts.

Plötzlich hob Anja die Hand. "Halt." Sie sah sich kurz um, dann wandte sie sich den beiden Vampiren zu. "Rührt euch nicht von der Stelle. Am besten, ihr schließt die Augen, dann wird euch nichts passieren. Stellt jetzt keine Fragen", fügte sie fast ärgerlich hinzu, als William den Mund öffnete. Der Ventrue schluckte hinunter, was er hatte sagen wollen, schloß gehorsam die Augen und drückte Madeleine an sich.

Keiner der beiden hätte sagen können, wieviel Zeit vergangen war, als Anja sie wieder ansprach. "Es ist gut, die Gefahr ist vorbei." William öffnete die Augen und sah sich um. Auf den ersten Blick schien nichts passiert zu sein, man sah keine Spuren und er hatte auch keinerlei Geräusche gehört. Die vier Krieger jedoch zeigten Anzeichen eines Kampfes. Keiner von ihnen war ernsthaft verwundet, aber es war offensichtlich, daß irgendetwas vorgefallen war. Anja schien sich für den Moment aber keine weiteren Sorgen zu machen. Sie wandte sich um und ging weiter, als wäre nichts geschehen.

Noch zweimal unterwegs ließ Anja sie anhalten. Beide Male schienen die Krieger irgendeine Gefahr aus dem Weg zu räumen, ohne daß die beiden Kainiten etwas davon mitbekommen hätten. William mußte sich sehr anstrengen, seine Neugier im Zaum und die Augen geschlossen zu halten. Madeleine hingegen schien keine derartigen Probleme zu haben. Er spürte, wie unwohl sie sich hier fühlte, und daß sie recht froh war, von dem, was passierte, nichts zu sehen.

Schließlich schienen sie am Ziel angekommen zu sein, obwohl weder William noch Madeleine irgendetwas erkennen konnten, was die Stelle, an der sie standen, von der Umgebung unterschieden hätte. Anja öffnete mit einer Handbewegung ein Tor.

"Ihr werdet wieder zuerst gehen müssen", sagte sie.

Die beiden traten ohne zu zögern durch das Portal und fanden sich in einer Kerkerzelle wieder. Fauliges Stroh lag auf dem Boden. Moos bedeckte die Wände, dazwischen hingen ein paar rostige Ketten herunter, und irgendwo tropfte Wasser von der Decke. Die Luft roch modrig und abgestanden. Es gab kein Fenster, nur durch eine schmale Ritze an der Tür fiel ein wenig Licht. Für Sterbliche wäre es stockdunkel gewesen, die beiden Vampire konnten recht gut sehen.

Augenblicke später erschien Anja, und das Tor erlosch. Die Garou sah jetzt wieder so aus wie bei ihrer ersten Begegnung, eine runzlige alte Frau, die sich anscheinend kaum auf den Beinen halten konnte. Sie ging zur Tür und pochte energisch mit ihrem Stock dagegen. "Junger Mann, es wäre nett, wenn du endlich diese Tür aufmachen würdest. Wir sind in Eile."

Draußen erklangen rasche Schritte, dann wurde ein Schlüssel im Schloß gedreht und die Tür öffnete sich knarrend. Im Gang dahinter stand ein Templer. "Ihr werdet erwartet. Wenn Ihr mir folgen würdet..."

"Geht nur", krächzte Anja. "Ich werde hier auf euch warten."

Der Templer, der sich überhaupt nicht über die seltsamen Besucher zu wundern schien, schloß die Zellentür wieder ab und führte die beiden durch scheinbar endlose Gänge. Niemand begegnete ihnen. Schließlich blieb er vor einer Tür stehen, klopfte an und sagte: "Bruder Matthias, die Gäste sind angekommen."

"Dann schick sie gefälligst rein", antwortete eine wohlbekannte Stimme unwirsch. "Draußen auf dem Gang nützen sie mir nichts."

Der Templer sah die beiden fast entschuldigend an. "Ihr habt es gehört", meinte er und hielt ihnen die Tür auf.

Der Raum dahinter war vollgestopft mit Büchern. Von den Wänden war nichts zu sehen, sie wurden vom Boden bis unter die Decke von Regalen verdeckt. Ein einfaches Bett stand in einer Ecke, ansonsten bildeten ein Schreibtisch und zwei Schemel die ganze Einrichtung. An dem Tisch saß der Priester und schrieb irgendetwas. Als William und Madeleine eintraten, stand er auf und kam ihnen entgegen.

