Kapitel 15
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"Man merkt wirklich, daß es in der Stadt wieder ruhiger geworden ist", stellte Madeleine fest, als sie an der Kathedrale ankamen.

William nickte. "Recht wenig los hier heute Abend", meinte er und sah durch die geöffnete Tür ins Innere. Ein knappes Dutzend von Bruder Matthias' Schäflein war zur Abendmesse erschienen, und das Grüppchen verlor sich fast im Kirchenschiff. Als die beiden eintreten wollten, zuckten sie zurück.

"Wir sollten draußen warten", bemerkte Madeleine. "Wenigstens bis die Kommunion vorbei ist. Die Hostien sind doch etwas unangenehm."

Es dauerte etwas über eine halbe Stunde, dann verließen die Sterblichen die Kirche. Die beiden Kainiten traten ein. Bruder Matthias schien sie bereits bemerkt zu haben und wartete auf sie.

"Es ist eine Menge geschehen", sagte er statt einer Begrüßung.

"Darüber sollten wir vielleicht nicht hier sprechen", schlug Madeleine vor und sah sich um.

Er nickte, drehte sich um und stapfte in Richtung Sakristei davon. "Also?" fragte er, nachdem William die Tür hinter sich geschlossen hatte. "Was ist da gestern Nacht eigentlich passiert?"

Die beiden bemühten sich, einen möglichst vollständigen Bericht der Ereignisse zu geben, angefangen von dem eher unfreiwilligen Ausflug in die Geisterwelt bis zu dem Kampf oben im Turm. Bruder Matthias hörte sich das Ganze sichtlich interessiert und ganz gegen seine sonstige Gewohnheit auch kommentarlos an. Schließlich sagte Madeleine: "Soweit wir wissen, sind zumindest der Engel und der Dämon vernichtet. Morpheus allerdings..."

"Seinetwegen wollten wir Euch um Hilfe bitten", gab William zu. Es scheint, als hätte er einen Pakt mit den dunklen Mächten geschlossen und wäre durch seinen Tod gewissermaßen einer der Ihren geworden. Er hat uns verflucht, ehe er diese Welt verlassen hat, und ich fürchte, wir müssen das ziemlich ernst nehmen."

"Er wollte die Schatten zu unseren Feinden machen", erinnerte sich Madeleine. "Ihr könnt Euch denken, daß das besonders mich beunruhigt."

Der Priester schien sie gar nicht gehört zu haben. Er saß auf seinem Stuhl und grübelte vor sich hin. Schließlich hob er den Kopf. "Ihr seid noch da? Ich muß darüber erst nachdenken, kommt morgen wieder." Mit einer ungeduldigen Handbewegung scheuchte er die beiden hinaus und rief nach einem Meßdiener. "Bring mir eine Schale Wasser, und beeil dich damit!" Madeleine und William sahen sich an, hoben die Schultern, und verzogen sich.

"Wir sollten zusehen, daß wir nach Hause kommen", meinte die Lasombra. "Ich wäre gerne eine Stunde vor Mitternacht zur Audienz im Palast, und in diesem Kleid kann ich auf gar keinen Fall da erscheinen." William grinste nur und enthielt sich klugerweise eines Kommentars.

 

"Guten Abend, Lady Gwenhwyvar", sagte Madeleine. "Es freut mich, zu sehen, daß Ihr offensichtlich Eure Zuflucht letzte Nacht sicher erreicht habt."

Gwenhwyvar neigte höflich den Kopf. "Danke, das habe ich. Mir schien, als hätten wir erledigt, weswegen wir in den Turm gekommen waren, deswegen sah ich keinen Grund, dort noch länger zu bleiben."

Die Geschwister waren eine Stunde vor der Audienz am Palast angekommen. Irian hatte Markus dabei, William wurde von Elena begleitet. Er hoffte, sie heute den Prinzen vorstellen zu können, nachdem der letzte derartige Versuch durch Magnus' Auftritt und das darauffolgende Chaos gestört worden war. Im Hof hatten sie Gwenhwyvar getroffen, die von ihrem ganzen Gefolge begleitet wurde.

"Eure Leute werden hier warten müssen", meinte William. "Ghoule werden drinnen nicht gerne gesehen."

"Es erschien mir sicherer, sie mitzubringen", erwiderte sie, "auch wenn sie nicht mit hineinkommen können. Ich fände es bedauerlich, wenn ihnen in meiner Abwesenheit etwas zustoßen würde."

Madeleine spürte plötzlich etwas in ihren Gedanken. Es dauerte einen Augenblick, bis sie begriff, daß Gwenhwyvar sie angesprochen hatte - lautlos. Es war eine andere Art des Kontakts, nichts, was so tief ging wie ihre Verbindung zu William oder Irian, aber es war dennoch etwas, das nicht jeder beherrschte, auch nicht unter Kainiten.

