Kapitel 17
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"Inquisitoren? Inkognito?" Lord William von Baskerville konnte es nicht glauben.

Madeleine nickte. "Das waren seine Worte."

"Das ist überhaupt nicht ihre Art. Gewöhnlich legen sie im Gegenteil sehr viel Wert darauf, daß jeder weiß, daß sie da sind. Die meisten Leute plagt bei ihrem Anblick sofort das schlechte Gewissen, das macht sie viel leichter zu handhaben. Furcht ist eine mächtige Waffe." William ging nachdenklich in der Bibliothek auf und ab.

Madeleine hob ratlos die Schultern. "Du warst selbst einmal einer, ich nehme an, du weißt, wovon du redest. Das war jedenfalls das, was Bruder Matthias mir sagte, und ich denke nicht, daß er mich angelogen hat. Warum sollte er auch." Sie warf ihm einen besorgten Blick zu. "Du solltest in jedem Fall vorsichtig sein, wenn du hinausgehst. Ich könnte mir vorstellen, daß sie nicht eben glücklich sind über einen Mann, der das Priestergewand abgelegt hat, um sich mit Kains Kindern einzulassen."

"Gut möglich." Er blieb stehen und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. "Und Werwölfe noch dazu... ich muß gestehen, daß ich praktisch nichts über sie weiß."

"Viel weiß ich auch nicht", gab sie zu. "Aber das wenige steht dir natürlich zur Verfügung. Hast du Fragen?"

Er strahlte sie an. "Oh ja", meinte er, und griff nach Feder und Tinte.

 

"Guten Abend, Mylady", sagte Mog mit einer tiefen Verbeugung, als Gwenhwyvar aus dem Blauen Salon trat. "Ich hoffe, das Gästezimmer war zu Eurer Zufriedenheit?"

"Völlig, danke. Würdet Ihr wohl Sir William und Lady Madeleine ausrichten, daß ich hier unten in der Bibliothek auf sie warte, wenn sie herunterkommen?"

Mog verneigte sich erneut. "Natürlich, Mylady."

Eine Stunde später betrat William die Bibliothek. Die Bücher, die hier unten aufbewahrt wurden, waren für alle Gäste des Hauses zugänglich und enthielten ausschließlich Dinge, die die Geschwister für ungefährlich hielten (was nicht bedeutete, daß die Kirche die Werke unbedingt gutgeheißen hätte). Hier standen hauptsächlich Schriften griechischer Dichter und Philosophen, was auch nicht weiter verwunderlich war, da Lord Baskerville die Bibliothek eingerichtet hatte. William fand Gwenhwyvar mit einer Kopie von Homers Ilias an einem der Lesepulte. Als er herankam, klappte sie das Buch zu und nickte ihm zu. "Guten Abend. Wo ist Madeleine?"

William neigte wie lauschend den Kopf zur Seite. "Im Blauen Salon, denke ich. Ihre Hand ist noch nicht völlig verheilt, das braucht einiges an vitae."

Gwenhwyvar schien unzufrieden. "Wir sollten möglichst heute Nacht noch losschlagen, wenn wir überhaupt einen Vorteil haben wollen", meinte sie.

William schüttelte den Kopf. "Ich denke nicht, daß es klug wäre, etwas zu unternehmen, solange Madeleine nicht ganz wiederhergestellt ist."

"Möglich", antwortete sie knapp. "Wie lange wird das noch dauern?"

Er hob die Schultern. "Keine Ahnung."

"Frag sie", meinte die Caitiff. "Man könnte glauben, die ganze Sache ginge sie nichts an", fügte sie ärgerlich hinzu. "Sie scheint sich überhaupt nicht darum zu kümmern."

William wußte, daß das nicht stimmte, hielt es aber für klüger, nicht darauf einzugehen. "Ich sehe nach ihr", erklärte er und ging.

 

Madeleine hatte Lord Baskerville schließlich in der privaten Bibliothek zurückgelassen, um sein neu erworbenes Wissen zu sortieren, und war nach unten ins Bad gegangen. Er hatte sie eine knappe Stunde lang sehr interessiert ausgefragt und bergeweise Notizen gemacht. Madeleine wußte aus Erfahrung, daß die Welt um ihn herum für die nächsten paar Stunden nicht zu ihm durchdringen würde. Sie war Francesca dankbar, die offenbar dafür sorgte, daß er wenigstens ab und zu etwas aß. Madeleine mußte unwillkürlich lächeln, als sie an Francesca dachte. Die kleine Auseinandersetzung neulich zwischen ihrer Bediensteten und James, als dieser unter dem Einfluß der Kräuter gestanden hatte, hatte offenbar ein Nachspiel gehabt. Es war jedenfalls sowohl Madeleine als auch William aufgefallen, daß ihre beiden Ghoule diese Angelegenheit anscheinend aus der Welt geschafft hatten und sich jetzt ausgesprochen gut verstanden. Warum nicht, dachte Madeleine und ließ sich mit einem leisen Seufzen ins warme Wasser gleiten. Ich gönne es ihnen, und wer kann ihnen einen Vorwurf daraus machen, wenn sie sich ihre Herrschaften zum Vorbild nehmen?

