Kapitel 13
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"Ihr seid schon wach?" fragte der Priester erstaunt, als William den Empfangsraum betrat. "Ich hatte Madame erwartet."

"Madeleine ist beschäftigt", sagte William kurz. "Was ist da draußen los?"

"Die Schiffe beschießen die Stadt mit griechischem Feuer, wie Ihr zweifellos schon gehört habt. Das heißt, wir müssen schneller zuschlagen als wir geplant hatten."

Der Ventrue ließ sich schwer auf einem Sessel nieder. Die Sonne würde erst in einer Stunde untergehen, und normalerweise wäre er auch nicht vorher wach geworden. Madeleine hatte sich, als sie von den Bränden gehört hatte, sofort in ihr Zimmer zurückgezogen, um ihre Schattenrüstung anzulegen, und als Mog den Besuch Bruder Matthias' gemeldet hatte, war nur er in der Lage gewesen, sich um ihn zu kümmern. Irian schlief noch, unter der Erde im Atrium, was verhinderte, daß man sie wecken konnte. William kämpfte immer noch gegen den Schlaf, und er fühlte sich schwach und hilflos. Seine gewohnte Kraft würde erst mit Sonnenuntergang zurückkehren. Er sah Bruder Matthias an. "Was schlagt Ihr vor?"

Der Priester seufzte. "Viele Möglichkeiten haben wir nicht, und sie sind alle gleich unangenehm. Es ist dem Dämon gelungen, die beiden Magier an Bord zu übernehmen, das heißt, wir haben jetzt keinerlei Kontrolle mehr über die Schiffe. Wahrscheinlich werden wir sie alle versenken müssen."

"Mit tausend Kriegern an Bord?" fragte William entsetzt.

Matthias nickte. "Glaubt mir, mir gefällt das nicht besser als Euch. Aber wenn die Alternative ist, daß sie die Stadt mit all ihren Bewohnern zerstören..." Er lehnte sich gegen eine Säule. "Außerdem werden wir dafür sorgen müssen, daß das Feuer von wichtigen Punkten abgelenkt wird. Der Feind wird noch mindestens zwei Schüsse absetzen können, ehe wir gegen die Schiffe vorgehen können, auch wenn es immer etwa eine Stunde dauert, die Katapulte zu laden. Wir werden Lockvögel brauchen..."

"... die natürlich auch geopfert werden", stellte William fest.

Der Priester sah zu Boden und ging nicht auf diese Bemerkung ein. "Ich muß zu meinen Brüdern zurück", sagte er schließlich. "Wenn ich etwas neues erfahre, lasse ich es Euch wissen. Bis dahin..." Er nickte William zu und ging. Der Ventrue blieb in seinem Sessel zurück und verbarg das Gesicht in den Händen.

 

Die Schatten waren unwillig, stellte Madeleine fest. Zwar waren sie auf ihren Ruf hin gleich gekommen, aber es hatte die Lasombra ungewöhnlich viel Kraft gekostet, ihnen ihren Willen aufzuzwingen, damit sie die Form annahmen, in der sie sie haben wollte. Ob es daran lag, daß draußen die Sonne noch nicht untergegangen war, oder ob sich der Einfluß des Dämons bemerkbar machte, wußte sie nicht. Sie brauchte eine volle Stunde, bis sie sich endlich durchgesetzt hatte, und danach fühlte sie sich erschöpft und leicht gereizt. Sie blieb noch eine ganze Weile still in ihrem Zimmer sitzen, um Kräfte zu sammeln, ehe sie sich hochrappelte und nach unten ging.

Auf dem Weg zum Frühstück traf sie Irian, die gerade wach geworden war. Die Gangrel beäugte sie mit kaum verhohlenem Mißtrauen. Madeleine war auf den ersten Blick überhaupt nicht für einen Kampf ausgerüstet - sie trug ein langes schwarzes Kleid und einen Umhang darüber, mit einer bezeichnenderweise leeren Schwertscheide am Gürtel. Ihre ganze Kleidung allerdings bestand aus Schatten - und zwar, wie Irian sofort sah, aus der gefährlichen Variante, die durchaus in der Lage war, sogar Stahl aufzuhalten. Irian hatte schon für gewöhnliche Schatten nicht viel übrig, und die Art, mit der Madeleine sich gerade umgab, hatte definitiv zuviel mit dem Dämon gemeinsam.

Madeleine spürte die Abneigung ihrer Schwester natürlich. Sie hatte sich inzwischen schon fast daran gewöhnt, daß ihre Schatten von anderen nicht unbedingt geschätzt wurden, aber sie fühlte auch, daß das in diesem Fall nicht alles war. Irgendetwas stimmte nicht mit Irian. Die Lasombra legte den Kopf schief und sah sie fragend an. "Was ist los?"

Irian erwiderte den Blick fast verächtlich. "Was ist los... schau dich doch nur mal um" antwortete sie ärgerlich. "Diese Stadt geht vor die Hunde, und wir mit ihr. Wir hängen hier fest und lassen uns von irgendwelchen Leuten als Marionetten benutzen. Mag ja sein, daß du damit kein Problem hast, ich habe eins."

Madeleine war von diesem Ausbruch völlig überrascht. "Mir gefällt das auch nicht", sagte sie vorsichtig, "aber im Moment können wir nichts dagegen machen."

"Genau", knurrte Irian wütend. "Wir können nichts dagegen machen, und das geht schon die ganze Zeit so. Ich will hier weg, ich habe keine Lust mehr, für irgendwelches Pack die Schachfigur zu spielen!"

"Willst du uns wirklich hängenlassen?" fragte Madeleine, die immer noch nicht wußte, was sie von Irians merkwürdigem Benehmen halten sollte. Sie kannte die Gangrel als ruhig und beherrscht, beherrschter jedenfalls als sie selbst oder William. Das hier paßte nicht zu ihr. Ihr Blut sagte ihr, daß es tatsächlich Irian war, die ihr da gegenüberstand, und daß sie jedes Wort ernst meinte. Trotzdem konzentrierte sie sich einen Moment lang auf Irians Aura, weil sie einfach nicht glauben konnte, was sie da hörte.

Irian bemerkte das natürlich sofort. "Hör auf, mich so anzuschauen", fauchte sie zornig. "Ja, ich will hier weg, aber ich kann nicht. Ich kann euch nicht 'hängenlassen', wie du das nennst, weil unser Blut mich daran hindert. Ihr habt mich in diese Sache hineingezogen, du und William, euretwegen sitze ich hier fest, und manchmal hasse ich euch dafür!"

Völlig schockiert konnte Madeleine die Gangrel einen Moment lang nur sprachlos anstarren. In diesem Moment trat William aus dem Empfangsraum. Er spürte natürlich, daß etwas nicht stimmte, kam herüber und sah fragend von einer zur anderen.

"Was ist denn hier los?"

Madeleine wollte etwas sagen, stellte fest, daß ihr immer noch die Worte fehlten, und floh förmlich in den Blauen Salon.

William sah ihr verblüfft hinterher, dann wandte er sich Irian zu. "Was ist passiert?"

"Ich will nicht mehr", erklärte sie. "Ich habe das alles hier einfach nur noch satt."

William nickte. "Das kann ich nur zu gut verstehen. Das Dumme ist, wir kommen hier im Moment nicht weg. Du wirst mitbekommen haben, wie es inzwischen draußen aussieht."

"Ich weiß", sagte sie nur.

Er sah sie prüfend an. "Und was ist mit Madeleine los?"

Sie zuckte die Schultern. "Keine Ahnung. Frag sie."

William sah ein, daß mit Irian im Moment nicht wirklich zu reden war. Er war durchaus beunruhigt, auch, weil ihn Madeleines merkwürdige Reaktion verwunderte, aber es war vielleicht auch keine besonders gute Idee, die Lasombra sofort darauf anzusprechen. Sie war im Moment viel zu gereizt (und noch etwas anderes, was er nicht recht einzuordnen wußte), wahrscheinlich hätte sie ihm ohnehin keine Antwort gegeben. Was auch immer hier gerade vorgefallen war, es würde warten müssen, bis Madeleine sich entweder von selbst beruhigte, oder die dringenderen Probleme gelöst waren. Er legte einen Arm um Irians Schulter und drückte sie kurz an sich. "Laß uns frühstücken gehen. Das löst zwar das prinzipielle Problem nicht, aber vielleicht hilft es trotzdem ein bißchen."

Irian sah ihn einen Moment an, mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen, den er nicht deuten konnte, dann nickte sie und folgte ihm.

 

"Bruder Matthias ist noch einmal hier", sagte Mog eine Stunde später. "Er wartet im Empfangsraum."

"Danke", sagte William. "Sieh zu, daß wir nicht gestört werden."

Der Priester stand mit dem Rücken zu ihnen, als sie eintraten. Als er sich umwandte, glitzerten Tränen in seinen Augen. "Es brennt an drei Stellen in der Stadt", sagte er statt einer Begrüßung. "Die Katapulte haben wieder gefeuert, aber die Schüsse konnten zu weniger kritischen Punkten gelenkt werden. Die... die fünf Neutralen haben dafür gesorgt."

"Sie sind tot", stellte Madeleine fest. Matthias nickte. Madeleine senkte den Kopf, und auch William schien bestürzt. Sie waren den fünf Magiern nur einmal begegnet und kannten sie kaum, trotzdem löste die Nachricht von ihrem Tod Trauer in ihnen aus.

"Um so wichtiger ist es", fuhr der Priester schließlich fort, "daß wir die Sache schnell zu einem Ende bringen. Wir brauchen die Zeit und den Ort, damit wir so bald wie möglich zuschlagen können. Meine Brüder und ich werden uns um die Schiffe kümmern. Eure Aufgabe wird es sein, die Informationen zu besorgen. Es sind genug Diener des Gegners in der Stadt unterwegs, von denen Ihr erfahren könnt, was wir wissen müssen."

