Kapitel 19
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Madeleine war in Eile. Der Schock der Ereignisse, die letzte Nacht über sie und William hereingebrochen waren, war abgeklungen; jetzt war es Zeit zu handeln. Kaum war sie aufgewacht, schlüpfte sie in ihr Kleid, während Francesca berichtete, daß es nichts zu berichten gab. Nach einem hastigen Frühstück trug sie ihrer Bediensteten auf: "Ich brauche eine Kutsche, und Begleitschutz. Sorge bitte dafür, daß in einer halben Stunde alles bereit ist."

"In einer halben Stunde?" Francesca betrachtete sie mit einer Mischung aus Erstaunen und Besorgnis. "Da wird die Sonne noch nicht völlig untergegangen sein."

"Ich weiß, deswegen die Kutsche. Sonst würde ich zu Fuß gehen."

Francesca nickte. "Ich werde alles veranlassen. Darf ich fragen, wohin es gehen soll?"

"Zum Palast", erklärte Madeleine, und verließ das Zimmer. Eine halbe Stunde war nicht viel, und es gab noch einiges zu tun.

In Williams Zimmer beachtete sie ausnahmsweise den schlafenden Ventrue überhaupt nicht, sondern sah sich nachdenklich um. Sie wußte, daß Gwenhwyvars Einladung ins Elysium letzte Nacht in Form eines Briefs hier eingetroffen war, und den suchte sie jetzt. Er war auch nicht schwer zu finden. Madeleine ließ sich mit dem Brief in einem Sessel nieder und strich leicht mit dem Finger über das Siegel. Die Caitiff hatte die Botschaft in der Hand gehabt, hoffentlich lange genug, damit Madeleine die Antworten auf einige Fragen darin finden konnte. Sie schloß die Augen und konzentrierte sich. Es war gut möglich, daß Gwenhwyvar beim Schreiben an das gedacht hatte, was sie gegen die beiden unternehmen wollte. Wenn dem so war, erinnerte sich das Pergament vielleicht daran.

Ein Überfall, irgendwo draußen. Gestalten, die sie nicht näher erkennen konnte, hatten ihr aufgelauert. William war nirgends zu sehen. Alles ging rasend schnell, und ehe Madeleine irgendetwas tun konnte, fühlte sie einen Pflock in ihr Herz dringen. Sie stürzte und blieb reglos liegen, während von der Seite Gwenhwyvar an sie herantrat. Mit einem spöttischen Lächeln beugte die Caitiff sich über sie und biß zu. Madeleine spürte, wie ihre vitae sie verließ. Aber kurz bevor der endgültige Tod sie ereilte, sah sie wie durch einen Nebel, wie Gwenhwyvar sich plötzlich aufrichtete, sich hastig umsah und ihren Dienern ein Zeichen gab. Die Lasombra wurde vorsichtig angehoben und in eine wartende Kutsche gebracht. Wie lange die Fahrt dauerte, konnte Madeleine nicht sagen, ihr war jedes Zeitgefühl abhanden gekommen. Schließlich hob jemand sie aus der Kutsche und trug sie in ein Zimmer, begleitet von Gwenhwyvar, die sich immer wieder nervös umsah. Und dann: vitae. Der Pflock war entfernt, und Kraft strömte über ihre Lippen. Das letzte, was Madeleine sah, ehe die Vision verblaßte, war sie selbst, wie sie durch die Straßen von Konstantinopel streifte und mit der Freiheit der Totgeglaubten ungehindert ihren Plänen nachging.

Madeleine starrte fassungslos auf das Pergament. Sie wußte, daß das, was sie gesehen hatte, wahr war, und trotzdem konnte sie es nicht glauben. Der ganze Streit, die Kampfansage, alles nur Täuschung? Gwenhwyvar von Orkney arbeitete in Wirklichkeit nicht gegen, sondern für sie? Die Lasombra schüttelte den Kopf. Sie hätte uns wirklich in ihre Pläne einweihen können, dachte sie ärgerlich. Abgesehen davon kam ihr das ganze Manöver reichlich gefährlich vor. Eine Inszenierung wie die, die sie gerade gesehen hatte, konnte noch so perfekt geplant sein, die Gefahr, daß etwas schiefging, war groß. Zu groß, entschied Madeleine, und beschloß, ihre weiteren Pläne für den Abend nicht zu ändern. Vorerst allerdings gab es noch etwas, das sie wissen wollte. Um ganz sicher zu gehen, mußte sie herausfinden, ob es der Caitiff mit dem Seitenwechsel tatsächlich ernst gewesen war. Und die Antwort auf diese Frage, erkannte sie rasch, war ein klares Ja. Das Pergament ließ keinen Zweifel, obwohl auch hier wieder dieser merkwürdige Unterton mitschwang, der darauf hinwies, daß Gwenhwyvar im Grunde nicht gegen sie arbeitete. Trotzdem war Madeleine nicht bereit, ihr zu vertrauen. Solange Gwenhwyvar sie und William nicht in die Pläne einweihte, die sie hatte, mußte sie damit rechnen, als Feind behandelt zu werden. Insbesondere, wenn diese Pläne derart riskant waren. Entschlossen legte Madeleine den Brief beiseite, um sich um den zweiten Punkt zu kümmern, den sie für heute Abend vorgesehen hatte. Vorher jedoch trat sie zu Williams Bett hinüber und sah einen Augenblick lang auf den friedlich schlafenden Ventrue herunter. Dann küßte sie ihn sanft und ging nach unten, um ein unangenehmes Gespräch zu führen.

 

"Okajid Hassan?"

Der Assamit hatte Madeleine auf sich zukommen sehen. Sobald klar war, daß sie tatsächlich zu ihm wollte, hatte er das Gefäß, mit dem er beschäftigt gewesen war, mit einer Handbewegung weggeschickt und war auf ein Knie herabgegangen. Seit dem unerfreulichen Zwischenfall vor ein paar Nächten war er immer sehr genau und ein wenig spöttisch übertrieben auf die Etikette bedacht, wenn Madeleine ihm begegnete. Madeleine war die ganze Angelegenheit ein wenig peinlich, aber da sie sich kaum bei ihm entschuldigen konnte, ohne das Gesicht zu verlieren, tat sie, als sei nichts geschehen. Sie blieb vor Hassan stehen und bedeutete ihm, sich zu erheben.

"Könnte ich Euch wohl einen Moment sprechen? Alleine?"

Er sagte nichts, sondern machte nur eine einladende Geste zu einem der Separees, die den Raum säumten. Außer ihm und Erk waren zu so früher Stunde ohnehin noch keine Kainiten im Blauen Salon, und den Gefäßen wäre es im Traum nicht eingefallen, sie zu belauschen. Die Lasombra trat in die Nische und wartete, bis Hassan neben ihr war.

"Womit kann ich dem Prinzen dienen?" fragte er schließlich.

"Mit Euren Fähigkeiten", antwortete Madeleine, entschlossen, möglichst schnell auf den Punkt zu kommen. "Ich möchte Euch einen Auftrag erteilen. Den Auftrag, einen Mordanschlag zu vereiteln."

Eine Augenbraue hob sich einen Millimeter. "Ein ungewöhnliches Ansinnen."

Madeleine lächelte humorlos. "Möglicherweise. Allerdings - wer kennt die Methoden eines Attentäters besser als ein anderer Attentäter?"

"In der Tat", murmelte Hassan. "Erklärt mir genauer, worum es geht."

"Um Sir William und mich. Soweit ich mich erinnere, habt Ihr Lady Gwenhwyvar von Orkney kennengelernt?" Als er nickte, fuhr sie fort: "Sie hat uns in deutlichen Worten wissen lassen, daß sie hinter unserer vitae her ist. Und das Problem ist, sie kann dieses Haus betreten. Schlimmer noch, sie kann es in jeder Gestalt betreten, die ihr beliebt, oder auch ganz ohne gesehen zu werden, wenn sie das wünscht. Und da ich nicht daran zweifle, daß sie ihre Drohung ernst gemeint hat, möchte ich für die Gegenmaßnahmen einen Experten hinzuziehen. Euch."

Hassan schien nachdenklich. "Euch ist bewußt, daß meine Fähigkeiten nicht ausreichen, um ihre Tarnung zu durchbrechen?"

Madeleine nickte. "Trotzdem könnt Ihr hier im Haus mit Sicherheit effektivere Maßnahmen ergreifen als William oder ich. Ich bin sicher, daß Euch Dinge einfallen, auf die wir nicht im Traum kommen würden."

Er schwieg einen Moment, ehe er weitersprach. "Ich kann mich um Euren Schutz kümmern, solange Ihr im Haus seid. Das Haus zu verteidigen ist meine Aufgabe, deswegen wird mein Preis ein geringer sein."

"Nennt ihn."

Er lächelte kurz. "Ihr wißt, was ich bin, und welcher Natur mein Preis sein wird. Wie gesagt, ich werde mich um Eure Sicherheit im Haus kümmern. Solltet Ihr Lady Gwenhwyvar jedoch draußen begegnen und die Sache dabei ein... endgültiges Ende finden, dann will ich ihre vitae. Wenn Ihr sie überwältigt, dann übergebt sie mir."

Madeleine erinnerte sich mit Schaudern an Williams Gedanken, als er kurz vor Sonnenaufgang von dem Treffen mit der Caitiff zurückgekommen war. Er war zornig gewesen, sehr sogar. Und er hatte sich bis er eingeschlafen war ausgemalt, wie süß Gwenhwyvars Blut schmecken würde... "Was mich angeht, so habt Ihr mein Wort", erklärte sie. "Das Wichtigste ist, daß Gwenhwyvar ausgeschaltet wird. Was mit ihrem Blut passiert, ist zunächst zweitrangig." Sie seufzte. "Ich fürchte allerdings, daß ich in dieser Sache nicht für Sir William sprechen kann. Ob er sich daran halten wird, weiß ich nicht."

"Sorgt dafür", antwortete er ungerührt. "Ihr wollt meine Dienste, das ist mein Preis. Wenn Ihr ihn zahlen könnt, kommen wir ins Geschäft. Wenn nicht..." Er zuckte die Schultern.