Es wäre mir recht, vernahmen die Geschwister Gwenhwyvars Stimme, wenn Ihr meine Rolle in dieser ganzen Geschichte nicht überbetonen würdet. Ich würde es vorziehen, im Hintergrund zu bleiben.

Wenn Ihr das wünscht, natürlich, antwortete William, und Madeleine fügte hinzu: Das wird nicht weiter schwierig sein... wir wissen nicht viel über Euch, das wir verraten könnten.

Wenn ich so unhöflich sein darf, direkt zu fragen, meinte William, welchem Clan gehört Ihr eigentlich an?

Ich habe keinen Clan. Ich habe den Kuß vor zweihundert Jahren auf den Orkneys bekommen, mehr weiß ich nicht. Gwenhwyvar, die sich die ganze Zeit unauffällig umgesehen hatte, schien zum ersten Mal Elena wahrzunehmen, die ein paar Schritte entfernt stand und William nicht aus den Augen ließ. Die Ventrue beobachtete sie neugierig, und sie schien absolut nicht begeistert zu sein, daß William ihr so viel Aufmerksamkeit schenkte.

Wenn Blicke pfählen könnten, dachte Gwenhwyvar und fragte: Ist sie vertrauenswürdig?

Madeleine spürte aufkeimende Wut in William. Nicht etwa, weil er das Gefühl hatte, daß Gwenhwyvar gerade Elenas Ehre beleidigt hatte, sondern weil angesichts dessen, was geschehen war, die Frage wie blanker Hohn wirken mußte. Natürlich konnte Gwenhwyvar nichts davon wissen, aber trotzdem... Die Lasombra versuchte, beruhigend auf ihn einzuwirken und erklärte Gwenhwyvar: Lady Elena ist Sir Williams Frau.

Gewesen! fügte er ungewöhnlich heftig hinzu.

Gwenhwyvar sah ihn verwundert an. Nun, ich will nicht ungebührlich neugierig sein, aber...

Dann solltet Ihr diese Frage auch nicht stellen, unterbrach Madeleine sie hastig. Glaubt mir, es ist besser, das Thema ruhen zu lassen. William war nach außen hin perfekt ruhig und liebenswürdig wie immer, aber unter der Oberfläche brodelte es, und Madeleine konnte nur beten, daß er sich in der Gewalt behielt.

Wie Ihr meint, gab Gwenhwyvar zu Madeleines Erleichterung nach und fügte laut hinzu: "Wollen wir nicht hineingehen? Ich war noch nie im Palast, ich bin recht gespannt, wie es drinnen aussieht."

Die Eingangshalle wirkte, als hätten die Ereignisse der letzten Nächte nie stattgefunden. Gedränge und Stimmengewirr füllten den riesigen Saal, und von der Grabesstimmung, die nach Magnus' Auftritt hier geherrscht hatte, war nichts mehr zu spüren. Wenn man allerdings genauer hinsah, bemerkte man eine eigenartige Spannung in der Halle. Die wenigsten der Anwesenden hatten eine Vorstellung davon, was in den letzten Nächten tatsächlich in der Stadt passiert war, und die Gerüchteküche brodelte. Madeleine schlenderte langsam durch den Raum, hielt hier und da kurz an, um sich mit anderen Kainiten zu unterhalten, und hielt ansonsten die Ohren offen. Sie gewann mehr und mehr den Eindruck, daß die meisten das Durcheinander genutzt hatten, um ihre eigenen Pläne voranzubringen, alte Rechnungen zu begleichen und ähnliche Dinge. Über das, was im Turm vor sich gegangen war, waren einige sehr phantasievolle und interessante Geschichten im Umlauf, die alle erstaunlich wenig mit der Wahrheit zu tun hatten. Madeleine fand das beruhigend; je weniger Leute von dem Dämon und Morpheus wußten, desto besser.

 

Pünktlich um Mitternacht hallten die Gongschläge durch den Palast. Als der letzte verklungen war, schwang das Portal am Ende des Saals auf, und zwei Gestalten traten hindurch: Michael, gefolgt von Gregorius. Die Anwesenden sanken auf die Knie, und auch dem letzten von ihnen war klar, daß etwas nicht stimmte. Das Gleichgewicht war gestört, das Triumvirat unvollständig. Nach außen schien alles beim alten zu sein, weder Michael noch Gregorius ließen sich irgendetwas anmerken. William hob kurz den Blick vom Boden und sah Gregorius an. Der Malkavianer, das war ihm sofort klar, stand kurz davor, endgültig die Kontrolle über sich zu verlieren. Und wenn sein Wahnsinn wirklich ausbrach... William schauderte.

