Kapitel 25, Teil 2
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Madeleine zog sich als Schatten langsam und vorsichtig durch die Mauerritzen. Sie hielt sich im unteren Teil der Wand, dicht über dem Boden, und es schien, als käme sie tatsächlich unbemerkt an den Ghoulen vorbei. Aber dann, gerade als sie neben dem letzten in der Reihe war, schaute der durch einen dummen Zufall nach unten. Madeleine erstarrte sofort, aber er hatte Verdacht geschöpft. Einen Augenblick lang sah er mißtrauisch auf den Schatten herab, dann brüllte er: "Ein Eindringling!"

Madeleine fluchte in Gedanken in den höchsten Tönen und schoß aus der Mauerspalte hervor, aus der Reichweite der Fackel. Im nächsten Moment hüllte Finsternis den Gang ein. Die Lasombra erkannte, daß sie nicht genug Zeit hatte, sich zurückzuverwandeln, aber zum Glück gehorchten ihr die Schatten auch in ihrer jetzigen Gestalt. Der Ghoul vor ihr, der sie bemerkt hatte, öffnete gerade den Mund, um nach seinem Herrn zu schreien. Die Dunkelheit um ihn herum dämpfte zwar auch Geräusche, aber Madeleine wollte kein Risiko eingehen. Ein Gedanke genügte, dann entstanden vor ihr im Gang sechs Tentakel aus lebenden Schatten. Sie befahl einem von ihnen, den Ghoul zu knebeln, ehe er schreien konnte. Ein zweiter hatte sich dicht am Boden gebildet und wand sich gerade zwischen den Beinen von zwei weiteren Ghoulen hindurch. Madeleine grinste boshaft in sich hinein und befahl ihm: Nach oben! Die übrigen vier Tentakel suchten sich selbst ihre Ziele. Leider bemerkte Madeleine zu spät, daß William gerade vorn an der Kellertreppe ankam - und daß einer ihrer Diener den Ventrue für einen Gegner hielt. Ehe sie ihn zurückrufen konnte, hatte er sich um William herumgewickelt.

William erreichte den Kellereingang und stand übergangslos in vollkommener Dunkelheit. Er konnte vor sich Bewegung erahnen, sehen konnte er nichts. Seine vitae ließ seine Bewegungen so schnell werden, daß kein sterblicher Gegner eine Chance hatte, ihn auch nur wahrzunehmen, ehe er angriff. William spürte, daß Madeleine ein gutes Stück weiter hinten im Gang stand, und schloß daraus, daß alles, was sich in unmittelbarer Nähe befand, ein Gegner sein mußte. Er holte mit der bloßen Hand aus und wollte den erstbesten Ghoul bewußtlos schlagen, als sich plötzlich etwas blitzschnell um ihn herumwand und seine Arme an seine Seite fesselte. Es dauerte einen Moment, ehe ihm klar wurde, daß Madeleine ihre Schatten gerufen und einer von ihnen irrtümlich ihn angegriffen hatte. Die Kreaturen waren stark, wie er erkennen mußte. Selbst für ihn war es nicht einfach, den Griff zu durchbrechen, und er war froh, daß es nur ein Tentakel war, der ihn umklammert hielt. Schließlich schaffte er es, sich zu befreien. Augenblicke später lagen zehn mehr oder weniger stark angeschlagene Ghoule auf dem Boden.

Madeleine sah, daß William sich aus dem Griff ihres Dieners befreite und begann, die Ghoule anzugreifen. Keine Sorge, außer Gegnern und meinen Schatten ist hier niemand, ließ sie ihn wissen. Sie sah, wie er einen von Khosanns Gefolgsleuten wie eine Puppe hochhob und gegen die Wand schleuderte. Der Mann rutschte zu Boden und blieb benommen sitzen. Die Lasombra war überzeugt, daß William ihre Hilfe nicht brauchte und nahm sich die Zeit, wieder ihre stoffliche Gestalt anzunehmen. Als sie damit fertig war, befahl sie ihre Diener an ihre Seite, hob die Dunkelheit auf und folgte dem Gang weiter nach hinten, wo sie eine Kreuzung erkennen konnte.

Schlagartig wich die Finsternis, und William bot sich ein Anblick wie auf einem Schlachtfeld. Mitten im Gang lagen zwei Ghoule, wanden sich vor Schmerzen und hielten sich den Unterleib. Zwei weitere hockten hinter ihm an der Wand und bluteten aus Platzwunden am Hinterkopf. Die restlichen sechs lagen im Korridor verteilt am Boden. Sie schienen alle noch am Leben zu sein, aber keiner von ihnen würde in nächster Zeit um Hilfe rufen können. Der Ventrue stieg über einen von ihnen hinweg, ohne sich noch weiter um ihn zu kümmern, und folgte Madeleine, die ein Stück vor ihm gerade um eine Ecke verschwand. Im nächsten Moment spürte er eine seltsame Mischung aus Zorn, Mitleid und Ekel, dann hörte er ihre Stimme: Oh mein Gott, William... sieh dir das an!

William bog um die Ecke und blieb entsetzt stehen. Vor ihm öffnete sich eine Tür in einen kleinen Raum, und darin befanden sich die drei gesuchten Mädchen. "Dieses Schwein", flüsterte Madeleine. Die Lasombra war den Tränen nah. "Dieses verdammte Schwein..."

An den Wänden des Raumes waren Ketten angebracht, genug, um sechs Gefangene zu fesseln. Drei der Plätze waren belegt. Die drei Mädchen hingen mit ausgebreiteten Armen kopfüber in ihren Fesseln. Alle waren bewußtlos und übel zugerichtet. William hatte schon einiges gesehen, aber dieser Anblick schnürte ihm die Kehle zusammen. "William", sagte Madeleine tonlos. "Ich brauche eine Klinge."

"Nimm", antwortete er nur.

Im nächsten Moment hatte der Ventrue keinen Schatten mehr, und Madeleine hielt ein tiefschwarzes Schwert in der Hand. Ohne zu zögern holte sie aus und durchtrennte die Ketten, die die Hände der nächsten Frau fesselten. William trat an ihre Seite und hielt die Gefangene fest, als die Lasombra mit dem nächsten Schlag die beiden anderen Ketten sprengte. Vorsichtig ließ er die junge Frau zu Boden gleiten, nahm seinen Umhang ab und breitete ihn über sie.

Von der Tür kam ein zorniges Fauchen. Samia war angekommen, und der Anblick in der Kammer hatte gereicht, um die Caitiff den letzten Rest Beherrschung verlieren zu lassen. Ihre Augen glühten wie Kohlen, und an ihren Händen wuchsen messerscharfe Klauen. Mit einem Wutschrei warf sie sich herum und stürmte den Gang zurück, auf der Suche nach Khosann.

Madeleine warf William einen Blick zu. "Folge ihr", sagte sie. "Ich kümmere mich um die drei." Er nickte und verschwand. Madeleine winkte ihre Schatten heran, die ihr immer noch gefolgt waren, und befahl ihnen, die beiden Gefangenen vorsichtig zu stützen, während sie die übrigen Ketten durchtrennte. Schließlich lagen alle drei Mädchen vor ihr auf dem Boden und boten einen erbärmlichen Anblick. Madeleine beeilte sich, William seinen Schatten zurückzuschicken. Dann unterdrückte sie ihren Abscheu und besah sich die Wunden, mußte aber bald einsehen, daß sie hier, wo sie weder Wasser noch saubere Tücher oder Kräuter hatte, nichts für die drei tun konnte.