Es klopfte leise an der Tür. Natürlich wußte sie, wer draußen stand. Komm rein, dachte sie. Es entging ihr keineswegs, daß William nicht nur die Tür hinter sich schloß, sondern auch den Riegel vorlegte. Er kam zu ihr herüber und ging neben ihr am Rand des Steinbeckens in die Hocke.

"Es scheint dir besser zu gehen", bemerkte er.

Sie nickte und hob die Hand. Sie war bereits mehr als zur Hälfte nachgewachsen. "Es geht schneller, als ich gehofft hatte", erklärte sie und lächelte. "Vielleicht, weil ich gestern deine vitae zum Heilen benutzt habe."

Er erwiderte das Lächeln. "Was glaubst du, wie lange braucht sie, bis sie wieder richtig zu gebrauchen ist?"

Sie hob die Schultern. "Wenn es weiter so gut geht, morgen."

"Gut", meinte er und sah nachdenklich zu ihr herunter. "Ich glaube, ich könnte auch ein Bad vertragen", stellte er schließlich fest. "Hast du etwas dagegen, wenn ich hereinkomme?"

"Nicht im Geringsten", versicherte sie.

Einen Moment später war er neben ihr. Sie schien deutlich ruhiger zu sein als letzte Nacht, aber er spürte auch, daß das, was passiert war, ihr immer noch zu schaffen machte. Dagegen kann man vielleicht etwas unternehmen, dachte er, und küßte sie.

Als seine Lippen allmählich zu ihrem Hals hinunterwanderten, wußte sie, was er vorhatte. "Bis du sicher?" fragte sie leise.

"Ja", antwortete er nur. Und weil sie wußte, daß es stimmte, sagte sie nichts mehr, als er sie biß und ihr Blut trank.

 

"Eigentlich war ich ja gekommen, weil Gwenhwyvar mich gebeten hatte, dich zu fragen, wann deine Hand wieder in Ordnung sein wird", meinte er gegen Mitternacht.

Madeleine lächelte. "Das hast du doch."

"Stimmt", antwortete er und grinste. "Ich glaube allerdings nicht, daß sie damit gerechnet hat, fast drei Stunden auf eine Antwort warten zu müssen." Er küßte sie. "Aber es gab nunmal wichtigeres zu tun."

Sie strich ihm über die Wange. "Das ist richtig. Aber ich denke, allmählich sollten wir nach ihr sehen. Sie ist ohnehin nicht besonders gut auf mich zu sprechen."

Er zuckte die Schultern. "Sie glaubt, du wärst eifersüchtig."

"Dazu habe ich keinen Grund." Sie sah ihn an. "Und jetzt schon gar nicht mehr."

 

"Lady Gwenhwyvar ist gegangen, Sir", erklärte Mog auf Williams Frage. "Sie hat ungefähr eine halbe Stunde in der Bibliothek auf Euch gewartet, dann ist sie zurück zum Elysium. Ich soll Euch ausrichten, sie würde noch ein paar Nachforschungen anstellen und möchte nur in wirklich dringenden Fällen dabei gestört werden."

William wechselte einen Blick mit Madeleine. "Sie scheint Informationsquellen zu haben, von denen wir nichts wissen", meinte er.

"Den Eindruck hatte ich auch schon", sagte sie und nickte Mog zu. "Danke." Der Ghoul verneigte sich und zog sich zurück.

"Und was stellen wir inzwischen an?" fragte William.

"Ich habe da ja noch dieses Problem mit meiner Nachfolge", antwortete sie. "Bisher hatte ich noch kaum Zeit, mich nach geeigneten Kandidaten umzusehen. Das wäre vielleicht eine Gelegenheit. Begleitest du mich?"

"Wenn du möchtest, gerne."

"Danke", sagte sie und sah zu Boden. "So ungern ich das auch zugebe, aber ich fürchte, ich kann im Moment nicht wirklich gut auf mich selbst aufpassen. Nicht mit anderthalb Händen und ohne meine Schatten."

