Kapitel 14
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"Besuch, Herrin", verkündete Francesca kurz nach Mitternacht. "Eine Verwandte. Und Sir William ist auch gerade zurückgekommen", fügte sie hinzu - eigentlich überflüssigerweise, denn Madeleine hatte natürlich die Ankunft ihres Bruders gespürt.

"Hat er sie hereingelassen?" fragte sie.

"Nein", antwortete ihr Ghoul etwas zögernd. "Eigentlich hat niemand sie hereingelassen. Sie ist einfach hereingekommen."

"Seltsam", murmelte Madeleine und stand auf. "Dann werde ich mir die Dame mal ansehen."

Im Empfangszimmer war William bereits mit dem Neuankömmling beschäftigt. Die Fremde war hochgewachsen und schlank, eine echte Schönheit, und offensichtlich eine Dame von Adel. Außerdem hatte sie die Aura eines lebenden Menschen - kräftige, leuchtende Farben umspielten sie, nicht die blassen Töne, die normalerweise jemandem mit geübtem Blick den Kainiten verrieten. Ihr ganzes Auftreten, ihre Haltung und vor allem ihre Augen ließen allerdings keinen Zweifel daran, was sie war.

William sah Madeleine entgegen, als sie eintrat. "Es scheint, als hätten wir Unterstützung bekommen", sagte er. "Die Dame ist Lady Gwenhwyvar von Orkney, und sie meint, sie wäre hier, um uns zu helfen. Und dies", fügte er an Gwenhwyvar gewandt hinzu, "ist Lady Madeleine de Neuville, eine Herrin dieses Hauses."

Die Fremde machte einen Knicks, den Madeleine mit einem höflichen Nicken erwiderte.

Wie ist sie hier reingekommen? hörte William die Stimme der Lasombra in seinen Gedanken. Mog hat sie nicht hereingelassen.

Das wollte ich sie gerade fragen, antwortete er auf dem selben Weg. "Verzeiht mein Mißtrauen", sagte er laut, "aber Ihr wißt vielleicht, daß Wesen unserer Art dieses Haus nicht einfach so betreten können. Man hat mir versichert, daß keiner unserer Leute Euch hereingebeten hat..."

"Das war nicht nötig", antwortete sie ruhig. "Prinz Michael gab mir die Erlaubnis. Er hat mich auch hergeschickt."

Die Geschwister wechselten einen überraschten Blick. "Prinz Michael?" vergewisserte sich Madeleine. "Und wieso schickt er Euch zu uns?"

"Er war der Meinung, Ihr würdet ein Medium brauchen. Ich bin eines, ich kann die Geister hören und mit ihnen reden. Er hat mir etwas über die Dinge erzählt, die sich hier in der Stadt zur Zeit abspielen. Ich weiß über die dunkle Trinität Bescheid, die im Leuchtturm haust, ein blinder gefallener Engel, ein Lasombra und ein Dämon. Die Gegenseite hat ein Medium, das sie verbindet. Das sollte man ausschalten, und dafür hat Michael mich geschickt."

Madeleine sah William an. Glaubst du ihr das?

Mal sehen, gab er zurück. "Habt Ihr etwas dagegen, wenn ich versuche, das zu überprüfen, was Ihr uns gerade erzählt habt?"

"Befürchtet Ihr nicht, daß ich Euch mit meinen Fähigkeiten täuschen könnte?" fragte sie etwas spöttisch zurück. "Aber bitte, überzeugt Euch." Damit streckte sie ihm eine wohlgeformte Hand entgegen. William nahm sie und konzentrierte sich. Augenblicke später ließ er sie wieder los und nickte Madeleine zu.

Sie scheint die Wahrheit zu sagen, dachte er.

Wir sollten das kurz draußen besprechen, das ist vielleicht etwas weniger unhöflich, antwortete sie.

"Habt bitte Verständnis, daß wir uns kurz unter vier Augen besprechen wollen", sagte William zu Gwenhwyvar. "Wir werden Euch nicht lange allein lassen."

Sie neigte nur den Kopf, und die Geschwister verzogen sich nach draußen. Als sie den Raum verließen, begegnete ihnen Erk. Der Brujah warf einen Blick durch die offene Tür ins Empfangszimmer und stieß einen leisen Pfiff aus. "Wer ist das denn?"

"Besuch", antwortete William kurz und wenig hilfreich. Dann kam ihm ein Gedanke. "Erk, wärst du vielleicht so nett und würdest dich ein paar Minuten um die Dame kümmern? Madeleine und ich haben etwas zu bereden, und es ist nicht wirklich höflich, sie alleine da drin warten zu lassen."

Erk grinste. "Aber gerne", sagte er, verschwand im Empfangszimmer und schloß die Tür.

Madeleine und William gingen nach draußen ins Atrium. Es war niemand zu sehen, trotzdem unterhielten sie sich so, daß auch ein unentdeckter Lauscher nichts mitbekommen konnte.

Was hast du gesehen? fragte Madeleine.

William hob die Schultern. Michael hat sie hergeschickt, und er hat ihr auch die Erlaubnis gegeben, das Haus zu betreten. Es ist sein Haus, also kann er das.

Madeleine nickte nachdenklich. Und die Dinge, von denen sie gesprochen hat, kann sie eigentlich nur von Michael oder von Matthias haben. Ich denke nicht, daß sonst jemand von dem blinden Engel weiß.

Ich auch nicht, stimmte er zu. Außerdem wäre es ein ziemlich selbstmörderisches Unterfangen, sich uns gegenüber als Abgesandte des Prinzen auszugeben, ohne daß das stimmt. Kannst du dir vorstellen, was Michael mit ihr anstellen würde, wenn er das herausfindet?

Lieber nicht, antwortete sie und schüttelte sich. In Ordnung, was machen wir mit ihr?

Uns anhören, wie sie glaubt, uns helfen zu können. Uns läuft die Zeit davon, und ich fürchte, wir müssen nach jedem Strohhalm greifen.

Sie weiß von dem Medium, dachte Madeleine. Wenn wir den Kerl ausschalten könnten, wäre wahrscheinlich schon viel gewonnen. Sie seufzte. Na schön, laß uns hineingehen und hören, was sie anzubieten hat.

Im Empfangszimmer waren Erk und Gwenhwyvar in ein angeregtes Gespräch vertieft. Als die Geschwister eintraten, verneigte sich Erk galant und verabschiedete sich. Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, wandte sich Madeleine an ihren Gast. "Ihr sagtet, Ihr könntet uns helfen", kam sie gleich auf den Punkt. "Wie würde diese Hilfe aussehen?"

"Wie ich schon sagte, ich bin ein Medium", antwortete Gwenhwyvar gelassen. "Ihr sucht Graf Saragossa, der diese dunkle Dreifaltigkeit zusammenhält. Ich weiß wo er ist, oder besser gesagt, ich kann spüren, in welcher Richtung er sich aufhält. Allerdings sollten wir uns schnell um ihn kümmern, ich kann nicht garantieren, daß ich ihn morgen Nacht auch noch finde."

"Das heißt, wir müßten sofort losschlagen", meinte William nachdenklich. Sie nickte.

Das gefällt mir gar nicht, dachte Madeleine etwas säuerlich. Aber ich fürchte, es wird uns nichts anderes übrigbleiben.

Wahrscheinlich nicht, stimmte William zu.

"Haben wir eine Stunde?" fragte die Lasombra.

"Vermutlich", meinte Gwenhwyvar. "Ich weiß nicht, wie weit er entfernt ist, ich spüre nur die Richtung."

Madeleine nickte. "Dann entschuldigt mich, ich muß Vorbereitungen treffen."

 

Eine Dreiviertelstunde später erklang ihre Stimme in Williams Gedanken: Ich bin soweit. Vielleicht solltest du unseren Gast vorwarnen, ehe ich hereinkomme.