Kurz darauf erreichte Madeleine ihre Begleiter im Erdgeschoß der Villa. Hinter ihr schwebten ihre Diener, die jeweils zu zweit eine der jungen Frauen trugen und dabei ungewöhnlich vorsichtig waren. William und Samia standen am Fenster und sahen nach draußen. William hatte eine Hand auf Samias Arm gelegt und versuchte offenbar, sie zu beruhigen. Madeleine warf einen Blick hinaus. Dort standen die Wagen der Zigeuner, und in ihrer Mitte unter einer Art Baldachin saß Khosann wie ein König auf seinem Thron und winkte spöttisch zu ihnen herüber. Samia fluchte ununterbrochen und schien kurz davor, sich durch das Fenster nach draußen zu stürzen.

"Samia", sagte Madeleine ruhig. "Wir holen ihn uns. Später. Jetzt sind hier drei, die Hilfe brauchen."

Die Caitiff drehte sich um und sah auf die Mädchen herunter. "Du hast recht", sagte sie. "Wir bringen sie zu mir, dort kann ich vielleicht etwas für sie tun." Sie schaute noch einmal zum Fenster. "Khosann gehört mir", fügte sie leise hinzu. "Ich werde mich mit den übrigen Prinzen absprechen und ihn offiziell für vogelfrei erklären lassen. Und dann gehört er mir." Dann trat sie zu den Bewußtlosen, hob sich vorsichtig eine von ihnen auf die Schultern und war Augenblicke später mit ihr verschwunden. William wechselte einen Blick mit Madeleine, dann nahmen sie die beiden anderen auf und folgten.

 

Samia betrieb in ihrem Haus ein kleines Hospital für Bedürftige. Dorthin brachten sie die drei Mädchen und quartierten sie getrennt von den übrigen Kranken in einem Nebenzimmer ein. Dann verfiel die Caitiff, unterstützt von Madeleine, in fieberhafte Aktivität. William mußte bald erkennen, daß er den beiden nur im Weg war, und beschloß, zur Villa zurückzukehren. "Wenn der Kerl noch da ist, hole ich ihn mir", erklärte er. "Wenn er erst einmal einen Pflock im Herzen hat, können wir uns noch überlegen, was wir mit ihm anstellen."

 

Madeleine hatte keine Ahnung, wieviel Zeit vergangen war, als Samia sich schließlich erschöpft auf einen Stuhl fallenließ. "Ich weiß nicht, was ich noch tun soll", gestand sie. "Ich bin mir nicht sicher, was Khosann genau mit ihnen angestellt hat. Ich versuche, sie zu entgiften, aber irgendwie funktioniert es nicht richtig."

Madeleine sah auf die Frauen herab, die immer noch in tiefer Bewußtlosigkeit lagen. Einen kurzen Moment zögerte sie, dann gab sie sich einen Ruck. "Ich werde sehen, was ich herausfinden kann", sagte sie leise und legte einer von ihnen die Hand auf die Stirn. Augenblicke später brach sie neben dem Bett in die Knie, krümmte sich zusammen und übergab sich würgend. Sie schaffte es, sich wieder unter Kontrolle zu bringen, ehe sie zuviel ihrer vitae verlor, aber es blieb ein Gefühl der Übelkeit zurück, das so stark war, daß William es in einigen Meilen Entfernung noch spürte und sich besorgt bei ihr meldete, um zu erfahren, was passiert war. "Es geht schon wieder", beruhigte sie Samia, die ihr auf die Beine half, und gleichzeitig den Ventrue. "Es ist schlimmer, als wir dachten", erklärte sie, als sie sich wieder einigermaßen gefaßt hatte. "Du hattest gar nicht so unrecht mit deiner Vermutung, daß er die drei vergiftet hat. Khosann hatte ein Ritual vorbereitet, um die Pest zu rufen, oder einen Pestdämon, so genau konnte ich das nicht erkennen. Der Keim dazu steckt jedenfalls in diesen Frauen. Es ist ein Glück, daß sie auf dem Weg hierher mit niemandem in Kontakt gekommen sind." Sie beschrieb der Caitiff genau die Einzelheiten, und Samias Besorgnis wuchs.

"Damit kann ich etwas anfangen. Ob ich ihnen allerdings helfen kann, weiß ich nicht. Komm, hilf mir, wir machen weiter."

 

Ist Samia noch in deiner Nähe? fragte William eine Stunde später. Als Madeleine bestätigte, bat er: Frage sie bitte, ob man mit den beiden Kappadozianerinnen am Friedhof vernünftig verhandeln kann.

Sicher, aber was willst du von ihnen?

Der Vogel ist ausgeflogen, antwortete er grimmig. Unten im Keller gab es noch einen Geheimraum, in dem er drei Ghoule ähnlich behandelt hat wie die Mädchen, die wir gefunden haben. Die drei sahen allerdings noch übler aus, sie waren längst tot, als ich sie fand. Ehe ich mich dort näher umsehen konnte, ging eine Falle hoch, griechisches Feuer oder so etwas ähnliches. Die Villa brennt jedenfalls, und ich vermute, daß Khosann sich durch einen unterirdischen Gang abgesetzt hat. Ich möchte von Leila und Delryn wissen, ob er am Friedhof vorbeigekommen ist, und wenn nicht, ob sie mir helfen können, ihn zu finden. Deswegen sollst du Samia fragen, was man den beiden als Gegenleistung anbieten kann.

Madeleine hob den Kopf und sah die Caitiff an. "William ist am Friedhof..." begann sie, aber Samia unterbrach sie sofort.

"Jetzt wird mir das aber zu bunt mit euch beiden. Woher weißt du das?"

Madeleine schüttelte den Kopf. "Ich erkläre es dir gleich, aber vorher möchte er gerne etwas wissen." Sie übermittelte seine Frage.

Samia hob die Schultern. "Die beiden sind Forscherinnen. Jede Art von Wissen ist für sie interessant, besonders, wenn es in irgendeiner Form mit dem Tod zu tun hat. Es würde sie zum Beispiel bestimmt interessieren, was wir da unten in Khosanns Keller gefunden haben."

Madeleine gab die Antwort an William weiter und wandte sich dann wieder Samia zu, die sie erwartungsvoll ansah. "Jetzt zu deiner Frage", sagte sie. "William und ich sind verbunden, sehr eng sogar. Wir haben vitae getauscht, und wir haben gemeinsam Dinge erlebt, die dieses Band über einen gewöhnlichen Blutpakt hinaus verstärkt haben. Wir wissen immer, wo der andere ist und wie es ihm geht, und wir können uns in Gedanken miteinander unterhalten."

Samia nickte. "Ich habe mir fast schon so etwas gedacht. Es ist einfach zu oft vorgekommen, daß einer von euch einen Satz anfängt und der andere beendet ihn. Wenn ihr euch bewegt, scheint ihr immer genau zu wissen, wo der andere steht, ohne daß ihr hinsehen müßt. Und ähnliche Kleinigkeiten." Sie grinste plötzlich. "Cesar und Osmadi würde ihre letzte Mahlzeit hochkommen, wenn sie davon wüßten. Ein Ventrue und eine Lasombra, so verbunden..." Sie blickte auf ihre drei Patientinnen herunter, und ihre Heiterkeit verschwand schlagartig wieder. "Wenn ich ihnen nur helfen könnte", murmelte sie. "Aber ich fürchte, es gibt für sie nur eine Möglichkeit, wie sie überleben könnten."