"Kein Problem", sagte er und verneigte sich. "Euer Leibwächter steht zu Eurer Verfügung, Mylady."

Sie lächelte. "Gut." Dann fiel ihr etwas ein. "Übrigens, was ich dich noch fragen wollte, hast du etwas dagegen, wenn ich mir James ausborge? Nicht für mich", fügte sie hinzu, als sie seinen erstaunten Gesichtsausdruck sah.

"Am besten erklärst du ihm selbst, was du von ihm willst", meinte er, holte tief Luft und brüllte: "James!"

Es dauerte einen Moment, dann erschien der Söldner in der Halle. "Ihr habt gerufen, Sir?"

"In der Tat", sagte William und nahm ihn am Arm. "Begleite uns doch kurz nach draußen."

Sie gingen hinaus ins Atrium und entfernten sich ein paar Schritte von der Tür. Dann sagte William: "Lady Madeleine hat ein Anliegen."

Die Lasombra nickte. "So ist es. Es geht allerdings nicht um mich, sondern um Francesca. Sie ist oft in meinem Auftrag in der Stadt unterwegs, und es sind gefährliche Zeiten. Du weißt, daß ich sie sehr schätze, und es wäre wirklich überaus traurig, wenn ihr etwas zustoßen würde. Und leider weiß sie nicht einmal, an welchem Ende man ein Schwert anfaßt."

James grinste in sich hinein. "Seid Euch da nicht so sicher", murmelte er.

"Ich wollte dich bitten, ihr Unterricht zu geben", fuhr Madeleine fort. "Ich denke, du hast ein mindestens ebenso großes Interesse daran wie ich, daß sie sich verteidigen kann."

James sagte nichts, aber sein Grinsen wurde breiter.

"Du hast schon damit angefangen", erkannte Madeleine, und grinste nun ebenfalls. "Sehr gut. Mach weiter damit."

James verneigte sich. "Sehr wohl, Mylady. Wäre das alles?"

"Nicht ganz", schaltete William sich jetzt ein. "Du warst heute abend nicht zum Bericht da."

"Nun ja, Ihr habt, Verzeihung, Ihr habt in Myladys Zimmer geschlafen, da dachte ich, Ihr hättet Francescas Bericht für sie mitbekommen." James wirkte ein wenig verlegen.

"Habe ich nicht, da Mylady vor mir wach wird", erklärte William. "Im Übrigen entbindet dich das nicht von deinen Aufgaben." Er zwinkerte James zu. "Für Francesca hast du tagsüber Zeit, mein Lieber."

Der Ghoul wurde tatsächlich ein wenig rot. "Jawohl, Sir."

William nickte ihm zu. "Gut, dann kannst du gehen." Er konnte sich ein leicht anzügliches Grinsen nicht verkneifen. "Viel Spaß noch."

James zog es vor, darauf nicht näher einzugehen, verbeugte sich, und verschwand.

William sah Madeleine an. "Jagen?"

"Jagen", stimmte sie zu.

 

"Schlechte Zeiten", seufzte Madeleine, als sie kurz vor Sonnenaufgang zur Villa zurückkamen.

William nickte. "Du bist allerdings auch ziemlich wählerisch", meinte er.

Sie zuckte die Schultern. "Ich habe eben Ansprüche", erwiderte sie und zwinkerte ihm zu. "Ich gebe mein Blut nicht jedem Dahergelaufenen. Jedenfalls nicht öfter als einmal."

Er verbeute sich übertrieben. "Mylady, ich fühle mich geehrt." Er sah sie fragend an. "Dein Zimmer oder mein Zimmer?"

Sie lächelte. "Laß es uns unseren Ghoulen nicht zu einfach machen", meinte sie und öffnete seine Tür.

 

"Guten Abend, die Herrschaften. Willkommen im Elysium." Es war der selbe Ghoul wie beim ersten Mal, der vor der Tür stand, und er begrüßte sie mit den selben Worten. William ließ ihn seine Warnung bezüglich der Friedenspflicht zu Ende bringen, dann fragte er nach Gwenhwyvar. Der Ghoul nickte. "Ich werde Mylady ausrichten lassen, daß Ihr hier seid." Er führte die beiden wieder in den Empfangsraum und ließ sie allein. Kurz darauf trat Gwenhwyvar ein.

"Gut, daß ihr hier seid, ich habe einiges herausgefunden. Laßt uns nach oben in mein Zimmer gehen, da sind wir mit Sicherheit ungestört."