Madeleine gab sich einen Ruck. Die Sache eilte, und Hassan war der Einzige, der im Moment greifbar war und dem sie zutraute, sich der Angelegenheit anzunehmen. "In Ordnung. Wenn es draußen zum Kampf kommt und wir Gwenhwyvar besiegen, gehört sie Euch."

Hassan schien zufrieden. "Dann werde ich mich gleich an die Arbeit machen. Es wäre hilfreich, wenn Ihr dem Personal Anweisung gebt, mich entsprechend zu unterstützen."

"Selbstverständlich", antwortete sie, obwohl ihr bei dem Gedanken, dem Assamiten im Haus mehr oder weniger freie Hand zu lassen, extrem unwohl war. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, ob sie hier nicht den Teufel mit dem Beelzebub austrieb, aber jetzt war es für solche Bedenken zu spät. "Ich werde Mog Bescheid geben", erklärte sie, nickte ihm zu und verließ die Nische.

Mog war nicht begeistert. Der Ghoul gab sich natürlich alle Mühe, sich das nicht allzu deutlich anmerken zu lassen, aber die Sache gefiel ihm nicht. Madeleine hatte ihm möglichst behutsam beigebracht, daß Hassan in ihrem Auftrag im Haus tätig sein würde, und Mogs Gesicht sprach Bände. Als Madeleine mit ihren Anweisungen am Ende war, nickte er nur. Die Lasombra sah ihn an. "Was ist los?" fragte sie schließlich, obwohl sie es natürlich wußte.

"Ich habe kein gutes Gefühl dabei", gab er zu. "Einen Assamiten hier von der Leine zu lassen..."

"Ich auch nicht. Aber es eilt, und ich wüßte nicht, wen ich sonst damit hätte beauftragen können. Du hast Gwenhwyvar selbst erlebt, sie ist nicht zu unterschätzen."

Mog verneigte sich. "Ich werde mich darum kümmern", versprach er, und eilte davon.

Kaum war er verschwunden, trat Francesca an ihre Herrin heran. "Die Kutsche ist bereit", erklärte sie. "William und Vittorio warten draußen."

"Danke", sagte Madeleine. Sie wollte schon hinausgehen, da fiel ihr noch etwas ein. Die Schattenkreaturen, die sie und William verfolgten, orientierten sich an der Form ihres eigenen Schattens, um sie zu finden. Bisher hatten sie sich getarnt, indem sie ihre Form so verändert hatten, daß sie einen ungewöhnlichen Schatten warfen. Sie hatte aber natürlich effektivere Möglichkeiten, das zu erreichen, und sie hatte beschlossen, sie heute auszuprobieren. Ein gewisses Risiko war da natürlich, aber andererseits... Die Lasombra konzentrierte sich auf ihren Schatten und befahl ihm, eine andere Form anzunehmen. Normalerweise war das eine einfache Angelegenheit, heute jedoch mußte sie sich etwas mehr anstrengen, um sich durchzusetzen. Offenbar wirkte der Fluch auch im Kleinen. Trotzdem war sie mit dem Ergebnis zufrieden. Ihr Schatten war größer und kräftiger als sie, und veränderte sich gelegentlich. Wer immer sie mit seiner Hilfe finden wollte, würde es schwer haben. Madeleine wandte sich nach draußen zur Kutsche und warf ihrer Bediensteten einen erstaunten Blick zu, als diese Anstalten machte, ihr zu folgen. "Hast du etwa vor, mitzukommen?" fragte sie. "Das ist zu gefährlich."

"Ich denke, ich sollte Euch begleiten", widersprach Francesca. "Wenn wir unterwegs jemandem begegnen, der unangenehme Fragen stellt, kann ich ihn eher abwimmeln als Vittorio oder William."

Madeleine sah ihren Ghoul prüfend an, dann nickte sie nur wortlos und stieg in die wartende Kutsche. Francesca konnte sehr überzeugend sein, wenn sie es darauf anlegte, das wußte sie. Und falls unterwegs ein neugieriger Wachsoldat auf die Idee kommen sollte, die Kutsche öffnen zu wollen, konnte sie ihn vermutlich sehr schnell und ohne Aufsehen davon abbringen.

Ohne Probleme erreichten sie den Palast. Einmal waren sie unterwegs kurz angehalten worden, aber Francesca hatte die Lage wie erwartet im Griff gehabt und dafür gesorgt, daß die Kutschentür geschlossen blieb. Als sie schließlich anhielten, stellte Madeleine mit einem vorsichtigen Blick aus dem Fenster fest, daß sie unter einem Dachvorsprung standen, dessen Schatten inzwischen dunkel genug war, daß es für sie ungefährlich war, auszusteigen. Außerdem bemerkte sie, daß dies nicht das Tor zum Palast war, das sie kannte.

Lord Baskerville öffnete ihr die Tür und half ihr heraus. "Wo sind wir hier?" fragte sie leise und blickte sich unauffällig um.

"Anderer Eingang", gab er ebenso leise zurück.

Sie nickte und wollte noch etwas sagen, hielt dann aber inne und lauschte. Von drinnen wurden schlurfende Schritte laut, die vom rhythmischen Pochen eines Stabes auf Stein unterbrochen wurden. Der Haushofmeister? Aber der hatte eigentlich immer einen recht normalen Gang gehabt, dieses Schlurfen paßte nicht zu ihm... Die Tür öffnete sich, und tatsächlich trat der Haushofmeister heraus. Mit ihm stimmte etwas nicht, das sah Madeleine auf den ersten Blick. Er hielt sich nicht so gerade wie sonst, und in seinem Blick lag etwas seltsames. Die Lasombra war sicher, daß es tatsächlich der selbe Ghoul war, der hier sonst dieses Amt bekleidet hatte, und daß er auch Herr seiner Sinne war, aber die Art, wie er sie ansah, jagte ihr einen leisen Schauer über den Rücken. Und als er sie ansprach, verstärkte sich dieses ungute Gefühl noch.

"Guten Abend, Madame. So früh schon unterwegs?" In seiner Stimme schwang unterschwellig ein Kichern mit, und obwohl er sie völlig ruhig und ernsthaft ansah, glitzerte der Schalk in seinen Augen. Allein dieser Eindruck war für den sonst so würdevollen Ghoul so ungewöhnlich, daß Madeleine fast wünschte, sie wäre nicht hergekommen.

Die Lasombra gab sich einen Ruck und bemühte sich, sich ihr Unbehagen nicht anmerken zu lassen. "Ich muß mit einem der Prinzen reden. Es ist wichtig", erklärte sie.

Er legte den Kopf schief und musterte sie. "Mit einem der Prinzen, soso... mit welchem?"

"Mit dem, der Zeit für mich hat", gab sie zurück. "Was ich zu sagen habe, betrifft vermutlich in erster Linie Prinz Michael, aber Prinz Gregorius geht es genauso an."

"Und Prinz Caius kommt nicht in Frage? Schon gut", winkte er ab, als Madeleine antworten wollte. "Ich gebe zu, das war nicht wirklich ernst gemeint. Wenn Ihr mir bitte folgen würdet?" Damit wandte er sich ab und schlurfte nach drinnen.

Madeleine wechselte einen besorgten Blick mit William. "Wartet hier", sagte sie, dann folgte sie dem Haushofmeister ins Innere des Palasts. Während er sie durch die leeren Gänge führte, grübelte die Lasombra über das seltsame Verhalten des Ghouls nach. Ihr ging auf, daß sie nicht einmal wußte, wessen vitae in seinen Adern floß. Caius schied wohl aus naheliegenden Gründen aus. Falls sein Herr allerdings Michael sein sollte, dann ließ diese Veränderung in seinem Benehmen sehr beunruhigende Rückschlüsse auf den Zustand des Toreador zu. Michael hatte sich schon bei ihrem letzten Treffen kaum noch in der Gewalt gehabt. Möglicherweise hatte Gregorius ihn nicht halten können und er war jetzt völlig abgeglitten. Madeleine schauderte bei dem Gedanken an die möglichen Konsequenzen.

"Bitte einzutreten, Madame." Der Haushofmeister hielt ihr die Tür auf. "Wenn Ihr hier warten wollt, werde ich den Prinzen Bescheid geben." Er verneigte sich und zog sich zurück. Madeleine sah sich um. Sie befand sich in einem nicht allzu großen, geschmackvoll eingerichteten Raum. Dicke Teppiche bedeckten den Boden und dämpften die Schritte. Zwei Regale aus dunklem Holz beherbergten etliche Bücher, an sich schon ein Zeichen von Reichtum. Zwischen zwei Sesseln stand ein kleiner Tisch, und darauf eine gläserne Karaffe mit dazu passenden Kelchen. Die Karaffe war mit einer dunklen Flüssigkeit gefüllt, deren Duft sogar durch den Verschluß hindurch schwach zu riechen war. Vitae, und mächtige dazu. Madeleine spürte plötzlich, daß sie vorhin, um sich zu tarnen, ein wenig ihres Blutes hatte verbrauchen müssen. Sie war nicht wirklich hungrig, aber der Duft war überwältigend, obwohl kaum wahrzunehmen. Ehe ihr richtig bewußt war, was sie tat, hatte sie einen der Kelche gefüllt. Plötzlich hielt sie inne und schalt sich eine Närrin. Bei dem Blut in der Karaffe handelte es sich so offensichtlich um die vitae eines Kainiten, daß es schon mehr als leichtsinnig gewesen wäre, einfach davon zu trinken, Gastfreundschaft hin oder her. Allerdings... ihre Sinne verrieten ihr, daß der Inhalt der Karaffe genau das war, eine Höflichkeit gegenüber einem Gast, der hier auf eine Audienz wartete, und daß sie keine Konsequenzen befürchten mußte, sollte sie davon trinken. Sie spürte, wie ihre Beherrschung sie verließ, und hob den Kelch an die Lippen.

