Kapitel 16
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William war für einen kurzen Moment desorientiert, als er beim Aufwachen feststellte, daß er sich nicht in seinem eigenen Bett befand. Dann setzte die Erinnerung wieder ein. Erleichtert stellte er fest, daß Madeleine offenbar zur üblichen Zeit wachgeworden war.

"Wie geht es dir?" fragte sie leise.

"Ich bin völlig in Ordnung", versicherte er. "Die Frage ist eher, wie es dir geht. Du bist ziemlich schnell eingeschlafen heute morgen."

"Besser", meinte sie. "Nur meine Hand macht mir Sorgen. Als ich vorhin aufgewacht bin, war sie wieder völlig taub, so als könnte mein Blut sie nicht erreichen. Ich mußte mich ziemlich anstrengen, bis ich sie überhaupt wieder gespürt habe."

Besorgt betrachtete er ihre Hand, aber was immer damit nicht stimmte, ihre vitae hatte es für den Moment offenbar unterdrückt.

"Wir sollten uns noch einmal im Leuchtturm umsehen", fuhr sie fort. "Wir brauchen Informationen über Morpheus und den Dämon, und die können wir dort am ehesten bekommen. Vielleicht haben wir sogar Glück und Saragossas Überreste sind noch da." William hob fragend eine Augenbraue. "Er hat Morpheus gehaßt", erklärte sie. "Wenn wir noch einmal mit seinem Geist reden können und ihm klarmachen, daß wir Morpheus schaden wollen, hilft er uns vielleicht von sich aus. Außerdem möchte ich noch einmal zur Kathedrale, vielleicht hat Bruder Matthias etwas herausgefunden."

William seufzte. "Und anschließend sollten wir Gwenhwyvar im Elysium besuchen. Das wird eine ziemlich hektische Nacht werden, fürchte ich."

Sie küßte ihn. "Es werden auch wieder ruhigere kommen", versprach sie in einem völlig uncharakteristischen Anfall von Optimismus, und schlüpfte aus dem Bett.

 

Am Turm schien alles wieder völlig normal zu sein. Die beiden hatten sich vorsichtig genähert, aber nichts deutete darauf hin, daß noch irgendwelche Gefahren drohten. Zwar trieben sich in der Nähe einige auffällig unauffällige Gestalten herum, die offenbar Wache hielten, aber sie zogen sich zurück, als sie die beiden erkannten und machten keine Anstalten, sie aufzuhalten. Madeleine und William wechselten einen Blick, dann zuckte er die Schultern und ging geradewegs auf die Eingangstür zu. Sie war unverschlossen, und ohne Schwierigkeiten betraten sie den Turm.

Innen war, wie nicht anders zu erwarten gewesen war, alles ausgeräumt. Das Labor, in dem sich der Tremere aufgehalten hatte, war nicht mehr als solches zu erkennen; nur ein leerer Raum war zurückgeblieben. Die Gargoylen, die an verschiedenen Punkten die Gänge bewacht hatten, waren allesamt zu Stein erstarrt.

"Hier werden wir nichts mehr finden", stellte Madeleine fest. "Laß uns in den Keller gehen und nachsehen, ob wenigstens Saragossas Überreste noch da sind."

"Ich würde gern zuerst nach oben gehen", widersprach William. "Vielleicht läßt sich in der Kammer noch etwas herausfinden."

Der Raum, in dem sie die dunkle Dreiheit gefunden hatten, wirkte ähnlich verwaist und kahl wie der Rest des Turms. Morpheus' Sarg stand noch da, ansonsten war nichts mehr zu finden. William strich langsam mit der Hand über die Innenseite des Sargs, dann schüttelte er den Kopf.

"Ich kann nichts erkennen", gab er zu. "Schatten verdecken alles, ich komme nicht durch."

"Laß mich mal sehen", meinte sie und berührte den Sargboden. Im nächsten Moment schrie sie auf und zuckte zurück. Ihre Hand stand in hellen Flammen. Instinktiv rief sie die Schatten herbei, um das Feuer zu löschen. Es wurde auch dunkel, aber die Flammen widerstanden und flackerten weiter.

"Was ist denn los?" hörte sie Williams Stimme dumpf durch die Finsternis.

"Meine Hand brennt, und du fragst mich, was los ist?"

"Ich habe nichts brennen sehen. Und ich spüre auch nichts."

Langsam konnte die Lasombra wieder klar denken. Mühsam unterdrückte sie die Panik und schickte die Dunkelheit weg. In der Tat - ihre Hand war völlig unverletzt, von Feuer keine Spur. Madeleine wollte die Finger bewegen und stellte fest, daß sie es nicht konnte. William sah sie besorgt an.

"Alles in Ordnung? Was war das eben?"

"Unser Freund scheint immer noch etwas gegen neugierige Fragen zu haben. Vielleicht war es auch nicht besonders klug, gerade die Hand zu benutzen, die sowieso schon durch ihn angeschlagen ist. Und jetzt ist sie wieder völlig taub, so als wäre es nicht meine."

Ihre vitae schien überhaupt nicht bis in die Hand vorzudringen, und es kostete Madeleine einige Anstrengung, sie bewußt dorthin zu lenken. Kurz darauf spürte sie, wie mit einem unangenehmen Kribbeln bis in die Fingerspitzen die Kraft zurückkehrte.

"Ich fürchte, hier erfahren wir nichts mehr", sagte sie schließlich. "Laß uns sehen, ob Saragossas Überreste noch da sind."

 

Sie waren natürlich nicht mehr da. Als die beiden den Keller erreichten, sahen sie sofort das Loch, das in die Mauer gebrochen war, und dahinter die leere Nische, in der die Urne des Spaniers gestanden hatte.

"Fehlanzeige", seufzte William. "Dann werden wir uns wohl auf Lady Gwenhwyvar und ihre Fähigkeiten verlassen müssen."

Madeleine nickte. "Hier erreichen wir nichts mehr. Vielleicht haben wir bei Bruder Matthias mehr Glück."

Auf den Straßen herrschte praktisch wieder normaler Alltag. Zwar waren noch immer die meisten Gefäße mit dem Gift des Dämons verseucht, aber der Effekt schien am Abklingen zu sein. In der unmittelbaren Nähe des Turms war nur wenig Besserung zu erkennen, aber je weiter die beiden sich von der Hafengegend entfernten, desto öfter sahen sie auch unverseuchte Sterbliche. Sie hatten sich der Kathedrale bis auf ein paar Ecken genähert, als Madeleine die Hand hob und William anhielt.

"Siehst du das?" fragte sie leise.

"Da vorne scheint einiges los zu sein", antwortete er und kniff die Augen zusammen. In der Tat war die Kathedrale von etlichen auf die Entfernung nur undeutlich zu erkennenden Gestalten umstellt, allerdings unauffällig. Sie standen in den Schatten der Seitengassen und auf den Dächern, und ihre Haltung verriet sie als geübte Kämpfer.

"Werwölfe", flüsterte Madeleine. "Und was für welche. Anjas Krieger sind dagegen Waisenknaben. An denen ungesehen vorbeizukommen wird nicht einfach."

Als wäre es ein Stichwort gewesen, trat neben ihnen plötzlich ein gebeugtes altes Weiblein aus einem Hauseingang.

"Gefährliche Nacht heute", krächzte es anstelle einer Begrüßung.

"Guten Abend, Anja", sagte William ruhig.

Sie nickte ihm zu. "Ihr solltet euch heute von der Kathedrale fernhalten", erklärte die Garou. "Denen da vorne seid ihr nicht gewachsen, und wenn ihr näherkommt, werden sie euch bemerken."

"Das hatte ich befürchtet", murmelte Madeleine. "Würdet Ihr dann wenigstens Bruder Matthias wissen lassen, daß wir hier waren und mit ihm reden wollten?"

Anja hob die Schultern. "Kann ich machen. Ich weiß nur nicht, ob er dafür Zeit hat." Sie warf einen vielsagenden Blick in Richtung Kirche. "Er ist ziemlich beschäftigt im Moment." Sie nickte ihnen noch einmal zu, dann war sie ohne ein weiteres Wort verschwunden.

William sah zur Kirche hinüber. "Eine weitere Spur verläuft vorerst im Sand", stellte er mißmutig fest. "Hoffentlich hat wenigstens Gwenhwyvar etwas herausgefunden."

 

Die Caitiff hatte ihnen den Weg zum Elysium gut beschrieben und sie fanden es ohne Schwierigkeiten. Die beiden standen vor einer weitläufig angelegten Villa, im Stil nicht unähnlich ihrem eigenen Haus. Am Eingang stand ein Ghoul als Wache, ansonsten war niemand zu sehen.

"Guten Abend, die Herrschaften", begrüßte er sie, als sie näherkamen. "Willkommen im Elysium. Hier herrscht Friedenspflicht. Es wird nicht von Euch verlangt, die Waffen abzugeben, aber Ihr solltet sie nicht ziehen, so lange Ihr Euch innerhalb dieser Mauern befindet."

William nickte ihm höflich zu. "Das ist uns bekannt. Wir werden uns daran halten. Sagt, finden wir Lady Gwenhwyvar von Orkney in Eurem Haus?"

Der Ghoul trat beiseite und ließ sie ein. "Tretet ein. Ich werde sehen, ob Mylady zu sprechen ist. Wen soll ich melden?"

"Sir William von Tintagel und Lady Madeleine de Neuville", antwortete der Ventrue.

Der Ghoul führte sie in ein elegant eingerichtetes Zimmer. "Wenn Ihr hier bitte warten wolltet... ich werde jemanden zu Mylady schicken." Damit verschwand er wieder.

William sah sich um und nickte anerkennend. "Arm scheint der Hausherr nicht gerade zu sein", stellte er fest.

"Geschmack hat er auch", stimmte Madeleine zu und musterte die Einrichtung. Ich hoffe, wir haben wenigstens hier Glück.

Wir werden sehen, meinte er.

Sie hatten noch nicht sehr lange gewartet, als die Tür aufging und der Ghoul wieder erschien. "Lady Gwenhwyvar von Orkney", verkündete er, machte einen Schritt zur Seite und hielt der Caitiff die Tür auf.

"Guten Abend", sagte Gwenhwyvar. "Gibt es Neuigkeiten?" Der Ghoul zog sich wieder zurück und schloß leise die Tür hinter sich.

"Sind wir hier ungestört?" fragte Madeleine.

"Ich denke schon. Außer dem Hausherrn kann uns hier wahrscheinlich niemand belauschen." Aber sicherheitshalber sollten wir vielleicht unsere anderen Möglichkeiten nutzen, fügte sie hinzu.

William nickte. Wir haben versucht, uns Informationen zu beschaffen, erklärte er. Leider sind wir damit nicht besonders weit gekommen. Der Turm ist ausgeräumt, Saragossas Urne ist verschwunden, und ein weiterer Kontakt, von dem wir uns Hilfe erhofft hatten, ist im Moment auch nicht zu erreichen. Ich fürchte, wir treten ziemlich auf der Stelle.

