Kapitel 25, Teil 1
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Als sie in der Herberge ankamen, verschwand William sofort im Zimmer, um sich umzuziehen. Er war Samia dankbar, daß sie ihm den Burnus ausgeliehen hatte, aber wohl fühlte er sich nicht darin. Ganz abgesehen davon, daß er als offensichtlich Fremder in dieser Aufmachung bei den Einheimischen Anstoß erregen würde.

Während der Ventrue derart beschäftigt war, machte Madeleine sich auf die Suche nach Francesca. Sie fand sie draußen auf dem Flur und nahm sie beiseite. "Ich möchte, daß du morgen etwas für mich erledigst", erklärte die Lasombra.

"Natürlich, worum geht es?"

"Um einen Einkauf", antwortete Madeleine und zählte eine Liste von Dingen auf.

Francesca nickte. "Ich werde sehen, was sich machen läßt. Einiges davon könnte schwierig werden... darf ich fragen, was daraus werden soll?" Madeleine sagte es ihr. Francesca lächelte. "Viel Arbeit, aber eine nette Idee. Ich werde mein möglichstes tun."

"Danke", sagte Madeleine zufrieden und ging sich ebenfalls umziehen.

 

Kurz darauf waren Madeleine und William bereits wieder in den Straßen unterwegs. Samia hatte sie gewarnt, daß in dieser Nacht vermutlich etwas passieren würde, und wenn sie tatsächlich recht behielt, wollten die beiden mitbekommen, was geschah. Es war inzwischen etwa zwei Stunden nach Mitternacht, und die Straßen waren ruhig. In den Seitengassen schliefen Sterbliche, die keine andere Unterkunft hatten. Auf den Hauptstraßen war nichts mehr los.

Während sie durch das jüdische Viertel streiften, spürte Madeleine, wie William allmählich nervös wurde. "Was ist los?" fragte sie ihn schließlich leise.

"Nichts", antwortete er, "und genau das gefällt mir nicht. Es ist viel zu ruhig, findest du nicht auch?"

Madeleine blieb stehen und lauschte. "Du hast recht", sagte sie. Angespannt gingen die beiden langsam weiter, vorsichtig nach allen Seiten Ausschau haltend. Plötzlich hielt Madeleine an und deutete die Straße hinunter. "Schau dir das an..."

Ein Stück vor ihnen bot sich in der Tat ein seltsames Bild. Eine Patrouille der Stadtgarde, fünf Mann stark, lag mitten auf der Straße. Ein kurzer Blick bestätigte, daß die Männer tatsächlich tief und fest schliefen. So, wie sie dalagen, schienen sie mitten im Gehen eingeschlafen zu sein; neben einem lag noch eine brennende Fackel auf der Erde. "Warte", sagte William, dann war er mit einem Satz auf dem nächsten Dach und spähte in die umliegenden Gassen. Hier ist niemand, hörte Madeleine ihn kurz darauf in ihren Gedanken. Wer immer die Burschen schlafen geschickt hat, ist weg.

Paß auf, ob jemand kommt, gab sie zurück. Ich will mir das genauer ansehen. Sie ging neben einem der Männer in die Hocke und legte eine Hand auf seine Stirn. Dann schloß sie die Augen und konzentrierte sich auf das, was der Soldat als letztes gesehen hatte, ehe er eingeschlafen war. Interessanterweise war das die leere Straße gewesen. Die Männer waren tatsächlich mitten im Gehen von einem Schritt auf den nächsten einfach eingeschlafen. Madeleine runzelte die Stirn und suchte weiter. Es mußte doch irgendeinen Hinweis auf die Ursache geben... Mit einem Mal wußte sie, daß sie vor sich die Auswirkungen eines magischen Rituals sah. Irgendwo in der Stadt war jemand mit derartigen Aktivitäten beschäftigt. Daß die Sterblichen dabei einschliefen, war nur ein Nebeneffekt; der Hauptzweck des Rituals blieb ihr verborgen. Plötzlich erschien vor ihrem inneren Auge ein Gesicht. Madeleine hatte den Mann noch nie gesehen, war sich jedoch sicher, daß sie ihn sofort wiedererkennen würde, sollte sie ihm begegnen. Er war ein Europäer, vielleicht Mitte Dreißig mit braunem, leicht ergrautem Haar und einem langen, dichten Bart. Das beunruhigendste an ihm waren jedoch seine Augen. In ihnen lag ein seltsames Funkeln, das Madeleine sofort an das typische Glitzern von Magie erinnerte. Üblicherweise manifestierte sich dieses Glitzern jedoch in der Aura von Magiern, nicht in ihren Augen. Der Mann schien sich suchend umzusehen, aber sein Blick glitt über Madeleine hinweg, ohne sie wahrzunehmen. Nicht zum ersten Mal dankte sie im Stillen Bruder Matthias in Konstantinopel für das Schutzamulett, das sie trug.

Hast du etwas herausbekommen? meldete sich William, als sie die Augen aufschlug.

Madeleine erzählte ihm, was sie gesehen hatte. Ich habe keine Ahnung, was er damit bewirken will, schloß sie. Aber allein die Tatsache, daß er das Ritual ausgerechnet in dieser Nacht abhält, ist mehr als verdächtig.

William konnte ihr nur zustimmen. Einen Augenblick später stand er wieder neben ihr auf der Straße. "Laß uns weitergehen", meinte er. "Vielleicht finden wir noch etwas."

Sie waren noch nicht sehr weit gekommen, als William eine huschende Bewegung auf einem der benachbarten Dächer bemerkte. "Samia", vermutete Madeleine, und beide setzten mit einem langen Sprung auf das Dach. Tatsächlich war die Caitiff ein Stück weiter links gerade dabei, irgendetwas zu untersuchen. Sie hielt ein seltsam aussehendes Zepter in der Hand, von dem eine schimmernde Glocke ausging, die sie komplett einhüllte. Das Leuchten war mit normalen Sinnen nicht zu sehen und schien eine Art Schutzmaßnahme darzustellen. Gerade, als die beiden näherkamen, prallte irgendetwas funkelnd von der Glocke ab und spritzte in Williams und Madeleines Richtung. Die beiden wichen hastig aus, als zwei leuchtende Funken die Stellen trafen, wo sie gerade noch gestanden hatten.

"Immer die selbe Visage", knurrte Samia und schaute auf. "Oh, ihr seid es." Sie nickte ihnen grüßend zu und steckte das Zepter weg. "Seid froh, daß euch das eben nicht getroffen hat."