Madeleine verstand. "Dein Blut. Oder meines."

Die Caitiff nickte. "Als Ghoule könnten sie sich wahrscheinlich selbst heilen. Aber ich kann das nicht tun, ohne sie zu fragen, und ich kann auch nicht zulassen, daß es jemand anders tut. Und solange sie bewußtlos sind..." Sie seufzte.

Madeleine warf einen nachdenklichen Blick auf die Mädchen. "Ich habe das noch nie probiert", meinte sie zögernd. "In die Gedanken von Sterblichen hineinzukommen, ist nicht allzu schwierig, aber normalerweise sollten sie dafür wach sein oder wenigstens normal schlafen. Ob es mit Bewußtlosen auch funktioniert, kann ich nicht sagen." Sie sah kurz in Samias Gesicht und nickte. "Ich versuche es. Vielleicht kann ich sie wecken." Sie setzte sich neben eine der Frauen auf die Bettkante und begann vorsichtig, nach ihrem Geist zu tasten. Es war schwierig, wie sie befürchtet hatte. Im ersten Moment hatte die Lasombra das Gefühl, in ein tiefes schwarzes Loch zu stürzen. Sie suchte nach einem Funken, irgendetwas vom Wesen der Frau, aber da war nichts, nur Leere. Behutsam griff sie tiefer, und endlich fand sie etwas. Tief in der Dunkelheit, versteckt vor den Schmerzen, die ihr Körper aushalten mußte, kauerte ihre Seele. Madeleine hielt sie vorsichtig fest und begann langsam, mit ihr nach oben zu steigen. Sie spürte die Schmerzen der Frau beinahe selbst und suchte verzweifelt nach einem Weg, sie abzumildern, aber es gelang ihr nicht. Schließlich schlug sie die Augen auf und sah, wie sich Samia mit einer Trinkschale über ihren Schützling beugte und ihr langsam einen schmerzstillenden Kräutersud einflößte.

Die Caitiff blickte auf und nickte Madeleine zu. "Es hat funktioniert" erklärte sie, selbst ein wenig erstaunt. "Mach weiter, ich kümmere mich um sie." Madeleine nickte nur und wandte sich dem nächsten Mädchen zu.

 

William hatte kaum den Friedhof betreten, als sich zwei dürre Gestalten in schwarzen Roben aus den Schatten lösten und auf ihn zukamen. Der Ventrue blieb stehen und verneigte sich höflich. "Guten Abend."

Etwas irritiert sah er, wie die beiden auf ihn zukamen, dicht vor ihm stehenblieben und an ihm schnupperten. "Du riechst nach Tod" stellte Leila zischelnd fest.

Delryn nickte. "Sehr interessant, wirklich. Womit können wir dir helfen?"

"Ich bin auf der Suche nach jemandem. Ich nehme an, ihr kennt ihn, sein Name ist Torgosz Khosann. War er heute Nacht hier?"

Delryn legte den Kopf schief. "Nein", antwortete sie in einem merkwürdig singenden Tonfall und blinzelte.

"Könnt ihr mir vielleicht helfen, ihn zu finden?" wollte der Ventrue wissen und erzählte den beiden in knapper Form, was sich in der Villa abgespielt hatte. Er bemühte sich, sich nicht anmerken zu lassen, wie sonderbar er das Verhalten der beiden Kappadozianerinnen fand. Die beiden musterten ihn eindringlich und schnupperten immer wieder. Irgendwie erinnerten sie ihn an Tiere.

"Vielleicht", sagte Leila. "Aber wir wollen natürlich etwas dafür."

"Deine Kleider", ergänzte Delryn.

William sah sie fassungslos an. "Meine Kleider?"

"Du hast da etwas an dir, was wir nicht kennen", erklärte Delryn. "Es interessiert uns. Du bringst den Tod."

"Was meint ihr damit?" William wurde allmählich wirklich unbehaglich.

"Ah", seufzte Leila gedehnt. "Diese Antwort kostet auch ihren Preis. Bring uns die nächsten, sagen wir, zehn Toten, die du findest, und die auf unnatürliche Art gestorben sind. Wenn du das versprichst, bekommst du deine Antwort."

William war inzwischen beunruhigt genug, um sich noch einmal bei Madeleine zu melden. Er berichtete ihr kurz, was die Kappadozianerinnen wollten und bat sie, Samia um Rat zu fragen.

Samia meint, das wäre ihr üblicher Preis, erwiderte Madeleine. Die beiden sind Gelehrte, und sie sind so fasziniert vom Tod wie alle ihres Clans. Samia selbst hat eine Art Abkommen mit ihnen und bringt ihnen die Toten vorbei, die sie findet. Sie sagte, die beiden würden sie untersuchen und anschließend ihrem jeweiligen Glauben gemäß anständig bestatten. Ich denke, auf den Handel kannst du dich einlassen." Gleich darauf fügte sie hinzu: Wir schicken dir jemanden vorbei, der dir etwas zum Anziehen bringt. Samia hat ja den Burnus wieder hier...

"Einverstanden", sagte William.

Leila lächelte. "Sehr schön", zischte sie. "Wenn ich dann um deine Kleider bitten dürfte? Da hinten ist übrigens ein Bottich und Seife, du solltest dich sehr gründlich waschen, ehe du in die Stadt gehst."

William entledigte sich seiner Kleidung und dachte dabei daran, daß dies vermutlich das erste Mal war, daß Frauen tatsächlich mehr an seiner Kleidung interessiert waren als an ihm. Als er schließlich vom Waschen zurückkam, erwarteten ihn die beiden bereits. "Wirklich, sehr interessant", sagte Delryn zufrieden. "Der, der das gemacht hat, verstand sein Handwerk. Wenn du mit diesen Kleidern in die Stadt gegangen wärst, hättest du vermutlich drei Viertel der Bevölkerung ausgelöscht."

"Was?" William war entsetzt.

"Du hattest die Pest an dir. Du hättest jeden infiziert, mit dem du in Berührung gekommen wärst."

William wurde übel bei den Gedanken, wie knapp er davor gewesen war, für Hunderte von Toten verantwortlich zu sein. "Bin ich jetzt sauber?" brachte er schließlich hervor.

Leila nickte. "Ja. Nach dem, was wir herausgefunden haben, hast du dir die Krankheit in diesem geheimen Raum geholt. Khosann hat dort tatsächlich ein Ritual vorbereitet. Ein Jammer, daß wir das nicht gesehen haben, ehe alles in Flammen aufging..."

"Ich hätte gerne darauf verzichtet", stellte der Ventrue fest. "Was ist mit Khosann? Könnt ihr mir helfen, ihn aufzuspüren?"

Delryn nickte. "Wir werden einen Geist beauftragen, dich aufzusuchen. Er wird in drei Nächten bei dir erscheinen, dann kannst du ihm den Auftrag geben, deine Beute zu suchen. Ein paar Nächte später wird er dann wieder bei dir sein und dir berichten - oder zugeben, daß er den Auftrag nicht erfüllen kann und einen weiteren Dienst anbieten."

