Kapitel 20
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Das Rascheln der Seiten wurde leiser. Die Bewegung, anfangs zu schnell, als daß das Auge dem Umwenden der einzelnen Blätter hätte folgen können, wurde langsamer. Schließlich hörte sie ganz auf, und das Buch der Schatten lag aufgeschlagen auf dem Tisch. Sechs Augenpaare hingen wie gebannt auf der Schrift, die sich zeigte.

Zu ihrer Enttäuschung mußte Madeleine erkennen, daß die Zeichen fremdartig waren. Sie konnte sie nicht lesen. Ein Seitenblick zu Sir William und Lord Baskerville verriet ihr, daß es den beiden nicht anders ging.

Tiri starrte mit gerunzelter Stirn auf die Seite. Dann schüttelte sie den Kopf. "Pax, das hier kann nicht richtig sein. Versuch es nochmal."

Pax machte erneut eine Handbewegung in Richtung des Buches, und wieder begannen die Seiten, sich wie von Geisterhand in rasendem Tempo umzuwenden. Diesmal allerdings dauerte es nicht so lange, bis das Buch anhielt. Eine der beiden aufgeschlagenen Seiten wurde fast vollständig von einem Bild eingenommen. Es zeigte ein Schwert, ein prachtvolles Katana. Darunter stand etwas Text, in winziger Schrift geschrieben. Tiri kniff die Augen zusammen und begann, das Geschriebene zu entziffern. "Das dachte ich mir fast", murmelte sie nach einer Weile. "Dieses Schwert ist der Schlüssel, um euren Fluch zu brechen. Findet das Schwert, und sucht Morpheus am Ort seiner Macht auf. Stoßt ihm diese Klinge in den Bauch, und der Fluch wird gebrochen."

"Wo finden wir dieses Schwert?" fragte der Ventrue sofort.

Pax und Tiri wechselten einen Blick. "Das ist nicht leicht zu beantworten", sagte Pax, während Tiri sich wieder in die Lektüre vertiefte. "Dazu müßt ihr wissen, daß es nicht nur eine Realität gibt, sondern viele." Als die beiden Kainiten und der Ghoul sie verständnislos ansahen, nahm sie ein paar Bücher aus den Regalen und legte sie nebeneinander auf den Tisch. "Jedes dieser Bücher erzählt eine Geschichte. Stellt euch jetzt vor, man könnte von einer Geschichte in die nächste wechseln. Von hier", sie legte die Hand auf das äußerste Buch, "nach da", sie berührte das nächste in der Reihe, "und so weiter. Das Universum ist voller Möglichkeiten, die in unserer Realität nicht alle eingetreten sind, aber vielleicht in anderen. Und wenn man weiß, wie, kann man zwischen ihnen wechseln. Wir nennen das Dimensionsreisen."

Verstehst du das? fragte Madeleine.

Kein Wort, gab William zu. Was soll das Gerede von Büchern? Ich dachte, wir suchen ein Schwert?

"Sucht ihr auch", sagte Tiri, ohne den Blick vom Buch zu heben. "Pax, machs einfacher, sie verstehen kein Wort."

"Ich hatte ganz vergessen, daß sie uns hören können", murmelte William, und Madeleine meinte: "Irgendwann müßt Ihr mir den Trick verraten, wie man nicht gehört wird."

"Das ist ganz einfach, ihr müßt nur leise denken", antwortete die Hexe.

"Und wie mache ich das?" wollte Madeleine wissen. Tiri hob nur die Schultern.

"Um zum Thema zurückzukommen", fuhr Pax mit einem scharfen Blick zu Tiri fort, den diese geflissentlich ignorierte, "das Schwert existiert in vielen dieser Dimensionen. Nicht überall wird es zu finden sein."

"Mit anderen Worten", vergewisserte sich Madeleine, "wir müssen unendlich viele verschiedene Welten absuchen, bis wir in einer davon dieses Schwert finden?"

"Unendlich viele sind es nicht ganz, aber sehr viele", gab die Hexe zu. "Vielleicht gibt uns das Buch aber einen Hinweis, wo es zu finden ist."

"Nicht drängeln", murmelte Tiri abwesend. "Hier ist etwas..." Sie las einige Augenblicke lang schweigend weiter, dann blickte sie auf. "Das Schwert, oder eine Inkarnation davon, wurde zuletzt in einer Geisterwelt gesehen. In einer Geisterwelt, die den japanischen Vorstellungen entspricht."

"Also ein dritter Besuch bei Toranaga?" meinte Madeleine. William nickte nur.

"Ein dritter Besuch?" Pax sah sie erstaunt an.

"Wir waren bereits zweimal in einer japanischen Geisterwelt", erklärte die Lasombra. "Ein sehr merkwürdiger Ort."

"Vorausgesetzt, wir finden dieses Schwert", murmelte William nachdenklich, "dann müssen wir damit wieder ins Schattenreich, um Morpheus zu besiegen?" Als Tiri nickte, fuhr er fort: "Das wird problematisch. Wir haben schon einmal versucht, oder besser, es ist uns schon einmal gelungen, dorthin zu gelangen. Allerdings wäre die Sache fast fürchterlich schiefgegangen, weil wir keine Ahnung von den dort herrschenden Verhältnissen haben. Noch einmal ohne ausreichende Informationen hinzureisen, wäre Dummheit."

"Ich fürchte, damit können wir euch nicht weiterhelfen", mußte Tiri zugeben.

Die beiden Kainiten wechselten einen besorgten Blick. Pax bemerkte das und schüttelte ärgerlich den Kopf. "Was ist bloß los mit euch? Wann besinnt ihr euch endlich einmal auf eure Stärke, anstatt euch immer bloß zu verkriechen?"

"So einfach ist das nicht", begann Madeleine, aber die Hexe schnitt ihr sofort das Wort ab. Ihr Temperament ist so feurig wie ihre Flammenbälle, dachte William, war aber klug genug, diesen Gedanken für sich zu behalten.

"Natürlich ist das nicht so einfach." Pax funkelte die beiden an. "Deswegen solltet ihr erst einmal den ersten Schritt erledigen, ehe ihr euch um den zweiten Sorgen macht. Mit anderen Worten, sucht das Schwert. Dann macht euch Gedanken um die Schattenwelt."

Mit einem Mal sah Tiri stirnrunzelnd zu Daphne hinüber, die die ganze Zeit kein Wort gesagt hatte. "Daphne? Was ist mit dir?" Sie machte einen Schritt auf die andere zu, berührte sie vorsichtig am Arm - und wurde drei Meter weit durch die Luft geschleudert. Hart krachte sie gegen eine Wand und blieb einen Moment lang benommen sitzen. Für einen winzigen Moment hatte Madeleine den Eindruck gehabt, als würde ihre Aura von einer anderen verdeckt, von einer sehr vertrauten, aber als ehe sie genauer hinsehen konnte, rappelte sich die Hexe etwas mühsam hoch, und der Eindruck war verschwunden.

Daphne hob den Kopf und sah Tiri mit kalten Augen an. "Wir sehen uns wieder", sagte sie. Auf Japanisch, wie die beiden Vampire bemerkten. Plötzlich veränderte sich ihr Blick, und sie strich sich verwirrt mit einer Hand über die Augen.

William hatte Daphne sehr genau angesehen, nachdem ihre Schwester von ihr abgeprallt war. Für seine Sinne wurde das Bild der Hexe für einen Augenblick von einem anderen überlagert, von dem eines Japaners, der prächtigen Kleidung nach eines Fürsten. Dann war das Bild verschwunden, und Daphne schien wieder sie selbst. Dafür spürte er in seinem Geist eine Präsenz, so klar und deutlich wie schon lange nicht mehr. Das Gefühl kam von oben, aus seinem Zimmer, und ein Blick zu Madeleine überzeugte ihn, daß sie es auch wahrnahm. "Toranaga!" riefen beide wie aus einem Mund, dann eilten sie mit einer hastigen Entschuldigung an die drei Hexen nach draußen und stürmten die Treppe hinauf.

Die Tür zu Williams Zimmer flog krachend auf, als William und Madeleine hineinstürzten. Und mitten im Raum stand Toranaga, als wäre er nie weggewesen, und sah seinen Geschwistern etwas erstaunt entgegen. "Guten Abend, ihr beiden... uff!" Er verlor beinahe das Gleichgewicht, als die Lasombra ohne weitere Worte auf ihn zulief und ihn umarmte. Etwas unbeholfen tätschelte er ihren Rücken und fragte über ihren Kopf hinweg: "Was ist denn mit der Kleinen los? So stürmisch kenne ich sie gar nicht?"

William stand nur da und grinste. "Sie freut sich eben, dich zu sehen. Ich übrigens auch. Abgesehen davon, daß du viel zu lange verschwunden warst, kommst du genau im richtigen Moment."

Toranaga hob eine Augenbraue. "Ärger?"

"Und wie", gab der Ventrue zu. "Morpheus."

Madeleine entließ ihren Bruder aus der Umarmung, hielt aber seine Hand noch fest. Sie legte die andere Hand auf Williams Arm und wollte etwas sagen, als die drei plötzlich durch einen grellen Blitz geblendet wurden. Sie spürten einen scharfen Ruck, dann schienen sie einen Augenblick lang zu fallen. So überraschend, wie die Bewegung begonnen hatte, endete sie wieder. William schüttelte etwas benommen den Kopf und sah sich um.

Er stand in einem Haus, das aus einem einzigen Raum zu bestehen schien. Das Zimmer war spartanisch eingerichtet und weckte Erinnerungen in ihm. Die Wände schienen aus Papier zu bestehen, die Türen waren so sorgfältig eingearbeitet, daß sie kaum zu erkennen waren. Ein niedriger Tisch stand mitten im Raum, darum herum waren einige Sitzkissen verteilt. Hier und da schufen Wandschirme kleinere Abteile. Hinter einem davon entdeckte der Ventrue einen Ständer mit Toranagas Rüstung darauf. Ein paar stilisierte Zeichnungen und zwei sehr schlichte Blumengestecke vervollständigten die Einrichtung. Alles hier erschien ihm seltsam vertraut. Gleichzeitig war ihm bewußt, daß dies nicht die Geisterwelt war, in der die Geschwister schon zweimal gewesen waren. Dies hier war die reale Welt, und er war heilfroh, daß draußen gerade Nacht herrschte.

"Willkommen", sagte Toranaga. "Wir sind in meinem Heim, fühlt euch wie zu Hause." Er ließ sich auf einem der Kissen nieder, und die beiden anderen folgten seinem Beispiel. "Also, erzählt", forderte er sie auf, als sie saßen. "Ich scheine ja einiges verpaßt zu haben. Was ist das Problem mit Morpheus?"

Madeleine und William berichteten, was in den letzten Wochen passiert war. Wie schon beim ersten Mal konnte Toranaga sich offenbar nicht an das Treffen in der Geisterwelt vor ein paar Nächten erinnern. Sie erzählten vom Auftauchen des Dämons, wie sie allmählich herausbekommen hatten, was es mit ihm auf sich hatte, von der Suche nach Graf Saragossa und von dem Kampf im Turm.

"Er scheint sich ja richtig beliebt gemacht zu haben", kommentierte der Samurai trocken.

Madeleine nickte grimmig. "Er hat mir meine Waffe genommen und meinen Schutz. Und darüber würde ich mich liebend gerne noch einmal ausführlich mit ihm unterhalten."