Die Caitiff führte sie durchs Haus, und Madeleine bemerkte, daß sie offenbar darauf bedacht war, unterwegs niemandem zu begegnen. Eine vernünftige Sicherheitsmaßnahme, dachte sie, angesichts der Ventrue, die sich hier eingenistet hatten. Gwenhwyvars Gemächer erwiesen sich als ähnlich großzügig und elegant wie der Empfangsraum. Ein paar Ghoule waren unterwegs, zogen sich aber diskret zurück, als ihre Herrin mit ihren Gästen eintrat.

"Ich habe einige Neuigkeiten", erklärte Gwenhwyvar. Sie zog eine Schriftrolle aus dem Ärmel. "Das hier ist die Abschrift eines Rituals, das den Übergang in die Schattenwelt ermöglicht."

William und Madeleine wechselten einen überraschten Blick. "Wo hast du das denn gefunden?"

"In einem Buch. Es wurde von einem Lasombra namens Magnus geschrieben."

"Magnus!" rief Madeleine erstaunt. "Dieses Buch würde ich mir gerne einmal ansehen."

"Ich habe es nicht. Und ich habe dem Besitzer versprechen müssen, seine Identität nicht preiszugeben."

William sah nachdenklich auf die Schriftrolle. "Vielleicht könntest du den Besitzer wissen lassen, daß wir an diesem Buch interessiert sind", schlug er vor. "Möglicherweise kann man ja mit ihm verhandeln."

"Möglicherweise", meinte sie. "Das Ritual durchzuführen wird mich vermutlich etwa zwei Stunden kosten. Ich würde vorschlagen, daß wir alles nötige besorgen und uns auf den Weg machen."

"Waffen", murmelte William. "Wir brauchen vor allem vernünftige Waffen, mit bloßem Stahl können wir gegen den Dämon vermutlich nicht allzuviel ausrichten."

"In dem Buch war eine Legierung beschrieben, die gegen alle möglichen übernatürlichen Wesen wirkt", sagte Gwenhwyvar. "Außerdem kannte Magnus offenbar einen Magier, der in der Lage ist, diese Substanz herzustellen oder zumindest zu verarbeiten. Er hat einen Laden am Goldenen Tor, da sollten wir uns unbedingt einmal umsehen." Sie sah Madeleine an. "Wie geht es deiner Hand?"

Madeleine hob die rechte Hand und bewegte die Finger. "Wie neu."

"Gut. Dann sollten wir uns ausrüsten und keine Zeit mehr verlieren."

 

Der Laden entpuppte sich als unauffälliges kleines Haus in einer Seitenstraße in der Nähe des Stadttors. Man schien hier auf ungewöhnliche Kundschaft eingerichtet zu sein; trotz der späten Stunde brannte drinnen ein Licht, und die Tür war offen. Die drei traten ein und sahen sich um. Drinnen herrschte ein ziemliches Durcheinander an allen möglichen Dingen: Waffen, Rüstungen, Kleidung, Schmuck. Und nichts davon war gewöhnlich. Beim genaueren Hinsehen war jeder einzelne dieser Gegenstände von einem mehr oder weniger deutlichen Funkeln umgeben. Madeleine hatte noch nie soviel Magie auf einem Fleck gesehen.

"Willkommen in meinem Geschäft", erklang eine angenehme Stimme aus dem hinteren Teil des Ladens. Ein junger Mann trat zwischen zwei Regalen hervor und musterte die Kainiten neugierig. Madeleine war ziemlich sicher, daß er sie auf Anhieb als das erkannte, was sie waren. Es schien ihn aber nicht sonderlich zu beunruhigen. Ein Blick auf eine Aura verriet auch, wieso. Wie sie erwartet hatte, war der Mann ein Magier, und es war auch durchaus möglich, daß er nicht ganz so jung war, wie er aussah. "Kann ich den Herrschaften irgendwie behilflich sein?" fragte er.

William sah sich um und zögerte. "Ihr habt hier ein durchaus interessantes Angebot", sagte er vorsichtig.

Der Magier nickte. "Ich verstehe. Einen Augenblick." Er sah zur Tür und machte eine seltsame Handbewegung. Die Tür schloß sich, und einen Moment später erschien ein verschlungenes Symbol darauf, das schwach leuchtete. "Das Zeichen ist von außen unsichtbar, und sorgt dafür, daß niemand von draußen hereinkann oder hören kann, was hier gesprochen wird", erklärte er. "Es ist Euch selbstverständlich jederzeit möglich, das Haus zu verlassen. Das Siegel wirkt nur in die andere Richtung." Er sah von einem zum anderen. "Und jetzt - womit kann ich Euch dienen?"