Was hast du? fragte Madeleine.

Schau dir Gregorius an, antwortete er. Er steht einen halben Schritt vor dem Abgrund - falls er nicht schon darüber hinaus ist.

Die beiden Prinzen verschwanden im Audienzzimmer, und der Haushofmeister nahm davor Aufstellung. Bevor er allerdings seine Ankündigungen machen konnte, fühlten William, Madeleine und Gwenhwyvar, wie etwas nach ihnen rief. Der Ventrue erhob sich und wechselte einen Blick mit den beiden Frauen, dann gingen die drei auf die Tür zu. Der Ghoul öffnete sie wortlos und trat beiseite.

Der leere Thron störte. Das war Madeleines erster Eindruck, als sie das Audienzzimmer betrat. Etwas fehlte, und das war hier noch deutlicher zu spüren als draußen. Die Lasombra fühlte sich unwohl, als die Tür sich hinter ihr und ihren Begleitern schloß.

"Kommt näher", sagte Michael und winkte die drei heran. Gehorsam traten sie näher an die beiden Prinzen heran und knieten vor dem Podest nieder. Der Toreador betrachtete sie eine Weile schweigend. Nur ein sehr leises Kichern von Gregorius durchbrach die Stille. Schließlich bedeutete Michael ihnen, sich zu erheben. "Es scheint, als hättet Ihr Erfolg gehabt", sagte er. "Der Engel und der Dämon sind von dieser Welt vertrieben. Der Lasombra ist seiner sterblichen Hülle beraubt. Damit sollten diese... Unannehmlichkeiten beendet sein." Er sah die drei der Reihe nach an. "Wir gewähren Euch hiermit das Recht, in Konstantinopel Grundbesitz zu erwerben. Es wird Euch gestattet, in der Stadt zu wohnen und hier eine Zuflucht aufzubauen, unabhängig von der Villa, die Ihr im Moment bewohnt und die an Eure Nachfolger übergehen wird. Wählt weise - und nicht zu viel."

"Weise, und nicht zu viel", kicherte Gregorius. Michael beachtete ihn überhaupt nicht. Er steht wirklich kurz vor dem endgültigen Wahnsinn, dachte Madeleine, William hatte recht.

"Natürlich hatte er recht!" rief der Malkavianer fast empört und funkelte sie an. Madeleine zuckte zusammen und senkte den Blick, aber Gregorius schien nicht daran interessiert zu sein, das Thema weiter zu verfolgen.

"Habt Ihr mir noch etwas zu sagen?" wollte Michael wissen.

William trat einen halben Schritt vor. "Ich habe noch ein Anliegen, ja. Gemäß Eurem Gebot möchte ich Euch mein Kind vorstellen, Lady Elena. Sie wartet draußen."

Madeleine bemerkte sehr wohl, daß William, der ja sonst einen gewissen Wert auf Etikette legte, Elena nicht mit ihrem vollständigen Titel erwähnte - und nicht mit seinem Namen.

"Ich werde sie später hereinrufen lassen", erklärte Michael. "Wenn das alles ist, so habt Ihr unsere Erlaubnis, Euch zurückzuziehen."

Die drei verneigten sich noch einmal, machten die vorgeschriebenen drei Schritte rückwärts und verließen das Audienzzimmer. Draußen waren alle Augen auf sie gerichtet. Und nicht nur die Augen, wie sie feststellten. Einige der weiter hinten Stehenden waren unvorsichtig genug, andere Sinne einzusetzen, was zumindest den beiden Frauen nicht verborgen blieb.

Die drei wollten eigentlich durch die Wartenden hindurch zum hinteren Teil des Raumes, aber schon nach wenigen Schritten mußten sie feststellen, daß man offenbar nicht geneigt war, ihnen Platz zu machen. Ganz vorn in der Menge standen die Primogen der verschiedenen Clans wie eine Wand und sahen ihnen herausfordernd entgegen. Ihre Mienen reichten von unergründlich im Fall von Shabah, die wie immer tief verschleiert war, bis zu offen wütend bei Baron Feroux, dem Gangrel, der es offenbar nicht verwinden konnte, daß diese Neuankömmlinge schon wieder vor den Primogen zu den Prinzen gerufen worden waren.

William blieb stehen und musterte die Phalanx, die ihm den Weg versperrte. "Wünscht Ihr etwas von uns?" fragte er höflich.

