Kapitel 22
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Baron Alexis Dimitros war offenbar ein echter Frühaufsteher. Als Madeleine erwacht war, hatte Francesca ihr mitgeteilt, daß Alexis bereits seit einiger Zeit auf den Beinen war. Madeleine schlüpfte rasch in ihre Kleider (Leder, heute Nacht - nicht wirklich stilecht, aber praktisch, für das, was anstand), und ging ihren Nachfolger besuchen.

Wie erwartet, fand sie ihn in seinem Zimmer. "Guten Abend", begrüßte sie ihn. "Wie fühlst du dich?"

Er lächelte. "Etwas hungrig, aber ansonsten gut."

"Gegen den Hunger läßt sich etwas unternehmen", meinte sie und bot ihm ihren Arm an. Sie hatte lange darüber nachgedacht, und war zu dem Schluß gekommen, daß kein Weg um einen Blutpakt herumführte. Und sei es nur aus dem Grund, damit es kein anderer tat. Die Sicherheit des Hauses hatte absoluten Vorrang. Sowohl Irians als auch Williams Nachfolger waren durch das Blut ihrer Erzeuger gebunden, und Madeleine beabsichtigte nicht, Alexis als mögliche Schwachstelle zu belassen.

Er trank mit Genuß, aber zurückhaltend. Nach zwei, drei Schlucken ließ er ihren Arm los und schloß die Bißwunde. Madeleine schob ihren Ärmel wieder über den Arm. Noch eine Nacht, und der Pakt würde vollendet sein. "Komm mit", sagte sie. "Ich zeige dir unser Speisezimmer."

 

Madeleine hatte Alexis im Blauen Salon zurückgelassen. Wie üblich war Erk bereits im Kreise einiger Damen dabeigewesen, seine Geschichten zum Besten zu geben, und hatte den jungen Lasombra sofort mit Beschlag belegt. Sowohl der Brujah als auch Markus, den sie letzte Nacht noch mit Alexis bekannt gemacht hatte, schienen sich ausgezeichnet mit ihm zu verstehen, was Madeleine nicht unwesentlich beruhigte. Elena wiederum war natürlich überhaupt nicht von ihm angetan, aber das war zu erwarten gewesen und störte auch nicht weiter.

Die Lasombra kehrte in ihr Zimmer zurück, wo auf einem Gestell immer noch die japanische Rüstung hing. Ihr Gefühl sagte ihr, daß Toranaga seine Meditation beendet hatte und wieder ansprechbar war. Damit ließ sich das Notwendige nicht weiter hinauszögern. Madeleine holte tief Luft, nahm die Rüstung über den Arm und begab sich zum Zimmer ihres Bruders.

Er wußte natürlich, wer draußen stand. Eigentlich hätte sie gar nicht klopfen müssen. Sie tat es trotzdem, und trat nach seiner Aufforderung ein. "Du hast mir diese Rüstung geliehen, als es nötig war", sagte sie nachdem sie ihn begrüßt hatte. "Jetzt brauche ich sie nicht mehr, deswegen wollte ich sie dir zurückgeben." Sie packte das Bündel auf einen Tisch.

Er sah sie an, ausdruckslos wie gewöhnlich. "Kann ich sonst noch etwas für dich tun?" erkundigte er sich, als sie keine Anstalten machte, das Zimmer sofort wieder zu verlassen.

"Ja. Ich muß mit dir reden."

"Dann setz dich doch."

Sie tat es. "William hat mir einige Dinge erklärt", begann sie. "Dinge, die das, was geschehen ist, in ein etwas anderes Licht rücken." Die nächsten Worte fielen ihr unendlich schwer, aber es mußte sein. "Ich fürchte, ich schulde dir eine Entschuldigung. Du hast so gehandelt, wie du es getan hast, um uns zu helfen. Ich habe dich einen Verräter genannt, das war unangemessen. Ich habe dich beleidigt, und dafür entschuldige ich mich."

Er betrachtete sie einen Moment, dann nickte er. "Entschuldigung akzeptiert", sagte er nur. Damit war die Sache für ihn erledigt.