Das könnte angebracht sein, dachte William, der sich in der Zwischenzeit recht angeregt mit Gwenhwyvar unterhalten hatte. "Erschreckt nicht", sagte er. "Lady Madeleine wird gleich hereinkommen, und sie wird etwas... merkwürdig aussehen."

Gwenhwyvar hob nur eine Augenbraue und sah ihn fragend an, aber da öffnete sich auch schon die Tür und Madeleine trat ein. Ihre Rüstung wirkte etwas formloser als sonst, die Schatten bewegten sich stärker und schienen weniger geneigt zu sein, eine bestimmte Form beizubehalten. Sie erweckten allerdings auch den Eindruck, lebendiger und irgendwie stärker zu sein als üblich. Alles in Allem bot Madeleine einen recht beunruhigenden Anblick, und William war neugierig, wie Gwenhwyvar darauf reagieren würde.

Sie reagierte überhaupt nicht, oder jedenfalls beinahe. Ein leichtes Zusammenzucken, dann hatte sie sich wieder in der Gewalt und sah die Lasombra fast ausdruckslos an.

"Meine Rüstung", erklärte Madeleine. "Andere Leute bevorzugen Kettenhemden. Das hier ist besser, und leichter."

"Und leiser, würde ich vermuten", meinte Gwenhwyvar. "In Ordnung, wenn wir dann alle bereit sind, sollten wir uns auf den Weg machen."

 

"Hier ist es", erklärte Gwenhwyvar schließlich zwei Stunden später. Die drei standen vor einem kleinen Palast in der Nähe des Stadtrandes. Eine Weile hatten sie befürchtet, daß ihr Weg sie ins Latinerviertel führen würde, aber dann hatten sie es doch umgehen können. Der Palast wurde von einem eisernen Gitterzaun umgeben, der anscheinend mehr dekorative Funktion hatte. Dahinter erstreckte sich eine parkähnliche Gartenanlage, die das Haus umgab. "Er ist irgendwo hinter diesem Zaun", sagte das Medium.

"Da hinüberzukommen sollte kein Problem sein", stellte William fest und musterte die knapp drei Meter hohen Gitterstäbe.

Gwenhwyvar ließ nachdenklich eine Hand über den Torpfosten gleiten. "Etwas gefährliches ist auf der anderen Seite. Ich kann nicht genau erkennen, was es ist, aber wir sollten vorsichtig sein. Es ist vielleicht angebracht, wenn ich uns tarne. Wenn Ihr mir Eure Hände reichen würdet, werde ich uns unsichtbar machen."

Interessante Fähigkeiten hat die Dame, kommentierte Madeleine lautlos. Es schmeckt mir gar nicht, mich so auf sie verlassen zu müssen, aber es bleibt uns wohl nichts anderes übrig.

Solange sie uns wirklich zu diesem Kerl führt... antwortete William und reichte Gwenhwyvar die Hand. Nach einem kaum merklichen Zögern folgte Madeleine seinem Beispiel.

Einen Moment später nickte das Medium zufrieden. "Erledigt. Wir werden uns weiterhin gegenseitig sehen können, aber für andere sind wir unsichtbar - es sei denn, diese anderen verfügen über sehr scharfe Sinne."

"Dann los", meinte William nur.

Ein kräftiger Sprung katapultierte die drei auf die andere Seite - wo es deutlich weiter nach unten ging, als es von draußen den Anschein gehabt hatte. Die Kainiten stürzten sieben Meter tief in eine Grube, und nur ihre blitzschnellen Reflexe bewahrten sie vor einigen gebrochenen Knochen. Sie zogen sich ohne große Anstrengung aus der Grube und sahen sich um. Im selben Moment war ihnen klar, daß sie keineswegs in dem Garten gelandet waren, den sie von draußen gesehen hatten. Um sie herum lag ein riesiger Friedhof. Gräber, so weit das Auge reichte. Es war tiefste Nacht, der Sonnenaufgang war hier noch Stunden weiter entfernt, als er es auf der anderen Seite gewesen war. In einiger Entfernung erhob sich eine kleine Kirche aus dem Meer von Grabsteinen.

"Dort ist er", sagte Gwenhwyvar. "Ich kann ihn deutlicher spüren als vorher. Er ist in der Kirche."

Madeleine hatte inzwischen ganz andere Probleme. Ihre Schatten begannen, sich merkwürdig zu benehmen. Es war, als hätten sie einen eigenen Willen, wären sich dessen aber noch nicht wirklich bewußt. Spätestens jetzt wußte die Lasombra, daß sie nicht mehr in ihrer Welt waren. Das hier war eine Geisterwelt, aber leider nicht die vergleichsweise freundliche, in die Toranaga sie vor einigen Nächten gerufen hatte. Sie konzentrierte sich auf die Schatten, ehe deren Wille zum Widerstand völlig erwachte und zwang sie, sich weiterhin ihrem Befehl zu beugen. Es war kein endgültiger Sieg, aber jetzt, wo sie wußte, worauf sie achten mußte, war sie zuversichtlich, daß sie rechtzeitig bemerken würde, wenn ihre schattenhaften Diener ihr den Dienst verweigern wollten.

William sah seine Schwester besorgt an. "Alles in Ordnung?"

Sie nickte. "Laß uns zusehen, daß wir den Kerl finden und wieder hier wegkommen. Das Geisterreich ist nicht gerade mein bevorzugter Aufenthaltsort."

Die drei gingen vorsichtig zwischen den Gräbern hindurch auf die Kapelle zu. Einige der Gräber waren von einem schwachen goldenen Funkeln umgeben.

"Florenz", murmelte Madeleine, und William nickte. Er hatte sich ebenfalls an die genau so funkelnden Gräber erinnert, die dort die Villa umgeben hatten, in die sie von der merkwürdigen Nosferatu eingeladen worden waren. Dort waren die Gräber ein Teil der Verteidigungsanlagen gewesen - sie hatten Kainiten enthalten, wenn auch sehr schwache, so weit von Kain entfernt, daß sie fast mehr Menschen als Verwandte gewesen waren.

Hier jedoch ging die Gefahr nicht vom Boden aus. Madeleine erstarrte plötzlich, als sie den gigantischen Schemen bemerkte, der auf der Kapelle saß. Ein riesiger, geflügelter Geist kauerte dort oben. Travion hätte neben ihm wie ein Zwerg gewirkt. Die Kreatur hatte sie noch nicht gesehen. Einen Augenblick später erhob sie sich und glitt über den Friedhof davon. Madeleine sah allerdings, daß der Geist sich nicht ganz entfernte, er zog einen großen Kreis über das Gräberfeld. Sie behielt ihn wachsam im Auge, während die drei vorsichtig näher an die Kapelle heranschlichen.

William spürte, daß seine Schwester kurz vor einer Panik stand. Zu frisch war die Erinnerung an die Wunden, die ihr ein Geist erst vor wenigen Nächten geschlagen hatte, und das Wesen, was hier über dem Friedhof kreiste, war deutlich größer. Er hielt sich unauffällig etwas näher bei ihr, um sie notfalls schützen zu können, aber zum Glück schien das vorerst nicht nötig zu sein.

Die Kirche war gut gesichert. Wer immer für die Kapelle verantwortlich war, verstand sein Handwerk. Alle Fenster, die Tür und die Zugänge zum Glockenturm waren mit Schutzzeichen gesichert, und zwar offensichtlich mit solchen, die explizit gegen Kainiten gerichtet waren.

"Auf normalem Weg kommen wir hier keinesfalls unbemerkt rein", stellte William fest, nachdem sie einmal um die Kirche herumgegangen waren und alle möglichen Eingänge untersucht hatten.