"Wir haben kurz, bevor du aufgetaucht bist, einen Hinweis darauf bekommen, wie wir den Fluch und Morpheus loswerden können", fuhr William fort. "Es gibt ein Schwert, das ihn besiegen kann, ein Katana. Es scheint eine besondere Waffe zu sein, vielleicht kennst du sie?" Er versuchte, die Klinge zu beschreiben, aber Madeleine schüttelte den Kopf.

"Ich könnte sie aufzeichnen, das wäre vermutlich besser." Sie sah sich suchend um, aber natürlich lag kein Schreibzeug in der Nähe. Hier schien überhaupt nichts einfach herumzuliegen.

Toranaga klatschte in die Hände. "Papier und Tinte!"

Augenblicke später klopfte es leise an einer der Wände. Gleich darauf wurde sie beiseite geschoben und ein kleiner Junge wurde sichtbar. Er kniete mit einem Tablett in den Händen draußen und verneigte sich ehrerbietig, ehe er hereinkam und mit einer erneuten Verbeugung die Tür hinter sich schloß. Mit dem Tablett, auf dem Papier, Tinte und ein Schreibpinsel lagen, kam er näher, verneigte sich abermals bis zum Boden und stellte das Tablett auf dem Tisch ab. Einen Moment und drei Verbeugungen später war er wieder verschwunden. Madeleine kam die ganze Prozedur reichlich kompliziert vor, aber schließlich kannte sie Toranaga und seine seltsamen Sitten. So griff sie kommentarlos zu Papier und Pinsel und begann, mit einigen raschen Strichen ein erstaunlich detailliertes Bild des Katanas zu Papier zu bringen.

Toranaga sah ihr über die Schulter und nickte schließlich. "Ja, ich kenne das Schwert. Es ist Hai Akuras Zepter, eine legendäre Klinge. Hai Akura hat vor vielen hundert Jahren gelebt, und während der dreißig Jahre seiner Regierung herrschte Friede und Wohlstand in Japan."

"Er war ein Shogun?" fragte William.

Der Samurai nickte. "Ja, er hat es geschafft, Japan zu einen. Dieses Katana ist eine ganz besondere Waffe. Keiner, der es je geführt hat, hat je eine Schlacht verloren oder ist im ehrlichen Kampf besiegt worden. Die meisten starben wie Hai Akura, durch feigen Meuchelmord. Soweit ich weiß, wurde das Schwert mit ihm begraben."

"Das sieht ja endlich nach einer konkreten Spur aus", meinte Madeleine. "Weißt du vielleicht auch, wo dieses Grab ist?"

"In einem Berg, ungefähr zwei Wochen von hier entfernt."

Die Lasombra unterdrückte einen Fluch. "Zwei Wochen? Soviel Zeit haben wir nicht!"

"Wenn ich die Hexen richtig verstanden habe", murmelte William nachdenklich, "dann nützt es uns sowieso nichts, wenn wir hier in unserer Welt nach dem Schwert suchen. Tiri sagte, wir müßten in die Geisterwelt." Er sah Toranaga an. "Es gab hier doch einen Ort, an dem man ziemlich leicht von einer Welt in die andere überwechseln kann. Der Lan Lo-Tempel."

Toranaga nickte, und Madeleine sah erstaunt von einem zum anderen. Sie hatte keine Ahnung, wovon der Ventrue redete. Offenbar hatte er schon früher, ehe sie die anderen gekannt hatte, Erfahrungen mit Toranagas Heimat gesammelt, von denen er ihr nie erzählt hatte. "Das wäre eine Möglichkeit", sagte Toranaga. "Der Tempel wäre in zwei Nächten zu erreichen."

"Das dauert immer noch zu lang", erklärte Madeleine. "In spätestens drei Nächten wird in Konstantinopel der Teufel los sein. Ganz abgesehen davon, daß ich morgen eine Verabredung mit meinem potentiellen Nachfolger habe."

William hob die Schultern. "Er wird warten müssen. Und wenn das ganze Chaos in der Stadt ohne uns stattfindet, habe ich auch nichts dagegen."

"Und unsere Leute im Haus?" fragte sie leise. Dann seufzte sie. "Aber ich fürchte, du hast recht. Wir brauchen dieses Schwert."

Ein leises klopfen an der Tür unterbrach ihre Unterhaltung. Von draußen klang Robertos Stimme durch das Papier. "Eure Mahlzeit, Meister." Als gegenteilige Anweisungen ausblieben, öffnete der Ghoul die Tür und brachte ein halbes Dutzend Gefäße in den Raum. Auch das ging natürlich wieder nicht ohne eine entsprechende Anzahl von Verneigungen ab. Keiner der drei war wirklich hungrig, aber es konnte nicht schaden, sich ein wenig zu stärken, ehe man aufbrach.

"Tut mir einen Gefallen", sagte Toranaga, als sie schließlich fertig waren und die Sterblichen den Raum wieder verlassen hatten. "Kommt mit mir ins Badehaus und nehmt ein Bad. Schließlich seid ihr hier in der Zivilisation und nicht bei den Barbaren."

"Wir waren gerade von einem Ball am kaiserlichen Hof zurückgekommen", entschuldigte sich William. "Jede Menge Leute."

"Das riecht man", kommentierte der Japaner trocken und scheuchte seine Geschwister nach draußen.

 

"Du bist ja furchtbar nervös", bemerkte Toranaga eine halbe Stunde später, als die drei im heißen Wasser lagen, und sah Madeleine von der Seite an.

"Wundert dich das?" gab sie leicht gereizt zurück. "Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, wir stehen etwas unter Zeitdruck."

Der Samurai hob gleichmütig die Schultern. "Wird der Zeitdruck dadurch weniger, daß du dir Sorgen machst?"

"Natürlich nicht", knurrte sie.

"Siehst du. Ihr gaijin seid immer so ungeduldig. Ihr macht euch Sorgen um Dinge, die noch gar nicht passiert sind. Dabei lohnt sich das doch gar nicht. Was soll ich mir den Kopf über ein Problem zerbrechen, das ich in einer Stunde haben werde? In einer Stunde kann ich schon tot sein." Er streckte sich genüßlich.

Madeleine seufzte. "Mit dir kann man über solche Dinge einfach nicht diskutieren."

"Stimmt", gab er zu. "Weil ich recht habe."

Madeleine gab es auf.

 

"Ich fürchte, das Kleid, das ich bei Hof anhatte, ist nicht gerade geeignet für eine Reise", stellte die Lasombra fest, als sie zum Haupthaus zurückkamen.

Toranaga lächelte nur. Im Wohnraum wartete bereits eine Schar Diener auf die drei. Außer Williams und Madeleines gereinigten Kleidern hatten sie eine Rüstung dabei, die offenbar für die Lasombra gedacht war. Sie bestand aus Horn und gehärtetem Leder, in Schwarz, Braun und Rottönen gefärbt, und war anscheinend für eine Frau angefertigt worden, die ziemlich genau Madeleines Größe hatte. Dazu gehörte ein Untergewand aus Seide und, wie für eine Samurairüstung unvermeidlich, Katana und Wakizashi. Die Lasombra beäugte das ganze etwas mißtrauisch. Als sie schließlich darinsteckte, stellte sie jedoch überrascht fest, daß die Rüstung federleicht war und deutlich weniger steif und unbeweglich, als sie ausgesehen hatte. Eine der Dienerinnen steckte ihr noch die Haare hoch, dann verschwand das Personal unter den üblichen Verneigungen lautlos.

Die Lasombra sah an sich herunter. "Das ist auf jeden Fall praktischer als das Kleid", stellte sie zufrieden fest. "Auch wenn ich damit vermutlich albern aussehe."

"Im Gegenteil, du siehst hervorragend aus", versicherte Toranaga galant.

Madeleine zwinkerte ihm zu. "Schmeichler."

"Er hat recht", fand William.

"Du, mein Lieber, bist voreingenommen", erklärte sie und küßte ihn auf die Wange.

Toranaga hob eine Augenbraue. "Ich sehe schon, ich habe wirklich einiges verpaßt."

Sie nickte. "Allerdings, ja. Können wir aufbrechen?"

"Die Pferde sind bereit."

Draußen vor dem Haus warteten Beren und Roberto mit fünf Pferden. Eine bewaffnete Leibwache, dachte William, konnte wirklich nicht schaden. Man wußte ja nie, wo man tagsüber schlafen mußte. Ohne sich noch länger aufzuhalten, saßen sie auf und ritten los.

 

Die Zeit hatte ihnen offenbar wieder einen Streich gespielt, allerdings zu ihren Gunsten. In Konstantinopel war es bereits zwei Stunden nach Mitternacht gewesen, als Toranaga aufgetaucht war. Hier hingegen blieben noch einige Stunden mehr an kostbarer Dunkelheit, in denen sie gut vorankamen. Rechtzeitig vor Sonnenaufgang erreichten sie eine Herberge am Straßenrand. Die drei Kainiten schwangen sich aus den Sätteln und überließen es den Ghoulen, sich um die Pferde zu kümmern.

Kaum waren sie angekommen, huschte auch schon der Wirt aus der Tür. "Guten Morgen, hohe Herrschaften. Wünscht Ihr eine Unterkunft?"

Toranaga nickte. "Wir wünschen vor allem unsere Ruhe. Wir sind weit geritten und wollen rasten."

"Selbstverständlich, Herr", versicherte der Wirt, und führte sie unter wiederholten Verbeugungen ins Haus. Drinnen führte eine Treppe ins obere Stockwerk, wo die Gästezimmer lagen.

"Hast du zur Zeit noch andere Gäste?" wollte Toranaga wissen.

"Nur drei, Herr. Drei Krieger."

"Entferne sie", befahl der Samurai knapp.

Der Wirt erbleichte. "Verzeiht, Herr, das wird nicht so einfach möglich sein..." Eine Silbermünze wechselte den Besitzer. "Meinen ergebenen Dank, Herr. Zwei der beiden Krieger sind kein Problem, der dritte allerdings... ich fürchte, das ist keine Frage des Geldes, Herr." Der Mann schien ernsthaft nervös zu sein.

Toranaga, der sich des feinen Unterschieds zwischen standesgemäßem Auftreten und unnötigem Auffallen durchaus bewußt war, gab sich zufrieden. "In Ordnung. Aber beeil dich."

"Natürlich, Herr." Minuten später waren zwei leicht verärgerte Krieger auf dem Weg nach unten. Einer der beiden hatte einen recht ordentlichen Eindruck gemacht. Der andere allerdings schien harte Zeiten erlebt zu haben. Er litt noch deutlich unter den Auswirkungen des am Vorabend offenbar reichlich genossenen Sake. Seine Kleidung war geflickt (nicht besonders gekonnt, wie Madeleine feststellte) und sowohl sie als auch ihr Träger waren nicht besonders sauber, was hier, wo peinliche Sauberkeit zum guten Ton gehörte, besonders auffiel. Sein Zimmer sah entsprechend aus, und nach einem flüchtigen Blick hinein beschlossen die drei, einen der anderen Räume zu belegen.

Wir sollten nicht hier drinnen schlafen, stellte Madeleine fest, nachdem der Wirt den Gästen eine angenehme Ruhe gewünscht und sich unter vielen Verneigungen zurückgezogen hatte.

Der Boden draußen sieht brauchbar aus, gab William zurück. Festgetreten, aber Erde.