"Du hast den Kerl auch gesehen?" fragte Madeleine. "Kennst du ihn?"

Samia schüttelte den Kopf. "Nein, und ich hatte geglaubt, ich würde inzwischen jeden kennen, der hier wohnt. Außerdem ärgert es mich, daß ich absolut keine Ahnung habe, was er da treibt. Letztes Jahr war es genau das selbe..."

Madeleine wurde hellhörig. "Er hat das letztes Jahr schon einmal gemacht? Seltsam... das erinnert mich an diese Morde, von denen wir gehört haben. Jedes Jahr zur Wintersonnenwende, inzwischen dreimal hintereinander. Ob es da einen Zusammenhang gibt?"

Die Caitiff zuckte die Schultern. "Keine Ahnung, aber der Mord für dieses Jahr ist schon passiert. Man weiß nur noch nicht so genau, wer das Opfer war. Der Kleidung nach ein Pilger, und kein armer, aber man hat ihm Kopf und Herz entfernt, und ohne Kopf ist er etwas schwierig zu identifizieren."

In diesem Moment spürten alle drei, wie eine Art Welle über sie hinwegrollte. Es war nicht unangenehm oder gar schmerzhaft, und es schien auch nichts weiter zu passieren. William sah sich mißtrauisch um. "Was war das?"

"Der Abschluß des Rituals, wenn mich nicht alles täuscht", vermutete Samia. "Wofür es auch immer gut gewesen sein mag, für dieses Jahr ist es vorbei." Sie seufzte. "Und ich habe wieder nichts darüber herausgefunden."

"Diese merkwürdige Welle, oder was immer das gewesen sein mag, kam von Norden", meinte Madeleine. "Zugegeben, wir sind ziemlich weit im Süden der Stadt, aber trotzdem muß ich daran denken, daß sich nördlich von uns diese Magierschule befindet..."

"Da kommt unsereins nicht hinein", erklärte die Caitiff sofort. "Das Haus ist mit Schutzzeichen gegen Vampire gesichert. Ich habe einmal versucht, da einzusteigen. Danach war ich für zwei, drei Nächte außer Gefecht, und zwar ziemlich gründlich."

"Ich würde mich trotzdem gerne einmal dort umsehen", sagte Madeleine. "Wenigstens von außen, vielleicht finden wir ja tatsächlich etwas."

"Viel Spaß dabei", meinte Samia achselzuckend. "Ich kümmere mich wieder um meine Domäne. Jetzt, wo das Ritual gelaufen ist, werden die Leute auch langsam wieder aufwachen."

 

"Von außen sieht es harmlos aus", bemerkte William, als sie schließlich auf einem Dach gegenüber der Magierschule saßen.

Madeleine nickte. "Abgesehen davon, daß da drinnen auf jeden Fall Magie aktiv ist..." Sie schaute nachdenklich hinüber. "Ich frage mich, ob das Haus außer gegen Kainiten noch gegen andere übernatürliche Wesen geschützt ist", murmelte sie.

"Du denkst an Schutzzeichen gegen Ghoule?" fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. "Ich denke an Schutzzeichen gegen Geister."

William verstand sofort. "Das gefällt mir nicht."

"Mir auch nicht", gab sie zu. "Aber von hier aus können wir nichts sehen, und einfach hineingehen können wir auch nicht." Sie sah sich um. "Da drüben der Schornstein würde mir ein wenig Deckung geben. Paßt du auf mich auf?"

"Natürlich." Er sah zu, wie sie sich auf das Dach setzte und an den Schornstein lehnte. "Sei vorsichtig", bat er leise, als sie die Augen schloß. Sie spürte seine Sorge und streifte beruhigend seinen Geist mit dem ihren, eine sanfte, warme Berührung. Dann erschlaffte ihr Körper, und sie war fort.

Es bereitete Madeleine keinerlei Mühe, ihren Körper zu verlassen. Sie spürte die Trennung von William fast schmerzhaft, und als sie über dem Dach schwebte, konnte sie sehen, daß es ihm nicht besser ging. Der Ventrue stand neben ihr. Er hatte sein Schwert gezogen und hielt den Griff so fest gepackt, daß die Fingerknöchel weiß hervortraten. Madeleine setzte sich in Bewegung. Je schneller sie das hier hinter sich brachte, umso besser.

 

Es dauerte eine Ewigkeit. William stand reglos wie eine Statue neben Madeleine und hielt Wache. Um sie herum rührte sich nichts, die wenigen Sterblichen, die er von seinem Posten aus sehen konnte, schliefen tief und fest. Es machte den Ventrue halb wahnsinnig, daß die Verbindung zu Madeleine unterbrochen war. Wenn ihr etwas zustieß, würde er es nicht einmal mitbekommen. William fühlte sich hilflos, und es gab nichts, was er mehr haßte. Plötzlich, es mochte etwa eine Viertelstunde seit ihrem Verschwinden vergangen sein, sah er mit Entsetzen, wie Madeleine aus den Augen und dem Mundwinkel zu bluten begann. Er mußte an das letzte Mal denken, als sie als Geist unterwegs gewesen war, in Konstantinopel, wo sie gegen Caius gekämpft hatte und fast dabei gestorben war. Und diesmal war kein James in der Nähe, der ihr helfen konnte... William spürte kalte Furcht in sich hochsteigen. Er fiel neben Madeleine auf die Knie und nahm sie in die Arme. "Komm zurück", flüsterte er und drückte sie an sich. Sie regte sich nicht. Endlich, es schienen Stunden vergangen zu sein, obwohl es in Wahrheit wohl nur Minuten gewesen waren, schlug sie die Augen auf. William wurde vor Erleichterung schwindlig. Er hielt sie fest und vergrub das Gesicht in ihrem Haar, ohne ein Wort zu sagen. Sie war unverletzt, das spürte er, wenn auch reichlich erschöpft.

"Es ist alles in Ordnung", murmelte sie beruhigend und genoß das Gefühl seiner Gegenwart. "Es war knapp, aber mir fehlt nichts."

"Was ist passiert?" fragte er und löste sich von ihr.