William wechselte einen Blick mit Gwenhwyvar. "Waffen", erklärte die Caitiff knapp. "Mir ist zu Ohren gekommen, daß Ihr eine bestimmte Legierung verarbeiten könnt, aus der man... ungewöhnliche Waffen herstellen kann. Solche, mit denen man ungewöhnliche Gegner bekämpfen kann."

Das Ladenbesitzer hob eine Augenbraue. "Ich glaube, ich weiß, was Ihr meint. Das wird nicht billig werden. Um genau zu sein, Ihr fragt gerade nach dem mit Abstand teuersten, was mein Geschäft zu bieten hat."

"Also habt Ihr, wonach wir suchen", stellte William fest.

"Ich denke schon. Über den Preis müßte man sich natürlich einig werden. Und dann ist da noch etwas", fügte er hinzu. "Wenn ich mit Euch Geschäfte mache, möchte ich wissen, mit wem ich es zu tun habe. Ich möchte Eure Namen wissen."

Die drei stellten sich vor. Der Magier nickte und musterte Madeleine. "Vom Clan Lasombra, wie ich vermute?"

Sie neigte den Kopf. "Ihr habt ein scharfes Auge." Es gab genug polierte Oberflächen im Laden, daß das Fehlen ihres Spiegelbilds auffallen konnte. Die meisten Menschen hätten es vermutlich trotzdem nicht bemerkt.

Der Ladenbesitzer schien zufrieden. "Ich kann Euch leider nicht erlauben, jede einzelne meiner Klingen auszuprobieren. Aber ich denke, ich werde für jeden von Euch das passende finden. Folgt mir bitte." Er führte sie in den hinteren Teil des Ladens, wo verschiedene Waffen an der Wand hingen. Einige von ihnen bestanden offenbar nicht aus Stahl. Die Klingen hatten einen seltsamen, bläulichgrünen Schimmer, der anscheinend nicht nachträglich aufgetragen worden, sondern eine Eigenschaft des Materials selbst war. Der Magier betrachtete die Auslagen und legte nachdenklich einen Finger an die Lippen. "Hmm... das hier könnte das Richtige für Mylady sein." Er nahm ein Sarazenenschwert aus der Halterung und legte es vor Gwenhwyvar auf den Tisch.

Die Caitiff schien durchaus angetan. "Darf ich?" fragte sie und deutete auf das Schwert.

"Bitte."

Gwenhwyvar nahm die Klinge auf und wog sie prüfend in der Hand. "Hervorragend", mußte sie zugeben.

Der Magier betrachtete inzwischen Williams Katana. "Ich fürchte, mit einer japanischen Klinge kann ich Euch nicht dienen", meinte er. "Ich habe allerdings ein Schwert in der Art, wie sie in Cathay üblich sind, das könnte Euch ebenfalls liegen." Er nahm ein schlankes Langschwert mit gerader, einseitig geschliffener Klinge und legte es vor William hin. "Was haltet Ihr davon?"

William betrachtete das Schwert, dann nahm er es fast zögernd auf. Er probierte einige Schläge, dann nickte er. "Ihr habt in der Tat ein gutes Auge", bemerkte er.

Der Magier nahm das Kompliment mit einem leisen Lächeln zur Kenntnis und wandte sich an Madeleine. "Ihr seid keine Schwertkämpferin", stellte er fest, und legte einen Dolch vor sie. Griff und Knauf waren recht einfach gehalten, aber die Klinge war auf eine sehr unangenehme Art gezackt. Sie wirkte schön und fast filigran, aber Madeleine war sicher, daß sie ziemlich häßliche Wunden reißen konnte.

"Gut zu verbergen, aber effektiv." Sie nickte dem Magier zu. "Eine gute Wahl, denke ich."

"Gut", meinte er. "Wenn die Herrschaften zufrieden sind, sollten wir zum Geschäft übergehen." Er nannte einen Preis für die drei Klingen, bei dem die Kainiten erst einmal heftig schlucken mußten.

Dann nickte William. "Ein stolzer Preis, aber ich denke, das können wir aufbringen. Wir brauchen die Waffen nun einmal."

"Es ist schon merkwürdig, daß ich innerhalb von drei Wochen zweimal nach diesen Waffen gefragt werde..." murmelte der Magier wie zu sich selbst, dann schien er sich zusammenzureißen und sah die drei an. "Es gäbe eventuell eine Möglichkeit, einen Teil des Preises anders als in Gold zu zahlen. Mir ist da jemand aufgefallen, ein Mann, der in diesem Haus wohnt, das bis vor ein paar Monaten seltsamerweise niemand so recht bemerkt hat." Er warf William und Madeleine einen bedeutungsvollen Blick zu. "Ich habe ihn gelegentlich auf der Straße gesehen, und er hatte meist recht interessante Dinge dabei. Er scheint so ziemlich alles besorgen zu können."

