Kapitel 18
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"Würdest du das bitte noch einmal wiederholen?" fragte William mit erzwungener Ruhe. Madeleine konnte auch nicht glauben, was sie da gerade gehört hatte.

Gwenhwyvar schien völlig unbeeindruckt. "Ich weiß nicht, ob ich euch beiden wirklich trauen kann", sagte sie ruhig. "Ich hatte in den letzten Nächten nicht gerade das Gefühl, als würdet ihr euch ernsthaft darum kümmern, wie wir Morpheus loswerden. Während ich die Informationen beschafft habe, habt ihr euch anderweitig beschäftigt. Und deswegen seid ihr jetzt am Zug. Ich habe meinen Teil getan, ich werde hier warten." Damit verschwand sie vor ihren Augen.

Sie muß wahnsinnig geworden sein, erklärte Madeleine, die sicher war, daß die Caitiff noch in der Nähe war.

Ich habe auch keine Ahnung, was das plötzlich soll, mußte William zugeben. Ich dachte eigentlich, wir hätten alle Differenzen beseitigt.

Den Eindruck hatte ich vorhin auch noch. Und sie hat sich wirklich einen hervorragenden Zeitpunkt ausgesucht, um ihn zu widerlegen.

Dann können wir nur hoffen, daß sie uns nicht hier hängenläßt, meinte William düster. Immerhin ist sie diejenige, die das Ritual für den Übergang beherrscht.

Darüber können wir uns Gedanken machen, wenn es soweit ist. Vorerst haben wir hier etwas zu erledigen. Madeleine zuckte die Schultern und schwang sich auf ihr Pferd. "Laß uns in der Vorstadt anfangen. Wir sollten erst etwas mehr über die Verhältnisse hier herausfinden, ehe wir uns in die Stadt selbst wagen."

Sie ritten langsam in Richtung der Vorstadt los. Keiner von beiden bemerkte Gwenhwyvar, die ihnen unsichtbar folgte.

 

"Da vorne scheint eine Taverne zu sein." Madeleine zügelte ihr Pferd und sah die Straße hinunter. Auf den ersten Blick sah hier alles wie gewohnt aus, die Straße hätte genausogut in einem der Vororte von Konstantinopel liegen können, wie sie es beide kannten. Und doch war gleichzeitig alles anders. Das trübe Licht hatte sich nicht verändert, seit sie angekommen waren. Es schien von überall her zu kommen und war nicht einmal stark genug, daß irgendetwas darin wirklich Schatten geworfen hätte. Ein paar Leute waren auf den Straßen unterwegs. Auch sie sahen eigentlich fast wie normale Menschen aus - und doch auch wieder nicht. Madeleine hätte nicht sagen können, worin die Unterschiede bestanden, aber irgendwie fühlte sie sich unbehaglich. Einige der Passanten hatten Lampen dabei. Das Licht, das darin brannte, schien nicht von einer Flamme zu kommen. Madeleine hatte auch den Eindruck, als wäre den Trägern das Licht ihrer eigenen Laternen unangenehm, aber sie schienen darauf angewiesen zu sein.

Die Straße mündete in einen kleinen Platz, und in der Tat befand sich dort eine Taverne und daneben ein Stall. "Hier ist ja einiges los", bemerkte William. Plötzlich stutzte er. "Merkst du das auch?" Er sah mit gerunzelter Stirn zum Stall hinüber.

Madeleine sah ihn fragend an. "Nein, was ist?"

"Ich habe ein merkwürdiges Gefühl bei dem Stall da drüben. So, als wären da drin keine normalen Pferde." Er strich Goliath beruhigend mit der Hand über den Hals. Das Streitroß schien nervös zu sein. Madeleines Schimmel hingegen war die Ruhe selbst.

Die Taverne war offenbar gut besucht. Während die beiden noch beobachteten, betraten etliche Gäste das Haus. Einer von ihnen fiel Madeleine auf. Seine Aura hatte etwas merkwürdiges, eine Ahnung von Macht, die ihr einen Schauer über den Rücken jagte, aber ehe sie etwas genaueres erkennen konnte, war der Mann in der Taverne verschwunden. "Hast du den gesehen?" fragte sie William. "Vermutlich nicht", beantwortete sie gleich darauf ihre eigene Frage, als sie bemerkte, wie der Ventrue anerkennend die wohlgeformten Beine einer ausgesprochen hübschen Zigeunerin musterte, die sich vor der Taverne gerade mit ihrem störrischen Maultier herumplagte. Schließlich band sie das Tier draußen an und verschwand ebenfalls nach drinnen. Madeleine hob eine Augenbraue. "Ich denke, du wirst nichts dagegen haben, wenn wir auch hineingehen", bemerkte sie anzüglich.