"Danke", sagte der Ventrue zufrieden und verabschiedete sich.

 

Kurz vor Sonnenaufgang erreichte William in Begleitung von Samias stummem Ghoul, der ihm etwas zum Anziehen gebracht hatte, das Haus der Caitiff. Es war den beiden Frauen gelungen, alle drei von Khosanns Opfern wieder zu Bewußtsein zu bringen, aber es ging ihnen sehr schlecht. Samia hörte sich an, was William zu berichten hatte, dann nickte sie grimmig. "Gleich morgen Nacht werde ich mich mit den anderen Prinzen treffen und dafür sorgen, daß gegen Khosann eine Blutjagd ausgerufen wird. Diesmal ist er zu weit gegangen. Wenn sein Plan funktioniert hätte, hätte er Hunderte von Unschuldigen umgebracht." Sie schaute die beiden nachdenklich an. "Wißt ihr, ihr könntet hier richtig für Ordnung sorgen, wenn ihr wolltet."

"Wie meinst du das?" erkundigte sich Madeleine.

"Ihr seid mächtig, mächtiger als die anderen hier. Ihr könntet die Prinzen dazu zwingen, zusammenzuarbeiten anstatt gegeneinander." Sie sah die beiden ernst an. "Oder sie absetzen und selbst Prinzen werden."

William und Madeleine wechselten einen erstaunten Blick. "Warum sollten wir das wollen?" fragte William. "Wir hatten in Konstantinopel genug mit Politik und Intrigen zu tun, das reicht fürs erste."

"Weil ihr es könnt", erwiderte die Caitiff einfach. "Und weil es für diese Stadt gut wäre, wenn hier jemand das Sagen hätte, der sich nicht nur um seinen eigenen Vorteil kümmert." Sie schwieg einen Moment. "Wenn ihr so etwas vorhabt, werde ich euch unterstützen. Denkt darüber nach." Sie warf einen Blick zum Fenster. "Es ist spät, ihr schafft es wahrscheinlich nicht mehr bis nach Hause. Wenn ihr wollt, könnt ihr bei mir schlafen." Das Angebot wurde gerne angenommen, und als die Sonne aufging, lagen die beiden sicher in Samias Zuflucht.

 

Am nächsten Abend kamen die Kainiten endlich dazu, wieder bei Wenzel vorstellig zu werden und sich nach den Büchern zu erkundigen. Sie waren kurz zu Hause gewesen, um sich umzuziehen und ihre Ghoule zu beruhigen. Bei der Erwähnung des Wortes "Bücher" hatte William von Baskerville glänzende Augen bekommen und darum gebeten, die beiden begleiten zu dürfen. Also standen sie jetzt zu dritt vor dem Haus im arabischen Viertel und warteten darauf, daß ihnen auf ihr Klopfen jemand öffnete.

Der Gargoyle betrachtete die beiden Vampire genauso unfreundlich wie beim letzten Mal. Immerhin führte er sie sofort in das Zimmer, in dem sie sich mit Wenzel unterhalten hatten, und der Hausherr ließ sie auch nicht lange warten.

"Guten Abend", begrüßte er sie höflich. "Ich nehme an, Ihr seid wegen der Bücher hier? Ich habe sie für Euch heraussuchen lassen. Es sind einige grundlegende Werke über die Wintersonnenwende und die Bedeutung dieser Nacht im Zusammenhang mit okkulten Ritualen. Vielleicht findet sich darin ein Ansatzpunkt."

Madeleine nickte. "Wir danken Euch. Ich möchte Euch bitten, unserem Begleiter ebenfalls Zugang zu den Büchern zu gewähren." Sie deutete auf Baskerville. "Lord William von Baskerville ist ein Gelehrter."

Wenzel wiegte bedenklich den Kopf. "Als Gelehrter seid Ihr mir natürlich willkommen, Mylord", sagte er. "Allerdings gibt es in unserer Gemeinschaft gewisse Regeln, denen auch ich mich fügen muß. Ihr seid zu dritt, aber ihr habt nur einen Ring."

William verstand. "Ihr wollt oder könnt nur einem von uns die Bücher zugänglich machen." Wenzel nickte.

Wir sollten das William machen lassen, erklärte Madeleine. Erstens kann er auch tagsüber arbeiten, zweitens hat er mehr Erfahrung mit solchen Dingen und drittens könnte ich es ihm nicht antun, ihm das vorzuenthalten.

Einverstanden, antwortete der Ventrue, dann sah er Wenzel an. "In diesem Fall dürfte es am besten sein, wenn Lord Baskerville sich der Sache annimmt." Er zog den Ring hervor und reichte ihn Baskerville, der ihn sichtlich erfreut entgegennahm.

"Ich werde euch natürlich sofort wissen lassen, wenn ich etwas herausfinde", versprach er. Dann verabschiedete er sich von den beiden und folgte Wenzel zum Lesesaal, während William und Madeleine von dem Gargoyle nach draußen geführt wurden.

"Dann bleibt uns jetzt Zeit, uns um ein anderes Problem zu kümmern", stellte William fest, als sie wieder draußen waren. Die beiden hatten sich gemeinsam mit Samia einen Plan überlegt, wie sie gegen Osmadi und Cesar vorgehen wollten. Sie waren schnell zu der Überzeugung gelangt, daß Cesars hauptsächliches Machtmittel die Garde war, die offiziell dem König unterstand. Sie mußte unbedingt aus dem Spiel gehalten werden, denn ein offizieller Einsatz der Soldaten hätte wahrscheinlich einen Bürgerkrieg mit vielen Opfern unter den Sterblichen zur Folge. Also brauchte man ein Druckmittel, mit dem man den König zwingen konnte, die Garde zurückzuhalten, und das beste Druckmittel, das man sich denken konnte, war die verschwundene Prinzessin Isabella. Wenn es gelang, sie zu finden, würde man fast beliebig Forderungen an den König stellen können.

Die beiden Kainiten machten sich auf den Weg zur Zitadelle. Sie hatten beschlossen, sich unbemerkt Zutritt zu Isabellas Gemächern zu verschaffen, um herauszufinden, was genau mit der Prinzessin passiert war. Dann konnte man weitersehen. William wollte das Hauptgebäude der Burg von außen als Fledermaus in Augenschein nehmen, während Madeleine sich innen umsehen wollte. Die Lasombra suchte sich eine dunkle Seitengasse in der Nähe des Haupttors und verschwand darin. Augenblicke später spazierte eine kleine schwarze Katze hocherhobenen Hauptes zwischen den Torwachen hindurch. Die beiden Männer beachteten sie überhaupt nicht. Madeleine stolzierte mit steil aufgerecktem Schwanz direkt auf das Hauptgebäude zu, dessen Tür natürlich geschlossen war. Kein Problem, dachte sie sich, setzte sich direkt davor und begann in echter Katzenmanier gebieterisch zu miauen.

