Kapitel 26
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Als Francesca pünktlich eine Stunde vor Sonnenuntergang Madeleines Zimmer betrat, wurde sie von der Lasombra bereits erwartet. Wenn alles nach Plan gelaufen war, würde Samias Ghoul tagsüber dafür gesorgt haben, daß ein befreundeter Rabbi einen Brief an den König schrieb. In diesem Brief würde seiner Majestät nachdrücklich nahegelegt werden, im Interesse der Gesundheit von Prinzessin Isabella auf Einsätze der königlichen Garde zu verzichten. Auf die Idee, die Botschaft von einem Rabbi schreiben zu lassen, war Samia gekommen. Jeder Kainit, der diesen Brief mit übernatürlichen Sinnen untersuchen wollte, würde eine unangenehme Überraschung erleben, und den vieren war natürlich sehr daran gelegen, daß die Nachricht nicht zu ihnen zurückverfolgt wurde. Madeleine war sehr neugierig, zu erfahren, wie weit der Plan inzwischen gediehen war.

"Bisher ist noch nichts passiert", erklärte Francesca. "Das war allerdings auch nicht wirklich zu erwarten. Der Brief ist ja tagsüber erst zugestellt worden, van Dyke konnte noch gar nicht reagieren."

"Wenn er ein Frühaufsteher ist, ist er wahrscheinlich gerade damit beschäftigt, sich zu ärgern", vermutete Madeleine. "Gibt es sonst etwas neues?"

"Nun, in der Stadt ist natürlich allerhand los, zumindest im christlichen Viertel. Die Feiern zum Jahreswechsel haben heute nachmittag schon angefangen. Es gibt etliche Feste bei Adligen und natürlich am Hof, wo man nur mit einer Einladung hinkommt, aber auf den Straßen und in den Tavernen wird überall gefeiert."

"Eine Einladung zu bekommen wäre kein Problem", murmelte Madeleine nachdenklich, "aber ich denke, es wäre nicht sehr geschickt, heute bei Hof zu erscheinen." Sie warf einen Blick auf William, der neben ihr noch schlief. "Wir werden wohl woanders feiern gehen. Hilfst du mir, ein passendes Kleid auszusuchen?"

 

"Schau dir das an", meinte William und deutete auf den Eingang der Taverne, in der sie den ersten Tag in Jerusalem gewohnt hatten. Eine dichte Menschentraube versperrte den Zugang; an ein Durchkommen war nicht einmal zu denken.

"Kannst du sehen, was da los ist?" fragte Madeleine, die sich vergeblich bemühte, an dem breiten Kreuz eines vor ihr stehenden Mannes vorbei einen Blick ins Innere zu erhaschen.

Der Ventrue schüttelte den Kopf. "Klingt nach einem Schaukampf. Laß uns weiterziehen, vielleicht haben wir später mehr Glück."

 

Wenig später standen sie vor dem Eingang einer eleganten Taverne in der Nähe des Damaskustors. Das Haus war bereits Giovanni und Francesca aufgefallen, als sie sich am ersten Tag in der Stadt umgesehen hatten, weil vor der Tür ein Ghoul als Wache postiert gewesen war. Die beiden hatten daraus geschlossen, daß in der Herberge ein Kainit wohnte, und das machte das Haus natürlich interessant.

Drinnen empfing sie angenehm gedämpftes Licht und eine überaus geschmackvolle Inneneinrichtung. Die Möbel waren kostbar, ohne aufdringlich zu wirken, und alles war peinlich sauber, was in dieser Stadt für sich schon bemerkenswert war. Eine geschlossene Tür führte vom Eingangsbereich zum Schankraum.

Ein Diener kam auf die beiden zu. "Guten Abend, die Herrschaften. Hier ist heute geschlossene Gesellschaft. Allerdings..." Er musterte sie kurz. "Ich sehe, die Herrschaften sind geladene Gäste. Wenn Ihr mir bitte folgen würdet?"

Sehr aufschlußreich, fand William, als sie hinter dem Diener durch die Tür traten. Leise Musik empfing sie. Auf einem Podest gegenüber dem Eingang saß ein elegant gekleideter Mann und spielte auf einer Harfe - sehr gekonnt, wie Madeleine feststellte. Etwa ein Dutzend kleine Tische waren so im Raum verteilt, daß genug Platz zwischen ihnen war und man sich unterhalten konnte, ohne zwangsläufig von den Nachbarn belauscht zu werden. Weitere Tische standen in kleinen Nischen in den Wänden, die so angelegt waren, daß man sie nicht ohne weiteres einsehen konnte. William und Madeleine folgten dem Diener zu einem Tisch und ließen sich nieder. William bestellte zwei Becher Wein, um den Schein zu wahren, und der Diener verschwand lautlos. Die beiden Kainiten sahen sich um. Der Schankraum war recht gut besucht. Die übrigen Gäste waren Sterbliche, meist Adlige, die wahrscheinlich nicht wichtig genug waren, um eine Einladung für das Fest am königlichen Hof bekommen zu haben. Eine besonders herausgeputzte Frau fiel Madeleine auf, und aus einem Impuls heraus griff sie nach ihren Gedanken. Der Geist der Sterblichen setzte der Lasombra keinerlei Widerstand entgegen, ihr Opfer merkte nicht einmal, daß es in seinem Kopf nicht mehr allein war.

Oh, entfuhr es Madeleine gleich darauf. Das könnte Schwierigkeiten geben.

Was ist? wollte William wissen und nippte an seinem Weinbecher, der gerade gebracht worden war.

Die Frau da drüben, antwortete sie, in diesem gräßlichen grünen Kleid, die mit der Kleinen da tuschelt. Eine Klatschbase vor dem Herrn, und sie denkt gerade an Prinzessin Isabella. Sie hat irgendwo ein Gerücht aufgeschnappt, Isabella sei gar nicht die Tochter von Philippe du Mac. Weiß Gott, wo sie das her hat... sie glaubt es selbst nicht so richtig, aber das hindert sie nicht daran, es weiterzuerzählen.

Das ist allerdings unangenehm, gab der Ventrue zu. Kannst du herausbekommen, wie weit sich dieses Gerücht schon verbreitet hat?

Madeleine konzentrierte sich. Nicht wirklich weit, soweit ich das sehe, erklärte sie schließlich. Wie gesagt, sie glaubt selbst nicht daran. Anscheinend ist die Dame für die Verbreitung aller möglichen Geschichten zuständig - erzähl ihr etwas, natürlich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, und du kannst dich darauf verlassen, daß ein paar Tage später die halbe Stadt Bescheid weiß. Entsprechend ist wohl ihr Ruf. Übrigens stammt sie aus Wales, ist nach England verheiratet worden und hat ein paar sehr interessante dunkle Stellen in ihrer Vergangenheit...