Macht. Madeleine hatte nie zuvor so konzentrierte vitae gekostet. Der erste Schluck rann wie flüssiges Feuer ihre Kehle hinunter. Am Rande kam ihr zu Bewußtsein, von wem das Blut stammte, das sie gerade trank, aber das war gar nicht so wichtig. Es kam nicht von einem der Prinzen, sondern von einem hohen Hofbeamten, gewissermaßen Prinz Michaels rechte Hand, dessen Namen sie nicht kannte. Madeleine hatte ihn ein- oder zweimal flüchtig gesehen, war ihm aber nicht vorgestellt worden. Egal. Gegen diese vitae hatte das, was sie vorhin von Francesca getrunken hatte, wie Wasser geschmeckt. Sie schloß die Augen und spürte jedem einzelnen Tropfen nach, wie er ihr Innerstes erreichte.

 

William spürte den Geschmack von vitae auf der Zunge. Mächtige vitae. Im Halbschlaf tastete er neben sich, aber sein Bett war, abgesehen von ihm selbst, leer. "Madeleine?" murmelte er. Der Ventrue war noch nicht völlig wach, aber irgendwie drang in sein Bewußtsein, daß sie nicht neben ihm lag, und das war gerade im Augenblick wirklich ausgesprochen schade. Schlaftrunken leckte er sich die Lippen, dann versank er noch einmal für eine kurze Weile in Schwärze.

 

Der Kelch war leer, bedauerlicherweise. Madeleine stellte ihn ab und rief sich energisch zur Ordnung. Sie war nun wirklich satt, und es wäre ungehörig gewesen, mehr zu trinken. Abgesehen davon konnte jeden Augenblick einer der Prinzen...

"Guten Abend." Beinahe lautlos hatte sich die Tür geöffnet, und Gregorius stand darin. Er machte einen sehr ruhigen, beherrschten Eindruck. Madeleine sank auf ein Knie, neigte den Kopf und erwiderte den Gruß. Der Malkavianer trat ein und schloß die Tür hinter sich. Einen Moment lang betrachtete er sie schweigend, dann begann er, langsam um sie herumzugehen. Madeleine kniete regungslos am Boden und wagte nicht, den Kopf zu heben. Schließlich blieb er schräg hinter ihr stehen. Madeleine brauchte nicht hinzusehen, um zu wissen, daß er genau auf ihrem Schatten stand. "Tsts..." machte er kopfschüttelnd. "Findet Ihr es nicht etwas unhöflich, mit diesem gefährlichen Zeug in meinen Warteraum zu kommen?"

Der Schatten, durchfuhr es sie siedendheiß. Sie hatte überhaupt nicht daran gedacht, ihn wieder in seine normale Form zu bringen, ehe sie hereingekommen war. Hastig korrigierte sie den Fehler. "Verzeiht, mein Prinz", murmelte sie. "Eine Sicherheitsmaßnahme, zu meinem Schutz. Ihr wißt von dem Fluch."

"Hm." Er schien nicht weiter darauf eingehen zu wollen. Stattdessen trat er vor sie, reichte ihr die Hand und half ihr in vollendeter Manier hoch. Dann führte er sie in einen Nebenraum, geleitete sie zu einem Sessel und ließ sich ihr gegenüber nieder. Jede Bewegung saß, er war ganz perfekte Höflichkeit. Madeleines Unruhe wuchs, aber das war in Gegenwart des Malkavianers noch selten anders gewesen. Je ruhiger und normaler er sich benahm, desto beängstigender wirkte er auf sie. "Nun, was wünscht Ihr?" fragte er schließlich.

"Es hat... Veränderungen gegeben", erwiderte sie. "Zum Schlechten, fürchte ich. Lady Gwenhwyvar von Orkney, die uns bei unserem letzten Besuch hier begleitete, hat die Seiten gewechselt. Sie ist zu Prinz Caius übergelaufen und hat uns offen den Kampf angesagt."

Gregorius schien nachdenklich. "Hat sie das... da trifft es sich ja gut, daß Mycroft mit seiner ganzen Brut verschwunden ist."

"Wie bitte?" Madeleine sah ihn erstaunt an. Mycroft war der Hausherr des Elysiums gewesen, in dem Gwenhwyvar gewohnt hatte. Er war ein Caitiff wie sie, und so etwas wie das Oberhaupt der Clanlosen in Konstantinopel. Und er sollte mit allen Caitiff untergetaucht sein? Inklusive Gwenhwyvar? "Wie paßt das zusammen?" fragte Madeleine verblüfft.

"Ein hübsches Rätsel", nickte Gregorius. Aus irgendeinem Grund schien er zufrieden zu sein. "Im Elysium läuft noch etwas herum, das wie Mycroft aussieht, wahrscheinlich haben die Ventrue noch nicht einmal gemerkt, daß er weg ist."

Madeleine war verwirrt und gab sich auch keine große Mühe, das zu verbergen. Bei Gregorius hätte das vermutlich auch nicht viel genutzt, der Prinz las in anderen wie in einem Buch. "Ich verstehe das nicht", murmelte sie. Dann riß sie sich zusammen. "Wie auch immer, das ändert nichts an der Gefährlichkeit der Lage. Insbesondere, da Gwenhwyvar mehr weiß, als gut für uns sein kann. Sie stand schließlich in Prinz Michaels Dienst, wenn auch nicht lange."

Michael zu erwähnen, war ein Fehler gewesen. Gregorius sprang auf und stand plötzlich vor ihr. Seine Augen glühten dunkelrot, als er auf sie herabsah. Madeleine starrte entsetzt zu ihm hoch und wagte nicht, sich zu rühren. Als er sprach, lag eiskalter Zorn in seiner Stimme. "Ihr solltet Euch um das Problem Eurer Nachfolge kümmern. Wir rechnen damit, daß Caius in spätestens einer Woche angreift. Wenn Ihr dann noch in der Stadt seid und das da", er deutete auf ihren Schatten, "mit Euch herumtragt, seid Ihr die größte Gefahr für uns." Er warf ihr noch einen langen, harten Blick zu, dann verschwand er plötzlich vor ihren Augen - und mit ihm Madeleines Erinnerung, daß sie ihn gesehen hatte. Nur seine Stimme war noch da und klang in ihr nach. Er hatte sehr leise gesprochen, trotzdem dröhnte diese Stimme in ihren Ohren. Madeleine blieb sitzen und versuchte, ihre Gedanken zu klären, bis der Haushofmeister wieder auftauchte und sie hinausgeleitete.

 

Ein zaghaftes Klopfen an seiner Tür weckte William endgültig. Zu seiner Überraschung war es jedoch nicht wie üblich James, der eintrat, sondern Giovanni, einer der jüngeren Ghoule. "Guten Abend, Sir." Giovanni verneigte sich. "Der Bericht, Sir." Noch ehe der Ventrue etwas sagen konnte, spulte der Ghoul seinen Bericht ab, als habe er ihn auswendig gelernt. Was möglicherweise gar nicht so falsch war.

William nickte und runzelte die Stirn. "Wo ist James?"

Giovanni schien unangenehm berührt. "James ist unterwegs. Lady Madeleine hat das Haus verlassen, sie wollte zum Palast. Und, nun ja..." Der Ghoul wand sich ein wenig unter Williams strengem Blick. "Francesca begleitet sie, und James ist ihnen nachgeritten."

William setzte zu einer entsprechenden Antwort an, als er plötzlich Madeleine deutlich in seinem Geist spürte. Es war keine gezielte Botschaft, die sie ihm übermittelte, er bekam nur etwas von ihren Gefühlen mit. Und die wurden von einem Unbehagen beherrscht, das sich gleich darauf zu echter Furcht steigerte. Gleichzeitig war ihm auf eine sonderbare Art bewußt, daß sie nicht wirklich in Gefahr war. Trotzdem hielt er es für angebracht, der Sache nachzugehen. "Sattel mein Pferd", befahl er, und begann sich anzuziehen.

"Sir, James hat Goliath gesattelt, ehe er aufgebrochen ist. Er steht unten im Stall und ist bereit."

William gab ein undefinierbares Knurren von sich und entließ seinen Ghoul nach einem raschen Frühstück. Irgendwie, fand er, schmeckte das Blut schal. Vorhin war da doch etwas besseres gewesen... Er schüttelte ärgerlich den Kopf und griff nach seinem Kettenhemd. Dafür war später Zeit.

Mit Goliath brauchte er für den Weg zum Palast nur ein paar Minuten. Als er näherkam, konnte er Madeleine auch deutlicher spüren. Er orientierte sich an diesem Gefühl, um sie zu finden, und stutzte, als er plötzlich vor einer glatten Mauer ohne erkennbaren Durchlaß stand. Madeleine war direkt dahinter, aber er konnte keinen Weg auf die andere Seite erkennen. William schwang sich aus dem Sattel und begann, ein Stück an der Mauer entlangzugehen.

 

Madeleine trat eben aus dem Palast, als sie William auf den Hof reiten sah. Sie wollte ihn gerade begrüßen, da fiel ihr auf, daß er sie anscheinend nicht sehen konnte. Er zügelte Goliath und blickte einen Moment lang mit einem etwas erstaunten Gesichtsausdruck direkt in ihre Richtung, ohne sie wahrzunehmen. Dann stieg er ab und ging langsam über den Hof. Was ist? fragte sie. Stimmt etwas nicht?

William hörte Madeleines Gedanken klar und deutlich. Ich suche nach einem Weg durch diese Mauer, gab er zurück. Wo ist der Eingang?

Eingang? kam es verblüfft zurück. Welche Mauer meinst du?

William blieb stehen und legte eine Hand gegen die Wand. Kalter, solider Stein. Ich stehe direkt davor, erklärte er.

Du stehst ungefähr eine Armeslänge von mir entfernt, gab sie zurück, dann tauchte plötzlich vor ihm aus der Mauer eine Hand auf, gefolgt von einem Unterarm. Ein skurriler Anblick, fand William, packte die Hand und zog daran. Einen Augenblick später stand Madeleine neben ihm. Als er wieder hinsah, war die Mauer verschwunden. Ein Stück abseits stand die Kutsche, mit der die Lasombra gekommen war, und ihre drei Ghoule, die etwas erstaunt zu ihm herübersahen.

Gregorius spielt, dachte Madeleine säuerlich und fügte hinzu: Laß uns verschwinden, wir müssen reden.

