Kapitel 24
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Sir William von Tintagel zügelte sein Pferd auf einer Hügelkuppe. Einen Augenblick später war Madeleine an seiner Seite und sah ebenfalls nach unten. "Jerusalem", sagte sie.

Er nickte. "Wir sind da." Der Ventrue sah sich nach dem Rest ihrer Reisegruppe um. Vor viereinhalb Monaten waren sie von Konstantinopel aufgebrochen: er selbst, Madeleine, Angélique, die Ghoule sowie Theresa und Rosa, zwei Mädchen aus dem Blauen Salon. Es hatte Lady Elena nicht besonders gefallen, daß sie sich eine neue Zofe suchen mußte, aber Angélique war von Anfang an Williams Begleiterin gewesen und er war nicht geneigt gewesen, sie zurückzulassen.

Bei einem Überfall in den anatolischen Bergen hatten sie Theresa verloren. Räuber hatten tagsüber angegriffen, und es war nur Antonios schneller Reaktion zu verdanken gewesen, daß die Verluste nicht größer gewesen waren. Angélique war von einem herabgeworfenen Felsbrocken der rechte Arm gebrochen worden. In der kleinen Gruppe war niemand gewesen, der den Bruch so richten konnte, daß er wieder gerade zusammengewachsen wäre. Ganz abgesehen davon, daß sie sehr schmerzhaft war, war eine derartige Verletzung auf einer Reise durch unwegsames und gefährliches Gebiet ein Risiko. Da es mitten in der Wildnis auch keinen Heilkundigen gab, der sie angemessen hätte versorgen können, hatte William ihr angeboten, sie zu seinem Ghoul zu machen, damit sie seine vitae benutzen konnte, um sich zu heilen. Er hatte schon länger mit dem Gedanken gespielt, und Angélique war auch nicht wirklich überrascht gewesen, als er ihr den Vorschlag gemacht hatte. Sie hatte das Angebot angenommen und schien mit ihrer neuen Rolle mehr als zufrieden.

Kurz darauf waren sie auf einen Nomadenstamm getroffen, der hinter den Kulissen von dem merkwürdigsten Ravnos beherrscht wurde, den die beiden je getroffen hatten. Er hatte ihnen klargemacht, daß sie mit Kutsche und Gepäck hier im Gebirge ein zu gutes Ziel für Angriffe waren, und ihnen angeboten, ein Stück weit mit seinem Stamm zu reisen. Schweren Herzens hatten sie die Kutsche mit allem, was entbehrlich gewesen war, verbrannt und seinen Vorschlag angenommen. Im Nachhinein hatte sich das als durchaus kluge Entscheidung erwiesen, und sowohl die Kutsche als auch die verlorenen Kleider würden sich problemlos ersetzen lassen.

Schließlich hatten sie Aleppo erreicht und waren nach einem kurzen Eindruck der unter den dort ansässigen Verwandten herrschenden politischen Verhältnisse umgehend wieder abgereist. Die Erinnerung an die Intrigen, in die sie in Konstantinopel hineingezogen worden waren, saß noch zu tief, als daß sie gewillt gewesen wären, in Aleppo Ähnliches zu riskieren. Sie beschlossen, Damaskus ganz zu umgehen, stattdessen an der Küste entlang weiterzureiten und erst möglichst spät Richtung Jerusalem ins Landesinnere abzubiegen. Zeit hatten sie mehr als genug, und so wurde dieser Teil der Reise auch nicht besonders anstrengend. Sie zogen von einem Fischerdorf zum nächsten, blieben gelegentlich ein paar Nächte und reisten weiter, ehe die seltsamen Angewohnheiten der Gäste bei den Einheimischen allzugroßes Mißtrauen auslösten.

Madeleine hatte diese Wochen genossen wie selten etwas zuvor. Sicher, sie hatte sich sehr an die Annehmlichkeiten der Villa in Konstantinopel gewöhnt und vermißte gelegentlich ein warmes Bad und ein weiches Bett, aber die Ruhe, die sie hier hatte, wog das mehr als auf. Sie verbrachte ganze Nächte damit, mit Lord Baskerville Schach zu spielen oder sich mit ihm zu unterhalten, mit William am Strand spazieren zu gehen und stundenlang mit ihm über alles mögliche zu reden oder einfach nur schweigend seine Nähe zu genießen. Der Ventrue hatte in Konstantinopel viel verloren: seine Frau, seinen Ghoul, seinen besten Freund. Toranaga war seit Morpheus' Ende nicht wieder aufgetaucht, und William hütete die Bruchstücke der beiden Katanas und das unversehrte Wakizashi wie seinen kostbarsten Schatz. Auch Irian, die ihn seit seinem Aufbruch aus England begleitet hatte, war nicht mehr da, und obwohl die Gangrel sich während der letzten Wochen in Konstantinopel mehr und mehr von den beiden anderen zurückgezogen hatte, fehlte sie ihnen irgendwie. Madeleine spürte die Traurigkeit, die William gelegentlich überkam, wenn er wieder an früher dachte, und versuchte, ihm durch ihre Anwesenheit etwas Trost zu geben. Ihr war bewußt, daß sie das nicht wirklich konnte, aber immerhin schien er sich im Laufe der Wochen mehr oder weniger mit dem Geschehenen abzufinden.

 

Es war der 19. Dezember 1156, als sie schließlich Jerusalem vor sich liegen sahen. "Wir sollten nicht sofort in die Stadt reiten", meinte Madeleine. "Wir kennen uns nicht aus, da wäre es geschickter, vorsichtig zu sein. Laß uns heute in einem der Dörfer Quartier suchen und morgen früh die Ghoule auf Erkundung schicken."

William nickte. "Klingt vernünftig." Er richtete sich im Sattel auf und spähte in die Dunkelheit. "Da drüben scheint so etwas ähnliches wie ein Dorf zu sein, probieren wir es dort."

Die Siedlung entpuppte sich als Ansammlung von einem halben Dutzend Häusern und etwa doppelt sovielen Zelten. Das Ganze schien der Überrest eines Heerlagers aus dem letzten Kreuzzug zu sein. Als die Reisenden langsam näherritten, erkannten sie kleine Grüppchen von Leuten, die vor den Zelten an Feuern saßen. In den Häusern war teilweise auch noch Licht zu sehen. Die Männer an den Feuern hoben die Köpfe und musterten die Fremden abschätzend. William von Baskerville und William von Tintagel waren auf den ersten Blick als Ritter zu erkennen, und die waren hier nicht so selten. Madeleine in ihrer japanischen Rüstung erntete dagegen einige merkwürdige Blicke. Antonio, Vittorio und Lena waren so offensichtlich Kämpfer, wie die übrigen Frauen keine waren. Man behielt die Ankömmlinge wachsam im Auge, aber niemand trat ihnen in den Weg oder sprach sie auch nur an.

Als sie an einem der Häuser ankamen, öffnete sich dort die Tür, und ein alter Mann trat heraus. Er war nicht besonders groß, vielleicht einen halben Kopf größer als Madeleine, aber er strahlte eine Autorität aus, die selbst für die Fremden deutlich spürbar war. Außerdem bemerkten die beiden Kainiten sofort, daß der Mann gefährlich war. Woran er auch immer glauben mochte, er tat es mit einer Überzeugung, die den beiden selbst auf diese Entfernung beinahe Schmerzen verursachte. Begleitet wurde er von drei Leibwächtern, die sich beim Anblick der Reisenden sofort zwischen diese und den Alten schoben. Der wiederum würdigte die Gruppe kaum eines Blickes, sondern eilte mit raschen Schritten den Weg entlang und verschwand schließlich in einem der anderen Häuser.

Kaum war der Alte weg, als sich die Tür erneut öffnete. Dahinter erschien ein kleiner, dicker Mann von vielleicht dreißig Jahren, dem Aussehen nach ein Araber. Er warf dem Alten einen ärgerlichen Blick hinterher, ehe er sich mit einem freundlichen Lächeln an die Reisenden wandte. Hinter ihm tauchte ein deutlich größerer Mann mit dunkler Haut auf. Er hatte den durchtrainierten Körper eines Kriegers, und seine sparsamen Bewegungen verrieten seine Erfahrung. Er baute sich hinter dem Kleinen auf und musterte die Fremden ruhig, aber wachsam.

Während der Kleine William in gebrochenem Latein ansprach, standen seine Augen keinen Moment still - sie huschten über die Gruppe, taxierten sie und schienen innerhalb von Sekunden den Wert jedes einzelnen Gegenstands zu kalkulieren, den die Fremden bei sich trugen. Unangenehmer Kerl, fand Madeleine, und William mußte ihr rechtgeben.

"Guten Abend. Ihr wollt wohnen in Haus? Ihr seid willkommen."

William lächelte höflich. "Guten Abend. Wir suchen in der Tat eine Unterkunft", antwortete er auf Arabisch.

Das Gesicht seines Gegenübers erhellte sich. "Ah, ein zivilisierter Mann, welch eine Freude", erwiderte er. "Es wird mir eine Ehre sein, Euch in meiner Herberge zu bewirten. Wenn Ihr Eure Pferde im Stall abstellen wollt?"

Kurze Zeit später saßen alle auf bequemen Kissen um einen niedrigen Tisch herum. Das Innere des Hauses war deutlich komfortabler eingerichtet als die groben, aus Lehmziegeln gebauten Mauern hätten vermuten lassen. Bunte Tücher hingen von den Wänden und der Decke, und dicke Teppiche bedeckten den Boden. Es war angenehm kühl im Haus, trotz der Kerzen und Öllampen, die Licht spendeten. Der Hausherr erkundigte sich nach den Wünschen seiner Gäste und ließ Wasser bringen.

"Nun, die Herrschaften, was führt Euch nach Jerusalem? Ihr scheint von weit herzukommen?"

Beschäftige ihn, dachte Madeleine. Ich werde mir inzwischen seine Gedanken anschauen. Aus dem, was er uns erzählt, und dem, was er nicht erzählt, sollten wir so ungefähr alles herausbekommen, was wir wissen wollen.

Mit Vergnügen, antwortete William und ließ sich von seinem Gegenüber in ein Gespräch verwickeln. Madeleine hielt sich im Hintergrund, nippte an ihrem Wasserbecher und las in den Gedanken des Mannes wie in einem Buch. Der Kerl war ein Händler, der die Herberge nur nebenbei führte, und aus seinen Gedanken wurde das sehr deutlich.

Europäer, und anscheinend noch nicht lange in der Gegend... die kennen sich ja wirklich gar nicht hier aus, hervorragend. Die nehme ich aus bis aufs Hemd... Die Kleine ist gar nicht übel, und gut erzogen. Hält den Mund und lächelt ab und zu mal nett... Die würde ich gerne aus ihrer merkwürdigen Rüstung auspacken...

Man sollte vorsichtig sein, was man sich wünscht, kommentierte William, der mithörte. Man könnte es bekommen.