Madeleine und William spürten beide Irians Unwillen bei Matthias' Worten, aber die Gangrel behielt ihre Gedanken für sich und schwieg. Seit ihrem Ausbruch vorhin hatte Madeleine es vermieden, ihre Schwester auch nur anzusehen; zu tief saß der Schock über Irians Worte. Daß Bruder Matthias die drei jetzt ohne viel Umstände einteilte, war für Irian nur eine weitere Bestätigung ihrer Ansichten und trug nicht gerade dazu bei, ihren Ärger zu mildern.

William sah den Priester an. "In Ordnung, wir werden uns auf den Weg machen. Sobald wir etwas erfahren, lassen wir es Euch wissen." Bruder Matthias nickte und verabschiedete sich.

"Ich möchte noch schnell etwas erledigen, ehe wir losgehen", sagte Madeleine. "Ich bin gleich wieder hier."Damit verließ sie den Empfangsraum und ging nach oben, wo sie William von Baskerville auf seinem Posten wußte. Ihr Ghoul stand in einem der unbewohnten Zimmer am Fenster, sein Schwert und eine brennende Fackel in Reichweite. Als er sie hereinkommen sah, stellte er die Fackel ein Stück weiter weg. Madeleine ging auf ihn zu, blieb aber ein paar Schritte vor ihm stehen, als sie bemerkte, daß ihre Schattenrüstung ihm Unbehagen verursachte.

"Ich wollte mich nur von dir verabschieden", sagte sie leise. "Wir müssen hinaus, um Informationen zu sammeln, und du weißt, wie es draußen aussieht. Ich wollte dich vorher noch einmal sehen."

Er nickte und sah sie einen Moment lang schweigend an. Dann zog er sie an sich, Schatten oder nicht, und hielt sie fest.

"Paß auf dich auf", flüsterte sie. "Ich will dich heil wiederfinden, wenn wir zurückkommen."

"Das sollte ich zu dir sagen", meinte er. "Wir sind hier für den Augenblick relativ sicher, aber da draußen..." Er unterdrückte ein Schaudern.

"Ich werde eher auf die beiden anderen aufpassen müssen, fürchte ich. Irgendetwas stimmt mit Irian nicht, und William scheint das irgendwie nicht ernst zu nehmen. Aber es hilft alles nichts, wir müssen diese Dinge wissen, und wir können sie nur in der Stadt erfahren."

"Mir ist trotzdem nicht wohl dabei. Die Hand, die das Schwert führt, sollte wissen, wo sie angreift, anstatt blind drauflos zu schlagen."

Sie verstand, was er meinte. Er wußte natürlich, daß Bruder Matthias dagewesen war, und es gefiel ihm nicht, daß der Priester die drei (und besonders natürlich Madeleine) hinausschickte, auch wenn sein Verstand die Notwendigkeit vielleicht einsah. Sie würden mehr oder weniger ziellos die Stadt durchsuchen müssen, in der Hoffnung, einen geeigneten Informanten zu finden, und bei der momentanen Lage draußen war das höchst riskant. Sie drückte ihn an sich, dann sagte sie: "Ich muß gehen, die anderen warten."

"Danke, daß du gekommen bist", sagte er leise, dann küßte er sie. Für einen langen Augenblick erwiderte sie den Kuß, aber schließlich machte sie sich los, strich ihm sanft übers Gesicht, und ging. Er sah ihr einen Moment lang traurig nach, ehe er sich wieder dem Fenster zuwandte und seine Wache fortsetzte.

 

Draußen herrschte Krieg. Dicke Rauchwolken hingen über der Stadt, und von drei Richtungen her färbte Feuerschein den Himmel. Die Straßen waren voller Geschrei und Kampflärm, und als die drei Kainiten vom Dach eines benachbarten Hauses aus die Blicke schweifen ließen, erkannten sie, daß die Villa fast eine Oase relativer Ruhe war. Überall sonst wurde gekämpft. Bauern und das einfache Volk aus der Stadt, bewaffnet mit allem, was sie in die Hände bekommen konnten, lieferten sich Straßenschlachten mit Templern und Stadtwachen, die ihrerseits keinerlei Zurückhaltung walten ließen. Sich in diesem Chaos durch die Straßen zu bewegen wäre unsinnig und gefährlich gewesen. Irian trug ihre Fledermausgestalt und flog, William und Madeleine huschten über die Dächer. Mit ihren Sinnen würde es nicht allzu schwierig sein, die Diener des Dämons auszumachen. An sie heranzukommen würde dann allerdings ein anderes Problem werden.

Bauern und Templer waren nicht das einzige, was heute Nacht unterwegs war. Durch die Luft schossen immer wieder kaum wahrnehmbare, bleiche Schemen, die sich aus der Höhe auf Sterbliche herabstürzten. Wo sie einen trafen, durchschlugen sie ihn, und der Getroffene war Augenblicke später tot. William und Madeleine sahen sich an. "Der Dämon hat Geister zu Hilfe geholt", stellte der Ventrue fest. "Das heißt also, wir müssen auch den Himmel im Auge behalten. Zum Glück haben wir Irian."

Madeleine hatte ihre eigenen Gedanken über die Gangrel und ihre Zuverlässigkeit heute Nacht, behielt sie aber für sich. Sie fühlte sich extrem unwohl und fast verwundbar hier draußen. Irians merkwürdiges Benehmen vorhin und die Leichtigkeit, mit der William scheinbar darüber hinwegging, die Schwierigkeiten, die sie mit ihren Schatten gehabt hatte, die Zustände in den Straßen, all das zerrte an ihren Nerven. "Sie rauben Seelen", murmelte sie mit einem unruhigen Blick auf die Geister und zog die Schultern hoch, als würde sie frieren. "Laß uns die Sache hinter uns bringen", meinte sie und setzte sich in Bewegung.

Ein paar Straßen weiter fanden sie den ersten Schattendiener. Auf den ersten Blick sah er wie ein normaler Mensch aus, aber mit ihren übernatürlichen Sinnen erkannten William und Madeleine das Zeichen des Dämons an ihm. Er hatte ein gutes Dutzend Leute bei sich, einfache Stadtbewohner offenbar. Sie standen um ihn herum mitten auf der Straße. Im Moment waren keine Templer oder Wachen zu sehen, diese Ecke der Stadt war für den Augenblick vergleichsweise ruhig. Die drei hatten auf dem Weg hierher allerdings gesehen, wie schnell sich das ändern konnte; es war Eile geboten.

Madeleine versuchte, die Gedanken des Dieners zu lesen, mußte aber feststellen, daß das ohne eine sehr gezielte Anstrengung nicht möglich sein würde. Der Dämon hatte seine Art zu denken dermaßen verändert, daß sie mit der gewöhnlicher Menschen fast nichts mehr gemeinsam hatte. Die Lasombra sah William an und schüttelte leicht den Kopf. "Ich komme nicht so ohne weiteres an ihn heran", gab sie zu. "Das hier ist wohl eher ein Fall für dich, besonders wegen dieses Packs, das er dabei hat."

William warf einen Blick nach unten. "Die Leute sollten kein Problem sein", meinte er und sprang vom Dach, direkt vor die Gruppe. Und dann sah Madeleine zum ersten Mal das ganze Ausmaß seiner Fähigkeiten. Hochaufgerichtet stand er auf der Straße. Obwohl er sich auf der gleichen Höhe befand wie seine Opfer, schien er einige Meter über ihnen zu stehen und auf sie herunterzuschauen wie ein Herrscher, der vom Balkon seines Palastes auf seine Untertanen hinabsah und ihre Huldigung entgegennahm. Selbst Madeleine war beeindruckt, obwohl er sie nicht einmal direkt ansah, sondern seine ganze Aufmerksamkeit auf die Gruppe auf der Straße richtete. Er verfehlte seine Wirkung keineswegs. Die Leute um den Schattendiener herum sanken mit einem leisen Seufzen auf die Knie. Einige betrachteten den Ventrue völlig hingerissen, die anderen wagten nicht einmal, den Blick zu ihm zu erheben. Der einzige, der von der majestätischen Erscheinung völlig unberührt blieb, war der Diener. Er warf einen Blick zu William, streckte die Hände aus und begann irgendetwas zu murmeln. Und dann geschahen plötzlich mehrere Dinge gleichzeitig. Madeleine erkannte, daß der Diener nicht unter Williams Bann stand, sprang vom Dach und rief nach ihren Schatten. William bemerkte, daß sein Gegenüber etwas vorhatte und befahl: "Sei still!" Erfolg hatte er keinen, der Einfluß des Dämons auf seinen Diener war zu stark, als daß der Ventrue dagegen angekommen wäre. Da erklang von oben vom Dach eine gebieterische Stimme: "Halt!"

Der Schattendiener fror mitten in der Bewegung ein. Mit einem Mal stand er steif wie eine Statue, während sich um ihn herum ein halbes Dutzend sich windende schwarze Tentakel bildeten und ihn einwickelten. Madeleine und William sahen sich verblüfft an. Die Stimme war die von Irian gewesen - und dieser Effekt war überraschend. Madeleine konnte spüren, wie ihre Tentakel versuchten, sich enger um ihr Opfer zu winden, aber es war, als wollten sie eine Steinstatue erwürgen. Irian stand plötzlich auch auf der Straße, in ihrer normalen Gestalt, und sah den Diener einen Moment lang angewidert an. Dann sagte sie: "Laßt uns sehen, daß wir weiterkommen. Und zwar jetzt."

William schüttelte den Kopf. "Wir brauchen Informationen, und der Kerl hier hat sie wahrscheinlich. Hast du das mit ihm gemacht?"

"Ja", gab sie zu. "Es wird aber nicht mehr lange wirken."

"Die Schatten halten ihn fest", meinte Madeleine. "Wenn was auch immer du mit ihm angestellt hast aufhört, wird er sich immer noch nicht rühren können."

Irian hob die Schultern. "Wenn ihr meint..." murmelte sie gleichgültig und zog sich ein paar Schritte zurück. In diesem Moment ließ die Wirkung von Irians Eingreifen nach. Die Schattententakel, die die ganze Zeit erfolglos versucht hatten, ihrem Opfer zu schaden und dabei immer fester zugedrückt hatten, spürten plötzlich keinen Widerstand mehr - und zerquetschten den Diener wie eine reife Frucht. Madeleine wandte sich angeekelt ab.