Madeleine fühlte sich plötzlich sehr erleichtert. "Danke, Bruder."

Er lächelte. "Hast du schon gefrühstückt, Schwester?"

Sie nickte. "Ja, ich komme gerade von unten."

"Du hättest mir Bescheid sagen können", brummte er und stand auf.

"Das tue ich hiermit, wenn auch in einer anderen Angelegenheit." Als er sie fragend ansah, fuhr sie fort: "Ich muß... da fällt mir ein, du kennst ihn ja noch gar nicht. Meinen Nachfolger, meine ich, Baron Alexis Dimitros. Ich habe ihm letzte Nacht den Kuß gegeben, da warst du nicht wirklich ansprechbar. Wie auch immer, ich muß ihn heute noch zum Palast bringen und den Prinzen vorstellen. Oder vielmehr dem Prinzen, ich glaube nicht, daß Michael wirklich noch handlungsfähig ist. Auf den Straßen ist es ziemlich gefährlich, und solange er nicht anerkannt ist, ist Alexis Freiwild. Ich wollte dich und William bitten, mich zu begleiten. Wenn unterwegs wirklich etwas passieren sollte, kann ich möglicherweise nicht alleine auf ihn aufpassen."

"Kein Problem", meinte er lakonisch. "Ruf mich, wenn ihr losgeht." Dann ging er frühstücken.

 

Nach einem Besuch bei Sir William, der etwas länger ausgefallen war, als sie ursprünglich beabsichtigt hatte, kehrte die Lasombra zu ihrem Zimmer zurück, um ihre Rüstung anzulegen. Das Kettenhemd; der Schutz ihrer Schatten war zwar wirkungsvoller, würde aber auf den Straßen deutlich mehr Aufsehen erregen, als ihr lieb war. Eine Panik war das letzte, was sie gebrauchen konnten, wenn sie Alexis zum Palast schafften. Als sie die Tür öffnete, blieb sie einen Moment überrascht stehen, dann schmunzelte sie. Auf dem Gestell in der Ecke hing die japanische Lederrüstung, komplett mit Schwertern. Madeleine lächelte still in sich hinein, und das Kettenhemd blieb, wo es war.

 

Alexis war etwas überrascht gewesen, als die Geschwister nicht mit einer Kutsche oder Pferden zum Palast aufbrechen wollten. Sein Erstaunen wuchs, als die drei, kaum, daß sie die Villa verlassen hatten, kommentarlos in eine Seitengasse abbogen und mit ein, zwei geschmeidigen Sprüngen auf dem nächsten Hausdach landeten, als wäre es die normalste Sache der Welt. Madeleine beschloß, den Weg zum Palast als eine weitere Lektion seiner Ausbildung zu betrachten. Sie überließ es ihren Brüdern, die Umgebung im Auge zu behalten, und begann mit leiser Stimme, Alexis einige wichtige Dinge zu erklären.

 

Der Vorhof des Palastes lag still und verlassen, aber das war auch nicht anders zu erwarten gewesen. Immerhin hatte die Atmosphäre, wie William erleichtert feststellte, nicht diesen Beigeschmack von Tod und Vergessen, die hier vor nicht allzu langer Zeit bei einer ähnlichen Gelegenheit geherrscht hatte. Der Palast war der Palast und kein Mausoleum.

Toranaga blieb draußen zurück, um die Umgebung im Blick zu behalten. Daß alles ruhig schien, war unter den gegebenen Umständen eher ein Anlaß zur Sorge als zur Beruhigung. Es konnte nicht schaden, die Augen offenzuhalten. Madeleine, William und Alexis betraten den Palast.

Die säulengeschmückte Eingangshalle war ebenso leer wie der Hof. Auch in der Haupthalle war auf den ersten Blick niemand zu sehen. Auf den zweiten Blick jedoch erkannten die drei eine Bewegung in einer Ecke. Ein kleiner Junge war dabei, den Boden zu fegen. Ich glaube, das ist Michael, meinte William, der sich nur zu gut daran erinnerte, daß der Toreador gelegentlich in derartiger Tarnung unterwegs war.