Shabah trat vor. Ihre Augen unter dem schwarzen Schleier blitzten gefährlich, aber ihre Stimme war ruhig wie immer. "Ihr habt den Prinzen berichtet", stellte sie fest. "Das ist natürlich notwendig und richtig. Aber Ihr solltet nicht vergessen, daß Ihr nicht nur den Prinzen verpflichtet seid, sondern auch Eurem Clan. Das heißt, wir erwarten von Euch, daß Ihr auch Euren Primogen berichtet." Sie sah von einem zum anderen. "Wenn das nicht möglich ist, wendet Euch vertrauensvoll an mich." Damit trat sie zur Seite und ließ die drei vorbei. Hinter ihnen stieß der Haushofmeister seinen Stab auf den Boden.

"Die Prinzen empfangen jetzt die Primogen!"

Im Klartext, meinte Madeleine zu den beiden anderen, während die Primogen das Audienzzimmer betraten, Shabah erwartet von uns tatsächlich, daß wir ihr erzählen, was hier los war. Und zwar nur ihr. Magnus ist tot, Caius wohl ebenfalls, und für Lady Gwenhwyvar ist auch kein Primogen zuständig.

Ich werde mich hüten, antwortete die Caitiff, ihr ohne Michaels Einverständnis irgendetwas zu verraten.

Das wäre mit Sicherheit unklug, stimmte William zu und sah sich um. Ein Stück entfernt sah er Elena, umgeben von einem halben Dutzend Bewunderer. Sie schien sich bereits hervorragend eingewöhnt zu haben, sie plauderte, war charmant und zeigte sich von ihrer bezauberndsten Seite. Als William auf sie zukam, entschuldigte sie sich höflich bei ihren Gesprächspartnern und ging ihm entgegen.

"Die Prinzen werden dich später zu sich rufen", sagte er leise. "Denke an das, was ich dich gelehrt habe."

Ihre Augen leuchteten erfreut auf. "Ich habe die Traditionen gelernt und verstanden", erwiderte sie. "Ich bin gespannt auf Prinz Michael."

"Sei vorsichtig", warnte er. "Aber das muß ich dir vermutlich nicht sagen. Wie du dich zu benehmen hast, weißt du, und alles weitere hängt vom Prinzen ab." Er warf einen Blick zu den Kainiten, mit denen sie sich unterhalten hatte. "Wie ich sehe, knüpfst du bereits deine Kontakte. Davon will ich dich nicht abhalten." Er nickte ihr zu, sie machte einen kleinen Knicks und ging. William sah ihr unbewegt hinterher.

 

Madeleine zu finden war natürlich kein Problem. Er traf sie im hinteren Teil des Raums, wo sie scheinbar ziellos durch die Menge streifte. Gwenhwyvar war nirgends zu sehen. Ich versuche, herauszufinden, wer vorhin so neugierig war, als wir aus dem Audienzzimmer gekommen sind, erklärte sie ihm. Irgendjemand hat Fragen gestellt, und es kam aus dieser Richtung. Ich habe leider nicht herausbekommen, wer es war.

Die Tür zum Audienzzimmer wurde geöffnet, und die Primogen traten heraus. Der Haushofmeister stieß seinen Stab auf den Boden. "Die Prinzen erwarten Lady Elena von Tintagel!"

Elena schien einen Moment lang überrascht zu sein, offenbar hatte sie nicht damit gerechnet, schon so bald vorgeladen zu werden. Sie fing sich aber sofort wieder. Die Menge teilte sich vor ihr, als sie würdevoll wie eine Königin zum Durchgang schritt. Dann war sie im Zimmer verschwunden, und der Ghoul schloß die Tür hinter ihr.

William ertrug plötzlich das Gedränge nicht mehr. "Laß uns nach draußen gehen", sagte er mit erzwungener Ruhe.

Madeleine hängte sich bei ihm ein. "Die Gartenanlagen sollen sehr schön sein", meinte sie. "Ich hatte bisher noch keine Gelegenheit, sie mir anzusehen."

Draußen herrschte eine willkommene Stille. Niemand schien in der Nähe zu sein. Sie entfernten sich ein paar Schritte vom Eingang und schlenderten einen der sorgfältig angelegten Wege hinunter.

Sie scheint sich wirklich schon hervorragend zurechtzufinden, meinte William schließlich.

Das war zu erwarten, erwiderte Madeleine. Sie ist hier richtig in ihrem Element. Sie warf ihm einen Seitenblick zu. Du machst dir Sorgen, bemerkte sie.

Ich erkenne sie fast nicht wieder, so sehr hat sie sich verändert. Er sah zu Boden. Ich habe Angst vor ihr, gestand er.