Wenn der Kerl etwas weniger widerwärtig wäre, vielleicht, antwortete Madeleine. Aber so... du hast nicht gesehen, wie er sich das genau vorstellt. So etwas esse ich nicht. Die Lasombra schüttelte sich in Gedanken.

Im Laufe der nächsten Stunden erfuhren sie einige interessante Dinge über die Zustände in der Stadt. Jerusalem befand sich zur Zeit unter christlicher Herrschaft. Der König war ein Franke namens Philippe du Mac, "ein weiser und gerechter Herrscher", wie der Araber versicherte (...ein schlimmerer Halsabschneider als dieser Wucherer von einem Rabbi, und das will etwas heißen), der in der Stadt für Ordnung sorgte (sollte man auch hoffen, bei den Steuern, die er einzieht). Er beschrieb recht anschaulich die politische Lage und nannte die Namen einiger einflußreicher Adliger.

Irgendwann allerdings merkte William, daß ein Punkt erreicht war, an dem mit unauffälligen Mitteln nicht mehr aus ihrem Gastgeber herauszuholen war. Der Mann schien der Meinung zu sein, daß genauere Auskünfte ihren Preis haben sollten, und begann sich auch allmählich über die Neugier seiner Besucher zu wundern. Nach kurzem Zögern beschloß William, etwas nachzuhelfen. Er setzte sich ein wenig aufrechter hin und lächelte seinen Gegenüber freundlich an. Im selben Moment spürte Madeleine, wie er seine übernatürlichen Fähigkeiten spielen ließ. Sie war auf den Effekt gefaßt gewesen; schließlich wendete sie selbst gelegentlich die selben Methoden an. Worauf sie allerdings nicht gefaßt gewesen war, war die Wirkung, die der Ventrue diesmal auf sie hatte. William war ein durchaus attraktiver Mann, das war unbestreitbar, nur ging ihr in diesem Moment gerade auf, wie attraktiv er eigentlich war. Sie rückte halb unbewußt ein wenig näher an ihn heran.

Huch, vernahm sie seine Stimme in ihrem Kopf. Du warst eigentlich gar nicht damit gemeint. Er klang belustigt. Ich wollte dich nicht ablenken.

Dafür ist es dir aber hervorragend gelungen, gab sie zurück. Sie wußte natürlich, was er tat, und hätte sich auch ohne allzu große Anstrengung dagegen wehren können. Bei jedem anderen hätte sie das auch getan, aber William war natürlich etwas anderes. Keine Sorge, ich höre ihm noch zu... jedenfalls so einigermaßen. Aber das, was du da machst, ist wirklich nicht gut für meine Konzentration. Sie schien sich darüber zu amüsieren.

Auch ihr Gastgeber war sichtlich beeindruckt. Es bereitete William keine Mühe mehr, das Gespräch in die gewünschte Richtung zu lenken, und er erfuhr noch einige interessante Dinge. "Noch ein Rat unter Freunden", sagte der Händler gerade, als Madeleine es endlich wieder schaffte, sich auf ihn zu konzentrieren. "Falls Ihr einmal Schwierigkeiten mit den Leuten in der Zitadelle haben solltet, mit dem König oder seinen Truppen... in der Nähe der Grabeskirche gibt es ein Kloster, dort seid Ihr vor ihnen sicher. Die Brüder dort gewähren allen Asyl, die es brauchen. Sie erwarten dafür zwar, daß man sich an ihre Gottesdienste hält, aber das ist ein geringer Preis für ein wenig Sicherheit. Die Männer des Königs holen aus diesem Kloster niemanden heraus." Das hat mir mehr als einmal meine Hand gerettet, dachte er dabei. "Und falls Ihr im jüdischen Viertel einmal Probleme haben solltet... es gibt dort eine Dame, die Euch weiterhelfen kann. Ihr Name ist Samia, und sie wird von allen dort sehr respektiert." Interessanterweise empfand er bei dem Gedanken an diese Frau selbst so etwas ähnliches wie Hochachtung, auch wenn er nichts näheres über sie wußte.

Schließlich reckte ihr Gastgeber sich und gähnte herzhaft. "Verzeiht, mein Freund, aber die Nacht ist fortgeschritten und ich bin müde. Ihr werdet Euch ebenfalls zurückziehen wollen."

In der Tat, meinte Madeleine, die immer noch Williams Ausstrahlung spürte. Der Mann hat da vorhin etwas von einem Zimmer erwähnt...

William grinste innerlich, nach außen beherrschte er sich perfekt. "Allerdings, das wäre eine gute Idee. Wir haben eine anstrengende Reise hinter uns."

Der Händler klatschte kurz in die Hände, worauf eine ausgesprochen hübsche junge Frau erschien. "Zeig den Herrschaften ihr Quartier", befahl er. An William gewandt, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu: "Solltet Ihr noch weitere... Wünsche haben, ist das kein Problem. Ihr braucht nur zu fragen." Und zu zahlen, fügte er in Gedanken hinzu. Madeleine hätte seine Gedanken nicht lesen müssen, um zu wissen, von welcher Art von Wünschen er redete.

"Danke, das wird nicht nötig sein", antwortete William gelassen.

Als sie aufstanden, warf Madeleine einen nachdenklichen Blick auf den schwarzen Leibwächter, der die ganze Zeit unbewegt wie eine Statue hinter seinem Herrn gestanden hatte. Irgendetwas an seiner Haltung machte sie neugierig, und aus einem Impuls heraus tastete sie nach seinen Gedanken. Es überraschte sie nicht wirklich, daß sein Geist um einiges schwieriger zu greifen war als der seines Herrn. Der Krieger hatte seine Gedanken perfekt unter Kontrolle, und die Lasombra konnte sie nicht deutlich erkennen. Alles, was sie mitbekam, war eine permanente Anspannung, von der allerdings nichts nach außen drang. Der Mann war gefährlich, sein Herr jedoch sah in ihm lediglich ein nützliches Werkzeug. Madeleine fragte sich, warum der Schwarze sich das gefallen ließ; irgendetwas an ihm verriet ihr, daß er mehr war als nur ein einfacher Diener oder Söldner. Ehe sie jedoch genauer nachforschen konnte, wandte er sich ab und folgte dem Händler, der sich gerade von einigen Dienern in einem Sessel wegtragen ließ. Außerdem wurde ihr gerade wieder bewußt, daß William neben ihr stand und ihr seinen Arm anbot, und daß die Wirkung seiner Ausstrahlung immer noch nachklang. Sie bedachte den Ventrue mit einem Lächeln, das ihm ein wenig die Knie zittern ließ, nahm seinen Arm und folgte der Dienerin mit ihm zum Gästezimmer.

 

Als sie am nächsten Abend aufwachte, saß William von Baskerville neben ihrem Bett. Madeleine blinzelte verschlafen. "Guten Abend", sagte sie und lächelte. "Was ist denn mit Francesca?"

Baskerville erwiderte das Lächeln und küßte sie. "Die beiden Erkundungstrupps sind noch nicht zurück", sagte er dann. "Wir rechnen aber damit, daß sie jeden Moment ankommen."

Madeleine runzelte leicht die Stirn. "Sie wollten doch kurz nach Tagesanbruch schon los. Ich hoffe, es ist nichts passiert."

Baskerville strich ihr beruhigend über die Wange. "Mach dir keine Sorgen", sagte er. "Dazu ist vielleicht Grund, wenn sie nach Einbruch der Dunkelheit immer noch nicht da sind, aber nicht vorher."

"Du hast wahrscheinlich recht", erwiderte sie und reckte sich. Dann sah sie ihn an. "Hast du etwas dagegen, wenn ich frühstücke?" fragte sie leise.

"Wenn du von jemand anderem frühstückst, schon", meinte er augenzwinkernd und beugte sich zu ihr herunter.

 

Eine halbe Stunde später klopfte es an der Tür. Caterina erschien, und es war ihr deutlich anzusehen, daß der Rückweg aus der Stadt kein gemütlicher Spaziergang gewesen war. Die Zofe knickste. "Guten Abend, Madame. Entschuldigt bitte die Verspätung, aber die Straßen waren schrecklich verstopft..."

Madeleine winkte ab. "Schon gut. Setz dich, komm erst einmal wieder zu Atem, und dann erzähle mir, was ihr herausgefunden habt. Sind Giovanni und Francesca auch zurück?"

Caterina schüttelte den Kopf und ließ sich dankbar auf einen Stuhl fallen. Sie war zusammen mit Angélique den ganzen Tag unterwegs gewesen, um sich in der Stadt umzusehen, und offenbar hatten sich die beiden unterwegs keine Pause gegönnt. "Nein, und bei dem Chaos, das in der Stadt herrscht, ist es auch kein Wunder, daß wir ihnen unterwegs nicht begegnet sind. Jerusalem mag klein sein im Vergleich zu Konstantinopel, aber man merkt, daß nur noch ein paar Tage bis Weihnachten sind. Die Stadt ist voll mit Pilgern, und auf den Straßen kommt man kaum durch. Allerdings..." Sie gestattete sich ein stolzes Lächeln und zog ein Pergament aus dem Ärmel. "Wir haben das hier gefunden", erklärte sie und strich das Blatt auf dem Tisch glatt.

Madeleine beugte sich darüber und erkannte einen groben Stadtplan. "Ausgezeichnet", lobte sie. "Dann führe mich mal durch die Stadt."

Caterina nickte und gab der Lasombra in kurzen Sätzen einen Überblick. Es gab vier Stadtviertel, die mehr oder weniger scharf voneinander getrennt waren: ein christliches im Nordwesten, in dem sich auch die Zitadelle befand, wo der König residierte, ein islamisches im Nordosten, ein jüdisches im Südosten, zu dem der Tempelberg gehörte, und ein armenisches im Südwesten. "Dieses Haus hier könnte Euch interessieren", sagte sie und deutete auf einen Punkt nördlich des Tempelbergs, direkt neben dem Tor, das in den abgegrenzten Bezirk hineinführte. "Wir sind uns nicht völlig sicher, glauben aber, daß da drin etwas vor sich geht, was mit Magie zu tun hat. Angélique meint, es könnte so eine Art Magierschule sein. Vielleicht sollte sich dort bei Gelegenheit jemand umschauen, der Magie sehen kann."

Madeleine nickte. "Durchaus interessant, in der Tat. Weiter?"

"Was wir noch herausgefunden haben..." fuhr Caterina fort und deutete auf ein paar Markierungen, die sie und Angélique selbst eingetragen hatten. "Das hier sind Zugänge zu den Katakomben. Der Fels unter Jerusalem ist durchlöchert wie ein Schwamm. Die Gräber werden allerdings nicht mehr benutzt; es gibt außerhalb der Stadtmauern drei Friedhöfe. Einen christlichen im Süden, einen jüdischen im Osten und einen islamischen im Westen. Unbewohnt ist der Untergrund aber ganz sicher nicht, wir haben Ghoule da gesehen. Tierische Ghoule."