Madeleine musterte den Jungen und schüttelte den Kopf. Ein Sterblicher, bestenfalls ein Ghoul, erklärte sie. Auf keinen Fall ein Verwandter. Abgesehen davon, daß Michael vermutlich ohnehin nicht mehr handlungsfähig ist. William war nicht überzeugt, das spürte sie. Er war nach wie vor der Meinung, Michael vor sich zu haben.

Als die drei Kainiten näherkamen, stellte der Junge den Besen ab und eilte ihnen entgegen. Komm jetzt nur nicht auf die Idee, niederzuknien oder so etwas, warnte Madeleine den Ventrue. Das fehlte noch, daß er sich vor einem Sterblichen lächerlich machte.

Keine Sorge, antwortete er. Wenn Michael in Verkleidung ist, will er seiner Tarnung entsprechend behandelt werden, das weiß ich. Das war es zwar nicht, was sie gemeint hatte, aber Hauptsache, er blieb stehen. Aus welchem Grund auch immer.

Mit einer tiefen Verbeugung blieb der Junge in respektvoller Entfernung stehen. "Guten Abend, die Herrschaften. Ich fürchte, Ihr seid etwas zu spät dran, die anderen sind schon weg."

"Die anderen?" fragte Madeleine verblüfft. "Welche anderen?"

"Die Ritter, die mit den weißen Wappenröcken und den roten Kreuzen", antwortete der Kleine arglos.

Templer, stellte William fest. Was die hier wohl wollten?

Gute Frage, antwortete Madeleine und sah sich in den Gedanken des Jungen um. In seinen Geist hineinzukommen war einfach, sie konnte in ihm lesen wie in einem Buch. Leider bestand das Buch aus ziemlich vielen leeren Seiten. Er denkt zwar an die Templer, teilte sie William mit, aber warum sie hier waren, weiß er auch nicht. Laut sagte sie: "Wir suchen eigentlich nicht die Ritter, sondern einen der Prinzen."

"Oh", machte der Junge. "Dann seid Ihr die Dame, die Prinz Gregorius erwartet hat."

Madeleine mußte feststellen, daß sie diese Aussage nicht wirklich überraschte. Was den Malkavianer betraf, glaubte sie nicht, daß es noch viel gab, was sie überraschen konnte. "Möglicherweise", sagte sie ungerührt. "Wo finden wir den Prinzen?"

"Der ist auch nicht mehr hier. Aber ich soll Euch etwas ausrichten."

"Ich kann mir zwar nicht vorstellen, woher der Prinz wußte, daß ich heute Abend herkommen würde, aber wenn du eine Botschaft für mich hast, laß hören."

Der Kleine schien etwas unangenehm berührt. "Woher er das wußte, kann ich Euch auch nicht sagen", gab er zu. Es schien ihm wirklich peinlich zu sein. "Er sagte nur, wenn eine Dame nach ihm fragt, soll ich ihr, und nur ihr, sagen, wo er sich aufhält."

Madeleine war nun doch etwas neugierig geworden. Zu neugierig, um zu warten, bis der Junge endlich zum Punkt kam. Und da er gerade an das Gespräch mit dem Prinzen dachte, war es auch kein Problem für sie, es sich anzusehen. "Wenn eine Dame nach mir fragt, sag ihr, sie kann mich im schwarzen Turm finden." Das waren seine Worte gewesen.

Madeleine nickte zufrieden. "In Ordnung, wir werden ihn dort aufsuchen", sagte sie.

Der Junge, der noch mit keinem Ton erwähnt hatte, wo Gregorius denn nun zu finden sei, wurde kreidebleich. "Sehr wohl, Madame", stammelte er. "Wenn Ihr gestattet, ich sollte mich wieder um meine Arbeit kümmern." Als sie gnädig nickte, griff er nach seinem Besen und floh förmlich in seine Ecke zurück.

Madeleine nickte ihren Begleitern zu und die drei wandten sich zum Gehen. "Wohin?" fragte Alexis leise.

"Zum Hafen", antwortete sie. "Gregorius ist im Leuchtturm."