"Wie wir vermutet hatte, das Haus ist geschützt. Allerdings auf eine weniger offensichtliche Art, als ich dachte. Es war schwierig, hineinzukommen, so, als hätte mir etwas Widerstand entgegengesetzt. Drinnen konnte ich mich kaum bewegen, es fühlte sich an, als würde ich durch Schlamm schwimmen. Und als ich wieder hinauswollte..." Sie schauderte. "Die Wände waren plötzlich fest. Sehr fest sogar. Zuerst dachte ich, ich komme gar nicht hindurch, dann ging es doch irgendwie." Sie hob die Hand, wischte über ihr Gesicht und betrachtete stirnrunzelnd ihre blutverschmierten Finger. "Es war anstrengend."

"Da unten ist ein Brunnen, da kannst du es abwaschen. Hast du etwas herausfinden können?"

Sie schüttelte mißmutig den Kopf. "Nein, leider. Wie ich schon sagte, ich konnte mich da drin kaum bewegen, und der einzige, den ich gesehen habe, war ein Diener, der nicht besonders viel gedacht hat." Sie kam auf die Füße. "Ich fürchte, heute Nacht erfahren wir nichts mehr. Laß uns zum Brunnen gehen und dann nach einem Quartier suchen."

William nickte. "Nach der Begegnung mit Cesar van Dyke bin ich nicht besonders darauf erpicht, länger als nötig in seinem Gebiet zu wohnen. Ich nehme an, du hast auch nichts dagegen, wenn wir Samias Angebot annehmen?"

"Nicht im Geringsten", bestätigte sie.

 

Und? Wie sieht es aus? fragte William.

Vielversprechend, antwortete Madeleine, die als Schatten durch das Haus kroch und sich umsah. Sie befanden sich in der Nähe der südlichen Stadtmauer, und das Haus, das sie gerade in Augenschein nahmen, schien eine Art Handwerkerhof zu sein. Eine Mauer umgab einen Innenhof, in dem sich mehrere Gebäude drängten. Außer einem Haupthaus gab es noch eine Schmiede und einen Stall. Im Erdgeschoß des Hauptgebäudes befanden sich offenbar Werkstätten. Das Haus wurde von einer Großfamilie bewohnt, trotzdem gab es noch genug Platz, um die beiden Kainiten und ihre Begleiter unterzubringen. Keiner der Bewohner bemerkte die Lasombra, als sie langsam durch die Räume glitt. Schließlich kehrte sie nach draußen zurück und nahm ihre normale Gestalt an. "Wir sollten mit Samia reden", stellte sie fest. "Das Haus ist perfekt."

Sie fanden die Caitiff in ihrem Haus. "Du wirst uns heute Nacht nicht los ", bemerkte William, als sie die Tür öffnete. "Können wir kurz mit dir reden?"

"Natürlich", erwiderte sie und ließ die beiden ein. "Was gibt es?"

"Wir würden gerne in deine Domäne ziehen, wenn du nichts dagegen hast", erklärte der Ventrue. "Wir haben uns gerade ein Haus ausgesucht und wollten uns dein Einverständnis holen, ehe wir dort einziehen. Außerdem wollten wir mit dir klären, was mit den Bewohnern passiert."

"Die bleiben drin", erklärte Samia sofort.

"Natürlich", beeilte sich Madeleine klarzustellen. "Nur, wie macht man ihnen klar, wer da jetzt bei ihnen einzieht?"

"Am besten gar nicht. Welches Haus habt ihr euch eigentlich ausgesucht?" William beschrieb ihr den Handwerkshof. Sie nickte. "Ja, ich weiß, wo das ist. Sehr vernünftige Leute, da werdet ihr keine Schwierigkeiten haben. Am besten, ihr überlaßt das alles euren Ghoulen und tretet gar nicht selbst in Erscheinung."

"Sehr gut", meinte William zufrieden. "Dann werden wir uns darum kümmern, daß alles in die Wege geleitet wird."

"Tut das", sagte Samia. "Und meldet euch mal bei mir, wenn ihr eingezogen seid."

"Selbstverständlich", versicherte der Ventrue, und verabschiedete sich mit Madeleine.

 

Am nächsten Abend erschien Francesca mit erfreulichen Neuigkeiten bei Madeleine. "Es ist alles nach Wunsch gelaufen", erklärte sie. "William tritt offiziell als Mieter auf, und Giovanni hat sich um die ganzen Formalitäten gekümmert. Euer Gepäck und die meisten Ghoule sind schon dort, nur Vittorio, Angélique und ich sind noch hier."

"Ausgezeichnet", erklärte Madeleine. "Und wie sieht es mit der anderen Sache aus?"

"Auch gut, ich erwarte noch heute Abend einen Boten des Händlers. Ich habe nicht genau das bekommen, was du haben wolltest, aber ich denke, du wirst zufrieden sein."

Madeleine lächelte. "Sehr schön. Dann sollten wir uns gleich auf den Weg machen, wenn unser Langschläfer wach ist."

 

William und Madeleine machten noch einen Abstecher zum Basar, während ihre Ghoule schon zu ihrer neuen Unterkunft vorausgingen. Letzte Nacht war ihr Besuch unterbrochen worden, ehe sie alles gesehen hatten. Einige Stände waren bereits geschlossen, aber an den meisten wurde noch gehandelt. Madeleine entdeckte einen Tuchhändler, bei dem sie einiges einkaufte. Sie war mit nur zwei Kleidern in Jerusalem angekommen, und davon hatte sie letzte Nacht eins verbrennen müssen. Ersatz war dringend nötig. Schließlich erreichten sie ihr neues Domizil, wo sie in Begleitung der Träger, die die Stoffballen brachten, gar nicht weiter auffielen.

Sie begutachteten kurz die Räumlichkeiten und fanden wie erwartet alles zu ihrer Zufriedenheit. William rief nach Giovanni. "Hast du dafür gesorgt, daß die Kleider, die Samia uns ausgeliehen hatte, gewaschen wurden?"

"Selbstverständlich, Sir", erwiderte Giovanni leicht beleidigt und deutete auf einen Stuhl, auf dem der Burnus und das Kleid bereitlagen.

"Ausgezeichnet", meinte William und nahm das Bündel auf. "Madeleine? Wollen wir gehen?"