William spürte ihre Besorgnis und nickte nur. Er schwang sich auf Goliaths Rücken und hob Madeleine vor sich in den Sattel. Sie bedeutete ihren Ghoulen, mit der Kutsche zu folgen, dann preschten sie aus dem Palasthof. "Übrigens", fragte er beiläufig, als sie unterwegs waren, "hast du James gesehen?"

"Nein", antwortete sie etwas erstaunt, dann verbesserte sie sich: "Da vorne steht er!"

Tatsächlich stand James mit seinem Pferd an der nächsten Kreuzung und sah ihnen angespannt entgegen. Als sie etwas näher herankamen, gab er ihnen ein Zeichen, nicht weiterzureiten, sondern einen anderen Weg zu nehmen. William wunderte sich zwar etwas, aber er kannte seinen Ghoul gut genug, um zu wissen, daß der vermutlich einen guten Grund hatte. Zeit für Erklärungen war hoffentlich später noch. Er lenkte Goliath in eine Seitenstraße und umging den Bereich, den James angedeutet hatte. Kurz darauf erreichten die beiden die Villa, die Kutsche nur ein Stück hinter ihnen. William übergab Goliath der Obhut eines Stallknechts und zog sich mit Madeleine in sein Zimmer zurück.

"Also, was gibt es?" fragte er, als sie allein waren. "Dich hat etwas ziemlich durcheinandergebracht."

Madeleine erzählte in knappen Worten, was sie bisher am Abend getan hatte, angefangen von dem Gespräch mit Hassan. William war nicht besonders glücklich darüber, die Aussicht auf Gwenhwyvars vitae aufgeben zu müssen, aber Madeleine überzeugte ihn ohne viel Mühe davon, daß es in der Tat ein geringer Preis für die Sicherheit des Hauses war. "Ich habe ihm mein Wort gegeben", erklärte sie. "Ich fürchte, wenn wir ihm Gwenhwyvars Blut vorenthalten, wird er sich meins nehmen." Damit war die Sache erledigt, und sie fuhr fort, von ihrer Audienz bei Gregorius zu erzählen. "Ich weiß nicht, wann er mir mehr Angst macht", gestand sie. "Wenn er sich wie ein Irrer benimmt oder wenn er scheinbar völlig normal ist. Du hättest diese Stimme hören müssen." Sie schauderte.

"Es wird also eng", murmelte William. "Eine Woche ist nicht viel Zeit, um einen passenden Nachfolger zu finden. So wählerisch, wie du bist..."

Sie nickte. "Deswegen werde ich mich jetzt umziehen und auf die Jagd gehen."

"Nimmst du mich mit?"

Sie lächelte. "Natürlich." Sie küßte ihn und wandte sich zum Gehen. Plötzlich klopfte etwas gegen das Fenster. William drehte sich um und sah mit Erstaunen James' Gesicht draußen auftauchen. Er öffnete das Fenster, und der Ghoul kletterte geschickt herein.

"Ein Glück, daß ich Euch noch erwische", erklärte er. "Es tut sich etwas in der Stadt, deswegen habe ich Euch auch vorhin einen anderen Weg gewiesen. Wenn Ihr weitergeritten wärt, wärt Ihr direkt in jemanden hineingerannt, dem ihr vermutlich nicht begegnen wollt." Als William ihn fragend ansah, fuhr er fort: "Es sind drei Frauen in Konstantinopel angekommen, die gefährlich sind. Sie waren ein Stück vor Euch gerade... beschäftigt. Ich habe noch selten solche Macht gesehen."

Madeleine schlug die Hände vors Gesicht. "Die haben uns gerade noch gefehlt", seufzte sie.

William nickte. Als James ihm einen etwas verständnislosen Blick zuwarf, erklärte er: "Du erinnerst dich vielleicht, daß wir kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt hatten, drei Weiße Hexen zum Kampf gegen den Schattendämon herzurufen. Wir wurden gewarnt, daß diese drei ohne weiteres in der Lage wären, auf der Jagd nach dem Bösen die halbe Stadt in Schutt und Asche zu legen, und daß sie unsere Art nicht besonders schätzen. Wie es scheint, sind sie jetzt eingetroffen, ohne daß wir sie gerufen haben."

"Die drei sind gefährlich." James' Stimme war leise und von einer merkwürdigen Eindringlichkeit. Er sah William mit ernstem Blick gerade in die Augen. "Besonders für Euch."

Der Ventrue sah ihn prüfend an. Irgendwie wirkte der Ghoul verändert, ohne daß er genau hätte sagen können, wieso. Es war allerdings deutlich zu sehen, daß es ihm mit seiner Warnung todernst war, und William wäre ein Narr gewesen, sie nicht zu beachten. Er nickte. "Wir werden vorsichtig sein, wenn wir nachher nach draußen gehen. Sehr vorsichtig. Vorher allerdings gibt es da noch etwas, worüber ich mit dir reden will."

Madeleine verstand. "Ich gehe mich umziehen", erklärte sie taktvoll und ging zur Tür. Es wäre für James' Stolz nicht besonders gut gewesen, wenn William ihn in ihrer Gegenwart danach gefragt hätte, was er sich dabei gedacht hatte, seine Pflichten zu vernachlässigen, um Francesca zu folgen. Im Hinausgehen fügte sie unhörbar hinzu: Aber neugierig bin ich schon, was er für eine Erklärung hat. Hast du etwas dagegen, wenn ich mithöre?

Nicht im Geringsten, antwortete er. Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, wandte er sich James zu, der nach wie vor mit unbewegter Miene dastand. "Also?" fragte er ruhig. "Was sollte das? Ich habe volles Verständnis dafür, daß Francesca dir wichtig ist, aber deine Hauptaufgabe ist nach wie vor, für meine Sicherheit zu sorgen, und nicht für ihre."

James wurde rot, allerdings nicht vor Verlegenheit, wie William sofort merkte. Der Söldner war zornig. "Ich bin nicht hinter Francesca hergeritten", erklärte er mühsam beherrscht.

William war bemüht, sich seine Besorgnis nicht anmerken zu lassen. So kannte er James nicht, und das Verhalten seines Ghouls beunruhigte ihn. "Was wolltest du dann draußen?"

"Genau weiß ich das selbst nicht", gab er zu. "Ich wußte, daß etwas gefährliches in der Stadt unterwegs war, etwas sehr gefährliches. Und Lady Madeleine hatte das Haus verlassen. Ich hatte plötzlich das Gefühl, ich müßte unbedingt herausfinden, was da vor sich geht."

William verstand immer weniger, was er da gerade hörte. "Woher wußtest du das?"

"Ich weiß es nicht." James schien kurz davor, die Geduld zu verlieren, gleichzeitig war William sich absolut sicher, daß sein Ghoul ihn niemals angreifen würde. Er begriff offenbar selbst nicht, was da mit ihm passiert war, aber die Veränderung war deutlich. "Mir war einfach auf einmal klar, daß ich der Sache auf den Grund gehen mußte. Also habe ich Euer Pferd vorbereitet, weil ich mir schon dachte, daß Ihr Lady Madeleine würdet folgen wollen, habe Giovanni Anweisungen bezüglich des Berichts gegeben, und bin losgeritten. Und dann habe ich die drei gesehen. Eine hübscher als die andere, deswegen sind sie besonders für Euch gefährlich. Man sollte sich von ihrem Äußeren nicht täuschen lassen, sie verfügen über echte Macht." Er schwieg einen Moment nachdenklich. "Ich wußte einfach, wo ich sie finden würde. Fragt mich nicht, woher." Er sah seinen Herrn eindringlich an. "Nehmt Euch vor ihnen in Acht", sagte er leise, und seine Stimme hatte wieder diesen Unterton, den William vorhin schon bemerkt hatte. Es war ihm bitter ernst, und allmählich begann der Ventrue, sich vor seinem eigenen Ghoul zu fürchten. Nicht, weil er an seiner Loyalität gezweifelt hätte, die stand außer Frage, sondern weil er so gar keine Ähnlichkeit mehr mit dem James hatte, den er kannte. Sogar seine Aura hatte sich verändert. Die kräftigen Farben wurden von einem silbrigen Leuchten umspielt, das vorher nie dagewesen war, und das der Ventrue auch sonst noch nie gesehen hatte. William fröstelte plötzlich.

"Es ist gut", sagte er. "Wir müssen in die Stadt, das läßt sich nicht vermeiden. Aber wir werden vorsichtig sein und den dreien aus dem Weg gehen."

"Tut das." James deutete eine Verneigung an. "Wäre das alles?"

William nickte, und der Ghoul verließ das Zimmer. Einen Augenblick später trat Madeleine ein, in ihrer Lederkleidung, das Kettenhemd über dem Arm.

"Was um Himmels Willen sollte das?" fragte sie.

"Ich habe nicht die leiseste Ahnung", gab er zu. "Aber der Kerl macht mir Angst." Er ließ sich in einen Sessel fallen und zog sie auf seinen Schoß. "Er hat sich so verändert, daß ich ihn kaum wiedererkenne, und ich kann mir nicht vorstellen, wer oder was dafür verantwortlich ist. Das einzige, was ich sicher weiß, ist, daß er nach wie vor zu uns gehört. Er würde nichts unternehmen, was uns schadet. Aber frag mich bitte nicht, warum ich da so sicher bin."

Sie strich sanft über seine Wange. "Wir sollten uns auf den Weg machen", sagte sie.

Er seufzte. "Du hast ja recht." In diesem Moment klopfte es an der Tür. "Herein."

Die Tür öffnete sich, und Hassan erschien. "Oh", sagte er nur, als er Madeleine auf Williams Schoß sah, dann schloß er die Tür hastig wieder von außen.

Was will der denn hier oben? fragte William. Normalerweise waren die Privaträume der Hausherren für die Gäste tabu.

Berichten, vermutlich, antwortete sie, stand auf und trat neben den Sessel.

Gleich darauf klopfte es erneut. Hassan trat ein, als sei nichts geschehen, und ging auf ein Knie herab. "Ich habe gemäß Euren Anweisungen die unteren Teile des Hauses soweit gesichert, wie es mit den vorhandenen Mitteln möglich war. Mog wird sich darum kümmern, daß morgen Handwerker den Rest erledigen. Die Räume hier oben müssen allerdings noch... überarbeitet werden." Er warf einen bezeichnenden Blick auf das offene Fenster.