"Dieser verdammte Turm", knurrte William. "Anscheinend werden wir ihn nicht los. Ich frage mich, was Gregorius dort will."

Madeleine hob die Schultern und sagte nichts. "Was hat es denn..." begann Alexis, wurde aber sofort von William unterbrochen.

"Nicht hier." Alexis nickte verstehend und schwieg. Als sie sich dem Ausgang näherten, stutzte der Ventrue plötzlich. Siehst du die Ratte da drüben? fragte er. In der Tat saß neben einer Säule eine recht groß geratene Ratte, die eifrig damit beschäftigt war, sich zu putzen und dabei leise vor sich hinfiepte. Das wäre in einem anderen Teil der Stadt oder auch den Palastes nichts allzu ungewöhnliches gewesen, aber normalerweise pflegten Tiere, selbst Ratten und ähnliches Ungeziefer, Gegenden zu meiden, die häufig von Kainiten aufgesucht wurden. Es sei denn... William konzentrierte sich. Irian hatte ihm vor längerer Zeit beigebracht, wie man sich mit Tieren unterhalten konnte. Die Sache hatte zwar den Nachteil, daß er sich währenddessen nicht auf gewöhnlichem Weg mit Menschen verständigen konnte, aber das war ja kein Hindernis. Seine Gedanken erreichten Madeleine und ließen sie mithören, was die Ratte vor sich hinplapperte.

"Herrje, da ist auch noch Dreck, das ist ja widerlich... und das da muß auch weg. Wenigstens ist diese Schramme verheilt, aber das juckt erbärmlich... hoppla, die sind aber groß!" Die Ratte richtete sich ein wenig auf und schnupperte neugierig in Richtung der drei. "He, die sehen ja irgendwie so aus wie mein Herr, das ist ja komisch." Sie bewegte die Ohren. "Vielleicht sind die ja auch so lieb zu mir?" Sichtlich zwischen Neugier und Vorsicht hin- und hergerissen, huschte das Tierchen näher und blieb vor den Kainiten auf den Hinterpfoten sitzen. William und Madeleine beugten sich gleichzeitig herunter und streckten die Hand aus. Erschrocken machte die Ratte einen Satz nach hinten. "Gleich zwei auf einmal, Hilfe!" Dann hielt sie inne. "Verstehen die mich etwa?" Sie sah zu den beiden hoch. "Hallo? Versteht ihr mich?"

"Du brauchst keine Angst zu haben, wir tun dir nichts", erklärte William. Das trug ihm einen merkwürdigen Blick von Alexis ein, der offenbar nicht verstand, wieso der Ventrue eine Ratte anpfiff. Allerdings war er klug genug, nichts zu sagen.

Die Ratte beäugte ihn mißtrauisch. "Wirklich nicht?" Langsam kam sie wieder näher und schnupperte an Madeleines ausgetreckter Hand. "Hm, das riecht ja merkwürdig... ob ich da mal reinbeiße?"

William konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Das solltest du bleiben lassen", empfahl er. "Wer ist denn dein Herr?"

"Keine Ahnung, so ein Großer wie ihr halt. Ich warte hier auf ihn." Das Tier wandte sich von Madeleines Hand ab und schnupperte an seinem Handschuh. Plötzlich biß sie kräftig hinein, was der Ventrue natürlich nicht einmal wirklich spürte. "Bäh, das schmeckt ja ekelhaft", stellte sie fest.

"Ich sagte doch, das ist keine gute Idee", bemerkte William. Vorsichtig griff er nach der Ratte und hob sie hoch. Das schien ihr nicht wirklich zu behagen; sie saß auf seiner flachen Hand und zitterte wie Espenlaub.

Während William beruhigend auf die Ratte einredete, strich Madeleine behutsam mit den Fingerspitzen über ihr Fell. Dabei konzentrierte sie sich auf den mysteriösen "Herrn", von dem die Ratte geredet hatte. Ratten waren gewöhnlich ein Hinweis auf Nosferatu, aber es war durchaus interessant, um welchen Nosferatu es sich in diesem Fall handelte. Sein Name ist Malachit, teilte sie William gleich darauf mit. Er ist der Primogen der Nosferatu in Konstantinopel und Prinz Michael absolut treu ergeben. Sie sandte dem Ventrue das Bild, das sie gesehen hatte. Sieht aus wie ein Monster aus einem Alptraum, hat aber mehr von einem Ritter an sich als viele, die diesen Titel tragen. Ich würde sagen, er ist im Moment nicht unmittelbar gefährlich für uns.