"Bleibt das Dach", meinte Gwenhwyvar. "Da oben ist zwar auch Magie am Werk, aber nicht überall und nicht kontinuierlich. Wenn wir an einer Stelle die Schindeln abdecken..."

Augenblicke später saßen alle drei auf dem Dach. William sah etwas ratlos auf die Schindeln hinunter. "Wie kriegen wir das hin, ohne daß da unten jemand etwas davon merkt?"

"Laß mich mal sehen..." murmelte Madeleine nachdenklich, dann begann sie langsam und sehr vorsichtig, eine Schindel nach der anderen abzuheben. Sie ging dabei so geschickt vor, daß kaum etwas zu hören war. Schließlich hatte sie eine Fläche abgedeckt, die groß genug war, um auch William in seiner Rüstung durchzulassen. Darunter lag eine Schicht Stroh, das mit Lehm vermischt war, um ihm Halt zu geben. Madeleine lieh sich den Dolch ihres Bruders aus und bohrte behutsam ein kleines Loch, durch das sie nach unten sehen konnte. "Perfekt", stellte sie fest. "Ein Dachboden, und niemand zu sehen. Wir brauchen nicht zu befürchten, daß das Stroh irgendjemanden warnt, wenn es herunterfällt."

"Dann sollten wir zusehen, daß wir nach drinnen kommen", meinte William. "Der Geist ist zwar für den Moment abgezogen, aber wer weiß, ob er wiederkommt."

Der Dachboden war erstaunlich vollgepackt. Kisten, Truhen und allerlei Gerümpel stapelten sich überall. Außerdem konnten die Vampire mit ihren übernatürlichen Sinnen hin und wieder das verräterische goldene Aufblitzen von Magie wahrnehmen, ohne allerdings genau sagen zu können, was es verursachte.

Gwenhwyvar bewegte sich leise wie eine Katze auf den einzigen Ausgang zu. Es war nur ein Torbogen, ohne Tür, der sich in den Glockenturm auf eine Treppe hinaus öffnete. Sie sah sich kurz um und bedeutete den beiden anderen, daß sie vorhatte, nach unten zu gehen. William nickte und schloß zum Durchgang auf. Madeleine folgte. Einen Moment später trat William auf die Treppe hinaus. Vorsichtig setzte er den Fuß auf die erste Stufe - und fuhr zusammen, als sie unter seinem Gewicht laut und vernehmlich knarrte. Erschrocken wich der Ventrue in den Durchgang zurück. Gwenhwyvar sah nach unten und gab ihm mit Zeichen zu verstehen, daß jemand die Treppe hinaufkam. Er schien sie noch nicht entdeckt zu haben. Um ihm aus dem Weg zu gehen, setzte sie mit einem eleganten Sprung über das Geländer und landete lautlos vier Meter tiefer am Fuß der Treppe. William verbarg sich in der Türöffnung und zog sein Schwert. Er konnte leise Schritte auf den Stufen hören. Als die Schritte vor der Tür angekommen waren, zuckte seine Klinge nach draußen. Irgendetwas traf er auch, aber was es war, konnte er nicht sagen. Als er nach draußen blickte, war nichts mehr zu sehen. Er schaute nach unten zu Gwenhwyvar, aber die hob nur die Schultern. Der Ventrue beschloß, die Treppe zu meiden und sprang ebenfalls.

Unten bot sich den beiden ein merkwürdiges Bild. In der Kapelle schien gerade ein Gottesdienst im Gang zu sein. Vorn am Altar stand ein Priester, und die Kirche war fast bis auf den letzten Platz gefüllt. Männer, Frauen und Kinder jeden Alters drängten sich. Und alle waren Geister. Sie nahmen keinerlei Notiz von den beiden Kainiten, sondern schienen sich völlig auf die Predigt zu konzentrieren.

Wie sieht es da unten aus? wollte Madeleine wissen.

Geister, antwortete William. Bestimmt vierzig oder fünfzig, sie stören sich aber nicht an uns.

Madeleine schauderte. Zögernd machte sie sich auf den Weg die Treppe hinunter.

"Könnt Ihr Graf Saragossa sehen?" fragte William leise.

Das Medium zögerte. "Er bewegt sich rasend schnell. Ich kann ihn nicht wirklich sehen, ich spüre nur, daß er in diesen Leuten da vorne steckt, und zwar alle paar Augenblicke in einem anderen."

"Habt Ihr eine Möglichkeit, ihn ruhigzustellen?"

"Vielleicht. Ich müßte einen Beschwörungskreis anlegen. Seinen Namen kenne ich, das wird helfen. Aber der Kreis... ich habe keine Kreide dabei, ich müßte ihn mit dem Dolch in den Boden ritzen, und das wird Lärm machen."

"Bisher scheint hier niemand großartig auf uns zu achten", meinte der Ventrue. "Und ich habe auf dem Weg hierher gesehen, wie schnell Ihr seid. Ich denke, das Risiko ist vertretbar."

"Das denke ich auch", stimmte sie zu und zog ihren Dolch. "Achtung", sagte sie, dann ging sie in die Hocke, und ihre Gestalt verschwamm vor Williams Augen, als sie mit fast unheimlicher Geschwindigkeit und Präzision den Kreis zog.

Madeleine war fast am Ende der Treppe angekommen, als von unten ein schrilles Kreischen ertönte, laut genug, um die Fenster erzittern zu lassen. Die Geister, schoß es ihr durch den Kopf. Die Lasombra warf sich herum und floh die Stufen hinauf. Kurz vor dem Glockenstuhl hielt sie an, weil ihr gerade noch rechtzeitig die Schutzzeichen einfielen, die da oben angebracht waren. Was ist da unten los? wollte sie von ihrem Bruder wissen.

Alles in Ordnung, beruhigte er sie. Gwenhwyvar hat einen Kreis gezogen, um Graf Saragossa zu binden. Die Geister kümmern sich immer noch nicht um uns.

Während Madeleine sich wieder auf den Weg nach unten machte, wandte sich William an Gwenhwyvar. "Der Lärm scheint niemanden gestört zu haben", stellte er fest.

"Gut so", sagte sie nur, dann rief sie mit lauter Stimme: "Graf Saragossa! Kommt zu mir!"

Im Kreis begann die Luft zu flimmern. Langsam entstand die Gestalt eines jungen Mannes. Er konnte noch keine zwanzig gewesen sein, als er gestorben war, hatte einen dünnen Bartflaum und schien in Leinen gehüllt zu sein. Er war eigentlich recht hübsch, nur seine Augen waren mehr als beunruhigend. Sie waren verschiedenfarbig, das eine strahlend blau, das andere graugrün. Er sah Gwenhwyvar haßerfüllt an. "Warum bin ich gefangen?" fragte er.

"Weil wir Fragen an dich haben", erklärte sie.

Der Geist schnaubte verächtlich. "Und weshalb sollte ich euch die beantworten?"

"Weil ich es so will", sagte sie und sah ihn durchdringend an. William spürte, daß hier ein unsichtbarer Kampf stattfand. Gwenhwyvar versuchte, dem Geist ihren Willen aufzuzwingen, aber er leistete erbitterten Widerstand. Plötzlich begannen seine Augen zu leuchten, und zwei grelle, grünblaue Lichtstrahlen schienen zur Decke.

Die Lichtstrahlen erhellten auch das Treppenhaus. Madeleine duckte sich vorsichtig darunter hindurch und versuchte, die Situation am Fuß der Treppe zu überblicken. Gwenhwyvar versuchte, den Geist unter ihre Kontrolle zu bekommen. es schien ihr nicht ohne weiteres zu gelingen. William erhob die Stimme und befahl: "Hör auf, dich zu wehren!" Sichtbaren Erfolg hatte er nicht damit.