"Guten Abend. Es ist gut, daß Ihr hier seid." Er machte eine einladende Geste zu den beiden Schemeln. "Setzt Euch." Als die beiden saßen, ließ er sich selbst auf der Bettkante nieder. "Die Lage ist ernst, deswegen sollten wir gleich zur Sache kommen. Ich habe meine Brüder davon überzeugt, daß es sinnvoll ist, wenn wir für den Moment mit Euch zusammenarbeiten. Sie waren nicht begeistert, aber sie sehen die Notwendigkeit ein. Ich nehme an, Ihr habt Euch aus dem Kreuz, das ich Euch gegeben habe, einige Informationen besorgt?"

Madeleine nickte. "Ich denke, wir haben einen Eindruck davon bekommen, worum es hier geht."

"Gut", meinte er. "Habt Ihr es dabei?"

Madeleine reichte ihm das Kreuz. Er ließ es in seiner Kutte verschwinden und gab ihr ihren Handschuh zurück. "Die Lage in der Stadt wird gefährlich", sagte er dann. "Unser Gegner war nicht untätig, wir werden bald zuschlagen müssen. Ich glaube nicht, daß wir noch mehr als eine Woche haben."

"So, wie es im Moment in der Stadt aussieht, habt Ihr vermutlich recht", stimmte William zu.

Bruder Matthias sah von einem zum anderen. "Ich bin bereit, einen Pakt mit Euch zu schließen. Wir werden uns gegenseitig mit Informationen und nötigenfalls auch anders unterstützen. Die Bedingung ist, daß nichts, was heute Nacht hier besprochen wird, diesen Raum verläßt. Die Informationen, die Ihr erhaltet, bleiben unter uns dreien. Wenn die ganze Sache vorbei ist, endet auch unser Abkommen, aber Ihr werdet das, was Ihr erfahren habt, nicht gegen uns verwenden. Das gilt umgekehrt natürlich auch für uns. Und schließlich..." Er lächelte kurz und humorlos. "Falls eine der beiden Seiten das Bedürfnis haben sollte, aus der Abmachung auszusteigen, so hat sie vierundzwanzig Stunden Zeit, um die Stadt zu verlassen."

"Ihr habt schlechte Erfahrungen gemacht", stellte Madeleine fest. Es war keine Frage. Sie hatte sich in der letzten Nacht noch einmal mit dem Kreuz beschäftigt, um herauszufinden, ob der Priester vertrauenswürdig war, und dabei gesehen, wie er von einem Kainiten hintergangen worden war. Sie hatte allerdings auch gesehen, was mit diesem Kainiten danach passiert war.

Der Priester hob eine Augenbraue. "Das wißt Ihr also auch. Vielleicht hätte ich Euch doch etwas geben sollen, das ich nicht so lange bei mir hatte... egal. Wenn die Bedingungen für Euch akzeptabel sind", er deutete auf den Tisch, "dann setzt Eure Unterschrift unter diesen Vertrag." Er stand auf, nahm eine Feder und stach sich damit in den Arm. Dann unterschrieb er mit seinem Blut ein Pergament auf dem Schreibtisch.

Madeleine sah ihn nachdenklich an. "Eine Sache nur... auch wenn im Moment nur zwei von uns hier sind, Ihr wißt sicherlich, daß wir eigentlich zu dritt sind. Unsere Schwester ist zwar nicht mit uns gekommen, aber sie muß erfahren, was wir wissen."

"Drei, die wie einer sind?" Er lächelte. "Wie passend. In diesem Fall genügt es mir, wenn einer von Euch unterschreibt."

Madeleine streckte wortlos die Hand aus. Er reichte ihr die Feder. Ehe sie das Pergament unterschrieb, berührte sie es kurz, um sicherzugehen, daß der Vertrag auch tatsächlich genau die Bedingungen enthielt, die Bruder Matthias genannt hatte. Sie hatte durchaus Hochachtung vor dem Priester, aber das war kein Grund, unvorsichtig zu werden. Ihre Sinne verrieten ihr jedoch, daß er die Wahrheit gesagt und keinerlei Schlupflöcher oder Hintertüren eingebaut hatte. Zufrieden ritzte sie ihre Haut mit der Feder und setzte ihren Namen unter seinen.

"Gut", sagte er und nahm die Feder wieder an sich. "Jetzt, wo die Formalitäten erledigt sind, sollten wir uns über unseren Gegner unterhalten. Was wißt Ihr von ihm?"

"Wenig genug", murmelte William, und Madeleine nickte zustimmend.

"Wir wissen, daß er eigentlich aus drei einzelnen Wesen besteht", sagte sie. "Ein Schattendämon, einer von unserer Art, und ein gefallener Engel. Der Dämon... er ist verwundbar durch Feuer und Sonnenlicht, wie wir. Viel mehr haben wir über ihn bisher nicht herausbekommen."