Waliser, meinte William nur. Aber vielleicht sollte man sich die Dame merken, wer weiß, ob sie möglicherweise noch nützlich sein kann. Achtung, da kommt jemand, fügte er hinzu. Nicht, daß es dieses Hinweises bedurft hätte. Die Person, die sich da näherte, war von sich aus auffällig genug. Ein kostbar, aber nicht aufdringlich gekleideter Mann, vielleicht Mitte Zwanzig, mit recht dunklem Teint, dunkelhaarig und gutaussehend, kam auf ihren Tisch zu, blieb in angemessener Entfernung stehen und verneigte sich höflich. Die beiden mußten nicht einmal ihre besonderen Sinne bemühen um zu erkennen, daß sie einen Verwandten vor sich hatten.

Wenn der Mann kein Toreador ist... dachte Madeleine, gerade als der Fremde sich wieder aufrichtete und die beiden ansprach.

"Einen wunderschönen guten Abend", begrüßte er sie mit einer angenehmen Stimme. "Es ist mir immer ein Vergnügen, neue Gäste willkommen zu heißen. Wenn ich mich vorstellen darf, mein Name ist Icharyd."

"Madeleine de Neuville", antwortete die Lasombra und stellte etwas irritiert fest, daß der Blick ihres Gegenübers ständig von ihrem Gesicht etwas nach unten wanderte, um dann mit sichtlicher Anstrengung wieder zu ihren Augen zurückzukehren.

"Sir William von Tintagel", stellte sich der Ventrue vor und fügte in Gedanken hinzu: Ich wünschte wirklich, er würde nicht dauernd auf deinen Ausschnitt starren.

Meine Halskette, erkannte Madeleine plötzlich. Ich wußte doch, daß der Knabe ein Toreador ist.

"Sehr angenehm", meinte Icharyd. "Gestattet Ihr, daß ich mich zu Euch setze? Vielen Dank." Er ließ sich nieder, den Blick immer noch voller Bewunderung auf Madeleine gerichtet. "Verzeiht meine Kühnheit, aber... dürfte ich mir Eure Halskette wohl aus der Nähe betrachten?" fragte er schließlich.

Madeleine lächelte. "Natürlich." Sie nahm die Kette ab und reichte sie dem Toreador, der sie beinahe ehrfürchtig in Empfang nahm. Damit dürfte er eine Weile beschäftigt sein, kommentierte sie in Gedanken.

In der Tat schien Icharyd überaus fasziniert von dem Schmuckstück. Er drehte es langsam zwischen den Fingern, um es aus jedem Winkel genau zu studieren. Die Umwelt schien für ihn nicht mehr zu existieren. Schließlich seufzte er leise und gab die Kette an die Lasombra zurück, die sie gleich wieder umlegte. "Ein außergewöhnliches Stück", stellte er fest. Darf ich fragen, wer der Künstler war?"

"Eine Künstlerin", korrigierte Madeleine. "Ich gehe wohl recht in der Annahme, daß die Dame zu Eurer Verwandtschaft zählt. Sie hat mich übrigens ausdrücklich gebeten, jedem, der mich nach der Halskette fragt, ihren Namen zu nennen, gewissermaßen als Bezahlung für die Arbeit. Sie heißt Angelina und lebt in Florenz."

"Angelina aus Florenz", murmelte er nachdenklich. "Wo liegt Florenz?"

"In Italien", antwortete William. "Leider sehr weit von hier entfernt."

"Italien... in der Nähe von Rom?"

"Von hier aus betrachtet schon", meinte Madeleine. "Tatsächlich ist es ein gutes Stück davon entfernt, aber der Weg von hier nach Italien ist so weit, daß das fast keine Rolle mehr spielt."

"Vielleicht sollte ich die Reise doch einmal auf mich nehmen. Der Weg könnte sich durchaus lohnen." Er riß sich sichtlich zusammen und setzte ein gewinnendes Lächeln auf. "Aber jetzt erzählt doch ein wenig, was führt Euch nach Jerusalem? Ihr seid noch nicht lange in der Stadt, wenn ich mich nicht irre, wo kommt Ihr her?"

Die beiden gaben einen sorgfältig gekürzten Bericht ihrer Reise und der Verhältnisse, die in Konstantinopel geherrscht hatten, als sie aufgebrochen waren. "Mittlerweile scheint sich da allerdings etwas geändert zu haben", fügte William hinzu. "Wir haben unterwegs Gerüchte gehört, daß Prinz Michael sich aus der Stadt zurückgezogen haben und den Thron vorübergehend an Prinz Gregorius abgetreten haben soll. Ob das stimmt, können wir natürlich nicht sagen."

Wundern würde es mich allerdings nicht, meinte Madeleine lautlos. Es würde mich nicht überraschen, wenn Michael sich auf den Weg nach Ägypten gemacht hätte, um Nachforschungen über das Schicksal des echten Caius anzustellen.

Möglich wäre es, gab William zu, während Icharyd erwiderte: "Ich habe schon einiges von Prinz Michael gehört. Ein außergewöhnlich begabter Künstler. Und seine Nachkommen sollen das Talent geerbt haben."

"Zumindest von einem kann ich das bestätigen", erklärte Madeleine. "Ich besitze ein Kleid, das von einem von Michaels Kindern angefertigt wurde. Eine überaus edle Arbeit, deswegen wollte ich es heute nacht bei dem Gedränge auf den Straßen auch nicht tragen."

"Ausgesprochen schade", bedauerte der Toreador. "Ich hätte es sehr gerne einmal gesehen. Aber sagt, habt Ihr Euch schon den Prinzen vorgestellt?"

William konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Das haben wir. Allen vieren."

"Nun, dann habt Ihr ja... oh nein, was will der denn hier? Entschuldigt mich bitte einen Moment." Er stand auf und ging mit raschen Schritten zu einem Tisch in der Ecke. Dort saß ein Mann mittleren Alters, der für Williams Augen recht unauffällig wirkte. Madeleine jedoch sah ohne Anstrengung durch seine Tarnung hindurch. Die verwachsene Gestalt, das pockennarbige Gesicht - kein Zweifel, dort drüben saß ein Nosferatu. Und Icharyd schien im Gegensatz zu Madeleine und William keineswegs geneigt, das furchtbare Aussehen der Angehörigen dieses Clans zu tolerieren. Er ließ sich mit einem höflichen, aber kühlen Lächeln dem Nosferatu gegenüber nieder und wechselte einige Worte mit ihm. Kurz darauf zuckte der Nosferatu die Schultern, erhob sich gleichmütig und schlenderte aus dem Saal. Icharyd sah ihm mit einem Ausdruck kaum verhohlenen Abscheus hinterher und winkte einigen Dienern, die sofort mit Putzeimern und Lappen herbeieilten und diskret begannen, die Nische, in der der Nosferatu gesessen hatte, zu säubern.

"Furchtbar", murmelte Icharyd, als er zurückkam.

Madeleine hob eine Augenbraue. "Ihr habt etwas gegen Nosferatu? Wieso?"