Wir dachten, daß wir von Saragossa Näheres über diesen Pakt erfahren könnten, fuhr Madeleine fort. Er hat Morpheus gehaßt, vielleicht verrät er uns aus Rache, wofür wir dem Nosferatu einen hohen Preis zahlen müßten.

Gwenhwyvar nickte nachdenklich. Möglich. Wenn wir seine Überreste hätten, wäre es natürlich einfacher, mit ihm in Kontakt zu treten, aber ich denke, wir wissen, wo wir ihn finden.

Die Geisterwelt, dachte William. Madeleine schauderte.

Wir wissen, wie wir hinkommen, meinte die Caitiff. Ich könnte ihn vermutlich auch von hier aus erreichen, weil ich seinen Namen kenne. Aber dort wäre es leichter, und wir können vielleicht mehr erfahren.

"Dann sollten wir uns auf den Weg machen", sagte William.

Gwenhwyvar sah fragend zu Madeleine hinüber, die wie unbewußt ihre rechte Hand massierte und etwas abwesend aussah. "Stimmt etwas nicht?"

Meine Hand hat offenbar gestern Abend bei unseren mißglückten Nachforschungen etwas gelitten, antwortete die Lasombra. Der Dämon hat sich gegen meine Fragen gewehrt und irgendetwas darin zurückgelassen.

Dann solltet Ihr Euch vielleicht überlegen, Euch von der Hand zu trennen, meinte Gwenhwyvar ungerührt. Wenn Ihr wollt, bin ich Euch gerne behilflich.

Das kann ich mir denken, gab Madeleine kühl zurück. Ich glaube nicht, daß ich Eure Hilfe benötigen werde. Und in jedem Fall haben wir jetzt dringenderes zu tun und sollten gehen.

"Ich ziehe mich um, dann können wir losgehen", stimmte Gwenhwyvar zu. "Es dauert nur einen Moment." an der Tür hielt sie noch einmal kurz an und wandte sich um. Es gibt übrigens vielleicht eine Möglichkeit, uns zumindest für den Moment vor dem Fluch zu schützen. Wenn wir unser Äußeres so verändern, daß unser Schatten anders aussieht als gewöhnlich, dann haben Morpheus' Helfer wahrscheinlich ziemliche Schwierigkeiten, uns zu finden. Ich werde mich jedenfalls entsprechend tarnen, ehe ich aus dem Haus gehe.

 

"Irgendwie sieht das hier verlassen aus", fand Madeleine, als sie vor dem eisernen Zaun standen, hinter dem sich der Übergang zur Geisterwelt befand.

"Das war es letztes Mal auch schon", meinte William achselzuckend.

"Ich kann mir nicht helfen, es fühlt sich anders an", beharrte die Lasombra. "Aber du hast schon recht, es hilft nichts. Rüber müssen wir trotzdem."

Ein Sprung beförderte die drei auf die andere Seite. Da sie wußten, daß sich hinter dem Tor eine Grube befand, war die Landung auch etwas eleganter als beim letzten Mal. Womit sie allerdings nicht gerechnet hatten, war der helle Sonnenschein, der sie empfing. Die beiden Frauen spürten sofort, daß das Licht ihnen nicht schadete, aber William fuhr zusammen und wurde fast von Panik überwältigt, ehe er sich wieder unter Kontrolle bekam.

Keine Angst, hörte er Madeleine in seinen Gedanken. Es ist wie damals bei Toranaga, es tut uns nichts. Kein Grund, sich so zu erschrecken. Sie spürte seine Angst und versuchte, ihn zu beruhigen. Irgendwie war ihm das peinlich.

Es geht schon wieder, antwortete er etwas schärfer als beabsichtigt. Du mußt dich deswegen nicht über mich lustig machen.

Das tue ich auch nicht, gab sie zurück. Wenn es echt gewesen wäre, hättest du schnell genug reagiert, ehe du zu Schaden gekommen wärst. Ich vermutlich nicht. Er spürte eine sanfte Berührung in seinem Geist, dann schwieg sie wieder.

Tut mir leid, dachte er und lächelte sie entschuldigend an. Das alles macht mich nervös.

Zu Recht, stimmte sie zu. Wir sollten uns umsehen, schnellstens erledigen, weswegen wir gekommen sind, und wieder verschwinden.

Gwenhwyvar war bereits ein paar Schritte vorausgegangen und drehte sich um. "Worauf wartet Ihr?" Die beiden beeilten sich, zu ihr aufzuschließen. "Tagsüber scheint hier nichts los zu sein", stellte die Caitiff fest. "Es ist kein einziger Geist zu sehen."

Madeleine ließ ihren Blick über das endlose Gräberfeld schweifen. "Wie sollen wir ihn hier bloß finden?" murmelte sie.

William war inzwischen zur Kirche hinübergegangen und probierte vorsichtig die Tür aus. Sie öffnete sich einen Spalt weit, dann klemmte sie. Der Ventrue musterte sie kritisch und stellte fest, daß sie vermutlich unter seinen Händen zerfallen würde, falls er seine ganze Kraft einsetzte, um sie zu öffnen. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, und er drehte sich zu den beiden Frauen um. "Wir sollten vielleicht die Tagesstunden nutzen, um nach einem Rückweg zu suchen", schlug er vor. "Wenn ich mich recht erinnere, war der Weg durch das Mausoleum hinter uns teilweise eingestürzt. Falls wir diesmal wieder so schnell verschwinden müssen, wäre es angenehm, zu wissen, wie wir wieder wegkommen."

Seine Befürchtungen bewahrheiteten sich in der Tat. Die Trümmer der Tür, die einmal den Eingang zum Mausoleum verschlossen hatte, lagen noch so, wie sie gefallen waren. Der Gang dahinter endete nach ein paar Metern an einem Geröllhaufen.

"Vielleicht können wir uns durchgraben", meinte William hoffnungsvoll, aber Madeleine schüttelte den Kopf.

"Dann rutscht nur noch mehr nach", sagte sie und musterte die Trümmer. "Wir müßten das Ganze richtig abstützen, sonst kommen wir nicht weit."

"Zuviel Aufwand", stellte Gwenhwyvar fest, und die anderen mußten ihr rechtgeben.

"Könnt Ihr einen anderen Ausgang finden?" fragte William.

Die Caitiff hob die Schultern. "Falls es einen gibt, vielleicht. Laßt uns nachsehen."

Sie streiften eine Stunde lang über den Friedhof. Die Sonne stand kurz über dem Zenit, als Gwenhwyvar schließlich meinte: "Ich glaube, da drüben ist etwas. Das könnte ein Ausgang sein." Sie zeigte zu einem niedrigen Eisenzaun mit einer Tür darin. Weder William noch Madeleine konnten an der Tür irgendetwas auffälliges erkennen. Sie sahen sich an und zuckten die Schultern. Gwenhwyvar strich mit der Hand über die Tür. "Es ist ein Ausgang", sagte sie schließlich. "Er führt nach Konstantinopel, soviel kann ich sagen. Es ist nur nicht ganz sicher, wo wir dort herauskommen werden - und wann."

"Läuft die Zeit hier anders ab als bei uns?" fragte Madeleine, und erinnerte sich mit Schrecken an Geschichten, die sie früher als Sterbliche schon gehört hatte. Geschichten von Leuten, die in das Feenreich geraten und für ihre Begriffe nur ein paar Stunden dort gewesen waren, und die bei ihrer Rückkehr feststellen mußten, daß in der Welt der Menschen hundert Jahre vergangen waren.

"Vielleicht. Möglicherweise kann man den Zeitpunkt der Rückkehr auch beeinflussen, wenn man das Tor durchschreitet. Ob und wie das geht, bin ich aber nicht ganz sicher."

"Keine riskanten Experimente", erklärte William bestimmt. "Wenn überhaupt, sollten wir versuchen, ziemlich genau zu dem Zeitpunkt zurückzukommen, an dem wir aufgebrochen sind."

Sieh an, sogar seine sprichwörtliche Neugier hat Grenzen, dachte Madeleine, behielt den Gedanken aber für sich. Schließlich hatte er völlig recht.

"Wenn wir später zurückgehen, sollten wir uns darauf konzentrieren, vielleicht hilft das," sagte Gwenhwyvar. "Wenn wir Pech haben, kommen wir um Mittag auf dem Marktplatz heraus, aber das Risiko werden wir wohl eingehen müssen."

"Dann sollten wir uns jetzt auf die Suche nach Graf Saragossa machen", schlug Madeleine vor. "Wer weiß, wieviel Zeit wir haben, wenn bei Sonnenuntergang wieder dieser riesige Wächter hier unterwegs ist."

 

"Hier drüben", rief Gwenhwyvar. "Ich habe ihn gefunden." Sie stand vor einem niedrigen Mauerstück, in das eine Nische eingelassen war. Darin stand eine offensichtlich noch recht neue Urne. Sie war auf Hochglanz poliert, und das Sonnenlicht spiegelte sich darin. Über der Nische waren fremdartige Schriftzeichen angebracht.

William starrte auf die Zeichen. "Könnt Ihr das lesen?" Gwenhwyvar schüttelte den Kopf. "Woher wißt Ihr dann, daß das sein Grab ist?"

"Ich weiß es einfach", erklärte sie kurz. "Ich kann es zwar nicht lesen, aber ich weiß, daß hier sein Name steht."

"Ihr kennt Euch hier besser aus als wir", meinte William achselzuckend. "Könnt Ihr ihn rufen?"

"Nicht jetzt, solange die Sonne hoch steht. Wenn es dunkel wird. Aber ich werde schon die nötigen Vorbereitungen treffen." Damit zog sie ein Stück Kreide aus der Tasche und begann, einen Kreis auf den Boden zu zeichnen.

 

Als die Sonne hinter dem Horizont verschwunden war, begann sich etwas zu regen. Nach und nach erhoben sich durchscheinende Gestalten aus den Gräbern und strömten zur Kirche hinüber. Sie nahmen keine Notiz von den drei Vampiren. Mit einem Mal sahen sie auch wieder den riesigen geflügelten Wächter, der über dem Friedhof kreiste. Ab und zu stieß er auf einen der Geister herab, aber was er mit den Unglücklichen machte, war nicht zu erkennen. Madeleine war dankbar dafür.

Die meisten der Gestalten wären auch in Konstantinopel nicht weiter aufgefallen, aber es waren auch äußerst merkwürdige Erscheinungen darunter, in Kleidern, die die drei sonst höchstens von Bildern in Büchern kannten. Madeleine konnte nicht anders als einem Mann hinterherzustarren, der direkt einer Illustration des Alten Testaments entstiegen zu sein schien. Er trug einen seltsam aussehenden Lendenschurz und eine Art Kopftuch. In der Hand hielt er einen kurzen Krummstab. So mußten die Ägypter ausgesehen haben, denen damals Moses' Volk Frondienst geleistet hatte. Er ging gemessenen Schrittes zwischen den Grabsteinen hindurch und nahm überhaupt keine Notiz von den drei Eindringlingen.

