Kapitel 23
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"Es sieht nicht gut aus", erklärte Francesca. Madeleine hatte auch nichts anderes erwartet. Als sie kurz vor Sonnenaufgang gehört hatte, daß Caius' Hilfstruppen die Kasernen verlassen hatten und in die Stadt ausgeschwärmt waren, war bereits klar gewesen, daß der endgültige Schlag kurz bevorstand. Die Lasombra machte sich auf das Schlimmste gefaßt. "Es wurde eine allgemeine Ausgangssperre ausgerufen", fuhr ihr Ghoul fort. "Die Straßen sind völlig ausgestorben; jeder, der draußen angetroffen wird, wird verhaftet. Die Straßen werden von den veränderten Stadtwachen patrouilliert. Sie haben Unterstützung von normalen Menschen. Die Templer sind verschwunden. Sie wurden in ihr Ordenshaus zurückbefohlen, beziehungsweise von den Wachen abgeführt."

Jetzt war Madeleine doch überrascht. "Caius hat Templer verhaften lassen?" Francesca nickte. "Ich hätte nicht gedacht, daß er das wagen würde. Was ist mit Markus' Ghoulen?"

"Die sind im Haus, es sind insgesamt fünfzehn Mann. Die übrigen Wachen um das Haus herum sind verschwunden, es sind nur noch die Ghoule da."

Madeleine nickte nachdenklich. "Weißt du, wie es am Turm aussieht?"

"Nein. Da wir Anweisung hatten", Francesca lächelte leicht, "daß unsere eigene Sicherheit Vorrang hat, haben wir uns dort nicht umgesehen. Unser Haus wird beobachtet, wir sind praktisch sicher, daß jeder, der sich hinauswagt, angegriffen wird."

"Das bedeutet, daß wir keine Zeit zu verlieren haben", stellte Madeleine fest und legte mit Francescas Hilfe letzte Hand an ihre Rüstung. "Den Rest mache ich alleine", sagte sie dann. "Ich glaube nicht, daß du dir das ansehen willst." Francesca verstand und zog sich hastig zurück.

 

Gut eine halbe Stunde später klopfte Madeleine an Alexis' Tür. Die Schatten schienen gespürt zu haben, daß sie es heute Nacht eilig hatte, und waren ihrem Ruf schneller und eifriger gefolgt als sonst. Es hatte der Lasombra keinerlei Mühe bereitet, sie in die gewünschte Form zu bringen. Zum ersten Mal seit Morpheus' Fluch fühlte sie sich wieder sicher.

Alexis war bereits in Kettenhemd und Waffen. Als er ihre Kampfausrüstung sah, schluckte er kurz. "Ich sehe, ich muß noch viel lernen", bemerkte er. Auf einen Sterblichen hätte Madeleine vermutlich wie ein Wesen der Hölle gewirkt. Sie trug die japanische Rüstung, die Toranaga ihr geschenkt hatte, und die für sich genommen schon ungewöhnlich genug aussah. Das Leder wurde jedoch von einer hauchdünnen Schicht beunruhigend lebendig wirkender Schatten überzogen, die ständig in Bewegung waren und zäh wie Öl in schwarzen Schlieren darüberflossen. Madeleines eigener Schatten war kaum zu sehen, er schien auf eine nicht genauer zu beschreibende Art in die Rüstung verwoben zu sein. Vervollständigt wurde das Ganze von einem weiten schwarzen Umhang, der ebenfalls keinen Augenblick in Ruhe war, egal, ob Madeleine sich bewegte oder nicht. Alexis wirkte angemessen beeindruckt.

Madeleine lächelte leicht. "Auch das wirst du irgendwann lernen. Nicht gerade unauffällig, aber darauf kommt es heute Nacht auch nicht an. Dieser Schutz ist wirkungsvoller als jedes Kettenhemd, und ich fürchte, das werde ich auch nötig haben." Sie musterte ihn kurz und nickte dann. "Wir sollten uns noch einmal absprechen, ehe wir hinausgehen. Der Gegner kontrolliert die Straßen, es ist wichtig, daß euer Ablenkungsmanöver genau im richtigen Moment kommt."

"In zehn Minuten in der oberen Bibliothek", sagte er nur. "Die anderen wissen schon Bescheid."

"Ausgezeichnet", sagte sie zufrieden.

 

Die Bibliothek war überfüllt. Außer William, Madeleine, Irian und ihren jeweiligen Nachfolgern waren Erk, Mog und William von Baskerville anwesend. Madeleine hatte noch am meisten Platz, weil keiner der anderen besonderen Wert darauf legte, in direkten Kontakt mit ihrer Rüstung zu kommen. Niemand wußte, wo Toranaga abgeblieben war. William spürte ihn irgendwo im Hintergrund, aber er war im Haus nicht aufzufinden gewesen, und es kam auch kein klarer geistiger Kontakt zustande. Es war keine Zeit gewesen, nach ihm zu suchen, aber irgendwie war William sicher, daß sein Bruder in der Nähe war und über sie wachte. In Gefahr war er jedenfalls nicht, das war eindeutig.

Eine kurze Diskussion ergab, daß sie tatsächlich keinerlei Informationen darüber hatten, wie es in der direkten Umgebung des Turms aussah. Caius hatte seinen taktischen Vorteil perfekt ausgespielt und das Hafenviertel komplett abgeriegelt. Während die anderen noch darüber debattierten, ob man es riskieren konnte, den Turm trotzdem anzugreifen, rang Madeleine mit sich. Schließlich mußte sie jedoch einsehen, daß es keinen Sinn hatte. Blindlings loszustürmen hätte zu viele Opfer in den eigenen Reihen gefordert.

"Wir haben eine Möglichkeit, herauszufinden, was wir wissen müssen", sagte sie leise. Schlagartig verstummte die Diskussion, und fragende Gesichter wandten sich ihr zu. "Es ist gefährlich, sehr sogar", fuhr sie fort. "Aber es ist machbar. Ein körperloser Beobachter könnte sich am Turm umsehen, vorausgesetzt, Caius hat keine Geister, die das Gelände bewachen." Ein Blick in die Runde zeigte Madeleine, daß keiner der anderen sie verstanden hatte. Es widerstrebte ihr, das ganze Ausmaß ihrer Fähigkeiten preiszugeben. Eigentlich hatte sie speziell diese Sache als Trumpf zurückhalten wollen, aber dies war ein Notfall. "Unter bestimmten Umständen", sagte sie zögernd, "kann man den Geist vom Körper trennen. Seit wir stärker geworden sind, besitze ich diese Fähigkeit. Als Geist bin ich von normalen Beobachtern nicht wahrzunehmen. Ich kann nicht handeln, aber ich kann sehen und hören. Die Verbindung zu meinem Körper wird über eine Art... Faden aufrechterhalten. Falls Caius Geister im Einsatz hat, können sie mich angreifen. Und wenn es ihnen gelingt, den Faden zu durchtrennen, kann ich nicht in meinen Körper zurückkehren." Sie sah die anderen an. "Wie ich schon sagte, es ist ein Risiko, aber es ist unsere einzige Möglichkeit, uns einen Vorteil zu verschaffen. Caius geht davon aus, daß wir nicht wissen, was am Hafen los ist. Deswegen werde ich gehen."

Lord Baskerville räusperte sich. "Entschuldige, aber dir ist klar, daß du die Rückkehr in deinen Körper vermutlich nicht überleben würdest? Denke daran, wie dieses Haus geschützt ist."

"Dann muß ich das Haus vorher verlassen", gab sie zurück. Sie sah William an. "In diesem Fall brauche ich jemanden, der meinen Körper bewacht, während ich weg bin."

William nickte. "Erk, Markus. Wir machen einen Ausfall ins Haus gegenüber. Wir werden nicht viel Zeit haben, am Turm wird man bald erfahren, daß sich hier etwas tut. Aber vielleicht reicht es."

 

Minuten später lag Madeleine im Obergeschoß des Wohnhauses auf dem Boden. Erk, Markus und William standen mit gezogenen Waffen um sie herum. Drei Ghoule bewachten Fenster und Tür. Madeleine warf noch einen Blick zu William, der besorgt auf sie heruntersah und sich alle Mühe gab, sich nicht anmerken zu lassen, wie wenig ihm die ganze Sache gefiel. Sie lächelte ihn aufmunternd an, berührte zart seinen Geist wie mit einem Kuß, dann schloß sie die Augen.

Es war schwieriger, als sie gedacht hatte. Nur mit größter Anstrengung gelang es ihr, ihren Körper zu verlassen. Es war, als steckte sie in einem Sumpf fest und jemand versuchte, sie aus dem zähen Schlamm herauszuziehen. Mit einem unangenehmen Ruck kam sie schließlich frei und schwebte langsam durch die Wand ins Freie. Draußen über der Straße orientierte sie sich erst einmal. Alles sah anders aus als sie es gewohnt war, die Konturen waren unstet und waberten, nichts schien wirklich fest zu sein. Die einzige Konstante war ein dünner, silbrig schimmernder Faden, der von ihrem Geist-Körper ausging und hinter ihr im Haus verschwand.

"Guten Abend, Madeleine."

Madeleines Kopf ruckte nach oben. "James...!" Tatsächlich - schräg über ihr schwebte die geisterhafte Erscheinung von Williams ehemaligem Ghoul und lächelte. Madeleine wurde plötzlich bewußt, daß sie völlig nackt war. James hingegen schien das gar nicht zu bemerken. "Es ist gut, dich zu sehen", sagte sie.

"Ich habe meinem Herrn versprochen, ihn zu beschützen." Er deutete mit dem Kopf auf das Haus. Sie sah, daß auch von ihm ein silbriger Strang ausging, etwas dicker als ihr eigener, der irgendwo über ihm verschwand.

"Ich nehme an", fragte sie, "daß du dich nicht am Hafen umgesehen hast?"

"Nein. Ich bleibe in seiner Nähe."

Madeleine nickte. "Dann werde ich selbst dort hinmüssen. Ich habe nicht viel Zeit. Weißt du, ob Geister unterwegs sind?"

Er schüttelte den Kopf. "Nicht mehr als sonst. Es sollte kein Problem sein."

"Danke", erwiderte sie, hob grüßend die Hand und konzentrierte sich auf die Hafengegend.