Er grinste. "Keine Sorge, ich habe nicht vergessen, warum wir hier sind."

Sie ritten langsam auf den Stall zu. Als sie fast angekommen waren, traten zwei Männer heraus und kamen auf sie zu, offenbar in der Absicht, sich um die Pferde zu kümmern. Wir sollten die beiden draußen lassen, meinte Madeleine.

Goliath wird nicht ohne Grund so nervös sein, stimmte William zu.

Madeleine richtete sich ein wenig im Sattel auf und warf den beiden Männern einen kühlen Blick zu. Die verstanden sofort und zogen sich wieder zurück.

Denk daran, daß ich dein Diener bin, erinnerte William sie. Er schien sich darüber zu amüsieren.

Wie könnte ich das vergessen, gab sie zurück, schwang sich aus dem Sattel und warf ihm mit gespielter Nachlässigkeit die Zügel zu.

 

Gwenhwyvars Tarnung war perfekt. Sie war absolut sicher, daß weder Madeleine noch William sie erkannt hatten. Und das, obwohl der Ventrue sie interessiert genug betrachtet hatte, bevor sie die Taverne betreten hatte.

Die Caitiff sah sich um. In der Taverne tobte das Chaos. Die Kneipe diente offenbar nebenbei auch noch als Posten der Stadtwache (oder was auch immer man hier anstelle einer Stadtwache hatte). Das machte aber überhaupt keinen Eindruck auf die Leute, die in der Schankstube gerade in eine Massenschlägerei verwickelt waren. Die anwesenden Wachen schienen das Durcheinander auch eher gelassen zu nehmen. An einem Tisch in der Ecke saß ein hochgewachsener Mann, der eine Art Autoritätsperson zu sein schien, vielleicht sogar der Kommandant, nach dem Respekt zu urteilen, mit dem er von den Umstehenden behandelt wurde. In seiner unmittelbaren Umgebung herrschte relative Ruhe, die Prügelei beschränkte sich weitgehend auf eine Hälfte der Schankstube. Der Kerl in der Ecke betrachtete das Geschehen völlig ungerührt und machte keinerlei Anstalten, einzuschreiten.

Eine Längsseite des Schankraums wurde fast komplett von der Theke eingenommen, hinter der ein bulliger Wirt beschäftigt war. Auch ihn schien die Schlägerei nicht weiter zu beunruhigen, allerdings hatte er ständig ein wachsames Auge darauf. Lediglich, wenn einer der Streithähne versuchte, über die Theke zu klettern, was gelegentlich vorkam, griff er ein und verwies den Betreffenden mit ein paar Hieben in seine Schranken. Gwenhwyvar fiel auf, daß der Wirt sich außergewöhnlich schnell und sicher bewegte, besonders für einen Mann seiner Masse. Ein normaler Mensch, da war sie sicher, wäre dazu nicht in der Lage gewesen.

Die Caitiff schlängelte sich gewandt durch das Chaos zur Theke und machte den Wirt mit einer Handbewegung auf sich aufmerksam.

"Was darfs sein?" fragte er und ließ gleichzeitig die Faust auf die Stirn eines Vorwitzigen niedersausen, der sich zu weit über die Theke gewagt hatte. Er sah nicht einmal richtig hin dabei, trotzdem saß der Schlag genau.

"Ein Bier." Gwenhwyvar warf einen Blick in eine Ecke, in der die Schlägerei gerade besonders heftig tobte. "Geht das hier immer so zu?"

Der Wirt zuckte die Schultern und griff zu einem leeren Krug. "Heute ist es bisher noch ziemlich ruhig." Er zapfte seelenruhig den Krug voll und schob ihn ihr zu.

Gwenhwyvar legte ein Kupferstück auf die Theke und tat, als probierte sie das Bier. "Ich würde mich gerne mit Euch unterhalten", sagte sie leise. "Später, wenn sich hier alles etwas abgekühlt hat."

"Aha", machte er unbeeindruckt. "Und worüber?"

"Ich bin fremd hier", gab sie zurück. "Es gibt einige Dinge, die ich gerne wüßte."

"Informationen sind nicht umsonst", sagte er kurz.

"Davon war ich nicht ausgegangen. Wenn Ihr mit Wissen gegen Wissen einverstanden wärt...?"

"Darüber könnte man reden", antwortete er und sah mißtrauisch auf zwei ineinander verkrallte Männer, die offenbar ernsthaft versuchten, sich gegenseitig zu erwürgen und dabei der Theke immer näher kamen. "Später, wie Ihr schon sagtet."