William seufzte. "Soviel zu den Informationen, die er hatte", meinte er und bemühte sich, die Überreste nicht zu genau anzusehen.

"Tut mir leid", entschuldigte sich Madeleine. "Ehe ich gemerkt habe, was passiert, war es zu spät. Ich konnte ihnen nicht mehr befehlen, etwas lockerer zu lassen."

"Es wird noch mehr von der Sorte geben, diese ganze verdammte Stadt ist voll davon", knurrte Irian. "Wir werden schon noch einen finden. Können wir jetzt endlich hier verschwinden?"

"Natürlich", sagte William und sprang wieder aufs Dach, ohne sich um Irians schlechte Laune noch weiter zu kümmern. Allmählich färbte die Gereiztheit seiner beiden Schwestern auf ihn ab. Dabei schien doch letzte Nacht zumindest im Haus noch alles in Ordnung gewesen zu sein...

Madeleine sprang ebenfalls wieder nach oben und sah sich um. "Die Hafengegend, würde ich vorschlagen", meinte sie. "Natürlich nicht gerade in der Nähe des Turms, sondern auf der anderen Seite. Da werden wahrscheinlich mehr von den Kerlen herumlaufen als uns lieb ist."

 

Je näher sie der Hafengegend kamen, desto schlimmer wurden die Zustände in den Straßen. Fast an jeder Ecke wurde gekämpft, Bauern gegen Templer, Bauern gegen Stadtwachen, einfache Bürger gegeneinander. Den dreien wurde fast übel von dem unnatürlichen Haß, der anscheinend alles Lebendige in der Stadt erfaßt hatte. Schließlich hob William die Hand und hielt die beiden Frauen an.

"Seht, da unten", sagte er. Auf der Straße unter ihnen war ein blutiges Gemetzel im Gang. Eine Gruppe von Templern kämpfte gegen eine Horde Bauern. Die Bauern waren erbärmlich schlecht bewaffnet, aber zahlenmäßig überlegen, und sie kämpften mit einer Wut, die schon fast nicht mehr menschlich war. Madeleine erkannte auch sofort den Grund dafür: hinter den Bauern standen drei Männer, die das Zeichen des Dämons trugen. Sie peitschten die Leute auf und verstärkten ihren Zorn und ihren Haß, bis die Bauern sich ohne Rücksicht auf das eigene Leben auf die Soldaten stürzten. Im Moment schienen sie auch langsam an Boden zu gewinnen. Für jeden Templer, der fiel, starben drei oder vier Bauern, aber immer rückten mehr von hinten nach.

Die Geschwister sahen sich an. "Wir brauchen einen von den dreien da hinten", stellte William das Offensichtliche fest.

"Von hier aus kommen wir aber nicht an sie heran" meinte Madeleine. "Ich versuche, die Gedanken des Anführers zu lesen, vielleicht erfahre ich ja etwas, ohne daß wir direkt angreifen müssen." Sie konzentrierte sich auf den Schattendiener in der Mitte, der durch sein Benehmen und das Verhalten der beiden anderen eindeutig als Kopf des Trios auszumachen war, und versuchte, in seinen Geist einzudringen. Es war schwierig, und sie brauchte eine ganze Weile, ehe sie sich in den verwirrenden und teilweise fremdartigen Gedanken zurechtfand. Selbst dann mußte sie feststellen, daß sie an die tieferen Schichten seiner Gedanken nicht herankam, sie würde sich mit dem begnügen müssen, was sie an der Oberfläche fand. Und da dachte er zu ihrer Enttäuschung nicht an die Zeit und den Ort, die für sie so wichtig waren. Seine Gedanken drehten sich im Moment fast ausschließlich um den Kampf auf der Straße. Nach ein, zwei Minuten gab die Lasombra auf und sah William an. "Ich komme nicht wirklich durch", gab sie zu. "Das einzige, was ich erfahren habe, war, daß diese beiden anderen seine Schüler sind und er sie braucht, um alle Bauern unter Kontrolle zu halten - und daß er die Bauern dafür sehen muß."

William sah nachdenklich nach unten. "So, wie die drei im Moment stehen, wird es schwierig werden, unauffällig an sie heranzukommen", murmelte er. "Ich frage mich, ob man vielleicht von da drüben... oder doch besser von der anderen Seite... "

Madeleine hielt es auf einmal nicht mehr aus. Das Geschrei und der Kampflärm, das massenhafte Sterben da unten auf der Straße, es reichte. "William, du redest zuviel", stellte sie fest. Mit einer Handbewegung hüllte sie die drei Schattendiener in tiefste Finsternis. Im nächsten Augenblick sprang sie vom Dach. Ihre vitae ließ sie unglaublich schnell werden und verlieh ihr übermenschliche Kraft. Nicht im geringsten behindert durch die Dunkelheit, die sie selbst gerufen hatte, war sie in der selben Sekunde neben einem der beiden Schüler. Noch ehe der Mann begriffen hatte, daß etwas mit ihm passierte, warf sie ihn sich über die Schulter und sprang zurück aufs Dach. Dort ließ sie ihn ohne weitere Umstände vor Williams Füße fallen und sagte: "Bitte. Du wolltest einen von ihnen zum Ausfragen, hier hast du ihn."

William hatte seine Überraschung schnell überwunden. "Vielleicht sollte man zuerst dieses Blutbad da unten beenden", sagte er mit einem Blick auf die Straße. "Die Bauern können weder vor noch zurück, die Schatten schneiden ihnen den Rückweg ab. Wenn wir nichts unternehmen, werden die Leute da unten sich alle gegenseitig umbringen."

Madeleine schüttelte den Kopf. "Ich übernehme das, kümmere du dich um das da", sagte sie und stieß den völlig verwirrten Schattendiener mit dem Fuß an. "Und versuch bitte, dir nicht wieder den Verstand herauszubrennen", fügte sie etwas spitz hinzu, ehe sie sich abwandte.

Ihre letzte Bemerkung machte William ärgerlich. Zugegeben, bei dem Zwischenfall neulich in der Gasse hätten ihn seine Fähigkeiten fast den Verstand gekostet, aber das war eine völlig andere Situation gewesen. Es war unnötig, ihn daran zu erinnern, nur weil sie schlechte Laune hatte.

Eine Bewegung vor ihm auf dem Boden brachte ihn in die Gegenwart zurück. Der Schattendiener schien sich inzwischen soweit gefangen zu haben, daß er versuchte, sich aufzurappeln und William anzugreifen. Irian stand kampfbereit daneben, um notfalls einzugreifen, aber der Ventrue hatte seinen Gefangenen im Griff. Er packte ihn, hob ihn hoch und hielt ihn in einer eisernen Umklammerung, aus der der andere sich nicht befreien konnte. Gleichzeitig war dadurch auch der Kontakt hergestellt, den William brauchte, um in ihm lesen zu können. Während Irian ein wachsames Auge auf die beiden hielt, um jeden Befreiungsversuch sofort zu unterbinden, konzentrierte sich William auf den Diener und las in ihm, was er wußte.

Ein runder, hoher Raum, mit schmalen Fenstern hoch oben. Offensichtlich ein Turmzimmer, und nicht weit unter der Spitze des Turms. Der Raum war leer bis auf drei Gegenstände in der Mitte. Ein Sarg, schwarz und mit seltsamen Ornamenten verziert. Eine schwarze Kiste, etwa zwei Handspannen groß, aus einem merkwürdigen Material. Es schien sich zu bewegen und auf eine unheimliche Art zu leben; es erinnerte irgendwie an die lebendigen Schatten, aus denen der Dämon bestand. Und ein einfacher Stuhl mit einer hohen, geraden Rückenlehne, der zwischen den beiden anderen Dingen stand. Auf den Stuhl fiel Sonnenlicht durch eins der Fenster, und während William hinsah, wanderte das Licht daran hinauf und wurde von Dunkelheit gefolgt, die es schließlich völlig vertrieb.

Die Zeit, und der Ort. William war zufrieden. Ehe der Schattendiener weitere Schwierigkeiten machen konnte, hatte der Ventrue seinen Dolch gezogen und schnitt ihm die Kehle durch.

 

Madeleine trat an den Rand des Dachs. Die Schatten, die sie umgaben, flackerten aufgeregt, und ihr Kleid und ihr Umhang bewegten sich stärker, als durch den leichten Wind allein zu erklären war. Die Lasombra konzentrierte sich auf die Templer, die den Bauern den Fluchtweg nach vorn abschnitten. Ihre Aufmerksamkeit zu erlangen war nicht weiter schwer. Die Templer hatten die Bewegung auf dem Dach wahrgenommen und warfen einen kurzen Blick nach oben - und das war alles, was Madeleine brauchte. Die Bauern sahen sie auch, allerdings reagierten sie völlig anders auf ihr Erscheinen. Die Templer waren beeindruckt von der majestätischen Gestalt, die von dort oben auf sie herabsah, und ließen für einen Moment in ihrem Angriff nach. Aus den Reihen der Bauern hingegen erscholl ein Ruf: "Seht, da oben! Unser Herr und Meister schickt uns Hilfe!" Die Bauern stürzten sich mit neuem Eifer in den Kampf und hatten vier der Templer, die sich unter Madeleines Bann kaum zur Wehr setzten, abgeschlachtet, ehe die Lasombra völlig begriffen hatte, was da unten vor sich ging.

Madeleine verzog angewidert das Gesicht. "Hört auf zu kämpfen!" donnerte sie. Ihre Stimme drang mühelos durch den Kampflärm nach unten. Verblüfft stellten die Bauern ihren Angriff ein und sahen zu ihr herauf. "Geht nach Hause", befahl sie. "Und ihr", wandte sie sich an die Templer, "laßt sie gehen. Es hat genug Tote gegeben." Gehorsam traten die Templer beiseite und ließen die leicht verwirrten Bauern vorbei.