"Graf Saragossa!" rief Gwenhwyvar laut. Sie stand vor der Stelle, an der sie den Beschwörungskreis angelegt und getarnt hatte, und sah zu der Urne. Langsam bildete sich ein dünner weißer Nebel, der sich verdichtete und schließlich zur bekannten Gestalt des Spaniers wurde. Noch ehe er vollständig entstanden war, wurde er in den Kreis gezogen. Er schien sich nicht weiter dagegen zu wehren und sah Gwenhwyvar fragend an. Die Caitiff musterte ihn prüfend. "Ich glaube nicht, daß er mit uns reden kann", meinte sie. "Ich vermute, er darf es nicht. Wenn er es trotzdem tut, wird er wohl dafür bestraft werden." Madeleine sah zu dem geflügelten Geist hinauf und schauderte.

William warf einen unbehaglichen Blick auf Saragossa. "Das gefällt mir nicht", gab er zu. "Aber ich fürchte, wir haben keine andere Wahl. Fragt ihn nach dem Pakt", bat er Gwenhwyvar. "Alles, was er uns darüber sagen kann, hilft uns womöglich."

Sie nickte, wandte sich an den Geist und begann, leise auf ihn einzureden. Der Spanier zuckte hilflos die Schultern und machte eine unbestimmte Handbewegung.

"Wie ich vermutet hatte, er darf nicht reden. Vielleicht kann ich ihn in Gedanken ansprechen, aber viel Zeit werden wir nicht haben."

"Fragt ihn, wer hinter Morpheus' Entführung steckt", sagte William nach einem kurzen Blick zum Himmel. "Vielleicht hilft uns das schon weiter."

Gwenhwyvar konzentrierte sich kurz, dann runzelte sie die Stirn. "Er schickt mir ein Bild... ein Gesicht, aber ich kenne es nicht."

"Könnt Ihr es uns zeigen?" fragte der Ventrue.

Sie nickte. Das ist es.

"Prinz Caius!" riefen die Geschwister wie aus einem Mund. Auf Gwenhwyvars fragenden Blick erklärte Madeleine: "Caius ist der Dritte im Triumvirat, das Konstantinopel regiert. Er ist seit der Nacht, in der Magnus mit dem Dämon im Palast aufgetaucht ist, verschwunden. Wir hielten ihn für vernichtet, aber wenn er hinter der ganzen Sache steckt..."

"... dann sieht natürlich alles sofort ganz anders aus", vollendete William.

Madeleine nickte grimmig. Plötzlich schrie sie auf und deutete nach oben. "Der Wächter!"

"Weg hier", stieß der Ventrue hervor und rannte los. Gwenhwyvar durchbrach den Kreis, der Saragossa gefangenhielt, damit er sich ebenfalls in Sicherheit bringen konnte, dann folgte sie den beiden anderen. Madeleine sah sich kurz um. Der Spanier rührte sich nicht vom Fleck und sah ruhig dem Geist entgegen, der sich auf ihn herabstürzte. Als das Wesen ihn traf, verzerrte sich sein Gesicht vor Schmerz, aber kein Laut war zu hören. Dann löste sich der Wächter, und Saragossa taumelte zur Kirche hinüber. Die Lasombra hatte Mitleid mit ihm, aber es gab keine Möglichkeit, ihm zu helfen. Jedenfalls nicht jetzt und nicht hier.

Unangefochten erreichten die drei die schmiedeeiserne Tür, hinter der sich der Ausgang verbarg. Sie wechselten noch einen Blick, dann traten sie hindurch. Das erste, was ihnen auf der anderen Seite auffiel, war die Dunkelheit. Das zweite war der entsetzliche Gestank. Sie standen in einem Raum in der Kanalisation, annähernd rund und ziemlich weitläufig. Mehrere Gänge trafen sich hier, und in den Wänden waren undeutlich ein paar Türen zu erkennen. In der Mitte des Raumes, da, wo sie angekommen waren, erhob sich eine Art Insel aus Schutt, Abfall und wesentlich unangenehmeren Dingen. Und auf dieser Insel ruhte ein steinerner Sarg, auf dem die drei gerade standen.

"Ich fasse es nicht", stöhnte Madeleine.

"Das darf doch nicht wahr sein", murmelte William im selben Moment.

Gwenhwyvar sah etwas erstaunt von einem zum anderen. "Wir waren schon einmal hier", erklärte Madeleine. "Das hier ist die Zuflucht des Nosferatu, von dem wir uns gestern die Informationen beschaffen wollten. Hier ist Morpheus damals durchgetragen worden. Und dies", sie tippte mit der Fußspitze auf den Sargdeckel, "ist der Ruheplatz des besagten Nosferatu. Er wird nicht sehr begeistert sein, uns hier zu sehen."

"Das glaube ich auch", meinte William und sah dem Ghoul entgegen, der gerade aus einem der Gänge auf sie zugerannt kam. Ein paar Meter vom Sarg entfernt blieb er stehen und sah zu ihnen herauf.

"Wer seid Ihr? Wie seid Ihr hereingekommen?"

Madeleine hob beruhigend eine Hand. "Wir wollen weder Euch noch Eurem Herrn schaden", erklärte sie. "Ist er zu sprechen?"

"Allerdings", erklärte eine knarrende Stimme hinter dem Ghoul, dann wurde der Mann grob beiseitegeschoben und eine unglaublich häßliche Gestalt musterte die drei argwöhnisch. "Ich würde auch gerne wissen, wie ihr es geschafft habt, hier einzudringen, ohne bemerkt zu werden. Ich hatte gedacht, ich hätte alles einigermaßen gut gesichert."

"Es war gar nicht unsere Absicht, hier einzubrechen", gab Madeleine zu. "Wußtet Ihr, daß sich genau hier", sie deutete auf den Deckel des Sarkophags, "ein Ausgang aus der Geisterwelt befindet?"

Einen kurzen Moment klappte der Unterkiefer des Nosferatu nach unten, dann fing er sich wieder. "Hochinteressant. Nein, das wußte ich nicht."

"Dann nehmt unser Erscheinen als Warnung", empfahl William. "Vielleicht solltet Ihr umziehen. Die nächsten, die hier herauskommen, sind möglicherweise weniger freundlich."

Der Nosferatu nickte. Dann sah er mißtrauisch von einem zum anderen. "Und wohin, wenn ich fragen darf, wolltet Ihr, wenn Ihr angeblich nicht zu mir wolltet?" Er kniff die Augen zusammen und betrachtete William und Madeleine. "Euch beide kenne ich doch von irgendwoher."

"Wir waren schon einmal hier, vor etwa drei Wochen", meinte William. "Damals wollten wir durch Euer Gebiet ziehen, um einem entführten Gefährten zu folgen."

"Ach ja, ich erinnere mich", brummte der Nosferatu. "Wir waren uns nicht handelseinig geworden."

"Nein", sagte Madeleine. "Wir sind aber immer noch an Euren Beobachtungen interessiert. Und da wir gerade einen kleinen Beitrag zur Sicherheit Eurer Unterkunft geleistet haben, könnten wir vielleicht neu verhandeln."

"Hm", machte der andere, dann schwieg er eine Weile. Schließlich nickte er und deutete auf einen der abzweigenden Gänge. "Sie sind dort entlang. Ich werde Euch erlauben, den Durchgang zu benutzen. Mehr kann ich nicht für Euch tun, weil ich durch einen Eid gebunden bin. Der verbietet mir auch, Euch mehr über die Entführer zu erzählen."

"Dann müssen wir uns damit wohl zufrieden geben", sagte William und sah seine Begleiterinnen fragend an.

"Das müßt ihr wohl", krächzte der Nosferatu. "Und jetzt werdet Ihr bitte die Güte haben, mein Heim zu verlassen. Ich habe zu tun."

"Das kann ich mir denken", murmelte Madeleine und stieg von dem Sarg herunter. "Gehen wir."

 

Der Weg führte in ein Labyrinth. Ohne ihre besonderen Sinne hätten die drei sich nach den ersten paar Abzweigungen hoffnungslos verlaufen. Die Spur war drei Wochen alt und entsprechend schwer zu verfolgen. Dazu kam, daß Morpheus' Entführer offenbar auf Verfolger gefaßt gewesen waren und einen entsprechenden Kurs gewählt hatten. Madeleine war sicher, daß sie in den letzten drei Stunden mindestens ebensoviele Male im Kreis gelaufen waren. Sie hatte inzwischen völlig die Orientierung verloren und keine Ahnung, unter welchem Teil der Stadt sie sich befanden. Falls sie überhaupt noch unter der Stadt waren, und nicht inzwischen unter dem Goldenen Horn.

"Der Weg führt zum Palast", sagte William.

Gwenhwyvar nickte. "Den Eindruck habe ich auch. Wer immer Morpheus gefangen hat, hat komplizierte Umwege gewählt, aber das Ziel scheint tatsächlich der Palast der Prinzen gewesen zu sein."

"Es beunruhigt mich etwas, daß wir seit der Zuflucht des Nosferatu keinen einzigen Ausgang nach oben gesehen haben", meinte der Ventrue. "Die Sonne wird bald aufgehen, und so wie es aussieht, sitzen wir für den Moment hier unten fest."

"Ich hasse das", knurrte Madeleine. "Das ist schon das zweite Mal innerhalb von ein paar Nächten, daß wir ohne Schutz in feindlicher Umgebung schlafen müssen."

Gwenhwyvar hob unbeeindruckt die Schultern. "Es ist nicht zu ändern. Ich würde vorschlagen, wir gehen noch ein Stück weiter und suchen uns dann einen Schlafplatz. Ich werde mich wieder entsprechend absichern, und falls uns tagsüber jemand angreifen sollte, werde ich das merken."

"Das ist ja interessant", sagte die Lasombra plötzlich. Sie hatte die Wände an der nächsten Kreuzung untersucht, um herauszufinden, ob Morpheus' Entführer abgebogen waren. "Seht euch das an... das ist doch der Haushofmeister des Elysiums."

Gwenhwyvar berührte die Wand und nickte. "Ja, das ist er. Er scheint vor kurzem hier vorbeigekommen zu sein." Sie schloß die Augen und runzelte die Stirn. "Er trägt etwas... Bücher. Und seinem Gesicht nach zu urteilen hat irgendjemand seinen Geist beeinflußt. Ich würde wetten, daß er sich inzwischen nicht mehr daran erinnert, jemals hier unten gewesen zu sein."

"Und in welche Richtung müssen wir weiter?" erkundigte sich William.

Gwenhwyvar zeigte nach rechts. "Hier entlang."