Du tust auch gut daran, meinte sie. Im Moment schützt dich dein Blut vor ihr, aber wenn die Wirkung nachläßt, wird sie dich wieder hassen.

Er nickte. Das wird sie. Und sie ist völlig skrupellos geworden. Wenn sie tatsächlich entschlossen ist, mich zu vernichten, dann wird sie das auch schaffen.

Madeleine bemerkte mit Sorge, daß Williams Zorn allmählich einer tiefen Traurigkeit wich. Nicht zum ersten Mal verfluchte sie Elena dafür, daß sie ihm das angetan hatte. Glaubst du, sie wird das, was sie hier erreicht hat, für ihre Rache riskieren? fragte sie.

Er zuckte die Schultern. Vielleicht irre ich mich. Aber ich habe so eine Vorahnung, als würde sie mich irgendwann umbringen. Wenn sie mich wirklich angreift, könnte ich mich nicht gegen sie verteidigen. Ich könnte ihr niemals schaden.

Madeleine blieb stehen und sah ihm in die Augen. Das ist richtig, du könntest es nicht, stellte sie fest. Du erinnerst dich immer noch an sie, wie sie vorher war. Deswegen kannst du dich nicht vor ihr schützen. Aber ich kann es, und ich werde es auch. Und wenn ich sie dafür töten muß.

Für einen Moment huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Dann kann ich nur hoffen, daß du da bist, wenn etwas passiert.

Sie drückte seine Hand. Ich werde da sein. Das weißt du.

Er seufzte. Ich glaube, ich wäre gerne eine Weile allein, meinte er. Ich muß über einige Dinge nachdenken.

Madeleine sah ihn prüfend an, dann nickte sie. Wir müssen noch ungefähr eine Stunde hierbleiben. Ich denke, du hast auch nichts dagegen, wenn wir uns auf den Heimweg machen, sobald es uns gestattet ist.

Das hatte ich vor, ja. Ich werde rechtzeitig wieder drinnen sein.

 

Zwei Stunden nach Mitternacht trafen sich die Geschwister wieder im Hof. Elena erschien an Williams Arm und strahlte. Offenbar hatte Michael sie akzeptiert. Sie war erstaunlich lange bei den Prinzen gewesen, und Madeleine fragte sich, was da wohl alles besprochen worden war.

Gwenhwyvar kam auf sie zu. Ich habe mich etwas umgehört und mir meine Gedanken über unser Problem mit Morpheus gemacht, erklärte sie. Es könnte uns weiterhelfen, wenn wir mehr über diesen Pakt wüßten, den er offensichtlich mit den dunklen Mächten eingegangen ist. Ihr meintet neulich, Ihr wüßtet nicht, wer ihn entführt hat, als er damals verschwunden ist. Vielleicht wäre es an der Zeit, das herauszufinden.

William nickte. Das sollten wir. Die Spur, der wir damals folgten, endete in der Kanalisation, in der Zuflucht eines Nosferatu. Vielleicht können wir sie dort wieder aufnehmen.

Kanalisation. Die Caitiff seufzte und sah an ihrem blütenweißen Kleid herunter. Ich sollte mich vorher umziehen. Treffen wir uns in einer halben Stunde?

William beschrieb ihr den Weg zu dem Platz im Latinerviertel, wo sie damals (war es wirklich erst drei Wochen her?) Toranagas Überreste gefunden hatten. Dort in der Nähe sind wir dann nach unten gestiegen. Wartet am Brunnen auf uns. Dann verabschiedete er sich höflich, half Elena in die wartende Kutsche und stieg auf sein Pferd.

 

Während des Rittes zurück zur Villa war Madeleine sehr nachdenklich. William schien sich offenbar wieder gefangen zu haben, aber trotzdem ging ihr das Gespräch von vorhin nicht aus dem Kopf. Blutpakt oder nicht, sie hielt es durchaus für möglich, daß Elena etwas gegen ihren Mann plante. Und wenn dem so war, dann wollte Madeleine das wissen.