Wahrscheinlich ist das weniger riskant, stimmte auch Toranaga zu. Wenn wir es geschickt anstellen und einer der Ghoule das Zimmer bewacht, merkt keiner, daß wir nicht hier oben sind.

Gedacht, getan. Niemand beobachtete sie, als sie sich heimlich nach draußen stahlen, und als die Sonne aufging, lagen alle drei sicher unter zwei Metern Erde.

 

"Schwierigkeiten, Meister", sagte Roberto leise, als Toranaga und Madeleine am nächsten Abend aufwachten. Sie hatten ihren Schlafplatz mit Bedacht so gewählt, daß die letzten Strahlen der untergehenden Sonne nicht einmal mehr in die Nähe kamen. Eine Mauer und etliche dichte Büsche sorgten für ein angenehm dämmriges Licht.

"Was gibt es?" wollte Toranaga wissen und wischte einige Krümel Erde von seinem Ärmel.

"Am Nachmittag ist ein Trupp Samurai angekommen. Sie tragen das Zeichen von Fürst Itsikura."

Toranaga fluchte. Madeleine sah ihn verständnislos an. "Müßte mir der Name etwas sagen?"

"Vermutlich nicht", gab er zu. "Itsikura ist mein alter Feind, derselbe, der mir die ganze Zeit in meinem Schwert so zu schaffen gemacht hat. Er war ein Meuchelmörder, der einen Mord begangen hat, der anschließend mir angelastet wurde." Er seufzte. "Ich habe meine Heimat verlassen müssen. Das Katana, das jetzt William trägt, kann meine Unschuld beweisen, und ich bin damals losgezogen, um es zu suchen. Wir haben Itsikura in Mailand getroffen und getötet, aber seine Seele zog in meine Familienschwerter. Seit einiger Zeit allerdings gibt er Ruhe, und offenbar hat er es geschafft, wieder in die reale Welt zurückzukommen und irgendwie zum Fürsten aufzusteigen. Wenn wir Zeit hätten, wäre das die ideale Gelegenheit, das Schwert zu den richtigen Leuten zu bringen, meine Unschuld zu beweisen und Itsikura aus dem Weg zu räumen, aber die Zeit haben wir nicht." Er wandte sich an Roberto. "Haben die Samurai sich irgendwie auffällig benommen?"

Der Ghoul schüttelte den Kopf. "Sie haben sich hier einquartiert und sind gerade in die Gaststube hinuntergekommen."

"Wir sollten von hier verschwinden, sobald die Sonne untergegangen ist", stellte Toranaga fest. "Und wir sollten versuchen, William zu wecken."

Beide Geschwister konzentrierten sich auf den Ventrue. Beide hatten eine besondere Verbindung zu ihm, die über das Band hinausging, das sie alle drei miteinander und mit Irian teilten. Es war nicht einfach, aber schließlich tauchte William aus der Erde auf. Er blinzelte verschlafen. "Was ist denn los?" murmelte er. Toranaga erklärte ihm die Lage. William nickte nachdenklich. "Ihr habt recht, wir sollten so bald wie möglich aufbrechen. Laßt uns reingehen, ich fühle mich nicht besonders wohl hier draußen."

Vor ihrem Zimmer stand Beren und hielt Wache. William hatte schon die Tür beiseitegeschoben und wollte eintreten, da hielt er an und sah zu Toranaga. "Weißt du, Bruder", meinte er, und ein spitzbübisches Grinsen erschien auf seinem Gesicht, "es ist doch eigentlich nicht einzusehen, daß wir uns hier oben vor den Kerlen verstecken sollen, oder?"

"Naja, es sind bloß Sterbliche", antwortete Toranaga im selben Ton.

Madeleine verdrehte die Augen. "Ich dachte, wir wären uns einig, daß wir kein Aufsehen erregen wollen?"

William hob die Schultern. "So lange die da unten friedlich bleiben, werden wir auch keinen Streit suchen."

Madeleine hob resignierend die Hände. "Tut, was ihr nicht lassen könnt. Aber erwartet nicht, daß ich mitkomme. Prügeleien liegen mir nicht." Damit rauschte sie an ihm vorbei ins Zimmer. Ihre Brüder grinsten sich an und wandten sich zur Treppe.

In der Schankstube war tatsächlich einiges los. Gut die Hälfte der Tische war von Kriegern besetzt, die Itsikuras Zeichen trugen. An einem Tisch in der Nähe des Eingangs saßen ein paar Bauern, die sichtlich bemüht waren, ihnen nicht aufzufallen. Die Samurai waren bereits angestrengt damit beschäftigt, die Sake-Vorräte der Herberge zu dezimieren.

Eine Gestalt in einer Ecke fiel den beiden auf. Der Mann saß allein an einem kleinen Tisch, vor sich eine Trinkschale. Er sah nicht wie ein Einheimischer aus, was schon verwunderlich war. Eigentlich war Japan kein Land, in das man als Fremder so einfach hineinkam. Dem Aussehen des Mannes nach schätzte Toranaga, daß seine Heimat irgendwo in Cathay lag. Sein Alter war schwer zu bestimmen. Er trug weiße Kleidung von einfachem Schnitt, und neben ihm an der Wand lehnte eine Naginata. Um die anderen Gäste schien er sich überhaupt nicht zu kümmern, aber die beiden Kainiten erkannten mit geübtem Blick, daß er sehr wohl unauffällig alles im Auge behielt, was im Schankraum vor sich ging.

Als die beiden eintraten, richtete sich augenblicklich die Aufmerksamkeit der Krieger auf sie. Besonders William fiel natürlich sofort auf - groß, mit rötlichblondem Haar und grünblauen Augen, war er für die Japaner der Archetyp des gaijin schlechthin. Ein gaijin allerdings, der die Waffen eines Samurai trug. Die beiden ignorierten die Blicke und ließen sich an einem Tisch nieder. Sie saßen kaum, als schon einer der Samurai aufstand und mit einer Flasche und zwei Trinkschalen zu ihnen herüberkam. Er würdigte William keines Blickes, nickte Toranaga höflich zu und sagte: "Guten Abend. Es wäre mir eine Ehre, Euch zu einer Schale Sake einzuladen. Trinkt mit mir auf das Wohl Fürst Itsikuras und des Shogun." Damit füllte er die Schalen und hob eine davon. "Auf Fürst Itsikura und den Shogun!" sagte er und trank.

Toranaga warf ihm einen langen Blick zu, dann hob er ebenfalls seine Schale. "Möge der Shogun ewig leben", erklärte er, und tat, als nehme er einen Schluck.

Der andere ließ seine Schale sinken und starrte ihn kalt an. "Ihr weigert Euch, auf das Wohl des Fürsten zu trinken?"

Toranaga hob gleichmütig die Schultern. "Ich trinke auf das Wohl des Shogun. Ist das nicht genug für Euch?"

Das war es offenbar nicht. "Ihr spielt ein gefährliches Spiel", bemerkte sein Gegenüber. "Ihr bringt einen gaijin her, auch wenn er die Schwerter eines Kriegers trägt. Und Ihr beleidigt meinen Herrn." Er wandte sich zu seinen Begleitern. "Der Fremde hat die Ehre des Fürsten beleidigt!" rief er. Das schien das Signal zu sein, auf das die anderen gewartet hatten. Wie ein Mann standen sie auf und zogen die Waffen.

William und Toranaga wechselten einen Blick, seufzten, und erhoben sich ebenfalls. Ihnen stand ein gutes Dutzend Samurai gegenüber, die nach den Maßstäben Sterblicher sicherlich hervorragende Kämpfer waren. Der überlegenen Kraft und Geschwindigkeit zweier Kainiten würden sie nichts entgegenzusetzen haben. Jeweils zwei der Krieger näherten sich jedem der beiden, der Rest hielt sich noch zurück.

Toranaga hatte beschlossen, seinen Gegnern eine Lektion in gutem Benehmen zu erteilen. Er beabsichtigte nicht, sie zu verletzen. Es war für einen Samurai eine viel größere Schande, im Kampf seine Waffe zu verlieren als ein wenig Blut. Folglich legte er es darauf an, die beiden zu entwaffnen, möglichst ohne daß sie dabei einen Kratzer abbekamen. Seine Klinge zuckte nach vorn, und im nächsten Moment flog das Katana seines Angreifers durch die Luft. Toranaga drehte sich ein wenig, brachte sein Schwert zurück und entwaffnete in der selben Bewegung auch den zweiten. Es war so schnell gegangen, daß die beiden gar nicht sofort begriffen, was passiert war.

William fand ebenfalls, daß das Benehmen der Samurai zu wünschen übrig ließ. Sie hatten ihn bisher keines Blickes gewürdigt, und der Ventrue haßte es, ignoriert zu werden. Zwei rasche Schläge mit seinem Schwert überzeugten seine Gegner davon, daß es keine gute Idee war, ihn für unwichtig zu halten.

Alles hatte nur ein paar Augenblicke gedauert. Jetzt begriffen die übrigen Samurai ebenfalls, daß sie mit den beiden kein so leichtes Spiel haben würden, wie sie geglaubt hatten, und machten Anstalten, ebenfalls anzugreifen. In diesem Moment brachen plötzlich die vier, die ganz hinten gestanden hatten, zusammen. Drei von ihnen waren sauber geköpft, der vierte hatte einen Schlag abbekommen, der seinen Brustkorb halb gespalten hatte. Dahinter stand der jetzt nicht mehr ganz so weiß gekleidete Fremde und hielt seine Naginata in den Händen.

"Euer Mut entspricht dem eures Fürsten", erklärte er verächtlich. "Auch er traut sich nur zu kämpfen, wenn er den Gegner in der Unterzahl weiß." Der Fremde warf dem Anführer einen kalten Blick zu. "Euer Fürst ist ein feiger Hund ohne Ehre, und das ist eher eine Beleidigung für den Hund als für Itsikura. Sagt ihm das, wenn ihr winselnd zu ihm zurückgekrochen kommt. Und jetzt verschwindet."

Sowohl William als auch Toranaga spürten deutlich die Macht, die von dem Fremden ausging. Die Samurai offenbar auch. Sie warfen noch einen unbehaglichen Blick auf ihre toten Kameraden, dann schlichen sie nach draußen. Der Fremde warf ihnen einen geringschätzigen Blick hinterher, dann ging er seelenruhig zu seinem Tisch zurück und setzte sich, als wäre nichts geschehen. Die Brüder wechselten einen Blick, dann traten sie zu dem Tisch hinüber.

"Dürfen wir uns zu Euch setzen?" fragte Toranaga höflich. Er sprach Kantonesisch, was ihm einen leicht verwunderten Blick des Fremden einbrachte (und ein etwas frustriertes Gefühl von William, der zwar fließend Japanisch sprach, aber diese Sprache nicht beherrschte). "Ich würde Euch gerne auf eine Schale Tee einladen."

Der Fremde deutete einladend neben sich. "Ich denke, Ihr wißt ebenso wie ich, daß wir hier wohl kaum bekommen werden, was unserem Geschmack entspricht", erklärte er und bestätigte damit, was Toranaga vermutet hatte, seit er den Mann das erste Mal gesehen hatte.

Die beiden ließen sich nieder. "Ihr scheint eine Abneigung gegen Itsikura zu haben", bemerkte Toranaga. "Ich möchte nicht unhöflich sein, aber es würde mich interessieren, worauf sich die gründet."

"Itsikura hat vor einiger Zeit meiner Heimat einen Besuch abgestattet. Mit einer Armee. Er hat Dörfer verwüstet und wehrlose Frauen, Kinder und Greise abgeschlachtet."