 

"Es tut mir leid, aber wenn ich noch einen Schritt weitergehe, schlafe ich im Laufen ein", erklärte William. "Die Sonne geht bald auf, wir sollten uns einen Platz suchen."

Madeleine sah sich um und zuckte die Schultern. "Bleiben wir hier. Die Gänge sehen ohnehin alle gleich aus."

William nickte nur und setzte sich. Er lehnte sich gegen die Wand, zog sein Schwert, legte es quer über seine Knie und war im nächsten Moment eingeschlafen. Madeleine sah einen Moment auf ihn herunter, dann bemerkte sie, daß Gwenhwyvar sie beobachtete, und ihr Gesicht verschloß sich. Sie ließ sich neben ihm nieder und beobachtete nun ihrerseits die Caitiff, die William mit unverhohlenem Interesse musterte.

"Er atmet ja sogar im Schlaf", stellte Gwenhwyvar fest. "Niedlich."

"Das solltet Ihr nicht wiederholen, wenn er es hören kann", empfahl Madeleine trocken. "Das hört er nicht besonders gerne."

"Es scheint so einige Dinge zu geben, die er nicht gerne hört", gab Gwenhwyvar zurück. "Ich erinnere mich da an unser Gespräch gestern Abend im Palasthof."

Madeleine überlegte kurz. Die Caitiff war ihnen von Michael geschickt worden, damit sie zusammenarbeiteten, und durch den Fluch, der sie alle drei betraf, sah es nun so aus, als würden sie das zumindest in nächster Zeit noch fortsetzen müssen. Es widerstrebte ihr, hinter Williams Rücken über seine Privatangelegenheiten zu reden, aber früher oder später würde Gwenhwyvar die Geschichte ohnehin erfahren, und der Himmel mochte wissen, wie oft sie in der Zwischenzeit noch in irgendwelche Fettnäpfchen trat...

"Lady Elena ist in der Tat ein Punkt, den Ihr mit ihm nicht diskutieren solltet. Sie ist seine Frau, das wißt Ihr ja. Sie ist auch eine Ventrue, aber das ist sie erst seit ein paar Nächten."

"Ihr meint, sie war vorher sterblich, und ihr Mann ein Kainit?" fragte die Caitiff interessiert.

"Ja. Sie ist sein Kind."

"Und wo ist das Problem? Ich hätte eher vermutet, daß es Schwierigkeiten gab, solange sie sterblich war und er nicht."

"Er wollte ihr den Kuß nicht geben", erklärte Madeleine zögernd. "Er wollte ihr das nicht antun, aber sie hat... nun ja, sie hat ihn erpreßt."

"Er hat sich erpressen lassen? Von einer Sterblichen?" Gwenhwyvar schien erstaunt. "Wie hat sie das denn fertiggebracht?"

"Das spielt keine Rolle. Sie hat es getan, und jetzt ist sie eine Ventrue, und was für eine. Um auf Eure Frage von gestern Nacht zurückzukommen: Nein, Lady Elena ist nicht vertrauenswürdig. Ganz im Gegenteil."

"Hm", machte Gwenhwyvar nachdenklich. "Und was, wenn ich fragen darf, ist Eure Rolle in der ganzen Geschichte?"

"Darüber könnt Ihr Euch Eure Gedanken machen, wie es Euch beliebt", erklärte Madeleine, lehnte den Kopf an Williams Schulter und schloß die Augen.

"Soso", murmelte Gwenhwyvar und schwieg einen Moment. Plötzlich fragte sie: "Hättet Ihr etwas dagegen, ihn mit mir zu teilen?"

"Wie bitte?" Madeleine riß die Augen auf und sah die andere fassungslos an.

Die hob nur die Schultern. "Er ist interessant, keine Frage. Glaubt Ihr, er hätte ein Problem damit, zwei Mädchen zu haben?"

"Das müßt Ihr ihn schon selbst fragen." Madeleine musterte die Caitiff prüfend und kam zu dem Schluß, daß diese keineswegs scherzte. Reiß dich zusammen, ermahnte sie sich selbst, sie will dich provozieren. "William ist nicht mein Besitz. Was er mit wem tut, ist seine Entscheidung."

Gwenhwyvar lächelte wie eine Raubkatze. "Ich werde es mir merken und bei Gelegenheit darauf zurückkommen." Sie reckte sich. "Aber jetzt sollte ich mich um das Schutzritual kümmern, es ist schon spät. Angenehme Ruhe."

"Ebenfalls."

 

"Wir sollten uns Gedanken darüber machen, wie es jetzt weitergehen soll", meinte William, als sie in der nächsten Nacht alle aufgewacht waren. Gwenhwyvars Schutzkreis war nicht gestört worden, offenbar hatte niemand versucht, sich ihnen zu nähern.

Die Caitiff nickte. "Ich habe mich auch schon gefragt, ob es wirklich sinnvoll ist, der Spur weiter zu folgen. Wir können inzwischen ziemlich sicher sein, daß Morpheus in den Palast geschafft wurde, und da einfach so unvorbereitet einzudringen..."

Wie geht es deiner Hand? fragte William in Madeleines Gedanken.

Taub, gab sie knapp zurück. Ich habe mir das vorhin noch einmal angesehen, und es wäre durchaus möglich, daß die einzige Methode, das wieder loszuwerden, tatsächlich darin besteht, sie abzuschlagen.

Laß mich sehen, bat er, und sie hielt ihm die Hand hin. Er nahm sie und sah darauf. Die Farben von Madeleines Aura waren blaß wie üblich, aber um die rechte Hand flackerten schwarze Funken, ähnlich denen, die den Tremere in Morpheus' Turm umgeben hatten. William konzentrierte sich, er wollte herausfinden, ob es nicht doch eine weniger drastische Methode gab, sie zu heilen. Ehe er jedoch irgendetwas erreichen konnte, riß Gwenhwyvars Warnruf ihn aus seiner Trance.

"Vorsicht!"

Instinktiv wich er zur Seite aus und zog in der selben Bewegung sein Schwert, noch ehe er erfaßt hatte, was ihn angriff. Es war sein eigener Schatten. Er schien einen eigenen Willen zu besitzen, und er war ebenso schnell wie William selbst. Mühsam wich der Ventrue aus, als sein Schatten mit einer Klaue nach ihm schlug. Ein paar Meter entfernt sah er Madeleine, die ähnliche Schwierigkeiten hatte. Sein eigener Gegner hielt ihn jedoch so beschäftigt, daß er ihr nicht zu Hilfe kommen konnte. Er duckte sich unter dem nächsten Schlag weg, zögerte aber, seine Klinge zum Einsatz zu bringen. Er konnte nicht sicher sein, daß das, was mit seinem Schatten geschah, nicht vielleicht auch ihn traf. Also beschränkte er sich vorerst darauf, sein Katana zwischen sich und dem Angreifer zu halten, und sich das Gehirn nach Möglichkeiten zu zermartern, ihn loszuwerden, ohne ihn zu verletzen.

Madeleine hatte überhaupt keine Zeit, sich derartige Gedanken zu machen. Der Angriff ihres Schattens hatte sie völlig überrascht, und beim Versuch, ihm auszuweichen, hatte sie das Gleichgewicht verloren und war schwer gegen die Wand geprallt. Zum Glück hatte er sie nicht getroffen, aber sie hatte zu wenig Platz, um sich zu bewegen, und keine Waffe. Dazu kam noch, daß in ihre verletzte Hand nur langsam wieder das Gefühl zurückkehrte. Durch ihre besondere Nähe zu den Schatten war ihr bewußt, was William im Moment noch entging, nämlich daß irgendetwas, vermutlich Morpheus' Vasallen, sich ihrer Schatten bedienten und sie praktisch besessen hatten, um sie anzugreifen. Daß ausgerechnet sie, eine Lasombra, auf diese Art angegriffen wurde und sie sich nicht einmal wehren konnte, machte sie wütend. Leider ließ sie dadurch in ihrer Konzentration für einen winzigen Augenblick nach, und ihr Schatten nutzte die Gelegenheit. Er traf sie zum Glück nicht richtig, sondern streifte sie nur, aber er hatte sie jetzt wieder völlig an die Wand gedrängt, und dem nächsten Schlag würde sie wohl nicht ausweichen können. Da spürte sie plötzlich, wie etwas ihren Schatten packte. Gwenhwyvar, die bisher noch überhaupt nicht angegriffen worden war, hatte mit zwei Händen nach ihrem Schatten gegriffen und hielt ihn jetzt fest. Und zu Madeleines Entsetzen hob die Caitiff den sich windenden Schemen an ihre Lippen - und biß zu. Madeleine schrie auf, dann verschwamm die Welt vor ihren Augen, als sie Gwenhwyvars Biß spürte.

"Weiche, Dämon!" donnerte Williams Stimme durch den Gang. Es war die einzige Möglichkeit gewesen, die ihm blieb, und es schien zu funktionieren. Sein Schatten, der gerade noch mit drohend erhobener Klaue vor ihm gestanden hatte, zuckte und flackerte, dann glitt er wieder zu Boden und lag still und unbelebt da. William musterte ihn mißtrauisch, dann steckte er sein Schwert weg. Sein Schatten folgte seiner Bewegung und schien tatsächlich wieder normal zu sein. In diesem Augenblick hörte er Madeleines entsetzten Schrei, der gleich darauf in ein leises Stöhnen überging. Die Lasombra lehnte mit halb geschlossenen Augen und glasigem Blick an der Wand. Vor ihr stand Gwenhwyvar, die mit beiden Händen Madeleines Schatten umklammert hielt und offenbar gerade dabei war, über diesen Schatten Madeleines vitae zu trinken. Mit einem Satz war der Ventrue neben ihr und fiel ihr in den Arm. "Hört auf damit!"

Langsam ließ die Caitiff die Hände sinken. Der Schatten, der gerade noch halb stofflich gewesen war, schien an Substanz zu verlieren und kehrte zu Madeleine zurück, ohne sich noch einmal zu rühren. Die Lasombra sank langsam an der Wand herab und blieb mit geschlossenen Augen auf dem Boden sitzen. Gwenhwyvar leckte sich die Lippen. "Verzeiht, ich hatte nicht wirklich geglaubt, daß ich über den Schatten Euer Blut trinken würde."

William warf ihr einen undefinierbaren Blick zu und ging neben Madeleine in die Hocke. "Bist du in Ordnung?"

Sie nickte. Danke. Wenn du nicht eingegriffen hättest, hätte sie mich leertrinken können. Ich konnte mich nicht wehren. Du bist gerade rechtzeitig gekommen, sie hat höchstens ein oder zwei Tropfen getrunken. Sie ließ zu, daß er ihr hochhalf, dann sah sie Gwenhwyvar an. "Wenn Ihr mich noch einmal auf diese Art angreift, werde ich mich entsprechend zur Wehr setzen."