Madeleine nickte ihm zu. "Tut das", sagte sie.

"Mit Eurer Erlaubnis..." Er erhob sich, verneigte sich vor den beiden, ging drei Schritte rückwärts und verschwand nach draußen. Durch die Tür sah William, wie er von drei wartenden Ghoulen in Empfang genommen und die Treppe hinabgeleitet wurde.

Der Ventrue seufzte und deutete auf Madeleines Kettenhemd. "Zieh das an, und dann laß uns jagen gehen. Das verstehe ich wenigstens."

"Noch", brummte sie mißmutig, und legte die Rüstung an.

 

Zwei Nächte vergingen, und noch immer hatte Madeleine keinen geeigneten Kandidaten gefunden. In der ersten Nacht hatte sie mehr oder weniger ziellos auf den Straßen der besseren Viertel gesucht. Am zweiten Abend hatte William die Idee gehabt, sich selbst in eine der zahlreichen Villen einzuladen, in denen gerade irgendein Fest im Gang war. Es schien, als wäre jeder, der in der Stadt etwas darstellte, auf einem dieser Feste. Es war immer noch niemand darunter, der die Lasombra wirklich zufriedenstellte; die meisten der anwesenden Adligen waren arrogant und vergnügungssüchtig, von ihren Bediensteten eher gefürchtet als respektiert und oft genug auch nicht gerade mit überragender Intelligenz gesegnet. Madeleine jedoch suchte jemanden, der in der Lage war, andere zu führen, ohne sie komplett einzuschüchtern, jemanden der besonnen und willensstark genug war, um dem Einfluß des Hauses zu widerstehen. Sie war fest entschlossen, ihr Blut an niemanden weiterzugeben, dem sie nicht selbst mit einem Mindestmaß an Respekt begegnen konnte. Immerhin würde der, den sie aussuchte, ihr erstes Kind sein. Der komplette Fehlschlag am ersten Abend hatte sie zu der Bemerkung verleitet, daß William und Irian notfalls alleine Konstantinopel verlassen sollten, falls sie tatsächlich in der kurzen Zeit keinen Nachfolger fand. William hatte sie angesehen, als hätte sie den Verstand verloren. "Schlag dir das aus dem Kopf", hatte er nur gesagt. "Ich weiß nicht, wie Irian das sieht, aber was mich angeht, gehen wir zusammen oder gar nicht."

"Sei vernünftig", bat sie. "Es gibt keinen Grund, warum du dich in Gefahr bringen solltest, nur weil ich nicht in der Lage bin..."

"Es gibt einen Grund", unterbrach er sie. "Er läuft neben mir und redet Unsinn. Und jetzt will ich nichts mehr davon hören. Laß uns mal da drüben das Haus inspizieren, da scheint einiges los zu sein."

Auch in besagtem Haus wurden sie nicht fündig. Trotzdem endete diese zweite Nacht recht vielversprechend: mit einer Einladung zu einem Ball am kaiserlichen Hof am folgenden Abend.

 

"Fertig." Caterina trat einen Schritt zurück und betrachtete ihr Werk zufrieden. Madeleine sah an sich herab und bedauerte einmal mehr den Verlust ihres Spiegelbilds. Sie hätte gern selbst gesehen, ob ihr das rote Kleid wirklich so gut stand wie Francescas bewundernder Blick nahelegte. Ihre Zofe hatte sich zwei Stunden lang mit ihrer ganzen Kunstfertigkeit und Francescas Unterstützung mit Madeleine beschäftigt, und das Ergebnis konnte sich offenbar sehen lassen.

Dieser Meinung war auch William, als er sie an ihrem Zimmer abholte. Madeleine bemerkte, wie er sie ansah, und drehte sich lächelnd zu Caterina um. "Gute Arbeit, scheint mir. Auch wenn ich mich nicht selbst sehen kann, Sir William ist in der Hinsicht zuverlässig wie ein Spiegel." Sie zwinkerte ihm zu, als Caterina vergeblich versuchte, ihr stolzes Lächeln zu verbergen. William bot Madeleine den Arm, und gemeinsam gingen sie nach unten, wo die Kutsche wartete - und James, der in den letzten Nächten nicht von Williams Seite gewichen war. William wurde immer noch nicht recht schlau aus ihm, hatte es aber inzwischen aufgegeben, Fragen zu stellen, da James offenbar wirklich nicht wußte, was mit ihm passiert war.

Am Palast schien seltsamerweise auch niemand Anstoß daran zu nehmen, daß James die beiden nach drinnen begleitete, anstatt mit den anderen Bediensteten draußen zu warten. Madeleine und William verbrachten zwei, drei Stunden damit, sich durch die Menge treiben zu lassen und sich umzusehen, James immer in der Nähe. Plötzlich fiel der Lasombra eine junge Frau auf, sie mochte vielleicht sechzehn Jahre alt sein, die seltsamerweise an mehreren Stellen des Ballsaals zugleich zu sein schien. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie jedoch, daß es sich um vier verschiedene Frauen handelte, die sich verblüffend ähnlich sahen und darüberhinaus noch genau gleich angezogen und frisiert waren. Eine fünfte Frau gleichen Aussehens trat gerade am hinteren Ende des Saals aus einer Tür und unterhielt sich kurz mit einem der Diener, die Erfrischungen reichten. Madeleine beobachtete die beiden unauffällig und fand das, was sie sah, sehr interessant. Die Dame war offensichtlich von Adel, obwohl ihr eher zurückhaltendes Kleid keine weiteren Aufschlüsse über ihren Stand zuließ. Der Diener, mit dem sie sich unterhielt, machte einen respektvollen, aber keineswegs unterwürfigen Eindruck. Neugierig geworden, konzentrierte Madeleine sich auf die Gedanken der Frau, mußte aber feststellen, daß sie sie nicht lesen konnte. Das kam gelegentlich vor, selbst bei Sterblichen. Besonders willensstarke Ziele waren schwer zu lesen. Madeleine lenkte ihre Aufmerksamkeit stattdessen auf den Diener, der sich als ergiebigere Quelle erwies. Bei der Dame handelte es sich um die Tochter des Kaisers, Prinzessin Anna Komnena höchstpersönlich. Interessanterweise dachte der Diener von ihr jedoch nicht als Prinzessin, sondern eher als eine Art Freund, jemanden, auf den Verlaß war und mit dem man Pferde stehlen konnte. Er war absolut loyal ihr gegenüber, aber nicht aus Furcht. Die Lasombra musterte die Prinzessin nachdenklich.

Jemanden gefunden? fragte William.

Ich weiß nicht... gab sie zögernd zurück. Hast du das Mädchen da drüben gesehen? Vom ersten Eindruck her wäre sie genau das, was ich suche, nur leider ist sie die Prinzessin. Ihr den Kuß zu geben, könnte Aufsehen erregen.

Eine Art mentales Schulterzucken war die Antwort. Na und? Das ließe sich schon irgendwie vertuschen. Rede mit ihr, empfahl er.

Das werde ich auf jeden Fall, erwiderte sie. In diesem Moment schwang die große Tür am Ende des Saals auf, und drei Frauen traten ein. Einen winzigen Augenblick lang war es totenstill, dann setzten die Gespräche wieder ein, als sei nichts geschehen.

"Das sind sie", flüsterte James. Und ehe William ihn noch daran hindern konnte, setzte er sich in Bewegung und ging wie im Traum auf die drei zu, die in der Nähe des Eingangs stehengeblieben waren, den Blick über die Menge schweifen ließen und seltsamerweise überhaupt kein Aufsehen erregten. William wollte ihm folgen, dann wurde ihm jedoch bewußt, daß die Menge um sie herum im Moment seine und Madeleines beste Tarnung war, und er blieb stehen. James' Warnung bezüglich der drei war ihm noch zu gut im Gedächtnis; im Moment war es sicher besser, noch nicht von ihnen gesehen zu werden.

James hatte nicht übertrieben, die drei waren wirklich ausgesprochen hübsch. Der Ghoul blieb vor einer von ihnen stehen, einem zierlich gebauten Geschöpf mit langen, nachtschwarzen Haaren, verbeugte sich und schien sich vorzustellen. Die Hexe lächelte (und was für ein Lächeln, dachte William), und reichte ihm die Hand. James beugte sich zu einem vollendeten Handkuß darüber und begann eine Unterhaltung. "Das könnte jetzt durchaus interessant werden", murmelte William.

Ehe es interessant wurde, öffnete sich die Tür erneut. Und diesmal betraten fünf Kainiten den Saal. Ventrue, da war William sicher. Sie gingen auf die Hexen zu - und mit einem Mal schien jede Bewegung im Saal eingefroren. William und Madeleine stellten mit Entsetzen fest, daß sie sich nicht mehr rühren konnten. Eine nicht meßbare Zeitspanne später fiel die Starre so plötzlich von ihnen ab, wie sie gekommen war. Die drei Hexen und die fünf Ventrue waren verschwunden.

James sah sich einen Moment um, dann ging er zielstrebig auf die Ausgangstür zu. William wechselte einen besorgten Blick mit Madeleine. Beide hatten den schwachen, für menschliche Sinne wahrscheinlich gar nicht wahrnehmbaren Blutgeruch bemerkt, der in der Luft lag. "Ich gehe mit James", erklärte er.

Madeleine nickte. "Soll ich mitkommen?"

"Vielleicht ist es besser, wenn du dich um den Kontakt kümmerst. Wenn ich Hilfe brauche, rufe ich dich."