Madeleine nickte nachdenklich. "Alles andere hätte mich auch gewundert", murmelte sie. Ein erneutes Klopfen unterbrach sie. Auf ihre Aufforderung trat Francesca ein, die ein etwas schuldbewußtes Gesicht machte. Madeleine seufzte erleichtert. "Gut, daß du da bist, ich hatte mir schon Sorgen gemacht", gestand sie. "Ist alles in Ordnung?"

Francesca errötete leicht. "Ja, uns ist nichts passiert. Wir haben nur die Zeit etwas unterschätzt, die wir für den Rückweg brauchen würden... oh, was ist das denn?" Sie deutete auf die Karte. "Hervorragend, das erleichtert den Bericht." Sie nahm einen Kohlestift und begann, einige Gebäude einzuzeichnen. "Das hier", erklärte sie, "sind Herbergen, die für Reisende von Stand angemessen wären. Mit den übrigen haben wir erst gar nicht unsere Zeit verschwendet. Wir haben uns in einigen davon umgesehen und in dieser hier", sie deutete auf eine der Markierungen, "Arrangements für eine Unterkunft getroffen. Übrigens wäre es geschickt, die Pferde hier vor der Stadt zu lassen. So voll, wie die Straßen sind, kommt man beritten noch schlechter voran als zu Fuß, und Ställe scheinen auch Mangelware zu sein."

"Gut zu wissen", sagte Madeleine. "Sonst noch etwas?"

"Ja, wir haben uns in der Grabeskirche umgesehen", begann Francesca, wurde aber von einem herzhaften Gähnen aus dem Bett unterbrochen.

"Guten Abend, allerseits. Findet hier eine Versammlung statt?" erkundigte sich William.

"So könnte man es nennen", erwiderte Madeleine und faßte zusammen, was sie bisher erfahren hatte.

"Im Inneren der Kirche gibt es einen Zugang nach unten in die Kellergewölbe", nahm Francesca schließlich den Faden wieder auf. "Er wird von Templern bewacht, und irgendetwas an ihnen war merkwürdig. Wir konnten leider nicht herausfinden, was es genau war. Giovanni meinte, wenn er in dieser Kirche versucht hätte, irgendwelche Auren zu lesen, wäre er vermutlich blind geworden, so sehr ist dort alles von Glauben durchdrungen. Wir nehmen an, daß Ihr Euch der Kirche vielleicht auf einen Steinwurf nähern könnt, aber wahrscheinlich nicht mehr."

"Das war zwar zu erwarten, ist aber trotzdem nicht gut", murmelte William. "Wenn wir die Prophezeihung der Hexe richtig interpretiert haben, müssen wir da hinein." Madeleine erinnerte sich an die Begegnung mit der Alten im Wald südlich von Bologna und schauderte. Die Hexe hatte eindeutig zuviel über die Geschwister und den Zweck ihrer Reise gewußt; Dinge, von denen eigentlich niemand auch nur etwas ahnen sollte. Sie hatte einige kryptische Hinweise von sich gegeben, die die Geschwister nach langem Überlegen dahingehend interpretiert hatten, daß das Ritual mit der Gralskopie in der Grabeskirche stattfinden mußte. Der Zeitpunkt, das wußten sie, war im nächsten Jahr zur Wintersonnenwende, wo auch eine Mondfinsternis stattfinden sowie eine bestimmte Sternkonstellation eintreten sollte. Mit anderen Worten, sie hatten noch fast auf den Tag genau ein Jahr Zeit, um einen Weg zu finden, wie sie die Grabeskirche betreten konnten ohne dabei zu Staub zu zerfallen.

William sah neugierig auf den Plan herab. "Was ist das hier?" fragte er und deutete auf ein Haus im arabischen Viertel, das Francesca gesondert markiert hatte.

"Ein Wohnhaus", erwiderte sie. "Es fiel uns auf, weil es oben auf dem Dach so ein seltsames Zeichen hat. Giovanni sagte, er hätte das selbe Zeichen bei Euch gesehen, auf einem Ring."

William zog den Ring hervor, den er von Bruder Matthias bekommen hatte. "Dieses Zeichen?"

Francesca nickte. "Ja, genau. Wir haben uns das Haus nicht näher angesehen, aber wir dachten, das könnte Euch interessieren."

"Allerdings", bestätigte William. "Ihr habt gute Arbeit geleistet. Ich denke, wir sollten dann auch bald aufbrechen, damit wir nicht allzu spät in der Stadt ankommen und den falschen Leuten auffallen." Er rief nach Lena, um zu frühstücken.

Madeleine und ihre Ghoule ließen ihn dafür taktvollerweise allein. Im Hinausgehen sagte Lord Baskerville leise zu ihr: "Übrigens habe ich interessante Dinge über diesen schwarzen Leibwächter erfahren. In dem Mann steckt mehr, als man ihm ansieht. Er ist hochgebildet, ein Prinz, allerdings von seinen Leuten verstoßen. Ein Fluch war da wohl auch im Spiel..."

Madeleine sah ihn erstaunt an. "Du hast dich mit ihm unterhalten?"

Baskerville schüttelte lächelnd den Kopf. "Das war nicht nötig, schließlich hast du mir beigebracht, wie man Fragen stellt."

"Ahja", murmelte sie nachdenklich. "Ich gebe zu, du machst mich neugierig. Könntest du mir unauffällig eine Stelle zeigen, an der man gut... Fragen stellen kann?"

Er verneigte sich und bot ihr den Arm. "Mylady."

Im Erdgeschoß geleitete er sie zu der Sitzgruppe, wo sie gestern Abend schon gesessen hatten. Madeleine ließ sich auf einem der Kissen nieder und stützte sich wie beiläufig mit der Hand auf einem Fleck ab, den Baskerville ihr zeigte. Dann konzentrierte sie sich auf den Schwarzen und versuchte, etwas über seine Vergangenheit zu erfahren.

Im nächsten Moment stürzte eine Flut von Bildern auf sie ein. Innerhalb von Sekunden erfuhr sie seine komplette Lebensgeschichte. Er war in der Tat ein Prinz, der Sohn eines Königs irgendwo weit im Süden, allerdings unehelich geboren. Er hatte es geschafft, von seinem Vater anerkannt zu werden, was Jahre gedauert hatte. Schließlich hatte er geheiratet, ein Kind war da wohl auch gewesen. Es folgte eine Sequenz, die nicht ganz so klar zu erkennen war, irgendetwas furchtbares war passiert, aber Madeleine erfuhr nicht, was es gewesen war. Der letzte Teil der Vision war dann allerdings wieder überdeutlich. Die Lasombra sah das schrecklich entstellte Gesicht einer alten Frau, die offenbar an Lepra erkrankt war. Die Alte war außer sich vor Zorn und schleuderte dem Prinzen einen Fluch entgegen: "Du sollst für den Rest deines Lebens dem Abschaum der Händlerzunft dienen und von ihnen wie Dreck behandelt werden. Du wirst der niedrigste unter ihren Dienern sein, und von einem unwürdigen Herrn zum nächsten weitergereicht werden. Dein Leben wird lange währen, und nicht einmal der Tod wird für dich eine Erlösung sein, denn du wirst ins Nichts gehen, ohne Hoffnung auf das Paradies oder Wiedergeburt." Madeleine war fassungslos, als sie das mit ansah. Sie hielt die Vision vor ihrem geistigen Auge fest, als sie ihr zu entgleiten drohte. Es mußte doch eine Möglichkeit geben, diesen Fluch zu brechen... Gleich darauf sah sie, daß der Tod tatsächlich der einzige Ausweg für den Krieger war. Und der Fluch war mächtig genug, ihn auch noch darüber hinaus zu verfolgen. Die Lasombra erkannte mit absoluter Sicherheit, daß nicht einmal Kains Blut ihn dazu bringen würde, wieder aufzustehen, wenn er einmal starb. Dieser Mann würde niemals zum Vampir werden.

Betroffen löste Madeleine sich aus dem, was sie gesehen hatte. Baskerville musterte sie besorgt, aber sie schüttelte nur stumm den Kopf. Was auch immer der Schwarze getan haben mochte, sie konnte sich nicht vorstellen, daß er ein derartiges Schicksal verdient hatte. Sie zerbrach sich den Kopf, ob es nicht doch eine Möglichkeit gab, ihm zu helfen, als plötzlich ein Schatten über sie fiel. Die Lasombra hob den Kopf und sah den Krieger vor sich stehen. Er blickte mit unbewegter Miene auf sie herab, aber die Stimme, mit der er sie ansprach, klang nicht unfreundlich.

"Es gibt keinen Ausweg", sagte er leise. "Das, was Ihr seid, kann ich nicht werden."

Madeleine sah ihm in die Augen. "Ihr seht sehr viel", stellte sie fest.

Ein kurzes Lächeln huschte über seine Züge. "Das tue ich. Und ich habe meine Beobachter." Er deutete zum Fenstersims. Dort saß der Falke, den William sich in Konstantinopel zugelegt und zu seinem Ghoul gemacht hatte, und balzte eifrig mit einem Falkenweibchen. "Euer kleiner Freund ist ziemlich geschwätzig."

"Ich verstehe", murmelte sie, und ihre Achtung vor dem Schwarzen wuchs.

"Ihr habt gesehen, was mein Schicksal ist. Ihr könnt mir nicht helfen. Wenn mir diese Möglichkeit offen stünde, glaubt mir, ich würde sie nutzen. Aber ich danke Euch für Euer Mitgefühl. Mehr könnt Ihr nicht für mich tun." Er verneigte sich leicht vor ihr, drehte sich um und verschwand hinter einem Vorhang.

Madeleine sah ihm nach, dann wandte sie sich an Baskerville, der sie immer noch besorgt anschaute. Sie lächelte traurig. "Ich wünschte wirklich, ich könnte ihm helfen", sagte sie leise. "Aber ich fürchte, er hat recht." Sie seufzte. "William kommt", stellte sie fest. "Wir sollten aufbrechen."

 

Der Händler hatte sie gewarnt, daß es nach Sonnenuntergang nicht ganz einfach, oder vielmehr, nicht ganz billig sein würde, in die Stadt zu kommen. Er hatte offenbar nicht übertrieben. Als die Reisenden am Tor ankamen, das direkt ins christliche Viertel der Stadt führte, traten ihnen Soldaten in den Weg. Die Männer trugen blaue Wappenröcke mit dem Zeichen des Königs. "Wer da?"

"Reisende, die Schutz in der Stadt suchen", antwortete William.

"Reichlich spät, um noch unterwegs zu sein", fand der Offizier.

"Verzeiht, Sir", schaltete sich Giovanni ein und schob sich an seinem Herrn vorbei. "Vielleicht sollte ich mich darum kümmern. Herr Hauptmann, auf ein Wort." Er nahm den Offizier beiseite und redete auf ihn ein. Kurz darauf wechselte etwas Geld den Besitzer.

"Alles in Ordnung", erklärte der Offizier, als sie zurückkamen. "Ich habe den Passierschein der Herrschaften gesehen. Macht das Tor auf."