William setzte die Ratte vorsichtig wieder zu Boden. Wir sollten hier verschwinden, meinte er zu Madeleine. Als diese nickte, sah er noch einmal auf die Ratte herunter. "Viel Spaß noch."

Die Ratte stellte sich empört auf die Hinterbeine. "Spaß? Ich habe hier eine wichtige Aufgabe!" pfiff sie.

"Ach ja?" William beugte sich interessiert herab. "Welche denn?

"Äh... ach, gar keine." Ein letzter mißtrauischer Blick, dann huschte sie blitzschnell davon und verschwand in den Schatten.

"Interessant", murmelte William, jetzt wieder verständlich. Dann sah er seine Begleiter an. "Gehen wir."

 

Kurze Zeit später standen sie am Hafen. Da Alexis noch nicht über die Möglichkeiten verfügte, wie die Geschwister sie hatten, hatte William ihn kurzerhand getragen. Die Hafengegend lag verlassen, niemand war unterwegs. Alexis sah zum Leuchtturm hinüber und runzelte die Stirn. "Was ist denn mit dem Turm passiert?"

Madeleine sah sich das Gebäude an, konnte aber nichts ungewöhnliches daran entdecken. Die Eingangstür war aus den Angeln gerissen, das Mauerwerk war geschwärzt und dicht unter der Spitze klaffte ein Loch in der Wand. All das war aber nichts neues, der Turm hatte so ausgesehen, seit der Nacht, in der die dunkle Dreiheit besiegt worden war. "Was meinst du?" fragte sie deshalb.

"Nun, vorgestern war das hier noch ein völlig intakter Leuchtturm, mit weiß gekalkten Wänden."

"Die Wände sind schon seit einer Weile nicht mehr weiß", stellte Madeleine fest. "Offenbar hat hier jemand die ganze Sache getarnt. Wie auch immer, wir sollten hineingehen und es hinter uns bringen."

Sie machte ein paar Schritte auf den Eingang zu, dann stellte sie fest, daß die anderen ihr nicht folgten. Alexis war stehengeblieben und sah sich etwas verwirrt um. William stand neben ihm und beobachtete ihn. Madeleine? dachte er. Du solltest dir das mal ansehen, ich glaube, hier stimmt etwas nicht.

Madeleine vergewisserte sich, daß Toranaga noch auf einem Dach in der Nähe und wachsam war, dann zog sie sich mit den beiden anderen in eine Seitengasse zurück. "Ich werde mir deine Erinnerungen ansehen", erklärte sie Alexis. "Ich will sehen, was in dir vorging, als du gerade versucht hast, den Turm zu betreten. Es würde mir helfen, wenn du dich darauf konzentrierst."

Er nickte, und sie versenkte sich in seine Gedanken. Es war immer schwierig, andere Kainiten zu lesen, aber er gab sich wirklich Mühe, sie dabei zu unterstützen. Einige lange Minuten schien gar nichts zu geschehen, dann stieß Madeleine ein wütendes Fauchen aus und brach den Kontakt ab. "Jemand hat mit deinem Willen herumgespielt", erklärte sie ärgerlich. "Du bist so beeinflußt, daß du dich für den Turm nicht mehr interessierst. Das ist noch als Sterblicher mit dir gemacht worden, und so, wie es aussieht, warst du da nicht der einzige. Besagter Jemand war offenbar sehr daran interessiert, daß der Turm bei den Bewohnern der Stadt keine ungebührliche Neugier erregt." Sie runzelte die Stirn. "Da war noch etwas anderes, aber das konnte ich so nicht erkennen, das sitzt zu tief. Wenn du einverstanden bist, werde ich versuchen, den Bann zu brechen."