 

Samia war nicht zu Hause, vermutlich war sie wieder einmal unterwegs, um in ihrer Domäne für Ordnung zu sorgen. Daß sie diese Aufgabe sehr ernst nahm, stand außer Frage. William und Madeleine ließen die Kleider bei ihrem Ghoul zurück und machten sich auf die Suche. Schließlich wurden sie in einem kleinen Kaffeehaus fündig, wo die Caitiff gemütlich auf einer Bank vor der Tür saß und den Betrieb auf der Straße beobachtete. Sie hielt einen dünnen Schlauch in der Hand, an dem sie gelegentlich saugte, woraufhin Rauch aufstieg. "Guten Abend", begrüßte sie die beiden. "Setzt euch doch. Habt ihr noch nie eine Wasserpfeife gesehen?" fügte sie etwas amüsiert hinzu, als sie die erstaunten Blicke der beiden bemerkte.

"Nein", gab William zu und betrachtete das merkwürdige Gerät sehr interessiert.

"Möchtest du mal probieren?" fragte Samia. "Es ist Apfeltabak drin. Ziemlich guter sogar, er schmeckt wirklich nach Äpfeln."

Williams Neugier siegte kampflos. Ohne zu zögern nahm er den Schlauch, den die Caitiff ihm reichte, und saugte daran. Im nächsten Moment wurde er von einem Hustenanfall geschüttelt, der jedoch gleich wieder nachließ. Mit einem erstaunten Gesichtsausdruck reichte er den Schlauch zurück. "Du hast recht... es schmeckt tatsächlich nach Äpfeln."

Jetzt war auch Madeleine neugierig geworden und nickte, als Samia sie fragend ansah. Auch sie mußte im ersten Moment husten, dann sah sie ebenso verwundert drein wie William vorher. "Ich hatte schon fast vergessen, wie Äpfel schmecken", sagte sie leise, als sie das Mundstück zurückgab.

Samia lächelte. "Gut, nicht wahr? Aber jetzt erzählt mir, was euch zu mir führt. Ihr seid doch sicher nicht zufällig vorbeigekommen."

"Richtig", sagte William. "Wir wollten dich nur wissen lassen, daß wir umgezogen sind und uns sozusagen offiziell bei dir melden."

"Herzlich willkommen", erwiderte die Caitiff einfach. "Dann sollten wir noch ein paar Kleinigkeiten klären, was Verhaltensregeln angeht. Seht ihr zum Beispiel den Alten da vorne?" Sie deutete unauffällig die Straße hinunter, wo in diesem Moment ein sehr würdevoll aussehender alter Mann mit einem beeindruckenden Bart entlangkam. Er war von einem halben Dutzend weiterer Leute umgeben, die um ihn herumschwirrten und ihn nach allen Seiten abschirmten. "Wenn ihr so einen seht, sprecht ihn um Himmels Willen nicht an. Das ist ein Rabbi, und den unaufgefordert anzusprechen, bringt mehr Ärger, als die Sache wert ist. Dann müssen sie sich wieder reinigen und irgendwelche Zeremonien abhalten und sind allgemein ziemlich grantig. Generell gilt, je älter und je länger der Bart, desto weniger sollte man sie ansprechen. Wenn ihr etwas von ihnen wollt, wendet euch an die Leute um ihn herum, kein Rabbi geht alleine vor die Tür."

Madeleine zuckte die Schultern und sah dem Alten nach, wie er um eine Biegung verschwand. "Ziemlich umständlich, aber wenn die Sitten hier so sind, soll es mir recht sein."

"Des weiteren..." Samia überlegte einen Moment. "Daß ihr euch mit dem Jagen ein bißchen zurückhalten und niemanden ernsthaft verletzen sollt, sollte wohl klar sein. Ansonsten fällt mir jetzt erst einmal nichts mehr ein." Sie grinste plötzlich. "Falls ihr etwas falsch macht, werdet ihr es merken."

William nickte. "Das glaube ich dir. Übrigens, wenn wir jetzt hier wohnen, können wir die bei deinen Patrouillen irgendwie helfen? Es wäre vielleicht geschickt, wenn man sich etwas koordiniert."

"Wenn ihr das wollt, gerne. Ich rechne irgendwann in den nächsten Nächten damit, daß dieser Widerling Khosann noch einmal etwas probiert. Nachdem wir seine Ghoule gestern in die Flucht geschlagen haben... ich werde mich bei euch melden, wenn ich etwas genaueres weiß und eure Unterstützung brauche."

"Tu das", sagte William und erhob sich. "Wir werden uns dann wieder auf den Weg machen."

"Eine angenehme Nacht noch", meinte Samia. "Übrigens, noch ein Rat: ihr solltet übermorgen Nacht euer Haus nicht verlassen. Übermorgen ist Heiligabend, da sind die Kirchenglocken hier noch unangenehmer als sonst. Am besten, ihr bleibt gleich im Bett."

Madeleine schauderte. "Danke für die Warnung. Wir sehen uns dann danach, denke ich."

Im Haus angekommen, schlug Madeleine vor: "Was hältst du von einem Ausritt? Unsere Pferde könnten ein bißchen Bewegung vertragen." Ein donnerndes Geräusch aus dem Stall unterstrich ihre Worte.

"Goliath scheint ganz deiner Meinung zu sein", kommentierte William trocken. "In Ordnung, gönnen wir den beiden den Spaß."

 

Am nächsten Abend beschlossen die beiden, sich endlich um das Problem Grabeskirche zu kümmern. Sie hatten ein Jahr Zeit, um einen Weg zu finden, wie sie die Kirche ungefährdet betreten konnten, und es würde nicht einfach werden. "Wir brauchen Kontakte", erklärte Madeleine. "Ich denke, es wird Zeit, daß wir Bruder Matthias' Geschenk zum Einsatz bringen."

William nickte und betrachtete nachdenklich den goldenen Ring. "Es ist im Moment die einzige Anlaufstelle, die wir haben. Und eine recht vielversprechende dazu. Ich könnte mir vorstellen, daß diese Leute über eine sehr interessante Bibliothek verfügen."

Bald darauf standen die beiden vor dem Haus im arabischen Viertel. Es sah genauso unauffällig aus wie beim letzten Mal, als sie vorbeigekommen waren. William zögerte nicht lange und klopfte an. Einen Moment später waren Schritte zu hören, dann wurde die Tür geöffnet. Ein Diener stand dahinter und sah die beiden mißtrauisch an. Für William sah der Mann im ersten Moment normal aus, wenn auch recht häßlich. Madeleine jedoch durchschaute sofort die Illusion, mit der der sich tarnte. Der Diener war ein Gargoyle.

"Guten Abend. Was führt Wesen wie euch an unsere Tür?"