Im nächsten Moment schwebte sie über einem der Dächer in sicherer Entfernung vom Turm. Caius hatte in der Tat ganze Arbeit geleistet, das war auf den ersten Blick zu sehen. In den Straßen waren Patrouillen unterwegs, hauptsächlich normale Menschen, aber ein oder zwei der veränderten Wachen waren bei jeder dabei. Der Turm selbst war umstellt von Soldaten in der roten Uniform der kaiserlichen Palastwache. Die hat er also auch in der Hand, dachte Madeleine. Die Palastgarde bestand ohnehin aus Elitekämpfern, und unter Caius' Einfluß waren sie erst recht tödlich. Zum ersten Mal sah Madeleine mit eigenen Augen, was genau der Ventrue mit seinen Soldaten angestellt hatte. Ihre Körper waren verändert, einige von ihnen hatten zusätzliche Arme, Tentakel und ähnliche Dinge. Die ganze Sache, fand Madeleine, trug eher die Handschrift eines Tzimisce als eines Ventrue. Als sie näher hinsah, erkannte sie, daß die zusätzlichen Körperteile mit normalen Sinnen überhaupt nicht wahrzunehmen waren. Ein teuflischer Plan. Die Soldaten sahen aus wie normale Menschen, kein Gegner würde merken, wie überlegen sie in Wirklichkeit waren - bis es zu spät war. Madeleine prägte sich die Aufstellung der Wachen ein, um den anderen nach ihrer Rückkehr eine möglichst genaue Beschreibung geben zu können. Sie überlegte gerade, ob sie es riskieren sollte, näher an den Turm heranzugehen, als eine Bewegung ihre Aufmerksamkeit erregte. Knapp unter der Turmspitze klaffte immer noch das Loch, das Travion in die Mauer gebrochen hatte. Und durch dieses Loch schwebte eine Gestalt. Caius. Ein Gedanke brachte Madeleine in die Deckung eines Mauervorsprungs. Der Ventrue hatte sie offensichtlich nicht bemerkt. Im Gegensatz zu ihr trug er Kleidung, und an seiner Seite hing ein Schwert. Madeleine verhielt sich völlig ruhig und beobachtete, wie er auf den Kommandanten der Palastgardisten zuflog und diesem irgendwelche Befehle zu erteilen schien. Kurz darauf verschwand er wieder. Die Lasombra war überaus neugierig, was der abtrünnige Prinz seinem Hauptmann zu erzählen hatte. Sie betrachtete den Mann, mußte aber feststellen, daß er für einen Sterblichen geradezu unnatürlich stark war. Sein Geist war geschützt, sie konnte seine Gedanken nicht erkennen. Madeleine entschied, daß sie genug riskiert hatte. Erst jetzt wurde ihr bewußt, daß sie keinerlei Kontakt zu William hatte, seit sie ihren Körper verlassen hatte. Es war ein unangenehmes Gefühl, plötzlich wieder alleine zu sein, und sie verspürte wenig Lust, es länger als nötig auszudehnen. Die Lasombra konzentrierte sich und kehrte mit einem gezielten Gedanken in ihren Körper zurück.

 

William war klar, daß er seine Unruhe nicht vor Madeleine verbergen konnte. Was sie vorhatte, gefiel ihm nicht, so notwendig es auch sein mochte. Wo sie hinging, konnte er ihr nicht folgen, und wenn etwas schiefging, würde er ihr nicht helfen können. Er sah auf sie herab, als sie die Augen schloß und sich konzentrierte. Plötzlich verzerrte sich ihr Gesicht für einen Moment, als hätte sie Schmerzen. Und dann war er allein. Sie war fort, ihre Präsenz in seinem Geist verschwunden, als wäre sie nie da gewesen. William erschrak über die Leere, die sie in ihm hinterließ. Er hatte sich inzwischen so an ihre Gegenwart gewöhnt, daß er sich ohne sie unvollständig fühlte, so, als hätte jemand ein Stück seiner Seele geraubt. Ihr Körper lag vor ihm auf dem Boden, wachsbleich und reglos. Wo ihr Geist war, konnte er nur ahnen.

Es konnten höchstens ein paar Minuten vergangen sein, aber William kam es wie eine Ewigkeit vor. Ohne Vorwarnung war sie plötzlich wieder in ihm, und im nächsten Moment schlug sie die Augen auf. Erleichterung durchflutete ihn, als er spürte, daß ihr nichts passiert war. Er beugte sich herab und half ihr auf die Beine, während er ihr Wärme und das Gefühl einer zärtlichen Umarmung sandte. Madeleine lächelte. "Verschwinden wir", sagte sie. "Der Ausflug hat sich gelohnt, ich habe einiges zu erzählen."

In der Sicherheit der Villa angekommen, berichtete sie, was sie herausgefunden hatte. Sie skizzierte die Aufstellung der Wachen und warnte vor deren besonderen Fähigkeiten. Markus betrachtete ihre Zeichnung und knurrte: "Ein guter Taktiker. So, wie er seine Leute verteilt hat, kommt da nicht mal ein Unsichtbarer durch. Und die Armbrustschützen auf den Dächern verhindern Angriffe aus der Luft."

In diesem Moment krachte es an der Eingangstür. Irgendjemand hämmerte gegen das Holz, dann erklang eine bekannte Stimme: "Na los, macht schon auf!"

William eilte nach draußen und öffnete die Tür. "Prinz Gregorius, welch eine Überraschung."

Der Malkavianer wedelte ungeduldig mit der Hand. "Laß den Unsinn, dafür haben wir keine Zeit. Was ist, darf ich reinkommen?"

Es erstaunte William ein wenig, daß der Prinz offenbar keinen Zutritt zum Haus hatte. Außerdem schien sein Geist im Moment bemerkenswert klar zu sein. Ein Gedanke von Madeleine, die hinter ihm stand und die ganze Szene beobachtete, überzeugte ihn allerdings, daß es wirklich Gregorius war, der da draußen stand. "Natürlich, tretet ein", sagte er und machte einen Schritt beiseite. "Verzeiht meine Überraschung, aber ich hatte Euch im Turm vermutet", sagte er, nachdem er die Tür hinter dem Prinzen geschlossen hatte.

Gregorius schnaubte abfällig. "Der Turm ist ein Ablenkungsmanöver", erklärte er. "Fokus der Macht, von wegen. Caius, diese Ratte, hat uns gestern Nacht belauscht. Er will unsere Aufmerksamkeit an den Turm binden, damit er seinen wirklichen Plan ungestört durchziehen kann."

"Und der wäre?" erkundigte sich Madeleine.

"In dem Labyrinth unter dem Palast ist ein Ritual im Gange. Das ist die eigentliche Gefahr."

Die Lasombra hob eine Augenbraue. "William, erinnerst du dich an diese Trommeln, die wir da unten gehört haben?"

Der Ventrue nickte düster, und Gregorius fragte: "Ihr wißt davon? Wann habt ihr davon erfahren?"

"Vor ungefähr zwei Wochen", erklärte Madeleine.

Gregorius fluchte. "So lange geht das schon? Das ist schlecht, sehr schlecht. Ich werde sofort zum Turm zurückkehren und Caius dort beschäftigen. Ihr solltet euch mit euren Leuten auf dem schnellsten Weg zur Ritualkammer begeben." Er schaute sie ernst an. "Was ich von euch verlange, ist gefährlich, das ist mir klar. Aber wenn Caius nicht aufgehalten wird..." Er zuckte die Schultern und wandte sich zum Gehen. Plötzlich drehte er sich noch einmal um und sah Madeleine direkt in die Augen. "Bedenke, was du kannst", sagte er. "Caius' Ritual hat etwas mit Geistern zu tun, soviel weiß ich. Du solltest nicht direkt zum Ziel springen, aber deine Kräfte könnten da unten den Ausschlag geben." Mit dieser kryptischen Bemerkung verabschiedete er sich.

William sah Markus an. "Ruf deine Ghoule zusammen", sagte er nur. "Es geht los."

 

Die Kanalisation war noch genauso unerfreulich wie William sie in Erinnerung hatte. Zusammen mit Erk, Irian und Madeleine stieg er die eiserne Leiter hinunter. Markus und die Ghoule würden ihnen so schnell wie möglich folgen. Außer den Templern würden noch Vittorio, Lena und Antonio dabeisein. Nicht gerade eine unauffällige Truppe, aber es stand zu befürchten, daß in der kommenden Auseinandersetzung Schlagkraft wichtiger sein würde.

Die vier Vampire bewegten sich vorsichtig durch den dunklen Tunnel und bemühten sich, die stinkende Brühe zu ignorieren, die ihnen bei jedem Schritt um die Beine schwappte. Endlich erreichten sie die große Kammer, in der früher der Nosferatu gewohnt hatte, bevor er erfahren hatte, daß ein Ausgang aus der Geisterwelt direkt über seinem Schlafplatz mündete. Der Sarg stand noch auf der Insel in der Mitte; von den darauf ausgelegten Bärenfallen waren inzwischen zwei zugeschnappt, aber leer.

"Guten Abend", erklang eine knarrende Stimme aus den Schatten. Langsam schälten sich die Umrisse einer unförmigen Gestalt aus der Dunkelheit. "Es scheint Euch ja immer wieder an diesen Ort zurückzuziehen", sagte der Nosferatu spöttisch. "Da fragt man sich direkt, wieso."

Madeleine hob eine Augenbraue. "Umgekehrt scheint das aber genauso der Fall zu sein. Ich dachte, Ihr wärt umgezogen?"

Der Nosferatu hob die Schultern - oder den Teil seines Körpers, der bei einer normalen Anatomie die Schultern gewesen wären. "Dies ist immer noch ein Teil meiner Domäne", stellte er fest. "Und wenn ich das richtig sehe, wollt Ihr hier durch. Darüber läßt sich reden."

"Wir haben keine Zeit für lange Verhandlungen", knurrte Irian.

Der Nosferatu war unbeeindruckt. "Dann sollten wir uns schnell einigen. Bis Eure Kameraden hier sind, wird es ein paar Minuten dauern. In dieser Zeit können wir über den Preis reden."

"Was wollt Ihr?" fragte William.

Der Nosferatu legte den Kopf schief und musterte ihn aus Augen, die nicht nur unterschiedlich groß und verschieden geformt waren, sondern sich nicht einmal auf der selben Höhe in seinem Gesicht befanden. "Wissen", erklärte er. "Erzählt mir etwas über das, was Ihr in diesem Haus bewacht. Gebt mir einen Hinweis darauf, womit man es da zu tun hat. Und je nachdem, wie detailliert Eure Informationen ausfallen, wird auch meine Gegenleistung bemessen sein. Im Gegensatz zu Euch kenne ich das Labyrinth."

William und Madeleine wechselten einen Blick. Verdammt, was machen wir jetzt? dachte der Ventrue. Wir müssen hier durch, und wahrscheinlich brauchen wir dazu auch noch seine Hilfe.

Wir werden seinen Preis zahlen müssen, erwiderte sie. Erzähl ihm das gleiche, was ich Alexis erzählt habe. Ich hoffe, das reicht.

"In Ordnung", meinte William. "Ihr sollt Euren Hinweis haben. Ihr erinnert Euch sicherlich an das, was kürzlich hier in der Stadt los war. An die Aufstände und den Krieg in den Straßen. Da Ihr seid, was Ihr seid, nehme ich auch an, daß Ihr über die Hintergründe etwas besser Bescheid wißt als die meisten." Er sah seinem Gegenüber in die Augen. "Sollte das, was in diesem Haus gefangen ist, freikommen", sagte er leise, "dann wird all das harmlos gewesen sein gegen das, was dann geschieht. Es wird das Ende von Konstantinopel bedeuten, und wahrscheinlich nicht nur von Konstantinopel."

Der Nosferatu schwieg einen Moment. Von weit hinten aus dem Gang kamen Geräusche; Markus war mit den Ghoulen im Anmarsch. "Interessant, aber nicht wirklich hilfreich, fürchte ich", sagte er schließlich.

"Mehr können wir Euch nicht sagen", erklärte Madeleine. "Wir sind durch einen Eid gebunden. Dieses Geheimnis ist nicht unseres, deswegen können wir es nicht nach Belieben weitergeben."

Der Nosferatu kniff die Augen zusammen. "Soso... wessen Geheimnis ist es dann?"

"Dessen, der das Haus gebaut hat", sagte Madeleine nach kurzem Zögern. "Prinz Michael."

"Ah... ich verstehe." Er hob den Kopf. "Eure Freunde kommen. Noch eine Frage, ehe sie hier sind. Ihr braucht sie auch nicht wirklich zu beantworten, wenn ihr damit Euer Wort gegenüber dem Prinzen brecht: Befindet sich das, was in dem Haus gefangen ist, an mehreren Stellen oder nur an einer?"