William kam an ihre Seite und sah nach unten. "Ich habe, was wir wollten", sagte er. "Aber da unten in der Dunkelheit sind noch zwei von den Kerlen, und ich habe nicht vor, sie davonkommen zu lassen."

"Einer", korrigierte die Lasombra und spähte in die Finsternis. "Der Anführer hat gerade seinen Schüler getötet und sein Herz gegessen, um sich seine Kraft zu holen. Ob er fliehen oder angreifen will, kann ich nicht sagen."

William war nicht geneigt, ihm eins von beidem zu gestatten. Im nächsten Augenblick stand er unten auf der Straße und stürzte in die Dunkelheit. Sein erster Schlag verfehlte den Gegner. Madeleine, die beide vom Dach aus sehen konnte, warnte: "Vorsicht, er will aufs Haus." Tatsächlich erschien der Schattendiener gleich darauf auf dem gegenüberliegenden Dach, wo ihre Finsternis nicht mehr hinreichte. Und dann stand William neben ihm, und ehe der andere noch etwas unternehmen konnte, hatte der Ventrue ihn mit einem präzisen Schlag geköpft.

William richtete sich auf und sah zu seinen Schwestern hinüber. Plötzlich nahm er aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung wahr. "Deckung!" schrie er und hechtete im selben Moment vom Dach. Er überschlug sich in der Luft und landete federnd auf der Straße, das Schwert erhoben. Neben ihm kam Madeleine herunter, und dann stürzten fünf Geister auf sie herab. Irian sprang ebenfalls, wirbelte herum und brach mit einem gezielten Tritt die Tür des nächsten Hauses auf. William fragte sich kurz, was sie darin wollte, immerhin hatten sie vorhin gesehen, daß die Geister problemlos durch Wände dringen konnten. Dann konnte er sich nicht weiter um die Gangrel kümmern, weil zwei der Geister heran waren. Sein Katana wirbelte herum und traf beide mitten im Anflug. Ein gewöhnliches Schwert hätte gegen die beiden vermutlich nichts ausrichten können, aber seine Klinge war alles andere als gewöhnlich. Mühelos blockte er die Angriffe ab. Einer der Geister verschwand im Boden, der andere drehte kurz darüber ab und schoß wieder nach oben.

Madeleine streckte gebieterisch die Hand in Richtung der gerade abziehenden Templer aus. Vier von ihnen waren mit einem Mal ohne Schatten, die nämlich flossen in Windeseile auf Madeleines Hand zu. Dort verdichteten sie sich, nahmen Form an, und plötzlich hielt sie eine schwarze, pulsierende Klinge in der Hand, die sie in einer fließenden Bewegung nach oben brachte, um die zwei Geister abzuwehren, die auf sie zurasten. Einen konnte sie mit ihrer Klinge ein Stück weit aus der Bahn werfen. Er traf sie zwar noch, aber ihre Schatten schützten sie und ließen ihn nicht durch. Den zweiten jedoch erwischte sie nicht. Ihr Schattenschwert verfehlte ihn um Haaresbreite. Der Geist traf sie voll, durchschlug ihre Rüstung als sei sie nicht vorhanden und flog durch sie hindurch. Madeleine spürte einen sengenden Schmerz, als er ihren Körper wieder verließ und dabei ein Stück ihrer Seele mit sich riß. Sie schrie auf und stürzte halb besinnungslos zu Boden. Der Schmerz war entsetzlich, viel schlimmer als die Verletzung, die sie damals in der Geisterwelt abbekommen hatte. Für einige lange Momente konnte sie sich nur am Boden zusammenkrümmen und leise vor sich hinwimmern. Wie durch einen Nebel hindurch sah sie William über sich stehen und nach dem Geist schlagen, der sich mit irrsinniger Geschwindigkeit zurückzog.

William fluchte, als der Geist vor seinen Augen verschwand. Er hatte das Geschöpf übel verletzt, aber nicht vernichtet. Der Ventrue beugte sich besorgt zu Madeleine hinunter, die gerade versuchte, sich aufzurichten. Sie waren eng genug verbunden, daß er zumindest einen Teil der Schmerzen fühlte, die sie litt. Er half ihr auf und stützte sie. "Wir müssen zur Kathedrale, und zwar schnell", stellte er fest.

Madeleine nickte und sah ihn an. "Ich fürchte, besonders schnell bin ich im Moment nicht", gestand sie. "Würdest du...?"

"Natürlich", antwortete er und hob sie auf die Arme. Dann sah er sich nach Irian um, die gerade offenbar unverletzt aus dem Haus kam, in das sie geflüchtet war.

Die Gangrel nickte ihm zu. "Alles in Ordnung. Laß uns verschwinden."

 

In der Gasse neben der Kathedrale war es merkwürdig still und friedlich. Das Chaos, das in der Stadt herrschte, schien nicht bis hierher zu dringen, und selbst die Geister hielten Abstand.

"Ich hoffe, hier rührt sich bald etwas", knurrte Irian, als sie ein paar Minuten gewartet hatten und immer noch niemand aufgetaucht war, um sie abzuholen.

Wie aufs Stichwort wurde die Seitentür der Kirche geöffnet, und Anja erschien. "Ihr bringt Neuigkeiten?" fragte sie. Dann sah sie Madeleine an. "Die Schatten wirst du draußen lassen müssen."

William spürte, wie Madeleine sich in seinem Arm versteifte. "Das kommt nicht in Frage", sagte sie leise. "Die Schatten sind meine Rüstung, wenn ich sie nicht mitnehmen kann, bleibe ich hier."

William seufzte. "Irian, würdest du hierbleiben und auf sie aufpassen?"

"Nein", antworteten Irian und Madeleine wie aus einem Mund.

Der Ventrue sah Madeleine resigniert an. "Ich weiß schon, wie die Antwort ausfallen wird, aber willst du, daß ich bei dir bleibe?" Sie sah ihn nur an und sagte nichts. "Also schön, dann eben nicht", meinte William und wandte sich an Anja. "Gehen wir."

Die Garou wandte sich ohne ein weiteres Wort ab und öffnete ein Tor. William und Irian gingen hindurch, Anja folgte, und das Portal verschwand wieder. Madeleine sah einen Augenblick lang hinter ihnen her, dann ließ sie sich zu Boden sinken, lehnte sich gegen die Hauswand und schloß die Augen.

 

Selbst im Umbra waren die Auswirkungen dessen zu sehen, was sich in der anderen Welt gerade abspielte. Die Geister waren aggressiver als beim letzten Mal, und William hatte das ungute Gefühl, daß sie die sieben Krieger, die hier auf sie warteten, dringend brauchen würden.

"Seht", sagte Anja, und deutete nach hinten in die Richtung, aus der sie gerade gekommen waren. Da, wo in ihrer Welt Madeleine in der Gasse gestanden hatte, waren seltsame schwarze Schemen zu sehen, nicht wirklich hier, aber irgendwie lebendig. Die beiden Kainiten begriffen, daß sie Madeleines Schattenrüstung sahen, obwohl ansonsten Dinge aus der einen Welt in der anderen nicht existierten und deshalb unsichtbar waren. Drei von Anjas Kriegern standen um das schwarze Etwas herum, und aus ihrer Haltung ging eindeutig hervor, daß sie keineswegs zu Madeleines Schutz dastanden. Sie paßten auf die Schatten auf, und William konnte nur hoffen, daß die Lasombra nichts unternahm, was die drei beunruhigt hätte.

Anja hatte sich inzwischen abgewandt und ging los, und die Geschwister beeilten sich, ihr zu folgen. Schließlich gelangten sie wieder in die bekannte Kerkerzelle, wo ein Templer sie auf Anjas energisches Klopfen hinausließ. Minuten später standen sie vor Bruder Matthias' Tür. Auf ihr Klopfen jedoch antwortete eine unbekannte Stimme, und als sie eintraten, saß ein Fremder am Schreibtisch. Einen größeren Gegensatz zu Bruder Matthias hätte man sich kaum denken können: der Mann war hochgewachsen, knochig und hatte ein hageres Gesicht mit einer scharfen Hakennase, die den Ventrue spontan an das Bild eines Geiers erinnerte, das er einmal in einem Buch gesehen hatte. Er war außerdem unglaublich häßlich, was durch seine nicht besonders saubere Kutte eher noch betont wurde. Der Fremde sah erstaunt auf, als die beiden Kainiten eintraten, schien aber nicht ernsthaft beunruhigt.

"Guten Abend", sagte William höflich. "Wir hatten eigentlich Bruder Matthias erwartet."

"Bruder Matthias hält gerade die Andacht", sagte der Mann. "Ich bin Bruder Matis, vielleicht kann ich Euch helfen?"

William und Irian sahen sich an. Die Gangrel schüttelte fast unmerklich den Kopf. Vorsicht, dachte sie so, daß William es hören konnte. Manchmal überraschte es ihn immer noch, wie eng die Verbindung inzwischen war.

"Wir haben einige Informationen für ihn, aber die würden wir ihm lieber persönlich geben", sagte der Ventrue.

Bruder Matis stand auf und ging zu einem kleinen Schreibpult. Er klappte es auf und deutete auf einen Stapel leerer Pergamente und eine Schreibfeder, die darin lagen. "Ihr könnt aufschreiben, was Ihr ihm mitteilen wollt, und hier hineinlegen. Wenn der Deckel geschlossen ist, ist er nur von bestimmten Personen zu öffnen, die das entsprechende Zeichen kennen."

Lüge, dachte Irian, und William war sicher, daß sie recht hatte. Außerdem schien der gute Bruder Matis allmählich doch etwas nervös zu werden.

Wir warten, sagte Williams Blut zu Irian. Er wandte sich an Matis. "Wenn es Euch nichts ausmacht, werden wir hier auf Bruder Matthias warten. Dann können wir auch sicher sein, daß die Informationen ihn wirklich sofort erreichen."

Das wiederum schien Matis nicht zu gefallen, andererseits konnte er die beiden auch nicht einfach hinauswerfen. "Die Andacht wird sicher noch eine gute halbe Stunde dauern", sagte er.