"In Ordnung", stimmte sie zu und sah sich nach der Prinzessin um. Jetzt, wo sie wußte, worauf sie achten mußte, war es auch kein Problem mehr, die echte Anna Komnena von den Doppelgängerinnen zu unterscheiden. Madeleine sah sie ein Stück entfernt stehen. Die Prinzessin schien sie ebenfalls bemerkt zu haben und machte einen kleinen Knicks in ihre Richtung. Die Lasombra erwiderte den Gruß und ging langsam hinüber. Unterwegs mußte sie die Annäherungsversuche einiger Adliger abwehren, die offenbar in Williams Abwesenheit eine Aufforderung sahen. Ein paar Kostproben von Madeleines scharfer Zunge, gepaart mit ihrem liebenswürdig-falschesten Lächeln, ließen sie jedoch ihren Irrtum sehr schnell einsehen. Madeleine sah, daß ihre Zielperson offenbar selbst an einem Gespräch interessiert war und ihr entgegenkam. Kurz vor der Lasombra blieb sie stehen.

"Guten Abend. Ich glaube, wir sind uns noch nicht vorgestellt worden. Ich bin die Kammerfrau der Prinzessin, mein Name ist Anna."

Madeleine konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. "Gewiß, Prinzessin." Im selben Moment hätte sie sich die Zunge abbeißen mögen. Anna war so offensichtlich um ihr Inkognito bemüht, daß es reine Dummheit gewesen war, das Spiel nicht mitzuspielen. Die Reaktion kam prompt: Anna starrte sie einen Moment lang ausdruckslos an, dann drehte sie sich auf dem Absatz um und rauschte davon. Alle Umstehenden, die sich in Hörweite befunden hatten, sanken prompt auf die Knie.

"Die Prinzessin selbst", wisperte einer.

"Tatsächlich?" fragte ein anderer ebenso leise zurück. "Und ich habe sie nicht erkannt, ich hätte zu gerne mit ihr gesprochen."

Madeleine kam sich unglaublich dumm vor. Nach nächtelangem Suchen hatte sie endlich eine geeignete Kandidatin, und dann mußte sie vor lauter Übereifer gleich den ersten Kontakt verpatzen. Wütend machte sie sich auf den Weg zum Ausgang, innerlich in den höchsten Tönen fluchend.

Um Himmels Willen, was ist denn passiert? meldete sich William besorgt in ihrem Kopf.

Ich habe mich wie ein Anfänger angestellt, antwortete sie zornig. Schlimmer als ein Anfänger. Sie wollte unerkannt bleiben, und ich habe sie vor der versammelten Meute enttarnt. Mein Taktgefühl scheine ich zu Hause vergessen zu haben. Sie lauschte kurz in sich hinein. Wo seid ihr eigentlich?

Ein Stück den Gang hinunter, dann nach links, antwortete er. Wir folgen der Spur.

Ich komme, erklärte sie. Hier oben kann ich jetzt ohnehin nichts mehr ausrichten.

Sie wollte sich gerade auf den Weg machen, als hinter ihr jemand aus dem Ballsaal trat und nach ihr rief. "Madame? Einen Moment, ich bitte Euch."

Madeleine drehte sich um und musterte den Neuankömmling etwas ungnädig. Vor ihr stand ein Mann, vielleicht Mitte Dreißig, gut gekleidet und offenbar von Adel. Er lächelte sie entschuldigend an, als er auf sie zukam.

"Ihr wünscht?" fragte sie.

"Nur einen Augenblick Eurer Zeit. Wenn ich mich vorstellen darf: Baron Alexis Dimitros." Er verneigte sich.

"Madeleine de Neuville", erwiderte sie.

"Es ist mir ein Vergnügen", versicherte er. "Ich wollte Euch meine Hochachtung aussprechen. Die Prinzessin unter den Doppelgängerinnen zu enttarnen, das war eine reife Leistung."

"Wenn Ihr mir nur gefolgt seid, um Euch über mich lustig zu machen, verschwendet Ihr Eure Zeit. Und meine", erklärte sie kalt.

Er hob abwehrend die Hände. "Nichts liegt mir ferner, Madame, bitte glaubt mir das. Das Kompliment war absolut ernst gemeint. Seht Ihr, ich bin für die Sicherheit der Prinzessin verantwortlich. Leider ist sie, wie soll ich sagen, nicht unbedingt sehr kooperativ, was meine Bemühungen angeht. Es war nicht das erste Mal, daß sie mir diesen Streich mit den Doppelgängerinnen gespielt hat, und es ist natürlich sehr schwierig für mich, unter diesen Bedingungen meinen Pflichten nachzukommen." Er musterte sie nachdenklich. "Ich kenne die Prinzessin seit vielen Jahren, und kann sie trotzdem kaum von diesen anderen unterscheiden. Ihr hingegen scheint dieses Problem nicht zu haben."

Madeleine hob die Schultern. "Zugegeben, sie sehen sich ähnlich, aber nicht wirklich so, daß man sie verwechseln könnte."

"Für mich schon", antwortete er. "Und ich muß gestehen, wenn Euch das so leichtfällt, interessiert Ihr mich außerordentlich. Ich würde mich gerne einmal in Ruhe mit Euch darüber unterhalten. Wenn Ihr mich vielleicht morgen Abend in meinen Gemächern besuchen würdet?"

Madeleine musterte ihn scharf, aber sie konnte tatsächlich nur ernstgemeintes Interesse in ihm finden. Er schien echte Zuneigung für Anna zu empfinden, und sein ganzes Benehmen deutete auf einen besonnenen, ausgeglichenen Menschen hin. Plötzlich kam ihr der Gedanke, daß Baron Dimitros vielleicht ein wesentlich geeigneterer Nachfolger war als Anna Komnena. Natürlich würde sie ihn sich dafür noch etwas genauer ansehen müssen, aber er hatte ihr die Gelegenheit dazu ja gerade angeboten... Sie nickte. "In Ordnung", sagte sie, und nahm eine Karte mit einem Siegel entgegen, die er ihr reichte.

"Damit wird man unten am Tor wissen, daß Ihr erwartet werdet, und Euch nicht unnötig aufhalten", erklärte er. Dann sah er sich um und seufzte. "Aber jetzt entschuldigt mich bitte, die Prinzessin..." Damit verbeugte er sich noch einmal und entfernte sich hastig.

Madeleine entfernte sich ebenfalls, wenn auch in eine andere Richtung. Hast du mitgehört? erkundigte sie sich.

Allerdings, antwortete William. Ich würde sagen, das klingt vielversprechend.

Madeleine holte William und James kurz darauf ein. Die Spur hatte zu einer Wand geführt und schien da zu enden. James tastete prüfend über die Wand, dann holte er aus und schlug zu. Mit einem lauten Krachen durchbrach seine Faust eine getarnte Tür, die nur aus Papier bestand. Der Ghoul fand die Klinke auf der anderen Seite und öffnete sie. Dahinter wand sich eine Treppe in die Dunkelheit hinab.

"Die Spur führt nach unten", stellte Madeleine fest.

William nickte. "Und der Geruch wird stärker. Da unten fließt Blut, und zwar mehr als nur ein bißchen."

Die beiden Kainiten sahen sich wortlos an, dann bedienten sie sich ihrer vitae. "Komm nach", befahl William dem Söldner, dann waren sie verschwunden.

Die Treppe endete in einem niedrigen Kellerraum. Und hier war in der Tat ein Kampf im Gang. Die drei Hexen standen in der Mitte des Raumes und setzten sich erbittert gegen die fünf Kainiten zur Wehr. Gegen vier der fünf, erkannte William. Der fünfte lag bereits mit einem Pflock in der Brust in der Ecke und rührte sich nicht. Die übrigen jedoch schienen den Frauen durchaus zu schaffen zu machen - und umgekehrt. Einer von ihnen versuchte, eine der drei zu erreichen, bewegte sich aber so langsam, als müßte er durch zähen Sirup schwimmen. Ein zweiter wurde gerade von einem Feuerball getroffen und ging schreiend in Flammen auf. Die beiden anderen konzentrierten ihre Anstrengungen auf die schwarzhaarige Schönheit, mit der James sich vorhin unterhalten hatte. Sie schien die Kämpferin des Trios zu sein, obwohl sie unbewaffnet war. Während William noch hinsah, brachte sie einen ihrer beiden Angreifer mit einem harten Tritt wieder auf Abstand, dann wirbelte sie fließend herum, um den zweiten abzuwehren.

Und dabei glitt sie auf einem feuchten Moosbüschel aus und stürzte. Sie versuchte noch, den Fall abzubremsen, schaffte es aber nicht mehr und schlug hart am Boden auf, wo sie einen Augenblick benommen liegenblieb. Sofort waren die beiden Ventrue über ihr. Einer begann, sie mit Tritten einzudecken, während der andere mit seinem Kurzschwert ausholte.

William hatte genug gesehen. Ohne ein weiteres Wort riß er sein Schwert heraus und stürzte sich auf die beiden, die die am Boden liegende Hexe attackierten. Zwei lange Schritte brachten ihn neben sie, dann zog er das Katana nach oben und brachte es in einem weiten Halbkreis wieder herab. Die rasiermesserscharfe Klinge trennte den Kopf des ersten Ventrue glatt ab und verletzte den zweiten am Hals.

Madeleine blieb am Fuß der Treppe stehen und versuchte, die Lage zu überblicken. Der Ventrue in der Ecke war keine Gefahr mehr. Der, der den Feuerball abbekommen hatte, versuchte voller Panik, sich zu löschen und war für den Moment auch kein Problem. William würde mit seinen beiden - mit seinem einen Gegner auch ohne Schwierigkeiten fertig werden. Blieb der fünfte, der anscheinend mehr und mehr den Einfluß, der ihn langsamer machte, abschüttelte, und sich verbissen auf die Hexe zuarbeitete, die ihn in ihrem Bann hielt. Madeleine beschloß, sie etwas dabei zu unterstützen. Sie trat einen Schritt zur Seite, um voll im Blickfeld des Ventrue zu sein. Der machte auch prompt den Fehler, sie anzusehen. Madeleine hielt seinen Blick mit dem ihren fest und legte die ganze Macht ihrer Stimme in einen Befehl. "Halt." Das Wort durchdrang mühelos den Kampflärm und schien selbst in dem engen Keller noch ein wenig nachzuhallen. Der Ventrue riß kurz die Augen auf, dann fror er vollkommen ein. Madeleine spürte, wie sein Wille gegen ihren aufzubegehren versuchte, und hielt ihn unerbittlich fest. Er hatte keine Chance. Regungslos wie eine Statue blieb er stehen.