"Der Kerl ist ein Ghoul", sagte Giovanni leise, als sie durch das Tor hindurch waren. William nickte, er hatte es ebenfalls bemerkt. "Er sagte, Ihr sollt Euch morgen Abend in der Zitadelle melden, heute wäre es aus irgendwelchen Gründen unpassend."

"Die Zitadelle, interessant", meinte der Ventrue. "Ob der König selbst...? Nein, das wäre zu riskant. Er ist vermutlich eine Strohpuppe für den wahren Herrscher der Stadt."

Giovanni führte sie zu der Herberge, die er und Francesca ausgesucht hatten. Das Haus machte keinen besonders reichen, aber einen sauberen und soliden Eindruck. Francesca hatte erzählt, daß der Wirt durchaus in der Lage war, in seinem Haus für Ordnung zu sorgen. Sie vermutete, daß er ein ehemaliger Kreuzfahrer war, der sich hier niedergelassen hatte. Jedenfalls bewahrte er unter der Theke einen Zweihänder auf, den er sein "Gerichtsurteil" nannte, und der ihm bei Dieben, Zechprellern und sonstigem Gesindel einen gesunden Respekt verschaffte.

Im Schankraum herrschte Hochbetrieb. Es war noch recht früh am Abend, und die Taverne war gut besucht. Giovanni bahnte sich einen Weg zur Theke, gefolgt von den anderen. Schließlich gelang es dem Ghoul, die Aufmerksamkeit des Wirts auf sich zu lenken, und der Mann kam herüber. "Ah, guten Abend, da seid Ihr ja wieder. Wie ich sehe, habt Ihr die Reisegesellschaft mitgebracht, die Ihr erwähntet?"

"Ja, wir benötigen Unterkunft für elf Personen", erwiderte der Ghoul. "Wenn ich vorstellen darf: Lord William von Baskerville, Sir William von Tintagel, und Madeleine de Neuville."

Der Wirt verneigte sich. "Es ist mir eine Ehre. Ich habe leider nur ein Zimmer für Gäste. Es steht selbstverständlich Eurer Lordschaft zur Verfügung, die anderen Herrschaften werden sich den Schlafsaal teilen müssen. Ich werde allerdings dafür sorgen, daß Ihr dort ungestört seid."

Baskerville schüttelte den Kopf. "Ich danke Euch, aber ich bin als Pilger in dieser Stadt. Ich werde mit meinen Leuten im Schlafsaal nächtigen und das Zimmer diesen beiden Herrschaften überlassen."

Der Wirt hob die Schultern. "Wie Ihr wünscht. Johanna!" Eine hübsche junge Frau eilte heran. "Führ die Herrschaften bitte nach oben und sieh, daß sie alles haben, was sie brauchen."

"Natürlich, Vater. Hier entlang, bitte."

Das Gästezimmer war nicht besonders groß, aber ausreichend und ordentlich. Als Besonderheit verfügte es sogar über ein Schloß an der Tür, mit dem man es von außen verschließen konnte. Von innen gab es zusätzlich einen stabilen Riegel. William gewann allmählich den Eindruck, daß der Wirt fast die gesamten Einnahmen aus der Taverne wieder in das Haus steckte. Nach allem, was er bisher über die königlichen Steuereintreiber gehört hatte, war das vermutlich auch sinnvoll. Münzen konnten beschlagnahmt werden, bei Türschlössern war das schon schwieriger.

Die beiden Kainiten überließen ihrem Gefolge das Auspacken und begaben sich nach unten in die Schankstube. Es wurde Zeit, sich aus erster Hand über die Geschehnisse in der Stadt zu informieren. William und Madeleine ließen sich an einem der Tische nieder und waren bald in ein Gespräch mit einem Einheimischen vertieft. Der Mann war bereits leicht angetrunken, und überaus redselig. Er ließ sich ausführlich über die herrschenden Zustände aus, war allerdings noch nicht so betrunken, daß er sich zu gefährlichen Äußerungen über den König hätte hinreißen lassen. Stattdessen erfuhren die beiden einige interessante Gerüchte über die königliche Familie. Es hieß, daß Prinzessin Isabella du Mac, die Tochter des Königs, verschwunden sei. Seltsamerweise gab es aus dem Palast keine Bestätigung, und es gab auch Leute, die schworen, ihr in der Stadt begegnet zu sein. Offiziell jedenfalls hatte man sie seit längerem nicht gesehen. Es wurde erzählt, daß der Leibarzt des Königs ständig in ihrem Zimmer wäre, daß sie ernsthaft erkrankt sei oder gar im Sterben liege. Ob verschwunden oder krank, die Gerüchteküche kochte. Niemand wußte etwas genaues, aber alles redete darüber. Ob da ein Verwandter die Finger im Spiel hat? dachte Madeleine.

Möglich, antwortete William. Andererseits hat man sie angeblich bei Tag in der Stadt gesehen.

Also ist sie keine von uns. Vielleicht hat jemand etwas zu viel von ihr getrunken. Interessant ist die Sache auf jeden Fall.

Ihr Gesprächspartner war felsenfest davon überzeugt, daß mit der Prinzessin ernsthaft etwas nicht stimmte und daß sie in Lebensgefahr war. Betrübt starrte er in seinen Becher. "Morgen ist es mal wieder soweit", brummte er und nahm einen tiefen Zug.

Madeleine wechselte einen verständnislosen Blick mit William. Der hob nur kaum merklich die Schultern. "Was ist soweit?" erkundigte sich die Lasombra vorsichtig.

"Wintersonnenwende", antwortete der Mann, als sei damit alles gesagt. "Die längste Nacht des Jahres, und es wird mal wieder jemand dran glauben müssen."

"Wir sind gerade erst angekommen", erinnerte Madeleine ihn sanft. "Ich fürchte, ich verstehe nicht, was Ihr meint."

"In den letzten drei Jahren ist jedes Jahr in dieser Nacht ein Mord geschehen. Und was für Morde..." Er schüttelte sich und wollte einen weiteren Schluck aus seinem Weinbecher nehmen, mußte aber feststellen, daß er leer war. William gab Johanna ein Zeichen, die umgehend für Nachschub sorgte.

"Und was für Morde...?" hakte der Ventrue nach, sobald die Versorgung wieder sichergestellt war.

"Naja", meinte der Betrunkene. "Es waren immer Leute von Stand, und die Art, wie sie umgebracht wurden..." Er schüttelte sich. "Der erste war ein reicher Händler, den hat man in einer Gasse gefunden, so zugerichtet, daß er kaum noch zu erkennen war. Im Jahr darauf hat es einen Rabbi erwischt, den haben sie aus einer Zisterne gezogen. Er war regelrecht ausgeweidet worden, widerlich. Und letztes Jahr war es einer von den Mönchen aus dem Franziskanerkloster, ein Anwärter auf den Bischofssitz oder so etwas, ich kenne mich mit diesen Titeln nicht aus. Von dem hat man nur noch den Kopf gefunden, in einem Brunnen." Er beugte sich mit verschwörerischer Miene über den Tisch. "Es würde mich nicht wundern, wenn es dieses Jahr die Prinzessin wäre", fügte er hinzu.

Interessante Theorie, fand Madeleine. Es kann nicht schaden, wenn wir morgen Nacht etwas die Augen offen halten.

"Ach du liebe Zeit, schon so spät", murmelte ihr Gegenüber plötzlich übergangslos. "Muß nach Hause... schönen Abend noch, die Herrschaften."

Damit erhob er sich und steuerte erstaunlich zielstrebig auf den Ausgang zu. William sah ihm kopfschüttelnd hinterher, dann wandte er sich Madeleine zu. "Was hältst du von einem Spaziergang?"

 

Sie hatten beschlossen, sich zuerst im arabischen Viertel umzusehen und das Haus in Augenschein zu nehmen, an dem Francesca und Giovanni das Pyramidensymbol gesehen hatten. Während sie durch die Straßen des christlichen Viertels schlenderten, in dem sich ihre Herberge befand, machten die beiden eine unangenehme Entdeckung. Wie Konstantinopel, so war natürlich auch Jerusalem voll von Kirchen und anderen religiösen Stätten. Anders als in Konstantinopel waren diese Orte hier allerdings von echtem Glauben erfüllt. Die beiden stellten fest, daß sie keine einzige der Kirchen, an denen sie unterwegs vorbeikamen, ungefährdet hätten betreten können. Was die Grabeskirche anging, hatten Francesca und Giovanni die Lage leider durchaus richtig eingeschätzt: als wichtigste Wallfahrtsstätte des Heiligen Landes war sie so vom Glauben und der Anbetung zahlloser Pilger durchdrungen, daß die beiden Kainiten sich dem Gebäude nicht einmal nähern, geschweige denn es betreten konnten. Ähnliches galt unglücklicherweise auch für das Franziskanerkloster in der Nähe, das ihnen als Zufluchtsort für den Notfall empfohlen worden waren. Die Brüder, die darin lebten, waren so von ihrer Sache überzeugt, daß es selbst von außen spürbar war. Die Möglichkeit, dort Schutz zu suchen, entfiel somit für die beiden Vampire.

Mit den Moscheen im arabischen Viertel sah es nicht viel anders aus. Die beiden würden sich hier sehr viel vorsichtiger bewegen müssen, als sie das aus Konstantinopel gewohnt waren. Um so mehr fiel es ihnen auf, als sie unterwegs an einer Moschee vorbeikamen, die nicht von einer derart unangenehmen Ausstrahlung umgeben war. Sie musterten das Gebäude unauffällig im Vorbeigehen, konnten aber nichts außergewöhnliches daran feststellen. Von außen betrachtet, schien es sich um eine Moschee wie alle anderen zu handeln, prächtig geschmückt und verziert. Beide konnten sich allerdings des Gefühls nicht erwehren, daß sie beobachtet wurden.

Der Händler draußen sagte doch etwas von einem Assassinenorden, der im arabischen Viertel sein Hauptquartier haben soll, erinnerte sich Madeleine. Der Mann war schon beim Gedanken an diesen Orden fast in Panik verfallen. Er hatte ihnen dringend geraten, die Stadt zu verlassen, falls es mit diesen Leuten Ärger geben sollte. Glaubst du, wir haben gerade die Zuflucht der hiesigen Assamiten entdeckt?

Möglich, erwiderte William. Gesunde Vorsicht kann jedenfalls nicht schaden.

Sie schlenderten langsam weiter, ohne von der Moschee allzu offensichtlich Notiz zu nehmen. Das Haus mit dem Pyramidensymbol, das ihr eigentliches Ziel war, befand sich laut Plan ganz in der Nähe. Das Symbol war recht unauffällig unter dem Dach angebracht, und abgesehen davon schien es sich um ein ganz gewöhnliches Wohnhaus zu handeln, wie alle umliegenden Häuser auch. Auf den ersten Blick war nichts weiter zu erkennen, die Fenster waren dunkel. Auf den zweiten Blick jedoch sahen die beiden, daß die Fenster mit dicken Vorhängen verhüllt waren und daß dahinter fast überall Licht brannte. Außerdem war hinter einigen der Vorhänge ein verräterisches goldenes Funkeln zu sehen, das für normale Sinne nicht wahrzunehmen war. Das scheinbar schlafende Haus war in Wirklichkeit von emsiger Betriebsamkeit erfüllt.