Madeleine und William dachten an den im Keller eingemauerten Setiten, dessen Herz in einer Urne neben seinem Sarg stand und der damit sicherlich die Definition von "mehreren Stellen" erfüllte. Keiner von beiden antwortete. Beide fragten sich allerdings, wieviel ihr Gegenüber wirklich wußte. Der Nosferatu nickte nachdenklich, stellte aber keine weiteren Fragen.

Kurz darauf kam Markus mit den Ghoulen an. William wandte sich an den Nosferatu. "Wir haben Euren Preis gezahlt", stellte er fest. "Beschreibt uns den Weg."

"Ich werde Euch einen Führer mitgeben", sagte der andere. "Hieronymus! Komm doch bitte mal her."

In einer dunklen Ecke regte sich etwas. Gleich darauf kam eine kleine geflügelte Gestalt angeflattert, etwa doppelt handgroß und entfernt menschenähnlich - ein Homunkulus. Das Wesen hatte eine grünliche, geschuppte Haut, rote Augen, spitze Zähne und eine beeindruckende Hakennase. Es ließ sich auf der Schulter des Nosferatu nieder und blinzelte.

"Hieronymus wird Euch durch das Labyrinth führen", erklärte der Nosferatu. "Ein Wort der Warnung noch: Ihr werdet im Zentrum des Labyrinths ein Schlangennest finden. Hütet Euch vor seinen Bewohnern und ihren Giftzähnen."

Setiten, dachte William säuerlich. Das hat uns gerade noch gefehlt.

Madeleine mußte ihm zustimmen. Aber so wenig ihr die ganze Sache auch gefiel, zurück konnten sie nicht. "Gehen wir", sagte sie.

 

Der Homunkulus führte sie scheinbar ziellos durch die Gänge. Die Kainiten und ihre Ghoule verloren bald jedes Zeitgefühl, und auch der Orientierungssinn ließ sie rasch im Stich. William war sicher, daß sie schon mehr als einmal im Kreis gelaufen waren. Hieronymus jedoch schien unbeirrt und glitt ohne zu zögern vor ihnen her.

Keiner hätte sagen können, wie lange sie schon unterwegs waren, als Hieronymus schließlich an einer Kreuzung anhielt. Der Gang unterschied sich nicht von all den anderen, durch die sie bisher gekommen waren. Der Homunkulus deutete einen Korridor hinunter, flog aber nicht hinein. Es war ihm deutlich anzusehen, daß er sich sehr unwohl fühlte.

"Wir müssen da hinunter?" erkundigte sich William. Hieronymus nickte. Der Ventrue sah den Gang entlang. "Nichts zu sehen", murmelte er. "Ich nehme an, du bist dir sicher?" Ein erneutes Nicken, diesmal energischer. Hieronymus zog sich ängstlich ein Stück in die Richtung zurück, aus der sie gekommen waren.

"Vielleicht sollte ich mich zuerst ein wenig umsehen", schlug Madeleine zögernd vor.

"Es wäre sicher nicht klug, einfach hineinzustürmen, ohne zu wissen, was euch erwartet", sagte James.

William wirbelte herum. "James! Wo kommst du denn her?"

Der Krieger lächelte. "Ich war die ganze Zeit bei euch. Was hier unten geschieht, muß aufgehalten werden. Deswegen werde ich mit euch gehen."

Madeleine ließ sich auf dem Boden nieder und lehnte sich gegen die Wand. "Paß auf mich auf", bat sie William, dann schloß sie die Augen. Diesmal fiel es ihr deutlich leichter, aus ihrem Körper herauszutreten, auch wenn es sie immer noch irritierte, daß sie ihn nicht sehen konnte. Sie sah die silbrige Schnur, die sie mit ihm verband, und wußte, daß er irgendwo unter ihr liegen mußte, aber ohne die Verbindung hätte sie direkt neben ihm stehen können und ihn trotzdem nicht wiedergefunden. Madeleine schwebte körperlos im Gang und schaute sich um. Sie sah ihre Begleiter und stellte mit Verwunderung fest, daß James zweimal da war. Einerseits stand er körperlich neben William, gleichzeitig schwebte sein Geist neben ihr und nickte ihr aufmunternd zu. Ein mildes, silbrigweißes Leuchten umgab ihn, und Madeleine war sich bewußt, daß er es absichtlich dämpfte. Hätte er das nicht getan, hätte seine bloße Anwesenheit sie verletzen können.

Wie schon beim letzten Mal war auch jetzt der Kontakt zu William unterbrochen. Es behagte ihr überhaupt nicht, plötzlich wieder alleine zu sein, und sie wußte, daß es ihm nicht anders ging. Ein Grund mehr, das hier so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Madeleine setzte sich in Bewegung und schwebte langsam den Gang hinab. An die veränderte Sicht hatte sie sich rasch gewöhnt, nichts schien wirklich fest zu sein, alle Umrisse flossen und waberten ständig ein wenig. Aber etwas war anders als vorhin, ohne daß sie gleich darauf gekommen wäre, was es war. Plötzlich merkte sie es: da war ein Geräusch, das sie nicht gehört hatte, solange sie in ihrem Körper gewesen war. Dumpfe Trommelschläge hallten langsam durch die Gänge und verursachten ihr ein fast schmerzhaftes Unbehagen. Der Ursprung des Geräuschs lag genau in der Richtung, in die sie sich bewegte. Es kostete Madeleine Überwindung, sich nicht einfach umzudrehen und in ihrem Körper zurückzukehren, weg von den Trommelschlägen, in Sicherheit. Sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und zwang sich, weiterzugehen.

Langsam wurde es dunkler um sie herum. In der körperlichen Welt war der Gang erleuchtet gewesen, hier jedoch breitete sich eine Schwärze aus, die auch ihre Augen nicht durchdringen konnten. Als Madeleine sich kurz umwandte und zu ihren Gefährten zurückblickte, sah sie James wie eine Insel aus Licht in der Dunkelheit neben William stehen. Das Leuchten, das von ihm ausging, erhellte den Gang in einigen Metern Umkreis, aber allmählich bewegte sie sich aus diesem Bereich heraus.

Nach ein paar Minuten, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, erreichte sie eine Biegung. Es war mittlerweile so dunkel, daß sie kaum die Hand vor Augen erkennen konnte. Die stetigen Trommelschläge zerrten an ihren Nerven. Sie mußte sich jedoch eingestehen, daß sie bisher noch nicht wirklich etwas erfahren hatte. Wenn sie jetzt umkehrte, hätte sie sich die ganze Anstrengung gleich sparen können. Vorsichtig bewegte sie sich um die Ecke. Dahinter war es genauso dunkel wie vorher, aber Madeleine hatte den Eindruck, daß irgendwo vor ihr etwas war. Sie spürte, daß sie sich der Quelle der Trommelschläge näherte. Und je näher sie kam, desto sicherer war sie, daß der Zweck dieses Geräuschs darin bestand, genau solche Wesen wie sie fernzuhalten. Entschlossen, sich davon nicht aufhalten zu lassen, arbeitete sie sich zu einer weiteren Ecke vor. Hier gab es wieder etwas Licht. Madeleine nahm hinter der Biegung eine Bewegung wahr. Irgendetwas pulsierte rhythmisch im Takt der Trommel. Vorsichtig näherte sie sich und schaute um die Ecke.

Das erste, was sie sah, war die schwach leuchtende Barriere, die den Gang in seiner ganzen Breite und Höhe versperrte. Sie war leicht gekrümmt, was vermuten ließ, daß sie sich auch durch Wände und Boden hindurch fortsetzte. Das Geräusch der Trommel schien Kraft in diese Barriere zu leiten, mit jedem Schlag pulsierte das Leuchten, und die Barriere schwang ein Stück in den Gang hinein. Hinter der Ecke setzte sich der Korridor nur noch wenige Meter fort und mündete dann in einen Raum, von dem Madeleine allerdings praktisch nichts sehen konnte. Direkt hinter dem Eingang nämlich stand eine gigantische Trommel, neben der eine Gestalt einen ebenso gigantischen Schlegel schwang. Der Trommler sah aus wie ein Skelett und wurde von einem gelblich-grünen, blassen Leuchten umgeben, das Madeleine außerordentlich beunruhigend fand. Das Licht wirkte irgendwie giftig, und der Lasombra war instinktiv klar, daß sie sich von dem Skelett in ihrer momentanen Form besser nicht entdecken lassen sollte. Zum Glück stand es halb von ihr abgewandt und beachtete sie gar nicht. Als sie genauer hinsah, kam sie zu dem Schluß, daß seine Aufmerksamkeit vermutlich auf den Bereich innerhalb der Barriere begrenzt war. Solange sie sich außerhalb hielt, war sie sicher, allerdings konnte sie von draußen auch nicht viel erkennen. Eine kurze Erkundung von Wänden, Decke und Boden ergab, daß die Barriere wie befürchtet tatsächlich kugelförmig war. Madeleine kam zu dem Schluß, daß sie schon lange genug unterwegs war, und daß es klüger war, zuerst zu den anderen zurückzukehren und sich mit ihnen zu besprechen, ehe sie sich durch die Barriere wagte und damit einen Alarm auslöste.

 

Diesmal dauerte es länger als vorher. Eine Viertelstunde verstrich quälend langsam, und William hatte den fast unbezähmbaren Drang, im Gang auf und ab zu laufen. Da er den anderen nicht so deutlich zeigen wollte, wie nervös er war, riß er sich zusammen. Seine Phantasie jedoch gaukelte ihm munter tausend Dinge vor, die inzwischen mit Madeleine passiert sein konnten. Endlich spürte er, wie sie in seinen Geist zurückkehrte. Einen Augenblick später schlug sie die Augen auf.

Ich bin in Ordnung, ließ sie ihn wissen. Ich habe nur beobachtet, niemand hat mich bemerkt.

Du solltest derartige Ausflüge nicht zur Gewohnheit werden lassen, gab er zurück. Es macht mich wahnsinnig, nicht zu wissen wo du bist und wie es dir geht.

Ein beruhigender Impuls kam von ihr. Ich weiß. Ich weiß auch, daß du mich am liebsten ununterbrochen beschützen würdest. Aber manchmal geht das eben nicht. Ein Kuß streifte sanft seinen Geist als sie aufstand, dann wandte sie sich an die anderen und erzählte in knappen Worten, was sie gesehen hatte. "An diesem Wächter komme ich als Geist nicht vorbei", schloß sie. "Das heißt, wir werden ihn anders aus dem Weg räumen müssen. Allerdings muß uns klar sein, daß spätestens dann unsere Anwesenheit hier bemerkt wird."

"Das bedeutet, daß wir dann schnell sein müssen", stellte Erk fest und griff nach seinem Schwert. Es bereitete ihm gewisse Schwierigkeiten, den riesigen Zweihänder in dem engen Gang zu ziehen. "Ich hoffe, dort wo der Kerl steht, ist mehr Platz", brummte er und sah William an. "Fertig?" Der Ventrue nickte.

"Ich komme mit", erklärte James und zog ebenfalls sein Schwert.