"Sie sind widerlich", erklärte der Toreador und rümpfte die Nase. "Manche Leute halten sie ja für nützlich, aber man kann sie einfach nicht ansehen." Er seufzte. "Bitte entschuldigt mich. Ich habe das dringende Bedürfnis, ein Bad zu nehmen." Er verneigte sich knapp, aber höflich vor William und verabschiedete Madeleine mit einem vollendeten Handkuß, was diese mit einem strahlenden Lächeln quittierte. Dann verschwand er.

William schaute ihm mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck hinterher. Dann sah er Madeleine an, und sein Blick wurde weicher. "Was hältst du davon, wenn wir noch einmal bei der anderen Taverne vorbeischauen?" schlug er vor. "Vielleicht hat sich der Auflauf dort inzwischen ein wenig gelegt."

Die Lasombra war einverstanden, und so verließen sie Icharyds Zuflucht. Draußen angekommen, sahen sie den Nosferatu, der kurz vor ihnen das Haus verlassen hatte, in einer Seitengasse stehen und zu ihnen herüberschauen. Die beiden schlenderten hinüber, woraufhin der Nosferatu sich etwas weiter in die Gasse zurückzog. Kaum außer Sichtweite, ließ er seine Tarnung fallen. Er sieht wirklich abstoßend aus, dachte William, schaffte es aber, sich nichts anmerken zu lassen. Der Ventrue hatte schon vor langem gelernt, daß es sehr unklug war, es sich mit einem Nosferatu zu verscherzen.

"Ich grüße Euch", sagte der Nosferatu mit überraschend tiefer Stimme. "Mein Name ist Bodhi. Es war mir leider nicht möglich, mich Euch drinnen vorzustellen."

Die beiden nannten ihre Namen, was von Bodhi mit einem Nicken zur Kenntnis genommen wurde. "Ja, ich weiß, wer Ihr seid. Und ich weiß, mit wem Ihr Umgang habt." Seine Augen verengten sich. "Wenn Ihr Wissen sucht, kommt zu mir und zahlt den Preis. Das ist weniger gefährlich als das, worauf Ihr Euch bisher eingelassen habt."

"Ich fürchte, ich verstehe Euch nicht", begann William, wurde aber sofort mit einem abfälligen Schnauben unterbrochen.

"Natürlich versteht Ihr. Ich rede von den Leuten in diesem Haus. Den 'Illuminaten', wie sie sich gerne nennen. Ich gebe Euch einen, und nur einen, Rat kostenlos: Haltet Euch von diesen Leuten fern. Sie sind durchtrieben und hinterlistig, und wenn sie haben, was sie von Euch wollen, werden sie Euch bedenkenlos in den Rücken fallen." Er meinte seine Warnung völlig ernst, das war beiden klar.

"Wir danken Euch", meinte Madeleine zögernd. "Aber, verzeiht die Frage, wieso seid Ihr so besorgt um unsere Sicherheit?"

Wieder das abfällige Schnauben. "Weil es nicht sein muß, daß die Kerle einen von uns in die Finger bekommen. Wußtet Ihr, daß ein Vampirjäger in der Stadt ist? Er ist auch einer von ihnen. Er hält sich in ihrem Haus auf, vielleicht solltet Ihr etwas vorsichtiger sein, wenn Ihr das nächste Mal dort seid."

William spürte, wie Madeleine bei diesen Worten ein eisiger Schreck durchfuhr. Um Himmels Willen... William, dachte die Lasombra entsetzt. Er ist dort, in der Bibliothek!

Er hat den Ring, versuchte der Ventrue sie zu beruhigen. Bodhi kann ja nicht wissen, daß wir sozusagen auch zu dieser Vereinigung gehören. Ich denke, Wenzel ist zumindest soweit zuverlässig, daß er den Ring anerkennt. Laut sagte er: "Das wußten wir allerdings nicht. Ist der Mann gefährlich?"

"Er glaubt an seine Sache", sagte Bodhi einfach. "Und die Illuminaten sind untereinander uneins. Je nachdem, wer in diesem Haus gerade das Sagen hat, kann es gefährlich werden." Er wandte sich zum Gehen. "Mehr werdet Ihr heute nicht von mir erfahren, es sei denn, gegen einen Preis. Ich bin sicher, wenn Ihr meine Dienste benötigt, werdet Ihr mich zu finden wissen." Damit trat er in den Schatten eines Hauseingangs und verschwand vor ihren Augen.

Beruhige dich doch, bat William, der Madeleines Angst um Baskerville fast schmerzhaft deutlich spürte.

Madeleine seufzte. Im Moment können wir nichts tun, er wollte über Nacht in der Bibliothek bleiben. Aber ich habe trotzdem Angst um ihn. Bodhi war wirklich von dem überzeugt, was er sagte, da bin ich sicher. Und wenn dieser Jäger William etwas antut...

Der Ventrue wollte sich lieber nicht ausmalen, was in diesem Fall passieren würde. Komm, laß uns zur Taverne gehen, dachte er. Du hast recht, wir können nichts tun, ehe er zurückkommt. Aber wir sollten später noch bei Samia vorbeischauen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie von dem Jäger weiß, und falls nicht, dann sollte sie es erfahren.

 

Sie hatten etwa die Hälfte des Weges zu der Taverne zurückgelegt, als William plötzlich stehenblieb und Madeleine ein Gefühl des Ekels von ihm spürte. Schau dir das an, knurrte er.

Ein Stück vor ihnen stand ein Mann, diskret im Schatten eines Hauseingangs verborgen, und betrachtete interessiert das Treiben auf der Straße. Plötzlich hob er leicht eine Hand und machte eine merkwürdige Geste in Richtung eines der feiernden Sterblichen. Dieser blieb wie angewurzelt stehen. Einen Augenblick später verklärten sich seine Züge und ein glückliches Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Gleich darauf war es schon wieder vorbei. Der Sterbliche schüttelte leicht verwirrt den Kopf, sah sich um und verschwand in der nächsten Schenke. Der Fremde im Hauseingang lächelte leicht und leckte sich die Lippen.

Tremere, stellte Madeleine nüchtern fest. Ein übler Trick.

William nickte. Ich könnte das auch, das macht es aber nicht weniger übel. Oh, er hat uns gesehen.

In der Tat sah der Fremde zu ihnen herüber und nickte ihnen grüßend zu. Die beiden schlenderten über die Straße und gesellten sich zu ihm. "Guten Abend", sagte er. "Ihr seid neu in der Stadt, nicht wahr? Wir hatten noch nicht das Vergnügen. Mein Name ist Tarnesh." Die beiden stellten sich vor, und Tarnesh verneigte sich höflich. "Sehr angenehm. Wie lange seid Ihr schon in Jerusalem?"

"Seit ein paar Nächten", antwortete Madeleine.