Interessant, dachte Madeleine. Was meinst du, sollten wir uns vorstellen? Oder sollen wir noch damit warten?

Warten, antwortete William. Wenn wir die Hilfe dieser Leute brauchen, ist es noch früh genug. Sie gingen weiter, und hinter der nächsten Ecke ließ auch langsam das Gefühl nach, daß jemand sie beobachtete.

Sie waren fast am Basar angekommen, hinter dem das jüdische Viertel begann, als jemand vor ihnen die Straße entlangkam. Der Fremde kam genau auf sie zu. Er war hochgewachsen, schlank und offenbar von maurischer Herkunft. Seine Haut allerdings war deutlich blasser als das bei Angehörigen dieses Volkes üblich war. Jedenfalls bei lebenden Angehörigen dieses Volkes. Er war vornehm, aber nicht auffällig gekleidet und bewegte sich mit einer gewissen Eleganz.

"Guten Abend", sagte er und nickte den beiden höflich zu. "Ihr seid neu hier?"

"So ist es", erwiderte William mit einer leichten Verneigung.

"Nun, dann seid willkommen. Ich bin Osmadi ibn Harun ibn Djalal ibn Darak Doranag. Mit wem habe ich die Ehre?" William stellte sie vor. Der Maure nickte interessiert. "Sehr erfreut. Gedenkt Ihr, länger zu bleiben?"

"Wahrscheinlich", antwortete der Ventrue.

"Nun, dann werden wir sicher noch öfter das Vergnügen haben. Mein Heim ist die Moschee in der Nähe des Damaskustors, Ihr seid herzlich eingeladen, mich dort zu besuchen." Er verneigte sich nochmals leicht. "Ich wünsche Euch noch einen schönen Abend." Damit ging er an den beiden vorbei und verschwand um die nächste Ecke.

Ein gefährlicher Mann, bemerkte William.

Allerdings. Immerhin wissen wir jetzt, was es mit dieser Moschee auf sich hat. Laß uns weitergehen, ich fühle mich so mitten auf der Straße nicht besonders wohl.

 

Das jüdische Viertel erwies sich als Ort voller Gegensätze. Es gab einige reiche Häuser, die offenbar wohlhabenden Händlern gehörten und sich am Rand des Viertels, meist in der Nähe des Basars oder am Tempelberg befanden. Je weiter man ins Innere des Viertels vordrang, desto ärmlicher wurden die Behausungen und desto enger und schmutziger die Gassen. Hier waren auch noch Sterbliche auf den Straßen zu sehen, meist Bettler, die keinen anderen Platz zum Schlafen hatten. Viele von ihnen waren Aussätzige, mehr oder weniger stark entstellt von ihrer Krankheit.

William und Madeleine waren etwa auf halbem Weg durch das Viertel, als hinter einer Straßenecke vor ihnen plötzlich Kampflärm erklang. Augenblicke später huschte eine Gestalt aus den Schatten, bemerkte die beiden und blieb stehen. Es handelte sich um eine Frau, vielleicht Mitte zwanzig und sehr hübsch. Etwas Blut befleckte ihre Kleidung, und sie hielt zwei Messer in den Händen, auf deren Klingen es ebenfalls rötlich schimmerte. Ein Blick auf ihre Aura genügte, um zu sehen, daß sie eine Verwandte vor sich hatten.

"Oh, zwei Neue", stellte die Frau fest. "Ihr kommt wie gerufen, ihr könnt mir mit einem kleinen Problem helfen." In diesem Moment erschienen hinter ihr fünf Gestalten in der Straße. Alle waren dunkel gekleidet und anscheinend mit Messern bewaffnet. Als Madeleine genauer hinsah, stellte sie jedoch fest, daß es keineswegs Messer waren. Die Männer waren ausnahmslos Ghoule, und was sie für Messer gehalten hatte, waren in Wirklichkeit ihre Hände, die zu scharfen Klingen aus Knochen umgebildet waren. Die Frau grinste leicht. "Darf ich euch mein Problem vorstellen?"

Tzimisce, dachte William säuerlich. Großartig.

Die fünf blieben spontan stehen, als sie sahen, daß sie es plötzlich mit drei Gegnern zu tun hatten. "Sie waren ursprünglich mal zu siebt", erklärte die Frau beiläufig. "Ich habe sie erwischt, wie sie da vorne in einen Kräuterladen einbrechen wollten." Ihr Blick wurde hart. "Ich mag so etwas nicht." Sie musterte die Ghoule kalt. "Nun, wollt ihr euch immer noch prügeln? Oder wollt ihr doch lieber nach Hause zu eurem Herrchen?"

William legte die Hand auf sein Schwert, zog es aber noch nicht. Die Ghoule warfen einen kurzen Blick auf die drei Kainiten, dann drehten sie sich um und flüchteten. Die Frau warf ihnen einen verächtlichen Blick hinterher. "Entschuldigt mich einen Moment", sagte sie dann und lief zurück zu der Ecke, hinter der sich offenbar der Ort des Überfalls befand. Madeleine und William sahen sich kurz an und folgten ihr. Tatsächlich gab es in der nächsten Straße einen kleinen Laden, dessen Besitzer mit seiner Familie gerade herausgelaufen kam und seiner Beschützerin überschwenglich dankte. Sie wehrte ab, vergewisserte sich noch einmal, daß alles in Ordnung war, und kam wieder zu den beiden herüber. Seufzend schüttelte sie den Kopf. "Sie probieren es doch immer wieder. Verzeiht, ich kam noch nicht dazu, mich vorzustellen. Ich bin Samia. Und ihr?"

William nannte ihre Namen. "Ihr scheint hier recht effektiv für Ordnung zu sorgen", stellte er fest.

Sie hob die Schultern. "Einer muß es ja tun. Und den hohen Herrschaften ist es hier nicht fein genug, die kümmert es nicht, was hier passiert."

Caitiff, darauf könnte ich wetten, dachte Madeleine.

Sie klingt aber ziemlich vernünftig, mußte William zugeben. Laut sagte er: "Ihr habt öfter Probleme mit diesen Kerlen?"

Samia schnaubte abfällig. "So könnte man das nennen. Die Burschen gehören einem Tzimisce namens Torgosz Khosann. Er wohnt vor der Stadt, wahrscheinlich, weil ihn drinnen keiner haben will. Das hindert ihn aber nicht daran, hier Ärger zu machen." Sie seufzte. "Ihr seid noch nicht lange hier, oder? Habt ihr die anderen schon getroffen und die ganze Vorstellerei hinter euch gebracht?"

"Wir sind heute erst angekommen", antwortete William. "In der Zitadelle sollen wir uns morgen Abend vorstellen."

"Aha", machte sie, und ihr Gesicht verriet deutlich, was sie von derartigen Formalitäten hielt. "Naja, bei mir wart ihr ja schon. Der Prinz des armenischen Viertels wohnt nicht weit von hier, den werdet ihr da aber heute Nacht auch nicht mehr treffen."

"Hat hier jedes Viertel seinen eigenen Prinzen?" fragte Madeleine etwas entsetzt. Als Samia bestätigend nickte, fügte sie hinzu: Das ist ja schlimmer als in Konstantinopel!

"Ich muß weiter", erklärte Samia. "Wenn ihr bei mir wohnen wollt, könnt ihr das gerne tun. Ansonsten... macht keinen Ärger in meinem Gebiet, dann werden wir hervorragend miteinander auskommen." Sie wandte sich zum Gehen, dann blieb sie noch einmal stehen und drehte sich um. "Ach ja, und danke für die Hilfe." Damit verschwand sie.

 

Das armenische Viertel war ruhig. Inzwischen war es auch schon deutlich nach Mitternacht, und die Straßen waren ausgestorben. Es überraschte die beiden nicht mehr, daß auch hier die Kirchen samt und sonders nicht zu betreten waren. Mit den Synagogen im jüdischen Viertel war es auch nicht anders gewesen. Sie streiften eine Weile durch die leeren Straßen und waren bereits auf dem Rückweg zur Herberge, als sie vor sich schwere Schritte auf dem Pflaster hörten. Gleich darauf bog eine Gruppe von vier Männern um die Ecke. Einer von ihnen war ganz offensichtlich ein Europäer, und ein Ritter dazu. Von den restlichen dreien waren zwei Ghoule, der dritte schien ein Schildknappe zu sein. Der Ritter war auf den ersten Blick als Vampir zu erkennen. Er marschierte schnurstracks auf die beiden zu und baute sich vor ihnen auf. "Guten Abend, die Herrschaften. Ziemlich spät für einen Spaziergang, nicht wahr?"

Er hält uns für Sterbliche, erkannte Madeleine.

Dann lassen wir ihn in dem Glauben, antwortete William belustigt. "In der Tat, wir sind auch gerade auf dem Heimweg."

"Das solltet Ihr auch", brummte der Ritter. "Die Straßen sind nachts nicht sicher, besonders, wenn man ohne Begleitschutz unterwegs ist. Ihr solltet zusehen, daß Ihr nach drinnen kommt."

"Das werden wir", versicherte der Ventrue höflich. "Habt Dank für Eure Besorgnis."

"Keine Ursache", erwiderte der andere, offenbar etwas geschmeichelt von Williams Höflichkeit. "Mein Name ist Sir Wirko, wenn Ihr hier in der Gegend Probleme habt, wendet Euch vertrauensvoll an mich."

"Das werden wir, vielen Dank", erwiderte William, der es auf geradezu bewundernswerte Weise schaffte, ernst zu bleiben. "Ich wünsche Euch eine gute Nacht." Damit nickte er Sir Wirko noch einmal freundlich zu und wandte sich mit Madeleine ab.

Er wußte wirklich nicht, womit er es zu tun hat. Die Lasombra konnte es anscheinend kaum fassen. Was meinst du, ob das der Prinz war?

Schon möglich, antwortete William. Er war jedenfalls ziemlich von sich überzeugt. Reizen sollte man ihn allerdings wohl nicht, er machte mir keinen besonders ausgeglichenen Eindruck.

Brujah, möglicherweise, vermutete sie. "Ausgeglichen" gehört nicht zu ihrem Wortschatz.

 

Am nächsten Abend erschien Francesca mit zwei versiegelten Briefen im Schlafzimmer. "Die sind heute tagsüber für euch abgegeben worden", sagte sie und reichte Madeleine die Pergamente. Die Lasombra betrachtete neugierig die Siegel. Eines der beiden zeigte das selbe Wappen, das die Wachen am Tor getragen hatten. Das andere war ihr unbekannt. Sie erbrach es und überflog den Inhalt des Schreibens. Es handelte sich um eine Einladung, sich eine Stunde nach Mitternacht offiziell dem Prinzen des arabischen Viertels vorzustellen. Unterzeichnet war es mit "Prinz Osmadi ibn Harun ibn Djalal ibn Darak Doranag". "Sieh mal einer an", murmelte Madeleine. "Fast hätte man es sich denken können."