"Das paßt zu ihm", murmelte der Samurai. "Wenn ich Euch richtig verstehe, beabsichtigt Ihr, Euch mit ihm darüber zu unterhalten?"

"Das werde ich, irgendwann." Der Fremde erhob sich. "Es wird Zeit, aufzubrechen."

Toranaga nickte ihm zu. "Ich habe ebenfalls noch eine Rechnung mit Fürst Itsikura zu begleichen. Wenn Ihr ihn vor mir trefft, grüßt ihn von mir. Mein Name ist Toranaga."

Der Fremde nickte, griff zu seiner Naginata, und ging. William erhob sich. "Wir sollten auch zusehen, daß wir weiterkommen. Inzwischen ist es draußen dunkel genug."

"Na, genug gespielt?" empfing Madeleine sie bissig, als sie nach oben kamen.

William grinste nur. "Die anderen hatten keine Lust mehr." Madeleine knurrte etwas Unverständliches und folgte ihren Brüdern nach unten.

 

Zwei Nächte später erreichten sie die Ruinen des Lan Lo-Tempels. Die letzten Stunden waren schwierig gewesen; der Tempel war nicht ohne weiteres zu finden gewesen. Irgendetwas schützte ihn anscheinend. Mehrmals unterwegs hatten sie versucht, die Geisterwelt zu betreten, vergeblich. Madeleine hatte den Eindruck, daß William mit dem Tempel unangenehme Erinnerungen verband, und es nach Möglichkeit vermeiden wollte, ihn nochmals aufzusuchen. Die ganze Gegend schien sich gegen sie verschworen zu haben. Die Lasombra hatte längst jede Orientierung verloren und war überzeugt, daß sie seit Stunden nur im Kreis ritten. Toranaga jedoch schien seiner Sache einigermaßen sicher zu sein und führte sie unbeirrt weiter durch den Wald.

Endlich sahen sie vor sich die Überreste der Tempelgebäude durch die Bäume schimmern. "Da wären wir also", stellte William fest und verlagerte unbehaglich sein Gewicht im Sattel. "Ich hoffe nur, daß dieser verrückte Priester nicht wieder unterwegs ist." Auf Madeleines fragenden Blick hin fügte er hinzu: "Als wir das letzte Mal hier waren, damals, als wir Toranagas Familienschwerter suchten, sind wir hier einem Taoisten begegnet. Hatte ständig Streit mit den Geistern, die hier überall herumschwirren, und außerdem eine äußerst unangenehme Aura. Der Mann glaubt wirklich an das, was er predigt."

Die Kainiten stiegen ab und gaben die Zügel ihrer Pferde an die beiden Ghoule weiter. "Versuchen wir es noch einmal", sagte Toranaga. Die drei faßten sich an den Händen, schlossen die Augen und konzentrierten sich. In ihren Gedanken ließen sie nur Platz für den Wunsch, Hai Akuras Grabkammer zu finden. Augenblicke später spürten alle drei einen heftigen Ruck, dann einen Moment der Desorientierung, und schließlich wieder festen Boden unter den Füßen. Sie öffneten die Augen und fanden sich in fast absoluter Dunkelheit wieder.

Völlige Stille herrschte. Um sie herum erstreckte sich eine weitläufige Kammer, aus dem Fels herausgehauen, in der ein seltsames, dämmriges Zwielicht herrschte, das von überall und nirgends zu kommen schien und kaum ausreichte, um wirklich etwas sehen zu können. Tiefe Schatten erfüllten jede Ecke. In der Mitte des Raumes stand ein steinernes Podest, auf dem ein Sarg ruhte. An seiner Stirnseite waren auf einem weiteren Steinblock Waffen und Rüstung des Verstorbenen aufgestellt. An den Wänden befanden sich Zeichnungen, die, obwohl im Stil ähnlich denen in Toranagas Haus, deutlich realistischer und weniger stilisiert waren. Die Kammer, und diese Abbildungen, mußten Jahrhunderte alt sein.

William trat auf den Steinblock hinter dem Podest zu und fluchte leise. Auf dem Block stand ein Waffenständer, dazu gedacht, ein Katana und ein Wakizashi aufzunehmen. Das Wakizashi lag auch darauf. Der untere Platz jedoch war leer. Hai Akuras Zepter war nicht hier.

Toranaga hatte inzwischen die Zeichnungen an den Wänden betrachtet. "Das ist ja interessant", murmelte er. "Offenbar kannte ich bisher nicht die ganze Geschichte, was dieses Schwert betrifft." Er trat etwas näher an eins der Bilder heran und studierte es genauer. "Das hier erklärt, wieso der Träger dieses Schwertes im Kampf nie besiegt wurde. Es ist offenbar so, daß die Seelen der mit diesem Katana Getöteten in die Klinge eingehen und sie stärker machen. Seht hier", er deutete auf eine gezeichnete Schlachtszene. "Die Krieger, die als Untote aus dem Schwert zurückkehren und für seinen Träger kämpfen müssen." Daß das Katana nicht hier war, schien ihn im Moment gar nicht weiter zu beunruhigen, zu sehr faszinierte ihn die Geschichte. Plötzlich stutzte er. "Es scheint, als wäre die Legende zu Hai Akura freundlicher gewesen, als er es verdient hätte. Es gab wohl vor langer Zeit eine ganze Gruppe sehr mächtiger Männer, die nicht gerade auf der Seite des Guten standen, und die sich um dieses Schwert stritten. Wären sie geeint gewesen, würde die Welt heute vermutlich etwas anders aussehen. Zum Glück waren sie es nicht, und im Streit um die kostbare Klinge töteten sich etliche von ihnen gegenseitig. Hai Akura war weder besonders gut noch besonders weise, er war nur einfach stärker als die anderen und war in der Lage, seine Herrschaft über das Schwert durchzusetzen, auf Kosten eines Großteils seiner Seele. Was ihn allerdings letztendlich nicht vor dem Dolch eines Mörders schützte. Zumindest in dieser Hinsicht sind sich die Geschichten wieder einig."

"Das ist wirklich sehr interessant", meinte William, "aber es nützt uns nichts. Wie finden wir das Schwert?"

"Seid leise", warnte Madeleine in diesem Moment. Tatsächlich drang von draußen ein leises Geräusch herein, wie sehr gedämpfte Schritte, die eine Treppe herunterkamen. Die drei wechselten einen raschen Blick und glitten in die tiefere Dunkelheit einer Ecke. Instinktiv griff Madeleine nach den Schatten, die sie umgaben, und verdichtete sie, um sich damit zu tarnen. Im selben Moment wurde ihr klar, daß das möglicherweise ein Fehler gewesen war. Aber es war zu spät, ihn zu korrigieren. Durch die geschlossene Tür der Kammer trat ein geisterhaft bleicher Schemen und ging auf den Sarg zu, dabei unablässig vor sich hinmurmelnd. Im Leben war er eindeutig ein Japaner gewesen, auch der Geist trug noch die charakteristischen Gesichtszüge. Von Statur allerdings war er klein und so schmächtig, daß selbst Madeleines zierliche Gestalt neben ihm kräftig gewirkt hätte. Der Geist ging, offenbar ohne die drei wahrzunehmen, auf den Sarg zu und verschwand durch den geschlossenen Deckel.

"Das soll der mächtige Hai Akura gewesen sein?" fragte William ungläubig. "Dieser Hänfling?"

"Vergiß nicht, daß er den größten Teil seiner Seele verloren hat", erinnerte Toranaga. "Was von ihm übrig ist, reicht offenbar nicht mehr für einen anständigen Geist... was ist denn los?" Er sah sich nach Madeleine um, die sich umgedreht hatte und mit verärgertem Blick in die Dunkelheit schaute. Dann sah er es. Einer der Schatten, die sie vorhin beschworen hatte, bewegte sich auf sie zu, langsam und zögernd noch, so als wäre er nicht ganz sicher, ob er sie tatsächlich angreifen sollte. Die Lasombra machte eine befehlende Geste in seine Richtung, um ihn zu vertreiben. Leider erreichte sie damit genau das Gegenteil von dem, was sie beabsichtigt hatte. Der Schatten wurde schneller und schien sich auf sie stürzen zu wollen.

"Das darf doch nicht wahr sein", knirschte sie, richtete sich auf und sah dem Schatten mit eisiger Miene entgegen. Erneut hob sie eine Hand und deutete gebieterisch auf den sich rasch nähernden Schemen. "Weiche!" donnerte sie. Der Schatten hielt an, als wäre er gegen eine Barriere gestoßen, und löste sich auf. "Warum denn nicht gleich", knurrte Madeleine, und wandte sich ihren Brüdern zu. "Was machen wir jetzt?" wollte sie wissen. "Das Schwert ist nicht hier, und wir haben keine Ahnung, wo es sich befindet."

"Das stimmt leider", gab William zu und musterte den Waffenständer auf dem Steinblock. "Wir können es aber vielleicht herausfinden."

Sie sah ihn besorgt an. "Bist du sicher, daß du das riskieren willst? Das ist nicht ungefährlich."

"Haben wir eine andere Wahl?" fragte er und ging entschlossen auf den Ständer zu. Vorsichtig berührte er ihn und strich leicht mit dem Finger über das polierte, altersdunkle Holz. Vielleicht erinnerte es sich daran, wer das Schwert genommen hatte.

Madeleine sah ihm zu, mit einem unguten Gefühl im Magen, das sie vor den beiden anderen natürlich nicht ganz verbergen konnte. Umso erleichterter war sie, als der Ventrue nach kurzer Zeit die Augen wieder öffnete. "Ich fürchte, ich habe nicht wirklich etwas herausgefunden", sagte er bedauernd. "Eine schwarzgekleidete Gestalt hat das Schwert genommen. Ich konnte nur die Augen sehen, der Rest war völlig verhüllt. Wohin die Klinge gebracht wurde, habe ich nicht erfahren können."

"Dann werden wir wohl ins kalte Wasser springen müssen", meinte Toranaga ruhig.

William verstand. "Du meinst, so zu dem Schwert reisen, wie wir zur Grabkammer gekommen sind. Hinwollen. Jedenfalls scheint Bewegung hier so zu funktionieren."

Toranaga nickte. "Nicht ungefährlich, aber ich sehe nicht, wie wir die Klinge sonst finden sollen." Er streckte den beiden die Hände entgegen. "Gehen wir."

Erneut hielten sie sich an den Händen und konzentrierten sich auf ihr Ziel. Diesmal setzte die Bewegung fast sofort ein. Die Geschwister fühlten sich mit unwiderstehlicher Gewalt hochgerissen und davongewirbelt. Einen Augenblick lang war alles schwarz, dann schienen sie durch einen formlosen grauen Nebel zu fallen. Gelegentlich schienen sich Dinge im Nebel zu bewegen, Gestalten, die zuerst nicht richtig zu erkennen waren. Dann wurden sie deutlicher, und die drei erkannten, daß die Gestalten ihre Ebenbilder waren, vielfach gespiegelt. Madeleine sah sich selbst dutzende Male durch das graue Nichts fallen und schauderte.