"Dann wart Ihr sicher schon bei den Prinzen." Tarnesh musterte William prüfend. "Verzeiht die direkte Frage, aber Ihr seid ein Ventrue, nicht wahr?" Als William bestätigte, lächelte er belustigt. "Dann wart Ihr das wohl, der Sir Cesar van Dyke kürzlich zu diesem bedauerlichen Bruch der Etikette verleitet hat."

William erwiderte das Lächeln vollendet höflich und ließ sich nichts anmerken. "Ich fürchte ja, jedoch lag das keineswegs in meiner Absicht. Aber es scheint wohl so zu sein, daß wir Ventrue zu anderen Angehörigen unseres Clans meist nicht das beste Verhältnis haben..."

"Davon hört man öfter, allerdings. Nun, ich möchte Euch nicht lange aufhalten. Genießt die Feierlichkeiten, der Tisch ist bei solchen Anlässen immer reich gedeckt." Er verabschiedete sich mit einer erneuten Verbeugung und verschwand in der Menge.

Eine widerwärtige Art zu jagen, fand William, und Madeleine mußte ihm rechtgeben.

 

Als sie wenig später zum zweiten Mal an der Taverne in der Nähe der Zitadelle ankamen, hatte sich die Menschenmenge vor dem Eingang wenigstens soweit verlaufen, daß man den Schankraum problemlos betreten konnte. Drinnen war an einer Wand ein niedriges Podest aufgebaut, auf dem einige Spielleute tapfer gegen das allgemeine Stimmengewirr ankämpften. Ein Bereich in der Mitte war freigeräumt worden, und dort wurde ausgelassen getanzt. William, der natürlich wußte, wie gerne Madeleine tanzte, fragte gar nicht erst, sondern zwinkerte ihr zu und führte sie direkt zur Tanzfläche.

Ach du liebe Zeit, entfuhr es Madeleine plötzlich, und William spürte, wie sie sich in seinem Arm versteifte und fast aus dem Takt geriet. Dort drüben, in der Ecke hinter dem Stützbalken.

William warf einen Blick in die angegebene Richtung und fluchte lautlos. Verdammt, der hat uns gerade noch gefehlt. Ich hatte gehofft, er würde in Damaskus bleiben.

Ich auch. Ein Malkavianer in der Stadt hätte völlig gereicht. Und jetzt hat er uns auch noch gesehen. Madeleine sah unauffällig aus dem Augenwinkel zu dem Tisch, an dem sie die bekannten Gestalten gesehen hatte. Lässig an die Wand gelehnt, saß dort ein älterer Mann und betrachtete mit unbewegter Miene das fröhliche Treiben. Er war selbst für einen Europäer ausgesprochen bleich und trug die kostbare Kleidung eines Adligen. Neben ihm stand ein zweiter Mann, der in dieser Umgebung womöglich noch deplazierter wirkte. Er war mittelgroß und kompakt gebaut und hatte gelbliche Haut, mandelförmige Augen und schwarzes Haar, das zu einem Zopf geflochten weit den Rücken hinabfiel. Angesichts seiner Fremdartigkeit war es schon erstaunlich, daß der Mann nicht mehr Aufsehen erregte. Die meisten Leute in der Stadt, dachte Madeleine, dürften nicht einmal wissen, wo er herkommt. Ich bezweifle, daß es hier viele gibt, die schon einmal von Cathay gehört haben.

In diesem Moment lösten sich drei Männer aus der Menge, begleitet von aufmunternden Zurufen ihrer Begleiter. Sie traten zu den beiden an den Tisch und wechselten ein paar Worte mit dem Adligen. Der gab etwas zur Antwort, nickte dem Cathayer zu und gab dem Wirt ein Zeichen.

"Wie ich sehe, gibt es neue Herausforderer", dröhnte gleich darauf die Stimme des Wirts durch den Schankraum. "Räumt die Tanzfläche frei, Leute! Gleich gibt es eine ganz andere Art von Tanz."

William zog Madeleine von der Tanzfläche und sicherte ihnen einen günstigen Beobachtungsplatz am Rand.

Das kann doch nicht sein Ernst sein, dachte Madeleine, als der Cathayer und die drei Herausforderer sich einen Weg durch die Menge bahnten. Sie sind nur zu dritt, sie werden keine Chance gegen ihn haben.

Natürlich nicht, aber woher sollen sie das denn wissen? antwortete William und spähte neugierig nach vorne. Die vier erreichten die freie Fläche und stellten sich in Position. Und gleich darauf ging es los. "Eine andere Art von Tanz", hatte der Wirt gesagt, und was sich hier abspielte, hatte tatsächlich etwas von einem Tanz. Die drei Herausforderer hatten wirklich keine Chance, das war allen Zuschauern von Anfang an klar. Der Cathayer schien jedoch nicht geneigt, kurzen Prozeß mit ihnen zu machen. Madeleine vermutete, daß sein Begleiter ihn angewiesen hatte, dem Publikum etwas zu bieten. Und das tat er. Er spielte mit den dreien wie eine Katze mit der Maus. Madeleine, die sich noch sehr gut an eine andere Gelegenheit erinnerte, bei der sie seine Kampfkünste zu Gesicht bekommen hatte, schauderte. Im Gegensatz zu damals kämpfte er diesmal allerdings nicht, um zu töten, er hielt sich deutlich zurück. Trotzdem dauerte es nur wenige Minuten, bis alle drei Herausforderer bewußtlos am Boden lagen. Der Begleiter des Cathayers erhob sich, ging zu ihnen hin und zog ein Messer. Dann schnitt er jedem der drei den Geldbeutel vom Gürtel, drehte sich ungerührt um und kehrte zu seinem Platz zurück, als sei nichts vorgefallen. Unterwegs nahm er aus jedem Beutel ein paar Münzen und legte sie dem Wirt hin, der sie grinsend einsteckte. Die Spielleute auf dem Podest griffen wieder zu ihren Instrumenten, während die Verlierer von Freunden nach draußen geschafft wurden.

Ich fürchte, wir werden ihm guten Abend sagen müssen, meinte Madeleine.

Müssen wir wohl, stimmte der Ventrue zu und bahnte sich einen Weg durch die Menge. "Lord Baltimore, welch eine Überraschung, Euch hier zu treffen", sagte er. "Chai-Lung", fügte er hinzu und nickte dem Cathayer zu, was dieser wie üblich unbewegt zur Kenntnis nahm.

"Na so etwas... Sir William." Baltimore erhob sich und beugte sich kurz über die Hand, die Madeleine ihm reichte. "Madame. Es ist mir ein besonderes Vergnügen. Setzt Euch doch. Wie ist es Euch ergangen, seit wir uns getrennt haben?"

Die beiden ließen sich nieder und berichteten. Beide waren sehr darauf bedacht, ihre Gedanken im Zaum zu halten. Sie wußten aus Erfahrung, daß der Malkavianer durchaus in der Lage war, Gedanken zu hören, wenn man unvorsichtig war. Es war nicht notwendig, daß Baltimore bemerkte, wie sehr seine Anwesenheit die beiden beunruhigte.