Das andere Schreiben enthielt die erwartete Einladung in die Zitadelle, interessanterweise ausgesprochen im Namen des Königs, und unterzeichnet, in seinem Auftrag, von einem gewissen Sir Cesar van Dyke. Die Neuankömmlinge wurden gebeten, sich zwei Stunden nach Sonnenuntergang bei Sir Cesar einzufinden. Madeleine faltete nachdenklich das Pergament zusammen und legte es beiseite. "Ich fürchte, das wird eine recht anstrengende Nacht", seufzte sie. "Würdest du bitte Caterina hereinschicken? Wenn wir offiziell bei Hofe erscheinen sollen, ist es angebracht, daß ich entsprechend aussehe."

 

Als William erwachte, legte Caterina gerade letzte Hand an Madeleines Frisur. Der Ventrue warf einen bewundernden Blick auf seine Geliebte. Sie hatte darauf verzichtet, ihr bestes Kleid anzulegen, aber sie sah auch in ihrem zweitbesten hinreißend aus, wie er ihr umgehend versicherte. Madeleine lächelte. "Wir haben offizielle Einladungen bekommen", erklärte sie und reichte ihm die beiden Briefe.

Er seufzte. "Das stand zu befürchten." Er warf einen Blick auf die beiden Nachrichten. "Immerhin haben wir noch etwas Zeit, ehe wir in der Zitadelle erwartet werden. Ich werde mich unten noch ein wenig umhören, kommst du mit?"

Sie sah an sich herunter und schüttelte den Kopf. "Besser nicht. In dem Aufzug falle ich dort zu sehr auf. Aber geh du ruhig hinunter, ich werde mich inzwischen ein wenig mit William unterhalten. Es sollte mich doch sehr wundern, wenn er den Tag nicht genutzt hätte, um die Stadt zu erkunden, und es sollte mich noch mehr wundern, wenn er nicht etwas Interessantes dabei herausgefunden hätte."

 

Pünktlich eine halbe Stunde vor der Audienz kam Madeleine in den Schankraum. William, der ihren Bekannten von gestern Abend wiedergetroffen und sich mit ihm unterhalten hatte, verabschiedete sich eilig und kam ihr entgegen. Es scheint, als hätte unser Freund recht gehabt mit seinen düsteren Prophezeihungen, erklärte er. Prinzessin Isabella ist verschwunden, die Männer des Königs durchkämmen die ganze Stadt nach ihr.

Das hatte ich schon fast erwartet, antwortete sie. Ich wäre sehr erstaunt, wenn sie sie finden.

Mich allerdings auch. Und, was hat William in der Stadt gefunden? erkundigte er sich, als sie hinausgingen.

Er war in der Grabeskirche, antwortete sie. Erinnerst du dich daran, was Francesca von den Templern erzählt hat, die den Zugang zum Keller bewachen? William ist sich nicht völlig sicher, aber er glaubt, sie sind Werwölfe.

Der Ventrue fluchte innerlich. Damit mußten wir rechnen, aber es ist trotzdem unerfreulich. Wir wissen, daß die Kerle den Gral haben. Wir werden uns wirklich etwas einfallen lassen müssen.

Madeleine bemerkte leicht erstaunt, daß William heute Abend etwas abwesend wirkte. Nach außen ließ er sich natürlich nichts anmerken, er benahm sich wie immer, aber irgendwie spürte sie, daß ihn etwas beschäftigte. Sie sah ihn von der Seite an. "Stimmt irgendetwas nicht?"

Er schüttelte den Kopf. "Nein, alles in Ordnung, wieso? Laß uns diese Vorstellung hinter uns bringen."

 

Am Tor der Zitadelle versperren ihnen zwei Wachen den Weg. "Was wünscht Ihr?" fragte einer der beiden gerade noch höflich.

Madeleine reichte ihm den Brief. "Man erwartet uns."

Ehe der Soldat darauf antworten konnte, schob sich eine Hand zwischen den beiden hindurch und griff nach dem Pergament. "Laßt die Herrschaften durch", kam ein Befehl von hinten. Die Wachen wichen zur Seite und gaben den Blick auf einen Mann frei, der mit einem Stab in der Hand hinter ihnen stand. Er trug ebenfalls das königliche Wappen auf seiner Kleidung und schien so etwas wie der Haushofmeister zu sein. Außerdem war er ein Ghoul, aber das überraschte die beiden Vampire absolut nicht. "Willkommen in der Zitadelle", sagte er mit einer Verbeugung. "Hier entlang, bitte."

Er führte sie durch verwinkelte Gänge und schließlich eine lange Treppe hinab. Endlich kamen sie in einem großen Saal an. Zwischen massiven Säulen standen schmiedeeiserne Feuerbecken, in denen tatsächlich kleine Feuer brannten, die etwas Licht spendeten. An der Stirnseite des Saals, gegenüber dem Eingang, stand ein thronähnlicher Sessel, auf dem ein Vampir saß. Er war kostbar gekleidet und hatte ein Schwert neben sich an den Thron gelehnt. Flankiert wurde er von zwei weiteren Kainiten; der rechte trug ein schreiend buntes Narrenkostüm, der linke war kaum weniger farbenfroh gekleidet. William und Madeleine traten an den Thron heran und gingen auf ein Knie herab.

Der Prinz musterte sie, dann bedeutete er ihnen, sich zu erheben. "Guten Abend. Es freut mich zu sehen, daß Ihr meiner Einladung entsprochen habt. Ich bin Sir Cesar van Dyke vom Clan Ventrue, Prinz dieser Domäne. Und Eure Namen sind...?"

"Madeleine de Neuville."

"Sir William von Tintagel."

Der Prinz musterte William argwöhnisch. "Ventrue?" William nickte. Das Gesicht des Prinzen verdüsterte sich. In ihm schien sich das alte Vorurteil wieder einmal zu bestätigen, daß Ventrue einfach nicht miteinander auskamen. Zwei von ihnen in einem Raum waren definitiv einer zuviel. "Ihr habt zweifellos vom Verschwinden der Prinzessin gehört", sagte er unvermittelt. Madeleine hatte den Eindruck, als wollte der Prinz den offiziellen Teil möglichst schnell abhandeln. "Solltet Ihr sie finden, wäre es in Eurem eigenen Interesse, sie unversehrt hier am Hof abzuliefern. Ihr solltet besser nicht auf die Idee kommen, ihr auch nur ein Haar zu krümmen." Er nickte ihnen knapp zu. "In Ordnung, mehr gibt es für den Moment nicht zu sagen. Ihr habt Eure Pflicht getan, Ihr könnt gehen."

Die beiden schafften es, sich ihr Erstaunen über den plötzlichen Hinauswurf nicht anmerken zu lassen, obwohl Madeleine spürte, wie es in William kochte. Der Prinz, das hatten beide gleich erkannt, war deutlich weiter von Kain entfernt als sie beide, und William war es nicht gewohnt, sich von jemandem mit dünnerem Blut so respektlos behandeln zu lassen. Er verneigte sich knapp, machte die vorgeschriebenen drei Schritte rückwärts und war mit Madeleine schon fast wieder nach draußen verschwunden, als hinter ihnen ein hektisches Flüstern zu hören war, gefolgt von Sir Cesars Stimme: "Wartet."

William und Madeleine drehten sich um und musterten den Prinzen fragend. Der winkte sie wieder heran. "Wir sollten der Etikette Genüge tun", stellte er fest und deutete auf den Mann im Narrenkostüm. "Dies ist Cultumac vom Clan der Malkavianer. Und dies", er zeigte auf den jungen Mann an seiner anderen Seite, "ist Aran Hendor vom Clan Ravnos, wie Ihr ein Gast in dieser Stadt." Er kniff die Augen zusammen und musterte Madeleine mißtrauisch. "Ihr habt mir noch nicht gesagt, welchem Clan Ihr angehört."

Madeleine lächelte höflich. "Lasombra."

Schlagartig wich der letzte Rest von Höflichkeit aus Sir Cesars Miene. "Das reicht jetzt", stieß er hervor. "Verschwindet!" Er warf William einen haßerfüllten Blick zu. "Verräter", zischte er.

Madeleine spürte, wie William sich versteifte, und legte beruhigend eine Hand auf seinen Arm. Nicht, dachte sie. Er wartet nur auf einen Vorwand, dich anzugreifen. Laß uns gehen.

Mühsam beherrscht nickte er knapp, drehte sich auf dem Absatz um und marschierte auf den Ausgang zu. Kurz darauf standen die beiden wieder auf dem Platz vor der Zitadelle. William atmete tief durch. Er kochte immer noch vor Zorn. "Dieser Dünnblütler, was bildet der sich ein", knirschte er.

Madeleine sah ihn erstaunt an. "Warum regst du dich so auf? Ich kann den Kerl nicht so recht ernstnehmen. Er regiert hier vermutlich nur deswegen, weil er sich auf seine Verbündeten stützen kann. Was interessiert es dich, wenn so einer dich beleidigt?"

William schüttelte nur den Kopf und sagte nichts dazu. Madeleines Gelassenheit war nicht nur gespielt, die Lasombra war tatsächlich so ruhig, wie sie sich gab. Das half ihm ein wenig, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Seufzend sah er sie an. "Na schön, du hast recht. Wir haben noch etwas Zeit, ehe wir bei Prinz Osmadi ibn undsoweiter erscheinen müssen, laß uns noch beim Prinzen im armenischen Viertel vorbeischauen."

 

Samia hatte ihnen letzte Nacht den Weg zum Prinzen beschrieben, und sie fanden das richtige Haus ohne Schwierigkeiten. Es handelte sich um eine Taverne, vor deren Eingang der Schildknappe stand, den sie gestern in Sir Wirkos Begleitung gesehen hatten. Als die beiden die Taverne betreten wollten, stellte er sich ihnen in den Weg. "Verzeihung, die Herrschaften, aber habt Ihr eine Einladung? Hier ist heute Abend geschlossene Gesellschaft."

Madeleine lächelte höflich. "Wir sind hier, um uns vorzustellen", erwiderte sie.

Der Knappe hob eine Augenbraue. "Ah... vorzustellen im Sinne der Gastfreundschaft?" fragte er vorsichtig.

"Vorzustellen im Sinne der Traditionen", erwiderte sie.

"Ich verstehe. Wen darf ich melden?"

Die beiden nannten ihre Namen und folgten dem Knappen ins Innere der Taverne. Dort war ein Bankett aufgebaut. An der Stirnseite der Tafel saß Sir Wirko mit einem Gefäß auf dem Schoß. Die meisten der übrigen Anwesenden schienen Ghoule zu sein. Als der Knappe die Namen der beiden Neuankömmlinge nannte, blickte Wirko auf. "Willkommen in meiner Domäne", sagte er und musterte die beiden neugierig. "Ein Ventrue und eine Lasombra, und sie gehen sich nicht gegenseitig an die Gurgel... interessant. Setzt Euch."