"Wir haben Zeit", erklärte William und lehnte sich an eins der Regale. Da auch Irian keinerlei Anstalten machte, den Raum zu verlassen, blieb Matis nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Er beschäftigte sich mit irgendetwas auf dem Schreibtisch und nahm für die nächste halbe Stunde keine Notiz mehr von den beiden. Zumindest versuchte er, diesen Eindruck zu erwecken. Seine Aura erzählte William eine ganz andere Geschichte. Mit dem Mann stimmte irgendetwas nicht, soviel war klar, und je länger sie warteten, desto unruhiger wurde er. Schließlich stand er auf und ging zur Tür.

"Ich werde Bruder Matthias wissen lassen, daß Ihr hier seid", sagte er. "Die Andacht müßte gleich vorbei sein." Damit verließ er eilig den Raum.

Irian sah ihren Bruder an und hob eine Augenbraue. "Irgendetwas ist da faul. Ob Bruder Matthias weiß, daß dieser Kerl in seiner Abwesenheit sein Zimmer benutzt?"

"Ich bezweifle es", meinte William. "Hast du ihn dir angesehen, als er rausging? Der Mann hatte Angst."

"Den Eindruck hatte ich auch. Wir werden ja sehen, ob er tatsächlich Matthias ruft."

 

Madeleine hatte schon über eine halbe Stunde in der Gasse gewartet, ohne daß ihre Geschwister zurückgekommen wären. Aus der Kathedrale drang gelegentlich gedämpfter Gesang, und dazwischen die donnernde Stimme von Bruder Matthias. Offensichtlich war er noch hier beschäftigt. Madeleine überlegte kurz, sich in die Kirche zurückzuziehen, aber mit ihren Schatten wäre das wohl auch keine gute Idee gewesen. Die Kirche war zu voll, als daß sie hätte hoffen können, unentdeckt zu bleiben. Ganz abgesehen von den drei Gargoylen, die das Innere bewachten. Also blieb sie draußen und hoffte, daß die beiden anderen bald zurückkamen. Sie wollte nach Hause, wo es genug unverseuchte vitae gab, damit sie sich endlich um ihre Wunden kümmern konnte. Obwohl unsichtbar, bereiteten sie ihr immer noch fast unerträgliche Schmerzen.

Schließlich wurde es still in der Kirche, und einige Minuten später öffnete sich die Seitentür. Anja erschien und warf der Lasombra einen bösartigen Blick zu.

Madeleine stand auf und bemühte sich, sich nicht anmerken zu lassen, wie schwer es ihr fiel, auf die Beine zu kommen. "Wo sind meine Gefährten? Sie sind mit Euch weggegangen, und jetzt kommt Ihr alleine zurück?"

Die Garou knurrte und wollte gerade zu einer zweifellos wenig freundlichen Antwort ansetzen, als sie beiseite geschoben wurde und Bruder Matthias erschien. "Anja, warte bitte drinnen." Die Garou zog sich widerwillig zurück, und der Priester wandte sich an Madeleine. "Ihr wolltet zu mir?"

Sie nickte. "Wir haben Neuigkeiten. Meine Gefährten warten wahrscheinlich in Eurem Arbeitszimmer auf Euch."

"Dann sollte ich hören, was sie mir zu sagen haben", meinte er.

Madeleine sah ihn kühl an. Mit mir willst du wohl nicht reden? dachte sie, sprach es aber nicht aus. "Tut das", sagte sie stattdessen.

Er hielt ihrem Blick mühelos stand. "Oder könnt Ihr mir die Informationen geben?"

"Ihr solltet die beiden nicht zu lange warten lassen", antwortete sie nur.

Er nickte und wandte sich zum Gehen. Dann drehte er sich noch einmal um. "Ihr rührt da an gefährliche Dinge", sagte er, und er mußte nicht erklären, was er damit meinte. Madeleine hatte das schon oft genug gehört.

"Erspart mir das", sagte sie kalt. "Ich bin es gewohnt, daß meine Schatten mich nicht gerade beliebt machen. Ihr seid nicht der erste, der glaubt, mich vor ihnen warnen zu müssen." Sie spürte, wie ihre Beherrschung sie verließ. Heute Nacht war bisher praktisch alles schiefgegangen, dazu die Schmerzen, und jetzt auch noch die Ablehnung des Priesters, den sie bisher eigentlich respektiert hatte - das war zuviel. Sie riß sich mit Mühe zusammen, aber er schien gemerkt zu haben, daß ihr Tier gefährlich nahe an die Oberfläche gekommen war. Er wurde bleich und wich hastig zwei Schritte zurück. Dann warf er ihr noch einen kurzen Blick zu und verschwand in der Kirche. Madeleine starrte die geschlossene Tür an, dann ließ sie sich wieder zu Boden sinken. Sie fühlte sich müde und ausgelaugt, und nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, wieder wie eine Sterbliche schlafen zu können.

 

Draußen klangen eilige Schritte auf, dann wurde die Tür aufgerissen und Bruder Matthias stürzte ins Zimmer. "Man hat mir gesagt, daß Ihr hier seid", sagte er. "Ihr bringt Neuigkeiten?"

William musterte ihn nachdenklich. Der Mann vor ihm sah aus wie Bruder Matthias, er redete wie er und seine Aura sah auch normal aus - und genau das machte den Ventrue stutzig. In der Aura des Priesters war keine Spur der Magie zu entdecken, die gewöhnlich darin glitzerte. Selbst wenn der Priester im Moment gerade keine aktiven Zauber wirkte, die Fähigkeit dazu hätte sich in seiner Aura niederschlagen müssen.

"Verzeiht mein Mißtrauen", sagte er. "Aber wir wurden bei unserer Ankunft von einem Herrn begrüßt, der uns etwas seltsam vorkam."

"Hier?" unterbrach ihn Matthias. "In meinem Zimmer?"

William nickte. "Wir hatten auch irgendwie den Eindruck, daß er hier nichts zu suchen hat. Es scheint, als würden sich gewisse Leute sehr für das interessieren, was Ihr von uns erfahrt. Deswegen habt Ihr sicher Verständnis, wenn ich mich vergewissern möchte, daß Ihr der seid, der Ihr zu sein scheint, ehe ich mit Euch rede. Könnt Ihr beweisen, daß Ihr Bruder Matthias seid?"

Der Priester sah einen Moment von einem zum anderen, dann drehte er sich abrupt um und stürzte aus dem Zimmer.

"Das war der falsche", stellte William trocken fest. "Der echte Matthias hätte eher uns rausgeworfen als selbst zu fliehen."

"Was ist das denn?" ertönte in diesem Moment eine wohlbekannte Stimme von draußen. "Ich sehe wohl nicht recht... Wachen!"

"Das klingt, als wären sich die beiden begegnet", meinte Irian und öffnete die Tür. Draußen stand eine kleine, faßförmige Gestalt mit hochrotem Kopf mitten im Gang, während zwei Templer im Eiltempo um eine Ecke verschwanden. Kopfschüttelnd sah er ihnen einen Moment nach, dann bemerkte er Irian und William, die neugierig durch die geöffnete Tür schauten. Er nickte ihnen zu, kam ins Zimmer, schaute noch einmal hinaus und schloß die Tür hinter sich.

"Habt Ihr das gesehen?" fragte er.

William nickte. "Ja, er wollte uns weismachen, er wäre Ihr. Aber ehe wir weiterreden, könnt Ihr beweisen, daß Ihr der echte Bruder Matthias seid?"

Mit einer beiläufigen Geste zog der Priester das hölzerne Kreuz aus seiner Kutte, das er vor ein paar Nächten schon Madeleine gegeben hatte, und reichte es ihm. William inspizierte es sorgfältig, schauderte kurz, als er die dunklen Flecken sah, die Madeleines Blut auf dem Holz hinterlassen hatten, und nickte schließlich zufrieden. Er gab das Kreuz zurück, während der Priester schon auf das immer noch geöffnete Schreibpult zusteuerte.

"Das hier war vorhin noch geschlossen", stellte er fest. "Wer war in diesem Zimmer?"

"Dieser Kerl eben, der wie Ihr aussah", sagte Irian. "Und einer, der sich Bruder Matis nannte. Vielleicht war das auch der selbe, jedenfalls stimmte mit dem irgendetwas nicht."

"Bruder Matis?" fragte der Priester erstaunt. "Groß, Pferdegesicht, Fettflecken auf der Kutte?"

William nickte.

"Sehr merkwürdig", murmelte Matthias. "Bruder Matis ist zur Zeit auf einer Außenmission in Nordafrika. Jedenfalls habe ich das geglaubt." Er ging langsam durchs Zimmer, berührte den Schreibtisch, das Pult, die Türklinke, und blieb schließlich mit einem frustrierten Gesichtsausdruck stehen. "Könnt Ihr etwas näheres herausfinden?" fragte er William. "Ich fürchte, ich bin im Moment nicht konzentriert genug."

Der Ventrue nickte und strich leicht mit der Hand über die Türklinke. "Der, der wie Ihr aussah, war der selbe, wie der, der sich Bruder Matis nannte", sagte er schließlich. "Wer er wirklich ist, kann ich nicht sagen."

"Das werden wir herausfinden, wenn die Wachen ihn schnappen", versicherte der Priester grimmig. "Aber zur Sache. Eure Gefährtin sagte mir, Ihr hättet etwas herausgefunden?"

"Wir kennen die Zeit und den Ort", bestätigte William. "Der Ort ist ein Raum im Leuchtturm, vermutlich ziemlich weit oben. Darin stehen ein Sarg, ein Stuhl und eine Art Schachtel aus lebenden Schatten. Die Zeit ist während des Sonnenuntergangs."

"Das kompliziert die Sache natürlich", gab Matthias zu. "Wir werden dafür sorgen müssen, daß die Sonne nicht an Euch herankommt."