Mog, meinte Madeleine zu William.

"Wenn dieser Mann mit seinem offenbar beachtlichen Organisationstalent ein paar Besorgungen für mich erledigen könnte", fuhr er fort, "dann wäre ich bereit, Euch die Hälfte des Preises nachzulassen."

Das könnte schwierig werden, hörte sie William in ihren Gedanken. Mog ist nicht unser Ghoul.

Madeleine nickte ihm zu. "Im Prinzip ist das ein sehr interessanter Vorschlag", sagte sie. "Allerdings können wir Euch dazu keine verbindliche Zusage geben. Der Mann, den Ihr meint, steht nicht in unseren Diensten. Wir müßten das erst mit der Person klären, der er dient."

Der Magier hob die Schultern. "Dann tut das. Schickt ihn einfach morgen mit dem Gold hierher, und mit einer Antwort." Er schien keinerlei Sorge zu haben, daß die drei ihn übervorteilen und sich ohne zu zahlen mit den Klingen absetzen könnten. Das, dachte Madeleine, wäre vermutlich auch wirklich nicht ratsam. "In Ordnung. Da wir uns soweit offenbar einig sind - gibt es noch etwas, das ich für die Herrschaften tun kann?"

 

Es war schon kurz vor Sonnenaufgang, als sie wieder an der Villa ankamen. Gwenhwyvar hatte sich alles nötige besorgt, um das Ritual durchführen zu können, und war dann ins Elysium zurückgekehrt. Sie hatte erklärt, ihre Ghoule nicht zu lange allein lassen zu wollen; offenbar traute sie den im Elysium herumwimmelnden Ventrue nicht. Sie würde morgen gleich nach dem Aufwachen zur Villa kommen und mit dem Ritual beginnen.

"Ich kann mir nicht helfen", meinte Madeleine kurz vor dem Einschlafen. "Ich habe ein sehr schlechtes Gefühl bei der Sache."

William zuckte die Schultern. "Ich auch, aber was bleibt uns anderes übrig?" Er gähnte. "Wenn alles gut läuft, sind wir morgen um diese Zeit diesen Fluch los."

Sie seufzte. "Ich weiß nicht... glaubst du tatsächlich, daß es so einfach sein wird?"

Sie bekam keine Antwort. William war bereits eingeschlafen.

 

"Gwenhwyvar ist schon hier", sagte Madeleine am nächsten Abend, als William aufwachte. Er nickte verschlafen, aber ehe er antworten konnte, klopfte es kräftig an der Tür.

"Herein", sagte William. Die Tür öffnete sich, und James marschierte herein.

"Guten Abend, Sir. Mylady." Er nickte Madeleine zu, dann wandte er sich wieder an seinen Herrn. "Der Bericht, Sir", erklärte er mit undurchdringlicher Miene. Madeleine mußte sich ein Schmunzeln verbeißen. James schien fest entschlossen zu sein, eine Zurechtweisung wie letzte Nacht nicht noch einmal einstecken zu müssen, und lieferte seinen Bericht förmlich, korrekt und ohne mit der Wimper zu zucken ab. Außer Gwenhwyvars Ankunft gab es ohnehin nichts Neues. Die Caitiff war schon unten im Empfangsraum mit den Vorbereitungen für das Übergangsritual beschäftigt. Da die drei beschlossen hatten, ihre Pferde mitzunehmen, war ein deutlich größerer Kreis vonnöten, und es würde eine Weile dauern, ihn anzulegen.

"Danke, du kannst dich zurückziehen", sagte William, als sein Ghoul fertig war. Der verbeugte sich und ging. William seufzte. "Viel Zeit haben wir nicht. Wenn Gwenhwyvar fertig ist, müssen wir auch soweit sein."

"Ja, es ist schade", stimmte sie zu. "Aber wir haben Zeit genug." Sie sah ihn an. "Laß es uns vollenden." Und während draußen die Sonne unterging, tauschten sie den dritten Schluck vitae, der den Pakt endgültig besiegelte.