"Du bist aber süß!" erklang es einen Moment später hinter ihr. Ein kleines Mädchen stand da und strahlte sie begeistert an. "Willst du hier rein?" Die Kleine bückte sich und hob sie hoch. Im ersten Moment wollte Madeleine flüchten, dann unterdrückte sie den Impuls. Die Kleine würde sie schließlich genau da hinbringen, wo sie hinwollte. Tatsächlich öffnete das Kind ohne weitere Umstände die Tür und trug sie hinein. Hinter der Tür erstreckte sich eine gigantische Küche, und das Mädchen lief zielsicher auf eine Frau in einer Schürze zu, die an einem der Tische arbeitete.

"Schau mal, Mama, ist sie nicht lieb?"

Die Frau sah auf und runzelte die Stirn. "Das Vieh kann ich hier nicht brauchen, schaff es raus."

"Aber sie ist doch sooo süß!" Die Kleine schmollte.

Madeleine hielt den Zeitpunkt für günstig, sich abzusetzen. Mit einem plötzlichen Ruck befreite sie sich aus den Armen des Mädchens und schoß wie von der Sehne geschnellt durch die gegenüberliegende Tür. Im Laufen hörte sie die weinerliche Stimme des Kindes hinter sich: "Och, jetzt läuft sie weg. Ich möchte sie aber behalten!" Die Mutter antwortete irgendetwas, und gleich darauf hörte Madeleine rasche Schritte hinter sich. "Bleib stehen, Kätzchen! Mama hat gesagt, ich darf dich haben!"

Nur das nicht, dachte die Lasombra und schlug einen Haken um die nächste Ecke. Die Kleine erwies sich als ausgesprochen hartnäckig, aber schließlich schaffte Madeleine es doch, sie abzuhängen. In einer Wandnische hielt sie an und versuchte, sich zu orientieren.

Was war denn los? erkundigte sich William bei ihr. Madeleine berichtete. Williams Belustigung war deutlich zu spüren. Ich habe dir ja auch schon gesagt, daß du als Katze einfach niedlich bist, stellte er fest. Kein Wunder, daß andere das auch so sehen.

Sie beschloß, darauf nicht weiter einzugehen. Hast du etwas gefunden? wollte sie wissen.

Noch nicht wirklich. Ich sehe mir gerade den Turm an, weil ich vermuten würde, daß die königlichen Gemächer hier sind. Auf einem Balkon habe ich eine Frau gesehen, die vielleicht die Königin ist. Sie sah furchtbar deprimiert aus, vielleicht solltest du sie dir mal anschauen.

Wie weit oben? fragte Madeleine, die Böses ahnte. Die kurzen Beine ihrer Katzengestalt waren nicht besonders geeignet, um hohe Treppen zu erklimmen.

Ziemlich weit oben, bestätigte er ihre Befürchtungen. Dann konnte sie ihn förmlich grinsen sehen. Aber so süß, wie du bist, findest du doch bestimmt jemanden, der dich trägt.

Madeleine erwiderte etwas Undamenhaftes und machte sich auf die Suche nach der Treppe.

 

William zog weiterhin seine Kreise um den Turm. Er hatte feststellen müssen, daß seine Fledermausform zum Spionieren nur bedingt geeignet war. An den Fenstern vorbeifliegen konnte er zwar, aber unauffällig zu landen war schwierig. Die meisten der Zimmer, an denen er vorbeiflog, schienen leer zu sein, aber in einem oder zweien waren Leute. Einmal konnte er einen Fetzen einer Unterhaltung aufschnappen. Zwei Diener machten sich offenbar Sorgen um die Gesundheit der Königin. Seit Prinzessin Isabella verschwunden war, hatte sie kaum gegessen und noch weniger geschlafen. Was William hörte, schien die Vermutung zu bestätigen, daß die Frau auf dem Balkon tatsächlich die Königin gewesen war. Der Ventrue sah sich nach einem Platz um, wo er landen und eine Weile lauschen konnte, fand aber keinen.

Ein paar Fenster weiter erregte ein seltsames Geräusch seine Aufmerksamkeit. Es klang wie das Läuten kleiner Glöckchen, leise und rhythmisch. Neugierig näherte er sich dem entsprechenden Fenster. Gleich darauf zog er eine scharfe Kehre und bemühte sich, so schnell wie möglich Abstand zu gewinnen. Die Glöckchen, deren Läuten er gehört hatte, waren an einem Narrenkostüm befestigt. Und der Narr, der es trug, war kein anderer als Cultumac, der Malkavianer. Er hatte William offenbar bemerkt, kam mit raschen Schritten zum Fenster und rief ihm hinterher: "He, warte doch!" William beabsichtigte nicht, der Aufforderung zu folgen. Stattdessen zog er steil nach oben und um den Turm herum. Im Wegfliegen hörte er das enttäuschte Murmeln des Malkavianers hinter sich: "Sowas... ich habe den Kerl nichtmal erkannt. Gesehen habe ich ihn schon, aber wer ist es? Ach, egal." Gleich darauf läuteten die Glöckchen wieder.

William suchte sich einen sicheren Platz an einem Mauervorsprung und hängte sich kopfüber daran. Dann nahm er wieder Kontakt zu Madeleine auf. Wie kommst du voran?

Die Königin mag keine Katzen, antwortete die Lasombra. Sie klang leicht empört. Sie hat mich von einer Wache aus ihrem Zimmer werfen lassen, die dumme Gans. Und besonders viel gedacht hat sie auch nicht.

Wir brauchen das Zimmer der Prinzessin, stellte er fest. Nur dort können wir herausbekommen, was tatsächlich mit ihr passiert ist.

Der Gedanke kam mir auch schon, deshalb habe ich das Zimmer schon gesucht. Ich habe es sogar gefunden. Direkt vor mir steht ein Wächter, der sich unglaublich überflüssig vorkommt, weil man ihn ein leeres Zimmer bewachen läßt.

William konzentrierte sich auf die Verbindung zwischen ihnen und bekam rasch eine recht genaue Vorstellung davon, wo Madeleine sich aufhielt. Glaubst du, ich kann es riskieren, mich in dem Zimmer etwas umzusehen?

Kannst du. Ein wohliges Gefühl kam von ihr. Der Mann hier mag Katzen, und er langweilt sich furchtbar. Ich beschäftige ihn gerade. Erstaunlich, daß er mit seinen Pranken so gut kraulen kann...

William grinste. Viel Spaß. Ich sehe mal, was mir das Zimmer so erzählt.

Das Zimmer erzählte eine Menge. William landete sicher auf dem Boden und verwandelte sich zurück. Dann sah er sich um. Ein großes Himmelbett erregte sofort seine Aufmerksamkeit. Es war sorgfältig gemacht, und ein paar Puppen lagen auf dem Kissen. Der Ventrue ließ die Hand über die Puppen, die Decke und die Bettvorhänge gleiten und dachte dabei intensiv an die Nacht, in der Isabella verschwunden war. Kurz darauf strömten Bilder auf ihn ein.

Eine alte Frau betrat das Zimmer. Die Prinzessin lag schlafend im Bett. Süß war die Kleine, fand William. Isabella war vielleicht neun oder zehn Jahre alt, mit goldblonden Locken, die jetzt vom Schlaf verwuschelt waren. Die Alte näherte sich und schüttelte das Mädchen leicht an der Schulter. Isabella wachte auf. Sie hatte keine Angst vor der Alten, im Gegenteil, sie schien sich zu freuen, sie zu sehen. Die alte Frau begann, ein paar Sachen zusammenzupacken und Isabella einen Umhang überzuziehen. Dabei redete sie eindringlich auf das Mädchen ein. Die Prinzessin deutete auf eine der Puppen, anscheinend wollte sie sie mitnehmen, aber die Alte schüttelte energisch den Kopf und schob Isabella mit sanfter Gewalt aus der Tür. Kurz bevor die Vision endete, bekam der Ventrue noch ein Bild aus den Gedanken der Alten mit. Ein Hafen, und ein Schiff darin. Das letzte, was William sah, war der Name des Seglers: Die Trapper.