"So einfach ist das nicht", sagte William. "Es ist nicht nur das Licht, das uns schadet, wir sind vor Sonnenuntergang einfach nicht wach. Madeleine ist die einzige von uns, die etwas tun kann, ehe die Sonne völlig untergegangen ist. Und selbst wenn Ihr uns irgendwie wachbekommt, werden wir wahrscheinlich bei erster Gelegenheit wieder einschlafen, und unsere Kräfte können wir auch nicht nutzen. Wir wären ziemlich hilflos."

"Das ist schlecht", murmelte er und schwieg einen Moment nachdenklich. Schließlich schüttelte er den Kopf. "Ich weiß zu wenig über Euch und Euresgleichen, als daß ich Euch da helfen könnte. Ihr werdet selbst einen Weg finden müssen, um dieses Problem zu umgehen. Und Ihr solltet ihn bald finden." Sein Gesicht verdüsterte sich. "Prinz Michael hat vor ein paar Minuten die Schiffe im Hafen versenkt. Das hat den Gegner empfindlich geschwächt. Leider nicht, bevor er uns ebenfalls einigen Schaden zugefügt hat. Trotzdem sollten wir so bald wie möglich zuschlagen, und Ihr, verzeiht meine Direktheit, seid unsere stärkste Waffe." Irians Blick bei diesen Worten bemerkte er nicht, und das war auch gut so.

"Ich bin lieber eine Waffe als ein Opfer", erklärte William. "Wir werden uns etwas einfallen lassen und Euch wissen lassen, wenn wir einen Weg gefunden haben."

Die Geschwister verabschiedeten sich und machten sich auf den Rückweg. Anja wartete wieder in der Zelle auf sie und führte sie wortlos durch das Umbra. Der Weg war schwieriger geworden, und gefährlicher. Als sie endlich ihren Ausgangspunkt erreichten, war von den sieben Kriegern, die sie begleitet hatten, nur noch einer übrig. Anja lehnte sich erschöpft auf ihren Stab, aus ihrer Nase und ihren Ohren tropfte Blut. Sie öffnete das Portal und bedeutete den beiden mit einer müden Handbewegung, hindurchzutreten. Kaum waren sie auf der anderen Seite, verschwand das Tor.

Madeleine kam auf die Beine. "Er weiß Bescheid?"

William nickte. "Wir sollten zusehen, daß wir nach Hause kommen, es gibt Arbeit."

 

Kaum im Haus angekommen, verschwand Madeleine in ihrem Zimmer und ließ sich aufs Bett fallen. Sie hatte Mühe, einen klaren Gedanken zu fassen und sah alles um sich herum leicht verschwommen, wie durch Wasser. Außerdem war ihr speiübel, sie mußte sich zusammenreißen, um sich nicht zu übergeben. Aber ihre vitae war viel zu kostbar, um auf diese Weise verschwendet zu werden, und sie würde sie dringend brauchen, um die Wunden zu heilen. Ihre Geschwister schienen von ihrem Zustand wenig Notiz zu nehmen, sie waren in Gedanken völlig in das Problem vertieft und grübelten über eine Möglichkeit nach, bei Sonnenuntergang wach und kampfbereit zu sein. Dann will ich euch dabei nicht stören, dachte sie bitter und unterbrach die Verbindung.

Keine fünf Minuten später klopfte es, und William kam herein. Der Ventrue schloß die Tür hinter sich, verschränkte die Arme und sah sie an.

"Was ist los?" fragte er.

Madeleine lachte trocken. "Das fragst du noch? Du weißt doch, was passiert ist."

"Ich weiß, daß du dich von uns abkapselst", stellte er fest.

Madeleine verlor die Geduld. "Die Stadt brennt, Irian ist nicht mehr wiederzuerkennen, ein Geist hat mir die halbe Seele herausgerissen und Bruder Matthias hält mich vermutlich für die Ausgeburt des Bösen", zählte sie auf. "Korrigiere mich, falls ich etwas wesentliches vergessen habe. Und jetzt laß mich bitte allein."

"Wie du willst", sagte er nur, und ging.

 

Zwei Tage und zwei Nächte lang lag eine gespannte Ruhe über der Stadt. Der Verlust der Schiffe schien den Dämon schwer getroffen zu haben, er hatte sich in seinem Turm verbarrikadiert und leckte seine Wunden. Eine merkwürdige Barriere umgab den Turm, unsichtbar für normale Augen, aber alles, was sie durchdrang, wurde angegriffen und entweder vernichtet oder übernommen. Auf den Straßen kehrte fast wieder so etwas wie normales Leben ein, obwohl deutlich spürbar war, daß dies nur die Ruhe vor dem Sturm sein konnte.

In der Villa hingegen herrschte beinahe hektische Aktivität. Die Geschwister waren auf der Suche nach einem Mittel, das sie wachhalten würde, auf eine Idee gestoßen. Es mußte möglich sein, ein entsprechendes Elixier herzustellen und einem Sterblichen einzuflößen. Das Blut dieses Gefäßes sollte dann seine Wirkung tun. Das bedeutete, sie mußten etwas finden, das einerseits stark genug war, gegen die Müdigkeit anzukommen, aber andererseits nicht so giftig, daß es dem Gefäß schadete, das davon trinken mußte.

William von Baskerville und seine Bibliothek erwiesen sich als wahre Schatzkammer. Der Ghoul selbst hatte sehr solide Kenntnisse, was Kräuter und ihre Wirkung anging, und er hatte in der letzten Zeit einige hochinteressante Schriften zu diesem Thema aufgetrieben und seiner Sammlung hinzugefügt. Als am Morgen nach der ersten ruhigen Nacht die Sonne aufging, hatten sie ein Rezept gefunden, das wahrscheinlich funktionieren würde. Es gelang William, im Lauf des Tages die nötigen Zutaten zu beschaffen, und mit Irians Hilfe hatte er kurz vor Mitternacht sechs Portionen des Elixiers fertiggestellt. Während der Ghoul todmüde ins Bett fiel, betrachteten Irian und William den fertigen Trank.

"Wir müssen das Zeug auf jeden Fall ausprobieren, ehe wir uns darauf verlassen", stellte der Ventrue fest.

Irian nickte. "Wenn ein Gefäß davon trinkt, dauert es ungefähr drei Stunden, bis die Wirkung in sein Blut übergeht. Das müssen wir also einplanen. Das Gefäß selbst wird den Effekt natürlich früher spüren, aber uns wird das noch nichts nützen."

"Es wäre vermutlich günstig", überlegte er, "wenn ein Ghoul davon trinken würde. Falls der Trank doch nicht so ganz harmlos ein sollte, wird ein Ghoul das wahrscheinlich leichter wegstecken als ein normaler Sterblicher. James ist ein ziemlich zäher Bursche."

"Mit anderen Worten, du willst es selbst ausprobieren."

"Ich bin einfach zu neugierig", gab er zu. "Hast du etwas dagegen?"

"Nicht wirklich", meinte sie.

 

Normalerweise pflegte William seit seinem Tod nicht mehr zu träumen. Diesmal tat er es. In seinem Traum schwamm er in einem Meer von Blut, und ein wenig davon lief in seinen Mund... allmählich kam ihm zu Bewußtsein, daß er tatsächlich vitae auf seiner Zunge spürte. Merkwürdig schmeckende vitae. Langsam wurde er wach. Es war viel zu früh, das war ihm sofort klar. Es konnte nicht viel später als zwei Stunden nach Mittag sein. Mühsam öffnete er die Augen. Über ihm stand James und hielt sich den Arm. Die Augen des Ghouls waren blutunterlaufen, und während William ihn ansah, verzerrte sich sein Gesicht vor Wut, und er holte aus. Williams Gedanken bewegten sich wie durch einen zähen Brei. Das ist James, dachte er schläfrig. Der schlägt mich doch nicht.

"James, nicht!" erklang eine weibliche Stimme aus dem hinteren Teil des Zimmers, und dann traf James' Faust zielsicher das Kinn seines Herrn. Vermutlich tat der Schlag dem Ghoul mehr weh als dem Ventrue, aber immerhin war William jetzt sozusagen schlagartig wach. Er glitt aus dem Bett, packte James am Kragen und drückte ihn gegen die Wand.

"Beruhige dich", befahl er und sah ihm tief in die Augen. Augenblicke später spürte er, wie der andere sich in seinem Griff entspannte.

James sah seinen Herrn etwas verständnislos an. "Was ist los?" fragte er leicht undeutlich.

"Hast du dich wieder im Griff?" wollte William wissen.

James nickte. Die Wut war aus seinen Zügen gewichen und machte einer leichten Verwirrung Platz. Dann erschien allmählich ein glückliches Grinsen auf seinem Gesicht. Oje, dachte William und setzte ihn ab. Dann fiel ihm die Stimme ein, die er gehört hatte, bevor sein Ghoul zugeschlagen hatte. Er drehte sich um und sah Francesca, die James mit sichtlich gemischten Gefühlen anschaute und offenbar nicht sicher war, in welche Richtung sich seine Stimmung als nächstes entwickeln würde. Außerdem, bemerkte er belustigt, versuchte sie krampfhaft, William nicht allzu offensichtlich anzustarren. Der Ventrue drückte James in einen Sessel und wandte sich an Francesca: "Würdest du dich bitte um ihn kümmern, während ich mir etwas anziehe?"

"Natürlich", murmelte Francesca, errötete bis unter die Haarwurzeln und drehte sich hastig um.

 

Nachdem er seinen Ghoul mit Francescas Hilfe in sein Zimmer geschafft und dort unter ihrer Obhut zurückgelassen hatte, sah sich William neugierig im Haus um. Die Villa summte förmlich vor Leben, und leicht staunend beobachtete er den normalen Tagesablauf, der ihm gewöhnlich verborgen blieb. Diener wuselten durch die Gänge, aus der Küche kam der Geruch von frisch gekochtem Essen, im Blauen Salon saßen die Gefäße beisammen, aßen, spielten Schach oder unterhielten sich.

William von Baskerville kam die Treppe herab, während der Ventrue gerade den Salon verließ, und nickte ihm grüßend zu. "Wie ich sehe, hat das Elixier seine Wirkung getan", stellte er fest, und in seiner Stimme schwang etwas Stolz mit. "Wie geht es James?"