 

"Ah, da seid ihr ja." Gwenhwyvar richtete sich auf und wischte Kreidestaub von ihren Händen. Der Kreis auf dem Boden war zu etwa drei Vierteln fertig. "Ich bin besser vorangekommen, als ich dachte", erklärte die Caitiff. "Ich denke, in einer halben Stunde können wir. Wenn ihr noch etwas vorzubereiten habt, solltet ihr euch beeilen."

William nickte und betrachtete den Kreis. "Können wir dir irgendwie helfen?"

"Ihr könnt mir aus dem Weg gehen und meine Konzentration nicht stören", meinte sie, und griff nach einem neuen Stück Kreide.

William und Madeleine wechselten einen Blick, dann hob die Lasombra die Schultern. Ich habe in der Tat noch etwas zu erledigen, teilte sie William mit. Ich bin rechtzeitig wieder hier.

 

Madeleine konnte es kaum glauben: William von Baskerville schlief. Aus alter Gewohnheit hatte sie zuerst oben in der Bibliothek, dann im Arbeitszimmer nach ihm gesehen. Erst, als sie ihn da nicht gefunden hatte, war sie zu seinem Zimmer gegangen. Auf ihr leises Klopfen hatte niemand geantwortet, aber als sie vorsichtig die Tür öffnete, sah sie, daß er im Bett lag. Sie trat an ihn heran und berührte vorsichtig seine Schulter. Er war sofort wach.

"Es tut mir leid, daß ich dich wecken muß", sagte sie leise.

Er lächelte. "Du darfst mich jederzeit wecken, das weißt du doch."

Sie seufzte. "Normalerweise würde ich es nicht tun, du schläfst ohnehin zu wenig. Aber ich wollte mich von dir verabschieden."

Das weckte ihn vollständig. "Was?" Er saß aufrecht im Bett und starrte sie an.

Sie strich ihm übers Haar. "Der Fluch, du weißt doch. Wir müssen in die Schattenwelt, um ihn zu brechen, und wir werden heute Nacht gehen. Gwenhwyvar bereitet gerade das Ritual für den Übergang vor."

"Ich würde gern mitkommen und dich beschützen", erklärte er.

Sie schüttelte den Kopf. "Ich weiß. Aber es wird schon für uns schwierig genug werden. Ich fürchte, daß es für dich noch gefährlicher sein wird. Ich will nichts riskieren."

"Ich habe befürchtet, daß du das sagen würdest", murmelte er. "Aber ich habe hier noch etwas für dich." Er schwang sich aus dem Bett und nahm etwas aus einer Truhe. "Hier. Aber sei vorsichtig damit." Er reichte ihr eine winzige Phiole, kaum größer als ihr kleiner Finger, und sorgfältig verschlossen.

"Was ist das?" fragte sie und betrachtete die Flüssigkeit darin.

"Ein Gift, oder zumindest so etwas ähnliches. Wenn man eine Waffe damit bestreicht, kann sie allem Übernatürlichen ziemlich unangenehm werden. Man kann es auch werfen, aber in dem Fall tu mir bitte den Gefallen auch zu treffen. Es hat drei Tage gedauert, das herzustellen."

Madeleine staunte. "Du hast drei Tage dafür gearbeitet?"

Er nickte. "Übrigens solltest du damit nicht in Berührung kommen, wenn du in deiner anderen Gestalt bist. Dann ist es doppelt gefährlich für dich." Er lächelte grimmig. "Das sollte genau das richtige für euren Freund sein."

Madeleine wickelte die Phiole vorsichtig in ein Stück Stoff und verstaute sie in einer Tasche aus gehärtetem Leder, die sie am Gürtel trug. "Danke", sagte sie.

"Wenn ich dich schon nicht selbst begleiten kann..." Er seufzte. "Paß auf dich auf", bat er.

"Immer", versprach sie, und küßte ihn.

 

Die Schatten flüsterten überall um sie herum. Der Kreis war bereit, und nicht nur Madeleine spürte die Nähe der Schattenwelt. Sie zwang sich, nicht zu genau hinzuhören; sie wußte, wie gefährlich das war. Normalerweise hätte sie die Nähe der Schatten begrüßt und genossen, aber Morpheus' Fluch hatte alles verändert. Die, die ihr früher gedient hatten, waren jetzt ihre Feinde, und was sie früher hatte beherrschen und nach ihrem Willen formen können, war jetzt feindlich und bedrohlich. Die Lasombra unterdrückte ein Schaudern und trat an den Kreis. Während Gwenhwyvar die letzten Worte des Rituals sprach, spürte sie, wie sich eine Kraft aufbaute. Langsam, ganz langsam entstand vor jedem der drei ein waberndes schwarzes Feld, das allmählich größer wurde und sich zu einem Torbogen formte. Ohne zu zögern traten William und Gwenhwyvar darauf zu und hindurch. Madeleine wollte folgen - und prallte entsetzt zurück, als sich vor ihren Augen eine Gestalt formte. Es dauerte einen Moment, ehe die Lasombra in der Gestalt ihr eigenes Spiegelbild erkannte; zu lange schon hatte sie es nicht mehr gesehen. Das Gesicht ihres Ebenbilds verzog sich zu einem höhnischen Grinsen. "Die Schatten werden dich vernichten", wisperte es mit Morpheus' Stimme. Sie spürte, wie Angst nach ihr griff und sie lähmte.