Gwenhwyvar sah, wie sich die Eingangstür wieder öffnete und nahm ihren Krug. "Ich werde noch eine Weile hier sein", erklärte sie, nickte ihm zu und zog sich in den etwas ruhigeren Teil des Schankraums zurück. An einem Tisch in der Ecke fand sie noch einen Platz und beobachtete, wie William und Madeleine den Raum betraten.

 

"Du liebe Zeit", entfuhr es Madeleine, als sie die Schankstube betraten. Ein unglaublicher Lärm schlug den beiden entgegen. Geschrei, das Klirren von zerschlagenem Geschirr und das Poltern umgeworfener Tische und Bänke mischten sich zu einer höllischen Geräuschkulisse. Die Lasombra wechselte einen besorgten Blick mit William, der mit den Augen zur Theke hinüberdeutete. Das könnte problematisch werden, stellte sie fest. Ihr war sofort der wahrhaft riesige Spiegel aufgefallen, der hinter der Theke hing und erstaunlicherweise trotz der chaotischen Zustände im Raum noch ganz war. William sah ihn ebenfalls und verstand. Er schob sich an ihr vorbei und ging voraus, wie ein Diener, der seinem Herrn Platz schaffen wollte, und hielt sich dabei so gut es ging zwischen Madeleine und dem Spiegel. Auf Dauer allerdings, das war beiden klar, würde das nichts helfen, dazu war der Spiegel zu groß. Die beiden suchten sich einen Weg zwischen den sich prügelnden Gästen hindurch zur Theke. William bemerkte flüchtig die Zigeunerin, die er vorhin draußen bewundert hatte. Sie saß mit einem Krug in einer halbwegs ruhigen Ecke und sah nicht so aus, als fühle sie sich besonders wohl in ihrer Haut. Er konnte es ihr nicht verdenken.

Der Wirt wandte sich ihnen zu, und William hatte das ungute Gefühl, daß er auf den ersten Blick erkannt hatte, womit er es zu tun hatte. Es beunruhigte ihn zwar nicht sichtlich, aber der Blick, mit dem er sie musterte, hatte etwas Wissendes an sich. "Was darfs sein?"

William bestellte zwei Krüge Bier. Der Wirt zapfte sie kommentarlos. Madeleine nahm ihren Krug, nippte vorsichtig daran, und fand bestätigt, was sie befürchtet hatte. Bei allen Unterschieden zwischen dieser Welt und der ihren, eins war hier wie zu Hause: essen und trinken wie eine Sterbliche konnte sie nicht. William hatte erfahrungsgemäß keine Probleme damit; menschliche Nahrung machte ihn zwar nicht satt, aber er konnte sie wenigstens bei sich behalten. Madeleine dagegen wurde schon von den paar Tropfen, die sie probiert hatte, speiübel, und sie mußte sich beherrschen, um sie nicht gleich wieder auszuspucken. Sie überließ William das Reden und konzentrierte sich darauf, so zu tun, als trinke sie.

 

Von ihrem Platz in der Ecke beobachtete Gwenhwyvar, wie William und Madeleine sich einen Weg durch die Menge bahnten und den Wirt ansprachen. Die Caitiff konzentrierte sich und ließ ihre Gedanken in seinem Kopf sprechen. Herr Wirt, ich bin die Zigeunerin, mit der Ihr vorhin gesprochen habt. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr diesen beiden keine Auskünfte geben würdet, ehe Ihr mit mir geredet habt.

Der Wirt schien nicht im mindesten überrascht, oder er hatte sich hervorragend in der Gewalt. Und was habt Ihr anzubieten? fragte er zurück.

Wissen, antwortete sie, und ließ in seinem Geist kurz ein Bild des Ritualkreises entstehen, der sie hergebracht hatte.

Interessant, gab er zu. In Ordnung.

 

Der Wirt, fand William, war nicht besonders mitteilsam, aber das war bei dem herrschenden Durcheinander vielleicht auch kein Wunder. Jedesmal, wenn der Ventrue einen Anlauf unternahm, das Gespräch möglichst diplomatisch in die richtige Richtung zu lenken, wurde er unterbrochen. Dazu kam noch, daß er natürlich aufpassen mußte, nicht zuviel zu verraten. Ich fürchte, hier kommen wir vorerst nicht weiter, dachte er zu Madeleine. Ehe sie antworten konnte, legte sich schlagartig das Chaos im Raum. Der hochgewachsene Mann, der Madeleine vorhin schon aufgefallen war, war aufgestanden und hatte eine Hand gehoben. Die Männer, die sich gerade noch geprügelt hatten, verhielten mitten im Schlag. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. Langsam und mit unbewegter Miene ließ er den Blick über die Menge schweifen. Schließlich deutete er nacheinander auf zwei Männer.