"Versuch es", sagte er nur. Madeleine warf einen Blick zu William, der fast unmerklich nickte und ein paar Meter entfernt Stellung bezog. Die Straße, in der sie sich befanden, war eine Sackgasse; wer immer sie stören wollte, mußte entweder an William oder an Toranaga vorbei. Madeleine sah Alexis in die Augen und begann, mit gedämpfter Stimme zu sprechen. William sah, wie sich sein Gesichtsausdruck rasch veränderte, er nur noch diese Stimme hörte, die ihn immer tiefer in ihren Bann zog. Nach einer Weile stellte sie Fragen, und der junge Lasombra antwortete, zögernd zuerst, dann rascher, als sie allmählich den Block um seine Erinnerungen durchbrach. William spürte, wie sehr sie sich dafür anstrengen mußte, auch wenn sie sich nach außen nichts anmerken ließ. Und was er zu hören bekam, war ziemlich beunruhigend. Wie Madeleine vermutet hatte, waren in Alexis tatsächlich zwei verschiedene Einflüsse am Werk. Seine Konditionierung in Bezug auf den Turm war nicht speziell auf ihn zugeschnitten, wie Madeleine schon vermutet hatte; es war einfach eine Sicherheitsmaßnahme, die sich auch einigermaßen leicht beseitigen ließ. Darunter allerdings förderte sie noch ganz andere Dinge zu Tage. Es stellte sich heraus, daß Madeleine nicht die erste Kainitin war, mit der Alexis Kontakt gehabt hatte. Vor längerer Zeit hatte schon einmal jemand versucht, ihn zu rekrutieren, allerdings nicht als Nachfolger, sondern lediglich als sterblichen Spion am kaiserlichen Hof. Und diese Person war Shabah gewesen. Sie war nicht besonders behutsam vorgegangen. Alexis hatte sich geweigert, in ihren Dienst zu treten, daraufhin hatte sie versucht, ihn einzuschüchtern, was beinahe dazu geführt hatte, daß er den Verstand verlor. Die Erinnerungen, die jetzt langsam wieder auftauchten, waren mehr als unangenehm. Shabahs Kontaktversuch hatte nicht nur fast seinen Geist zerstört, sondern ihn beinahe umgebracht. Er hatte die Sache knapp überlebt, woraufhin sie ihm die Erinnerung an den Vorfall genommen hatte. Derartige Dinge, das wußte Madeleine selbst, funktionierten allerdings meistens nicht perfekt. Jemand mit den entsprechenden Fähigkeiten, jemand, der wußte, wonach er suchte, konnte derart Verschüttetes meist wieder hervorholen. So, wie sie das jetzt tat. Anscheinend hatte Shabah nach diesem Fehlschlag weitere Versuche fürs erste aufgegeben, Alexis aber weiterhin unter Beobachtung gehalten, wie der Ghoul bewies, der in seinen Diensten gestanden hatte.

Madeleine brauchte fast eine halbe Stunde, um zu den so verborgenen Bereichen von Alexis' Erinnerungen vorzudringen, und noch einmal so lange, um die letzten Spuren von Shabahs Wirken vollständig zu beseitigen. Schließlich war sie jedoch der Meinung, alles beseitigt zu haben und sah ihn prüfend an. Er bemerkte ihren Blick, schüttelte leicht den Kopf und lächelte. "Ich muß mich trotz allem noch daran gewöhnen, daß derartige Dinge möglich sind", gestand er. "Andere nur das sehen zu lassen, was sie sehen sollen, oder ihre Erinnerungen manipulieren... das ist neu für mich."

"Es ist ganz normal, daß dich das noch verwirrt", beruhigte sie ihn. "Was ich gerade getan habe, wirst du eines Tages auch können. Hab Geduld." Sie nickte William zu. "Und jetzt laßt uns sehen, ob du diesen Turm betreten kannst."

Wie sich gleich darauf zeigte, konnte er es. Mit dem Bann waren auch die Schwierigkeiten verschwunden, den Turm zu betreten, anzusehen, oder auch nur darüber nachzudenken. Während die drei auf den Eingang zugingen, meldete sich Toranaga von oben. Ich bleibe hier, erklärte er seinen Geschwistern. Ich werde einfach dieses Gefühl nicht los, daß hier etwas nicht stimmt, und ich werde dafür sorgen, daß ihr keine Überraschung erlebt, wenn ihr wieder herauskommt.