Abgelenkt durch den Anblick ihrer Doppelgänger, bemerkten die Kainiten fast zu spät, worauf sie zuflogen. In einiger Entfernung war das sie umgebende Grau dunkler geworden. Die nebelartige Substanz wurde dünner, und es schälten sich die Konturen einer Mauer heraus. Keiner gewöhnlichen Mauer allerdings. Diese bestand aus Klingen. Sie wirbelten und blitzten in dem trüben Licht, und die Geschwister fielen mit rasender Geschwindigkeit darauf zu. Irgendwie nahm Toranaga wahr, daß es sich bei den Schwertern, die die Mauer bildeten, nicht um verschiedene Waffen handelte, sondern um ein und die selbe, die wie die Kainiten und ihre Ebenbilder vervielfacht war - Hai Akuras Zepter.

Madeleine verlor den Kontakt zu ihren Brüdern. Sie sah sie neben sich auf die wirbelnden Klingen zustürzen, dann war eines der Schwerter heran. Ehe sie ausweichen konnte, wurde sie getroffen.

William sah aus den Augenwinkeln, wie die Lasombra direkt in eines der heranfliegenden Katanas hineinfiel und verschwand, als wäre sie nie dagewesen. Er wollte rufen, brachte aber keinen Ton heraus. Helfen konnte er ihr auch nicht, sie war viel zu schnell weg gewesen. Verzweifelt versuchte er, den immer zahlreicher werdenden Klingen zu entgehen, aber er schaffte es nicht.

Toranaga kam am weitesten. Er bemerkte das Verschwinden seiner Geschwister und es gelang ihm, zwischen den ersten Schwertern hindurchzuschlüpfen. Eines streifte ihn, ritzte ihn aber nicht einmal. Schließlich jedoch wurde die Barriere auch für ihn zu dicht. Instinktiv spürte er, daß es Selbstmord gewesen wäre, weiter eindringen zu wollen; der nächste Treffer, egal wie leicht, würde ihn vernichten. Eine Haaresbreite vor der nächsten Klinge konnte er abbremsen und seine Bewegung umkehren. Einen Augenblick später war er zurück in der Grabkammer, wo zu seiner Erleichterung William und Madeleine bereits angekommen waren, offenbar unverletzt.

"So geht es nicht", stellte William überflüssigerweise fest.

"Das Schwert schützt sich", meinte Toranaga. "Wobei ich mich so langsam frage, wer es geschafft haben könnte, an diesem Schutz vorbeizukommen und es hier herauszuholen."

William hob die Schultern. "Vielleicht schützt es sich nur, wenn es einen Träger hat. Wie auch immer, mit dem Träger würde ich mich ungern anlegen. Hieß es nicht, daß der Besitzer des Schwertes nie im Kampf besiegt wurde?"

Toranaga nickte. "Wir sind die ganze Sache falsch angegangen", erkannte er. "Es würde vielleicht funktionieren, wenn wir versuchen in die Nähe des Trägers zu kommen, anstatt uns auf das Schwert selbst zu konzentrieren."

"Könnte klappen", meinte William. "Riskant, aber es könnte klappen. Madeleine?"

"Haben wir eine andere Wahl?" fragte sie achselzuckend. "Wir brauchen das Schwert." Sie nahm die Hände ihrer Brüder.

 

Schwärze, dann einen Moment lang blendende Helligkeit, die langsam abklang. Vorsichtig öffnete William die Augen und sah sich um. Sie standen in einer riesigen Halle, die von Öllampen erleuchtet war. Die Einrichtung war spärlich und ähnelte im Stil der von Toranagas Wohnhaus, wenn auch kostbarer. Das alles war im Moment jedoch zweitrangig. An der Stirnseite der Halle nämlich befand sich ein Podest, auf dem ein thronähnlicher Sessel stand. Und in diesem Sessel saß eine majestätische Gestalt, gekleidet wie ein Shogun, aber kein Mensch hätte eine derartige Macht ausstrahlen können.

"Willkommen in meiner Halle", sagte der Shogun, als die drei näherkamen und in respektvoller Entfernung vor dem Podest niederknieten. "Ich habe sehr selten Gäste, die es bis hierher schaffen. Die meisten sind nur hinter meinem Schwert her, und die kommen nicht besonders weit." Er musterte die Geschwister mit einem eigenartigen Blick. "Ihr seid nicht einmal von besonders mächtigem Blut", murmelte er. "Wirklich erstaunlich."

Madeleine schauderte unter seinem Blick. Ihr war mit einem Mal klar, daß vor ihr ein Wesen saß, gegen das selbst Prinz Michael nur ein Kind war. Der Shogun schien von einem Leuchten umgeben, das auch ihre besonderen Sinne nicht durchdringen konnten. Ihn zu lesen, oder auch nur seine Aura klar zu erkennen, war unmöglich, es war, als würde sie ungeschützt in ein sonnenhelles Licht blicken. Schlagartig wurde ihr bewußt, wer da vor ihr saß. Der Shogun war Kain selbst, oder vielmehr ein Abbild von ihm, ein Aspekt, der sich hier in dieser Welt niedergelassen hatte.

William und Toranaga kam diese Einsicht im selben Moment wie ihrer Schwester. Gleichzeitig war ihnen damit klar, daß sie das Schwert niemals gegen den Willen seines Trägers würden entwenden können. Schon der bloße Gedanke daran war so absurd wie gefährlich.

"Nun, was führt euch zu mir?" fragte der Shogun. Ehe einer der drei antworten konnte, seufzte er. "Entschuldigt mich einen Moment." Er schien sich zu konzentrieren und hob die rechte Hand. Die Luft begann zu flimmern, und in seiner Hand formte sich schemenhaft ein Schwert, dessen Konturen rasch deutlicher wurden: Hai Akuras Zepter. Das Leuchten, das den gesamten Thron umgab, wurde intensiver, so daß die drei fast geblendet wurden. Schließlich war das Schwert vollständig entstanden. Ein Zittern lief durch die Klinge, dann erhob es sich nach oben und verschwand blitzartig. Der Shogun sah nachdenklich zur Decke, wo das Schwert verschwunden war, und machte einen etwas abwesenden Eindruck. "Hm, ein ganz hartnäckiger", murmelte er schließlich. Die Geschwister wagten nicht, sich zu rühren. Es dauerte zwei, drei Minuten, dann erschien das Schwert wieder. Es ließ sich in der Hand seines Trägers nieder und verblaßte. Der Shogun seufzte erneut. "Daß diese Dummköpfe es einfach nicht lassen können. Gerade hat wieder jemand versucht, mein Schwert zu stehlen. Er ist etwas weiter gekommen als die meisten, aber geholfen hat ihm das auch nichts. Diese Leute langweilen mich." Er sah wieder zu den dreien hinunter. "Ich hoffe, ihr seid nicht auch deswegen hier?"

Madeleine und William wechselten einen unbehaglichen Blick. Das wars dann wohl, dachte William. Es wäre Irrsinn, es auch nur versuchen zu wollen. Madeleine mußte ihm zustimmen.

Toranaga bemerkte natürlich die Mutlosigkeit seiner Geschwister. Ihm war klar, daß die beiden kurz davor waren, unverrichteter Dinge wieder abzuziehen. Gleichzeitig wußte er aus ihren Erzählungen, daß das Schwert vermutlich die einzige realistische Chance war, die sie hatten, um den Fluch zu brechen. Es zu stehlen war unmöglich, also blieb als einziger Ausweg, seinem Träger reinen Wein einzuschenken und auf seinen guten Willen zu hoffen. Toranaga richtete sich ein wenig auf. "Mit Verlaub, Herr", begann er, "wir sind tatsächlich wegen des Schwertes hier. Es ist mir bewußt, daß ich ohne Eure Zustimmung nicht einmal in seine Nähe kommen kann. Ich will es auch nicht für mich selbst, oder um meine Macht zu vergrößern. Eine Freundin hat Schwierigkeiten, die das Schwert beseitigen könnte." Er deutete auf Madeleine, die ihn fassungslos ansah. "Ihr seht wahrscheinlich, welchen Blutes sie ist. Ein Feind hat sie verflucht, so daß die Schatten sie verfolgen und angreifen. Damit ist sie ohne Schutz und ohne Waffe, und das kann so nicht bleiben. Das Schwert kann den töten, der sie verflucht hat, und so den Fluch brechen. Deswegen brauchen wir es."

Madeleine konnte nicht glauben, was sie da hörte. Toranaga, ihr Freund, ihr Bruder, mit dem sie ihr Blut geteilt und dem sie vertraut hatte, saß seelenruhig da und erzählte einem völlig Fremden und potentiellen Gegner von ihrer größten Schwachstelle. Daß der vermutlich mächtig genug war, um auch ohne Toranagas Mithilfe von dem Fluch zu erfahren, spielte in diesem Moment keine Rolle. Ihre Schwäche war ihr Geheimnis, und kein anderer hatte das Recht, es preiszugeben. Du Verräter! schrieen ihre Gedanken erbittert. Du verdammter Verräter, wie kannst du ihm das alles sagen!

Toranaga ignorierte den Ausbruch seiner Schwester, obwohl ihn ihre Worte tief trafen. Er war nach wie vor der Meinung, daß er das einzig Mögliche getan hatte. Alles hing jetzt davon ab, wie der Shogun reagierte.

Der sah die drei einen Moment lang nachdenklich an. "Nun, ich kann euch natürlich das Schwert nicht einfach ausborgen", meinte er schließlich. "Allerdings denke ich, daß eure Hartnäckigkeit eine Belohnung verdient. Ich könnte euch mit eurem kleinen Problem helfen, wenn ihr euch bereit erklärt, mir zu dienen." Als die drei sichtlich zögerten, fügte er hinzu: "Natürlich müßte ich zuerst herausfinden, ob ihr überhaupt würdig seid. Schwache Diener nützen mir nichts. Ich werde euch einer Prüfung unterziehen." Ein kaltes Lächeln huschte über seine Lippen. "Und egal, wie sie ausgeht, habt ihr mir wenigstens für einen Moment die Langeweile vertrieben." Er machte eine Handbewegung, und in einer Ecke des Raumes begannen sich die Schatten zu bewegen. Dann schien ihm noch etwas einzufallen. "Damit das ganze nicht zu langweilig wird, werde ich euch für die Dauer der Prüfung von diesem Fluch befreien."

Im selben Moment spürte Madeleine eine unendliche Erleichterung. Sie fühlte, wie ihre Kraft zurückkehrte, ihre Nähe zu den Schatten und ihre Macht über sie. In der Ecke, zu der der Shogun gedeutet hatte, begannen sich langsam drei Gestalten aus der Schwärze zu bilden, und der Lasombra war klar, daß sie nicht mehr viel Zeit hatte. Sie versuchte, die Schatten um sich herum zu einer Rüstung zu verdichten. Die langen Nächte, in denen sie dazu nicht in der Lage gewesen war, hatten jedoch offenbar ihrer Routine geschadet. Die Rüstung blieb nicht stabil; kaum war sie an einer Stelle fertig und begann an der nächsten, löste sich das, was sie bisher erreicht hatte, wieder auf. Ein paar Minuten länger, dann hätte sie ihre Diener unter ihren Willen zwingen können, aber diese Minuten hatte sie nicht. Die Schemen in der Ecke hatten sich zu drei Kriegern geformt, und jeweils einer von ihnen kam nun auf jeden der drei Vampire zu. Sie gab ihre Versuche mit der Rüstung auf und streckte ohne nachzudenken die Hand nach Williams Schatten aus. Der immerhin kam freiwillig, sogar eifrig, zu ihr und formte sich zu einem Schwert, einem nachtschwarzen Ebenbild von Williams Katana. Die Lasombra umfaßte den Griff, der sich in ihre Hand schmiegte, als gehöre er dort und nirgends sonst hin. Dann drehte sie sich und erwartete ihren Gegner.