"Du, und du. Ihr seid aufgenommen." Die beiden traten vor und blieben ein paar Meter vor ihm respektvoll stehen. "Der Rest kann sich von mir aus weiterprügeln, aber ich brauche vorerst keinen mehr."

Tatsächlich kam die Schlägerei prompt wieder in Gang, wenn auch nicht mehr ganz so heftig wie vorher. Der Kommandant wandte sich an die beiden, die offenbar gerade zu neuen Wachen befördert worden waren, und berührte jeden kurz an der Stirn. Die beiden Vampire an der Theke sahen sofort die Veränderung, die sich in der Aura der Männer zeigte. Wo vorher noch ein ziemliches Durcheinander an Farben gewesen war, wurde es jetzt teilweise von einem merkwürdigen Siegel überdeckt. Der Kommandant, bemerkte Madeleine, hatte ebenfalls ein solches Siegel in seiner Aura. Die Lasombra hatte so etwas noch nie gesehen, und die meisten der anderen Anwesenden hatten auch keins.

"Was soll denn... bringt mir mal den Kerl da drüben!" Madeleine brauchte einen Moment, um zu registrieren, daß mit dem "Kerl" sie gemeint war. Verdammt, er muß meinen Blick gespürt haben, dachte sie. Halt dich im Hintergrund, vielleicht bist du ihm noch nicht aufgefallen. William schien davon nicht begeistert, hielt sich aber zurück.

Die beiden frisch Ernannten bauten sich vor Madeleine auf. "Der Kommandant möchte Euch sehen", erklärte der eine gerade noch höflich.

Madeleine lächelte kalt. "Nach Euch", sagte sie. Die zwei nahmen sie in die Mitte und eskortierten sie zu dem Tisch, hinter dem der Kommandant wieder Platz genommen hatte.

"Setzt Euch", sagte er und deutete einladend auf einen Stuhl. Madeleine war durchaus bewußt, daß diese Geste weniger der Höflichkeit entsprang als der handfesten Überlegung, daß sie im Sitzen eine schlechtere Ausgangsposition zum Angreifen hatte. Sie drehte den Stuhl ein wenig vom Tisch weg, um sich die größtmögliche Bewegungsfreiheit zu erhalten, und setzte sich.

"Ihr wolltet mich sprechen?" fragte sie.

Er musterte sie nachdenklich. "In der Tat. Ihr scheint hier fremd zu sein. Woher kommt Ihr? "

"Von sehr weit her", antwortete sie ausweichend.

Seine Augen verengten sich plötzlich. "Wem dient Ihr?"

Madeleine verstand nicht, worauf er hinauswollte. "Ich bin mein eigener Herr", erklärte sie.

Das schien ihn zu verärgern. "Lügt mich nicht an", sagte er kalt.

Madeleine hob die Schultern. "Das tue ich nicht. Ist das hierzulande so etwas ungewöhnliches, wenn ein Ritter niemandem dient?"

Er betrachtete sie mit mühsam unterdrücktem Zorn. "Ich warne Euch. Versucht nicht, mich für dumm zu verkaufen. Ich frage Euch zum letzten Mal: Wem dient Ihr?"

Madeleine seufzte. "Wenn Euch das lieber ist, kann ich mir auch eine hübsche Geschichte ausdenken und sie Euch erzählen. Die Wahrheit ist allerdings, daß ich niemandem diene. Und wenn Ihr mich noch fünfmal danach fragt, ist es immer noch wahr."

Wutentbrannt sprang der Kommandant auf. "Schafft den Kerl in den Kerker!" brüllte er.

Jetzt reicht es, erklärte Madeleine, und rief die Kraft ihrer vitae. Noch ehe die beiden Wachen richtig begriffen hatten, was passierte, war die Lasombra auf den Beinen und rannte auf den Ausgang zu. Aus den Augenwinkeln heraus sah sie, wie William ihr folgte. Der Kommandant war aufgesprungen und schickte sich an, die Verfolgung aufzunehmen. Er war schnell, fast so schnell wie die beiden fliehenden Kainiten. Seine zwei Wachen bewegten sich langsam, der Rest der Anwesenden schien wie erstarrt.

Direkt vor Madeleine stand ein baumlanger, grobschlächtiger Kerl, die Hand zum Schlag erhoben. Sie duckte sich unter seinem Arm hindurch, drehte sich ein wenig zur Seite und schlüpfte zwischen zwei weiteren Männern hindurch, ehe die überhaupt mitbekamen, was passierte. Ein paar Schritte brachten sie zur Tür. Ohne sich noch einmal umzusehen, riß die Lasombra sie auf und stürmte nach draußen.