Im Inneren des Turms hatte sich ebenfalls nichts verändert, jedenfalls nicht auf den ersten Blick. Die Atmosphäre jedoch, das bemerkte Madeleine sofort, war eine völlig andere geworden. Als sie das letzte Mal hiergewesen, war, zwei Nächte nach dem Kampf, hatte der Turm einen verlassenen Eindruck gemacht, als wäre er aufgegeben worden. Jetzt jedoch war hier irgendetwas spürbar, eine Präsenz, die sich nicht genauer definieren ließ, aber so unangenehm war, daß die Lasombra spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten. Und ab und zu schien ein sehr leises, irres Kichern an ihre Ohren zu dringen, ein Geräusch, das mit Fröhlichkeit nicht das geringste zu tun hatte. Als die drei nach oben kamen, zu der Kammer, in der der Dämon gehaust hatte, erkannten sie sofort die aufgebrochene Tür und den Raum dahinter. Ohne zu zögern, traten sie ein.

Der Raum war so leer, wie sie ihn von ihrem letzten Besuch in Erinnerung hatten. Das einzige, was geblieben war, war der hochlehnige Stuhl, auf dem damals der Engel gesessen hatte. Und auf diesem Stuhl saß jetzt Gregorius und sah ihnen ohne jede Überraschung entgegen.

"Guten Abend", sagte er höflich und kicherte leise. "Es zieht sie doch alle wieder an den Ort des Geschehens", sagte er beinahe versonnen. "Sie wollen alle verstehen, was geschehen ist oder geschehen wird."

Die drei waren vor dem Prinzen auf die Knie gesunken. Madeleine hob den Kopf und sah zu Gregorius hoch. "Verzeiht, Herr, aber wir sind nicht wegen dieses Ortes hier, oder deswegen, was hier geschehen ist."

Der Malkavianer sah sie betroffen an. "Nicht?!" rief er und preßte eine Hand an die Brust, als hätten ihn ihre Worte zutiefst verletzt.

"Nein, mein Prinz. Wir sind hier, um Euch meinen Nachfolger vorzustellen."

Gregorius kniff die Augen zusammen und musterte Alexis. "Ahja, ich erinnere mich an Euch. Shabahs Spielzeug. Erhebt Euch, Baron Alexis Dimitros."

Alexis tat, wie ihm geheißen, und trat einen Schritt vor. "Mein Prinz."

Gregorius betrachtete ihn. "Shabah hat also ihre Spuren nicht gut genug verwischt", stellte er fest und kicherte erneut. "Das wird ihr nicht gefallen, oh nein, überhaupt nicht."

Madeleine hob die Schultern. "Das ist gut möglich", antwortete sie trocken.

Mit einem Mal richtete sich der Malkavianer auf dem Stuhl auf und sah seine Besucher mit völlig klarem Blick an. Gleichzeitig breitete sich auf Alexis' Zügen ein leichtes Lächeln aus, und seine Augen blickten ins Nichts. "Es ist gut, daß Ihr hier seid", sagte Gregorius. "Dieser Ort ist... etwas besonderes. Ein Fokus der Macht. Genaueres weiß ich auch nicht, aber er ist wichtig. So wichtig, daß man auf jeden Fall verhindern muß, daß er der Gegenseite in die Hände fällt."

Madeleine und William wechselten einen bestürzten Blick. "Es ist also soweit", stellte der Ventrue fest.

Gregorius nickte nachdenklich. "Ihr habt gesehen, was in der Stadt los ist. Caius wird morgen Nacht zuschlagen, und zwar hier. Er wird versuchen, sich dieses Ortes zu bemächtigen, und ich werde auf ihn warten." Die Andeutung eines kalten Lächelns huschte über sein Gesicht. "Ihr beide seid herzlich eingeladen, mit mir zu warten", erklärte er in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. "Caius darf die Macht dieses Turms nicht für sich nutzen können, und wenn der einzige Weg, das zu verhindern, darin besteht, den Turm zu vernichten."