William und Madeleine kamen der Einladung nach. Er erkennt uns nicht wieder, stellte Madeleine belustigt fest.

"Nun, wie gefällt Euch die Stadt? Habt Ihr Euch schon umgesehen?" fragte ihr Gastgeber.

"Wir hatten bereits gestern Abend die Gelegenheit zu einem kurzen Spaziergang", antwortete Madeleine mit einem perfekt höflichen Lächeln.

Man konnte direkt sehen, wie dem Prinzen ein Licht aufging. Gleich darauf begannen seine Augen vor Zorn rot zu glühen und er sprang auf. "Und warum habt Ihr Euch dann letzte Nacht nicht vorgestellt, als wir uns begegnet sind?" donnerte er.

Madeleine blieb ruhig. "Weil wir nicht wußten, mit wem wir die Ehre hatten", erwiderte sie. "Verzeiht unsere Unwissenheit."

Das schien ihn wieder halbwegs zu beruhigen. "Na gut", knurrte er und setzte sich. "Wo kommt Ihr her? Erzählt mir von Eurer Reise."

Die beiden hatten gerade begonnen, Sir Wirko einen sorgfältig zensierten Bericht ihrer Reise zu liefern, als der Schildknappe erneut hereinkam, gefolgt von einer bekannten Gestalt in sehr bunten Kleidern. "Sir, dies ist Aran Hendor vom Clan Ravnos. Er und seine Leute lagern nördlich der Stadt."

Wirkos Gesicht verdüsterte sich schon wieder. "Ravnos?"

Aran trat vor und machte eine elegante Verbeugung. "So ist es, mein Prinz."

Der Brujah warf ihm einen unfreundlichen Blick zu. "Ich kann Eure Sorte nicht ausstehen", knurrte er. "Betrachtet Euch als ordnungsgemäß vorgestellt, und jetzt verschwindet."

Der Ravnos hob spöttisch eine Augenbraue. "Wie Ihr befehlt." Mit einer erneuten Verneigung verabschiedete er sich und verließ die Taverne.

Das ging ja schnell, kommentierte Madeleine.

Allzulange möchte ich mich hier aber auch nicht mehr aufhalten, antwortete William. Dieser Sir Wirko macht mich irgendwie nervös.

Ich glaube nicht, daß er es ist, der dich nervös macht, stellte sie fest. Mit dir ist heute Abend irgendetwas anderes los.

"Ravnos", knurrte Wirko in diesem Moment ungehalten. "Ich hoffe, daß ich den so bald nicht wiedersehe. Da fällt mir ein, wenn Ihr Euch in meiner Domäne niederlassen wollt, könnt Ihr das gerne tun. Ich garantiere Euch meinen Schutz."

"Jaja", kam eine Stimme von hinten, "so lange, bis er es sich wieder anders überlegt."

Mit einem Wutschrei sprang Wirko auf. Einen Augenblick später war von hinten ein ungesundes Knacken zu hören. Im nächsten Moment saß der Brujah wieder am Tisch, als wäre nichts geschehen. "Ich dulde keine Respektlosigkeiten", erklärte er und ignorierte die fassungslosen Gesichter seiner beiden Gäste. Es war einer von Wirkos Ghoulen gewesen, der die Bemerkung gemacht hatte, und der Mann lag jetzt mit gebrochenem Genick, aber offenbar noch lebend in einer Ecke. Sein Herr kümmerte sich nicht mehr um ihn und fragte William: "Ihr wolltet mir von Eurer Reise erzählen?"

 

Eine Stunde später gelang es den beiden, sich höflich zu verabschieden. Als sie nach draußen kamen, sahen sie in einem Teehaus schräg gegenüber der Taverne Aran Hendor sitzen und einen gelangweilten Gesichtsausdruck zur Schau tragen. Er erblickte die beiden sofort und kam zu ihnen herüber. "Na, habt Ihr es hinter Euch gebracht?" fragte er lässig. "Unfreundlicher Kerl. Wo muß man sich eigentlich noch überall vorstellen?"

"Im islamischen Viertel in der Moschee in der Nähe des Damaskustors", antwortete William. "Und im jüdischen Viertel bei einer Dame namens Samia."

"Sie findet Ihr wahrscheinlich irgendwo auf der Straße", fügte Madeleine hinzu.

Aran seufzte. "Na gut, dann also weiter. Ich nehme an, Ihr habt noch die gleiche Runde vor Euch, habt Ihr etwas dagegen, wenn ich mich Euch anschließe?"

Madeleine hatte durchaus etwas dagegen, bemühte sich aber, ihre Abneigung nicht zu zeigen. "Nun, bei Samia waren wir bereits", antwortete sie vorsichtig. "Und bei Prinz Osmadi werden wir erst später erwartet. Ich vermute, wir werden Euch dann dort treffen."

"Ich verstehe", sagte der Ravnos mit einem ironischen Lächeln. "Dann bis später." Er verneigte sich leicht und verschwand in den Schatten.

Madeleine seufzte und hängte sich bei William ein. "Was hältst du davon, wenn wir uns ein wenig auf dem Basar umsehen?" fragte sie. "Es ist noch recht früh, es sind bestimmt noch Händler da."

 

Sie hatte recht gehabt, auf dem Basar herrschte tatsächlich noch Betrieb. Es war zwar längst nicht mehr soviel los wie wahrscheinlich tagsüber, trotzdem gab es noch einiges zu sehen. Die beiden hatten ihre Runde etwa zur Hälfte beendet, als Madeleine plötzlich stehenblieb. "Hörst du das?"

William lauschte kurz und schüttelte dann den Kopf. "Nein, was meinst du? Bei diesem Lärm um uns herum..."

"Kampfgeräusche", antwortete sie und runzelte die Stirn. "Aus dem jüdischen Viertel. Das hört sich an wie... zwei Klingen. Samia!"

William stellte keine weiteren Fragen. Für die Umstehenden mußte es wirken, als wären er und Madeleine vor ihren Augen verschwunden, als die beiden Kainiten ihr Blut benutzten und mit übermenschlicher Geschwindigkeit in Richtung jüdisches Viertel davonrannten.

Als sie näherkamen, hörte auch der Ventrue die eindeutigen Geräusche eines Kampfes. Schließlich erreichten sie den Ort der Auseinandersetzung und sahen gerade noch eine buntgekleidete Gestalt über die Dächer verschwinden. Gleich darauf tauchte Samia auf, zwei Messer in den Händen und einen Ausdruck mörderischer Wut im Gesicht. "Wo kommt ihr denn her?"

"Vom Basar", antwortete Madeleine. "Wir haben den Kampflärm gehört..."

Samia hob eine Augenbraue. "Von hier bis zum Basar? Alle Achtung."

"Was ist passiert?" wollte William wissen.

"Ein Monster", antwortete die Caitiff zornig. "Habt ihr mir den Kerl geschickt? Diesen Ravnos?"

Madeleine zuckte leicht zusammen. "Er wollte wissen, wo er sich vorstellen muß", erwiderte sie. "Wieso nennt Ihr ihn ein Monster?"

"Weil er eins ist", gab Samia zurück, trat einen Schritt zur Seite und gab den Blick auf die Gasse hinter sich frei.

Madeleine konnte einen entsetzten Ausruf nicht unterdrücken. In der Gasse lagen Leichen, zehn an der Zahl, mit aufgerissenen Kehlen. William fluchte leise. "Dieser Bastard", flüsterte er. "Das nächste Mal, wenn ich ihn sehe, ist er tot."

Madeleine konnte nur auf die Leichen starren. Samia seufzte. "Sie wären sowieso gestorben. Sie hatten alle Lepra. Das gibt dem Kerl trotzdem nicht das Recht, sie kaltblütig abzuschlachten." Sie gab sich einen Ruck und ging auf die Leichen zu. "Ich werde sie zum Friedhof schaffen."

"Wir helfen Euch", bot William spontan an.

Samia schaute auf. "Euch ist klar, daß ihr danach Eure Kleider verbrennen müßt?" fragte sie. "Diese Menschen waren krank, wenn Ihr sie anfaßt..."

Madeleine hob die Schultern. "Es gibt Schneider in dieser Stadt, nehme ich an", sagte sie nur.

"Gut. Zwei Straßen weiter steht ein Karren, wir holen ihn und laden die Leute auf."

Schweigend verfrachteten sie die Leichen auf den Karren und deckten sie mit einer Plane ab. Samia übernahm die Führung zum südlichen Stadttor, hinter dem sich der christliche Friedhof befand. William war nicht so recht klar, warum sie dorthin wollte, und nicht zum jüdischen, obwohl die Toten im jüdischen Viertel gewohnt hatten. "Die Mädels werden sich um sie kümmern", sagte Samia nur, als sei damit alles klar.

Sie brachten den Karren problemlos aus dem Stadttor ("Hinaus kommt man umsonst, nur hinein wird teuer", kommentierte Samia), und erreichten kurz darauf den Friedhof. Am Eingangstor wurden sie von zwei dunkel gewandeten Gestalten erwartet. Beide waren Frauen, knochendürr und mit kalkweißer Haut, die sich gegen die schwarzen Kutten noch bleicher ausnahm. Die eine hielt eine Sense in den Händen, die andere hatte ein Buch unter dem Arm. Samia verneigte sich respektvoll vor ihnen, dann wandte sie sich an ihre Begleiter. "Dies sind Leila und Delryn, sie werden sich um die Toten kümmern." Zu den beiden Frauen sagte sie: "Ich bringe Euch zehn Opfer eines Monsters, damit Ihr sie zur Ruhe bettet."

Die Frau mit der Sense nickte. "Es ist gut", sagte sie mit rauher Stimme. Dann blickte sie William und Madeleine an. "Wir werden uns wiedersehen", erklärte sie. "Wenn die Zeit reif ist und Ihr gelernt habt, die richtigen Fragen zu stellen." Damit machte sie einen Schritt auf den Karren zu. Samia nahm das als Hinweis, daß die drei somit entlassen waren, verneigte sich und wandte sich zum Gehen. William und Madeleine beeilten sich, ihr zu folgen.

Am Tor blickte Samia dem Wächter nur kurz in die Augen. "Dein Geld bekommst du nächstes Mal", erklärte sie in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Schon gar nicht von einem Sterblichen. Der Mann nickte nur und ließ sie passieren. "Das funktioniert jedes Mal", erklärte Samia zufrieden, als sie außer Hörweite waren. William grinste sie an.