William wandte sich inzwischen seinem zweiten Gegner zu. Der hatte völlig richtig erkannt, woher ihm im Moment die größere Gefahr drohte, und er war schnell. Wie eine zubeißende Schlange zuckte sein Kurzschwert nach vorn, und nicht zum ersten Mal hatte William Grund, dem Schmied dankbar zu sein, der sein Kettenhemd gefertigt hatte. Der Stich war genau gezielt gewesen, und ohne die Rüstung hätte er perfekt gesessen und ihn übel verletzt. Williams Gegner sah, daß der Angriff ohne Wirkung geblieben war, zerbiß einen Fluch zwischen den Zähnen und versuchte, sofort nachzusetzen. William drehte sich gewandt einen halben Schritt zur Seite und ließ sein Schwert herumwirbeln. Einen Augenblick später leistete der Kopf des anderen dem seines Gefährten auf dem Boden Gesellschaft. William wandte sich um, um zu sehen, ob er noch irgendwo eingreifen konnte, stellte aber fest, daß die Lage offenbar unter Kontrolle war. Der Ventrue, der von dem Feuerball getroffen worden war, war inzwischen völlig von den Flammen verzehrt worden. Die beiden einzigen Überlebenden waren vorerst ruhiggestellt. Der Kampf war zu Ende.

Den drei Hexen schien diese Tatsache auch allmählich zu Bewußtsein zu kommen. Die Schwarzhaarige rappelte sich mühsam hoch und gesellte sich zu ihren Schwestern. Sie blutete aus einer tiefen Stichwunde am Bein, schien aber nicht lebensgefährlich verletzt zu sein. Eine gespannte Ruhe legte sich über den Raum, als die Hexen und die beiden Kainiten sich gegenseitig fast lauernd musterten.

"Ihr habt euch ja ganz schön Zeit gelassen", stellte eine der Hexen schließlich fest. Sie hatte vorhin den Feuerball geworfen und betrachtete William mit sichtlichem Interesse.

"Ihr habt uns erwartet?" fragte Madeleine verblüfft.

"Gewissermaßen", erwiderte die Hexe.

William steckte mit einer bewußt langsamen Bewegung demonstrativ sein Schwert weg. Dann trat er einen Schritt vor und verneigte sich vor den dreien. "Wir sollten der Form Genüge tun. Sir William von Tintagel."

Madeleine stellte sich ebenfalls vor, was von den Hexen mit einem Nicken zur Kenntnis genommen wurde. "Ich bin Pax", sagte die, die vorher gesprochen hatte. "Das da ist Tiri", sie deutete auf die Frau, die den Ventrue in ihrem Bann gehalten hatte und jetzt etwas fasziniert auf ihr immer noch stocksteif dastehendes Opfer schaute. "Und die mit den schwarzen Haaren ist Daphne."

In diesem Moment kam ein polterndes Geräusch von der Treppe, und James stürzte in den Raum. Daphne war mit einem Sprung am Fuß der Treppe. Madeleine wich hastig zur Seite. James registrierte sofort, daß er den Kampf offenbar verpaßt hatte, und hob die Hände. "Keine Aufregung", bat er. Er sah zu William. "Alles in Ordnung, Sir?" Als William nickte, wandte er sich an Daphne. Plötzlich fiel sein Blick auf ihr Bein. "Du bist verletzt", sagte er, ging neben ihr in die Hocke und berührte die immer noch heftig blutende Wunde.

Mit einem Mal ging ein derart unangenehmes Gefühl von ihm aus, daß Madeleine mit einem leisen Aufschrei vor ihm zurückwich. Ein brennendes Kribbeln breitete sich über ihre Haut aus. Die Lasombra machte noch ein paar rasche Schritte rückwärts und landete in Williams Arm, der sie an sich drückte und mit einer Mischung aus Erstaunen und Furcht auf seinen Ghoul sah. Das silbrige Leuchten, das seit kurzem ständig in James' Aura präsent war, wurde intensiver, und damit schien auch dieses unangenehme Brennen einherzugehen. Ungläubig sahen die beiden zu, wie sich Daphnes Wunde unter James' Hand zu schließen begann. Schließlich richtete er sich auf und sah die Hexe an. "Besser?" fragte er. Sie nickte und erwiderte seinen Blick prüfend. Plötzlich trat sie einen Schritt beiseite und duckte sich leicht, die Hände halb erhoben. Angriffshaltung, erkannte William sofort. James grinste sie an und brachte sich ebenfalls in Position. Im nächsten Moment waren beide in Bewegung, schnell, fließend und präzise. James hatte sein Schwert nicht gezogen, er kämpfte wie Daphne ohne Waffen. Pax und Tiri schienen sich über das Schauspiel nicht allzusehr zu wundern. Die beiden Kainiten jedoch sahen völlig verblüfft zu. Sogar für Madeleine, die kaum Kampferfahrung hatte, war offensichtlich, daß es hier nicht darum ging, den Gegner möglichst effektiv zu verletzen. Was sie sah, hatte mehr Ähnlichkeit mit einem komplizierten Tanz, ein gegenseitiges Abschätzen der Fähigkeiten.

Die beiden anderen Hexen sahen sich an und seufzten. "Daphne", rief Pax. Die Kämpferin reagierte nicht. "Daphne! Hör auf zu spielen, wir haben keine Zeit für sowas." Wie in gegenseitigem Einvernehmen blieben beide Kämpfer gleichzeitig stehen. James machte eine leichte Verbeugung in Daphnes Richtung, dann trat er einen Schritt zurück und deutete damit an, daß er den Kampf als beendet ansah. Daphne nickte ihm anerkennend zu und wandte sich zu den anderen um.

"Wir sollten uns unterhalten", erklärte Tiri. "Was wir euch zu sagen haben, wird nicht ganz leicht zu verdauen sein. Ihr beide seid Vampire, nicht wahr?"

"So nennt man unsere Art gelegentlich, ja." Madeleine warf ihr einen prüfenden Blick zu. "Ihr habt damit gerechnet, uns hier zu finden? Verzeiht, aber wir waren bisher davon ausgegangen, daß gerade Ihr drei uns nicht gerade wohlwollend gegenübersteht."

"Wir drei... oh." Tiri nickte. "Unsere Vorfahren waren allerdings etwas übereifrig. Wir neigen dazu, die Dinge etwas pragmatischer zu sehen." Als Madeleine fragend eine Augenbraue hob, fuhr sie fort: "Es mag etwas schwer zu glauben sein, aber dies ist nicht unsere Zeit. Wir kommen aus dem, was für euch die Zukunft ist. Wenn ihr uns soweit vertrauen wollt, werden wir es euch zeigen."

Die beiden Kainiten sahen sich an. Ich ahne etwas, dachte William. Ich hatte vor längerer Zeit einmal eine Vision...

Interessant, hörten die beiden plötzlich Pax' Stimme in ihren Gedanken. Aber mußt du deswegen so schreien?

Madeleine starrte sie an. Ihr hört uns? fragte sie fassungslos. Wir waren bisher davon ausgegangen, daß die Verbindung zwischen uns beiden so persönlich ist, daß niemand sonst mithören kann.

Pax zuckte die Schultern. "Dann solltet ihr euch leiser unterhalten. Wenn ihr so schreit, ist es kein Wunder, daß andere es mitbekommen."

Madeleine beschloß, sich später eingehender mit der Hexe über dieses Thema zu unterhalten. Die Sache klang interessant. Im Moment allerdings gab es wichtigeres. Tiri schien ebenfalls dieser Meinung zu sein. "Wenn ihr sehen wollt, was wir euch zeigen, schließt die Augen. Habt keine Angst, es kann euch nichts passieren." Die beiden Vampire zögerten nur einen kurzen Moment, dann schlossen sie die Augen.

Rauch, und Feuer. Es war Nacht, trotzdem war der Himmel über der Stadt hell erleuchtet. Teilweise kam das Licht von unten, wo sich lange Straßen wie blendend weiße Schlangen zwischen turmhohen Häusern hindurchwanden. Die Fenster waren ebenfalls hell, als würden dahinter tausend Fackeln brennen. Ein infernalischer Lärm tobte. Mitten in der Luft hing ein riesiges, groteskes Gebilde aus Stahl, das scheinbar von rotierenden Klingen in der Schwebe gehalten wurde. Aus verschiedenen Öffnungen ragten Rohre heraus, die ununterbrochen Feuer spieen. Und vor dem fliegenden Etwas erschien ein Engel. Er war groß, größer noch als das stählerne Monstrum. Ein Flügel war strahlend weiß, der andere troff vor Blut. In den Händen hielt er ein riesiges Schwert, über dessen Klinge Flammen leckten. Sein Gesicht war wunderschön, aber von einer Kälte und Grausamkeit beherrscht, die nicht im entferntesten menschlich war. Und der Engel hob sein flammendes Schwert und zerschlug damit das stählerne Gebilde in zwei Hälften, die brennend dem Boden entgegenstürzten, begleitet von den Schreien der Menschen, die sich darin befunden hatten.

Madeleine öffnete die Augen und sah in Williams kalkweißes Gesicht. "Ich habe so etwas schon einmal gesehen", flüsterte er. Dann sah er die Hexen an. "Wo ihr herkommt... gibt es da eine Waffe, die alles zerstört? Eine Waffe, die mit einem einzigen Lichtblitz alles in weiter Umgebung vernichtet?"

Pax nickte nachdenklich. "So etwas gibt es, es wurde aber schon seit mehr als hundert Jahren nicht mehr eingesetzt. Was ihr gerade gesehen habt, war unsere Gegenwart. Die Engel führen Krieg gegen die Menschen."

"Dann haben sie offenbar den Kampf untereinander entschieden", murmelte Madeleine. Sie erinnerte sich mit Schaudern an die Vision, die Bruder Matthias' Kreuz ihr gezeigt hatte. "Und warum seid Ihr hier?"