"Ich bin mir nicht sicher, ob das so einfach wäre", sagte William, und Madeleine fügte hinzu: "Dieser Turm existierte zum Beispiel auch in der Schattenwelt. Morpheus hatte sich dort niedergelassen."

"Morpheus..." Mit einem Mal grinste Gregorius, und sein Blick verschleierte sich wieder etwas. Gleichzeitig schüttelte Alexis sich, als würde er aus einem Traum aufwachen. Der Malkavianer kicherte. "Ja, Morpheus. Den habt ihr ja aus dem Weg geräumt. Und stärker seid ihr auch geworden." Er sprang plötzlich auf und stand am Fenster. "Dann muß ich euch ja dienen... oder doch nicht?" Mit einem leisen Lachen sprang er aus dem Fenster und war verschwunden.

Hast du irgendeine Idee, was er damit gemeint haben könnte? fragte Madeleine fassungslos.

Nicht die geringste, mußte er zugeben. "Laßt uns verschwinden. Durch die Tür", fügte er mit einem Blick auf Alexis hinzu.

 

Zurück in der Villa stand als erstes ein Kriegsrat an. Madeleine und Willam hatten beschlossen, Erk und Markus hinzuzuziehen, und Madeleine brachte außerdem noch William von Baskerville mit. Zu sechst saßen sie im Besprechungszimmer.

"Ich habe etwas herausgefunden", erklärte Markus. "Während ihr unterwegs wart, habe ich mich noch einmal bei den Kasernen umgesehen. Entweder bin ich an den Nosferatu vorbeigekommen, oder sie haben mich vorbeigelassen, das kann ich nicht sagen. Wie auch immer, ich konnte einen näheren Blick auf das werfen, was da drin vorgeht. Und es hat mir nicht gefallen." Er blickte ernst in die Runde. "In den Kasernen sind, die kaiserliche Garde nicht mitgezählt, etwa hundert Stadtwachen stationiert. Von diesen hundert sind in den letzten Nächten etwa zwanzig geopfert worden. Und das meine ich wörtlich. Man hat sie als Opfer dargebracht, damit die restlichen... verändert wurden. Ich kann es nicht genau beschreiben, sie sind bösartiger, gefährlicher geworden. Unmenschlicher."

"Das erinnert mich fatal an etwas, was wir vor kurzem schon einmal gesehen haben", murmelte Madeleine und sah den Ventrue an. "Erinnerst du dich an die Diener des Schattendämons?"

William fluchte. "Und ich dachte, wir hätten es nur mit Ghoulen zu tun." Er berichtete kurz, was er und die anderen heute Nacht erlebt hatten. "Wir müssen morgen in diesen Turm", schloß er. "Gregorius' Einladung klang nicht, als ob man sie ablehnen könnte."

"Wir brauchen eine Karte", erklärten Erk und Alexis gleichzeitig. Augenblicke später lag eine Karte des Hafens auf dem Tisch, und sechs Köpfe beugten sich eifrig darüber. Es dauerte nicht lang, bis ein Plan Gestalt anzunehmen begann - Markus sollte mit seinen Templern von Norden, Erk von Osten und Alexis von Westen vorstoßen, um ein Ablenkungsmanöver zu eranstalten, während William und Madeleine den Turm durch den zum Glück immer noch existenten Geheimgang betraten.

An diesem Punkt angekommen, verlief sich die Diskussion immer mehr in Details, die Madeleine nicht mehr besonders interessierten. Sie stand auf, und plötzlich wurde ihr bewußt, daß sie sich schon viel zu lange nicht mehr wirklich um Lord Baskerville gekümmert hatte. Und wer konnte schon wissen, ob sie nach der morgigen Nacht noch Gelegenheit dazu haben würde... nein. Daran wollte sie jetzt nicht denken. Sie lächelte und streckte ihm die Hand entgegen. "Mylord, ich glaube, wir werden hier nicht unbedingt benötigt."

Er erwiderte das Lächeln und kam mit ihr.

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