"Hör auf, dich zu wehren", wiederholte Madeleine die Worte ihres Bruders mit aller Macht, die sie in ihre Stimme hineinlegen konnte. Die Lichtstrahlen flackerten kurz, dann leuchteten sie wieder stetig wie vorher.

Von drei Seiten angegriffen, hatte Graf Saragossa jedoch keine wirkliche Chance. Es dauerte nicht lange, da erloschen die beiden Lichtstrahlen endgültig, und der Geist kauerte gebrochen in dem Bannkreis. "Was wollt ihr wissen?" flüsterte er.

Gwenhwyvar sah zu William. "Stellt Eure Fragen", meinte sie.

"Die dunkle Trinität im Turm", sagte der Ventrue. "Was ist deine Rolle bei ihrer Entstehung? Und wie hältst du sie zusammen?"

"Ich habe sie zusammengebracht" murmelte der Geist. "Mein Haß auf Morpheus, meine Liebe zu Gott und meine Liebe zur Magie... sie haben mich dazu getrieben. Und ich muß sie jeden Abend bei Sonnenuntergang aufs neue vereinen, damit die Drei einer sind... ich muß..."

"Was würde passieren, wenn du das nicht tust?" wollte William wissen.

"Das darf nicht passieren", hauchte Saragossa. "Ich... muß..."

"Wo ist dein Körper? Dein Geist ist hier, also müssen deine sterblichen Überreste noch irgendwo sein."

"Im Fundament des Leuchtturms." Die Stimme des Geistes war kaum noch zu hören. "Sie haben ihn dort eingemauert. Wenn ihr wißt, wonach ihr sucht, ist die Stelle leicht zu finden." Er deutete mit den Händen einen rechteckigen Umriß an, der durch ein Kreuz markiert war.

William sah zu Madeleine, die immer noch auf der untersten Treppenstufe stand. "Wenn wir ihn davon abhalten können, bei Sonnenuntergang in der Kammer zu sein, dürften wir viel gewonnen haben. Meinst du, du bekommst das hin?"

Sie betrachtete den Geist prüfend. "In dem Zustand, in dem er ist... ich denke schon." Sie trat näher an den Kreis heran und sah Saragossa tief in die Augen. Leise begann sie, mit ihrer verführerischsten Stimme auf ihn einzureden. Er machte einen halbherzigen Versuch, ihr Widerstand zu leisten, aber sein Wille war gebrochen, und schließlich war Madeleine überzeugt, daß er ihr gehorchen würde. "Ihr könnt ihn zurückschicken", sagte sie zu Gwenhwyvar. "Er wird ein paar Tage lang durchschlafen und nicht aufwachen."

"Geh", sagte das Medium, und der Geist verblaßte. Im selben Moment begann die Erde zu beben. Heftige Stöße erschütterten den Boden.

"Raus hier", rief William.

Die drei hasteten die Treppe hinauf, durch das Loch auf das Dach und mit einem Sprung auf den Boden.

"Ich hoffe, Ihr wißt, wie wir hier wieder herauskommen", sagte Madeleine zu Gwenhwyvar, als ein erneutes Zittern durch die Erde unter ihren Füßen lief.

"Hier entlang. Das Mausoleum da drüben ist der Ausgang."

Die drei hetzten mit Höchstgeschwindigkeit über den Friedhof. Madeleine, die die ganze Zeit den Himmel beobachtet hatte, schrie auf. "Der Geist kommt zurück! Und er ist nicht alleine." Plötzlich stolperte sie über eine Unebenheit im Boden und fiel zurück. Ohne lange zu überlegen, riß William sie in seine Arme und trug sie zum Mausoleum.

"Die Tür ist gesichert", erkannte er, als sie ankamen.

Ohne zu zögern riß Gwenhwyvar den nächstbesten Grabstein aus dem Boden und schleuderte ihn gegen das Schutzzeichen. Die Steintür splitterte unter der Wucht des Aufpralls, und das Symbol war zerstört. Mit einem kräftigen Tritt öffnete sie die Tür vollends und stürmte hindurch, William mit Madeleine auf den Armen direkt hinter ihr. Eine lange, gewundene Treppe führte in die Tiefe. Ohne zu zögern rannte Gwenhwyvar die ersten Stufen hinunter.

"Stop!" rief Madeleine plötzlich von hinten. "Da sind Fallen!"

Tatsächlich war zwei Stufen tiefer eine Trittfalle angebracht, die ein halbes Dutzend Speere aus der Decke nach unten schießen ließ.

"Keine Zeit, das zu entschärfen", erklärte Gwenhwyvar knapp. "Es wird auch nicht die einzige Falle sein. Wenn wir schnell genug rennen, kommen wir vielleicht durch, obwohl wir sie auslösen."

"Los", sagte William nur.

Der Weg hinunter war ein Alptraum. Die Treppe schien kein Ende nehmen zu wollen, und alle paar Stufen gab es Fallen. Daß die Erdstöße nichts an Heftigkeit verloren hatten und im Gegenteil immer häufiger kamen, erschwerte ihnen das Vorwärtskommen noch zusätzlich. Immerhin hatten die Fallen bisher keinen Schaden angerichtet, es waren meistens Steine, Speere oder ähnliche Dinge gewesen, die aus verschiedenen Richtungen auf die drei herabgeschossen waren.

"Hörst du das?" fragte Madeleine plötzlich William. Gwenhwyvar hatte ein paar Meter vor ihnen gerade wieder einen Mechanismus ausgelöst, und gleich darauf war von hinten ein unheilvolles Fauchen zu vernehmen. Mit einem Mal wurde es hell hinter ihnen. "Feuer!" rief Madeleine entsetzt.

William versuchte, schneller zu laufen, aber es war deutlich, daß er den Flammen nicht ganz würde entkommen können. Madeleine warf einen Blick über seine Schulter nach hinten und zog ihre Schatten um ihn herum. Kaum hatten sie seinen Rücken völlig bedeckt, waren die Ausläufer der Feuerwand heran. William zuckte zusammen, aber die Schatten hielten. Außer einer leichten Wärme spürte er nichts.

"Da vorn ist der Ausgang!" rief Gwenhwyvar von weiter unten. Tatsächlich endete die Treppe ein paar Stufen tiefer vor einem Torbogen, der mit undurchdringlicher Schwärze angefüllt war. Irgendwie wußten die drei, daß dieses Tor zurück in ihre Welt führte. Ohne zu zögern sprangen William und Gwenhwyvar hindurch.

Wenn jetzt auf der anderen Seite schon die Sonne aufgegangen ist... dachte Madeleine noch, dann waren sie durch. Sie landeten mit einem lauten Platschen in absoluter Dunkelheit. Ein widerlicher Gestank erfüllte die Luft, der von einer übelriechenden Brühe ausging, die sie überall umgab. Madeleine war für einige Augenblicke völlig ohne Orientierung. Panisch schlug sie um sich und traf dabei William, der sie immer noch festhielt, voll ins Gesicht.

"Beruhige dich, es ist alles in Ordnung", sagte der Ventrue und hielt ihre Hand fest, ehe sie ihn noch einmal schlagen konnte.

"Entschuldige", murmelte sie beschämt. "Wo sind wir hier?"

William sah sich mit rotglühenden Augen um. Neben ihm leuchteten Madeleines Augen ebenfalls auf. Sie standen in einer Kloake, wie der Gestank schon hatte vermuten lassen. Gwenhwyvar, die etwas glücklicher gelandet war, saß auf einem Sims, das neben dem eigentlichen Abwasserkanal entlanglief. Die Geschwister zogen sich ebenfalls hinauf und nahmen ihre Umgebung etwas genauer in Augenschein. "Mein Gott", flüsterte der Ventrue plötzlich und deutete auf einen Stein in der Wand. Er war mit einem deutlich sichtbaren Kreuz markiert, wie Graf Saragossa es beschrieben hatte. "Saragossas Grab. Wir sind unter dem Leuchtturm."