Die Caitiff verneigte sich leicht. "Glaubt mir bitte, daß ich wirklich nicht wußte, daß dieser Angriff auf Euch durchschlagen würde. Es war lediglich meine Absicht, Euch zu helfen." Sie leckte sich erneut die Lippen. "Ich muß allerdings zugeben, daß Eure vitae überaus wohlschmeckend ist."

"Das macht Euer Wort nicht eben glaubwürdiger", stellte Madeleine kalt fest. Für einen winzigen Moment schien Gwenhwyvar kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. Ihre Hand krallte sich um ihren Schwertgriff, dann entspannte sie sich wieder.

"Wir sollten zusehen, daß wir von hier verschwinden", mischte William sich ein. "Hier ist wirklich nicht der geeignete Ort für derartige Streitereien."

Gwenhwyvar nickte. "Vorwärts oder zurück?" fragte sie knapp.

"Zurück", erklärte Madeleine. Plötzlich stutzte sie. "Hört ihr das?"

Durch die Gänge hallte ein rhythmisches Geräusch, wie von Trommeln, das aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen schien. Es näherte sich nicht, aber es hatte etwas überaus beunruhigendes.

"Zurück", stimmte William zu, und Gwenhwyvar schloß sich an.

"Den Rückweg können wir womöglich etwas abkürzen", sagte sie. "Wir müssen nicht die ganzen Umwege vom Hinweg wiederholen."

 

Zwei Stunden später standen sie wieder in dem Raum, in dem sie angekommen waren. Das merkwürdige Trommelgeräusch hatte sie auf dem ganzen Rückweg begleitet. Es war nicht näher gekommen, aber sie hatten auch nicht feststellen können, aus welcher Richtung es gekommen war. Es schien überall um sie herum zu sein und hatte erst aufgehört, als sie das Labyrinth verlassen hatten.

In dem Raum hatte sich einiges verändert. Die Umgebung wirkte verlassen, sogar die Ratten waren verschwunden. Zwar stand noch ein Sarg auf der Insel in der Mitte, aber es war nicht mehr der selbe wie gestern, und auf dem Deckel lag etwas. Als die drei näher kamen, entdeckten sie Fangeisen, die noch dazu versilbert waren. Sie lagen genau an der Stelle, an der die drei letzte Nacht herausgekommen waren.

"Der nächste, der den Durchgang benutzt, wird seine Freude haben", stellte William fest.

Madeleine nickte. "Er scheint wirklich umgezogen zu sein. Vernünftig." Sie sah sich um und deutete einen Gang hinunter. "Der Ausgang ist in diese Richtung. Wir sollten zusehen, daß wir nach Hause kommen, ich habe allmählich Hunger."

Niemand beobachtete sie, als sie die Kanalisation verließen. Oben angekommen musterte Madeleine die Sterblichen, die unterwegs waren. "Der Einfluß des Dämons scheint wirklich abzunehmen", stellte sie fest. "Vielleicht finde ich ja unterwegs schon etwas eßbares."

"Was hältst du von den Leuten da vorne?" fragte William und deutete auf eine Gauklertruppe, die ein paar Ecken entfernt die Straße hinunterzog. "Die scheinen sauber zu sein, und Schwierigkeiten wirst du mit denen bestimmt nicht haben."

Madeleine musterte die Gefäße kritisch, dann nickte sie. "Ich denke, davon könnte ich satt werden. Wenn ihr mich einen Moment entschuldigen wollt, es dauert nicht lange."

"Aber selbstverständlich", murmelte Gwenhwyvar und sah ihr mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen hinterher. Dann wandte sie sich an William und lächelte ihn strahlend an. "Wir sollten uns ein wenig von der Straße zurückziehen, ehe wir auffallen", schlug sie unschuldig vor. "Was haltet Ihr von der Ecke da drüben?" Langsam schlenderten sie beiseite und beobachteten, wie Madeleine sich den Gauklern näherte. Die Sterblichen schienen ausgezeichneter Laune zu sein und nicht das geringste Mißtrauen zu hegen, leichte Beute für die Lasombra. "Ich denke, sie wird eine Weile beschäftigt sein", flüsterte Gwenhwyvar neben Williams Ohr. "Gibt es einen Grund, warum wir uns inzwischen langweilen sollten?"

William sah sie einen Moment lang etwas erstaunt an, dann grinste er. "Nicht wirklich", gab er zu, und wehrte sich nicht, als sie ihn in ihre Arme zog und leidenschaftlich küßte.

 

"Na, satt?" fragte er Madeleine ein paar Minuten später, als die Lasombra wieder zu ihnen herüberkam.

Sie nickte. "Ja, das war gar nicht übel." Sie blinzelte. "Die Kerle müssen irgendetwas genommen haben, ich sehe immer noch alles etwas bunter als vorher. Aber es ist nicht dramatisch. Gehen wir nach Hause?"

William sah Gwenhwyvar an. "Wie sehen Eure Pläne aus? Wollt Ihr uns begleiten?"

Sie lächelte. "Das wäre wahrscheinlich keine schlechte Idee. Wir sollten uns... besprechen."

William konnte sich durchaus denken, welche Art der "Besprechung" ihr vorschwebte. Madeleine, die vorhin zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt gewesen war, um etwas mitzubekommen, nickte nur. "Gut, gehen wir. Unsere Ghoule dürften in Sorge sein, weil wir heute morgen schon wieder nicht zurückgekommen sind."

 

Sie hatte natürlich recht. Mog, der ihnen wie immer die Tür öffnete, ließ sich nicht allzuviel anmerken. In der Eingangshalle jedoch wartete ein sichtlich beunruhigter William von Baskerville, der seine gewohnte Zurückhaltung bei Madeleines Anblick soweit vergaß, daß er aufsprang, ihr entgegeneilte und sie in die Arme schloß.

"Mein Schatz, wo warst du?" fragte er leise. "Ich habe mir Sorgen gemacht."

"Ich weiß, und es tut mir leid." Sie strich ihm sanft über die Wange. "Ich erzähle dir gleich, was passiert ist." Sie warf einen Blick zu William, der gerade Gwenhwyvars Arm nahm und mit ihr auf den Blauen Salon zusteuerte. Plötzlich fiel ihr auf, wie die Caitiff ihn ansah, und das Gespräch im Labyrinth fiel ihr wieder ein. Ich verstehe, dachte sie. Da würde ich ohnehin nur stören.

"Äh, Verzeihung, die Herrschaften." Mog räusperte sich verlegen. "Da wäre noch eine Kleinigkeit."

William blieb stehen und drehte sich zu ihm um. "Ja?"

"Ich kümmere mich darum", erklärte Madeleine. "Ihr könnt ruhig frühstücken gehen."

"In Ordnung", meinte er nur, und die beiden verschwanden.

Madeleine wandte sich an Mog. "Also? Was gibt es?"

Der Ghoul zog einen versiegelten Brief aus der Tasche. "Das hier ist für Euch abgegeben worden. Von Bruder Matthias."

Madeleine nahm den Brief, öffnete ihn und überflog den Inhalt. "Er will uns sehen", sagte sie zu Baskerville. "Ich fürchte, der Bericht wird noch ein wenig warten müssen." Sie nickte Mog zu. "Danke." Mog verneigte sich und verschwand. "Laß uns nach oben gehen", sagte sie und nahm Williams Hand.

In ihrem Zimmer angekommen, überlegte sie kurz, ob sie den beiden anderen Bescheid geben sollte. Das, was ihr Blut ihr im Moment über William und seine Gefühle mitteilte, ließ sie zögern. Er schien sich mit Gwenhwyvar ins Bad zurückgezogen zu haben, und anscheinend amüsierten die beiden sich hervorragend. Verärgert unterbrach Madeleine die Verbindung. Sie verspürte wenig Lust, das, was da unten gerade vorging, in allen Einzelheiten mitzubekommen. Ihr war natürlich durchaus bewußt, daß sie nicht das Recht hatte, eifersüchtig zu sein. Schließlich konnte sie kaum erwarten, daß William ihre Beziehung zu Lord Baskerville akzeptierte, und gleichzeitig verlangen, daß sie umgekehrt für ihn die einzige war. Außerdem kannte sie den Ventrue gut genug, um zu wissen, daß er nicht wirklich treu sein konnte, selbst wenn er es gewollt hätte. Und Gwenhwyvar war eine wirkliche Schönheit. In dieser Hinsicht hatte er noch nie etwas anbrennen lassen. Trotzdem verletzte es sie irgendwie, daß er sich so leicht mit der Caitiff einließ, und das wiederum ärgerte sie. Frustriert warf sie Bruder Matthias' Brief auf den Tisch.

"Ich werde gehen und nachsehen, was er von uns will", erklärte sie. "Ich denke nicht, daß es lange dauern wird."

William betrachtete sie nachdenklich. "Stimmt etwas nicht?"

Sie schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht... ich muß darüber nachdenken." Sie küßte ihn. "Bis später. Und mach dir keine Sorgen", fügte sie sanft hinzu, und drückte ihn an sich.

"Ich gehe zur Kathedrale, Bruder Matthias hat uns etwas zu sagen", informierte sie Mog, ehe sie das Haus verließ. "Falls mich jemand suchen sollte." Sie nickte ihm zu, dann verschwand sie.

 

Das Portal der Kathedrale stand offen, und schon aus einiger Entfernung hörte Madeleine Matthias' donnernde Stimme. Sie warf einen vorsichtigen Blick ins Innere und zuckte sofort zurück. Um die Kanzel herum saßen Werwölfe. Selbst auf die Entfernung spürte Madeleine, daß sie gefährlich waren. Der Wendigo, dem sie vorher schon hier begegnet war, hätte neben diesen Gestalten wie ein Schoßhündchen gewirkt. Selbst Matthias schien seine Schwierigkeiten mit ihnen zu haben. Er predigte mit gewohnter Stimmkraft, aber er wirkte auf eine nicht näher definierbare Art angestrengt. Vorsichtig zog Madeleine sich in die Seitengasse zurück. Gleich darauf flimmerte die Luft neben ihr, und Anja erschien.

"Guten Abend", krächzte die alte Garou. "Ich hoffe, du bist gut zu Fuß."

Madeleine sah sie etwas verwundert an. "Wenn es sein muß, sicherlich. Haben wir es eilig?"

Anja deutete mit dem Daumen über ihre Schulter. "Hast du den Haufen da drin nicht gesehen? Was glaubst du, was die mit dir anstellen, wenn sie dich erwischen?"

"Überzeugt", erklärte Madeleine. "Gehen wir."

Mit einer Handbewegung öffnete die Schamanin ein Tor und deutete einladend darauf. "Nach dir."

 

"Guten Abend", sagte Matthias, als er kurz nach Madeleine sein Arbeitszimmer betrat. "Ihr wolltet mich gestern sprechen?"