Zurück in der Villa wartete die Lasombra ein paar Minuten ab, bis die Kutsche leer und unbeobachtet war, dann öffnete sie die Tür und legte die Hand auf den Platz, an dem Elena gesessen hatte. Sie schloß die Augen und konzentrierte sich auf die Ventrue und ihre Pläne, und allmählich begannen sich Bilder zu formen. Sie sah Elena, wie sie vor den Prinzen stand und mit ihnen sprach, konnte aber kein Wort verstehen. Außerdem spürte sie die Wirkung, die Williams vitae hatte, und erstaunlicherweise hatte sie den Eindruck, daß es gerade sein Blut war, das verhinderte, daß sie näheres erfahren konnte. Möglicherweise hatten allerdings auch die Prinzen Vorsorge getroffen, und in diesem Fall würde es äußerst riskant sein, zu intensiv nach Antworten zu suchen. Madeleine überlegte nur einen kurzen Augenblick. Es ging um Williams Sicherheit. Sie schloß alles um sich herum aus und versenkte sich noch tiefer in das, was sie vor ihrem inneren Auge sah. Gleich darauf wußte sie, daß sie zuviel gewagt hatte. Vor ihr erschien Gregorius' Gesicht, und er schien sie direkt anzusehen. In seinen Augen spiegelte sich der blanke Wahnsinn, und so sehr Madeleine es auch wollte, sie konnte seinem Blick nicht ausweichen. Im nächsten Moment überkam sie ein Gefühl von Macht und Stärke, wie sie es noch nie gekannt hatte. Sie fühlte sich unbesiegbar und hatte plötzlich das Bedürfnis, diese Kraft auch einzusetzen. Sie riß die Augen auf, und ehe sie sich zurückhalten konnte, durchschlug ihre Faust die Kutschentür.

William, der im Stall Goliath versorgt hatte, spürte die schlagartige Veränderung, die mit Madeleine passierte. Besorgt eilte er hinaus auf den Hof und sah mit Erstaunen, wie sie mit der bloßen Hand ein Loch in die Tür der Kutsche schlug.

"Madeleine? Ist alles in Ordnung mit dir?"

"Ich fühle mich hervorragend", versicherte sie, und er spürte, daß das stimmte. Gleichzeitig hatte sie ein seltsames Glitzern in den Augen, das ihm überhaupt nicht gefiel, und ihre Gefühle wurden von einem Hochmut und einer Arroganz beherrscht, die er in dieser Form nicht bei ihr kannte.

Zweifelnd musterte er sie. "Bist du sicher?" Er deutete auf das Loch in der Tür. "Das hier paßt nicht zu dir."

"Stimmt, ich habe mir einen Splitter gezogen", stellte sie mißmutig fest und betrachtete ihre Hand. "Aber abgesehen davon ist alles in Ordnung." Ihr Blick wurde plötzlich etwas kühler. "Du scheinst ein Problem damit zu haben, daß es mir ausnahmsweise einmal gutgeht?"

"Nein, natürlich nicht", antwortete er und bot ihr den Arm an. "Wir sollten hineingehen und uns umziehen, sonst kommen wir zu spät zu unserer Verabredung."

Williams Hoffnung, daß ihnen drinnen niemand über den Weg lief, der Madeleines seltsame Stimmung bemerken würde, erfüllte sich nicht. Sie steuerten gerade auf die Treppe zum Obergeschoß zu, als Hassan aus dem Atrium kam, wie immer dicht gefolgt von Dan und Johanna. Er nickte den Geschwistern höflich zu und wollte mit seinen Begleitern im Blauen Salon verschwinden, als die Lasombra ihn mit scharfer Stimme anhielt.

"Okajid Hassan."

Er blieb stehen und drehte sich um. "Madame?"

"Eure Manieren waren schon besser", beschied sie ihm eisig.

Für einen kurzen Moment spiegelte sich Erstaunen auf seinem Gesicht, dann ging er auf ein Knie. "Verzeiht, ich wollte nicht unhöflich sein." Die beiden anderen überschlugen sich fast, um seinem Beispiel zu folgen, während William Mühe hatte, seine Fassungslosigkeit zu verbergen.

Was soll das denn?

Madeleine gab den dreien mit einer Geste zu verstehen, daß sie sich erheben und entfernen durften, was sie auch eiligst taten. Wir sind hier im Haus Prinzen, erinnerte sie ihn. Gewisse Dinge stehen uns zu.

Darauf haben wir doch noch nie gesteigerten Wert gelegt, meinte er.

Dann wird es allmählich Zeit. Die Etikette sollte gewahrt werden.

William konnte immer noch nicht so recht glauben, was er da hörte. Besonders, weil sein Blut ihm verriet, daß Madeleine keineswegs scherzte. Sie war wirklich von dem überzeugt, was sie gerade gesagt hatte. Und als nächstes fährst du mich dann so an? fragte er.

Sie schien tatsächlich einen Moment nachzudenken. Nein, das würde ich nicht tun. Hier im Haus sind wir Gleichgestellte.

Hier im Haus, wiederholte er bitter. Auf der Straße kann ich mich dann also darauf gefaßt machen.

Sie lächelte ihn strahlend an. Du doch nicht, mein Lieber. Das weißt du doch. Sie hauchte ihm einen Kuß auf die Wange und verschwand in ihrem Zimmer, einen ratlosen William zurücklassend.