Hieronymus, der sich die ganze Zeit über zitternd an die Wand gedrückt hatte, hielt offenbar in diesem Moment seine Aufgabe für erledigt. Es war offensichtlich, daß nichts den Homunkulus dazu hätte bewegen können, sich in diesen Gang hineinzuwagen. Mit einem letzten Blick auf die Vampire und ihre Ghoule breitete er die Flügel aus und segelte zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. William sah ihm kurz nach, dann zuckte er die Achseln und folgte Erk, der bereits entschlossen den Gang hinuntermarschierte.

Kurz vor der zweiten Biegung, hinter der der Raum mit der Trommel lag, hielten die drei an. William spähte vorsichtig um die Ecke. Ein leichtes Flimmern vor ihm in der Luft zeigte ihm, wo die Barriere verlief. Dahinter sah er die riesige Trommel. Die Gestalt daneben war allerdings kein Skelett, jedenfalls nicht für seine Augen. Was er sah, war eine groteske Mischung aus einem übergroßen Menschen und einem sehr seltsamen Reptil mit einer langen Schnauze und messerscharfen Zähnen. William erinnerte sich dunkel, ein solches Reptil einmal auf einem Bild gesehen zu haben. Die Kreatur vor ihm stand auf zwei säulendicken, steinernen Füßen, die oberhalb der Knöchel in menschliche Beine übergingen. Auch der Oberkörper war menschlich, der Hals jedoch ging in einen Echsenkopf über. Die ganze Gestalt war knappe zweieinhalb Meter groß. In den Händen hielt sie eine riesige Keule, mit der sie in regelmäßigen Abständen auf die Trommel schlug. Kein Ton war zu hören, dabei hätte eine Trommel dieser Größe normalerweise einen höllischen Lärm machen müssen. Aus Madeleines Erzählung wußte er allerdings, daß der Zweck der Trommel nicht darin bestand, körperliche Eindringlinge abzuschrecken.

William wechselte einen Blick mit seinen beiden Gefährten. Auf Erks Handzeichen stürmten die drei in den Raum. Während die beiden Kainiten sich auf den Trommler stürzten, sicherte James die drei Zugänge, die sich im hinteren Teil der Kammer befanden.

Der Kampf war kurz, aber heftig. Das Krokodilwesen war deutlich schneller, als es zuerst den Anschein gehabt hatte, und seine zähe, ledrige Haut war eine natürliche Panzerung, die sogar von Williams Jadeschwert und Erks Zweihänder nicht ohne weiteres zu durchdringen war. Der Wächter benutzte den Trommelschlegel als Knüppel. Obwohl eine derartige Waffe normalerweise gegen einen Vampir nicht besonders wirksam gewesen wäre, wurde sie allein durch ihre Größe durchaus gefährlich. Gebrochene Knochen ließen sich mit vitae heilen - vorausgesetzt, der Gegner ließ einem Zeit dazu. William war darauf bedacht, das Wesen zwischen sich und Erk zu halten, um dem Brujah den nötigen Platz für seine riesige Klinge zu lassen. Er duckte sich unter einem Schlag weg, der viel schneller gekommen war, als das bei der Masse der Kreatur zu erwarten gewesen wäre, dann glitt er einen Schritt zur Seite und brachte das Jadeschwert auf den Hals seines Gegners herab. Er hatte gut gezielt. Die Klinge drang durch die Haut und biß tief ins Fleisch - und steckte fest. Der Echsenmensch brüllte und schüttelte sich, während der Ventrue verzweifelt versuchte, seine Waffe zu befreien. Mit einem Mal war Erk heran, holte aus, zog seinen Zweihänder mit einem mächtigen Schlag von unten nach oben durch und zerteilte das Wesen beinahe. Mit einem Ton wie ein Glockenschlag trafen sich die beiden Klingen in der Mitte, dann wurde Williams Schwert durch die Wucht des Aufpralls weggedrückt und kam frei. Tödlich getroffen schrie der Wächter noch einmal auf. Und dann, mit einem donnernden Krachen, explodierte er. William versuchte auszuweichen, schaffte es aber nicht mehr ganz. Der Ventrue wurde von einigen schleimigen Fleischstücken und von Tropfen einer stinkenden Flüssigkeit getroffen, die sich sofort durch seine Kleidung in die Haut fraßen. Wo die Überreste des Wesens den Boden trafen, begann der Stein zu rauchen. Zu Williams Glück hatte er schnell genug reagiert, um der Explosion wenigstens zum Teil zu entgehen. Das, was er abbekommen hatte, war schmerzhaft genug und würde sich auch nicht so einfach heilen lassen.

William? Alles in Ordnung? Madeleines Stimme in seinem Kopf klang besorgt.

Mehr oder weniger, gab er zurück und betrachtete mißmutig die Scharte, die Erks Schwert in seiner Klinge hinterlassen hatte. Der Zweihänder des Brujah, bemerkte er, hatte auch eine abbekommen. Spätestens jetzt werden sie aber wissen, daß wir hier sind. Wir sollten uns beeilen.

Die anderen kamen herein, bemüht, nicht auf die Überreste des Wächters zu treten. Außer dem Durchgang, durch den sie gekommen waren, gab es noch drei weitere, die in vollkommen identisch aussehende Gänge führten. Madeleine sah sich um. "Der hier", sagte sie schließlich leise und deutete auf die Tür zu ihrer Linken. "Da drin geht etwas ähnliches vor sich wie das, was diese Trommel erzeugt hat." Sie kniff ein wenig die Augen zusammen und starrte angestrengt den Korridor entlang. "Sie suchen uns", stellte sie fest. "Sie wissen, daß jemand hier eingedrungen ist, aber sie wissen nicht, wo genau wir sind. Sobald wir diesen Gang betreten, werden sie es merken."

William warf einen Blick in den Korridor. Zwei Kreuzungen konnte er erkennen, perfekte Orte für einen Hinterhalt. Von irgendwelchen Suchaktionen konnte er nichts erkennen, aber für derartige Dinge besaß Madeleine ohnehin einen schärferen Blick als er. "Wenn du sicher bist, daß das der richtige Weg ist..." meinte er achselzuckend. "Erk?"

Der Brujah trat kommentarlos in den Gang. William und James hielten sich dicht hinter ihm. Madeleine folgte, Irian und Markus bildeten mit den Ghoulen die Nachhut. Wenn die übrigen Wächter dieser Anlage über ähnliche Fähigkeiten verfügten wie der Trommler in der Kammer, und ähnlich schnell waren, würden die Ghoule wenig Chancen gegen sie haben. Das ungute Gefühl, das Madeleine beschlichen hatte, seit sie hier unten waren, verstärkte sich mit jedem Schritt, und nicht zum ersten Mal fragte sie sich, wieviele von ihnen das Labyrinth wohl wieder verlassen würden.

William hatte kaum die ersten Schritte getan, als er vorne an der Kreuzung eine Bewegung bemerkte. Die Wächter waren schon da, aber sie hatten sich verraten. Der Ventrue wechselte einen Blick mit Erk, und die beiden rannten los. Aus den beiden Seitengängen ertönte ein unheilvolles Zischen und ein Schaben, als würde etwas hartes über den Stein gezogen. Mit einem Mal tauchten von beiden Seiten insgesamt vier Kreaturen auf und stellten sich den beiden Kainiten entgegen. Es waren auf den ersten Blick gigantische Schlangen, auf den zweiten Blick jedoch bemerkte William, daß die Geschöpfe Arme und kurze, stummelartige Beine besaßen. Eins der Wesen riß das Maul auf, fauchte, und schleuderte den beiden eine lange, dünne Zunge wie eine Peitsche entgegen. Die Schlange war noch gute drei Meter entfernt, aber die Zunge überbrückte die Distanz mühelos. William duckte sich, konnte aber nicht verhindern, daß sie ihn an der Wange streifte. Zum Glück verletzte sie ihn nicht wirklich, aber der leichte Kratzer, den sie hinterließ, brannte unangenehm.

Erk hatte weniger Glück. Die heranschießende Zunge traf ihn voll am Hals und riß eine tiefe Wunde. Der Brujah brüllte und schlug nach der Zunge, und es gelang ihm, sie von sich abzureißen. Das Ding verfügte über nadelfeine, hornartige Widerhaken an der Spitze, mit denen es sich in einem Opfer festkrallen konnte. Was dann passierte, wollte keiner der beiden am eigenen Leib erfahren.

Madeleine, die sich wohlweislich hinter den beiden Kämpfern hielt, warf einen kurzen Blick auf die Szene und hob eine Hand. Der Korridor wurde von Fackeln erhellt, deren unruhig flackernde Flammen für genügend Schatten sorgte. Die Lasombra deutete auf einen Punkt mitten auf der Kreuzung und ließ ihr Blut nach den Schatten rufen. Auf dem Boden bildete sich plötzlich ein dunkler Fleck wie eine schwarze Pfütze. Die Schwärze begann sich zu bewegen, dann erhoben sich aus dem Dunkel drei Tentakel wie düstere Spiegelbilder der angreifenden Schlangen. Ein Befehl Madeleines genügte, und die Geschöpfe stürzten sich auf die Schlangenwesen. Die Schlangen zischten wütend und versuchten, den Tentakeln auszuweichen, aber zwei von ihnen konnten dem Angriff nicht entgehen und wurden zu Boden gedrückt.

Die beiden übrigen stießen sich vom Boden ab und sprangen auf Erk und William zu. Blitzschnell wanden sie sich um die beiden Kainiten, fesselten ihre Schwertarme an die Seite und schnappten nach ihren Hälsen. Die Kreaturen waren stark, William gelang es nicht, ihren eisernen Griff zu brechen. Sein Schwert war auf so kurze Entfernung nutzlos, an seinen Dolch kam er nicht heran. Das ließ nur eine Möglichkeit, die Angreifer loszuwerden. Der Ventrue nahm einen Schritt Anlauf und warf sich mit voller Wucht gegen die Wand.

Es krachte ohrenbetäubend, und zwei dichte Staubwolken verhüllten den Gang. Erk war im gleichen Moment wie William auf die rettende Idee gekommen und hatte mit einem mächtigen Sprung seinen Angreifer zwischen seinem breiten Rücken und der Wand eingeklemmt. Die Wand, eine stabile Steinmauer, erbebte unter der unnatürlichen Kraft der beiden Vampire. Als der Staub sich wieder etwas legte, sah Madeleine die beiden Schlangenwesen halb betäubt am Boden liegen. Zwei rasche Schwerthiebe sorgten dafür, daß sie dort auch blieben. Die beiden übrigen, immer noch durch die Schattententakel behindert, waren dann auch kein wirkliches Problem mehr.

Ein größeres Problem, das sah sie sofort, war im Augenblick Erk. Der Brujah hatte einiges abbekommen, und die Wunden und der Verlust an vitae hatten seine ohnehin nie besonders ausgeprägte Zurückhaltung weiter schwinden lassen. Er knurrte leise und bedrohlich, als er mit gefährlich rötlich schimmernden Augen zur nächsten Kreuzung sah, an der in diesem Moment weitere Schlangenkreaturen auftauchten. Madeleine fühlte sich mit einem Mal sehr unwohl in seiner Nähe, ein Gefühl, das rasch stärker wurde und schmerzhaft zu werden begann.

Erk packte sein Schwert mit beiden Händen. "Haltet Abstand", stieß er hervor, dann stürmte er mit einem lauten Brüllen auf die neuen Gegner los. Für Madeleines und Williams Augen war seine Klinge von einem grellen silberweißen Leuchten umgeben. Beiden war klar, daß dieses Leuchten die Quelle ihres Unbehagens war, und daß es in der Tat sehr ungesund gewesen wäre, ihm zu nahe zu kommen.