Vorsicht! Madeleines Stimme in seinem Kopf brachte William rasch wieder in die Realität zurück. Ein Wachoffizier. Ich bin nicht sicher, ob er ins Zimmer will, aber du solltest sicherheitshalber verschwinden.

William zögerte nicht lange. Mit einem eleganten Hechtsprung war er aus dem Fenster und verwandelte sich im Fallen. Am nächsten Landeplatz hielt er kurz an. Komm zum Haus zurück, teilte er Madeleine mit. Ich weiß, wo die Prinzessin ist, und wir müssen uns beeilen. Sie haben vier Tage Vorsprung und wollen zu einem Schiff. Ohne ihre Antwort abzuwarten, ließ er sich fallen und flog auf dem direkten Weg nach Hause.

 

Als Madeleine am Handwerkerhof ankam, hatte William bereits die Pferde gesattelt und die Ghoule informiert. Minuten später steckte die Lasombra in ihrer Rüstung und die beiden galoppierten aus der Stadt. "Der Hafen, den ich gesehen habe, war nicht besonders groß", berichtete William unterwegs. "Er sah eher aus wie einer von diesen Fischerhäfen, durch die wir auf dem Herweg gekommen sind."

"Das heißt, wir reiten zur Küste und müssen uns dann entscheiden, ob wir nach Norden oder Süden abbiegen?"

"So ungefähr. Wobei ich eher für Süden wäre, der Hafen kam mir nicht bekannt vor." William runzelte nachdenklich die Stirn. "Das Schiff hieß Trapper. Das klingt nach einem englischen Schiff. Warum macht sich ein Engländer die Mühe, Isabella zu entführen?"

"Wir werden ihn fragen, wenn wir ihn haben", versprach Madeleine. "Die Entführer sind zwar nicht darauf beschränkt, nachts zu reisen, aber dafür haben sie auch keine Ghoulpferde. Ich denke, wir haben Chancen, sie einzuholen."

 

Die Lasombra behielt recht. Die beiden Kainiten holten das letzte aus ihren Pferden heraus, und zwei Nächte später zeigte sogar der sonst so unermüdliche Goliath erste Anzeichen von Erschöpfung. Aber es schien, als hätten sie ihr Ziel erreicht. Vor ihnen lag ein größeres Dorf, das sich um einen natürlichen Hafen erstreckte. Und in diesem Hafen lag ein Segelschiff vor Anker. Die beiden wechselten einen Blick, schwangen sich aus den Sätteln und waren einen Augenblick später verschwunden.

Getrieben durch die Macht ihrer vitae waren William und Madeleine so schnell, daß sie förmlich über das Wasser zu fliegen schienen. Als sie näher kamen, erkannten sie, daß es sich bei dem Schiff in der Tat um die Trapper handelte - und daß man dort offenbar Vorbereitungen zum Auslaufen traf. William verdoppelte seine Anstrengungen und erreichte einen Moment später das Schiff. Ohne lange nachzudenken, erkletterte er die Reling und sah sich nach einem günstigen Platz um, wo er von möglichst vielen Besatzungsmitgliedern gesehen werden konnte. Er fand ihn. Als die Wirkung seiner vitae nachließ, stand der Ventrue auf der höchsten Rahe des Hauptmastes und blickte auf die Seeleute herab wie ein Gott, der vom Himmel herabgestiegen war um die Huldigung seiner Anhänger entgegenzunehmen.

Unten im Wasser machte Madeleine den Fehler, für einen kurzen Moment zum Mast hinaufzublicken. Sie sah William in voller Pracht oben stehen, und obwohl sie gewußt hatte, was er plante, konnte sie sich seiner Ausstrahlung nicht völlig entziehen. Einen winzigen Augenblick lang strauchelte sie - und landete mit einem lauten Platschen im Wasser. Leise vor sich hinfluchend, schwamm sie die letzten paar Meter zum Schiff und beschloß, sich vorerst zurückzuhalten. William schien mit den Leuten da oben durchaus alleine fertigzuwerden.

"Wer wagt es, auf meinem eigenen Schiff meine Autorität anzugreifen?" William sah auf den Sprecher hinunter. Der stand neben dem Steuerrad, hielt sich mit bewundernswerter Willensstärke aufrecht und war ohne jeden Zweifel ein Kainit. Die sterblichen Matrosen lagen entweder bäuchlings auf dem Deck oder hingen regungslos in den Wanten, bemüht, der majestätischen Erscheinung oben auf der Rahe nicht einmal durch zu heftige Atembewegungen aufzufallen. William machte sich keinerlei Sorgen um sie. Mit dem Vampir unten sah es allerdings anders aus. Der Ventrue entschied, daß es politisch unklug war, einen Zwischenfall mit einem Fremden zu provozieren, und dämpfte die Wirkung seiner Ausstrahlung. Dann ließ er sich lässig an einem der Seile aufs Deck hinuntergleiten und verneigte sich leicht vor dem anderen.

"Verzeiht meine Unhöflichkeit", erklärte er. "Mein Name ist Sir William von Tintagel. Mit wem habe ich die Ehre?"

Sein Gegenüber hob eine Augenbraue. "Aha, der verlorene Sohn von Sir Justice von Bredwood", bemerkte er. "Sir Richard von Wales."

William war etwas verwirrt. "Wie meint Ihr das, der verlorene Sohn? Soweit ich weiß, bin ich meinem Erzeuger nicht verlorengegangen."

"Eurem Erzeuger nicht, aber Tintagel." Sir Richard musterte ihn nachdenklich. "Ihr solltet Euch dort bei Gelegenheit mal wieder blicken lassen und ein wenig aufräumen. Aber jetzt erklärt mir bitte, was Ihr auf meinem Schiff wollt, ehe wir Euretwegen noch die Flut verpassen."

William überlegte kurz. Er war Sir Richard nie persönlich begegnet, hatte aber schon von ihm gehört. Welchem Clan er angehörte, wußte der Ventrue nicht. Sir Richard genoß einen beachtlichen Ruf als stolzer, sehr integerer Mann, der sich sehr entschieden in die Politik der Sterblichen einmischte und als ausgesprochen loyal gegenüber England galt. Was nicht heißen mußte, daß er unbedingt loyal gegenüber Englands augenblicklichem König war. Angesichts dessen, was er über ihn wußte, hielt William es allerdings für angebracht, ihm reinen Wein einzuschenken. "Ich vermute, daß sich auf Eurem Schiff eine junge Dame befindet, die Ihr aus Jerusalem entführt habt. Ich möchte sie gerne wieder mitnehmen, ehe Ihr auslauft."

Sir Richard lächelte kurz. "Das wird nicht möglich sein, fürchte ich."

"Bedauerlich", fand William und meinte es ehrlich. "Ich möchte keinen Streit mit Euch."