 

Sie schafften es, fast pünktlich am Treffpunkt zu sein. Gwenhwyvar wartete bereits auf sie. Die Caitiff hatte ihr weißes Kleid gegen ein unauffälliges braunes vertauscht und trug ihr Schwert auf dem Rücken.

"Hier war es", sagte William. "Hier ist Morpheus damals verschwunden. Wir haben Spuren eines Kampfes gefunden, und wir wissen, daß er weggetragen wurde, aber nicht, von wem."

"Vielleicht sollte ich uns sicherheitshalber wieder tarnen", schlug Gwenhwyvar vor, und tat es. "Erzählt mir noch einmal von dem Kampf", sagte sie anschließend. "Was genau habt Ihr bisher herausgefunden?"

Während William das wenige rekapitulierte, was sie wußten, betrachtete Madeleine nachdenklich das Straßenpflaster. Als sie das erste mal hiergewesen ware, direkt nach Morpheus' Verschwinden, hatte sie noch nicht die Fähigkeit gehabt, aus Gegenständen Informationen über Vergangenes zu ziehen. Erst seit kurzem waren ihre Sinne so geschärft, daß sie derartige Dinge erkennen konnte. Und für eine Kainitin mit ihrer Macht sollte es ja auch kein Problem darstellen, wenn die Ereignisse, nach denen sie fragte, bereits drei Wochen zurücklagen. Wäre die Lasombra völlig sie selbst gewesen, hätte sie vermutlich erkannt, daß ein derartiges Unterfangen zumindest sehr schwierig war. Und sie hätte wahrscheinlich William gebeten, ihr das Schutzamulett zu überlassen, das Bruder Matthias ihnen ausgehändigt hatte. Im Moment allerdings war sie von ihren Fähigkeiten so überzeugt, daß ihr nicht einmal der Gedanke kam. Sie ging an der Stelle, an der sie damals die Kampfspuren gefunden hatten, in die Hocke, und legte eine Hand flach auf die Pflastersteine. Sie wollte wissen, was in jener Nacht hier passiert war, und sie zweifelte keinen Augenblick daran, daß sie es auch herausfinden würde.

Die ersten Eindrücke, die sie bekam, waren undeutlich. Sie sah verschwommen ein paar schwarze Gestalten, die Morpheus zwischen sich trugen und ihn wegschleppten. Genaueres konnte sie nicht sehen, sie konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, wieviele es gewesen waren. Leicht verärgert verdoppelte sie ihre Anstrengungen - und schrie gellend auf, als ein unerträglicher Schmerz wie eine glühende Klinge durch ihren Geist fuhr. Und dann wurde es schwarz um sie.

William zuckte zusammen und taumelte kurz, dann hatte er sich wieder im Griff. Er hatte den Schmerz gespürt, der seine Schwester überwältigt hatte, aber zum Glück offenbar nicht so stark wie sie. Gwenhwyvar beugte sich hinab und hob die Lasombra auf. Als sie sah, daß William sich wieder gefangen hatte, reichte sie ihm die Bewußtlose weiter. "Was ist passiert?" fragte sie.

"Keine Ahnung", mußte er zugeben. "Sie hat sich hier irgendetwas angesehen, und plötzlich waren da Schmerzen, und sie ist umgekippt." William musterte Madeleine besorgt und strich ihr sanft übers Gesicht. Sie lag in seinem Arm wie eine Puppe und rührte sich nicht. Vorsichtig tastete er nach ihrem Geist und zuckte zurück, als er den Schmerz spürte, der in ihr tobte. Sie so leiden zu sehen, das war zuviel für William und seinen Beschützerinstinkt. Er holte tief Luft und biß die Zähne zusammen, dann nutzte er die enge Verbindung, die ihre vitae zwischen ihnen schuf: er griff nach ihren Schmerzen und zog sie auf sich selbst. Gleich darauf mußte er erkennen, daß er zumindest in dieser Hinsicht auch nicht stärker war als Madeleine: das, was da auf ihn einstürzte, löschte sein Bewußtsein aus, und er brach ohne einen Laut zusammen.

Gwenhwyvar versuchte, ihn aufzufangen, als sie bemerkte, daß Madeleine offenbar wieder bei sich war. Die Lasombra stand aufrecht und sah sich verwirrt um. "Was ist passiert?" fragte sie. Dann fiel ihr Blick auf William. "Um Himmels Willen... was ist mit ihm?"

"Ich habe nicht die leiseste Ahnung", erklärte die Caitiff. "Zuerst seid Ihr einfach umgekippt. Dann hat er Euch so merkwürdig angesehen, und jetzt scheint es Euch wieder gutzugehen, aber er ist zusammengebrochen."