Schon bei ihrer ersten Begegnung in den anatolischen Bergen war ihnen aufgefallen, daß Lord Baltimore ebenfalls einen Siegelring mit einem Pyramidensymbol trug. Im Gegensatz zu Williams Ring, dessen Seiten glatt waren, trug der von Lord Baltimore jedoch eine Gravur in Form eines Wolfes. Der Malkavianer hatte ihnen damals erklärt, daß er eine Art Verbindungsfunktion zwischen den Garou und den Kainiten innehatte. Die Werwölfe vertrauten ihm zwar nicht uneingeschränkt, aber immerhin konnte er sich unter ihnen bewegen, ohne gleich angegriffen zu werden. Außerdem hatte er erzählt, daß er sich auf der Suche nach einer besonderen Art von Garou befand, die er als "rote Werwölfe" bezeichnet hatte. Was genau es mit ihnen auf sich hatte, konnte oder wollte er damals nicht erklären. Die Tatsache, daß ihre Ghoule von Werwölfen in der Grabeskirche berichtet hatten, ließ Baltimores Auftauchen in Jerusalem in einem unangenehmen Licht erscheinen. Natürlich war es möglich, daß er nicht wegen der Garou hier war, aber wissen konnte man es nicht.

Nachdem sie lange genug Konversation betrieben hatten, um der Höflichkeit genüge zu tun, erhob sich William. "Wir würden uns jetzt gerne verabschieden", erklärte er mit einer leichten Verneigung. "Wenn Ihr vorhabt, eine Weile in der Stadt zu bleiben, werden wir uns sicher noch sehen."

"Es wird mir ein Vergnügen sein", erwiderte der Malkavianer. "Ich wünsche Euch noch eine angenehme Nacht."

 

Als William und Madeleine bei Samia eintrafen, waren sie nicht im Geringsten überrascht, Azim ebenfalls vorzufinden. "Guten Abend, ihr beiden", begrüßte die Caitiff sie. "Was gibts denn?"

"Wir haben vorhin etwas erfahren, von dem wir nicht sicher sind, ob du es schon weißt", meinte William. "Wir haben gehört, es sei ein Vampirjäger in der Stadt."

"Ah, wie ich sehe, habt ihr Bodhi kennengelernt", nickte Samia.

Madeleine hob erstaunt eine Augenbraue. "Das haben wir. Darf ich aus deiner Reaktion schließen, daß man seine Warnung nicht unbedingt ernstnehmen muß?"

Die Caitiff zuckte die Schultern. "Schon. Der Jäger ist nicht ungefährlich. Allerdings steht Bodhi auch ganz oben auf seiner Abschußliste."

"Wieso das?" erkundigte sich William. "Hat er sich etwa mit ihm angelegt?"

"Nicht direkt. Allerdings... ihr habt Bodhi gesehen. Er ist eben ein Nosferatu, und das sieht man nun einmal. Und er hat eine sehr heftige Abneigung dagegen, sich zu tarnen und vermeidet es, wann immer er kann. Daß er in seiner normalen Gestalt dem Jäger auffällt, ist kein Wunder. Und daß der dann sofort hinter ihm her ist, ebensowenig."

Madeleine schüttelte den Kopf. "Wieso tarnt er sich so ungern? Ich würde es äußerst praktisch finden, wenn ich das könnte."

Samia seufzte. "Er ist nunmal so. 'So sehe ich aus, akzeptiert das oder verschwindet', das ist sein Motto. Leider will der Jäger weder das eine noch das andere."

"Irgendwie kann ich ihn verstehen, Bodhi, meine ich", murmelte Madeleine. "Trotzdem ist diese Einstellung unter diesen Umständen natürlich sehr unpraktisch."

"Du scheinst mehr über diesen Jäger zu wissen", schaltete sich der Ventrue wieder ein. "Muß man sich vor dem Mann in Acht nehmen?"

"Sicher. Es gibt keinen Grund, in Panik zu verfallen, aber gefährlich ist er. Er glaubt an seine Sache, das ist immer schlecht für unsereins. Und er gehört zu diesen Spinnern in dem merkwürdigen Haus, wer weiß, welche Tricks die auf Lager haben."

Madeleine wurde unruhig. Wir sollten wirklich zusehen, daß wir nach Hause kommen, erklärte sie. Wenn William zurückkommt, muß ich ihn warnen. "William von Baskerville ist in dem Haus", erklärte sie auf Samias fragenden Blick. "Ich mache mir ziemliche Sorgen um ihn, seit ich von dem Jäger weiß. Der Kerl könnte auf die Idee kommen, über William an mich heranzuwollen."

"Ich glaube nicht, daß du dir darum wirklich Gedanken machen mußt", beruhigte Samia sie. "Der Jäger müßte dich erst einmal finden, und im Gegensatz zu Bodhi fällst du nicht wirklich auf..."

"Ich habe keine Angst um mich", fiel die Lasombra ihr fast ärgerlich ins Wort. "Ich kann mich schützen. Aber William..."

"...ist auch kein kleiner Junge mehr und wird wohl wissen, womit er es zu tun hat. Mach dir nicht zuviele Sorgen. Er kann auf sich aufpassen."

"Ich weiß", sagte Madeleine leise. "Trotzdem..." Sie seufzte und schüttelte den Kopf. "Übrigens ist noch jemand in der Stadt angekommen, vor dem du dich vielleicht etwas in Acht nehmen solltest. Ein Malkavianer, und zwar einer, der selbst nach den Maßstäben seines Clans seltsam ist. Wir haben ihn und seinen Diener auf dem Weg nach Jerusalem kennengelernt, und ich weiß ehrlich gesagt nicht, welcher von beiden mich mehr beunruhigt. Der Mann ist eiskalt, gewissenlos und ziemlich mächtig."

"Ich erinnere mich an eine Begegnung mit einer Horde von Räubern unterwegs", fügte William düster hinzu. "Es waren Sterbliche, ein richtig jämmerlicher Haufen, sie hätten uns nichts entgegenzusetzen gehabt. Sie haben uns nicht einmal angegriffen, wir entdeckten ihr Lager, ehe sie uns gesehen hatten. Baltimore war der Meinung, daß sie beseitigt werden sollten und ließ seinen Diener auf sie los, nachdem wir die Leute schon ruhiggestellt hatten. Ehe wir eingreifen konnten, hatte er schon ein Dutzend von ihnen getötet, einfach so."

"Wie sah der Diener genau aus?" fragte Azim plötzlich. William zuckte etwas zusammen, der Assamit war die ganze Zeit so still gewesen, daß er seine Anwesenheit fast vergessen hatte. Er beschrieb den Cathayer so genau er konnte. Azims Gesicht verdüsterte sich. "Kennt ihr seinen Namen?"

"Chai-Lung", antwortete William.

Azim fluchte leise. "Das ist schlecht. Sehr schlecht. Ein Lung in dieser Stadt..."