"Und die Sonne wird bald aufgehen", stellte Madeleine fest. "Wir sollten zusehen, daß wir so schnell wie möglich verschwinden."

"Begreifst du denn nicht?" fragte er. "Keiner hat gemerkt, daß wir hereingekommen sind. Das ist unsere Chance. Wenn wir jetzt durch die Barriere nach draußen gehen, sind sie gewarnt, und morgen werden wir es doppelt so schwer haben, wieder hereinzukommen."

Madeleines Augen weiteten sich entsetzt. "Willst du etwa hier schlafen? Praktisch unter der Nase des Dämons?"

Er grinste. "Warum denn nicht? Schau dich um, hier unten war schon lange niemand mehr. Wenn mich nicht alles täuscht", er ließ eine Hand über die Mauersteine gleiten, "dann legt man oben sogar sehr großen Wert darauf, daß keiner herunterkommt und Graf Saragossas letzte Ruhe stört. Ich würde sagen, wir sind hier vergleichsweise sicher."

"Und wie bekommen wir dich morgen vor Sonnenuntergang munter?" wollte sie wissen. "Ich wache ja von selbst rechtzeitig auf, aber du..."

"Dafür kann ich vielleicht sorgen", schaltete sich Gwenhwyvar ein. "Ich kenne ein Ritual, das einen Schläfer aufwachen läßt, wenn sich jemand auf ein oder zwei Schritte nähert. Und wenn Ihr frühzeitig wach seid, wird das reichen." Sie schien einen Augenblick in sich hineinzulauschen. "Es bleibt mir noch genug Zeit, das Ritual zweimal durchzuführen. Das würde für mich und Sir William genügen." Sie sah den Ventrue fragend an. "Wenn Ihr einverstanden seid?"

Er hob die Schultern. "Sagt mir, was ich tun soll."

Madeleine sah ein, daß sie überstimmt war und ließ sich an einem einigermaßen trockenen Fleck nieder, um ein ernstes Wort mit ihren Schatten zu reden. Seit sie aus der Geisterwelt zurückgekommen waren, hatten ihre dunklen Diener sich schlagartig beruhigt. Die Lasombra wußte allerdings, daß sie mit Sonnenaufgang verschwinden würden. Wenn sie schon hier schlafen mußte, dann wollte sie dabei wenigstens nicht ganz schutzlos sein. Ihr werdet bleiben, wenn die Sonne aufgeht, gebot sie lautlos. Die Schatten protestierten, aber Madeleine blieb hart. Ihr werdet tun, was ich von euch verlange. Ihr werdet mich den Tag über beschützen, und wenn ich morgen aufwache, werdet ihr noch da sein. Es dauerte eine Weile, aber schließlich hatte sie sich durchgesetzt. Es wurde auch höchste Zeit, draußen dämmerte es bereits, und die drei Kainiten spürten, wie sich eine bleierne Müdigkeit ihrer bemächtigte. Ich bin gespannt, ob wir morgen wieder aufwachen, war Madeleines letzter Gedanke, ehe sie einschlief.

 

Sie wachte tatsächlich wieder auf. Mit einer gewissen Erleichterung stellte sie fest, daß die Schatten ihrem Befehl gefolgt waren und sie immer noch umgaben. Das würde helfen; die Stunde, die sie gebraucht hätte, um das Ritual zu wiederholen, würde sie nicht haben. Ihr Zeitsinn verriet ihr, daß sie zur üblichen Zeit wachgeworden war, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang. Gwenhwyvar begann sich auch gerade zu rühren, nur William schlief noch tief. Madeleine erhob sich und machte ein paar Schritte auf ihn zu. Mit einem Mal schlug der Ventrue die Augen auf.

"Ich bin wach", erklärte er. "Du mußt mich nicht wieder schlagen."

"Das hatte ich auch nicht vor" antwortete sie etwas unangenehm berührt. "Im Gegensatz zu heute morgen weiß ich, wo ich bin."

"Wieviel Zeit haben wir?" fragte Gwenhwyvar.

"Knapp eine Stunde", sagte William. "Bei Sonnenuntergang müssen wir in diesem Raum sein, in dem die drei erwachen."

"Dann sollten wir nach einem Weg nach oben suchen."

Nach kurzer Suche hatten sie einen hervorragend getarnten Durchgang in einer Wand gefunden. Er war erst zu erkennen, wenn man direkt davor stand und schien der einzige Ausgang aus dem Raum zu sein. Dahinter tat sich eine Wendeltreppe auf, die nach oben ins Dunkel verschwand. Kurz entschlossen schlüpfte Gwenhwyvar an William vorbei und machte sich an den Aufstieg, was dem Ventrue ein entrüstetes Schnauben entlockte. Das Medium blieb stehen und drehte sich um.

"Verzeiht, ich wollte nicht unhöflich sein." Sie machte eine einladende Geste. "Es wäre vermutlich wirklich geschickter, wenn Ihr vorausgeht - ich habe keine Rüstung."

William warf ihr einen undefinierbaren Blick zu und ging an ihr vorbei.

Die Treppe war gesichert. Der Ventrue war gerade ein paar Stufen weit gekommen, da bemerkte er ein Zeichen, das auf die Wand aufgemalt war. Es stellte ein stilisiertes Auge dar und schien im Moment inaktiv zu sein. William duckte sich vorsichtig darunter hindurch und warnte die beiden Frauen. "Da oben scheint man wirklich großen Wert darauf zu legen, daß sich niemand nach unten verirrt", meinte er. "Die Zeichen scheinen Wächter zu sein, die Alarm schlagen, wenn sich hier jemand herumtreibt."

Sie kamen noch an vier weiteren Wächteraugen vorbei, die sie sorgfältig umgingen, und dann schien ihr Weg erst einmal zu Ende zu sein. Die Treppe wurde von einer massiv aussehenden Tür abgeschlossen, die zudem noch durch ein offensichtlich magisches Symbol verstärkt wurde. Da hindurchzukommen würde, wenn überhaupt, nur mit sehr viel Lärm möglich sein. William untersuchte die Tür eingehend und fluchte unterdrückt. "Von der anderen Seite verriegelt. Und das Ding schließt wirklich überaus dicht. Ich fürchte, wir werden uns etwas einfallen lassen müssen."

"Kann sich einer von Euch vielleicht in Nebel verwandeln oder so etwas?" fragte Gwenhwyvar.

"So etwas", meinte Madeleine und musterte nachdenklich die Tür. Die wenigen Ritzen waren haarfein, selbst in Schattengestalt würde sie eine Weile brauchen, bis sie ganz hindurch war. Außerdem war sie keineswegs sicher, was mit ihrer Rüstung passieren würde, wenn sie die Form wechselte, und dies war nicht gerade der geeignete Zeitpunkt, um das auszuprobieren. "Aber vielleicht muß ich gar nicht selbst hindurch." Sie sah an sich herunter und konzentrierte sich auf ihre Schatten. Ich habe eine Aufgabe für dich, teilte sie einem von ihnen lautlos mit.

Wie kann ich Euch dienen, Herrin? fragte er zurück.

Madeleine erklärte ihre Wünsche, dann streckte sie einen Arm aus. Ein schwarzer Schemen löste sich davon und floß sich wie eine Schlange windend auf die Tür zu. Der Schatten begann sich in hauchdünne Fäden zu zerfasern, die in Sekundenschnelle durch die feinen Ritzen in der Tür zogen und verschwanden. Augenblicke später erklang von der anderen Seite ein Kratzen und Schaben, dann ein lautes Poltern, das die Kainiten zusammenzucken ließ. Die Tür schwang auf. Einen Moment standen die drei wie erstarrt, aber nichts rührte sich. Zufrieden streckte Madeleine erneut die Hand aus, und ihr Schatten kam zu ihr zurück und verschmolz wieder mit ihrer Rüstung.