Toranaga und William rechts und links von ihr zogen gleichzeitig ihre Schwerter. Im nächsten Moment waren die Schattenkrieger heran. Die Geschöpfe waren schnell, mußte William erkennen, schneller als er. Er hob sein Schwert und konzentrierte sich für den Moment ganz darauf, den Angriff seines Gegners abzuwehren. Es gab ein merkwürdiges Geräusch, als die beiden Klingen aufeinandertrafen: das Katana aus Schatten und das aus Stahl. Der Schattenkämpfer war nicht nur schnell, er verfügte auch über beachtliche Kraft. Die Wucht des Schlages drängte William ein wenig zurück, aber immerhin war er unverletzt. Das Schwert zwischen sich und dem Gegner haltend, begann er fieberhaft, nach einer Öffnung in dessen Deckung zu suchen.

Toranaga sah seinem Angreifer ruhig entgegen. Das Wesen sah aus wie ein Samurai, aus schwarzem Nebel gebildet, und es näherte sich rasch und völlig lautlos. Der erste Schlag streifte Toranaga nur und kratzte seine Rüstung, ohne wirklich Schaden anzurichten. Toranaga wich elegant einen Schritt zur Seite, packte sein Katana mit beiden Händen und brachte es in einem weiten Schwung herum. Er hatte perfekt gezielt. Die rasiermesserscharfe Klinge traf das Schattenwesen in der Mitte des Oberkörpers und spaltete es. Der schwarze Samurai waberte vor seinen Augen und löste sich auf.

Madeleine erkannte sofort, daß ihr Gegner schneller war als sie. Sie würde ein Risiko eingehen müssen; wenn es ihr nicht gelang, diesen Kampf rasch für sich zu entscheiden, würde sie ihn verlieren. Sie sah den ersten Schlag kommen. Anstatt ihn mit ihrer Schattenklinge zu parieren, versuchte sie, sich darunter hinwegzuducken und die Öffnung in der Deckung ihres Gegners auszunutzen. Die Lasombra drehte sich, wich nach unten aus - und spürte, wie die Klinge des Gegners in ihren Rücken biß. Die Wunde war tief, das spürte sie. Einen zweiten Treffer dieser Art würde sie vermutlich nicht überstehen. Ihre Hand zuckte vor, unter dem Arm ihres Gegners hinweg, dann fand ihr schwarzes Schwert sein Ziel. Sie stieß zu, dann zog sie sich rasch einen halben Schritt zurück. Die Wunde behinderte sie, aber als sie sich aufrichtete, sah sie, daß auch ihr Gegner angeschlagen war.

Toranaga sah Madeleine taumeln und zurückweichen. In ihrem Rücken klaffte eine breite Wunde, aus der ein wenig vitae quoll. Die Bewegungen der Lasombra waren langsamer, mühsamer als vorher. Ihr Gegner hingegen schien weniger mitgenommen als sie. All das stellte er in einem Sekundenbruchteil fest, dann setzte er sich in Bewegung. Madeleine hatte ihn mit ihrem Vorwurf tödlich beleidigt, das änderte aber nichts daran, daß sie vitae teilten. Nach wie vor war sie seine Schwester, und nach wie vor würde er sich in Stücke hacken lassen, um sie zu schützen. Der Shogun schien jedoch etwas dagegen zu haben, daß er ihr zu Hilfe kam. Toranaga spürte, wie ihm die Luft selbst Widerstand entgegensetzte. Es war, als versuche er, durch zähen Sirup zu schwimmen. Grimmig biß er die Zähne zusammen und setzte mühevoll einen Fuß vor den anderen.

William spürte Madeleines Schmerz, gleichzeitig war ihm klar, daß er ihr nicht helfen konnte, indem er sich davon ablenken ließ. Aus dem Augenwinkel heraus sah er, wie Toranaga versuchte, sich zu ihr vorzuarbeiten. Der Ventrue zwang sich, nicht weiter darauf zu achten und wandte seine Aufmerksamkeit wieder seinem Gegner zu. Er parierte dessen Schlag, und mit einem Mal erkannte er eine Öffnung in der Deckung des anderen. Wie ein silbriger Blitz zuckte seine Klinge nach vorn und durchschlug mit einem seltsamen schmatzenden Geräusch die Rüstung des schwarzen Samurai. William erkannte seine Chance und setzte sofort nach. Ein zweiter Schlag folgte, dann löste sich sein Gegner in schwarzen Nebel auf, der in die Ecke zurückzog, aus der er gekommen war.

William sah zu Madeleine hinüber - und bekam gerade noch mit, wie die Lasombra von einem zweiten Hieb getroffen wurde. Das Schwert des Gegners traf sie auf der linken Schulter, zerschmetterte ihr Schlüsselbein und drang tief in ihre Brust. Madeleine schrie auf, brachte ihre Klinge herum und ließ sie mit letzter Kraft auf ihren Gegner herabsausen. Das Schattenschwert durchschnitt seine Rüstung wie Butter, und auch der dritte Samurai verschwand. Madeleine, das spürte William deutlich, hatte diesen Treffer nur knapp überlebt. Ihr eiserner Wille war im Moment alles, was die Lasombra noch aufrecht hielt. Wenn sie nicht bald die Möglichkeit bekam, die beiden Wunden in ihrer Brust und ihrem Rücken zu heilen, würde sie daran sterben. Sie hatte nicht einmal mehr genug Kraft, um zu verhindern, daß ständig ein wenig vitae aus den Wunden tropfte. Sie sah ihn kurz an. "Danke", sagte sie leise, dann kehrte sein Schatten zu ihm zurück.

Madeleine fühlte, wie ihr die Herrschaft über die Schatten wieder entglitt. Der Fluch war wieder wirksam. Ihre wiederkehrende Schwäche, der Blutverlust und die Schmerzen ließen kalte Wut in ihr hochkochen. Der Shogun hatte den Kampf mit unbewegter Miene verfolgt. Zu seiner Unterhaltung war sie fast umgekommen. Er hatte die Macht, diesen Fluch von ihr zu nehmen, und er behandelte sie wie ein Spielzeug. Plötzlich spürte sie, wie etwas nach ihrem Geist griff. Der Shogun, erkannte sie, versuchte, ihren Zorn zu dämpfen und sie zu beruhigen. Das machte sie nur noch ärgerlicher, und instinktiv wehrte sie ihn ab.

Gegen seine Macht hatte sie natürlich keine Chance. Allein der Versuch jedoch hatte ihn wütend gemacht. Er erhob sich und funkelte sie an. "Du Göre wagst es, mir Widerstand zu leisten?" donnerte er. Gleichzeitig streckte er die Hand aus, und das leuchtende Schwert erschien wieder darin. Er schien zu wachsen, das Leuchten, das die Klinge umgab, dehnte sich aus und wurde intensiver, bis schließlich ein gottgleiches Wesen vor dem Thron stand. "Du willst mir also widerstehen", wiederholte er. "Dann nimm dir einen Schatten und kämpfe gegen mich. Oder knie nieder!"

Madeleine sank auf die Knie, sah dem Shogun aber in die Augen. "Eine reife Leistung", spottete sie und zwang sich zu einem verächtlichen Lächeln. "Für ein Wesen von Eurer Macht wäre ich selbst unverletzt kein Gegner. Mich in diesem Zustand abzuschlachten ist wirklich eine ehrenvolle Tat." Damit senkte sie den Kopf und schloß die Augen, sicher, daß er sie töten würde.

Mit einem Wutschrei sprang der Shogun von seinem Podest und stürzte sich auf sie. William und Toranaga, die noch immer zu beiden Seiten ihrer Schwester standen, reagierten instinktiv. Zwei Katanas wurden gleichzeitig hochgerissen. Die Klingen kreuzten sich in der Luft über Madeleines Kopf. Mit einem ohrenbetäubenden Krachen traf Hai Akuras Zepter auf die beiden Schwerter - und beide Klingen barsten mit einem hellen Glockenton in Stücke. Das Schwert des Shoguns hatte natürlich keinen Kratzer. Die Wucht des Aufpralls reichte jedoch, um den Schlag abzulenken, und er verfehlte Madeleine um Haaresbreite.

Toranaga sah auf den Griff seines Familienschwertes herunter. In seinem Gesicht zuckte kein Muskel, als er sich bückte und vorsichtig ein Stück der geborstenen Klinge aufhob, das einzige, das er noch finden konnte. Das Katana und das zugehörige Kurzschwert hatten sich seit Jahrhunderten im Besitz seiner Familie befunden. Mit diesem Schwert war auch seine Ehre zerbrochen - und mit dem Katana, das William geführt hatte, die Chance, seine Unschuld zu beweisen. Ihm war klar, daß Madeleine sich des Opfers, das er gerade ohne nachzudenken für sie gebracht hatte, nicht bewußt war. Dabei würde es auch bleiben, er hatte nicht vor, mit ihr darüber zu reden. Sie war immer noch zornig auf ihn, das spürte er, obwohl im Moment ihr Schmerz und ihre Schwäche deutlicher waren. Er akzeptierte das, so wie er vieles akzeptierte. Er wußte, daß er, hätte er die Wahl, das selbe wieder tun würde. Das genügte ihm.

Der Shogun saß plötzlich wieder auf seinem Thron, als wäre nichts geschehen. Hai Akuras Zepter war verschwunden. Der Shogun klatschte langsam in die Hände, wie ein gelangweilter König, der bei einer Theatervorstellung applaudierte. "Ihr wart in der Tat amüsant", erklärte er und hob eine Hand. Madeleine fühlte, wie ihre Wunden verschwanden, als wären sie nie dagewesen. Gleichzeitig spürte sie, wie Kraft sie durchflutete. Der Hunger, den sie verspürt hatte, war fort. Ein Blick zu ihren Brüdern verriet ihr, daß es ihnen genauso ging. "Ich hatte lange keine so unterhaltsamen Gäste mehr. Aber jetzt wird es Zeit, daß ihr geht."

Mit einem Mal umgab Schwärze die drei. Sie fühlten sich hochgehoben und fortgerissen. Einen Moment später setzten sie unsanft irgendwo auf, dann konnten sie wieder sehen. Sie standen zwischen den Ruinen des Lo Lan-Tempels, in ihrer Welt. Um sie herum huschten gelegentlich bleiche Schemen, und hinter einer halb zertrümmerten Wand erklang die Stimme des Priesters, der mit den Geistern herumschimpfte.

"Wir sollten verschwinden, ehe er näherkommt", erklärte William und deutete in die Richtung, aus der die Stimme kam.

"Nicht so hastig", krächzte der Priester und tauchte hinter der Ecke auf. Er schien sich unter Kontrolle zu halten; obwohl Madeleine deutlich die silbrigen Spuren in seiner Aura sehen konnte, die normalerweise einen echten Gläubigen verrieten, spürte sie nichts von den unangenehmen Auswirkungen, die damit gewöhnlich verbunden waren. "Ich habe noch etwas für euch. Vom Meister." Damit warf er ihnen etwas zu.