"Was hat es mit dem Mann auf sich?" wollte Madeleine wissen. "Es gab da einen seltsamen Zwischenfall bei unserer Abreise aus Aleppo. Als wir zum Stadttor hinauswollten, fragte einer der Einheimischen Chai-Lung, was er für ein Wesen sei. Die Reaktion war... unfreundlich."

"Er hat ihn umgebracht, nicht wahr?"

"Nein, aber damit gedroht, daß er es tun würde, sollte die Frage wiederholt werden. Und er hat das absolut ernst gemeint."

"Das hat er. Glaubt mir, ihr wollt nicht wissen, was genau die Lung sind. Sie sind eine große Familie, aber zum Glück trifft man sie meistens nur einzeln. Und sie hüten ihre Geheimnisse. Haltet euch fern von ihm. Er ist gefährlich, und im Gegensatz zu uns steht ihm seine ganze Macht auch tagsüber zur Verfügung." Er seufzte. "Entschuldigt mich. Diese Sache ist wichtig, ich muß mit meinem Meister reden. Sofort." Er nickte William und Madeleine zu, küßte Samia auf die Wange, und war verschwunden.

Die Caitiff sah ihm hinterher und schüttelte leicht den Kopf. "Mit seinem Meister, soso... Frédérick wird langsam unvorsichtig, das ist nicht gut." Als sie Williams erstaunten Blick bemerkte, fügte sie hinzu: "Wußtet ihr etwa nicht, daß er ein Assamit ist?"

Madeleine grinste. "Wir wußten es, aber wir waren nicht sicher, ob du es weißt."

Samia zuckte die Schultern. "Er hat sich mir als Caitiff vorgestellt, aber ich weiß schon seit einer Weile, daß er kein Clanloser ist. Dieser Chai-Lung muß ihn ziemlich beunruhigen, wenn er sich soweit vergißt, daß er seine Tarnung vernachlässigt." Sie seufzte. "Er ist ziemlich ungewöhnlich für einen Assamiten. Es gibt Aufträge, die nimmt er nicht an, egal, wie gut die Bezahlung ist. Er tötet keine Unschuldigen. Ein Mörder, der Mörder jagt, damit kann ich irgendwie leben." Sie warf einen Blick zum Fenster. "Das hätte ich doch beinahe vergessen..." murmelte sie. Sie stand auf, schloß die Tür und legte die Fensterläden vor. William und Madeleine bemerkten ein schwaches, kaum wahrnehmbares Leuchten, das von einigen auf Tür- und Fensterrahmen aufgemalten Symbolen ausging und für normale Augen nicht sichtbar war. Der Sinn dieser Maßnahme wurde wenig später deutlich: Von draußen klang schwaches, sehr gedämpftes Glockengeläut herein. "Mitternacht", sagte Samia. "Ich wünsche euch ein gutes neues Jahr, was auch immer das für unsereins bedeuten mag."

 

Zum Glück für die Kainiten dauerte der Lärm diesmal nicht so lange wie zu Weihnachten. Sobald es draußen wieder ruhig war, verabschiedeten sich William und Madeleine. Die Lasombra war bemüht, sich nichts anmerken zu lassen, aber sie war immer noch besorgt um Baskerville und wollte sich vergewissern, daß er inzwischen wohlbehalten wieder zuhause angekommen war. Zu ihrer nicht geringen Erleichterung erfuhr sie von Francesca, daß Baskerville tatsächlich kurz vor Mitternacht zurückgekehrt und todmüde sofort ins Bett gefallen war.

William beschloß, daß er noch ein wenig Training gebrauchen konnte, sattelte Goliath und verließ die Stadt. Madeleine nutzte die günstige Gelegenheit, um noch ein wenig an ihrem Geschenk für ihn weiterzuarbeiten. Die vier Nächte, die sie hinter Isabella hergejagt waren, mußten schließlich aufgeholt werden, und es war schwierig genug, darauf zu achten, daß der Ventrue nichts merkte. Die Lasombra suchte zusammen, was sie brauchte, und zog sich in Baskervilles Zimmer zurück. Der Ghoul mußte wirklich erschöpft gewesen sein, als er zurückkam, denn entgegen seiner sonstigen Gewohnheit wachte er nicht auf, als Madeleine leise das Zimmer betrat. Sie setzte sich neben sein Bett und begann zu arbeiten.

Zwei Stunden vor Sonnenaufgang regte sich unter der Bettdecke etwas. Baskerville schlug die Augen auf, sah Madeleine und lächelte. "Guten Morgen. Hast du über meinen Schlaf gewacht?"

Sie küßte ihn. "So könnte man das nennen. Ich wollte gerne noch mit dir reden, ehe ich schlafen gehe, aber ich habe es nicht übers Herz gebracht, dich zu wecken. Wie kommst du in der Bibliothek voran?"

"Ganz gut. Was es mit diesem Ritual auf sich hat, habe ich zwar noch nicht herausgefunden, aber wenigstens habe ich inzwischen eine Idee, wonach ich suchen kann. Die Leute dort trauen mir natürlich noch nicht völlig, aber mit einigen von ihnen kann man sich recht gut unterhalten. Die sind zu sehr Forscher, als daß es sie stören würde, was ich bin."

Madeleine nickte nachdenklich. "Wir wurden heute sehr eindringlich davor gewarnt, uns mit den Illuminaten einzulassen", sagte sie und erzählte von der Begegnung mit Bodhi. "Dieser Jäger macht mir Sorgen", gestand sie. "Wir denken zwar, daß der Ring uns und vor allem dich schützt, aber so ganz traue ich der Sache nicht." Sie seufzte. "Ich kann und will dich nicht hier einsperren. Aber tu mir bitte den Gefallen und sei vorsichtig", bat sie leise.

Er strich ihr sanft über die Wange. "Das bin ich, hab keine Angst. Ich werde ihm soweit wie möglich aus dem Weg gehen." Er sah sie prüfend an. "Das war doch noch nicht alles. Du hast noch etwas auf dem Herzen. Was ist es?"

Madeleine mußte lächeln. "Manchmal bist du mir direkt unheimlich, mein Lieber. Ja, da ist noch etwas anderes, das mich beschäftigt. Und vielleicht kannst du mir da sogar helfen, es geht schließlich um Nachforschungen. Erinnerst du dich an diesen Händler, bei dem wir einen Tag verbracht haben, ehe wir in die Stadt gekommen sind? Oder vielmehr, an seinen Leibwächter, diesen schwarzen Prinzen?"

"Wie könnte ich nicht", meinte er. "Er war beeindruckend."