Kampflärm hinter ihnen lenkte die beiden einen Moment lang ab. Irian, Markus und die Ghoule waren von weiteren Schlangenwesen angegriffen worden, und allmählich fragte der Ventrue sich, wie groß das von dem Nosferatu erwähnte "Schlangennest" eigentlich war. Der Kampf war gerade zu Ende, als William sich umdrehte. Die meisten der Ghoule schienen glimpflich davongekommen zu sein - mit einer Ausnahme. William erschrak, als er Lena in einer Blutlache am Boden liegen sah, während zwei der Templer sich um sie bemühten. Mit zwei, drei langen Sätzen war er an ihrer Seite. Hastig öffnete er eine Ader in seinem Arm und hielt ihn ihr an die Lippen. "Trink", sagte er leise, und zumindest dieser Instinkt schien noch zu funktionieren. Sie trank, und er sah erleichtert, wie sich ihre Wunden schlossen.

Als er aufstand, sah er gerade noch an der zweiten Kreuzung die letzte der Schlangen unter einem mächtigen Hieb von Erks Zweihänder zu Boden gehen. Der Brujah packte die Leiche ohne große Umstände und versenkte seine Zähne darin. William wollte ihm gerade eine Warnung zurufen, als ihm der Geruch auffiel, den das Schlangenblut verströmte. Kainitische vitae. Die Schlangen, war ihm schlagartig klar, waren Setiten, die irgendwie ihre Form geändert hatten. Allerdings konnten sie noch nicht besonders alt gewesen sein, sonst wären ihre Leichen schon zu Staub zerfallen. Da die Setiten bereits tot waren, war es zu spät, um mit ihrer vitae noch ihre Macht zu trinken. Andererseits war es bei Kainiten im Gegensatz zu Sterblichen ungefährlich, nach dem Tod Blut zu nehmen, und William war hungrig. Der Kampf hatte ihn vitae gekostet, und Lena hatte ihm gerade zusätzlich noch einiges genommen. Ohne noch lange nachzudenken griff er sich eine der toten Schlangen und stillte seinen Hunger.

Gesättigt ließ er schließlich den toten Setiten fallen und sah sich um. Erk schien sich wieder weitgehend im Griff zu haben, der Brujah sicherte die Seitengänge an der zweiten Kreuzung. Madeleine stand mitten auf der ersten Kreuzung und sah sehr nachdenklich auf den schwarzen Fleck am Boden herab, aus dem immer noch ein Schattententakel hervorwuchs; die beiden anderen waren verschwunden. William wollte sie gerade ansprechen, als sie den Kopf hob und mit leiser Stimme und gebieterischer Miene einen Befehl gab, den er nicht hören konnte. Langsam löste sich der Tentakel vom Untergrund, richtete sich auf und begann, sich um Madeleines ausgestreckten Arm zu winden. Sie schaute einen Moment lang darauf, dann schüttelte sie leicht den Kopf, sagte wieder etwas und griff mit der freien Hand nach einem Ende des Tentakels. Der schien kurz zu wabern, zog sich dann etwas zusammen und verdichtete sich gleichzeitig. Augenblicke später hielt die Lasombra eine nachtschwarze Peitsche in der Hand. William konnte ein leichtes Schaudern nicht unterdrücken. Der Anblick seiner Geliebten in der Schattenrüstung mit dieser Peitsche hatte etwas entschieden Dämonisches. Sie schien seine Gefühle gespürt zu haben, denn sie drehte sich zu ihm um und lächelte ihn an. "Es wäre glatte Verschwendung, einen so willigen Diener hier zurückzulassen", erklärte sie und strich leicht mit dem Finger über die Peitsche. "Wir sollten uns beeilen", sagte sie dann. "Erk hat da vorne eine Tür gefunden, vermutlich werden wir dahinter Caius finden."

Die Tür erwies sich als massives, doppelflügliges Portal, das die gesamte Breite des Korridors einnahm. Sehr gedämpft waren dahinter Gemurmel und ein eintöniger Gesang zu hören. William sah Erk und James an. "Die Setiten wissen sowieso, daß wir da sind. Da macht es wenig Sinn, sich unauffällig anzuschleichen, nicht wahr?"

Erk grinste. "Wie recht du doch manchmal hast." Er nahm einige Schritte Anlauf, William und James taten es ihm gleich. Madeleine, die Übles ahnte, wich ein Stück weit in den Gang zurück und zog ihre Schatten enger um sich. Im nächsten Moment prallten die drei Männer gegen das Portal. Die beiden Flügel wurden aus den Angeln gerissen und krachten donnernd in den dahinterliegenden Saal. Mit gezogenen Waffen stürmten die drei hinein, dicht gefolgt von Madeleine, Irian und Markus.

Es war auf den ersten Blick zu sehen, daß sie hier die Ritualkammer gefunden hatten. Der Raum wurde beherrscht von einem auf den Boden gezeichneten Pentagramm, das gute fünf Meter durchmaß. An den Eckpunkten standen Wächter, die dem Trommler aus dem Eingangsraum glichen wie ein Ei dem anderen. An den Wänden rechts und links zogen sich Emporen entlang, auf denen verhüllte Gestalten wie ein Chor aufgebaut waren. Von ihnen kam der eintönige Gesang, der schon draußen zu hören gewesen war. Der nicht mehr existierenden Eingangstür gegenüber lag eine zweite, und sowohl sie als auch der Durchgang, durch den die Eindringlinge gerade hereingestürmt waren, wurde flankiert von Wachen in den roten Uniformen der kaiserlichen Palastgarde. Der Ritualkreis selbst war von einer Unmenge an Symbolen, Runen und Schutzzeichen umgeben. Und in seiner Mitte saß Caius mit geschlossenen Augen und offenbar in tiefster Konzentration versunken.

Die Rotuniformierten machten ihrem Ruf als Elitekämpfer alle Ehre. Durch das unerwartete Auftauchen der Eindringlinge nur einen winzigen Moment überrascht, setzten sie sich sofort in Bewegung. Es waren mehr als zwanzig Mann, bewaffnet mit Schwertern und langen, vorn fachmännisch zugespitzten Holzstangen. Zu viele, befand William. Er trat einen Schritt nach vorn, damit er von allen Angreifern gut gesehen werden konnte, und ließ seinen Blick der Reihe nach über jeden einzelnen von ihnen schweifen. Scheinbar ohne jede Hast und völlig unbeeindruckt sah er von einem zum anderen. Seine Haltung war die eines Königs, der dem Volk eine Audienz gewährt und ihm die Gnade seiner Aufmerksamkeit zuteil werden läßt. Er wirkte kühl, unnahbar, und unendlich überlegen. Und seine Macht tat ihre Wirkung. Einer nach dem anderen sanken die Wachen vor ihm auf die Knie, nur zwei oder drei besonders hartnäckige schafften es, aufrecht zu bleiben und sogar einen weiteren Schritt auf ihn zuzugehen. Dem Ventrue war klar, daß sich seine Gefährten um sie würden kümmern müssen, er selbst konnte nichts mehr gegen sie tun. Ein Herrscher würde sich um so etwas schließlich nicht selbst kümmern, dafür hatte er seine Leute. Also konzentrierte er sich darauf, die übrigen in seinem Bann zu halten und verließ sich auf die Kampfkraft seiner Begleiter.

Weder die fünf Krokodilwesen noch die Sänger auf den Rängen schienen das Auftauchen der Kainiten und ihrer Begleiter zur Kenntnis zu nehmen. Erk, James und Irian verteilten sich ein wenig, um die sich nähernden Wachen in Empfang zu nehmen und hielten dabei ein wachsames Auge auf den Kreis. Markus befahl den Ghoulen, den Gang draußen zu sichern und gesellte sich dann zu den dreien.

William empfing einen zögernden Gedanken von Madeleine. Sie wollte etwas, fühlte sich aber nicht wohl dabei. Er konnte sich schon denken, worum es ging. Nimm ihn, dachte er. Ich weiß, daß du es nicht gern tust, aber es muß sein.

Danke, antwortete sie, griff nach seinem Schatten und hatte im nächsten Moment ein tiefschwarzes, leicht pulsierendes Ebenbild seines Jadeschwerts in einer Hand. Die andere hielt immer noch die Schattenpeitsche. Ein kurzer Blick überzeugte die Lasombra davon, daß die anderen auch ohne ihre Hilfe mit den Wachen fertig werden würden. Das Hauptproblem hier war der Ritualkreis mit den fünf Echsenwesen. Kurz entschlossen holte sie aus und schleuderte ihre Schattenpeitsche auf das nächststehende von ihnen. Im Flug wurde der Tentakel wieder länger und dünner, dann traf er sein Ziel und wickelte sich blitzschnell herum. Madeleine hob ihr Schwert und setzte nach. Die Kreatur wurde von dem Schattenfaden behindert und konnte nicht ausweichen, so daß die ersten beiden Schläge mühelos ihr Ziel trafen. Dann jedoch fiel Madeleine auf, daß ihr Gegner offenbar gar nicht die Absicht hatte, zum Gegenangriff überzugehen. Was auch immer seine Aufgabe bei diesem Ritual war, die Abwehr körperlich angreifender Störenfriede gehörte offenbar nicht dazu. Dafür, so mußte sie zu ihrem Leidwesen erkennen, war das Wesen allerdings sehr stabil gebaut. Williams Schatten gab wie immer eine ausgezeichnete Klinge ab, besser, als jedes Stahlschwert es je hätte sein können. Gegen das Geschöpf vor ihr war sie zwar nicht völlig wirkungslos, aber deutlich weniger effektiv als sie eigentlich hätte sein sollen. Ein weiterer Hieb traf die schuppige Haut ihres Gegners und schaffte es diesmal sogar, ihn zu verletzen. Allerdings spürte Madeleine im selben Moment, daß ihr Schwert dabei ebenfalls beschädigt worden war. Es war natürlich nichts zu sehen, aber irgendwie fühlte es sich anders an. Instinktiv wich sie einen Schritt zurück. Die Echse mußte aus dem Weg, das war ihr klar, aber dabei Williams Schatten verletzen...? Das brachte sie nicht fertig.

Mach weiter! hörte sie seine Stimme in ihren Gedanken, fast ärgerlich. Es ist nicht viel passiert. Erledige den Kerl.

Madeleine nickte ihm zu, biß die Zähne zusammen und griff erneut an. Die Schattenklinge schien eine schwarze Spur durch die Luft zu ziehen, dann traf sie. Madeleine wirbelte herum, zog das Schwert dabei zurück und ließ es mit voller Wucht erneut auf ihren Gegner heruntersausen. Wo normaler Stahl pfeifend die Luft durchschnitten hätte, machte die Schattenwaffe kein Geräusch, ehe sie in den Hals des Echsenwesens biß und es sauber köpfte.