Ein Wakizashi. Wie im Traum sah William die Klinge auf sich zufliegen und sich in der Luft überschlagen. Instinktiv streckte er die Hand hoch. Neben ihm tat Madeleine das gleiche. Das Schwert teilte sich in der Luft, und je eine der beiden Waffen landete sicher in einer ausgestreckten Hand. Im selben Moment spürten alle drei, wie unglaubliche Macht sie durchströmte. Selbst Toranaga fühlte es, obwohl er keines der Schwerter hielt. Ihre vitae schien in ihren Adern zu kochen, und gleichzeitig ergriff ein Gefühl Besitz von ihnen, als hätten sie gerade von unvorstellbar mächtigem Blut gekostet. Madeleine keuchte, taumelte zur Seite und suchte Halt an einer Säule. Langsam verebbten die Empfindungen, aber ein kleiner Rest blieb. Instinktiv wußten alle drei, daß Kain ihnen einen winzigen Bruchteil seiner Macht geschenkt und sie näher zu sich geholt hatte.

Als ihr Blick sich klärte, war der Priester verschwunden. In einiger Entfernung hörte man ihn noch, aber keiner der drei hatte das Bedürfnis, sich noch einmal mit ihm zu unterhalten. Langsam gingen sie zurück zum Rand des Ruinenfelds, wo Beren und Roberto mit den Pferden warteten. Plötzlich blieb William stehen. "Ich möchte doch einmal wissen, was wir da gerade bekommen haben", erklärte er, und wog das Wakizashi nachdenklich in der Hand.

Toranaga grinste. "Ich hatte mich schon gefragt, wie lange es dauern würde."

"Ich habe keine Ahnung, was du meinst", behauptete der Ventrue und zwinkerte ihm zu. Dann wurde er wieder ernst und sah auf die Klinge hinab. Einige lange Minuten stand er völlig reglos, das Schwert in der Hand, und schien konzentriert ins Leere zu starren. Schließlich schaute er auf. "Donnerwetter", murmelte er beeindruckt.

Madeleine hob eine Augenbraue. "Könntest du das genauer erklären?"

"Mit diesem Schwert kann man einen Riß zwischen den Welten öffnen. Und zwar nicht nur räumlich. Der Riß kann, wenn man das will, auch durch die Zeit reichen. Wie oft das funktioniert, kann ich nicht genau sagen, zwischen zwei und vier Mal, vermutlich. In jedem Fall haben wir hier eine, nein, zwei, perfekte Waffen gegen Morpheus."

"Dann sollten wir uns sofort um ihn kümmern", meinte Toranaga. "Und ich meine wirklich sofort. Ein wenig Abstand vom Tempel gewinnen, und ein Tor in die Schattenwelt öffnen."

"Vielleicht wäre es klüger", sagte Madeleine zögernd, "erst zum Haus zurückzukehren und nachzusehen, ob die drei Hexen inzwischen mehr über die Schattenwelt herausgefunden haben. Bevor wir dort wieder so unangenehm auffallen wie beim letzten Versuch."

"Unnötig", erklärte der Ventrue fröhlich. "Verstehst du nicht? Wir öffnen den Riß direkt oben im Turm, in Morpheus' Kammer. Wir brauchen nichts über die Stadt zu wissen, weil wir sie überhaupt nicht betreten werden."

"Und weil das Tor auch durch die Zeit führen kann", spann sie den Faden weiter, "können wir direkt nach seiner Ankunft bei ihm auftauchen, wenn er noch abgelenkt ist von der Freude über seinen Sieg und seine Macht noch nicht ausgebaut hat."

"Ich sehe, wir verstehen uns", stellte William zufrieden fest und schwang sich auf sein Pferd. "Bringen wir ein wenig Abstand zwischen uns und diese merkwürdige Gegend, dann statten wir unserem spanischen Freund einen Besuch ab."

 

Es dauerte geschlagene drei Stunden, bis sie den Umkreis des Tempels verlassen hatten und wieder eine normale Umgebung erreicht hatten. Der Rückweg war fast so schwer zu finden gewesen wie der Tempel selbst. William war natürlich keineswegs entgangen, daß Madeleine während der ganzen Zeit kein Wort mit Toranaga gewechselt und den Samurai nicht einmal angesehen hatte. Er spürte deutlich sowohl ihren Ärger als auch Toranagas Gefühle, und es gefiel ihm überhaupt nicht, so zwischen den Fronten zu sitzen. Nicht, daß er befürchtete, daß es zum offenen Streit zwischen den beiden kommen würde. Er kannte seine Geschwister gut genug, um zu wissen, daß jeder der beiden auf seine Art die Sache als erledigt ansah. Trotzdem war es für ihn unerträglich, zusehen zu müssen, wie sich zwischen der Frau, die er liebte und seinem besten Freund und Schwertbruder ein tiefer Riß auftat, der vielleicht nicht mehr zu flicken sein würde. Wenn die Sache mit dem Spanier endlich ausgestanden war, würde er sich darum kümmern müssen. Irgendwie mußte es möglich sein, die beiden dazu zu bringen, daß sie miteinander redeten.

"Wir scheinen es hinter uns zu haben", riß Toranagas Stimme ihn aus seinen Gedanken. "Hier sieht alles wieder normal aus."

Die drei stiegen von ihren Pferden. William zog das Wakizashi aus dem Gürtel und sah seine Geschwister an. "Sind wir soweit?" fragte er.

Toranaga nickte und wandte sich an seine Ghoule. "Nehmt die Pferde und reitet nach Hause zurück", sagte er. "Mit den Schwertern können wir von der Schattenwelt aus an jeden Ort zurückkehren, zu dem wir wollen."

Die Ghoule verneigten sich und verließen sie. William packte den Schwertgriff fester, holte weit aus und ließ die Klinge durch die Luft sausen. Mit einem hohen Pfeifen durchschnitt sie irgendetwas, und vor den Kainiten öffnete sich ein wabernder, schwarzer Riß. Ohne lange zu zögern, traten sie hindurch.

 

Die Turmkammer war voller Schatten. Sie waren überall, bewegten sich, flüsterten. Es war, als wären die Geschwister in einen See aus lebendiger Schwärze eingetaucht, in dem sie kaum die Hand vor Augen sehen konnten. Und von irgendwo vor ihnen drang triumphierendes Gelächter durch die Finsternis. Morpheus.

Perfekt, dachte William. Wir scheinen direkt nach seiner Ankunft herausgekommen zu sein. Er feiert noch.

Nicht mehr lange, versicherte Toranaga grimmig. Kannst du ihn sehen?

Erahnen, gab William zurück. Den finde ich, verlaß dich drauf.

Gut. Dann werde ich mal dafür sorgen, daß er uns nicht kommen hört. Im nächsten Moment erstarb das Gelächter, und mit ihm jeder andere Laut. Völlige Stille umgab die drei, als sie sich vorsichtig ihren Weg durch die Schatten suchten und sich ihrem Feind näherten.

Obwohl seine eigenen Schatten seine Sicht nicht behinderten, bemerkte Morpheus die drei nicht, ehe es zu spät war. Zu sehr war er noch in der Freude über seinen Sieg gefangen, und zu sicher fühlte er sich hier am Ort seiner Macht. Ungehindert konnten die Geschwister in einem Halbkreis hinter ihm Position beziehen. William zog mit einer Hand das Wakizashi, mit der anderen das Langschwert, das er im Laden des Magiers in konstantinopel erstanden hatte. Diese Klinge war vielleicht nicht so effektiv wie Kains Geschenk, aber Morpheus würde sie mit Sicherheit trotzdem spüren. Toranaga hatte ein einfaches Katana, das vorher Roberto getragen hatte, und das Kurzschwert, das alles war, was ihm von seinen Familienschwertern geblieben war. Madeleine, an Williams anderer Seite, hatte ebenfalls ihre Klinge gezogen. Sie nickte ihm zu, und die drei stürzten sich gleichzeitig auf den Spanier.

Selbst überrascht war Morpheus noch gefährlich. Im selben Moment, da er seine Angreifer endlich bemerkte, fuhr er herum und war kampfbereit. Ein schwarzer Zweihänder erschien in seinen Händen, und er schaffte es, Williams Jadeschwert zu parieren. Madeleines Klinge jedoch verletzte ihn. Die Lasombra zog sich rasch wieder zurück. Morpheus überragte sie um mehr als einen halben Meter, seiner Reichweite hatte sie wenig entgegenzusetzen. Sie würde ständig in Bewegung bleiben müssen, um ihm zu entgehen.

William und Toranaga glitten mühelos in ihre gewohnte Taktik. Es war fast, als sei der Japaner nie weggewesen. Sie hatten lange zusammen trainiert, jeder wußte genau, was der andere als nächstes tun würde und daß er sich bedingungslos auf den Bruder verlassen konnte. William konzentrierte sich nur darauf, Schwachstellen in Morpheus' Deckung zu finden und auszunutzen. Er vertraute darauf, daß Toranaga ihm währenddessen die Klinge des Gegners vom Leib hielt. Während er kämpfte, wurde ihm bewußt, wie sehr er den Freund an seiner Seite während der letzten Wochen vermißt hatte. Der Ventrue lächelte grimmig und rammte das Wakizashi in Morpheus' Oberschenkel.

Madeleine bemerkte zwei Dinge gleichzeitig. Erstens gelang es ihren Brüdern zwar, Morpheus zu beschäftigen und ihm sogar gelegentlich eine Wunde zuzufügen. Diese jedoch schloß sich meistens sofort wieder, wenn die Klinge herausgezogen wurde. Morpheus kam zwar selbst nicht dazu, wirklich mit seinem Schwert zuzuschlagen, aber ernsthaft geschadet hatten sie ihm noch nicht. Dafür, und das war das zweite, was ihr auffiel, begannen sich die Schatten zu regen, heftiger als vorher. Morpheus' Diener zogen sich um die drei zusammen und begannen sich zu verdichten. Madeleine erkannte ihre Absicht und begann instinktiv, dagegen zu arbeiten. Dieser Kampf war eher nach ihrem Geschmack als ein Duell mit Klingen aus Stahl. Toranaga, heb die Stille auf, dachte sie. Ich brauche meine Stimme, oder die Schatten zerquetschen uns. Im nächsten Moment waren die Geräusche des Kampfes zu hören. Morpheus sah sich kurz irritiert um, schien aber nicht zu erraten, was sie vorhatte. Er würde es früh genug merken. Madeleine zog sich zwei weitere Schritte zurück, um aus der unmittelbaren Umgebung des Kampfes herauszukommen. In ihrem Rücken spürte sie den Druck der Schatten, der sich mehr und mehr verstärkte. Es war höchste Zeit, fand Madeleine, die Kreaturen daran zu erinnern, wer sie war. Selbst mit Morpheus' Fluch war sie immer noch eine Lasombra, eine Herrin der Schatten, und sie gedachte, keinen Zweifel daran zu lassen. Sie richtete sich hoch auf und musterte die Wesen mit kaltem Blick. Ihr Zorn auf Morpheus, ihre Wut über ihre Schwäche, die sein Fluch ihr aufgezwungen hatte, kochten hoch und verbanden sich mit den Resten des Hochgefühls, die Kains Geschenk in ihr hervorgerufen hatte, und dem Bewußtsein ihrer neuen Macht zu einer gefährlichen Mischung. Madeleine hob die Arme und legte diese Macht in ihre Stimme.

"Zurück!"