Sie begleiteten die Caitiff zu ihrem Haus, wo heißes Wasser und Seife auf sie warteten. Ihre Kleider deponierten sie in einem Feuerbecken, wo ein Diener sie später verbrennen würde. Williams Rüstung landete in einem Faß mit Seifenlauge. Das Einzige, was der Ventrue etwas bedauerte, war der Verlust seines Wappenrocks. Er stammte noch aus England, und William besaß nur noch einen weiteren. Er würde sich wohl demnächst einen neuen anfertigen lassen müssen.

Es stellte sich heraus, daß Samia eine wahre Sammlerin war. Sie besaß eine beachtliche Kollektion an Kleidern, vor allem an Frauenkleidern, so daß es kein Problem war, für Madeleine etwas passendes zu finden. Für William dagegen gestaltete sich die Suche deutlich schwieriger. "Du bist einfach zu groß", seufzte die Caitiff. "Ich fürchte, für dich habe ich nichts passendes da." Sie dachte einen Moment lang angestrengt nach, dann erhellte sich ihre Miene. "Komm mit", sagte sie und öffnete die Tür zum Nachbarzimmer.

Der Anblick dahinter verschlug William fast den Atem. Ein halbes Dutzend lebensgroße Statuen standen da, alle täuschend echt aus Wachs nachgebildet. Eine von ihnen hatte ungefähr Williams Größe und war in einen weit fließenden Burnus gekleidet. "Das wird wohl ausreichen müssen", erklärte Samia und begann ohne weitere Umstände, die Figur zu entkleiden. "Angezogen sah er besser aus", kommentierte sie kritisch, als sie den Burnus in der Hand hielt. "Hier, der müßte dir passen."

"Dein Werk?" erkundigte sich Madeleine staunend und deutete auf die Figuren.

Samia schüttelte den Kopf. "Ich hatte mal einen Toreador zu Gast", erklärte sie. Dann legte sie den Kopf schräg und musterte William. "Gar nicht mal so übel", fand sie. Dann fiel ihr noch etwas ein. "Ihr sagtet, ihr müßtet euch später noch bei Osmadi vorstellen?" Als William bestätigend nickte, fuhr sie fort: "Dann sollte ich euch begleiten und Euren Aufzug erklären, sonst könnte man das dort übelnehmen."

"Zu welchem Clan gehört der Prinz eigentlich?" fragte Madeleine plötzlich. "Ist er ein Assamit?"

Samia lachte leise. "Oje, nein. Er ist ein Lasombra."

"Dann werden wir dort vermutlich das umgekehrte erleben, was uns in der Zitadelle passiert ist", murmelte Madeleine düster und erzählte der Caitiff von dem unfreundlichen Empfang. "Es scheint hier alle Leute sehr zu überraschen", schloß sie, "daß William ein Ventrue ist und ich eine Lasombra und wir uns trotzdem nicht bis aufs Blut bekämpfen. Gibt es hier Krieg zwischen den beiden Clans?"

Samia hob die Schultern. "Wenn man es so nennen will..." meinte sie. "Das arabische Viertel gehörte früher zum Einflußbereich der Zitadelle, also zu Cesars Gebiet. Bis Osmadi ankam und sich dort niederließ, und die Ventrue nichts dagegen unternehmen konnten. Seitdem hassen sich die beiden aus tiefster Seele, und das schlägt naturgemäß auch auf ihre Anhänger durch." Sie schüttelte den Kopf. "Wenn die Leute nichts wichtigeres zu tun haben..." Sie warf einen Blick auf William. "Fertig? Dann können wir ja gehen."

 

Pünktlich eine Stunde nach Mitternacht erreichten sie die Moschee, in der Prinz Osmadi ibn Harun ibn Djalal ibn Darak Doranag residierte. "Schuhe ausziehen", kommandierte die Caitiff, ehe sie eintraten. Drinnen sagte sie zu William: "Du mußt hier links entlang, wir beide gehen rechts. Wenn du da vorne bei den Stufen ankommst, knie nieder und verneige dich dreimal, dann gehe weiter diesen Gang entlang. Wir werden uns da hinten wieder treffen."

William tat, wie ihm geheißen, und traf am Ende des Korridors wieder auf die beiden Frauen. Wo sich die beiden Gänge vereinten, führte eine Treppe nach unten. Samia stieg ohne zu zögern hinab.

Die Treppe endete in einer großen Halle, in der etliche Leute unterwegs waren. Die meisten waren maurische Krieger, viele von ihnen Ghoule. Osmadi war wie erwartet ebenfalls anwesend, ebenso wie Aran, der erstaunlich unauffällig hinten in einer Ecke stand. Williams Hand verkrampfte sich bei seinem Anblick um seinen Schwertgriff, aber er beherrschte sich. Madeleines Blick wurde sofort von einer weiteren Kainitin angezogen, die ein Stück weiter hinten in der Menge stand. Es handelte sich um eine streng dreinschauende Frau in Nonnentracht, die die Neuankömmlinge mit eisigem Blick musterte.

Samia trat vor, ging auf ein Knie herab und bedeutete ihren Begleitern, es ihr gleichzutun. "Prinz Osmadi, ich stelle Euch zwei Neuankömmlinge in dieser Stadt vor. Sir William von Tintagel, vom Clan Ventrue, und Madeleine de Neuville, vom Clan Lasombra. Ich habe sie hierher begleitet, um Sir Williams etwas... ungewöhnlichen Aufzug zu erklären, der keineswegs als Beleidigung Euch gegenüber gedacht ist." Sie berichtete kurz von dem Kampf und wie es zum Verlust von Williams und Madeleines Kleidern gekommen war.

Osmadi nickte schließlich gnädig. "In Ordnung, ich akzeptiere Eure Entschuldigung. Ich heiße Euch in meiner Domäne willkommen. Erlaubt, daß ich Euch die anderen anwesenden Kainiten vorstelle." Er deutete auf Aran. "Aran Hendor vom Clan Ravnos, wie Ihr ein Gast."

"Wir kennen uns bereits", sagte Madeleine leise. Aran lächelte spöttisch und verneigte sich.

"Und die Äbtissin Brunhilde von Liechtenstein, meine Stellvertreterin." Er machte eine Handbewegung zu der Frau im Habit, deren unfreundliche Miene sich kein bißchen veränderte. "Wenn Ihr Euch in meinem Gebiet niederlassen wollt", fuhr der Prinz fort, "so könnt Ihr das gerne tun. In diesem Fall habt Ihr jede Nacht hier zu erscheinen, um mir Eure Aufwartung zu machen. Außerdem ist beim Betreten sowie beim Verlassen der Moschee die vorgeschriebene Ehrenbezeugung zu leisten, wie Ihr das ja beim Hereinkommen bereits getan habt. Immerhin ist dies ein Haus Gottes." Er meinte das völlig ernst, das spürten die beiden sofort. "Für heute", schloß der Prinz, "habt Ihr Eurer Pflicht genügt, wenn Ihr es wünscht, könnt Ihr Euch zurückziehen. Äbtissin? Euch möchte ich gerne noch sprechen." Damit drehte er sich um und ging auf eine Seitentür zu, gefolgt von der Äbtissin, die Madeleine noch einen giftigen Blick zuwarf.

Madeleine achtete gar nicht auf die Frau. Sie hörte plötzlich ein kaum wahrnehmbares Flüstern, und es kam ihr bekannt vor. "Möchtest du uns nicht ebenfalls begrüßen?" wisperte es direkt neben ihr. Als die Lasombra nach unten schaute, sah sie, wie sich der Schatten des Kriegers neben ihr auf seltsame Art bewegte.

Madeleine neigte leicht den Kopf. "Ich grüße Euch", sagte sie leise.

"Ah", seufzte die Stimme zufrieden, dann wurde der Schatten wieder ruhig. Instinktiv wußte Madeleine, womit sie es gerade zu tun gehabt hatte: Ein Schattenkrieger, ein Wesen, das nur aus Dunkelheit bestand. Sie selbst besaß die Fähigkeit, sich in eine Schattenkreatur zu verwandeln; der, der sie gerade angesprochen hatte, kannte keine andere Existenz.

Samia sah sie fragend an. "Träumst du?" Als Madeleine den Kopf schüttelte, fuhr sie fort: "Ich werde mich dann gleich empfehlen. Kommt ihr mit?"

William nickte dankbar, und er und Madeleine folgten der Caitiff nach draußen. Auf der Straße angekommen, verabschiedete sich Samia. "Ich muß in meine Domäne zurückkehren", meinte sie. "Heute ist Wintersonnenwende, ich fürchte, da wird noch etwas passieren. Die Nacht ist noch lang." Sie sah die beiden nachdenklich an. "Ihr solltet die Augen offenhalten", riet sie, dann drehte sie sich um und eilte mit raschen Schritten davon.

William und Madeleine schlenderten in Richtung Basar davon. Es war inzwischen zu spät, als daß dort noch etwas losgewesen wäre, aber der Ventrue war immer noch in einer merkwürdigen Stimmung, und allmählich steckte er Madeleine damit an. "Was ist los mit dir?" fragte sie schließlich leise, als sie eine leere Basargasse entlangwanderten. "Irgendetwas belastet dich heute, und ich kann einfach nicht glauben, daß es immer noch dieser Möchtegern-Prinz in der Zitadelle ist, der dir aufs Gemüt schlägt."

Er schüttelte müde den Kopf. "Nein, natürlich nicht." Er lächelte leicht. "Ich kann dir einfach nichts vormachen, nicht wahr?"

"Nicht wirklich", gab sie zu. "Also, was ist?"

"Eigentlich nichts wichtiges", antwortete er zögernd. "Es ist... etwas, das nur für Sterbliche von Bedeutung ist."

Madeleine sah ihn fragend von der Seite an, aber der Ventrue schien nicht geneigt, weiterzureden. Madeleine seufzte. "Wie du meinst. Wenn du nicht darüber sprechen willst, dann laß es bleiben." Sie lächelte ihn an und ließ ihn spüren, daß sie ihm seine Verschwiegenheit nicht übel nahm.

William blieb plötzlich stehen und schaute sie an. "Wahrscheinlich wirst du mich auslachen", meinte er. "Es ist wirklich nicht weiter wichtig. Es ist nur..." Er zuckte die Schultern. "Ich habe heute Geburtstag."

Madeleine sah ihn fassungslos an. "Heute? Das wußte ich nicht."

"Es weiß kaum einer. Zu Hause denken alle, ich wäre einen Tag später geboren. Ausgerechnet zur Wintersonnenwende zur Welt zu kommen, das ist ein furchtbar schlechtes Omen." Er lächelte schief. "Wie ich schon sagte, es ist nicht wichtig."

Madeleine schüttelte nur den Kopf, dann umarmte sie ihn plötzlich und drückte ihn an sich, ohne sich um die erstaunten Blicke einiger Bettler zu kümmern, die sie beobachteten. Für einen langen Moment hielt sie ihn einfach nur fest, dann löste sie sich schließlich von ihm und strich ihm sanft über die Wange. "Laß uns weitergehen. Samia hat recht, in dieser Nacht sollte man vorsichtig sein." Sie nahm seine Hand, und schweigend gingen sie zur Herberge zurück.

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