"Ganz genau. Er hat mich so beeindruckt, daß er mir seither nicht mehr aus dem Kopf geht. Ich könnte nicht einmal genau sagen, wieso. Vielleicht, weil er trotz seines Schicksals seine Würde bewahrt hat. Als ich mich mit ihm unterhalten habe, habe ich mit einem Krieger gesprochen, nicht mit einem Sklaven. Und dieser Fluch, der auf ihm liegt... ich will mich einfach nicht damit abfinden, daß er tatsächlich so endgültig sein soll. Es muß doch irgend eine Möglichkeit geben, ihn zu brechen." Sie schwieg einen Moment. "In Konstantinopel hat Bruder Matthias einmal zu mir gesagt, jedem Sünder würde irgendwann vergeben. Ich habe keine Ahnung, ob er damit recht hatte. Aber es will mir nicht in den Kopf, daß man dem Mann nicht helfen kann."

Baskerville nickte verstehend. "Und jetzt möchtest du, daß ich in der Bibliothek nach einem Weg suche, den Fluch zu brechen."

"Genau. Die andere Sache ist natürlich dringender, und ich sehe schon ein, daß du nicht alles auf einmal schaffen kannst. Aber ich würde dich bitten, die Angelegenheit im Hinterkopf zu behalten, und mich wissen zu lassen, wenn du etwas findest."

"Das werde ich", versprach er. Dann deutete er auf das, was sie in der Hand hielt. "Mußt du daran unbedingt weitermachen?" fragte er und zwinkerte ihr zu.

"Ja. Aber nicht notwendigerweise jetzt." Sie lächelte, legte ihre Arbeit beiseite und schlüpfte zu ihm unter die Decke.

 

"Guten Abend, ihr beiden. Ich muß euch unbedingt von dieser Idee erzählen, die ich gestern noch hatte."

Madeleine zog die Bettdecke etwas höher und sah fassungslos zur Tür. Die Lasombra war zum Frühstück zu William gekommen, nachdem Baskerville sich wieder auf den Weg zur Bibliothek gemacht hatte. Sie waren gerade fertig gewesen und hatten beschlossen, aufzustehen, als Azim plötzlich im Raum stand. Der Assamit war sichtlich aufgeregt und schien nicht im Geringsten daran zu denken, daß es vielleicht ein wenig unhöflich war, unangemeldet in anderer Leute Schlafzimmer zu erscheinen.

William nahm die unerwartete Unterbrechung gelassen hin. "Laß hören", forderte er Azim auf.

Der grinste. "Eigentlich wäre der Plan eines Ventrue würdig. Oder einer Lasombra. Aber stellt euch einfach folgendes vor: Was würde Sir Cesar van Dyke wohl tun, wenn Soldaten der Stadtwache Prinzessin Isabella in unmittelbarer Nähe einer gewissen Moschee sehen würden?"

William und Madeleine sahen sich einen Moment lang verblüfft an, dann prustete Madeleine los. "Azim, das ist genial. Du hast recht, darauf hätten wir eigentlich selbst kommen müssen. Und wir hatten uns schon überlegt, wie wir Osmadi aus dem Verkehr ziehen, jetzt wo Cesar sein wichtigstes Machtmittel verloren hat."

"Man stelle sich vor", sinnierte William, "da zieht gerade eine Patrouille an der Moschee vorbei, wenn Isabella einen Fluchtversuch macht. Plötzlich wird es dunkel, und als es wieder hell wird, ist die Kleine weg..."

"So ungefähr hatte ich mir das vorgestellt", erklärte der Assamit. "Die Details müßte man natürlich noch etwas ausarbeiten..."

"Dann laßt uns das doch gleich machen", schlug Madeleine vor.

 

"Dann wäre soweit alles klar", faßte Azim zufrieden zusammen. "Wir treffen uns eine Stunde nach Mitternacht in der kleinen Gasse neben der Moschee. William sichert die Umgebung, ich kümmere mich um den Fluchtversuch, und Madeleine läßt ihn möglichst spektakulär scheitern. Und dann bin ich wirklich sehr gespannt, wie Cesar darauf reagiert..."

"Es gibt im Prinzip zwei Möglichkeiten", meinte Madeleine. "Entweder, er greift Osmadi an. Dann reiben sich die beiden gegenseitig auf und wir müssen nur noch die Reste beseitigen. Oder das Unwahrscheinliche geschieht und sie reden miteinander. Dann kommen sie vielleicht auf den Gedanken, sich gegen einen gemeinsamen Feind zu verbünden. In jedem Fall hätte dieser unsägliche Zustand ein Ende, daß sich vier Prinzen eine Stadt teilen. Ich würde sagen, das Ganze ist ziemlich wasserdicht."

"So sehe ich das auch", nickte der Assamit. "In Ordnung, dann werde ich jetzt verschwinden und euch, äh..." Er blickte plötzlich betreten auf das Bett, in dem die beiden immer noch saßen, und machte sich sogar die Mühe leicht zu erröten. "... und euch in Ruhe aufstehen lassen, meine ich. Vielleicht sollte ich nächstes Mal wenigstens anklopfen, ehe ich hereinplatze... naja, wie auch immer, wir sehen uns dann eine Stunde nach Mitternacht." Er hob grüßend eine Hand und zog sich hastig zurück.

William sah ihm belustigt hinterher. "Und was machen wir inzwischen?" fragte er schließlich.

"Ich hätte Lust, mich noch einmal mit Icharyd zu unterhalten", erwiderte Madeleine nachdenklich. "Ich habe das Gefühl, er hat uns gestern nicht alles erzählt. Er kennt sich gut in der Stadt aus, vielleicht kann man ja noch einiges aus ihm herausbekommen." Sie grinste plötzlich. "Und um das zu unterstützen, werde ich mein rotes Kleid anziehen. Er wollte es doch unbedingt einmal sehen."

William verzog das Gesicht. "Muß das sein?" fragte er mißmutig. "Dann starrt er dich wieder die ganze Zeit an und wird vielleicht sogar zudringlich. Das gefällt mir überhaupt nicht."

Sie sah ihn erstaunt an. "William, was ist los mit dir? Bist du eifersüchtig? Auf diesen Pfau? Du solltest doch wissen, daß du dazu nicht den geringsten Grund hast."

"Schon", gab er zu. "Trotzdem muß es mir nicht gefallen, wenn er dich so anstarrt, oder?"

Sie zuckte die Schultern. "Es stört mich nicht. Dazu ist mir der Bursche nicht wichtig genug. Und falls er sich tatsächlich soweit vergißt, daß er zudringlich wird, kann ich mich wehren. Auch das solltest du wissen." Madeleine war etwas verwirrt und gab sich keine Mühe, das zu verbergen. "Ich verstehe wirklich nicht, wieso du da ein Problem siehst."

William winkte ab. "Vergiß es. Es war auch nicht wirklich ernst gemeint. Laß uns zusehen, daß wir fertig werden, in Ordnung?"

 

"Guten Abend, die Herrschaften. Wenn ich der Dame ihren Umhang abnehmen darf?" Der Diener in Icharyds Taverne begrüßte die beiden so höflich wie am Abend zuvor. Er hängte Madeleines Umhang beiseite, unter dem sie ihr Kleid verborgen hatte, damit es auf der Straße nicht allzuviel Aufsehen erregte. Der kostbare rote Stoff mit der feinen Goldstickerei war alles andere als unauffällig, und den beiden war nicht besonders daran gelegen, die Aufmerksamkeit gewisser Personen zu erregen.