Sir Richard nickte. "Wie es scheint, haben wir ein Problem. Wenn Ihr mir nach unten in die Kabine folgen wollt, kann ich Euch vielleicht einige Dinge erklären."

Plötzlich stand eine weitere Gestalt an Deck. Es war ein Mann mittleren Alters mit eindeutig arabischen Zügen, der in ein wallendes schwarzes Gewand gekleidet war und William ausdruckslos ansah. Sir William machte eine fast unmerkliche Handbewegung in seine Richtung, woraufhin der Araber mit einem höflichen Lächeln und einer leichten Verbeugung zur Seite trat. William war sicher, daß der Mann ein Assamit war. Sir Richard allerdings schien aufrichtig bemüht, die ganze Situation nicht bedrohlich erscheinen zu lassen, und der Assamit machte auch keinerlei Anstalten, angreifen zu wollen. Sir Richard machte eine einladende Geste in Richtung Treppe.

Brauchst du Hilfe? fragte Madeleine in Williams Kopf.

Noch nicht, antwortete er. Ich will hören, was er zu sagen hat. Der Ventrue folgte Sir Richard, der bereits nach unten stieg. Der Assamit kam hinter ihm die Treppe herunter, und zu dritt betraten sie die kleine Kabine unter dem Achterdeck. Williams Blick wurde sofort magisch von der Koje angezogen, die an der Wand angebracht war. Unter der Decke lag Prinzessin Isabella du Mac und schlief friedlich.

"Es geht ihr gut", beantwortete Sir Richard Williams unausgesprochene Frage. "Und glaubt mir, ich habe ein sehr großes Interesse daran, daß das auch so bleibt."

"Warum habt Ihr sie entführt?" fragte der Ventrue geradeheraus.

Sir Richard seufzte. "Um sie nach Hause zu bringen." Als er Williams erstauntes Gesicht sah, fuhr er fort: "Das Mädchen ist nicht die Tochter von Philippe du Mac. Sie wurde aus England entführt, kurz nach ihrer Geburt. In England heißt es, sie sei bei ihrer Geburt gestorben, es weiß kaum jemand, daß sie noch lebt."

"Und wer ist sie wirklich?" wollte William wissen.

"Die Tochter Seiner Majestät König Heinrichs des Zweiten, und direkte Anwärterin auf den Thron von England."

William schluckte. "Ich nehme an, Ihr könnt Eure Behauptung beweisen."

Sir Richard trat an eine Truhe und entnahm ihr ein paar gesiegelte Dokumente. "Bitte. Überzeugt Euch. Ihr werdet hierin auch die Beschreibung eines Erkennungszeichens finden. Die Prinzessin hatte bei ihrer Geburt ein auffälliges Muttermal am linken Bein. Wenn Ihr erlaubt..." Er trat ans Bett und hob eine Ecke der Decke an, was das schlafende Kind überhaupt nicht störte. William beugte sich über die Koje. Kein Zweifel, das Muttermal war vorhanden. Vorsichtig strich er mit dem Finger darüber. Das Mal war echt, ebenso wie die Dokumente, die er in der Hand hielt.

"In diesem Fall werden wir unsere Pläne ändern müssen", gab der Ventrue zu. "Euer Anspruch ist legitim, und ich beabsichtige nicht, Gewalt anzuwenden. Ich fürchte, ich muß Euch ziehen lassen."

Sir Richard verneigte sich leicht. "Danke. Es freut mich, mit vernünftigen Leuten zu verhandeln." Er deutete auf den Ausgang, neben dem immer noch der Assamit stand. Der Araber öffnete die Tür und ging voraus nach oben. Die beiden Engländer folgten. "Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr mich gerne nach England begleiten", schlug Sir Richard vor.

William schüttelte bedauernd den Kopf. "Ich danke Euch für das Angebot, aber leider gibt es noch dringende Geschäfte, die mich in Jerusalem festhalten. Vorerst."

Sir Richard zuckte die Schultern. "Wie Ihr wollt. Soll ich Eurem Erzeuger etwas von Euch ausrichten? Als ich ihn das letzte Mal sah, war er in Lissabon, dort komme ich auf dem Rückweg wieder vorbei. Er ist sicher noch dort."

William überlegte kurz. "Nein, das wird nicht nötig sein. Grüßt ihn nur von mir."

"Das werde ich. Und wenn ich Euch jetzt bitten dürfte, das Schiff zu verlassen? Wir sind bereit zum Auslaufen, und es wird höchste Zeit, daß wir Ihre Hoheit nach Hause bringen."

William verabschiedete sich und setzte mit einem eleganten Sprung über die Reling. Augenblicke später standen er und Madeleine am Strand und sahen dem auslaufenden Schiff nach.

Mit einem Mal stand eine Gestalt in einem dunklen Burnus neben ihnen. Der Assamit hob leicht die Hände und verneigte sich. "Ich grüße Euch. Wir sind uns noch nicht vorgestellt worden. Mein Name ist Azim."

William überwand seine Überraschung schnell. "Ich dachte, Ihr würdet an Bord bleiben?"

Azim verzog das Gesicht. "Und nach England fahren? Wer will da schon hin... nein, mein Dienst für Sir Richard ist beendet." Er betrachtete die beiden. "Ich möchte Euch anbieten, in Eure Dienste zu treten. Was Ihr da vorhabt, ist recht interessant."

"Ich erspare es mir, zu fragen, woher Ihr wißt, was wir vorhaben", kommentierte Madeleine trocken. "Welchen Preis verlangt Ihr?"

"Oh, keinen besonders hohen. Nur soviel: Falls Ihr es für nötig halten solltet, Osmadi oder Cesar zum endgültigen Tod zu befördern, dann will ich den zehnten Teil ihrer vitae. Falls nicht, begnüge ich mich damit, dabeigewesen zu sein." Er grinste.

Der untypischste Assamit, der mir je untergekommen ist, fand Madeleine, die Azim fast gegen ihren Willen irgendwie sympathisch fand.

Allerdings, stimmte William zu. Und da er anscheinend wirklich etwas von unseren Plänen weiß, wäre es sicher unklug, sein Angebot abzulehnen.

"Was könntet Ihr für uns tun?" fragte die Lasombra.

"Oh, einiges." Plötzlich stand da, wo eben noch Azim gewesen war, ein kleines Mädchen mit goldblonden Locken: Isabella. Sie sah William aus großen Augen an. "Onkel, bringst du mich nach Hause?"

William lachte. "Ja, Kleines. Das mache ich. Goliath wird dich sicher noch tragen können."

 

"Hattest du eigentlich vor, bei uns zu wohnen?" erkundigte sich Madeleine, als sie zwei Nächte später wieder auf das Tor von Jerusalem zuritten.

Azim zuckte die Schultern. "Vielleicht... wenn ihr nichts dagegen habt."

"Wir sollten das auf jeden Fall den Prinzen wissen lassen", erklärte William.

"Sicher. Aber ich glaube nicht, daß Samia Einwände haben wird", meinte Azim gelassen.

Madeleine sah ihn fragend an. "Ihr kennt euch?"

"Ja und nein", antwortete er. Dann verschwammen seine Konturen für einen Moment, und plötzlich saß ein gutgekleideter fränkischer Adliger vor William im Sattel. "Sie kennt Monsieur Frédérick de Barelle."