William zog den Ring hervor und zeigte ihn. "Wir möchten gerne den Hausherrn sprechen, wenn es möglich ist", erklärte er höflich.

Der Gargoyle starrte überrascht auf den Ring, dann wieder auf den Ventrue. Der Argwohn in seinem Gesicht war nicht geringer geworden. "Ich werde nachfragen. Wartet hier." Sprachs, und schlug den beiden die Tür vor der Nase zu. Die Kainiten wechselten einen Blick, hoben ratlos die Schultern, und warteten.

Es dauerte nicht lange, bis die Tür wieder geöffnet wurde und der Gargoyle erschien. "... du hättest sie wenigstens hereinbitten können!" schimpfte eine Stimme im Hintergrund. "Wir haben immerhin einen Warteraum."

"Tretet ein", sagte der Diener, dessen spontane Abneigung gegen die beiden Vampire durch die Schelte seines Herrn nicht eben gemildert wurde. Die beiden ignorierten seinen Blick großzügig und betraten das Haus. Der Gargoyle führte sie in ein geschmackvoll und erstaunlich kostbar eingerichtetes Zimmer. Dicke Vorhänge verhüllten die Fenster und verhinderten, daß das Licht der Kerzen nach draußen drang. Massive Regale aus sorgfältig poliertem Holz waren gefüllt mit einigen Dutzend Büchern (die aber zu Williams Enttäuschung allesamt sehr allgemeiner Natur waren). Dicke Teppiche, ein niedriger Tisch und schwere, bequem gepolsterte Sessel vervollständigten die Einrichtung.

Kaum waren die beiden eingetreten, als sich eine Tür öffnete und ein Mann hereinkam. Er war mittelgroß, schlank und dunkelhaarig, aber zu hellhäutig für einen Einheimischen. Als er sich vorstellte, verriet sein Akzent, daß er tatsächlich nicht von hier stammte.

"Guten Abend. Wenn ich mich vorstellen darf, mein Name ist Wenzel. Mit wem habe ich die Ehre?" William nannte ihre Namen. Wenzel nickte. "Ich muß zugeben, daß mich Eure Anwesenheit etwas überrascht. Mein Diener sagte mir, Ihr könntet Euch ausweisen?"

"Das können wir." William zog erneut den Ring hervor.

Wenzel warf einen Blick darauf, dann streckte er die Hand aus. "Dürfte ich mir das genauer ansehen?"

Er will sich wahrscheinlich vergewissern, daß wir auf rechtmäßige Art und Weise an den Ring gekommen sind, vermutete Madeleine.

Wahrscheinlich, stimmte William zu und reichte Wenzel den Ring. Der drehte ihn in der Hand und betrachtete ihn eine Weile nachdenklich.

Schließlich nickte er und gab William den Ring zurück. "Interessant", kommentierte er. "Nun, womit kann ich Euch helfen?"

Die beiden Kainiten waren sich einig gewesen, daß es nicht klug gewesen wäre, gleich beim ersten Treffen das eigentliche Problem zu erwähnen. Ring oder nicht, Wenzel und seine Brüder würden Wesen ihrer Art vermutlich nicht gerade besonders aufgeschlossen gegenüberstehen. Es war unerläßlich, ein gewisses Vertrauen aufzubauen, ehe man die Leute einweihte. Und eine Möglichkeit, das zu erreichen, bestand darin, daß man zunächst näheres über dieses geheimnisvolle Ritual herausfand, das von den Bewohnern des Hauses sicherlich auch nicht unbemerkt geblieben war.

"Ihr habt vermutlich bemerkt, daß in der Nacht der Wintersonnenwende etwas merkwürdiges vorgefallen ist", sagte William deshalb. "Wir wissen, daß irgendjemand ein Ritual abgehalten hat, und daß dieses Ritual auch nicht zum ersten Mal stattfand. Wir möchten Euch bitten, uns Zugang zu Eurer Bibliothek zu gewähren, damit wir einige Nachforschungen anstellen können."

Wenzel hob eine Augenbraue. "Erstaunlich", meinte er. "Ich hätte nicht geglaubt, daß sich außerhalb dieser Mauern irgendjemand für das Ritual interessiert."

"Wißt Ihr näheres darüber?"fragte William sofort.

"Leider nein. Aber warum wollt Ihr etwas darüber erfahren?"

"Wegen des Zeitpunkts", sagte der Ventrue einfach. "Wenn jemand ein Ritual ausgerechnet in dieser besonderen Nacht durchführt, kann man davon ausgehen, daß seine Absichten nicht die besten sind. Wir machen uns Sorgen deswegen und wollen der Sache auf den Grund gehen."

Wenzel sah ihn lange und nachdenklich an. "Erstaunlich", wiederholte er. "Aber gut, Ihr besitzt den Ring und habt somit Anspruch auf unsere Unterstützung. Habt bitte Verständnis dafür, daß ich Euch keinen direkten Zugang zu Bibliothek gewähren kann. Ich werde aber dafür sorgen, daß Euch Bücher zur Verfügung gestellt werden. Sie werden ab morgen Nacht hier in einem Lesesaal für Euch bereitliegen."

Ich fürchte, mehr können wir für den Moment nicht erwarten, meinte Madeleine, und William stimmte ihr zu.

"Morgen ist leider ein etwas ungünstiger Zeitpunkt. Wir werden übermorgen vorbeikommen", erklärte er.

Wenzel nickte. "Natürlich, ich vergaß. Das ist kein Problem, die Bücher werden bereitliegen, wann immer Ihr sie einsehen wollt."

Die beiden erhoben sich und verabschiedeten sich. Der Gargoyle geleitete sie wieder zur Haustür, nicht ohne ihnen noch einen unfreundlichen Blick hinterherzuwerfen.

Schließlich kamen sie wieder zu Hause an, und Madeleine sah William fragend an. "Was machen wir jetzt noch mit der Nacht? Wollen wir noch einmal ausreiten? Morgen werden wir wohl kaum Gelegenheit dazu haben."

"Gute Idee", nickte William. "Sagen wir den Ghoulen Bescheid und... was ist denn?" wollte er wissen, als Madeleine plötzlich stehenblieb und beunruhigt wirkte.

"Ghoule", murmelte sie. "Natürlich. Der Kerl wäre unglaublich dumm, wenn er diese Chance nicht nutzen würde."

"Verrätst du mir auch, wovon du redest?" erkundigte sich der Ventrue.