William hatte das Gespräch zwischen Madeleine und dem Kommandanten aufmerksam, aber nicht ernsthaft beunruhigt verfolgt. Der Kommandant schien tatsächlich mehr daran interessiert zu sein, Fragen zu stellen. Als die Antworten nicht zu seiner Zufriedenheit ausfielen und er Madeleine verhaften lassen wollte, stellte der Ventrue sich schon auf einen Kampf ein. Die Lasombra hatte aber offenbar keine Lust, sich mit der ganzen Taverne anzulegen. Auch gut, dachte William, und folgte ihr, als sie mit übermenschlicher Geschwindigkeit auf den Ausgang zurannte. Nach ein paar Schritten riskierte er einen Blick zurück, stellte fest, daß die Verfolger sie vermutlich nicht einholen würden - und prallte in vollem Lauf gegen den Mann, dem Madeleine gerade noch ausgewichen war. William fluchte, gewann einen halben Schritt später sein Gleichgewicht zurück und sprang mit einem Satz auf den nächsten Tisch. Ein weiterer Sprung beförderte ihn über eine Gruppe von drei Männern hinweg. Elegant setzte er vor der Tür auf dem Boden auf. Ohne langsamer zu werden, rannte er nach draußen. Madeleine saß bereits im Sattel ihres Schimmels und hatte Goliath losgebunden. William schwang sich auf seinen Rücken, und einen Augenblick später jagten sie in Richtung Wald davon.

Er verfolgt uns, erkannte William nach einem raschen Blick über die Schulter. Und er ist schneller als unsere Pferde.

Dann sollten wir möglichst viel Abstand zwischen uns und seine Leute bringen, ehe er uns einholt. Madeleine ließ ihr Pferd seinen eigenen Weg suchen und konzentrierte sich darauf, einen günstigen Platz für einen Kampf zu finden.

Mit einem Mal war ihr Verfolger heran. Madeleine sah gerade noch, wie er mit einer raschen Bewegung seines Handgelenks eine Klinge aus seinem Ärmel über den Handrücken gleiten ließ, dann stieß er damit zu. Die Lasombra hechtete mit einem Satz aus dem Sattel, rollte sich ab und kam gewandt wie eine Katze auf die Füße. Noch in der selben Bewegung zog sie ihren Dolch. Ihr Pferd befand sich zwischen ihr und dem Angreifer, und es schien verletzt zu sein. Ein dünner, leicht blutender Kratzer zog sich über eine Flanke. Sie schickte das Tier mit einem kurzen Befehl weg, ohne ihren Gegner aus den Augen zu lassen.

Es gab ein leises Geräusch, als William neben ihr landete. Er hatte Goliath ebenfalls aus der Gefahrenzone geschickt und glitt jetzt mit einer raschen Bewegung zwischen Madeleine und den Kommandanten, das Schwert erhoben. Ihr Gegner sah lauernd von einem zum anderen, machte aber vorerst keine Anstalten, noch einmal anzugreifen. Stattdessen machte er einen halben Schritt zurück, hob langsam die Hand und ließ seine Klinge wieder verschwinden. Zwei Gegner waren ihm anscheinend doch etwas zuviel.

"Was wollt Ihr hier?" fragte er schließlich.

Madeleine hob die Schultern. "Ihr wolltet mich verhaften."

"Hört auf, Spielchen mit mir zu spielen", fauchte er wütend. "Ich weiß, was Ihr seid. Ihr seid verdammte Dämonen, und ich will wissen, was Ihr hier sucht!"

"In Eurer Vorstadt - gar nichts", erklärte William. "Wir wollen in die Stadt."

Ihr Gegenüber lächelte geringschätzig. "Soso, wollt Ihr das. Ich weiß nicht, wer Ihr seid oder wo Ihr herkommt, aber es ist kaum zu übersehen, daß Ihr keine Ahnung habt, wie hier die Verhältnisse sind. Ohne Siegel kommt Ihr nicht weit." Sein Blick wurde berechnend, als er die beiden musterte. "Ich könnte Euch ein paar Leuten vorstellen", sagte er langsam. "Die Bedingung wäre, daß Ihr mich in die Stadt mitnehmt."

Interessant, kommentierte William. So ohne weiteres kommt er da anscheinend auch nicht rein.

Sieht so aus, antwortete Madeleine. Aber das Angebot kommt mir etwas zu plötzlich. Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.