"Ich verstehe. Dann schauen wir doch gleich bei ihr vorbei, Landsmann."

"Mais oui", erwiderte der "Landsmann".

 

"Was?" erklang Samias Stimme aus dem Nebenzimmer. "Hier?" Im nächsten Moment flog die Tür auf, und die Caitiff stürzte in den Empfangsraum. "Frédérick!" Leicht erstaunt sahen William und Madeleine, wie Samia dem vermeintlichen Franken um den Hals fiel und ihn an sich drückte. "Ist das schön, dich mal wieder zu sehen. Bist du schon lange hier?"

"Gerade angekommen", erklärte er. "Die beiden haben mir angeboten, bei ihnen zu wohnen..."

"Auf keinen Fall", erklärte Samia energisch. "Du wohnst bei mir."

Ich habe irgendwie das Gefühl, daß wir hier sehr überflüssig sind, bemerkte Madeleine.

Da könntest du recht haben. Zwischen den beiden läuft irgendetwas, ich bin mir nur noch nicht ganz sicher, was. Laß uns gehen.

Die beiden verabschiedeten sich, was von Samia und "Frédérick" nur nebenbei zur Kenntnis genommen wurde, und kehrten nach Hause zurück.

Als er sein Zimmer betrat, wurde William von einer keifenden Stimme begrüßt: "Da bist du ja endlich! Glaubst wohl, nur weil ich tot bin, hätte ich nichts besseres zu tun, als hier nächtelang zu warten, bis der gnädige Herr zu erscheinen beliebt?"

Um Himmels Willen, der Geist, entfuhr es William. Den hatte ich völlig vergessen.

Gib ihm etwas zu tun, riet ihm Madeleine, die bei William von Baskerville im Nebenzimmer saß.

Das habe ich vor, erwiderte er. "Nun, wenn du schon von so einer kurzen Wartezeit die Nerven verlierst, bist du vielleicht nicht der Richtige für diese Aufgabe", sagte er zu dem Geist.

Der blähte sich empört auf. "Was?" kreischte er. "Auch noch beleidigen? Was ist das denn für eine Aufgabe, hä?"

"Du sollst jemanden für mich finden", erklärte der Ventrue und beschrieb Khosann. "Möglicherweise hält er sich in den Katakomben auf, er ist durch einen unterirdischen Tunnel aus seiner Villa geflüchtet."

"Ich gehe ihn suchen, und dann unterhalten wir uns nochmal. Hält mich für unfähig, also sowas..." Aufgebracht vor sich hinmurmelnd verschwand der Geist.

"Puh", murmelte William und begab sich nach nebenan, wo Madeleine inzwischen Lord Baskerville von der Jagd auf die Entführer und ihrem überraschenden Ausgang berichtet hatte. Baskerville war angemessen erstaunt gewesen, als er von Isabellas wahrer Identität gehört hatte.

"Sir Richard hat einige beunruhigende Andeutungen gemacht", erzählte William weiter. "So, wie es aussieht, werde ich in Tintagel einiges aufzuräumen haben, wenn wir wieder nach England kommen."

"Da bist du nicht der einzige", meinte Madeleine. "William hat in Baskerville ja auch noch so einiges zu erledigen."

"Oh ja, allerdings", murmelte der Ghoul und warf dem Ventrue einen kurzen Blick zu, den Madeleine nicht bemerkte.

William mußte innerlich grinsen, und es fiel ihm schwer, sich zu beherrschen. Mit Sicherheit dachte Baskerville in diesem Augenblick nicht nur an den Ärger, den er mit seinem Bruder hatte. Das konnte Madeleine allerdings nicht wissen. Williams Gedanken wanderten einige Monate zurück, zu einem Gespräch, das kurz vor ihrer Abreise aus Konstantinopel stattgefunden hatte, und das die Lasombra mit Sicherheit sehr interessant gefunden hätte, hätte sie davon gewußt. Während der Wochen in Konstantinopel hatte sich zwischen ihm und Baskerville ein recht freundschaftliches Verhältnis entwickelt. So war es auch nichts Ungewöhnliches gewesen, als William eines Nachts, als Madeleine wieder einmal mit Alexis im Palast gewesen war, mit einem Schachbrett unter dem Arm in der Bibliothek aufgetaucht war. Nachdem die Figuren aufgebaut und die ersten paar Züge gespielt waren, sagte William: "Da wäre etwas, worüber ich mich gerne mit dir unterhalten würde."

"Nur zu", meinte Baskerville und setzte seinen Läufer.

"Es gibt da ein Problem", erklärte der Ventrue. "Es geht um Madeleine."

Baskerville sah ihn ruhig an. "Was ist mit ihr?"

"Nun, du weißt selbst, daß sie stärker als ich in der sterblichen Gesellschaft verwurzelt ist. Und ich fürchte, sie leidet ziemlich unter der momentanen Situation." William seufzte. "Du kennst sie, sie würde niemals darüber reden. Aber ich merke das natürlich. Sie hat kein Land, keinen Titel, und sie lebt mit zwei Männern zusammen, ohne verheiratet zu sein. Das macht ihr zu schaffen. Nach den Maßstäben der Sterblichen ist sie nicht gerade angesehen."

Baskerville nickte nachdenklich. "Das hätte ich selbst merken können. Wie du sagtest, ich kenne sie schließlich." Er sah seinem Gegenüber gerade in die Augen. "Ich sehe das Problem. Ich sehe nur nicht, wie man es lösen kann."

"Oh, das ist ganz einfach", meinte William und griff nach seinem Springer. "Du bittest sie um ihre Hand."

Baskervilles Kiefer klappte nach unten. "Würdest du das bitte wiederholen?"

"Ich glaube, daß du mich recht gut verstanden hast", erwiderte der Ventrue amüsiert.

"Ich gestehe, daß das nicht gerade ein Vorschlag ist, den ich ausgerechnet von dir erwartet hätte."

"Wieso nicht? Gefällt er dir nicht?" William zwinkerte ihm zu, dann wurde er ernst. "Ich meine, was ich gesagt habe. Madeleine und mich kann nichts mehr trennen, dazu sind wir zu eng verbunden. Wir sind keine Menschen mehr, auch wenn sie sich noch so fühlt. Und mich kümmert es nicht, ob irgendein Priester seinen Segen dazugibt oder nicht. Sie liebt dich, das wissen wir beide. Ich würde nie von ihr verlangen, daß sie dich aufgibt, und sie würde das auch nie tun. An der momentanen Situation würde sich also nichts ändern, jedenfalls nicht für uns. Außerdem", jetzt lächelte er wieder, "gib es da noch eine ganz praktische Überlegung. Wenn sie mich heiraten würde, wäre sie nur Baronin von Tintagel. Wenn sie deine Frau wird, wird sie Herzogin von Cornwall. Und wir wollen doch beide das Beste für sie, nicht wahr?"

Jetzt grinste Baskerville ebenfalls. "Da hast du allerdings recht." Er wurde nachdenklich. "Aber das wird warten müssen, bis wir wieder in England sind. Ehe ich ihr meinen Titel geben kann, muß ich ihn erst wiederhaben. Aber wenn es soweit ist, dann werde ich sie um ihre Hand bitten."

"Gut, damit wäre das wohl geklärt", meinte William zufrieden und deutete auf das Brett. "Dein Zug."

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