"Torgosz Khosann", antwortete sie. "Morgen Nacht, wenn sich kein Kainit auf die Straße trauen kann, also auch Samia aus dem Weg ist, wäre da nicht die ideale Gelegenheit für ihn, seine Ghoule loszuschicken?"

William sog scharf die Luft ein. "Verdammt, du hast recht. Wir sollten unsere Leute auf Patrouille schicken. Ich kann mir nicht vorstellen, daß er sich diese Gelegenheit entgehen läßt."

"Mein Gedanke", stimmte sie zu und ging William von Baskerville suchen.

Baskerville hörte sich das Problem an und versprach, alles Nötige zu organisieren. Beruhigt machten sich die beiden Kainiten auf den Weg aus der Stadt. Nachdem sie eine Weile geritten waren, meinte Madeleine plötzlich: "William? Darf ich dich um etwas bitten?"

"Worum geht es?"

Sie legte eine Hand auf den Griff ihres Katanas. "Würdest du mir zeigen, wie man damit richtig umgeht? Ich konnte das ja früher, aber inzwischen habe ich mich einfach zu sehr daran gewöhnt, daß ein Schwert nichts wiegt." Sie warf einen bezeichnenden Blick auf seinen Schatten.

William lächelte. "Kein Problem. Aber ich warne dich, ich werde es dir nicht einfach machen."

"Das ist auch nicht der Sinn der Sache", meinte sie nur.

 

Zwei Stunden später war William einigermaßen zufrieden. "Ich glaube, das reicht für heute. Alles scheinst du doch nicht vergessen zu haben, mit ein wenig Übung wird das schon wieder."

Madeleine knickste spöttisch. "Welch hohes Lob."

William grinste. "Mir schadet Übung auch nichts. Ich werde mich jetzt noch ein wenig mit James' Bogen beschäftigen."

"Tu das. Ich probiere inzwischen noch einmal Irians Abschiedsgeschenk aus." Die Gangrel hatte den beiden vor ihrer Abreise aus Konstantinopel eine wertvolle Fähigkeit beigebracht: die Kunst, Tiergestalt anzunehmen. Beide hatten allerdings feststellen müssen, daß Fliegen deutlich weniger einfach war, als es aussah, und daß es notwendig war, möglichst häufig zu üben. Madeleine konzentrierte sich - und Augenblicke später saß da, wo sie gerade noch gestanden hatte, eine Schleiereule. Madeleine breitete die Flügel aus und verschwand lautlos in der Dunkelheit.

Die beiden hatten sehr schnell gemerkt, daß es keine gute Idee war, die geistige Verbindung zwischen ihnen offenzuhalten, während einer von ihnen flog. Die ungewohnten Eindrücke waren für den anderen extrem verwirrend und führten zu Schwindelgefühl und sogar Übelkeit. Madeleine unterbrach folglich die Verbindung fast völlig, so daß William von ihr nicht mehr spürte als ihre Anwesenheit irgendwo in der Entfernung.

Als die Lasombra einige Zeit später zurückkehrte, hatte sie etwas interessantes zu berichten. "Ein Stück weiter nach Süden steht noch ein Haus", erzählte sie. "Es ist ziemlich groß, vermutlich eine alte römische Villa. Im Augenblick scheint sich da eine Zigeunersippe eingenistet zu haben, jedenfalls waren recht viele Leute da."

"Hast du Verwandte gesehen?" wollte der Ventrue wissen.

Madeleine schüttelte den Kopf. "Nein, das muß aber nichts heißen. Von den Ravnos nördlich der Stadt scheinen sie nichts zu wissen. Ich habe mich in den Gedanken eines Burschen umgesehen, der gerne den Anführer des Clans absetzen möchte. Ansonsten habe ich nichts weiter erfahren, aber das Haus ist recht beeindruckend. Früher muß es ziemlich hübsch gewesen sein."

"Wie die Villa in Konstantinopel?" William lächelte. Dann warf er einen Blick zum Himmel. "Es wird Zeit, daß wir uns auf den Rückweg machen", meinte er und schwang sich in den Sattel.

 

Als Madeleine am nächsten Abend erwachte, dröhnte es um sie herum. Entsetzt schlug die Lasombra die Hände über die Ohren und verkroch sich unter der Decke. Der Handwerkshof hatte dicke, solide Mauern, und die nächste Kirche war ein gutes Stück entfernt, trotzdem hatte Madeleine das Gefühl, als schlage jemand mit einem Hammer auf ihren Kopf ein. Sie rollte sich unter der Decke zusammen, drückte sich an William, der noch schlief, und wünschte sich nichts sehnlicher, als ebenfalls noch einmal einschlafen zu können.

William erging es nicht viel besser. Der Ventrue machte nach dem Aufwachen einen Versuch, aufzustehen, ließ es dann aber doch bleiben und verkroch sich schleunigst wieder unter der Bettdecke. Eng aneinandergeschmiegt und vor Schmerz zitternd, verbrachten die beiden Kainiten einige lange Stunden.

Endlich, zwei Stunden nach Mitternacht, verebbte der Lärm. Madeleine blieb ein paar Minuten lang einfach mit geschlossenen Augen ruhig liegen und genoß die Stille. Schließlich strich William ihr sanft über die Wange. "Ich hoffe, das war es für heute", sagte er leise. Besorgt sah er auf sie herab. "Du bist ziemlich mitgenommen", stellte er fest.

"Ja", gab sie widerwillig zu. "Ich hätte vorhin den Kopf nicht aus dem Bett strecken sollen. Es tut immer noch weh."

"Dann brauchst du etwas zu trinken", erklärte er und bot ihr seinen Hals an. Madeleine konnte natürlich nicht widerstehen, und so wurden die Stunden der Ruhe ausgiebig genutzt.

Irgendwann bemerkte die Lasombra, wie William eine Handbewegung machte, zu schnell, als daß sie ihr hätte mit den Augen folgen können. Im nächsten Moment schimmerte an ihrem Handgelenk etwas golden. Madeleines Augen weiteten sich. "William, das ist... danke!" Bewundernd betrachtete sie das goldene Armband. Die Rubine, mit denen es besetzt war, funkelten im schwachen Licht der Öllampe wie Blutstropfen.

William lächelte. "Freut mich, daß es dir gefällt. Ich dachte, es paßt gut zu der Halskette, die du so gerne trägst."