Im nächsten Moment explodierte die Leiche. Die Lasombra warf sich flach auf den Boden und zog ihre Schatten um sich. Trotzdem kamen einige Tropfen der Säure durch und fraßen sich schmerzhaft in ihre Haut. Mühsam rappelte sie sich hoch und stellte fest, daß sie trotz allem noch Glück gehabt hatte. Ihre Schatten hatten sie vor dem Schlimmsten bewahrt. Madeleine trat einige Schritte zurück und sah sich um. Irian und die anderen waren mit den zögernd herangekommenen Gardisten fertiggeworden und sahen jetzt den übrigen entgegen, von denen einige den Eindruck machten, als könnten sie sich noch nicht so recht entscheiden, ob sie angreifen sollten oder doch lieber nicht. William stand reglos da und schaute mit unbewegter Miene zu ihnen hinüber. Seine Macht war fast körperlich spürbar, selbst Madeleine mußte sich etwas zusammenreißen, um sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Und dabei sah er sie nicht einmal direkt an, abgesehen davon, daß sie als Kainitin gegenüber solchen Tricks ohnehin widerstandsfähiger war. Auf die trotz Caius' Manipulationen immer noch sterblichen Wachen mußte er fast wie ein Gott wirken.

Die übrigen vier Echsenwesen und die Reihen der Sänger nahmen immer noch keine Notiz von den Ereignissen. Madeleine nutzte den ruhigen Moment, um sich den Ritualkreis und die Schutzzeichen näher anzusehen. Sehr schnell wurde ihr klar, daß der Kreis tatsächlich gegen fast alle denkbaren Angriffe geschützt war. Weder Magie noch körperliche Gewalt oder die übernatürlichen Kräfte, die mit vitae gerufen werden konnten, würden hier viel ausrichten. Die Lasombra hob zögernd ihr Schwert, als plötzlich James neben ihr stand. "Damit wirst du hier nicht viel machen können", sagte er ruhig. Dann sah er ihr in die Augen. "Vertraust du mir?" Sie erwiderte seinen Blick für einen Moment, ehe sie nickte. "Dann gib William seinen Schatten zurück. Das einzige, wogegen dieser Kreis nicht geschützt ist, sind Geister. Ich werde deine Waffe sein."

Gregorius' Worte klangen in Madeleines Gedächtnis nach. "Bedenke, was du kannst", hatte er zu ihr gesagt. "Deine Kräfte könnten da unten den Ausschlag geben." Sie warf einen Blick zu ihren Gefährten, dann zog sie sich zur Eingangstür zurück und setzte sich auf den Boden. James ließ sich ihr gegenüber nieder und reichte ihr die Hände. Madeleine sah auf und begegnete Williams Blick. "Schützt uns", bat sie leise, dann schloß sie die Augen.

Der Kontakt zu James half ihr, das merkte sie sofort. Fast ohne Anstrengung trennte sich ihr Geist von ihrem Körper. Einen winzigen Moment lang war sie desorientiert, dann hatte sie sich an ihre veränderte Sicht angepaßt, das trübe Licht und die wabernden Konturen. Neben ihr schwebte James, wie sie durch einen silbrigen Strang mit seinem Körper verbunden. Eigenartigerweise ging von seinem Körper jedoch ein zweiter Faden aus, der irgendwo über ihm verschwand.

James' Gestalt flackerte kurz, dann zog sie sich zusammen und veränderte ihre Form. Einen Augenblick später hing ein Schwert vor Madeleine in der Luft. Die silbrige Schnur führte immer noch zu seinem Körper, jetzt schien sie allerdings ganz schwach zu pulsieren. Zögernd streckte die Lasombra die Hand aus und griff nach der Waffe. Sie schmiegte sich in ihre Hand, pulsierte schwach wie der Faden, der von ihr wegführte und fühlte sich leicht warm an. Entschlossen hob Madeleine den Kopf und sah sich um.

Wie bereits der Trommler im Eingangsraum, so wirkten auch die Wächter um den Ritualkreis in der Geistersphäre wie grünlich schimmernde Skelette. Und jetzt, als körperloser Geist, konnte Madeleine auch den Gesang hören, den die Wesen von sich gaben; solange sie noch in ihrem Körper gewesen war, hatte sie von ihnen keinen Ton gehört. "Gesang" war allerdings eine sehr milde Umschreibung für den infernalischen Lärm. Das Geräusch glich eher einem Brüllen, allerdings rhythmisch. Die Lasombra konnte die Worte nicht verstehen, aber das wollte sie auch gar nicht. Sie war froh, daß einer der Wächter bereits ausgeschaltet war; die vier verbleibenden würden es ihr schwer genug machen. Von den Sängern auf den Rängen und den Palastgardisten drohte ihr keine Gefahr, das sah sie sofort. Das einzige, was ihr gefährlich werden konnte, waren die vier Skelettwesen - und Caius. Madeleine fuhr zusammen, als ihr Blick auf das Zentrum des Kreises fiel. An der Stelle, wo in der Welt, aus der sie kam, der abtrünnige Prinz gesessen hatte, lag der zusammengerollte Leib einer riesigen Königskobra. Den Oberkörper aufgerichtet, wiegte sie sich leicht hin und her. Die Gestalt war durchscheinend, und ein silbriger Strang führte von ihr weg und verlor sich in der Ferne. Es dauerte einen Augenblick, bis Madeleine völlig begriff, was sie da sah.

"Ein Setit", flüsterte sie fassungslos. "Der verdammte Kerl ist gar kein Ventrue. Er ist ein Setit." Das Pulsieren des Schwertgriffs zwischen ihren Fingern wurde stärker und riß sie aus ihrer Starre. Die Klinge erhoben, bewegte sie sich vorsichtig auf den Ritualkreis zu.

Das Brüllen der Wächter machte sie beinahe wahnsinnig. Das Geräusch der Trommel im Vorraum war schon schlimm genug gewesen, aber dieser Gesang tat ihr fast weh. Madeleine hielt sich so gut sie konnte in der Mitte der Lücke, die der ausgeschaltete Wächter hinterlassen hatte, und damit möglichst weit von den übrigen entfernt. Trotzdem dröhnten die Stimmen der übrigen in ihrem Kopf und machten es ihr fast unmöglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Jeden Zentimeter, den sie sich dem Kreis und seinem Zentrum näherte, mußte sie sich hart erkämpfen, es war, als müßte sie durch zähen Schlamm schwimmen, der sie nicht nur festhielt, sondern auch zu ersticken drohte. Die Kobra in der Mitte des Pentagramms reagierte überhaupt nicht auf sie; Madeleine war sicher, daß Caius im Moment nicht in seinem Körper war. Vermutlich trieb sich sein Geist am Leuchtturm herum, und die Lasombra konnte nur hoffen, daß Gregorius ihn dort auch noch eine Weile beschäftigte. Wenn er zurückkehrte, ehe sie ihn erreicht hatte, würde sie kaum noch etwas gegen ihn unternehmen können. Die Anstrengung, die sie aufbringen mußte, um sich auch nur vorwärts zu bewegen, machte sich bemerkbar. Der schimmernde Strang, der sie an ihren Körper band, war bereits gefährlich dünn geworden. Wenn er durchtrennt wurde... Madeleine verscheuchte energisch den Gedanken daran und konzentrierte sich darauf, gegen den Gesang anzukämpfen.

Als sie die Linie überschritt, die den inneren Kreis begrenzte, wäre sie fast umgekehrt und geflohen. Auf diesen Bereich wurde die Kraft aller vier Wächter fokussiert. War der Lärm draußen schon höllisch gewesen, wurde er jetzt unerträglich. Die Lasombra spürte, wie James sie stärkte und beruhigte, und sie wußte, daß sie ohne seine Hilfe spätestens jetzt hätte aufgeben müssen. Ein weiterer, unendlich mühevoller Schritt, und dann stand sie vor Caius. Ihre Gedanken verwirrten sich immer mehr, sie konnte sich kaum noch erinnern, was sie hier eigentlich wollte. Ihr Arm war schwer wie Blei. Langsam hob sie ihn, oder war es das Schwert in ihrer Hand, das ihn nach oben zog? Madeleine sah auf Caius' Silberstrang herab und schlug zu. Die Klinge traf den silbrigen Faden, der sich unter dem Schlag leicht verformte, aber nicht riß. Das Schimmern verlor etwas an Intensität. Und dann begann der Faden, sich rasend schnell zusammenzuziehen. Caius kehrte zurück. Mühsam brachte Madeleine ihre Waffe wieder nach oben und ließ sie erneut heruntersausen. Wieder flackerte der Strang ein wenig, und wieder erholte er sich. Ehe Madeleine die Kraft fand, zu einem dritten Schlag auszuholen, bemerkte sie eine leichte Bewegung am Rand ihres Blickfelds. Vor ihr stand Caius' Geistergestalt. Im Gegensatz zu vorhin, als sie ihn am Turm gesehen hatte, war er jetzt nackt und unbewaffnet. Madeleine stand zwischen ihm und seinem Körper, wenn er in ihn zurückkehren wollte, mußte er an ihr vorbei. Mit haßverzerrtem Gesicht stürzte er sich auf sie. Das Geschrei der Skelettwesen schien ihn kaum zu stören. Die Lasombra jedoch wurde davon inzwischen so verwirrt, daß sie kaum ihre Sinne beieinander halten konnte. Im letzten Augenblick wich sie Caius' Angriff aus, aber ihr eigener Schlag ging ebenfalls ins Leere. Der Setit täuschte einen Hieb auf ihre rechte Seite an, glitt dann in einer blitzschnellen Bewegung nach links und um sie herum. Mit einem triumphierenden Schrei schlug er mit bloßen Händen nach Madeleines Silberstrang und zerriß ihn.

 

William hatte mehr und mehr Mühe, sich auf die Palastwachen zu konzentrieren. Zwar hatte Madeleine ihm seinen Schatten wiedergegeben, was ihn kurzzeitig etwas beruhigt hatte, aber irgendetwas stimmte damit nicht. Der Schatten schien ein Eigenleben zu führen, er flackerte unruhig und bewegte sich willkürlich, außerdem war er deutlich blasser, als er eigentlich hätte sein dürfen. Daß Madeleine und James wie tot neben ihm auf dem Boden saßen und er von ihr rein gar nichts spürte, trug auch nicht gerade dazu bei, daß er sich besser fühlte. James' Gesicht war von einem feinen Schweißfilm bedeckt, der Krieger atmete heftig und stoßweise, wie unter einer großen Anstrengung. Auf Madeleines Stirn glänzten winzige Blutstropfen. Sie saß still und unbewegt wie eine Statue. Die Minuten schienen sich ewig hinzuziehen. Irian, Erk und Markus waren damit beschäftigt, die unentschlossenen Gardisten aus dem Weg zu räumen, ehe sie angriffen. Und die übrigen Beteiligten an dem Ritual weigerten sich nach wie vor beharrlich, die Anwesenheit Fremder überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Geschützt von den Wachen und den Symbolen am Kreis und den Emporen hatten sie das allerdings auch nicht nötig.

Plötzlich bäumte sich Madeleines Körper einmal wie unter einem Schlag auf, dann brach sie zusammen. Blut sickerte aus ihrem Mundwinkel. Ihre Haut wurde noch bleicher als sonst und nahm einen fast bläulichen Schimmer an. James' Hände krallten sich fester um die ihren, aber die Lasombra blieb reglos liegen. William spürte Panik in sich aufsteigen. Etwas war schiefgegangen, das war offensichtlich. Erst recht, als er sah, wie sich Caius' Körper in der Mitte des Pentagramms schwach bewegte und die Augen aufschlug. Schlangenaugen. Wie Madeleine kurz vorher wurde William in diesem Moment klar, womit sie es hier wirklich zu tun hatten. Ein Setit. Und so, wie es aussah, hatte er soeben Madeleine getötet.