"Guten Abend. Ja, Ich wollte wissen, ob Ihr etwas über diesen Fluch habt herausfinden können. Die Sache wird allmählich gefährlich." Sie berichtete ihm von dem Angriff früher am Abend. "Ich fürchte, daß meine besondere Nähe zu den Schatten in diesem Fall ein Nachteil für mich ist", schloß sie. "Sie wissen mich zu finden, und sie sind es gewohnt, daß ich mich gelegentlich verändere. Tarnung wird mir nicht viel helfen."

Er nickte. "Es dürfte in der Tat so sein, daß der Fluch nur dort gebrochen werden kann, wo er ausgesprochen wurde. Und daß Ihr den braucht, der ihn ausgesprochen hat."

"Das wäre ganz oben im Turm", murmelte sie nachdenklich. "Da waren wir gestern, da war nichts mehr."

"Dann war es nicht der richtige Ort. Wenn Ihr ihn gefunden habt, werdet Ihr es wissen, und dann werdet Ihr auch wissen, was zu tun ist."

"Das bedeutet dann wohl, daß wir wirklich in die Schattenwelt müssen, um den Dämon auf seinem eigenen Territorium zu schlagen. Unerfreulich."

Er nickte. "Ich kann Euch dazu nicht mehr sagen."

"Vielleicht könnt Ihr mir in einer anderen Angelegenheit helfen", sagte sie zögernd und hob die rechte Hand. "Ich habe versucht, etwas über den Dämon zu erfahren, und er hat zurückgeschlagen. Irgendetwas hat er zurückgelassen, und ich weiß nicht, wie ich es wieder loswerden soll."

Matthias kniff die Augen zusammen und starrte auf ihre Hand, dann strich er vorsichtig mit den Fingerspitzen darüber. Plötzlich zuckte er zurück als hätte er sich verbrannt. "Abschneiden", erklärte er knapp.

"Ist das die einzige Möglichkeit?" fragte sie leise.

"Die einzige, die ich sehe." Er sah sie einen Moment lang nachdenklich an, dann seufzte er. "Im übrigen... die Drei sind besiegt, der Dämon ist vertrieben. Damit ist unser Pakt erfüllt."

"Ich verstehe. Ihr habt recht, der Pakt ist erfüllt. Daß Ihr darüberhinaus mit unseresgleichen nichts zu tun haben wollt, ist nicht weiter verwunderlich."

"Ich habe nichts gegen Euch persönlich", widersprach er. "Deswegen noch ein Wort der Warnung: Ihr habt gesehen, daß weitere Garou in der Stadt angekommen sind. Sie sind gefährlich, gefährlicher als die Wendigos. Es sind Inquisitoren."

"Was?" Madeleine war fassungslos.

Er nickte. "Sie sind inkognito hier, aber das ändert nichts an ihrer Gefährlichkeit. Sie jagen verstreute Überreste dessen, was sie den Wyrm nennen. Und sie können Euresgleichen auf ein paar hundert Meter Entfernung wahrnehmen. Hütet Euch vor ihnen. Und haltet Euch von der Kathedrale fern, da treiben sich immer ein paar von ihnen herum."

"Ich danke Euch für Eure Warnung", sagte Madeleine und meinte es ehrlich. "Wir werden einen etwas größeren Bogen um sie machen, als wir das ohnehin vorhatten." Sie stand auf. "Ich sollte zusehen, daß ich nach Hause komme", erklärte sie und ging zur Tür. Ehe sie sie öffnete, blieb sie noch einmal stehen und drehte sich um. "Eine Frage noch: habt Ihr Graf Saragossa begraben?"

Er nickte.

"Gut. Betet für ihn." Dann wandte sie sich ab und war verschwunden.

 

Ein schabendes Geräusch durchdrang die Stille von Madeleines Schlafzimmer. Das Licht einer einzelnen Kerze spiegelte sich auf spanischem Stahl. Madeleine saß mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden und schärfte ihr Schwert. Seit sie gelernt hatte, die Schatten als Waffe zu benutzen, hatte die schlanke Klinge über dem Kamin gehangen, und die Lasombra hatte nicht erwartet, sie noch einmal zu benutzen. Vor allem nicht zu solch einem Zweck. Sie legte den Wetzstein beiseite und hob die Klinge vor ihre Augen. Die Kerze und die Einrichtung des Zimmers spiegelte sich darin, ihr Gesicht nicht. Madeleine sah auf ihre rechte Hand hinunter, die das Schwert hielt, dann nahm sie die Waffe in die linke Hand und legte die rechte auf den Deckel einer Truhe. Sie schloß kurz die Augen und konzentrierte sich darauf, die Verbindung zu ihren Geschwistern wirklich vollständig zu unterbrechen. Dann öffnete sie die Augen, biß die Zähne zusammen, und schlug zu.

Ihr Schrei war noch nicht völlig verklungen, da wurde die Tür aufgerissen und William von Baskerville stürmte herein. Als er sie zusammengekrümmt auf dem Boden liegen sah, die blutige Klinge neben sich, blieb er wie angewurzelt stehen. "Oh mein Gott", flüsterte er, dann war er mit einem Satz neben ihr und hob sie in die Arme. Es war nur wenig Blut zu sehen, aber die abgetrennte Hand lag wie ein Fremdkörper auf dem Boden.

"William... du solltest nicht hier sein", brachte sie mühsam hervor. "Du solltest das nicht sehen."

"Was ist passiert?"

"Der Dämon... du weißt doch, daß er etwas mit meiner Hand gemacht hat. Es war die einzige Möglichkeit, es loszuwerden."

"Du hast dir deine eigene Hand abgeschlagen?" fragte er entsetzt.

"Hättest du es für mich tun können?" fragte sie zurück.

"Nein, wahrscheinlich nicht", mußte er zugeben.

"Siehst du. Und wen hätte ich denn sonst darum bitten können?"

Er hob die Schultern. "Sir William?"

"Ganz gewiß nicht. Er hat es ohnehin schon viel zu stark gespürt. Was glaubst du, wie es erst für ihn gewesen wäre, wenn er hier im Zimmer gewesen wäre? Und noch dazu in dem Wissen, daß er die Klinge geführt hat, die mir das angetan hat? Nein, das mußte ich schon selbst machen. Die Hand wird nachwachsen, mit der Zeit. Aber ich glaube nicht, daß ich es noch einmal könnte." Sie krümmte sich, als der Schmerz erneut durch ihren Arm schoß. "Bitte geh jetzt. Sei mir nicht böse, aber ich will nicht, daß du mich so siehst." Er nickte und stand auf. "Bitte sag Francesca, daß sie... das da verbrennen soll." Er sah sie noch einmal an, dann respektierte er ihren Wunsch und ging.

 

Schmerz. William, der gerade im Blauen Salon mit Erk geplaudert hatte, krümmte sich plötzlich, als etwas wie glühender Stahl durch seinen Arm schoß. Einen winzigen Augenblick später wußte er auch, woher das Gefühl gekommen war. "Madeleine!" flüsterte er. "Entschuldige mich", sagte er hastig zu Erk, der ihn verwundert ansah.

"Stimmt etwas nicht?" fragte der Brujah.

"Ganz und gar nicht", erwiderte William und stürzte aus dem Zimmer.

Als er an Madeleines Zimmer ankam, trat William von Baskerville gerade aus der Tür. Er sah dem Ventrue mit einem hilflosen Gesichtsausdruck entgegen und hielt ihm die Tür auf. Ohne sich weiter um den Ghoul zu kümmern, stürmte er hinein. Madeleine lag zusammengekauert auf ihrem Bett und wimmerte leise. Er ließ sich neben ihr nieder und nahm sie in die Arme. Als sein Blick auf das blutige Schwert fiel, das immer noch auf dem Boden lag, schauderte er.

"Es tut mir leid", flüsterte sie. "Ich wollte nicht, daß du es spürst, ich habe versucht..."

"Ist schon gut", murmelte er und strich ihr sanft übers Haar. "Du weißt doch, ich kann einiges aushalten." Sie nickte und vergrub das Gesicht an seiner Brust, und bis die Sonne aufging, wurde kein Wort mehr gesprochen.

 

Als Madeleine am nächsten Abend erwachte, konnte sie sich kaum bewegen. Es dauerte einen Augenblick, ehe ihr bewußt wurde, woran das lag. William war in ihrem Bett eingeschlafen, und er hielt sie so fest an sich gedrückt, daß sie sich nicht aus seiner Umklammerung herauswinden konnte. Ihre Hand hatte tatsächlich tagsüber schon begonnen, nachzuwachsen, und der Schmerz war bis auf ein unangenehmes dumpfes Pochen abgeklungen. Wenn das so weitergeht, überlegte die Lasombra, könnte sie in zwei, drei Nächten wieder in Ordnung sein. Vorerst allerdings verspürte sie wenig Lust, in diesem angeschlagenen Zustand von allen möglichen Leuten gesehen zu werden. Insofern war es auch keineswegs dramatisch, daß sie sich im Augenblick nicht aus eigener Kraft aus ihrem Bett befreien konnte.

Eine Stunde später erwachte William. "Geht es dir etwas besser?" fragte er.

Sie nickte. "Etwas Hunger habe ich. Ich konnte nicht frühstücken gehen." Auf seinen fragenden Blick hin zappelte sie ein wenig in seinem Arm.

"Oh", machte er schuldbewußt und ließ sie los.

Sie lächelte. "Das macht nichts. Ich hatte sowieso nicht vor, mich damit", sie hob die angeschlagene Hand, "den Massen im Blauen Salon zu zeigen. Ich möchte lieber hier oben frühstücken."

"Soll ich Francesca Bescheid sagen?" fragte er und machte Anstalten, aufzustehen.

"Nein", sagte sie leise, und etwas an ihrer Stimme ließ ihn innehalten. Sie sah ihm gerade in die Augen. "Ich möchte von dir trinken", sagte sie ruhig.

Er betrachtete sie nachdenklich. Sie teilten schon vitae, aber was sie gerade vorschlug, war noch einmal etwas anderes. Der Pakt, der auch Irian und Toranaga mit einschloß, schützte sie nicht vor den Auswirkungen eines Blutpakts, der nur mit einem einzelnen Kainiten geschlossen wurde, und Madeleine wußte das ebenso wie er. Wenn sie jetzt von ihm trank und es nicht bei einem Mal blieb, dann bedeutete das, daß sie sich auf eine Weise an ihn band, die für keinen weiteren derartigen Pakt Platz ließ. Ihm war durchaus klar, daß sie ganz genau wußte, was sie tat. Trotzdem fragte er: "Willst du das wirklich?"

Sie nickte. "Ich will das wirklich. Es ist deine Entscheidung, ob du es annimmst."

Er sah ihr lange ins Gesicht, dann lächelte er und legte sich neben sie.

 

Mog erwartete William, als er die Treppe zum Blauen Salon herunterkam. "Sir, Lady Gwenhwyvar möchte Euch sprechen. Sie ist vor zwei Stunden eingetroffen."

"Danke. Ich werde rasch frühstücken, dann kümmere ich mich um sie. Wo ist sie?"