Auf der anderen Seite lag ein Gang, der sich nach rechts und links erstreckte und sich nach wenigen Metern in der Finsternis verlor. Jetzt erst bemerkten die drei, daß das, was den Turm erfüllte, keine normale Dunkelheit war, wie sie einfach durch die Abwesenheit von Lampen hervorgerufen wurden, sondern eher eine Variante der Schatten, mit denen Madeleine umzugehen pflegte. Auf dem Boden lag der Riegel, der die Tür verschlossen hatte. Es war ein stabiler, dicker und sehr schwerer Eichenbalken, der noch dazu mit Metall beschlagen war, und den Madeleine vermutlich nicht ohne weiteres hätte heben können, selbst wenn sie einen Weg durch die Tür gefunden hätte.

Sie schlossen die Tür wieder und wuchteten den Balken davor, dann sahen sie sich an. "Rechts oder links?" fragte Madeleine.

"Rechts", meinte Gwenhwyvar.

"Links", sagte William gleichzeitig.

Madeleine sah fragend von einem zum anderen. William hob die Schultern. "Links ist die Richtung zum Meer. Auf der Seite ist der Eingang, das haben wir von außen gesehen. Und dort in der Nähe finden wir vermutlich auch die Treppe nach oben."

"Klingt vernünftig", stimmte die Lasombra zu.

Sie wandten sich nach links und gingen vorsichtig den Korridor entlang, immer auf der Hut vor auf die Wand gemalten Zeichen oder ähnlichen Schutzvorrichtungen. Es zeigte sich jedoch, daß hier oben die Sicherheitsmaßnahmen etwas offensichtlicherer Natur waren als im Keller. Die drei waren noch nicht sehr weit gekommen, als der Gang von einer riesigen Kreatur blockiert wurde. Mitten im Weg stand ein Gargoyle, breitbeinig und mit ausgebreiteten Flügeln, dessen massige Gestalt den Gang fast völlig ausfüllte. Glücklicherweise war er noch vollkommen versteinert und rührte sich nicht, so daß die Kainiten zwischen seinen Beinen hindurch an ihm vorbeischlüpfen konnten. Madeleine warf einen Blick auf ein Bein, das so dick war wie sie selbst, und schauderte.

"Da vorne ist eine Tür", stellte William fest. "Und irgendjemand ist dahinter, ich kann etwas hören."

"Klingt, als wäre es nur einer", meinte Gwenhwyvar. "Und etwas blubbert, ob wir die Küche gefunden haben?"

"Das werden wir gleich herausfinden", antwortete er. "Wenn Ihr uns freundlicherweise noch einmal tarnen würdet?"

Sie tat es und bereitete sich dann darauf vor, die Tür zu öffnen. William zog sein Schwert, ging in Position und nickte ihr zu. Im nächsten Moment flog die Tür auf, und der Ventrue stürmte hindurch.

Der Raum auf der anderen Seite war offensichtlich ein Labor. Mittendrin stand ein abstoßend häßlicher Kainit mit deutlich sichtbaren Reißzähnen, der sich überaus verwirrt umsah. Man könnte ihn glatt für einen Nosferatu halten, dachte William. Die Robe, die er trug und vor allem die Einrichtung des Labors sprachen allerdings eher dafür, daß hier ein Tremere der allgemeinen Blutjagd entkommen war und Zuflucht gefunden hatte. Die Aura des Mannes war von merkwürdigen schwarzen Funken durchsetzt - nicht die dunklen Adern, die ein sicheres Zeichen für Amaranth gewesen wären, sondern eher ein düsteres Glitzern, das an eine Abart von Magie erinnerte.

All das nahm der Ventrue in Sekundenbruchteilen wahr. Blitzschnell zog er statt des Schwertes einen Holzpflock aus dem Gürtel. Der Tremere konnte ihn nicht sehen, und auch, wenn das anders gewesen wäre, hätte er keine Chance gegen Williams überlegene Geschwindigkeit gehabt. Er begriff nicht einmal, was mit ihm passierte. Wie ein gefällter Baum stürzte er zu Boden, als der Pflock in sein Herz drang.

"Bitte einzutreten", sagte William zu den beiden Frauen. "Hier ist sonst keiner." Während die beiden hereinkamen und begannen, sich umzusehen, ging er neben seinem Opfer in die Hocke und legte eine Hand auf seinen Arm. Während der nächsten Minuten holte er langsam einen wahren Schatz an Informationen aus dem Tremere heraus. Er erfuhr nicht nur den Weg zu der Kammer, sondern auch welche Sicherheitsvorkehrungen es unterwegs noch gab. Am beeindruckendsten waren dabei die beiden hundeartigen Gargoylen, die etwa auf halber Strecke saßen und mit bestimmten Gesten beruhigt werden mußten, damit sie nicht angriffen. William prägte sich die Details sehr sorgfältig ein. Mit diesem Wissen würde es kein Problem sein, die Kammer rechtzeitig zu erreichen.

"Sehr Euch das an", sagte Gwenhwyvar plötzlich erfreut. Sie hatte eine kleine Holzschatulle unter dem Arbeitstisch gefunden und geöffnet. Darin lagen, sorgfältig einzeln auf Samt gebettet, fünfzehn glänzende rote Perlen. "Das ist konzentrierte vitae. Unser Freund hat sich einen Vorrat für schlechte Zeiten angelegt."

"Wie nett von ihm", fand Madeleine, die allmählich ernsthaften Hunger hatte. Den anderen ging es nicht besser. Eine kurze Untersuchung bestätigte, daß die Perlen tatsächlich harmlos waren, und die drei zögerten nicht, sie ihrer Verwendung zuzuführen - wenn auch vielleicht nicht in der Form, wie der vorherige Besitzer das geplant hatte.

"Was hast du aus dem Kerl herausbekommen?" fragte Madeleine, nachdem der schlimmste Hunger gestillt war.

"So wie es aussieht", antwortete der Ventrue, "muß er jeden Abend dieses Zeug brauen, was da hinten auf der Werkbank vor sich hin kocht. Damit geht er dann nach oben, um pünktlich zu Sonnenuntergang eine Zeremonie durchzuführen, an der auch Graf Saragossa beteiligt ist. Wenn er das nicht tut, funktioniert die Vereinigung nicht. Jemand, möglicherweise der Dämon, hat ihn auch sehr gründlich bearbeitet, damit er die besagte Zeremonie für die wichtigste Sache der Welt hält."

"Heute Abend wird er seinen Pflichten wohl nicht nachkommen können", meinte Gwenhwyvar trocken. "Wie sieht der Weg nach oben aus?"

William beschrieb, was er gesehen hatte. "Diese Gargoylen-Hunde machten keinen sonderlich intelligenten Eindruck. Vielleicht kann man sie irgendwie überlisten, anlegen möchte ich mich jedenfalls nicht mit ihnen."

"Glaubt Ihr, die sind intelligent genug, daß ihnen auffällt, wenn ihr Herrchen mehrmals nacheinander an ihnen vorbeigeht? Sagen wir, dreimal?"

Der Ventrue sah Gwenhwyvar nachdenklich an. "Ihr könnt vermutlich diesen Eindruck erwecken, sonst würdet Ihr nicht danach fragen. Wenn wir in genügend großem Abstand an ihnen vorbeigehen, vielleicht fünf Minuten oder so, dann könnte es funktionieren."

"Gut", sagte sie und musterte den Tremere. "Eine Schönheit ist er ja nicht gerade, aber da kann man wohl nichts machen."

Minuten später gab es vier gleich aussehende Kainiten im Labor, und einer von ihnen lag gepflockt auf dem Boden.