"Er wehrt sich gegen Nachforschungen", ergänzte William. "Ich habe vor einigen Nächten versucht, mehr über ihn herauszufinden, und plötzlich tauchte er neben mir auf und hätte mich fast umgebracht."

"Hmm..." machte der Priester nachdenklich, dann zog er eine Kiste unter dem Bett heraus und begann, darin herumzuwühlen. Schließlich reichte er William ein Amulett. "Das hier sollte Euch gegen ihn schützen, wenn Ihr etwas derartiges noch einmal versucht. Es verhindert sozusagen, daß der Beobachter beobachtet wird. Allerdings solltet Ihr vorsichtig sein, es wird nicht ewig halten. Und wenn es seine Kraft verliert, während Ihr es gerade in Gebrauch habt, hat das unangenehme Folgen." Sein Gesicht verdüsterte sich kurz, er schien mit diesen Folgen schon recht vertraut zu sein. "Weiter", sagte er. "Was wißt Ihr noch?"

"Die zweite Komponente, wenn man es so nennen will", fuhr Madeleine fort, "ist einer von uns. Er war unser Gefährte und gehört dem selben Clan an wie ich. Er verschwand im Latinerviertel, in der Nacht, als dort der Ärger losging. Wir haben Hinweise darauf gefunden, daß er entführt wurde, aber wir wissen nicht, von wem, oder was mit ihm passierte. Etwa eine Woche später tauchte er wieder auf, und da hatte die Veränderung schon begonnen."

"Der Dritte im Bunde", übernahm William wieder das Wort, "ist gleichzeitig der, über den wir am wenigsten wissen. Ein gefallener Engel, aber was er hier will, oder was ihn an die anderen bindet..." Er hob ratlos die Schultern.

Der Priester nickte langsam. "Über ihn kann ich Euch einiges erzählen. Ich habe ihn recht deutlich gesehen. Sein Name ist keiner, der hier in der Welt der Menschen bekannt ist. Vielleicht das wichtigste an ihm: er ist blind. Als ich ihn gesehen habe, waren seine Augen ausgebrannt, und die Höhlen waren ausgefüllt mit Schatten. Zu seinen Füßen lag einer von Eurer Art, auch er in Schatten gehüllt. Das würde zu dem passen, was Ihr mir gerade berichtet habt." Er schwieg einen Moment, scheinbar in Gedanken versunken.

"Wir haben erfahren", sagte William schließlich vorsichtig, "daß wir ihn vielleicht besiegen können, wenn wir erfahren, was ihn hier bindet."

Matthias seufzte. "Er sucht etwas, das er verloren hat, aber das kann man ihm nicht zurückgeben. Was ihn bindet, ist ein Medium, das die drei zusammenhält. Es würde vermutlich schon helfen, wenn man ihm klar macht, wer, oder vielmehr, was die beiden anderen sind."

"Ihr meint, das weiß er gar nicht?" fragte Madeleine erstaunt.

Er schüttelte den Kopf. "Wahrscheinlich nicht. Und irgendjemand muß ihn mit den beiden anderen zusammengebracht haben. Blind, wie er ist, wäre er sonst vermutlich einfach an ihnen vorbeigegangen."

"Könnte das Magnus gewesen sein?" murmelte Madeleine halb zu sich selbst.

"Der, den Ihr Magnus nennt, ist nicht mehr", antwortete Bruder Matthias. "Er war nicht das Medium."

Madeleine nickte William zu. "Also war es wohl doch Magnus, dessen Ende wir mitbekommen haben." Auf den fragenden Blick des Priesters ergänzte sie: "In der Nacht von Samstag auf Sonntag ist Magnus mit dem Dämon bei den Prinzen aufgetaucht, und gleich darauf brach das Chaos los. Wir haben gespürt, daß ein Verwandter dabei umgekommen ist, und zwar jemand mächtiges. Wir hatten befürchtet, es könnte Prinz Michael gewesen sein."

"Prinz Michael ist wohlauf und für den Moment untergetaucht", erklärte Matthias. "Mehr weiß ich auch nicht, aber das ist eine Information, die vorläufig auf keinen Fall nach draußen gelangen darf."

Madeleine war selbst etwas erstaunt, wie erleichtert sie war, als sie das hörte. "Wenigstens eine gute Nachricht", meinte sie.

William hatte die ganze Zeit mit nachdenklich gerunzelter Stirn vor sich hingestarrt. "Dieses Medium... wer oder was könnnte das sein?"