Mog hüstelte. "In der unteren Bibliothek. Sie spielt Schach mit Lord Baskerville."

Sieh mal einer an, dachte William. Falls sie versucht, den auch zu verführen, wird sie sich ihre hübschen Zähne ausbeißen. Er nickte Mog freundlich zu und verschwand im Salon.

Als William die Bibliothek betrat, sah Baskerville auf. "Ah, guten Abend. Ich habe mir erlaubt, Euren Gast ein wenig zu unterhalten." Er erhob sich und machte eine vollendete Verbeugung vor Gwenhwyvar. "Es war mir ein Vergnügen, Mylady."

"Ganz meinerseits", erwiderte sie und hielt ihm die Hand hin. "Wir sollten das Spiel bei Gelegenheit fortsetzen."

Er küßte ihre Hand, verneigte sich vor William, und verließ leise die Bibliothek. Gwenhwyvar sah ihm hinterher. "Ein sehr interessanter Mann", stellte sie fest.

"Allerdings", stimmte der Ventrue zu. "Guten Abend."

"Guten Abend. Wo ist Madeleine? Wir sollten uns unbedingt überlegen, wie es weitergehen soll."

William zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. "Lady Madeleine fühlt sich nicht gut. Wir sollten sie heute vielleicht in Ruhe lassen."

Gwenhwyvar schüttelte ärgerlich den Kopf. "So geht das nicht. Wir stecken zusammen in dieser Sache und sollten zusammen zusehen, wie wir wieder herauskommen." Sie legte den Kopf schräg und sah ihn forschend an. "Ist sie eifersüchtig? Will sie deshalb nicht mit mir reden?"

"Es ist, wie ich sagte. Es geht ihr nicht gut. Das hat nichts mit dir zu tun." Daß Madeleine gar keinen Grund zur Eifersucht hatte, mußte er der Caitiff nicht so deutlich sagen. Sicher, die Stunden, die er gestern mit ihr im Bad verbracht hatte, waren überaus angenehm gewesen, aber damit war sein Interesse an ihr auch schon erloschen.

Gwenhwyvar seufzte. "Wir sollten auf jeden Fall zum Palast gehen und Michael warnen, daß Caius noch existiert und etwas vorhat. Und wir sollten alle drei gehen. Vielleicht bittest du sie noch einmal, herunterzukommen."

Kurz darauf erschien Madeleine. Francesca hatte ihre Hand gekonnt verbunden und einen Handschuh darübergezogen, damit es nicht allzusehr auffiel. Gwenhwyvar warf einen Blick darauf und nickte. "Wie ich sehe, habt Ihr Euch des Problems angenommen."

"Allerdings. Und wie Ihr ebenfalls seht, habe ich Eure Hilfe dabei wirklich nicht gebraucht." Sie setzte sich. "Ihr wolltet etwas besprechen?"

Gwenhwyvar nickte. "Das wollte ich. Allerdings kommt es mir so vor, als wärt Ihr an einer Zusammenarbeit nicht unbedingt interessiert."

Madeleine hob die Schultern. "Wundert es Euch, wenn ich nicht so ganz sicher bin, ob man Euch trauen kann? Prinz Michael hat Euch geschickt, na schön, aber wer sagt mir, daß Ihr nicht Eure eigenen Ziele verfolgt? Ich habe diesen Angriff letzte Nacht nicht vergessen."

Die Caitiff seufzte. "Und woher weiß ich umgekehrt, daß ich Euch trauen kann? Ich tue es, weil ich außer Euch keine Kontakte in der Stadt habe und alleine nicht weiterkomme." Sie sah Madeleine prüfend an. "Wenn Ihr jedoch auf einem Beweis meiner guten Absichten besteht, steht es Euch frei, etwas von meinem Blut zu trinken und es zu befragen. Mich kann ich tarnen, meine vitae nicht."

Madeleine lachte verärgert auf. "Ich soll einen Blutpakt mit Euch eingehen? Für wie naiv haltet Ihr mich?"

Gwenhwyvar seufzte erneut. "Der erste Schluck wird Euch mir nicht völlig hörig machen. Und wenn es Euch beruhigt, bin ich bereit, im Gegenzug einen Schluck von Euch zu trinken." Sie warf dem Ventrue einen Blick zu. "William wird sicherlich aufpassen, daß ich nicht zuviel nehme."

Sie hat mich ausmanövriert, dachte Madeleine ärgerlich zu William.

Scheint so, antwortete er. Tust du es?

Ich fürchte, es bleibt mir nichts anderes übrig, gab sie zurück. Obwohl es irgendwie nicht richtig ist, nach dem, was vorhin passiert ist.

"Also?" fragte Gwenhwyvar. "Wenn Ihr darauf besteht, trinke ich zuerst."

Madeleine schob wortlos ihren Ärmel zurück und hielt ihr ihren Arm hin. Die Caitiff nahm ihn ebenso wortlos und biß zu. William hatte angesichts dessen, was von Madeleine an Gefühlen auf ihn einstürmte, Mühe, sich zu konzentrieren. Seine Wachsamkeit war allerdings auch nicht nötig; Gwenhwyvar trank einen tiefen Schluck, dann ließ sie Madeleines Arm los und leckte sich die Lippen. Ohne ein weiteres Wort öffnete sie ihren Ausschnitt etwas weiter und bot der Lasombra die Halsschlagader.

Alles in Ordnung? fragte William ein paar Minuten später besorgt.

Ja, einigermaßen. Sie scheint die Wahrheit gesagt zu haben. Zumindest ihr Blut gibt mir keinen Hinweis darauf, daß sie etwas im Schilde führt. Für den Moment können wir ihr wohl vertrauen.

William sah von einer zur anderen. "Nachdem das nun geklärt ist, können wir vielleicht endlich zur Sache kommen. Du hast Neuigkeiten, Gwenhwyvar?"

Die Caitiff nickte. "Das Elysium ist seit letzte Nacht praktisch überschwemmt mit Ventrue. Ich habe herausgefunden, daß sie allesamt in Caius' Diensten stehen. Sie wissen, daß er noch existiert, aber nicht, wo er sich aufhält. Ich denke, daß Prinz Michael das wissen sollte."

"Das denke ich auch", stimmte William zu. "So, wie er erfahren sollte, daß Caius hinter Morpheus' Entführung und damit vermutlich hinter der ganzen Geschichte mit der dunklen Trinität steckt. Ich kann mir nicht helfen, das sieht nach einem Umsturzversuch aus."

"Ein beinahe gelungener", meinte Madeleine. "Wenn das Chaos noch ein paar Nächte länger gedauert hätte, hätte Caius sich mit Sicherheit das allgemeine Durcheinander zunutze machen und Michael aus dem Weg räumen können. Es wundert mich allerdings, daß er das nicht gleich zu Anfang getan hat, ehe Michael untergetaucht ist."

Gwenhwyvar zuckte die Schultern. "Wer sagt uns, daß das nicht zu seinem Plan gehört hat? Wir reden von einem Ventrue, wer kann schon sagen, was in deren Köpfen so vorgeht. Das sollte keine Beleidigung sein", fügte sie eilig mit einem Blick auf William hinzu.

Der grinste. "Es war auch keine, es stimmt ja." Er stand auf. "Wenn das so ist, dann sollten wir uns schnellstens auf den Weg zum Palast machen. Wenn ich die Damen bitten dürfte..."

 

Sie fanden Michael in der Haupthalle, wo er wie üblich bewundernd vor einer der Statuen stand. Die drei näherten sich vorsichtig, blieben in respektvoller Entfernung von dem Toreador stehen und sanken auf die Knie. Nach einigen Minuten nahm der Prinz Notiz von ihnen.

"Ihr wollt mich sprechen?"

"So ist es, Herr", sagte William leise. "Wir haben Informationen für Euch, die wichtig sein könnten."

Michael runzelte die Stirn. "Kenne ich Euch?" fragte er. Die drei wechselten einen bestürzten Blick.

"Aber, aber, mein Freund", sagte eine etwas heisere Stimme beruhigend hinter ihnen.

Michael zuckte zusammen und blinzelte verwirrt, dann klärte sich sein Blick plötzlich. "Verzeiht, natürlich", sagte er und nickte Gregorius zu, der an seine Seite trat. "Gehen wir dort hinüber." Er deutete auf eine der Seitentüren.

"Also? Was gibt es?" fragte er, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.

William holte tief Luft und berichtete in knappen Sätzen, was sie herausgefunden hatten. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß sie nicht viel Zeit hatten. Gregorius hielt sich die ganze Zeit im Hintergrund, machte aber einen konzentrierten und überaus angestrengten Eindruck. Und solange er sich konzentrierte, war Michael völlig klar und präsent. In den kurzen Augenblicken jedoch, in denen dem Malkavianer vorübergehend die Kontrolle entglitt, verschleierte sich Michaels Blick, er wurde abwesend und schien nichts um sich herum richtig wahrzunehmen. Es ist schlimmer, als wir geglaubt hatten, dachte William erschüttert. Gregorius ist tatsächlich das einzige, was zwischen Michael und dem endgültigen Wahnsinn steht. Kein Wunder, daß Gregorius selbst beinahe vollkommen wahnsinnig ist.

"Das sind in der Tat unerfreuliche Neuigkeiten", stellte Michael fest, als William schwieg. "Wenn Caius tatsächlich etwas gegen uns vorhat, und danach sieht es aus, dann bedeutet das nichts Gutes. Er ist ein durchaus ernstzunehmender Gegner." Er seufzte.

"Leider sind wir im Moment in unserer Handlungsfähigkeit ebenfalls eingeschränkt", fügte Madeleine vorsichtig hinzu. "Morpheus' Fluch macht uns zu schaffen. Wir haben inzwischen erfahren, daß wir wohl in die Schattenwelt müssen, um ihn zu brechen."

"Die Schattenwelt", murmelte Michael nachdenklich. "Da habt Ihr Euch einiges vorgenommen."

"Es bleibt uns nichts anderes übrig, aber wir wissen zu wenig. Könnt Ihr uns vielleicht einen Hinweis geben, wo in der Stadt wir etwas erfahren können?"

"In Konstantinopel? Nirgends, fürchte ich. Es gibt etwas, das Euch helfen könnte, aber das findet Ihr nicht hier. Ein Buch... es wurde vor langer Zeit in Ägypten geschrieben und als Grabbeigabe benutzt. Deswegen hat man es das Totenbuch genannt - oder auch das Buch der Schatten. Ihr habt davon gehört?" fragte er, als er den Blick bemerkte, den William und Madeleine wechselten.

"Gehört, ja, aber wir wissen nichts über dieses Buch. Insbesondere nicht, wo wir es finden können."