William, hilf mir, dachte sie, aber der Ventrue hatte sein Portal schon durchschritten und war nicht mehr auf dieser Welt. Madeleine biß die Zähne zusammen. "So leicht wirst du mich nicht los, Morpheus", murmelte sie, dann nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und machte einen Schritt nach vorn.

Im nächsten Moment wurde sie von einem harten Schlag getroffen und davongeschleudert. Schemenhaft konnte sie William, Gwenhwyvar und die Pferde um sich herum erkennen, die wie Spielzeuge herumgewirbelt wurden. Sie konnte nicht richtig sehen, alles um sie herum war grau und verschwommen, oben und unten nicht auseinanderzuhalten. Zusammenbleiben, war ihr einziger Gedanke. Sie durften sich nicht verlieren, sonst fanden sie einander womöglich nie wieder.

Madeleine hätte nicht sagen können, wie lange sie fielen. Schließlich gab es einen heftigen Aufprall, dann war alles ruhig. Benommen blieb sie einen Moment lang liegen, dann öffnete sie die Augen. Neben ihr rappelte sich William gerade hoch und sah sich verwirrt um. Auf der anderen Seite rührte sich Gwenhwyvar, und auch die Pferde waren anscheinend unversehrt angekommen.

"Was war das?" fragte William und klopfte Erde von seinen Kleidern.

"Ich würde sagen", antwortete Gwenhwyvar und spie einen Grashalm aus, "daß euer Haus auf dieser Seite auch existiert. Nur haben wir hier keinen Zutritt dazu. Es hat uns abgewiesen und weggeschleudert. Daran hätte ich denken sollen."

"Wo sind wir hier überhaupt gelandet?" fragte Madeleine und musterte die Umgebung. Sie standen am Rand eines Waldes, der sich auf den ersten Blick nicht weiter von dem unterschied, was sie gewöhnt waren. Auf den zweiten Blick jedoch konnte sie erkennen, daß hier alles, sogar totes Holz und Steine, von einer Aura umgeben war. Das Licht um sie herum war seltsam, grau und trüb, wie Dämmerung oder das Zwielicht vor einem Gewitter, aber es war unmöglich, zu sagen, ob es hier immer so aussah, oder auch nur zu raten, welche Tageszeit gerade war. Und dann der Himmel. Bleigrau wölbte er sich über ihnen, von merkwürdigen Schlieren durchzogen. Die Sonne war nicht einmal andeutungsweise zu erkennen, und woher das Licht kam, konnten die drei nicht einmal ahnen. Es war totenstill; nur von den leicht beunruhigten Pferden kam ein leises Schnauben. In einiger Entfernung, vielleicht eine halbe Stunde zu Pferd, sahen sie eine Stadt. Kein Zweifel, das war Konstantinopel. Einzelne Lichtpunkte markierten erleuchtete Fenster, in weiter Ferne war das Meer zu sehen.

"Ich werde euch tarnen, wenn ihr wollt", erklärte Gwenhwyvar. Kurz darauf standen da, wo gerade William und Madeleine gewesen waren, ein Söldner mit seinem Herrn, einem Ritter. Madeleine bewegte sich etwas unbehaglich, sie mußte sich mit Gewalt daran erinnern, daß sie als Mann getarnt war. William grinste sie an.

"Zu Diensten, Mylord", sagte er mit einer spöttischen Verbeugung.

Madeleine brummte irgendetwas wenig schmeichelhaftes in sich hinein. "Gehen wir", sagte sie.

"Ihr geht", sagte Gwenhwyvar ruhig.

William sah sie erstaunt an. "Wie bitte?"

"Mir gefällt nicht, wie die Dinge in den letzten Nächten gelaufen sind", erklärte die Caitiff. "Ich bin mir nicht sicher, ob ich euch wirklich noch trauen kann. Deswegen werdet ihr alleine nach Morpheus suchen müssen. Ich werde euch nicht begleiten."

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