"Wir, wie auch unsere Mütter, unsere Großmütter, und unsere Vorfahren seit ich-weiß-nicht-wann, kämpfen für die Ordnung", antwortete Pax. "Unseren Ahnen aus eurer Zeit solltet ihr vielleicht wirklich nicht begegnen, aber wir haben eingesehen, daß wir es uns nicht leisten können, allzu wählerisch zu sein, was Unterstützung angeht." Sie musterte die beiden Vampire leicht irritiert. "Ihr solltet zu dritt sein", murmelte sie wie zu sich selbst. "Seltsam... 'Drei, die wie einer sind und für die Ordnung kämpfen', so steht es in dem Buch."

Madeleine lächelte bitter. "Wir waren zu dritt", sagte sie leise und dachte an Irian, die sie schon seit etlichen Nächten nicht mehr gesehen hatte. Die Gangrel war nach wie vor im Haus, hatte sich aber völlig von ihren Geschwistern zurückgezogen und kümmerte sich um nichts mehr. Madeleine hatte keine Ahnung, womit sie ihre Nächte verbrachte, und sie war sich auch absolut nicht sicher, ob Irian sie begleiten würde, wenn sie und William in ein paar Nächten Konstantinopel verließen. "Wir waren zu dritt", wiederholte sie. "Jetzt sind wir nur noch zwei. Aber diese zwei sind in der Tat wie einer." Sie lächelte leicht, als sie Williams Berührung in ihrem Geist spürte. Er war inzwischen so sehr ein Teil von ihr geworden, daß sie sich kaum noch vorstellen konnte, wie es war, allein zu sein. Sie teilten nicht jeden Gedanken, vor allem nicht auf Entfernung, aber das Gefühl, die Präsenz des anderen, war immer irgendwo im Hintergrund gegenwärtig.

Williams Stimme riß sie aus ihren Überlegungen. "Und James?" fragte er und musterte seinen Ghoul. "Seit wann kannst du Wunden heilen?" fragte er ihn. James hob nur die Schultern. "Habt Ihr eine Erklärung für das, was mit ihm passiert ist?"

"Er ist ein Kämpfer der Ordnung", antwortete Daphne achselzuckend.

"Er hat seit kurzem eine Ausstrahlung, die für unsere Art zumindest unangenehm, wenn nicht sogar schmerzhaft ist", stellte Madeleine fest. "Es wäre schon interessant, zu erfahren, woher er die hat. Vor allem, weil er es selbst nicht zu wissen scheint." Sie sah zu James, der zustimmend nickte.

"Wir sollten derartige Dinge vielleicht nicht hier besprechen", unterbrach William. "Außerdem haben wir hier noch zwei mögliche Informanten", fügte er hinzu und deutete auf die beiden gelähmten Ventrue.

"Der da hätte sich eigentlich schon längst wieder bewegen müssen", meinte Tiri und musterte ihren ehemaligen Gegner.

"Der wird bis Sonnenaufgang hier stehenbleiben und sich nicht rühren", widersprach Madeleine. Als Tiri sie fragend ansah, grinste sie. "Ich habe ihn so nett darum gebeten, daß er es mir nicht abschlagen kann." Die Lasombra trat neben den bewegungslosen Ventrue und legte eine Hand auf seinen Arm. Sie konzentrierte sich kurz auf ihn, dann ließ sie ihn los und seufzte. "Wie ich befürchtet hatte", sagte sie. "Caius hat nicht nur seinen Willen völlig gebrochen, er hat auch sein Gedächtnis leergeräumt. Er weiß nur noch, daß er Euch folgen und hier angreifen sollte, aber er hat leider keine Ahnung von Caius' weiteren Plänen." Sie verzog das Gesicht. "Außerdem ist seine vitae verdorben. Es ist so viel von Caius in ihm, daß er nicht mehr genießbar ist. Und der andere ist genauso behandelt." Sie warf William einen Blick zu. Der nickte nur und zog sein Schwert. Einen Moment später hatten beide Ventrue ihren endgültigen Tod gefunden.

Die Hexen nahmen alles ungerührt zur Kenntnis. "Wie du schon festgestellt hast", sagte Pax schließlich, "ist hier kein guter Ort zum Reden. Und euer Haus würde uns sowieso brennend interessieren. Warum gehen wir nicht dorthin?"

William wechselte einen Blick mit Madeleine. Die hob nur leicht die Schultern. "In Ordnung", sagte er.

 

Die drei Hexen waren taktvoll genug, den beiden unterwegs unauffällig Gelegenheit zum Essen zu geben. Seit der Einfluß des Dämons mehr oder weniger verschwunden war, war es auch kein Problem mehr, auf der Straße genug Nahrung zu finden, selbst für Williams Ansprüche, so daß beide gesättigt an der Villa ankamen.

Mog öffnete ihnen die Tür. Als er ihre drei Begleiterinnen sah, hob er überrascht eine Augenbraue, ließ sich ansonsten jedoch nichts anmerken. In der Eingangshalle meinte Madeleine: "Wir sollten vielleicht William dazuholen. Ich habe so das Gefühl, als würde er die drei Damen gerne kennenlernen." Damit verschwand sie nach oben.

James zog sich zurück, um sich um die Wachen zu kümmern. William führte die Hexen in die untere Bibliothek. Gleich darauf gesellte sich Madeleine zu ihnen. "Er schläft", sagte sie nur.

Beiden entgingen die leicht unbehaglichen Blicke nicht, die die Hexen wechselten, seit sie das Haus betreten hatte. "Stimmt etwas nicht?" fragte William schließlich.

"Tiri, verschieb doch bitte mal den Stuhl da drüben", bat Pax statt einer Antwort.

Tiri konzentrierte sich und machte eine Handbewegung in Richtung des Stuhls. Der rührte sich nicht. "Es geht nicht", stellte sie verblüfft fest.

Pax nickte. "Das dachte ich mir schon. Etwas hier blockiert unsere Fähigkeiten. Versuch es draußen."

Tiri ging auf den Durchgang zum Atrium zu und sah William an. "Darf ich?"

"Sicher." Er deutete einladend auf die Tür.

Tiri trat nach draußen, sah sich kurz um und hob die Hand. Gleich darauf krachte es ohrenbetäubend, und zwei Dutzend Schindeln lösten sich vom Dach und rutschten nach unten. Unter den Schieferplatten kamen mehrere Reihen sorgfältig angespitzte Holzpfähle zum Vorschein. Hassan war offenbar wirklich sehr aktiv gewesen. Tiri zuckte zusammen und warf einen schuldbewußten Blick nach drinnen. "Draußen geht es", stellte sie unnötigerweise fest und begann, den Schaden zu reparieren. Mit einigen Handbewegungen dirigierte sie die Schindeln an ihre alten Plätze und seufzte erleichtert, als die letzte wieder oben lag. Dann drehte sie sich um und kam wieder herein. Kurz, bevor sie die Tür hinter sich schloß, krachte es draußen erneut, und die Platten rutschten wieder herab. "Tut mir leid", murmelte sie.

William winkte ab. "Mog hat inzwischen Erfahrung mit den ortsansässigen Handwerkern", meinte er nur. Dann sah er die drei an. "Hier können wir ungestört reden", erklärte er. "Ich habe den Eindruck, Ihr wißt einiges über uns."

"Nicht wirklich viel", gab Daphne zu. "Wir wissen allerdings, daß ihr Schwierigkeiten habt. Und wenn ihr diese Schwierigkeiten löst, werdet ihr damit vermutlich einen Anführer der Gegenseite außer Gefecht setzen."

"Das sind doch endlich einmal gute Nachrichten", murmelte Madeleine. "Ich würde Morpheus wirklich gerne sehr dauerhaft außer Gefecht setzen."

"Ihr kennt General Morpheus?" fragte Daphne erstaunt.

"General Morpheus? Dann ist er in eurer Zeit immer noch aktiv? Sehr bedauerlich", fand William.

"Die Schwierigkeiten, die Ihr angesprochen habt", nahm Madeleine den Faden wieder auf, "betreffen einen Fluch, mit dem Morpheus uns bedacht hat. Er hat unsere Schatten verflucht, was, milde ausgedrückt, äußerst unangenehm ist. Es wäre uns eine große Erleichterung, wenn Ihr uns helfen könntet, diesen Fluch zu brechen."

Die drei sahen sich an. "Wir brauchen das Buch", stellte Pax fest.

"Nicht hier drin", antwortete Daphne.

William und Madeleine wechselten einen bedeutungsvollen Blick. "Das Buch?" fragte Madeleine leise.

"Vermutlich", gab er zurück.

"Ich gehe William wecken", erklärte sie. "Wenn die drei tatsächlich das legendäre Buch der Schatten hierherholen und ich zulasse, daß er das verschläft, wird er mir das nie verzeihen." Damit verschwand sie.

William folgte den drei Hexen nach draußen und sah neugierig zu, wie sie sich in einem Dreieck im Atrium aufstellten. Gleichzeitig hoben sie jede eine Hand und deuteten in die Mitte des Dreiecks. Im Schnittpunkt der gedachten Linien begann die Luft zu flimmern. Langsam schälten sich die Konturen eines riesigen Buches heraus. Augenblicke später lag es auf dem Rasen. Es sah unglaublich alt aus. Der Einband bestand aus Holz, das mit fleckigem Leder überzogen war. Das ganze Gebilde war so schwer, daß die drei Hexen zusammen es nur mühsam anheben und ins Zimmer tragen konnten. William wollte ihnen zu Hilfe kommen, aber ein Blick von Pax überzeugte ihn, daß es für ihn keine gute Idee gewesen wäre, das Buch zu berühren. Schließlich lag der Wälzer in der Bibliothek auf einem Tisch.

Madeleine betrat den Raum, gefolgt von William von Baskerville, der offensichtlich bis vor wenigen Minuten noch tief und fest geschlafen hatte, aber jetzt vor Neugier hellwach war. Sein Blick wanderte sofort zu dem Buch, und wie erwartet hörte der Rest der Welt im selben Moment für ihn auf zu existieren.

Pax trat an den Tisch heran. "Wir müssen suchen", erklärte sie leise. "Das Buch zeigt, was es zeigen will." Damit deutete sie auf das Buch, das sich von selbst aufschlug. Unter den gespannten Blicken der anderen begannen die Seiten, sich zu wenden...

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