"Überlegt es Euch", sagte der Kommandant, der ihre Unentschlossenheit offenbar bemerkt hatte. "Ihr seid fremd hier, Ihr kennt Euch nicht aus. Ohne Hilfe seid Ihr in der Stadt Fischfutter. Mit mir habt Ihr eine Chance. Was auch immer es ist, das Ihr dort wollt." Er machte langsam ein paar Schritte zurück und deutete damit an, daß er das Gespräch für beendet hielt. Als keiner der beiden ihn aufhielt, nickte er ihnen noch einmal zu, drehte sich um und lief in atemberaubendem Tempo zurück in Richtung Taverne.

Madeleine sah William an. "Und was jetzt?"

Der Ventrue zuckte die Schultern. "Ich würde vorschlagen, wir gehen zurück zu der Lichtung, wo wir angekommen sind. Wenn Gwenhwyvar tatsächlich dort auf uns gewartet hat, sollten wir zusehen, daß wir zurück nach Hause kommen. Bevor wir den nächsten Versuch unternehmen, müssen wir mehr über die Verhältnisse hier wissen, sonst wird das nichts."

Sie nickte zustimmend. "Außerdem könnte es sein, daß wir hier noch ein Problem haben. Nach der ganzen Anstrengung habe ich ziemlichen Hunger, und ich weiß nicht, ob wir hier gefahrlos trinken können."

"Ein Grund mehr, zu hoffen, daß Gwenhwyvar uns nicht hängenläßt", murmelte er. Er sah sich um, pfiff nach Goliath und schwang sich in den Sattel. "Laß uns nachsehen, ob sie da ist", sagte er.

 

Sie war da. Als die beiden die Lichtung erreichten, saß die Caitiff auf einem umgestürzten Baumstamm und sah ihnen entgegen. "Das ging ja offenbar ziemlich daneben", begrüßte sie sie. "Ihr habt euch benommen wie Anfänger."

Madeleine hob eine Augenbraue. "Da du so hervorragend informiert bist, nehme ich an, du hast uns beobachtet."

"Und uns ins offene Messer laufen lassen", ergänzte William. "Wenn es wirklich eng geworden wäre, wärst du dann als der strahlende Retter im letzten Moment aufgetaucht und hättest uns herausgehauen?"

Gwenhwyvar hob die Schultern. "Hier ist wohl kaum der geeignete Ort für so eine Diskussion", meinte sie. "Wir sollten uns auf den Rückweg machen."

"Wenigstens da sind wir einer Meinung", murmelte Madeleine und musterte besorgt die Verletzung, die der Kommandant ihrem Pferd beigebracht hatte. Irgendetwas stimmte damit nicht. Oberflächlich betrachtet war es nur ein Kratzer, aber die Lasombra hatte den Verdacht, daß die Klinge vergiftet gewesen war. Während Gwenhwyvar den Kreis zog, der sie wieder in ihre Welt zurückbringen würde, konzentrierte Madeleine sich auf die Wunde. Noch ehe sie jedoch wirklich herausfinden konnte, welches Gift da am Werk war, war der Kreis bereit.

Der Übergang gelang ohne Probleme. Einen Moment, nachdem sie in den Kreis getreten waren, fanden die drei Kainiten sich ein paar Meilen außerhalb von Konstantinopel wieder. Schweigend ritten sie in die Stadt zurück. Gwenhwyvar hatte offenbar nichts zu sagen, Madeleine war immer noch mit ihrem Pferd beschäftigt und William spürte ihre Konzentration und wollte sie nicht stören. Was für ein widerwärtiges Zeug, hörte er schließlich ihre Stimme in seinem Kopf, kurz bevor sie die Villa erreichten.

Tatsächlich ein Gift? fragte er zurück.

Und was für eins, antwortete sie. Nicht tödlich, dafür ist es nicht gedacht. Es wird anscheinend für Bestrafungen benutzt. Es erzeugt eine Art Pest, komplett mit Geschwüren, Schmerzen und widerlichem Gestank, allerdings wie gesagt nicht tödlich. Ich vermute, nach einer Weile verschwindet die Wirkung von selbst wieder, aber so lange soll das arme Tier nicht warten. Nicht zum ersten Mal war die Lasombra froh, ein Ghoulpferd zu besitzen. Ihre vitae in seinen Adern sollte genügen, um das Gift zu vertreiben.

Vor der Villa angekommen, zügelte Gwenhwyvar ihr Pferd. "Ich werde nicht mit hineinkommen", erklärte sie. "Meine Leute warten im Elysium auf mich, sie werden sich Sorgen machen." Nach den Ereignissen in der Schattenwelt verspürten weder William noch Madeleine große Lust, die Caitiff zum Bleiben zu überreden. Der Abschied fiel kurz und kühl aus, dann lenkten die beiden ihre Pferde durch das Hoftor nach drinnen.