Matthias hob die Schultern. "Das weiß ich nicht. Wer immer es ist, mindestens einer der drei muß ihn abgrundtief hassen."

"Morpheus!" riefen die Geschwister wie aus einem Mund.

"Unser ehemaliger Begleiter", erklärte William dem Priester. "Er hat einen Feind, seinetwegen hat er überhaupt Spanien verlassen. Ein alter Bekannter, der ihm irgendwann Schaden zugefügt hat, und jetzt jagt Morpheus ihn von einem Ende der Welt zum anderen."

Matthias richtete sich interessiert auf. "Weiter", drängte er. "Wißt Ihr mehr über ihn?"

"Er ist kein gewöhnlicher Mensch", sagte Madeleine. "Er war einer, als es zu dem Streit mit Morpheus kam, aber inzwischen hat er sich verändert. Wir vermuten, daß er ein Magier ist, aber wir haben ihn selbst nie gesehen, wir können es nicht mit Sicherheit sagen. Morpheus wußte damals auch nichts genaueres. Unsere Ghoule hatten einmal eine Begegnung mit ihm, als wir durch Italien gereist sind. Das war allerdings am Tag, also ist er wohl keiner von uns."

"Er wollte nach Jerusalem", fuhr William fort. "Es gibt dort irgendetwas, das er haben will. Wir haben leider keine Ahnung, was das sein könnte, aber wenn ich mich recht erinnere, hatte es etwas mit einem dort ansässigen Magierzirkel zu tun."

"Ausgezeichnet", murmelte der Priester. "Das sollte reichen, um näheres über ihn erfahren zu können. Spanier gibt es nicht so viele in Konstantinopel, da muß sich etwas ausfindig machen lassen, wenn er tatsächlich hier ist. Seinen Namen wißt Ihr nicht zufällig?"

William überlegte kurz. "Graf Saragossa", sagte er schließlich.

"Hervorragend", sagte Bruder Matthias zufrieden. "Das wird uns weiterhelfen."

"Wie gehen wir weiter vor?" wollte Madeleine wissen. "Wie Ihr schon sagtet, wir haben vermutlich nicht mehr viel Zeit."

Der Priester seufzte. "Wir müssen die richtige Zeit und den richtigen Ort finden, wo die Drei Einer sind und der Eine die Drei. Dann können wir sie bekämpfen. Leider wissen wir noch nicht, wann und wo das ist, aber es wird bald passieren." Er stand auf. "Für den Moment können wir allerdings nicht mehr tun. Ich werde mich mit dem beschäftigen, was ich von Euch erfahren habe. Wenn Ihr Kontakt mit mir aufnehmen wollt, kommt in die Gasse neben der Kathedale, wir behalten sie im Auge." Plötzlich schien ihm noch etwas einzufallen. "Ach übrigens... Ihr braucht diese Frage nicht zu beantworten, wenn ich da an ein Geheimnis rühre, das micht nichts angeht, aber... dieses Haus, in dem Ihr wohnt, habt Ihr das da hingestellt?"

Die Geschwister sahen ihn verständnislos an. "Wie meint Ihr das?" fragte William.

Matthias zuckte die Schultern. "Reine Neugier. Es war vor einem Dreivierteljahr nämlich noch nicht da, deswegen habe ich mich etwas gewundert."

"Wie bitte?" fragte Madeleine ungläubig. "Wir haben geglaubt, die Villa steht da schon seit der Gründung von Konstantinopel. Sie wirkt so alt, auch von innen."

"Sie ist es nicht", versicherte der Priester. "Sehr interessant... aber das alles hat nichts mit unserem momentanen Problem zu tun, und ich habe jetzt einiges zu erledigen." Er holte tief Luft und brüllte: "Die Besprechung ist beendet!"

Augenblicke später wurde die Tür geöffnet, und der Templer, der sie hergebracht hatte, erschien. Als die Geschwister den Raum verließen, saß Bruder Matthias schon wieder an seinem Schreibtisch und war mit irgendetwas beschäftigt. Der Templer schloß die Tür und sah die beiden vorsichtig an. "Habt Ihr ihn verärgert?"

"Nein, wieso?" fragte Madeleine erstaunt. "Er benimmt sich doch wie immer."

Der Templer hob die Schultern und führte sie ohne weiteren Kommentar zu der Zelle zurück, in der sie angekommen waren. "Das wurde aber auch Zeit", empfing Anja sie ungnädig. Die Alte hing in den Ketten an der Wand und machte einen recht erbärmlichen Eindruck.

"Ihr habt einen seltsamen Sinn für Humor", bemerkte Madeleine, als die Tür sich wieder geschlossen hatte.