Jetzt mußte Madeleine ebenfalls lächeln. Sie hatte besagte Halskette in Florenz anfertigen lassen. Mog hatte ihr dort einen kleinen Rubin geschenkt, und sie hatte den Stein von einer Goldschmiedin in eine Kette fassen lassen. Die Goldschmiedin war eine Toreador gewesen, und die Qualität der Arbeit war entsprechend. William hatte recht, das Armband paßte tatsächlich hervorragend dazu. Madeleine bedauerte kurz, daß sie kein Weihnachtsgeschenk für ihn hatte, aber das, was sie plante, würde noch etwas Zeit brauchen. So mußte sie sich notgedrungen auf einen Kuß beschränken, was William allerdings durchaus in Ordnung fand.

Die Ruhepause währte nur gute zwei Stunden, dann begannen die Glocken wieder zu läuten. Zum Glück waren die Auswirkungen diesmal nicht so schmerzhaft wie vorher, aber es war immer noch unangenehm genug. Erst die aufgehende Sonne erlöste die beiden schließlich, und sie war wohl noch selten von Vampiren so herbeigesehnt worden.

 

Am nächsten Abend saß William von Baskerville neben Madeleines Bett. Die Lasombra musterte ihn besorgt, aber er schien in Ordnung zu sein. "Ist letzte Nacht etwas passiert?" fragte sie.

Baskerville nickte grimmig. "Ihr hattet recht. Khosann hat einen Trupp Ghoule in die Stadt geschickt und sie Jungfrauen jagen lassen. Fünfzehn wollten sie entführen. Zwölf von ihnen konnten wir retten, die übrigen drei haben sie leider verschleppt."

"Ist von euch jemand verletzt worden?"

"Nicht wirklich", beruhigte er sie. Dann lächelte er. "Ich könnte allerdings etwas zu trinken gebrauchen", gestand er.

"Das ist nun wirklich kein Problem", fand sie.

 

William nahm die Neuigkeiten äußerlich unbewegt zur Kenntnis. Madeleine konnte jedoch spüren, wie es in ihm kochte. "Ich wäre sehr dafür, Khosann demnächst einen Besuch abzustatten", erklärte er.

Madeleine war ganz seiner Meinung. "Laß uns mit Samia reden..."

Es klopfte. Francesca steckte den Kopf durch die Tür. "Ihr habt Besuch", verkündete sie.

Unten im Hof wartete Samia auf sie. Die Caitiff war sichtlich zornig und hielt sich anscheinend nur mühsam unter Kontrolle. "Ich gehe zu Khosann", erklärte sie. "Wollt ihr mitkommen?"

William nickte und sah Madeleine an, die bereits in ihrer Rüstung steckte. "Wir sind eigentlich schon aufbruchbereit."

"Gut." Samia warf einen Blick zum Himmel. "Könnt ihr fliegen?"

"Können wir."

"Dann los." Ohne weitere Worte ging die Caitiff in die Hocke, stieß sich vom Boden ab und sprang hoch. Noch in der Luft verschwammen ihre Umrisse, und ehe sie wieder auf dem Boden aufkam, flatterte über ihnen ein Raubvogel, der Ähnlichkeit mit Williams Falken hatte.

Der Ventrue stieß einen bewundernden Pfiff aus. "Das würde ich auch gerne können", murmelte er, und nahm seine Fledermausgestalt an. Gleich darauf folgte ihm Madeleine als Schleiereule nach oben.

Samia flog schnurgerade nach Süden, und Madeleine begann zu ahnen, wo sie hinwollte. Am Fuß eines kleinen Hügels landete die Caitiff schließlich und verwandelte sich zurück. "Wohnt Khosann in dieser alten Villa da vorne?" wollte die Lasombra wissen.

Samia nickte. "Ja, er hat sich da einquartiert, mit seinen Zigeunern, die ihm dienen." Sie machte ein säuerliches Gesicht. "Leider werden wir die Form wahren müssen. Das heißt, wir werden jetzt dorthingehen, brav an der Vordertür klopfen und den Mistkerl höflich ersuchen, seine Gefangenen freizugeben. Er wird sich weigern, dann werden wir uns verabschieden und wieder gehen. Und dann kommen wir zurück und holen sie mit Gewalt heraus."

William hob eine Augenbraue. "Das klingt, als hättest du schon öfter mit dem Burschen zu tun gehabt", stellte er fest.

"Habe ich. Leider."

 

"Einen wunderschönen guten Abend, die Herrschaften. Wünscht Ihr meinen Meister zu sehen?" Der Ghoul war fast häßlich genug, um einem Nosferatu zu gehören.

Samia ließ sich davon nicht irritieren. "So ist es. Ist er zu sprechen?"

"Selbstverständlich. Wenn Ihr mir bitte folgen wollt?" Damit wandte er sich ab und schlurfte ins Hausinnere.

Was für eine Verschwendung, stellte Madeleine bedauernd fest, als sie sich im Haus umsah. William mußte ihr zustimmen. Die Villa mußte früher einmal sehr schön gewesen sein, aber der jetzige Eigentümer tat offensichtlich nicht das Geringste für ihren Erhalt. Überall waren Spuren des Verfalls sichtbar, und die Einrichtungsgegenstände waren offenbar nur nach ihrem materiellen Wert ausgewählt und lieb- und geschmacklos arrangiert.

Der Raum, in den der Ghoul sie schließlich führte, glich in dieser Hinsicht dem Rest des Hauses. Die schweren Vorhänge, die die Fenster verhüllten, paßten farblich absolut nicht zu dem dicken Teppich auf dem Boden. Außerdem waren sie voller Staub und Spinnweben und hatten sogar hier und da Mottenlöcher. Zum Glück mußten die drei nicht lange in dieser unerfreulichen Umgebung auf den Hausherrn warten. Der Ghoul hatte sich kaum entfernt, als eine Tür geöffnet wurde und ein überaus gutaussehender junger Mann eintrat. Er trug ein loses Hemd über einer dazu passenden Hose und war barfuß. Dichtes braunes Haar fiel bis auf seine Schultern, und seine blauen Augen strahlten fast so wie das gewinnende Lächeln, das er zur Schau trug. Madeleine fand ihn auf Anhieb unsympathisch.

"Samia, meine Liebe, wie nett, daß du mich besuchst. Darf ich fragen, wer deine Freunde sind?"