"Sehe ich wieder wie ich aus?" erkundigte sich Madeleine, ehe sie das Haus betraten.

William nickte. "An die Tarnung hatte ich fast nicht mehr gedacht. Damit hätten wir unsere Ghoule ziemlich erschrecken können."

"Ich hatte auch wenig Lust, länger als nötig als Mann herumzulaufen", knurrte sie. "Laß uns etwas essen gehen, und dann müssen wir uns überlegen, wie das jetzt weitergehen soll."

 

Madeleine hielt sich im Blauen Salon nicht lange auf. Nachdem sie den schlimmsten Hunger gestillt hatte, führte ihr erster Weg sie nach oben zu Lord Baskervilles Zimmer. Als auf ihr vorsichtiges Klopfen niemand antwortete, öffnete sie leise die Tür. Nicht leise genug offensichtlich. Sie hatte William nicht wecken wollen, aber er schien trotzdem etwas gehört zu haben und richtete sich auf. "Du bist schon zurück?" fragte er und lächelte.

Sie nickte. "Ich wollte dich eigentlich nicht schon wieder wecken", meinte sie schuldbewußt.

"Das macht nichts, das weißt du doch", sagte er und klopfte mit der Hand neben sich aufs Bett. "Setz dich, und erzähl mir, wie es gelaufen ist."

"Miserabel", seufzte sie, ließ sich auf der Bettkante nieder und erzählte ihm alles. Kaum, daß sie angefangen hatte, hielt sie kurz inne und neigte lauschend den Kopf zur Seite. "Sieh mal einer an", murmelte sie. "William hat gerade eine Nachricht von Gwenhwyvar bekommen. Sie will mit ihm reden, im Elysium. Ich bin ja wirklich gespannt, was sie zu sagen hat, nach dem, was gerade passiert ist..." Sie schüttelte kurz den Kopf und setzte ihren Bericht fort.

"Das sieht tatsächlich nach einer ziemlich verfahrenen Situation aus", mußte er zugeben, als sie fertig war.

Sie nickte. "Ich habe Gwenhwyvar von Anfang an nicht getraut. Aber daß sie uns derart auflaufen läßt..."

"Vielleicht war das der Fehler", meinte er nachdenklich. "Daß ihr ihr nicht getraut habt", fügte er hinzu, als sie ihn fragend ansah.

Madeleine lachte bitter. "Vertrauen ist bei unserer Art nicht gerade etwas, das das Überleben sichert", sagte sie. "Der letzte, den wir in unsere Pläne eingeweiht haben und dem wir vertraut haben, war Morpheus."

"Zugegeben, das ging schief. Aber das Risiko hat man immer. Und niemandem zu vertrauen ist mindestens ebenso riskant."

Sie schüttelte leicht den Kopf. "Unter Menschen mag das stimmen", sagte sie. "Aber wir sind keine."

"Und deswegen habt ihr Möglichkeiten, die ein Mensch nicht hat", erklärte er.

Sie runzelte leicht die Stirn. "Wie meinst du das?"

Er hob die Schultern. "Einen Pakt, mit Blut besiegelt. So wie du ihn mit Sir William und Irian geschlossen hast."

"Oh nein", sagte sie sofort. "Ich bin mir nicht sicher, ob dir klar ist, was ein solcher Pakt bedeutet. Das ist nichts, was man leichtfertig eingeht." Plötzlich fiel ihr ein, daß es noch etwas gab, wovon er nichts wußte. "Mein Pakt mit William und Irian..." sagte sie zögernd. "Das ist nicht der einzige. Nicht mehr." Sie holte tief Luft. "Heute Nacht ist ein weiterer vollendet worden, zwischen William und mir."

"Hm." Es schien ihn nicht weiter zu berühren, und Madeleine fragte sich, ob ihm wirklich bewußt war, was das hieß.

"Wie auch immer", fuhr sie fort, "Gwenhwyvar hat von Anfang an nicht gerade darauf hingearbeitet, unser Vertrauen zu erlangen. Sie hat sich große Mühe gegeben, unsere Schwachpunkte herauszufinden und ganz gezielt da anzugreifen. Kaum hatte sie gemerkt, daß William mir etwas bedeutet, hat sie ihn verführt, so ganz nebenbei. Danach hat sie in seinen wunden Punkten herumgestochert und ihn bewußt und absichtlich fast zur Raserei getrieben. Daß ich sie dann nicht gerade mit offenen Armen aufnehme, ist kein Wunder."