 

Madeleine spürte einen scharfen Schmerz, als der Faden riß, der sie an ihren Körper band. Sie verlor kurz die Orientierung, ehe sie feststellte, daß sie sich nach wie vor bewegen konnte. James lag immer noch als Schwert in ihrer Hand, und sein Strang schimmerte kräftig und unversehrt. Caius beachtete sie überhaupt nicht mehr, der Setit bewegte sich auf seinen Körper zu. Grimmig packte Madeleine ihre Waffe fester, wirbelte mit letzter Kraft herum und schlug zu. Die Klinge zerteilte Caius' Faden wie Butter.

Instinktiv war der Lasombra klar, daß sie sich jetzt sofort zurückziehen mußte. Wenn sie jetzt verschwand, würde Caius seinen Körper nie wiederfinden, weil ihm jeder Orientierungspunkt fehlte. Sie spürte, wie James ihr erneut Kraft gab, und schaffte es, sich zum Rand des inneren Kreises zurückzuziehen. Dort verharrte sie, ratlos, was sie als nächstes tun sollte. Sie hatte eine ungefähre Vorstellung davon, in welcher Richtung ihr Körper lag, aber ohne den Silberfaden hatte sie keinen Kontakt zu ihm und konnte nicht in ihn zurückkehren.

Plötzlich leuchtete ihr Schwert auf, dann stand James neben ihr. Er hielt ihre Hand, und Madeleine klammerte sich unwillkürlich an ihm fest. Wenn sie ihn jetzt verlor, das wußte sie, dann konnte sie nichts mehr retten. Der Krieger warf einen Blick zurück, wo Caius noch schwach zu sehen war. Das Gesicht des Setiten war verzerrt als hätte er furchtbare Schmerzen, und seine Gestalt flackerte wie eine Kerzenflamme im Wind.

"Er hat verloren", sagte James. "Jetzt muß hier noch aufgeräumt werden." Er seufzte und sah Madeleine an. Etwas wie Trauer lag in seinem Blick, aber auch eine ruhige Entschlossenheit, das zu tun, was nötig war. "Ich werde dir etwas von meiner Kraft geben, das wird hoffentlich reichen, um dich von hier weg und wieder in deinen Körper zu bringen. Wenn ich es dir sage, dann konzentriere dich darauf, in der materiellen Welt zu erscheinen. Die anderen müssen gewarnt werden. Sag meinem Herrn, daß ich ihm gut gedient habe. Er soll unsere Körper nehmen und laufen, so schnell er kann." Ohne ihre Antwort abzuwarten, berührte er seinen Silberfaden, der daraufhin etwas dünner wurde. Gleichzeitig spürte sie, wie Kraft in sie strömte. Sie konnte nur hoffen, daß es genug war, um die anderen zu erreichen.

 

William schaute starr vor Entsetzen auf Madeleine hinunter. Sie war verwundet, womöglich sogar schon tot, und er konnte ihr nicht helfen. Die Leere in seinem Geist, wo er normalerweise ihre Präsenz spürte, schmerzte wie eine frische Wunde. Der Gedanke, daß sie vielleicht nicht mehr zurückkehren würde, um diese Leere zu füllen, lähmte ihn beinahe. Caius' beginnendes Erwachen und die Erkenntnis, was der Prinz tatsächlich war, berührten ihn kaum.

Plötzlich stieß Caius einen grauenhaften Schrei aus, dann brach er zusammen. Blut strömte aus seiner Nase und seinem Mund. Augenblicke später spürte William, wie etwas seinen Geist berührte. William... Madeleines Stimme, leise und unendlich weit entfernt. Nehmt unsere Körper und seht zu, daß ihr euch in Sicherheit bringt. Hier wird gleich etwas passieren. Beeilt euch! Dann war sie wieder weg.

William bückte sich, ohne lange zu überlegen, und riß James hoch. "Erk! Nimm Madeleine! Wir müssen hier raus, und zwar sofort!" Der Brujah stellte keine Fragen. Er warf sich Madeleine über die Schulter, dann stürzten die vier Kainiten aus dem Saal, so schnell sie konnten.

 

Madeleine zog ihre Präsenz aus der materiellen Welt zurück. Der kurze Kontaktversuch hatte sie bereits wieder erschöpft, aber wenigstens war sie sicher, daß William sie verstanden hatte.

James stand vor ihr, die Augen geschlossen, und schien in sich hineinzulauschen. Dann schlug er die Augen auf und sah sie an. "Du solltest jetzt ebenfalls von hier verschwinden", sagte er und deutete nach oben.

Madeleine hob den Kopf und sah irgendwo über sich ein helles Leuchten, das langsam näher kam. Oder war sie es, die sich auf das Licht zubewegte? Irgendetwas sagte ihr, daß sie in Sicherheit sein würde, sobald sie es erreichte. Gleichzeitig wußte sie, daß sie James nicht wiedersehen würde. Ihre Wege würden sich hier trennen. Es stimmte sie traurig, aber sie spürte, daß ihr die Zeit davonlief. "Leb wohl", sagte sie leise, "und danke." Dann erhob sie sich und glitt auf das Licht zu.

Von unten kam James' Stimme, ruhig und volltönend. "Ihr Hexen, ich rufe euch. Ich kann das Werk hier nicht vollenden, ich habe nicht mehr die Kraft dazu. Aber ich gebe mein Leben dafür, daß ihr das tut, was ich nicht mehr tun kann." Dann begann er, eine lateinische Formel zu rezitieren und Madeleine fühlte, wie sich um ihn herum eine Kraft aufbaute, die sie vernichten würde, wenn sie nicht rechtzeitig wegkam. Sie verdoppelte ihre Anstrengung, und plötzlich schien eine Fessel zu reißen, die sie bisher an den Boden gebunden hatte. Wie ein Pfeil schoß die Lasombra nach oben, auf das Licht zu.

Im nächsten Augenblick hatte sie es erreicht, und endlich sah sie, woher es kam. Vor ihr schwebte Prinz Michael, in seiner ganzen Macht und sichtlich Herr seiner Sinne. Niemals zuvor hatte er mehr Ähnlichkeit mit dem Erzengel gehabt als jetzt, da er sich mit einem gütigen Lächeln zu Madeleine herunterbeugte und sie schützend in seinen Armen barg.

 

Die Ghoule hatten ganze Arbeit geleistet. In der Ritualkammer hatte William kaum mitbekommen, daß von hinten aus den Gängen Verstärkung für die Palastwachen eingetroffen war. Die Templer, Lena, Antonio und Vittorio waren mehr oder weniger angeschlagen, keiner von ihnen, der nicht wenigstens ein paar Kratzer abbekommen hatte. Ausfälle oder wirklich schwere Verletzungen gab es aber keine; im Gang lagen lediglich die Leichen ihrer Angreifer. Als die Ghoule die vier Kainiten aus dem Saal stürmen sahen, warfen sie sich ebenfalls herum und flohen ohne weitere Fragen den Korridor hinunter.

Kurz darauf erreichten sie den Vorraum mit der Trommel. Ohne stehenzubleiben, rannten sie zurück in den Gang, aus dem sie vorhin gekommen waren. Zwei Ecken weiter hatte William schon wieder die Orientierung verloren. Er hatte keine Ahnung, ob dies noch der Weg war, auf dem sie durch das Labyrinth gekommen waren, aber das war im Moment auch nebensächlich. Jetzt ging es nur darum, möglichst viel Abstand zur Ritualkammer zu gewinnen.

Ein ohrenbetäubendes Donnern ertönte irgendwo hinter ihnen, kaum gedämpft durch die dicken Wände des Labyrinths. Die Erde bebte. Staub und Trümmerstücke rieselten von der Decke. Einige der Ghoule strauchelten, aber wie durch ein Wunder wurde niemand verletzt. Als das Grollen langsam verebbte und der Staub sich zu legen begann, erschien irgendwo vor ihnen im Gang ein Licht, ein warmes goldenes Leuchten, das langsam näher kam. Und dann stand Michael vor ihnen. Das Leuchten ging von dem Toreador aus, eine für alle sichtbare Aura seiner Macht. Für einen kurzen Moment glaubte William, Flügel an ihm zu sehen, dann war der Eindruck wieder verschwunden. Was blieb, war ein zeitloses, überirdisch schönes Wesen, das Kraft und Ruhe ausstrahlte und aus klaren blauen Augen fast mitfühlend auf den Ventrue blickte.

"Es ist vorbei", sagte der Prinz. "Eure Gefährten haben Caius besiegt... oder vielmehr, sie haben den besiegt, den ich seit vierhundert Jahren für Caius gehalten habe." Ein wehmütiges Lächeln huschte über sein Gesicht. "Vierhundert Jahre... ich kann diesen Verrat immer noch kaum fassen. Und was mit dem echten Caius geschehen ist, kann ich nicht einmal ahnen." Er schüttelte leicht den Kopf, dann sah er Erk an, der immer noch Madeleine trug. "Leg sie hin", bat er. Der Brujah gehorchte wortlos, William legte James daneben. Michael kniete sich neben den reglosen Körper der Lasombra, dann schien er irgendetwas aus der Luft zu pflücken und berührte Madeleines Stirn damit.

Mit einem Mal fühlte William sich wieder vollständig. Madeleine war zurück, in seinen Gedanken. Für einen Moment schloß er die Augen und genoß einfach nur dieses Gefühl unendlicher Erleichterung. Sie war schwach und kraftlos, offenbar hatte sie sich völlig verausgabt. Sie würde Ruhe brauchen, aber dem endgültigen Tod war sie noch einmal entgangen. Im nächsten Moment spürte er, wie sie einschlief.

"Für euren Freund kann ich leider nichts mehr tun", drang Michaels Stimme zu ihm durch. William öffnete die Augen. Der Prinz hatte sich wieder erhoben und sah mit einer seltsamen Mischung aus Trauer und Respekt auf James herab. "Ihr solltet ihn einem gewissen Priester übergeben, er wird sich seiner annehmen." William nickte wortlos. Er fühlte sich mit einem Mal erschöpft und ausgelaugt, die Erleichterung über Madeleines Rückkehr und die Trauer über James' Tod nahmen ihn gleichermaßen mit. "Folgt mir", sagte Michael. "Ich habe im Palast Zimmer für euch vorbereiten lassen. Ich weiß nicht, ob ihr es gemerkt habt, aber es ist bereits Mittag. Euch jetzt auf den Heimweg zu machen, wäre ungesund." Damit wandte er sich um und ging voraus. William hob vorsichtig Madeleine auf seine Arme und folgte ihm.

 

Als der Ventrue am nächsten Abend erwachte, dauerte es einen Augenblick, bevor er sich erinnerte, wo er war. Er lag in einem prächtigen Bett in einem von Michaels Gästezimmern. Neben ihm schlief Madeleine, was ungewöhnlich war; normalerweise hätte sie seit einer Stunde wach sein müssen. Offenbar hatte der Kampf letzte Nacht sie wirklich die letzten Kraftreserven gekostet.

Gerade, als er aufstehen wollte, rührte sie sich. Einen Moment später schlug sie die Augen auf und sah sich verwirrt um. "Wo sind wir?"

"Im Palast, als Gäste von Prinz Michael", erklärte er und musterte sie besorgt. "Bist du in Ordnung?" Er spürte natürlich, daß sie zwar noch erschöpft und hungrig, aber nicht wirklich verletzt war, trotzdem mußte er einfach fragen. Sie lächelte nur. Er beugte sich zu ihr herab und küßte sie. "Ich glaube, man hat uns bereits das Frühstück serviert", sagte er dann und deutete auf einen Tisch, auf dem zwei Kristallkaraffen standen, deren Inhalt verführerisch duftete. Kainitische vitae, und zwar mächtige. William schlüpfte aus dem Bett, griff nach den Karaffen und reichte Madeleine eine davon.