William, der neben der Caitiff stand, erfaßte sofort, daß diese um ihre Beherrschung rang und vermutlich sofort aus der Haut fahren würde, wenn sie auch nur ein Wort sagen mußte. "Die Dame ist Madeleine de Neuville. Mein Name ist Sir William von Tintagel", sagte er darum.

"Torgosz Khosann, wie Samia Euch zweifellos bereits berichtet hat." Der Tzimisce verneigte sich elegant und begrüßte Madeleine mit einem vollendeten Handkuß. Die Lasombra unterdrückte ein plötzliches Bedürfnis, sich die Hände zu waschen. "Es ist mir ein Vergnügen, Euch kennenzulernen. Was verschafft mir die Ehre Eures Besuchs?"

William konnte förmlich hören, wie Samia neben ihm mit den Zähnen knirschte. Das war definitiv kein guter Zeitpunkt, um lange um den heißen Brei herumzureden. Madeleine warf ihm ohnehin dauernd vor, er rede zuviel. "Uns ist zu Ohren gekommen, daß sich in Eurem Haus drei junge Damen aus der Stadt aufhalten", erklärte er. "Wir haben den Verdacht, daß besagte Damen Jerusalem nicht ganz freiwillig verlassen haben. Deswegen würden wir sie gerne wieder mit zurück nehmen."

Khosann hob erstaunt eine Augenbraue. "Das sind sehr schwere Vorwürfe", meinte er. "Ich nehme an, Ihr habt Beweise dafür, daß die Damen sich in diesem Haus befinden?"

Madeleine beobachtete besorgt, daß Samia offenbar kurz davorstand, die Beherrschung zu verlieren. Die Caitiff hatte die Hände so fest zu Fäusten geballt, daß ihre Fingerknöchel weiß hervortraten.

"Beweise haben wir nicht", mußte William zugeben. Er lächelte kurz. "Jedenfalls keine, die Ihr als solche anerkennen würdet."

Khosann breitete die Arme aus und setzte eine Miene gekränkter Unschuld auf. "Ich fürchte, dann kann ich Euch nicht weiterhelfen", erklärte er. "Ihr werdet mir glauben müssen, daß die jungen Damen sich nicht hier aufhalten." Er lächelte Samia freundlich an. "Kann ich sonst noch etwas für Euch tun?" erkundigte er sich.

William erwiderte das Lächeln ebenso freundlich und genauso ehrlich. "Nein, vielen Dank. Ich denke, wir werden jetzt gehen, nicht wahr?" Er nahm Samia am Arm, die nur sprachlos nickte. Minuten später waren sie wieder draußen, wo die Caitiff sich in sicherer Entfernung vom Haus erst einmal mit einem Wutschrei Luft verschaffte. William wartete ungerührt, bis sie damit fertig war. "Bisher läuft ja alles nach Plan", bemerkte er dann. "Nachdem die diplomatischen Bemühungen erwartungsgemäß gescheitert sind: wie machen wir weiter?"

"Wir gehen da rein und holen die Mädchen heraus, und gnade Gott dem, der uns im Weg steht", knirschte Samia.

"Im Prinzip nicht schlecht, aber ausbaufähig", fand Madeleine. "Es könnte helfen, wenn wir etwas mehr über das Haus und seine Anlage wüßten, ehe wir blindlings hineinstürmen."

"Und wie sollen wir das anstellen?" fragte die Caitiff.

Madeleine hob die Schultern. "Wir haben zwei Möglichkeiten, eine sehr riskante und eine etwas weniger riskante."

"Die weniger riskante", erklärte William sofort, der natürlich genau wußte, wovon sie sprach.

Samia sah verständnislos von einem zum anderen. "Wovon redet ihr?"

"Nun, es gäbe die Möglichkeit, sich als Geist da drin umzusehen - oder als Schatten. Als Geist bin ich nicht so ohne weiteres zu sehen. Wenn mich allerdings jemand sehen kann, bin ich ziemlich verwundbar. Als Schatten kann ich leichter entdeckt werden, habe aber Möglichkeiten, mich zu wehren."

Samia nickte nachdenklich. "Das klingt in der Tat interessant", gab sie zu.

Es wäre mir wohler, wenn du als Schatten hineingehst. Williams Stimme in Madeleines Gedanken klang besorgt. Der Schreck ihres letzten Ausflugs saß ihm wohl noch in den Knochen, und Madeleine selbst fühlte sich auch mehr als unwohl bei dem Gedanken, von ihm getrennt zu sein.

Mir auch, antwortete sie. Außerdem bekommt ihr dann gleich mit, was ich finde. Sekunden später schwebte da, wo sie gerade gestanden hatte, eine formlose schwarze Wolke, die rasch über den Hügel in Richtung Villa abzog. Samia warf ihr noch einen etwas verwunderten Blick hinterher, ehe sie Williams Beispiel folgte, der sich gemütlich auf einem Felsen niederließ.

Wenig später ließ Madeleine ihn wissen, daß sie das Haus erreicht hatte. Ich bin drinnen, bisher ist mir niemand begegnet, berichtete sie. Da vorne scheint ein Kellereingang zu sein, das sieht vielversprechend aus. Einen kurzen Augenblick blieb es still, dann meldete sie sich wieder. Hier unten muß tatsächlich etwas sein. Hier ist ein Gang, in dem zehn Ghoule mit Fackeln in Zweierreihen stehen und alles blockieren. Khosann scheint sehr daran gelegen zu sein, daß niemand unbemerkt durchkommt.

Schaffst du es? erkundigte sich William.

Ich denke schon... oh! Der Ventrue spürte plötzlich Zorn in ihr. Einer der Ghoule war bei dem Überfall dabei. Dabei scheint er William über den Weg gelaufen zu sein, und offenbar hat er den Kürzeren gezogen. Er denkt an einen "englischen Pfau" und an ziemlich unangenehme und wenig subtile Dinge, die er mit ihm anstellen will.

William konnte sich nicht beherrschen, er prustete los. Samia warf ihm einen merkwürdigen Blick zu. "Was ist denn so lustig?"

William winkte ab und faßte sich wieder. "Ach, nichts, ich hatte nur gerade einen komischen Gedanken..." Einen Moment später wurde er schlagartig wieder ernst. "Madeleine braucht Hilfe", sagte er und verschwand vor Samias Augen.

"Allmählich werden mir die beiden unheimlich", brummte die Caitiff, dann rannte sie ebenfalls los.

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