"Im Moment fällt mir dazu erst einmal nichts mehr ein", gab er zu. "Aber irgendeine Lösung gibt es sicher."

Sie betrachtete ihn nachdenklich. "Du weißt, daß ich auf deine Meinung sehr großen Wert lege", sagte sie. "Daran ändert auch nichts, daß ich glaube, daß du dich diesmal irrst." Sie stand auf und reckte sich. "Ich denke, ich gehe in mein Zimmer und lasse dich endlich schlafen. William müßte auch bald aus dem Elysium zurück sein, dann wissen wir vielleicht mehr."

Er legte den Kopf schief und sah sie an. "Hast du etwas dagegen, wenn ich mit dir komme?"

"Wie könnte ich", antwortete sie, und lächelte.

 

Als William im Empfangsraum des Elysiums ankam, wartete Gwenhwyvar schon auf ihn. "Gut, daß du hier bist", begrüßte sie ihn. "Es gibt da ein paar Dinge, die geklärt werden müssen."

"Allerdings", stimmte er zu. "Ich höre."

"Ich habe darüber nachgedacht, wie sich die Dinge entwickelt haben", erklärte sie. "Ich habe keine Lust, mich von euch beiden weiter wie einen Lakaien behandeln zu lassen. Während ich die nötigen Informationen besorgt habe, habt ihr euch anderweitig vergnügt."

"Wir haben unsere Quellen ausgeschöpft", unterbrach er sie. "Auch wenn du das zu glauben scheinst, wir haben uns nicht gemütlich zurückgelehnt und dich die Arbeit machen lassen. Allerdings scheinst du über Kontakte zu verfügen, die wir nicht kennen, und die in diesem Fall ergiebiger waren als unsere." Er sah sie scharf an. "Und daß Madeleine erst ihre Hand regenerieren mußte, würde ich wohl kaum als 'Vergnügen' bezeichnen."

"Mag sein", sagte sie achselzuckend. "Die ständige Eifersucht dieser Dame ist übrigens auch etwas, das ich nicht länger hinnehmen werde."

Das zumindest, wußte William, war völlig aus der Luft gegriffen. Er gewann allmählich den Eindruck, daß die Caitiff krampfhaft nach einem Vorwand suchte, um Ärger zu provozieren. Deswegen ging er auf diesen Vorwurf nicht weiter ein. "Und was gedenkst du jetzt zu unternehmen?" fragte er ruhig.

"Ganz einfach", gab sie zurück. "Ihr beide scheint entschlossen zu sein, in der bevorstehenden Auseinandersetzung für Michael Partei zu ergreifen. Ich halte das für einen Fehler. Gegen Caius hat er in seinem Zustand keine Chance." Ihre Augen wurden schmal, als sie ihn kalt ansah. "Ich werde auf der Seite des Gewinners stehen, wenn das hier vorbei ist. Ich werde die Seiten wechseln und mich mit Caius verbünden."

"Ich verstehe", sagte er.

"Deswegen", fuhr sie fort, "wird dies vermutlich das letzte Mal sein, daß wir uns friedlich miteinander unterhalten. Wenn wir uns das nächste Mal begegnen, werde ich mir deine vitae holen. Und ihre dazu."

Irgendwie überraschte ihn das nicht mehr. "Eine offene Kampfansage also."

"Genau das", bestätigte sie. "Eure vitse wird mir hervorragend munden."

"Dazu mußt du sie erst einmal haben", antwortete er ungerührt und stand auf. "Nachdem die Fronten geklärt sind, gibt es wohl nichts mehr weiter zu sagen."

"Nein", sagte sie. "Außerdem wird die Sonne bald aufgehen. Aber wenn sie das nächste Mal untergegangen ist, solltest du dich nicht nur vor den Schatten in Acht nehmen."

"Ich werde daran denken", versicherte er, verbeugte sich knapp, und ging.

 

In ihrem Zimmer hatte Madeleine sich gerade zum Schlafen hingelegt, als sie sich plötzlich noch einmal aufrichtete und Lord Baskerville mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck ansah.

"Was hast du?" fragte er besorgt.

"Deine Vermittlungsversuche in allen Ehren", sagte sie tonlos, "aber sie sind endgültig sinnlos geworden. William ist zurück. Gwenhwyvar hat uns den Krieg erklärt. Sie hat die Seiten gewechselt, und wenn wir uns das nächste Mal begegnen, wird es einen Kampf geben."

Es kam selten genug vor, aber diesmal fehlten Lord William von Baskerville die Worte. Er konnte sie nur hilflos ansehen, bis draußen die Sonne aufging und Madeleine ohne ein weiteres Wort einschlief.

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