Madeleines Stimme durchdrang mühelos den Kampflärm. Sie schien wie eine Glocke zu dröhnen und trotz der dämpfenden Schatten in der Kammer nachzuhallen wie in einem großen Saal. William spürte im selben Moment, wie der Druck der Schatten um ihn herum nachließ. Gleichzeitig schien Morpheus desorientiert, seine Bewegungen langsamer, so als hätten sich seine Diener plötzlich gegen ihn gewandt. Der Ventrue nutzte seine Chance. Gewandt wie eine Raubkatze glitt er unter Morpheus' Deckung hindurch und schlug zu.

Madeleine spürte, wie Morpheus versuchte, ihr die Kontrolle über seine Diener wieder zu entreißen. Er war stark, stärker als er gewesen war. Aber das galt auch für sie. Außerdem war er allein, und sie war es nicht. Ihre Brüder standen zwischen ihnen und hielten ihn auf Abstand, so daß sie sich ganz darauf konzentrieren konnte, seinen Willen zu brechen. Für einige wertvolle Sekunden schaffte sie es, ihn fast bewegungslos zu halten, eingeschlossen von seinen eigenen Schatten. Dann spannte sich sein Körper an, und mit einer unglaublichen Kraftanstrengung und einem tierhaften Brüllen brach er aus der Umklammerung. Die Kraft seines Ausbruchs schleuderte ihn einige Meter durch die Kammer, und die Schatten, die er gerufen hatte, verblaßten.

William sah Morpheus wie von einem mächtigen Schlag getroffen durch die Luft fliegen und in einiger Entfernung schwer auf dem Boden aufschlagen. Das war die Chance, auf die er gewartet hatte. Mit einem Satz war er neben seinem gefallenen Gegner. Der Ventrue hob seine Klinge direkt über Morpheus' Bauch, dann stieß er zu.

Im nächsten Moment war Madeleine an seiner Seite. Sie ließ sich neben ihm auf ein Knie fallen, und fast gleichzeitig mit seinem Schwert fand ihres sein Ziel, in der Brust des Spaniers, direkt über dem Brustbein. Und dann packte sie den Schwertgriff mit beiden Händen und begann, die Klinge nach unten durchzuziehen. Zuerst setzte sein Körper ihr Widerstand entgegen, aber sie biß die Zähne zusammen und lenkte die Kraft ihres Blutes in ihre Hände, und plötzlich schnitt das Wakizashi durch ihn hindurch wie durch Butter.

In Morpheus' Brust öffnete sich ein Riß, in dem es schwarz waberte. William sah sofort, daß dies keine gewöhnliche Wunde war. Der Riß und das dunkle Wallen dahinter hatte eher Ähnlichkeit mit dem Tor, das er mit seinem Schwert geöffnet hatte, um hierherzukommen. Im selben Moment, in dem ihm das klar wurde, stieß Morpheus einen grauenhaften Schrei aus, und an den Rändern der Wunde begann sich sein Körper in rasendem Tempo aufzulösen. Er schien in sich selbst zusammenzufallen und durch das Loch hindurchzustürzen. William erkannte die Gefahr sofort. Mit einer Hand packte er sein Schwert, das immer noch in Morpheus' Bauch steckte, und riß es heraus. Mit der anderen griff er nach Madeleine, dann sprang er zurück, ehe sie ebenfalls durch das Loch gezogen wurde.

Madeleine spürte, wie das Wakizashi sich ihrem Griff entwand. Sie versuchte, es zu halten, als William sie nach hinten in Sicherheit zog, aber es glitt durch ihre Finger. Das letzte, was sie spürte, ehe Morpheus und das Schwert vor ihren Augen verschwanden, war der Triumph und die Genugtuung, mit denen Hai Akuras Zepter einen neuen Sklaven begrüßte.

William rappelte sich auf und half Madeleine auf die Beine. "Alles in Ordnung?" fragte Toranaga.

Der Ventrue nickte. "Der Fluch ist gebrochen", sagte er. "Dieses widerliche Gefühl, das ich die ganze Zeit hatte, ist weg. Und ich denke, Morpheus sind wir auch los."

"Davon können wir ausgehen", meinte Madeleine. "Nach dem, was ich mitbekommen habe, als er verschwand, würde ich sagen, General Morpheus ist degradiert worden. Vom Springer zum Bauern, was für ein Abstieg." Sie klang sehr zufrieden.

Toranaga neigte lauschend den Kopf. "Draußen tut sich etwas", warnte er. "Irgendjemand kommt die Treppe hoch. Wir sollten verschwinden."

"Aber gerne", sagte William. "Wir sind hier fertig, und außerdem habe ich Hunger. Es wäre aber vielleicht nicht so klug, direkt in unser Haus zu wollen. Wer weiß, wie es darauf reagiert. Was haltet ihr von der Gasse daneben, zehn Minuten nachdem wir verschwunden sind?" Als keine Einwände kamen, schwang er das Schwert und öffnete einen Riß.

 

Niemand beobachtete die drei, als sie in der Gasse neben dem Haus scheinbar aus der leeren Luft traten. Ein kaum wahrnehmbarer Spalt schimmerte in der Luft hinter ihnen und begann sich langsam zu schließen. Das Schwert in Williams Hand schien sich selbständig machen zu wollen und bewegte sich auf den Spalt zu. Der Ventrue überlegte kurz, ob er versuchen sollte, es festzuhalten, entschied dann aber, daß das unklug gewesen wäre. Die Klinge hatte ihren Zweck erfüllt, es war Zeit, sie zurückzugeben. "Danke", sagte er, und ließ los.

Mog musterte sie etwas erstaunt, als sie an der Vordertür erschienen. Er hatte die drei offenbar irgendwo im Haus vermutet. Ganz abgesehen von ihrem für hiesige Verhältnisse reichlich merkwürdigen Aufzug. Allerdings wäre Mog nicht Mog gewesen, wenn er sich seine Überraschung wirklich hätte anmerken lassen. "Die Herrschaften", begrüßte er sie mit einer Verneigung. "Ich wollte gerade nach Euch suchen. Die drei Damen sind... gegangen."

William hob eine Augenbraue. "Bedauerlich", stellte er fest. "Ich hätte mich gerne noch einmal mit ihnen unterhalten." Er sah sich um. "Weißt du, wo ich James finde?"

Mog schien etwas kleiner zu werden. "Nein, Sir. Tut mir leid." Das allein war ungewöhnlich, Mog war normalerweise recht gut darüber informiert, wer sich wo aufhielt.

William fuhr zusammen, als plötzlich eine Gestalt im Türrahmen erschien. Die Luft flimmerte kurz, dann stand James vor ihm. "Ihr habt gerufen, Sir?" fragte er ruhig. William wich unwillkürlich ein wenig zurück. Das silbrige Schimmern in James' Aura war stärker als je zuvor, gleichzeitig war ihm klar, daß der Söldner sich niemals gegen ihn wenden würde.

"Ich wollte nur wissen, wo du steckst", sagte er, als er sich wieder etwas gefaßt hatte. "Ich denke, wir sollten uns unterhalten."

Für einen winzigen Moment huschte etwas wie Bedauern über James' Gesicht, dann wurde es wieder ausdruckslos. "Ich fürchte, das wird nichts ändern. Ich muß gehen, aber das bedeutet nicht, daß ich Euch verlasse. Ihr habt mir mit Eurem Blut Unsterblichkeit gegeben, dafür bin ich Euch dankbar. Für das ewige Leben habe ich Euch ewige Treue geschworen, und diesen Schwur werde ich halten. Wo ihr auch seid, ich werde mit einem Auge über Euch wachen, so wie ich mit dem anderen über viele wachen werde. Wenn Ihr mich braucht, ruft meinen Namen." Er lächelte kurz. "Wenn Ihr nur Informationen benötigt, sagt ihn leise." Er seufzte. "Und nun... muß ich gehen." Er nickte William noch einmal zu, dann glitt ein silbriges Licht über ihn und er verschwand vor ihren Augen.

Madeleine sah fassungslos zu William. James' plötzliches Verschwinden schockierte sie ebenso wie ihn. Sie spürte, wie nahe ihm der Verlust ging. James war für ihn nicht nur ein Ghoul gewesen, irgendein Bediensteter, der sich leicht ersetzen ließ. Er war ein Vertrauter gewesen, ein Freund. Und jetzt war er fort. Madeleine dachte daran, wie sie sich fühlen würde, sollte sie Francesca auf eine solche Art verlieren. Plötzlich durchfuhr es sie siedendheiß. Francesca. Wenn es jemanden gab, der unter James' Verschwinden mehr litt als sein Herr, dann sie.

"Geht alleine essen, ich komme später nach", sagte sie. "Ich muß erst aus dieser Rüstung heraus." Und ich muß mich dringend um Francesca kümmern, fügte sie lautlos hinzu. William nickte nur, und Madeleine eilte die Treppe hinauf.

 

Vor ihrem Zimmer begegnete ihr William von Baskerville, der einen verwirrten Eindruck machte. "Du wirst es schon gehört haben", sagte er. "Die Hexen sind verschwunden. James kam herein und sagte, sie müßten gehen, es wäre zu gefährlich geworden. Dann haben sich alle vier vor meinen Augen aufgelöst." Er schüttelte den Kopf.

"Wir haben James noch kurz gesehen", antwortete sie. "Ich fürchte, wir haben ihn verloren." Sie seufzte. "Weißt du, wo ich Francesca finde?" fragte sie leise. Er deutete stumm mit den Augen auf ihre Zimmertür. "Danke." Madeleine nickte ihm zu und betrat ihr Zimmer.

Francesca erwartete sie bereits. "Guten Morgen, Herrin. Soll ich Euch mit dieser Rüstung helfen?"

Madeleine erkannte, daß Francesca krampfhaft bemüht war, sich zusammenzureißen. Außerdem hatte ihr Ghoul offensichtlich das Bedürfnis nach Beschäftigung. Madeleine ließ sich aus der Rüstung befreien und in das Kleid helfen, das Francesca bereitgelegt hatte. Dann ließ sie sich auf einem Sessel nieder, während Francesca begann, ihre Haare zu bürsten. Anfangs hatte Francesca noch versucht, mit ihr zu plaudern, wie sie es gewöhnlich tat, aber allmählich begann ihre Fassung zu bröckeln und sie wurde immer stiller. Schließlich rutschte ihr die Bürste aus der Hand und fiel zu Boden.

"Entschuldigung", murmelte sie und bückte sich, um sie aufzuheben. Madeleine legte eine Hand auf ihren Arm und sah sie an. Die Lasombra wußte nicht, was sie sagen sollte, aber in ihrem Blick lag Mitgefühl und der Wunsch, zu helfen. Das reichte, um Francescas Beherrschung endgültig zunichte zu machen. Mit einem erstickten Schluchzen sank sie in Madeleines Arme und ließ ihrer Verzweiflung freien Lauf.

Madeleine hielt sie schweigend fest und strich ihr tröstend übers Haar, bis ihr Ghoul nach zwei langen Stunden von Erschöpfung überwältigt einschlief. Obwohl sie wußte, daß James keine Schuld traf und er sich sein Schicksal nicht ausgesucht hatte, war sie wütend auf ihn. Sie hatte Francesca gern, und sie hatte sich ehrlich gefreut, als die beiden sich nähergekommen waren. Und jetzt, ein paar viel zu kurze Tage später, war alles wieder vorbei, und Madeleine konnte ihr nicht einmal wirklich helfen. Seufzend hob sie Francesca hoch, trug sie zum Bett und zog die Decke über sie. Dann verließ sie auf Zehenspitzen das Zimmer, um noch ihren Hunger zu stillen, ehe sie sich ebenfalls zur Ruhe begab.

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