Als sie beide satt waren, schaute er sie nachdenklich an. "Was ist gestern passiert?" fragte er. Madeleine ließ sich in die Kissen zurücksinken, schloß die Augen und schwieg eine Weile. Dann begann sie zu berichten, von dem Kampf gegen Caius, wie James ihr geholfen hatte, und wie er sich zum Schluß geopfert hatte, um sie in Sicherheit zu bringen und die Ritualkammer zu vernichten. William hörte ihr zu, ohne sie zu unterbrechen. Auch als sie fertig war, sagte er eine ganze Zeitlang nichts. Schließlich seufzte er. "Wir werden noch einmal mit Michael reden müssen", meinte er. "Aber das wird bis später warten müssen. Ich will mich zuerst um James kümmern. Der Prinz hat selbst vorgeschlagen, daß Bruder Matthias sich seiner annehmen soll. Dafür werde ich jetzt sorgen."

"Ich möchte mitkommen", erklärte Madeleine. William nickte nur.

 

Unten im Hof stellten die beiden fest, daß Michael offenbar schon geahnt hatte, wohin ihr erster Weg sie führen würde. In der Nähe des Tors stand ein flacher Wagen, vor den ein prachtvoller Rappe gespannt war. Auf dem Wagen, der mit einem schwarzen Tuch ausgelegt war, befand sich die Totenbahre eines Kriegers. Michaels Diener hatten James' Leiche gewaschen und hergerichtet. Er lag auf der Bahre, sein Schwert in den gefalteten Händen. Auf seinem Gesicht lag ein entspannter, friedlicher Ausdruck, er wirkte fast, als schlafe er nur. In einiger Entfernung standen Markus, Irian, Erk und die Ghoule und warteten. William trat an die Bahre heran und sah einen Moment auf seinen toten Freund herab. Dann griff er nach den Zügeln des Rappen und führte ihn durch das Tor.

Vor der Kathedrale hielt der Zug an. William, Markus, Erk und drei der Templer hoben die Bahre vom Wagen und gingen langsam auf das Kirchentor zu. Madeleine folgte, die anderen gingen hinter ihr. Kurz bevor die Träger das Portal erreichten, trat eine Gestalt aus dem Schatten und stellte sich ihnen in den Weg. Ein Werwolf versperrte ihnen den Zugang.

"Geh aus dem Weg", sagte Markus leise und sah den Garou kalt an. Der wich einen Schritt zur Seite. In diesem Moment wurde hinter ihm das Tor geöffnet und Bruder Matthias trat heraus.

"Man sagte mir, daß Ihr den Verlust eines Freundes zu betrauern habt", sagte er ruhig, ohne den Garou zu beachten. "Tretet ein, es ist alles vorbereitet." Damit wandte er sich um und ging gemessenen Schrittes in die Kirche zurück.

Unten in der Krypta war in der Tat bereits eine Gruft hergerichtet. Kerzen brannten, allerdings hatte der Priester mit Rücksicht auf die Natur der Trauergäste darauf verzichtet, die Weihrauchgefäße anzuzünden. Und auch im weiteren Verlauf der Zeremonie achtete er darauf, den Vampiren nicht zu schaden, ohne, daß er auch nur mit einem Wort auf das Ungewöhnliche dieser Situation eingegangen wäre. Er verhielt sich, als wäre es nicht weiter seltsam, eine Beerdigung in Anwesenheit von Kainskindern und ihren Ghoulen abzuhalten. Er hielt eine lange Predigt, in angemessenem Ton, ohne dabei übetrieben rührselig zu werden, und obwohl er James nicht gekannt hatte, fand er die richtigen Worte. Madeleine stand neben William, der der Zeremonie mit versteinertem Gesicht folgte, und hörte ihm zu. Schlicht, aber würdevoll, war es ein angemessener Abschied für einen Kämpfer, von dem sie wußte, daß er für William mehr ein Freund als ein Diener gewesen war.

Als es vorüber war, gingen sie schweigend nach oben. Als sie am Tor ankamen, wandte sich Markus an William. "Wir müssen noch zu Michael", sagte er leise. "Ich werde Alexis und Elena holen, sie sollten dabei sein." William nickte, und der Gangrel verschwand.

Bruder Matthias trat noch einmal zu den Kainiten. "Auch wenn es sonst kaum einer weiß, mir ist bewußt, daß Ihr diese Stadt gerettet habt." Er machte eine ausholende Handbewegung in Richtung der Häuser, die bei der Vernichtung des Ritualraums beschädigt worden waren. "Das Erdbeben hat einige Zerstörung angerichtet, aber das ist nichts im Vergleich zu dem, was passiert wäre, wenn die Schlangen mit ihrem Vorhaben Erfolg gehabt hätten." Er lächelte etwas wehmütig. "Ich fürchte, es ist ein Teil Eures Fluchs, daß Ihr für Eure Taten nicht mehr als den Dank eines alten Mannes bekommen werdet." Er griff in die Tasche seiner Kutte und reichte William einen kleinen Gegenstand. "Dies ist das einzige, was ich Euch geben kann, mein wertvollster Besitz. Es wird Euch einige Türen öffnen, wenn Ihr auf der Suche nach Wissen seid, ob in Jerusalem oder woanders."

"Ich danke Euch", sagte William. Er machte sich nicht die Mühe, zu fragen, woher Matthias wußte, daß Jerusalem ihr nächstes Ziel war. Der Ventrue betrachtete das Geschenk. In seiner Hand lag ein goldener Ring, auf dessen Oberseite ein Symbol eingraviert war: eine Pyramide mit einem stilisierten Auge darin. "Und ich danke Euch auch für das, was Ihr für James getan habt."

Matthias seufzte. "Er hat sein Leben gegeben, um viele andere Leben zu retten. Meine Oberen in Rom würden mich für meine Ansichten der Ketzerei bezichtigen. Trotzdem glaube ich, daß Euer Freund wieder in den Kreislauf des Lebens zurückkehren wird. Auch wenn das für Euch nur ein schwacher Trost ist." Er nickte ihnen noch einmal zu. "Ich wünsche Euch alles Gute für Euren weiteren Weg. Wohin er Euch auch führt." Damit drehte er sich um und ging in seine Kirche zurück.

Madeleine nahm Williams Hand. "Laß uns zum Palast zurückgehen", sagte sie. "Michael wartet."

 

Es stellte sich heraus, daß nicht nur Michael wartete. Auf dem Thron neben ihm saß Gregorius. Der Thron zur anderen Seite des Toreador war leer, das Triumvirat endgültig zerbrochen. Es fehlte etwas, das war deutlich zu spüren.

Als die alten und die neuen Herren der Villa den Saal betraten, blickten die beiden Prinzen ihnen entgegen. Vor dem Thron sanken die sechs auf die Knie, um sich auf einen Wink Michaels wieder zu erheben. Der Toreador sah jeden einzelnen lange an, ehe er das Wort ergriff. "Vieles ist geschehen in der kurzen Zeit, seit Ihr hier angekommen seid. Freunde sind von uns gegangen, und auch Feinde. Der Bund der Drei, der Konstantinopel regiert hat, ist nicht mehr. Die Zeit des Triumvirats ist vorüber, zumindest vorläufig. Deswegen habe ich beschlossen, daß auch diese Stadt wie viele andere in Zukunft von nur einem Herrscher regiert werden soll." Er machte eine Pause.

Gregorius erhob sich von seinem Thron. Der Malkavianer wirkte völlig ruhig und beherrscht und schien für den Moment vollkommen Herr seiner selbst zu sein. Langsam stieg er von dem Podest herunter und drehte sich zu Michael um. "Ich beuge das Knie vor dem Prinzen", erklärte er, und tat es.

Michael nickte. "Steh auf, mein Freund. Ich werde in Zukunft die Geschicke Konstantinopels allein lenken. Im Fall meiner Abwesenheit wirst du die Regentschaft übernehmen und mit meiner Stimme sprechen. Also", er lächelte leicht, "kannst du dich ruhig wieder auf deinen Stuhl setzen, er wird keinem anderen gehören." Gregorius grinste breit, erhob sich und ließ sich wieder auf seinen Thron fallen. "Was Euch angeht", fuhr Michael fort und sah Markus, Elena und Alexis an, "so seid Ihr hiermit gewissermaßen in Amt und Würden. Eure Erzeuger haben ihre Pflicht getan, jetzt ist die Reihe an Euch. Ihr tragt eine schwere Verantwortung, ich hoffe sehr, daß Ihr ihr gerecht werden könnt." Die drei verneigten sich schweigend und zogen sich einige Schritte zurück. Michael wandte sich an William. "Im Laufe der letzten Wochen sind einige Verwandte von uns gegangen, die in der Stadt wichtige Positionen innehatten. Diese Positionen sind nun frei und müssen neu besetzt werden. Sir William von Tintagel, ich ernenne Euch hiermit zum Primogen des Clans Ventrue. Mir ist bekannt, daß Ihr die Stadt in absehbarer Zeit verlassen werdet. Den Titel werdet Ihr dennoch behalten, und solltet Ihr zurückkehren und feststellen, daß inzwischen ein anderer Euren Platz eingenommen hat, so werde ich dafür sorgen, daß man zu einer Einigung kommt, die alle Seiten zufriedenstellt." William, viel zu überrascht um eine passende Antwort zu finden, konnte sich nur schweigend verbeugen. Ehe ihm etwas einfiel, was er erwidern konnte, sprach Michael schon weiter. "Madeleine de Neuville. Auch das Oberhaupt des Clans Lasombra gehört zu den Opfern der vergangenen Nächte. Deswegen verleihe ich Euch ebenfalls den Titel einer Primogen. In Eurem Fall wird es allerdings keinen anderen geben." Er sah sie eindringlich an. "Ich weiß, daß auch Ihr bald gehen werdet. Niemand wird in Eurer Abwesenheit Anspruch auf Euren Titel erheben. Wenn Ihr zurückkehrt, so werdet Ihr immer noch unangefochten Primogen sein, so lange ich in dieser Stadt herrsche." Madeleine sank in einen tiefen Knicks, ebenso sprachlos wie William. "Irian." Michael lächelte. "Der Primogen der Gangrel weilt noch in unserer Mitte, so daß ich Euch keinen entsprechenden Titel anbieten kann. Mir ist jedoch zu Ohren gekommen, daß Ihr in der Stadt bleiben wollt."

Irian neigte zustimmend den Kopf. "Das werde ich. Ich habe mein Kind um seine Erlaubnis gebeten, im Haus wohnen zu dürfen, und sie bekommen." Ein leicht verlegenes Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Ich kann ihn nicht zurücklassen", sagte sie leise.

Michael nickte. "Ich bin sicher, wir werden im Einvernehmen mit Baron Feroux eine Lösung finden", sagte er. Dann erhob er sich. "Ihr seid Eurer Pflichten entbunden. Bleibt in Konstantinopel, so lange Ihr wollt, und wenn Ihr geht, dann geht in dem Wissen, daß Ihr hier stets willkommen sein werdet." Damit nickte er ihnen noch einmal zu, dann zog er sich mit Gregorius zurück.

Schweigend verließen die sechs den Saal. "Primogen", murmelte Madeleine draußen fassungslos.

William grinste sie an. "Primogen", bestätigte er.

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