Madeleine schüttelte den Kopf, um ihre Gedanken wieder zu klären. "Ich fürchte, wir müssen unseren Ausflug verschieben", sagte sie. "Bevor ich mir näher ansehe, was mit ihm los ist, will ich ihn in Sicherheit haben. Ich schaffe ihn zum Haus zurück."

Gwenhwyvar nickte. "Das dürfte das beste sein. Ich werde mich in der Zwischenzeit schon einmal unten umsehen, wenn Ihr mir erklärt, wo ich den Zugang finde."

"Es ist nicht weit", erwiderte Madeleine und beschrieb den Weg. Dann hob sie mit einiger Anstrengung den bewußtlosen Ventrue auf und machte sich auf den Heimweg. Gwenhwyvar sah ihr kopfschüttelnd hinterher, dann zuckte sie die Schultern und ging in die andere Richtung davon.

 

Williams Schlafzimmerfenster barst mit einem lauten Klirren. Madeleine schwang sich hindurch und legte ihren Bruder vorsichtig auf seinem Bett ab. Sie hatte es vorgezogen, nicht das ganze Haus wissen zu lassen, in welchem Zustand er sich befand, und war deswegen über das Dach und durch das Fenster hereingekommen. Auch wenn das bedauerlicherweise bedeutete, daß Mog wieder einen Handwerker organisieren mußte, der das Glas ersetzte.

Die Lasombra streifte ihr Kettenhemd ab und schälte auch William aus seiner Rüstung. Dann setzte sie sich neben ihn aufs Bett und streichelte sanft seine Wange. "Was mache ich nur mit dir..." murmelte sie. Ihre Hochstimmung von vorhin war verflogen. Sehr vorsichtig tastete sie nach seinem Geist und versuchte, ihn zu wecken. Und plötzlich waren die Schmerzen wieder da. Diesmal war sie allerdings darauf vorbereitet und blieb bei Bewußtsein, obwohl ihr Kopf in Flammen zu stehen schien. Außerdem machte sich in ihrer rechten Hand, mit der sie vorhin das Straßenpflaster berührt hatte, allmählich ein unangenehm taubes Gefühl bemerkbar.

William begann sich zu rühren. Gleich darauf schlug er die Augen auf, setzte sich auf und sah sich um. "Wir sind zu Hause?"

Madeleine nickte. "Ich hielt es für sicherer. Wie geht es dir?"

"Gut", sagte er. "Aber dir anscheinend nicht mehr. Was war da vorhin eigentlich los?"

"Ich dachte, ich könnte etwas über Morpheus' Entführer herausbekommen. Leider habe ich dabei meine Kraft überschätzt, und irgendetwas hat mir einen ziemlich heftigen Schlag versetzt." Sie sah leicht verlegen zu Boden. "Immerhin hat das dazu geführt, daß ich wieder ich selbst bin. Dieser Anfall von Größenwahn vorhin... das war ich nicht wirklich."

"So etwas dachte ich mir schon", meinte er. "Du hast dich reichlich ungewöhnlich benommen."

"Aber wieso bist du plötzlich zusammengebrochen?" wollte sie wissen.

"Naja..." antwortete er zögernd. "Ich wollte dir helfen. Und die einzige Möglichkeit, die mir eingefallen ist, um dich wieder zu Bewußtsein zu bringen, war, mir deinen Schmerz zu nehmen."

Madeleine seufzte. "Ach, William... und du bist nicht einmal auf die Idee gekommen, erst einmal einen etwas sichereren Ort aufzusuchen als einen Platz mitten im Latinerviertel?"

Er lächelte schief und hob nur die Schultern.

Madeleine schüttelte den Kopf und verzog das Gesicht, als die Bewegung eine neue glühende Welle durch sie hindurchschickte. Ihre Hand spürte sie inzwischen gar nicht mehr, und allmählich wurde ihr übel. "Ich fürchte, es geht mir wirklich nicht gut..." murmelte sie und ließ sich aufs Bett sinken. Mit einem leisen Seufzen schloß sie die Augen und war einen Moment später eingeschlafen. William betrachtete sie eine Weile, dann entschied er, daß es wahrscheinlich am besten für sie war, sie einfach schlafen zu lassen. Er warf einen Blick auf das Fenster, dann rief er nach Mog.

"Bestell für morgen jemanden, der das repariert", trug er dem Ghoul auf, dann hob er Madeleine hoch und trug sie in ihr eigenes Zimmer. Und da William schließlich auch irgendwo schlafen mußte und ihr Bett wirklich groß genug für zwei war, blieb er gleich da.

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