"Was machen wir mit dem Kerl?" fragte Madeleine. "Er sieht nicht genießbar aus, sonst wäre das ja kein Problem. Andererseits, wenn wir ihn umbringen, könnte da oben vielleicht jemand etwas merken."

Gwenhwyvar zuckte die Schultern. "Unsichtbar machen und liegenlassen. Wenn wir ihn unter den Arbeitstisch räumen, findet ihn vorerst keiner."

Sie legte kurz eine Hand auf den Gefangenen, der vor ihren Augen verschwand. William schob ihn unter den Tisch und richtete sich auf. "Wir sollten bald hier losgehen", schlug er vor. "Wenn wir es geschickt anstellen, kommen wir genau zur richtigen Zeit oben an. Der Kerl hatte eine recht genaue Vorstellung des üblichen Ablaufs im Kopf."

Madeleine nickte. "Du hast den Weg gesehen, vielleicht solltest du vorausgehen. Wenn unterwegs irgendetwas unerwartetes passiert, kannst du uns warnen."

"In Ordnung", meinte er. "Dann wollen wir mal."

 

Keine Schwierigkeiten bisher, teilte William seiner Schwester einige Minuten später mit. Ich bin an den Gargoylen-Kötern ohne Probleme vorbeigekommen und warte einen Treppenabsatz höher auf euch.

Gut, dann gehe ich jetzt los. Ich hoffe, die Biester sind wirklich so dumm wie wir glaubten.

Madeleine verließ das Labor und wandte sich zur Treppe. Niemand begegnete ihr. Aus einem anderen Teil des Turms waren Stimmen zu hören, aber sie waren weit weg und kamen auch nicht näher. Langsam stieg sie die Treppe hinauf, in der Hand eine Phiole ähnlich der, in der unten das Elixier gekocht worden war, das offenbar für das Ritual nötig war. Auch hier waren alle paar Stufen Wächteraugen auf die Wand gezeichnet. Die Lasombra umging sie vorsichtig. Schließlich kam sie bei den Gargoylen an. William hat nicht übertrieben, dachte sie. Die Biester sind wirklich gigantisch. Die hundeähnlichen Geschöpfe kauerten mitten auf einem Treppenabsatz, der deutlich breiter war als die vorhergehenden. Jedes von ihnen war knapp drei Meter lang und sogar im Liegen fast so hoch wie Madeleine. Außerdem waren sie abgrundtief häßlich, aber in dieser Hinsicht paßten sie hervorragend zu ihrem Herrchen. Ohne zu zögern, weil sie sich damit nur verdächtig gemacht hätte, ging Madeleine zwischen den beiden Wesen hindurch. Im Vorbeigehen tätschelte sie einem den Kopf und strich dem anderen mit der flachen Hand über den Rücken, so wie William es beschrieben hatte. Offenbar machte sie dabei keinen Fehler, denn die beiden blieben friedlich. Erleichtert stieg sie weiter außer Sichtweite um die nächste Ecke, wo William auf sie wartete.

Minuten später kam auch Gwenhwyvar an. "Das wäre fast schiefgegangen", meinte sie. "Die Köter wollten aggressiv werden, aber dann konnte ich sie doch davon überzeugen, daß ich ihr Herrchen bin. Wo geht es weiter?"

Der Ventrue deutete nach oben. "Noch ein paar Absätze, dann haben wir es geschafft. Wenn mein Gefühl mich nicht trügt, werden wir ziemlich genau zur richtigen Zeit ankommen." Sie stiegen nach oben und gelangten schließlich zu einer massiven, metallbeschlagenen Tür. "Hier ist es", sagte William, und fluchte gleich darauf leise. "Hier ist ein Zeichen", sagte er. "So eins wie das, das unten die Kellertür verstärkt hat. Davon habe ich vorhin nichts gesehen."

"Nicht zu ändern", sagte Gwenhwyvar achselzuckend. "Brechen wir sie auf?"

"Es wird uns nichts anderes übrigbleiben", knurrte der Ventrue. "Sobald wir erst einmal drin sind, brauchen wir uns auch um den Lärm keine Sorgen mehr zu machen. Und die Zeit wird knapp."

Madeleine trat ein paar Schritte beiseite, um den beiden genügend Platz zu geben. William und Gwenhwyvar wechselten einen Blick, nickten sich zu und nahmen Anlauf. Einen Augenblick später krachten beide mit voller Wucht gegen die Tür. Diese knarrte und erbebte unter dem Aufprall, hielt aber stand. Den zweiten Versuch allerdings überstand sie nicht. Mit einem lauten Knall barst das Holz, und die beiden Kainiten wurden von ihrem Schwung in den dahinterliegenden Raum getragen. Sie konnten gerade noch rechtzeitig abbremsen, ehe sie in den hellen Lichtstrahl gerieten, den die untergehende Sonne von draußen durch das Fenster warf.

Der Raum sah genauso aus, wie William ihn in seiner Vision gesehen hatte. Er war leer, bis auf den Sarg, den thronähnlichen Stuhl und die kleine Kiste aus lebenden Schatten. Der Lichtstrahl fiel genau auf den Stuhl und war etwa bis zur Mitte der hohen Rückenlehne nach oben gewandert. Auf dem Stuhl war eine durchscheinende Gestalt zu sehen, die allerdings unvollständig war. Alles, was sich oberhalb des Lichtstrahls befand, der Kopf und ein Teil des Halses, fehlte.

Madeleine kam nun ebenfalls in den Raum, und die drei verteilten sich. Bisher rührte sich noch nichts, aber es konnte jeden Augenblick losgehen. William zog sein Katana und ließ es auf die Gestalt auf dem Stuhl herabsausen, aber die Klinge fuhr einfach hindurch.

Mit einem Mal spürten die drei, wie etwas nach ihnen griff. Es fiel ihnen schwerer, sich zu bewegen, so als wären sie von einer zähen Masse umgeben. Der Lichtstrahl wanderte schneller, und allmählich begann der Kopf des Engels zu erscheinen. Es kostete die drei große Anstrengung, in Bewegung zu bleiben und gleichzeitig ihre Gegner im Auge zu behalten, die jetzt jeden Moment aufwachen und damit angreifbar werden mußten.

Plötzlich begann sich der Deckel des Sarges fast unmerklich zu bewegen. Gwenhwyvar, die direkt daneben stand, griff nach ihrem Schwert.

"Fang!" rief William, und warf ihr einen Pflock zu. Sie fing ihn geschickt auf und riß den Sargdeckel beiseite. Darunter kam Morpheus' riesige Gestalt zum Vorschein, in Schatten gehüllt, die zu leben schienen. Ohne zu zögern setzte Gwenhwyvar den Pflock an und trieb ihn ins Herz des Lasombras, ehe der völlig erwachte.

William schob seine Klinge unter die kleine Schachtel, die den Dämon beherbergte. Er wollte das Ding in den Lichtstrahl katapultieren, in der Hoffnung, daß die untergehende Sonne ihm die Arbeit abnehmen und den Dämon vernichten würde. Kaum hatte das Katana jedoch die lebenden Schatten berührt, versetzten sie dem Ventrue einen Schlag, worauf er hastig das Schwert zurückzog und sich dem Engel zuwandte.

Der war inzwischen vollständig sichtbar geworden und begann, sich zu bewegen. Eine Aura von Macht ging von ihm aus, die die drei Kainiten beinahe in die Knie zwang. Nur mit Mühe brachte William es fertig, tatsächlich die Waffe gegen die majestätische Gestalt auf dem Thron zu erheben. Er schlug zu und traf, und der Engel schrie.