"Francesca kümmert sich um ihn. Er ist etwas durcheinander, aber ich glaube nicht, daß er wirklich zu Schaden gekommen ist."

Baskerville nickte zufrieden. "Sehr gut. Dann sollten wir jetzt noch etwas herausfinden... Mog?"

Irians Ghoul näherte sich mit zwei hölzernen Übungsschwertern unter dem Arm.

"Danke", sagte Baskerville, nahm die Schwerter und öffnete die Tür zum Empfangszimmer. "Nach Euch, Sir", sagte er und grinste. Drinnen reichte er dem Ventrue eines der Schwerter und meinte: "Dann wollen wir mal sehen, wie es um Eure Fähigkeiten bestellt ist."

Das würde mich auch interessieren, dachte William und sah, wie der Ghoul in Verteidigungsstellung ging. Ob ich mich auf mein Blut verlassen kann? Kurz entschlossen probierte er es aus. Er konzentrierte sich auf seine Bewegungen und versuchte, sie mit Hilfe seiner vitae schneller werden zu lassen. Es war schwieriger als sonst, das merkte er sofort. Wo sonst der bloße Gedanke reichte, mußte er sich diesmal fast anstrengen. Aber es gelang ihm, und im nächsten Augenblick stand er neben Baskerville, der für ihn wie eingefroren wirkte. Er nahm ihm das Schwert aus der Hand, machte ein paar rasche Schritte durch den halben Raum und lehnte sich gegen eine Säule, in jeder Hand eins der Schwerter. Baskerville blinzelte überrascht, sah auf seine leere Hand hinab und dann zu William hinüber.

"Das scheint ja noch recht gut zu funktionieren", stellte er trocken fest.

"Nicht ganz so gut wie nachts", gab der Ventrue zu und reichte dem Ghoul eins der Schwerter zurück. "Ich muß mich mehr anstrengen, und ich bin mir auch nicht sicher, daß es zuverlässig jedesmal klappt. Aber es ist beruhigend, daß es überhaupt geht."

"In der Tat. Und wie fühlt Ihr Euch ansonsten? Keine unangenehmen Nebenwirkungen?"

"Nicht bei mir", meinte William und dachte an James. "Ein bißchen müde bin ich, aber sonst... keine Probleme. Allerdings sollte ich wohl noch einmal nach James sehen."

"Tut das", meinte Baskerville, nahm auch das andere Schwert an sich und nickte ihm noch einmal zu, ehe er den Raum verließ.

Als William an James' Zimmer ankam, wurde gerade die Tür aufgerissen, und Francesca stürzte mit hochrotem Kopf heraus. Sie beachtete den Ventrue gar nicht, sondern stürmte den Flur hinunter und rief mit lauter Stimme nach Mog. "Kümmere du dich um diesen Kerl, ich werde mir seine Unverschämtheiten nicht länger anhören!"

William schüttelte amüsiert den Kopf und betrat das Zimmer. James lag auf dem Bett und sah ihm mit einem unglaublich dümmlichen Grinsen entgegen. William wurde sofort klar, daß sein Ghoul gar nicht registriert hatte, daß Francesca den Raum verlassen hatte und wer jetzt stattdessen hier war. Außerdem erkannte er, weshalb Madeleines Bedienstete so erbost gewesen war. Unter dem Einfluß der Kräuter hatte James jegliche Zurückhaltung verloren und ihr offenbar Avancen gemacht, die an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig ließen. Außerdem bediente er sich dabei einer überaus farbigen Ausdrucksweise. William war fast sicher, daß Francesca höchstens die Hälfte verstanden haben konnte, aber das hatte offenbar gereicht.

Die Tür öffnete sich, und Mog streckte vorsichtig den Kopf ins Zimmer. "Francesca hat mich, hm, gebeten, nach James zu sehen", meinte er. "Er scheint sich etwas danebenbenommen zu haben. Aber wenn Ihr jetzt bei ihm seid..." Er sah William hoffnungsvoll an.

"Ich bleibe bei ihm", beruhigte der den Ghoul. "Er scheint noch nicht so ganz mitbekommen zu haben, daß Francesca weg ist, aber ansonsten geht es ihm anscheinend gut."

Mog nickte dankbar und verzog sich wieder.

Eine halbe Stunde verging, dann brach James' Geschwätz plötzlich mitten im Satz ab. Er richtete sich auf, schüttelte verwirrt den Kopf, dann klärte sich sein Blick ein wenig. "Ihr, Sir? War nicht gerade Francesca noch hier?"

"Das ist schon eine Weile her", klärte William ihn auf. "Geht es dir besser?"

"Ich glaube schon", murmelte James und gähnte. "Müde bin ich... ich glaube, ich sollte mich wieder hinlegen." Sprachs, fiel zurück auf das Bett und war Augenblicke später eingeschlafen. William zog die Decke über ihn, wartete einen Moment, um sicher zu gehen, daß er auch wirklich fest schlief, und ging.

 

"Gibt es etwas Neues?" fragte Madeleine und reckte sich. Sie fühlte sich wieder fast gut, die Wunde, die der Geist gerissen hatte, war beinahe verheilt.

"In der Stadt ist es weiterhin ziemlich ruhig, bis auf ein paar kleinere Scharmützel in der Nähe des Turms", berichtete Francesca. "Auf den Straßen herrscht wieder fast normaler Betrieb. Ansonsten hat Sir William das Elixier ausprobiert und es scheint zu wirken. Er ist mit dem anderen William in der unteren Bibliothek und spielt Schach."

Sieh mal einer an, dachte Madeleine. "Ja, ich habe gemerkt, daß er wach ist", sagte sie. Dann sah sie Francesca scharf an. "Das war doch noch nicht alles", meinte sie. "Du hast dich über irgendetwas geärgert, und zwar heftig. Was ist passiert?"

Francesca sah verlegen zu Boden. "Ich möchte lieber nicht..."

"Francesca." Madeleines Stimme war völlig ruhig, aber ihre Bedienstete kapitulierte sofort.

"Es ist wegen James", gab sie zu. "Er hat für Sir William dieses Zeug getrunken, und danach war er, nun ja, nicht ganz zurechnungsfähig. Er hat sich mir gegenüber einfach unglaublich benommen, ich habe mir noch selten so unverschämte Annäherungsversuche anhören müssen."

Madeleine nickte nachdenklich. "Ich hoffe, du hast dir jedes Wort gemerkt, das er gesagt hat."

"Sofern ich es verstanden habe, ja", antwortete Francesca trocken.

"Gut", meinte die Lasombra und zwinkerte ihr zu. "Ich bin sicher, wenn er wieder bei Sinnen ist, wird sich eine passende Gelegenheit ergeben, um ihn ausführlichst daran zu erinnern, was er von sich gegeben hat."

Francesca grinste. "Davon bin ich überzeugt. Frühstück, Herrin?"

 

William hatte mitbekommen, wie Madeleine aufgewacht war. Er ließ ihr eine Weile Zeit zum aufstehen und frühstücken, dann klopfte er an ihre Tür. Es war die dritte Nacht nach dem Kampf draußen, allmählich sollte ihr Ärger soweit verflogen sein, daß er mit ihr reden konnte, ohne daß sie ihn hinauswarf. Auf ihre Aufforderung trat er ein.

"Das Experiment scheint ja gelungen zu sein", stellte sie fest.

Er nickte. "Ja, ich bin schon seit dem frühen Nachmittag auf. Bis auf ein paar merkwürdige Nebenwirkungen bei James scheint es tatsächlich hervorragend funktioniert zu haben."

"Francesca hat mir schon davon erzählt, ja. Er muß ihr gegenüber ein paar ziemlich eindeutige Bemerkungen vom Stapel gelassen haben."

"So könnte man das ausdrücken", grinste William, der sich an besagte Bemerkungen noch bestens erinnerte und im Gegensatz zu Francesca auch alles davon verstanden hatte. "Aber zumindest scheint ihm das Gebräu nicht ernsthaft geschadet zu haben. Das heißt, wir sind im Prinzip bereit." Er trat einen Schritt auf sie zu. "Irian schläft noch", sagte er. "Sie wird uns noch eine Weile nicht stören..." Damit zog er sie in seine Arme und küßte sie. Als er ihre leichte Überraschung spürte, ließ er sie los und sah sie fragend an. "Habe ich etwas falsch gemacht?" fragte er leise.

"Nein", antwortete sie und schmiegte sich an ihn. "Nur das Richtige etwas zu spät."

"Erfahrungsgemäß ist es nicht ratsam, gleich zu dir zu kommen, wenn es dir nicht gut geht", sagte er fast entschuldigend. "Ich konnte nicht wissen, daß es diesmal anders war."

"Du hast gespürt, wie es mir ging", sagte sie ohne Vorwurf. "Der Geist hat mir die halbe Seele herausgerissen, das hat sich ungefähr so angefühlt wie die Wunde, die dir damals der Dämon geschlagen hat. Aber du bist erst gekommen, als ich dich ausgeschlossen habe. Vielleicht war es ein Fehler, dich wegzuschicken, aber zu dem Zeitpunkt wollte ich keinen mehr sehen. Wenn du gleich gekommen wärst... aber ich verstehe auch, warum du es nicht getan hast."

Er sah sie an. "Verzeihst du mir?"

"Wie könnte ich nicht", antwortete sie, und lächelte.

 

"Es gibt da noch etwas, das ich erledigen möchte", sagte Madeleine viel später. "Draußen."

"Etwas wichtiges?" fragte William und sah interessiert zu, wie sie in ihr Kleid schlüpfte.

"Für mich, ja", antwortete sie ernst. "Es wird nicht lange dauern, bis Mitternacht bin ich zurück."

"Soll ich mitkommen?"

"Ich würde lieber alleine gehen."

Er nickte. "Paß auf dich auf", bat er.

"Natürlich." Sie lächelte. "Wenn mir unterwegs etwas passiert, werde ich dich rufen." Damit griff sie nach ihrem Mantel, küßte William noch einmal, und verschwand.