Michael musterte sie nachdenklich. "Was ich Euch jetzt sage, darf diesen Raum nicht verlassen. Es ist etwas, das kaum noch jemand weiß. Ihr habt vielleicht von der großen Bibliothek gehört, einer wahren Schatzkammer des Wissens. Ich rede von der Bibliothek von Alexandria, die vor vielen hundert Jahren ausgebrannt ist. Die wenigsten wissen allerdings, daß die wirklich wichtigen Bücher fast komplett gerettet werden konnten. Sie existieren noch. Wenn ihr dort nachforscht, könnt Ihr vielleicht auch das Buch der Schatten finden." Er wischte sich müde mit der Hand über die Augen. "Mehr kann ich Euch dazu nicht sagen. Die andere Möglichkeit wäre natürlich, ohne diese zeitraubende Vorbereitung in die Schattenwelt zu gehen. Ich könnte Euch hinbringen, aber dort wärt Ihr auf Euch allein gestellt. Ob Ihr das Risiko eingehen wollt, müßt Ihr wissen." Für einen Moment war sein Blick völlig klar und ungetrübt. "Ich danke Euch für Eure Warnung. Jetzt solltet Ihr gehen. Ihr seht, daß derartige Gespräche anstrengend sind." Er sah traurig zu Gregorius hinüber, der mit gekreuzten Beinen und geschlossenen Augen stocksteif auf dem Boden saß. Feine Blutstropfen bedeckten die Stirn des Malkavianers wie Schweißperlen. "Ihr habt gesehen, in welchem Zustand ich ohne meinen treuen Weggefährten wäre. Caius wird vermutlich versuchen, das auszunutzen. Wir werden sehen, ob es ihm gelingt. Geht."

Die drei verneigten sich noch einmal und verließen schweigend den Palast. In der Villa angekommen, zogen sie sich ins Besprechungszimmer zurück.

"Keine guten Neuigkeiten", murmelte Madeleine. "Ägypten, um Himmels Willen. Allein da hinzukommen wird schon ewig dauern."

"Ein paar Nächte, mit einem schnellen Nordländer-Schiff", meinte Gwenhwyvar achselzuckend. "Wie lange wir dann allerdings dort brauchen würden, um dieses Buch zu finden, steht auf einem völlig anderen Blatt."

William ging ruhelos auf und ab. "Wir sollten uns wirklich überlegen, ob wir so lange warten wollen", meinte er. "Wenn wir schnell zuschlagen, können wir Morpheus vielleicht vernichten, ehe er in der Schattenwelt richtig Fuß gefaßt hat."

"Darüber sollten wir in der Tat nachdenken", stimmte Gwenhwyvar zu. "Vorher allerdings gibt es da noch andere Dinge zu klären. Nämlich unser Verhältnis zueinander."

William blieb stehen und sah sie fragend an. Vielleicht sollte ich euch beide allein lassen, damit ihr ungestört darüber reden könnt, schlug Madeleine in seinen Gedanken vor.

Nein, bleib hier, antwortete er. "Wie meinst du das?" fragte er Gwenhwyvar. "Was gibt es da zu klären?"

Gwenhwyvar zuckte die Schultern. "Das sollte offensichtlich sein. Du bist interessant für mich. Wenn wir weiter zusammenarbeiten, sollten alle Beteiligten wissen, auf welcher Grundlage das passiert."

Verstehst du das? fragte er Madeleine. Ich hatte eigentlich gedacht, die Sache wäre klar. Was will sie mir gerade sagen?

Sie will dir sagen, antwortete sie, daß sie etwas von dir will, und zwar mehr, als sie bisher bekommen hat. Sie will anscheinend, daß du dich entscheidest.

William wurde kalkweiß. Madeleine spürte Wut in ihm aufsteigen. Selbst Gwenhwyvar schien gemerkt zu haben, daß sie etwas falsches gesagt hatte.

"Was ist los?" fragte die Caitiff.

"Wir sollten ihn alleine lassen", erklärte Madeleine, nahm ihren Arm und zog sie aus dem Zimmer. Sie wußte genau, was in dem Ventrue gerade vorging. Diese Situation erinnerte ihn viel zu stark an das, was er gerade erst mit Elena durchgemacht hatte. Und Elena war eben sein wunder Punkt. Madeleine hielt es plötzlich nicht mehr im Haus aus. Das, was sie von William gerade mitbekam, war zu stark, sie mußte Abstand gewinnen. "Entschuldigt mich", murmelte sie, dann stürzte sie davon. Auch mit einer Hand bereitete es ihr keine Schwierigkeiten, aufs Dach zu kommen. Sie lehnte sich an einen Kamin, atmete tief durch und schloß die Augen.

Gwenhwyvar stand einen Moment lang verwirrt im Flur, dann beschloß sie, der Sache auf den Grund zu gehen. Sie ging zurück ins Zimmer, schloß die Tür hinter sich und lehnte sich dagegen. "Was soll das?" fragte sie.

William sah sie kalt an. "Ich wäre jetzt gern allein."

"Ich will zuerst wissen, was hier eigentlich los ist." Sie rührte sich nicht von der Stelle.

William versuchte, sie zur Seite zu drängen, um durch die Tür zu kommen, aber sie stand wie ein Fels. Dann eben nicht, dachte er, wirbelte herum und sprang durch das Fenster.

"Oh nein, das wirst du nicht tun", erklärte Gwenhwyvar und packte ihn, ehe er ganz draußen war. Sie riß ihn herum und drückte ihn gegen die Wand. "Du bist ziemlich leicht reizbar", bemerkte sie und beobachtete interessiert seine Befreiungsversuche. "Das ist eine Schwäche, die unsere Feinde gegen dich benutzen können. Und damit gegen uns alle."

"Laß mich los", fauchte er.

"Wenn du aufhörst, dich wie ein Verrückter zu benehmen und mit mir redest, gerne", erwiderte sie ungerührt.

Er holte tief Luft. "Also gut."

Sie warf einen prüfenden Blick auf ihn, dann nickte sie, trat zwei Schritte zurück und blieb mit verschränkten Armen stehen. "Ich höre."

"Du hast Elena gesehen", sagte er. Sie nickte. "Du weißt, daß wir verheiratet waren."

Gwenhwyvar hob eine Augenbraue. "Ich weiß von mindestens zwei Leuten, die der Meinung sind, daß ihr es immer noch seid."

Er zuckte die Schultern. "Wie auch immer. Ich hatte mir geschworen, sie niemals zu einer von uns zu machen. Ich habe es trotzdem getan. Das war auch eine Entscheidung, vor die ich gestellt wurde. Das vorhin hat mich etwas zu sehr an diesen Vorfall erinnert."

Gwenhwyvar schüttelte ungläubig den Kopf. "Das ist alles? Du verlierst derart die Kontrolle über dich wegen ein paar Worten?"

"Du scheinst bereits recht gut über uns Bescheid zu wissen", stellte er fest. "Ich habe den Eindruck, daß diese Provokationen nicht so ganz unabsichtlich sind."

"Ich versuche, unsere Schwachstellen herauszufinden, damit ich sie eliminieren kann", antwortete sie achselzuckend. "Du solltest wirklich etwas an deiner Beherrschung arbeiten. Wenn man dich derart leicht in Rage bringen kann, wirst du unvorsichtig. Leichte Beute für einen Gegner wie diesen Dämon."

"Vielleicht hast du recht", gab er zu. "Trotzdem solltest du das Thema für heute ruhen lassen."

"In Ordnung. Aber ich hätte trotzdem noch gerne eine Antwort auf meine Frage von vorhin." Er sah sie fragend an. "Wie ich schon sagte, ich finde dich interessant", erklärte sie. "Ich könnte mich ohne weiteres in dich verlieben. Ich weiß nicht, ob du das willst, oder ob du ein Problem mit einem derartigen... Dreieck hättest."

William spürte schon wieder Ärger in sich hochkochen, schaffte es aber, ruhig zu bleiben. Es war wirklich nicht nötig, nach allem nun auch noch das etwas komplizierte Verhältnis zwischen Madeleine, ihm selbst und Lord Baskerville zu diskutieren. Zumal die Caitiff das vermutlich auch wieder als "Schwachstelle" gesehen hätte. Gwenhwyvar hatte keine Ahnung, woran sie da rührte, und das war auch gut so.

Die Caitiff beobachtete ihn neugierig. "Also?" fragte sie schließlich, als offensichtlich schien, daß kein erneuter Wutausbruch folgen würde. "Was wählst du? Den Kuß der Liebenden, oder die Hand der Freundschaft?" Sie streckte ihm die Hand hin.

Er zögerte kurz, dann nahm er sie. Einen Moment lang standen sie da, dann ließ er ihre Hand los. "Und jetzt entschuldige mich bitte. Schwäche oder nicht, ich habe das dringende Bedürfnis, mich etwas abzureagieren. Und zwar draußen und alleine."

"Wie du willst", sagte sie, und gab die Tür frei.

 

Oben auf dem Dach sah Madeleine einen huschenden Schemen in der Nacht verschwinden. Sie hatte einen Teil dessen mitbekommen, was unten passiert war, sich aber nicht besonders darauf konzentriert. Eigentlich wollte sie es gar nicht wissen. Sie war viel zu sehr damit beschäftigt, das Chaos in ihrem Inneren zu sortieren. Seit die Caitiff aufgetaucht war und mit perfekter Präzision und sehr gezielt den Finger in jede offene Wunde legte, die sie entdecken konnte, war alles wieder einmal komplizierter geworden. Am meisten ärgerte sie sich allerdings über sich selbst. Sie wußte, daß William an Gwenhwyvar kein Interesse hatte, das Blut, das sie teilten, ließ keinen Zweifel. Trotzdem versetzte es ihr einen Stich, daß es der Caitiff so leicht gelungen war, ihn zu verführen. Madeleine saß auf dem Dach und überließ sich ihren Gedanken. Sie hatte keine Ahnung, wieviel Zeit vergangen war, als sie neben sich einen leisen Aufprall hörte und William an ihrer Seite saß. Er sah sie einen Moment schweigend von der Seite an, dann sagte er: "Du bist traurig. Was ist?"

Madeleine seufzte und überlegte, wie sie es ihm erklären sollte. Schließlich beschloß sie, ganz auf Worte zu verzichten. Sie öffnete ihren Geist und ließ ihn das ganze Durcheinander in ihrem Inneren spüren.

"Ich verstehe", sagte er schließlich. Er legte einen Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. "Du weißt, wem mein Herz gehört", sagte er leise.

"Ich weiß es", antwortete sie und legte den Kopf an seine Schulter.

"Wir sollten hineingehen", sagte er nach einer Weile. "Die Sonne wird bald aufgehen."

Sie nickte. "Keine Angst, ich habe nicht vor, mich einzuäschern. Laß uns schlafen gehen."

Er half ihr hoch und begleitete sie in ihr Zimmer. "Vielleicht sollte ich hierbleiben und aufpassen, daß du wirklich nicht noch einmal hinausgehst", sagte er und zwinkerte ihr zu.

Sie lächelte. "Vielleicht solltest du das", antwortete sie und schlüpfte unter die Decke.

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