Der Schrei drang Madeleine bis ins Mark. Sie taumelte ein, zwei Schritte zurück und schlug die Hände über die Ohren. Es dauerte einen Moment, bis ihr bewußt wurde, daß sie eine bessere Möglichkeit hatte, sich gegen den furchtbaren Ton zu schützen: sie befahl ihren Schatten, sich über ihren Kopf zu ziehen und ihre Ohren zu bedecken. Sofort wurden die Schreie gedämpft, wenigstens soweit, daß die Lasombra wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Sie sah sich um. Gwenhwyvar war noch mit Morpheus beschäftigt, dessen Schatten ihr bestes versuchten, um den Pflock aus seinem Herzen zu drücken. William holte gerade zum nächsten Schlag gegen den Engel aus. Und niemand kümmerte sich um den Dämon.

Bruder, ich brauche eine Waffe, teilte sie William mit. Erschrick nicht.

Ich habe es dir angeboten, antwortete er nur.

Madeleine griff nach Williams Schatten, und er kam bereitwillig zu ihr. Fast liebevoll schlossen sich ihre Finger darum und formten eine schlanke, elegante Klinge daraus, die perfekt in ihrer Hand lag. Besser als Stahl, dachte sie und ließ einen Moment den Blick über das schwarze Schwert gleiten, ehe sie mit zwei raschen Schritten zu der Schachtel hinübereilte. Die Schatten, die die Kiste bildeten, bewegten sich immer rascher und heftiger. Madeleine zog ihre eigenen Schatten schützend wie einen Handschuh über ihre Hand und versuchte, die Kiste hochzuheben und ins Licht zu halten, aber der Dämon schien ihre Absicht zu spüren und die Schachtel wurde schwer wie Blei. Dann eben nicht, dachte Madeleine - und schlug zu.

Gwenhwyvar hatte inzwischen den Pflock so tief in Morpheus' Brust versenkt, daß seine Schatten Stunden brauchen würden, um ihn herauszubekommen. Sie wandte sich zur Seite, wo William gerade erneut seine Klinge auf den Engel herabsausen ließ. Der Engel war tatsächlich blind. Seine Augenhöhlen waren leer, und er konnte sich offenbar auch nur wenig bewegen. Das einzige Mittel, das er zu seiner Verteidigung hatte, waren diese entsetzlichen Schreie, die er jetzt fast ununterbrochen ausstieß. "Sei endlich still", fauchte sie wütend, und brachte ihr Schwert herum. Sie traf den Engel seitlich in den Hals, im selben Moment, da Williams Katana ihn von der anderen Seite durchschnitt. Ihre Klingen trafen sich in der Mitte, und durch die Wucht seines Schlages wurde ihr Schwert wieder ein Stück zurückgedrückt. Sauber enthauptet, verstummte der Engel für immer. William griff nach dem abgetrennten Kopf und warf ihn aus dem Fenster, um ganz sicher zu gehen, daß es auch wirklich für immer war.

Die Schattenklinge war eine ausgezeichnete Waffe. Der Dämon versuchte verzweifelt, sich in seiner normalen Form zu manifestieren, aber ohne das Ritual und ohne Graf Saragossa als Fokus war er viel zu langsam. Madeleines Schwert schnitt durch ihn hindurch wie durch Butter, und unter ihrem zweiten Schlag zerfaserten sich die Schatten und lösten sich auf. Gwenhwyvar wollte ihr noch zu Hilfe kommen, aber das war bereits nicht mehr nötig. Der Dämon, wie der Engel, war nicht mehr.

Blieb noch Morpheus. Madeleine und William standen jeder auf einer Seite des Sarges und sahen auf den hilflosen Lasombra hinunter. Seine Schatten bewegten sich jetzt kaum noch, anscheinend war er durch den Tod seiner zwei Verbündeten geschwächt.

"Guten Abend, Morpheus", sagte William.

"Ein schöner Anblick", fand Madeleine. "So habe ich mir das vorgestellt."

Morpheus' Augen funkelten bösartig, aber antworten konnte er nicht.

"Schade um die vitae", meinte William. "Aber so hungrig ich auch bin, dieses verseuchte Zeug fasse ich nicht an." Er sah Madeleine an. "Willst du ihm noch etwas mit auf den Weg geben?"

Sie schüttelte den Kopf. "Mach ein Ende."

Und das tat er. Wie ein silbriger Blitz zuckte das Katana herunter und schnitt durch Schatten, Fleisch und Knochen. Ein präziser Schlag trennte Morpheus' Kopf vom Hals, und sofort begannen die Schatten sich aufzulösen.

"Ich verfluche euch!" donnerte Morpheus' Stimme plötzlich durch den Raum. "Mögen die Schatten hinfort eure Feinde sein!" Höhnisches Gelächter folgte den Worten, das immer leiser und geisterhafter wurde und schließlich verstummte.

Madeleine und William sahen sich an. "Ist es wirklich vorbei?" fragte sie. "Es ging so schnell... nach all den Sorgen, die wir uns vorher gemacht haben, war das schon fast zu einfach."

Er hob die Schultern. "Wir hatten Glück. Ohne den Tremere und Saragossa waren sie fast hilflos - jedenfalls eine Zeitlang. Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort." Plötzlich runzelte er die Stirn und sah sich um. "Wo ist Lady Gwenhwyvar?"

Madeleine konnte das Medium nirgends sehen. "Keine Ahnung", sagte sie. "Gwenhwyvar? Seid Ihr hier?" Niemand antwortete. "Wahrscheinlich ist sie schon weg. Durch das Fenster oder so. Und wenn wir klug sind, tun wir das auch." Plötzlich fiel ihr noch etwas ein. "Übrigens - danke", sagte sie, und gab ihm seinen Schatten zurück. "Es war nicht besonders angenehm für dich, nicht wahr?"

"Ein ziemlich übles Gefühl", gab er zu.

Sie nickte. "Ich habe es gemerkt. Ich werde dir das auch nicht mehr antun."

"Ich habe es dir angeboten. Wenn du ihn brauchst, dann nimm ihn." Er sah aus dem Fenster. "Aber jetzt sollten wir wirklich zusehen, daß wir verschwinden." Damit zog er sich auf das Fensterbrett - und sprang ohne zu zögern dreißig Meter in die Tiefe, wo er elegant ins Wasser des Hafenbeckens eintauchte.

Madeleine sah ihm skeptisch hinterher. Sie verspürte wenig Lust, es ihm gleichzutun. Plötzlich rauschte es in der Luft über ihr. Die Lasombra sah nach oben und sah gerade noch eine riesige steinerne Gestalt auf dem Dach des Turms landen. Gleich darauf drang von oben Kampflärm herunter. Travion, dachte sie. Der Weg zur oberen Kammer ist frei für ihn. Einen Augenblick lang hoffte sie, daß der Gargoyle sie vielleicht mit zur Villa nehmen konnte, aber es wäre purer Leichtsinn gewesen, in den Kampf da oben einzugreifen. Schweren Herzens ignorierte sie ihren immer schlimmer werdenden Hunger und verschmolz mit den Schatten. Während sie selbst eine von ihnen wurde, spürte sie, wie ihre Rüstung sich auflöste und ihre Diener sie verließen. Damit war zu rechnen gewesen. Was die Lasombra allerdings beunruhigte, war das Gefühl von Erleichterung, sogar Freude, das sie für einen Augenblick von ihnen spürte, ehe sie verschwanden. Sollte an Morpheus' Fluch tatsächlich etwas gewesen sein? Ärgerlich wischte sie den Gedanken beiseite und machte sich auf den Heimweg. Der Hunger war jetzt fast übermächtig, und der Aufenthalt in der Kloake hatte ebenfalls seine Spuren hinterlassen. In der Villa wartete vitae und ein Bad - und Lord William von Baskerville, der inzwischen vermutlich halb krank vor Sorge um sie war. Madeleine hatte es plötzlich sehr eilig, nach Hause zu kommen, und verschwendete keine Zeit damit, zurückzusehen.

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