"Tarnung", erwiderte die Garou wortkarg und schüttelte die Ketten ab. "In einer Stunde wird der Junge alles vergessen haben, was er an ungewöhnlichen Dingen gesehen hat." Sie öffnete ein Portal und deutete ungeduldig mit ihrem Stock darauf. Die beiden traten hindurch und fanden sich in der beunruhigenden Umgebung wieder, durch die sie auf dem Herweg gekommen waren. Die vier Krieger standen da und warteten. Gleich darauf erschien Anja neben ihnen, jetzt wieder in ihrer jungen, schönen Gestalt, und begann ohne ein weiteres Wort mit dem Abstieg.

Der Rückweg verlief ähnlich wie der Hinweg. Zwei-, dreimal mußten sie unterwegs anhalten, weil Anja irgendeine Gefahr bemerkt hatte. Die Krieger kümmerten sich darum, was immer es war, danach ging es weiter. Nach dem letzten dieser Zwischenfälle waren es nur noch drei, was aber weder von ihnen noch von Anja kommentiert wurde. Schließlich standen sie wieder in der Gasse. Anja starrte kurz angestrengt ins Leere, dann nickte sie zufrieden und ließ ein Tor entstehen. "Ich werde nicht mit Euch kommen", sagte sie. "Ihr könnt durchgehen, auf der anderen Seite ist gerade niemand."

Madeleine nickte ihr höflich zu, dann trat sie eilig auf das Portal zu. William folgte ihr. Als sie sich umdrehten, schien Anja für einen winzigen Moment vor ihren Augen zu verschwimmen. Sie wirkte plötzlich gleichzeitig jung und uralt. Ihre Gestalt wurde von vielen anderen überlagert: ein weißer Wolf, alt und weise, ein Adler, ein Falke, eine Wildkatze. Es war nur ein flüchtiges Bild, kurz aus den Augenwinkeln heraus wahrgenommen und mehr erahnt als gesehen, aber es war beeindruckend. Im nächsten Augenblick waren sie durch das Tor und standen wieder in ihrer Welt. Madeleine lehnte sich gegen die Hauswand.

"Hast du das auch gesehen?" fragte sie.

Er nickte. "Ich frage mich, wie alt sie wirklich ist", murmelte er. "Wenn das, was sie uns gerade zum Abschied gezeigt hat, ein Stück ihrer wahren Macht war..."

Madeleine stieß sich von der Wand ab und nahm seine Hand. "Laß uns zusehen, daß wir nach Hause kommen", schlug sie vor und sah nach oben, wo eine Fledermaus ihre Kreise zog. "Wir müssen mit Irian reden." Sie schnitt eine Grimasse. "Und außerdem will ich dieses Kettenhemd loswerden."

 

"Herrin, wacht doch endlich auf!" Francescas Stimme schien von sehr weit herzukommen. Madeleine hatte das untrügliche Gefühl, daß es eigentlich noch zu früh war, um aufzuwachen, wenn auch nicht viel. Und Francesca schien wegen irgendetwas ernsthaft besorgt zu sein... Mühsam schüttelte die Lasombra den Schlaf ab und öffnete die Augen. Ihr Ghoul stand neben ihr und rüttelte an ihrer Schulter. Auf der anderen Seite des Bettes war James vergeblich bemüht, seinen Herrn zu wecken.

"Was ist denn los?" fragte sie verschlafen. In diesem Moment bekam William offenbar mit, daß irgendetwas nicht stimmte. Reflexartig holte er aus und traf James mit dem Arm quer über die Brust. Der Ghoul flog ein paar Meter weit durch den Raum und prallte gegen die Wand, wo er leicht benommen sitzenblieb. Madeleine spürte mit ihrem Geist der Verbindung zu William nach und versuchte, ihn vollends wach zu bekommen. Schließlich schlug er die Augen auf und blinzelte verwirrt.

"Was...?" murmelte er.

Madeleine sah Francesca an. Ihre normalerweise ruhige und besonnene Bedienstete hatte ganz offensichtlich Angst. Sie hatte sich noch gut im Griff, aber in ihren Augen schimmerte es verdächtig feucht. "Es scheint ernst zu sein", stellte Madeleine fest.

Francesca nickte. "Die Schiffe im Hafen... vor ein paar Minuten haben sie angefangen, mit ihren Katapulten die Stadt zu beschießen. Und sie schießen mit griechischem Feuer."

In diesem Moment gab es draußen auf der Straße einen lauten Knall, dann drangen verzweifelte Schreie herein, gedämpft durch die dicken Mauern, aber deutlich zu hören.

Madeleine wechselte einen bestürzten Blick mit William. "Es geht los."

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