Madeleine schlug den direkten Weg zur Kathedrale ein. Auf den Straßen herrschte tatsächlich fast wieder Alltagsbetrieb, auch wenn die Kämpfe ihre Spuren hinterlassen hatten. Es waren weniger Menschen unterwegs als vorher, und noch waren nicht alle Schäden repariert, die die Häuser und Straßen abbekommen hatten. Die tiefsten Spuren allerdings waren auf den ersten Blick unsichtbar: die vielen Toten, die es gegeben hatte. Wie sie gestern erfahren hatte, war auch Hauptmann Joseph unter ihnen. Madeleine bedauerte das, sie hätte ihn gerne als Ghoul gewonnen. Männer wie er waren selten, und sie vermutete, daß die Stadtwache den Verlust recht schmerzlich empfand. Aber ihr Gang heute Nacht galt nicht ihm.

Die Lasombra erreichte unangefochten die Kirche. Auch hier merkte man sofort, daß es wieder vergleichsweise ruhig war: kaum war die unmittelbare Bedrohung vorbei, hatten die Leute wichtigeres zu tun, als der Andacht beizuwohnen. Als Madeleine leise und, da sie auf ihre Schatten verzichtet hatte, auch unauffällig die Kirche betrat, stand Bruder Matthias oben auf der Kanzel und predigte vor einem erbärmlich kleinen Häuflein Gläubiger. Nur ein gutes halbes Dutzend Leute hatte den Weg in die Kathedrale gefunden. Madeleine kümmerte sich nicht um sie, sondern suchte einen der Seitenaltäre auf, sank davor auf die Knie und vertiefte sich ins Gebet.

Sie hatte etwa eine Viertelstunde lang vor dem Altar gekniet, als ihr langsam bewußt wurde, daß die donnernde Stimme von der Kanzel verstummt war. Die Sterblichen, die der Predigt zugehört hatten, verließen gerade die Kirche. Madeleine bemerkte, daß keiner von ihnen mehr das Gift des Dämons in sich trug. Interessant, dachte sie. Es gibt also doch ein Mittel dagegen.

Bruder Matthias stieg von der Kanzel herunter. Er warf einen fragenden Blick in Madeleines Richtung, unsicher, ob sie etwas von ihm wollte. Die Lasombra erhob sich, strich ihr Kleid glatt und ging ihm ein paar Schritte entgegen. Sie war nicht seinetwegen gekommen, aber wenn sie ihn schon antraf, konnte sie auch mit ihm reden.

"Überrascht?" fragte sie fast herausfordernd.

Er hob die Schultern. "Wir brauchen alle gelegentlich Schutz und Beistand", sagte er nur.

"Ich habe nicht für mich selbst gebetet."

"Es gibt genug andere, die Hilfe nötig haben", gab er zurück.

"Ja", sagte sie leise. "Besonders fünf, an die sonst vielleicht keiner mehr denkt."

Er sah sie lange und nachdenklich an, dann wandte er sich ab und bedeutete ihr, ihm zu folgen. Er durchquerte das Hauptschiff und trat zu dem Seitenaltar, der, wie sie wußte, den geheimen Zugang verbarg. Der Altar schwenkte zur Seite und gab eine enge Treppe frei, die nach unten in die Dunkelheit führte. Madeleine stieg hinter Matthias die Stufen hinab. Unten angekommen, verschloß er den Eingang wieder und führte sie einen Gang entlang, von dem in regelmäßigen Abständen Türen abgingen. Die meisten davon sahen aus, als seien sie seit Jahrhunderten nicht geöffnet worden. Die Lasombra begriff, daß sie sich in der Krypta der Kathedrale befand. Die Türen führten zu den verschiedenen Gräbern.

Schließlich hielt der Priester vor einer Tür an und öffnete sie, dann machte er einen Schritt beiseite, um Madeleine hindurchzulassen. "Hier sind sie begraben", sagte er nur.

Staunend betrat Madeleine die Gruft. Auf den Boden war ein Drudenfuß gezeichnet, und darum herum standen fünf steinerne Särge. An einer Wand hing ein Kreuz, das seltsamerweise nicht fehl am Platz wirkte. Darunter brannten fünf Kerzen. Das ganze Arrangement wirkte schlicht, aber würdevoll. Die Lasombra trat einen Schritt auf den nächsten Sarg zu und legte nachdenklich die Hand darauf. "Ich habe nicht einmal ihre Namen gekannt", sagte sie, mehr zu sich selbst.

"Sie hatten keine wirklichen Namen mehr", antwortete der Priester hinter ihr. "Sie hatten Aufgaben." Er deutete der Reihe nach auf jeden der Särge. "Der Denker. Der Täuscher. Der Kopf. Das Herz. Und der Kämpfer. Andere Namen hatten sie nicht mehr." Dann verließ er leise die Gruft und ließ die Tür hinter sich einen Spalt weit offen, während Madeleine in einer kurzen Andacht verhielt.

Schließlich verließ sie das Grab und schloß die Tür hinter sich. Von Matthias war nichts zu sehen, aber am Ende des Ganges bemerkte sie eine halb offene Tür, durch die Licht schien. Madeleine sah darin eine Einladung, der sie ohne zu zögern nachkam. Wie sie halb erwartet hatte, führte die Tür (die ganz offensichtlich keine gewöhnliche Tür war, sondern eher so etwas ähnliches wie Anjas Portale) in Bruder Matthias' Arbeitszimmer. Eines der Bücherregale an den Wänden war keines, sondern eine äußerst geschickt angebrachte Illusion, die den Zugang tarnte. Der Priester saß wie gewohnt an seinem Schreibtisch. Als Madeleine eintrat, blickte er auf.

"Ich danke Euch", sagte sie leise. "Auch, wenn es irgendwo eine Ironie ist, daß ein Kind Kains für die Seelen von fünf Dienern eines Dämons betet..."

Er zuckte die Schultern. "Jedem Sünder wird vergeben. Irgendwann."

"Es gibt Leute, die anderer Ansicht sind", meinte sie trocken. "Ich werde mit Sicherheit herausfinden, wer recht hat."

"Über diese Frage zu diskutieren, ist nicht besonders sinnvoll", stellte er fest, und sie stimmte ihm zu.

"Wo ich schon einmal hier bin", wechselte sie das Thema, "kann ich Euch auch gleich wissen lassen, wie weit wir inzwischen sind." Sie berichtete von dem Elixier, das sie entdeckt hatten. "Das Problem, wachzubleiben, sollte damit also gelöst sein. Bleibt die Frage, wie wir in den Turm kommen."

"Am besten durch Euren Gang", meinte er, und es überraschte Madeleine nicht im Geringsten, daß er davon wußte. "Erstaunlicherweise hat der Gegner ihn offenbar noch nicht entdeckt. Wir schaffen Euch in das Haus, und von da sollte es dann nicht mehr allzu schwierig sein."

Madeleine nickte. "Ich brauche eine Stunde, um meine Schattenrüstung zu rufen", erklärte sie. "Ich weiß, daß Ihr davon nicht besonders viel haltet, aber in diesem Fall ist es nötig. Ich brauche ihren Schutz sowohl gegen den Dämon als auch gegen die Sonne. Und ich wüßte keinen besseren."

"Ihr kennt meine Meinung dazu", sagte er achselzuckend. "Ich werde sie nicht wiederholen."

"Ich bin mir der Gefahr durchaus bewußt. Glaubt mir, daß ich damit nicht leichtfertig umgehe."

Sie diskutierten noch eine Weile über die beste Taktik, in das Haus zu kommen. Schließlich sagte Matthias: "Ich werde Euch, wenn Ihr erst einmal drinnen seid, nicht viel helfen können. Aber Anja wird Euch die ganze Zeit im Auge behalten. Wenn Ihr wirklich in Lebensgefahr seid, dann ruft laut und deutlich ihren Namen, und sie wird Euch herausholen. Notfalls auch mit den Schatten, dafür verbürge ich mich."

"Was?!" kreischte eine entrüstete Stimme direkt neben ihm. Anja erschien plötzlich mitten im Zimmer. "Das kannst du nicht von mir verlangen!" schrie sie aufgebracht. "Die da nehme ich nicht mit!"

"Ich kann, und ich werde", antwortete er seelenruhig, kramte kurz zwischen einigen Pergamenten und hielt der zornigen Garou schließlich eins davon unter die Nase. "Du erinnerst dich vielleicht, daß wir einen Pakt haben?"

"Oh, das ist..." Anja fehlten vor Wut die Worte, und sie verschwand.

Der Priester schüttelte leise seufzend den Kopf. "Anja ist eine hervorragende Schamanin, aber wenn sie die Kräfte des Wyrms am Werk sieht... wie auch immer, Ihr könnt Euch auf mein Wort verlassen."

"Danke", sagte Madeleine. "Ich werde gehen und mich mit den anderen besprechen. Wir geben Euch spätestens bis zum Mittag Nachricht, wie wir vorgehen werden. Der Angriff muß morgen Nacht erfolgen, ehe der Dämon sich zu sehr erholt hat."

"Da stimme ich Euch zu", sagte er. "Ihr findet den Weg nach draußen sicherlich. Oh, und wenn Ihr geht..." Er reichte ihr ein seltsames Amulett, ein Rosenblatt, in Metall gefaßt. "Werft das in der Kirche in den Opferstock, Ihr werdet sehen, warum."

Sie verabschiedete sich und trat den Rückweg an. Als sie aus dem Geheimgang in die Kirche trat, bemerkte sie Bewegung oben unter dem Dach. Die drei Gargoylen, die den Altar im Auge behielten, schienen sich einen Moment lang auf sie stürzen zu wollen, dann beruhigten sie sich wieder. Madeleine bemühte sich, jede Bewegung zu vermeiden, die sie provoziert hätte. Am Portal steckte sie das Amulett (den Passierschein, dachte sie) in den Opferstock, dann machte sie sich auf den Heimweg. Es war Zeit, Pläne zu schmieden.

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