Madeleine und William folgten dem Diener in den Schankraum und zu einem der Tische. William bemerkte sehr wohl, daß man sie heute zu einem der besseren Plätze näher bei der Bühne führte. Madeleine glitt mit erhobenem Kopf an seiner Seite durch den Raum und ignorierte die neidischen Blicke der anwesenden Frauen ebenso wie die bewundernden der Männer und das allgemeine Getuschel. Sie saßen kaum, als sich Icharyd bereits näherte. "Guten Abend", brachte der Toreador hervor, dann setzte er sich, starrte Madeleine an und sagte eine ganze Weile gar nichts mehr.

Ich wußte es, knurrte William. Das ist ja schon unverschämt.

Reg dich nicht auf, beruhigte sie ihn und sandte ihm das Gefühl eines Kusses. Das hast du wirklich nicht nötig.

"Verzeiht", sagte Icharyd schließlich und schüttelte leicht den Kopf als würde er gerade aus einem Traum aufwachen. "Ihr hattet ja erwähnt, daß das Kleid eine herausragende Arbeit sei, aber so hatte ich es mir doch nicht vorgestellt." Er seufzte. "Es ist sehr freundlich von Euch, schon heute damit vorbeizukommen."

Madeleine lächelte liebenswürdig. "Ich dachte mir, daß Ihr es sicher gerne bald einmal sehen würdet."

"Ich danke Euch", sagte Icharyd schlicht. Dann riß er sich sichtlich zusammen. "Ihr hattet inzwischen sicher Gelegenheit, Euch etwas in der Stadt umzusehen", sagte er mit einem verbindlichen Lächeln. "Habt Ihr Euch schon eingelebt?"

"Es ist alles recht verwirrend", erwiderte Madeleine mit einem unschuldigen Augenaufschlag.

"Das ist hier normal. Und ich fürchte, daß es demnächst noch etwas verwirrender werden könnte."

Madeleine legte den Kopf schräg und sah den Toreador fragend an. "Wie meint Ihr das?"

"Nun, Ihr habt während Eurer Audienz bei Sir Cesar sicher seinen Hofnarren kennengelernt, nicht wahr? Den Malkavianer Cultumac?" Als die beiden nickten, fuhr er fort: "Cultumac hat, wie soll ich sagen, den Kopf verloren. Man erzählt, daß Sir Cesar ihn in einem Anfall von Wahnsinn enthauptet hat. Sein Platz als Berater des Prinzen ist aber schon wieder besetzt, seltsamerweise von einem Fremden, der erst kürzlich in Jerusalem eingetroffen ist. Er nennt sich Lord Baltimore."

William und Madeleine hatten größte Schwierigkeiten, ruhig zu bleiben. Er verliert keine Zeit, stellte Madeleine düster fest. Es ist wohl nicht schwer zu erraten, was diesen plötzlichen Anfall von Wahnsinn bei Cesar ausgelöst hat. Oder wer.

"Interessant", meinte William, der sich meisterhaft beherrschte. "Und was ist dieser Baltimore für einer?"

Icharyd hob die Schultern. "Ein Malkavianer. Er soll gute Verbindungen in einflußreichen Kreisen haben. Genaueres weiß ich auch nicht über ihn." Er seufzte und ließ seinen Blick wieder verträumt über Madeleines Kleid schweifen. "Wenn Ihr mich einen Augenblick entschuldigen würdet?" fragte er plötzlich übergangslos, erhob sich und ging zur Bühne, auf der im Moment gerade niemand spielte. Aus einer mit Samt ausgeschlagenen Kiste nahm er eine Laute. Ein wunderschönes Instrument, dachte Madeleine, und die Vorsicht, mit der sein Besitzer es handhabte, ließ darauf schließen, daß es von beträchtlichem Wert war. Der Toreador ließ sich auf einem Schemel nieder, verharrte kurz regungslos, und begann zu spielen.

Madeleine glaubte zu träumen. Sie hatte schon einige fähige Spielleute erlebt, aber was Icharyd seiner Laute entlockte, degradierte sie allesamt zu blutigen Anfängern. Als der Toreador dann auch noch dazu sang, vergaß die Lasombra alles um sich herum. Icharyd improvisierte, da war sie sicher, obwohl es sonst wahrscheinlich niemandem auffiel. Er sang für sie, und Madeleine genoß jeden einzelnen Ton. Als schließlich die letzte Note verklungen war, blieb er noch einen Augenblick sitzen. Dann erhob er sich, legte die Laute mit der gleichen Behutsamkeit, mit der er sie herausgenommen hatte, wieder in die Kiste zurück, verneigte sich mit einem Blick in Madeleines Richtung vor seinem Publikum, und verschwand nach hinten.

"Donnerwetter", murmelte William, fast gegen seinen Willen beeindruckt. "Er mag ja ein Weichling sein, aber er hat ein unglaubliches Talent." Er lächelte plötzlich. "Ich frage mich, ob sonst noch jemand bemerkt hat, daß er von dir gesungen hat."

Sie erwiderte das Lächeln. "Ich weiß es nicht. Spielt das eine Rolle?"

Er schüttelte den Kopf. "Nein, nicht wirklich. Vorsicht, da kommt er wieder."

Tatsächlich trat der Toreador in diesem Moment durch die Tür und steuerte zielstrebig auf ihren Tisch zu. "Ich hoffe, meine bescheidene Vorstellung hat Euch gefallen", sagte er. "Ich würde gerne noch länger mit Euch plaudern, aber ich muß mich gleich auf den Weg machen. Ihr habt sicher auch von der Belohnung gehört, die Prinz Cesar van Dyke ausgesetzt hat?"

"Nein, erwiderte Madeleine, "wofür?"

"Nun, wie Ihr vielleicht wißt, ist die Tochter des Königs verschwunden", erklärte Icharyd, während William und Madeleine perfekt unschuldige Gesichter machten und sich den Anschein gaben, als erzählte er ihnen etwas völlig neues. "Das Wohlergehen der königlichen Familie liegt Sir Cesar sehr am Herzen, deswegen hat er demjenigen eine Belohnung versprochen, der Prinzessin Isabella wohlbehalten zu ihrer Familie zurückbringt." Er seufzte. "Es handelt sich um einen Dolch, ein sehr altes und überaus kostbar gearbeitetes Stück. Die Scheide allein ist mit genug Edelsteinen verziert, um ein Land damit kaufen zu können. Aber der materielle Wert ist zweitrangig. Ich kann nicht zulassen, daß ein derartiges Kunstwerk in die Hände eines Banausen fällt, der nichts davon versteht. Und da die einzige Möglichkeit, das zu verhindern, darin besteht, die Prinzessin zu finden, werde ich mich nachher noch ein wenig auf die Jagd begeben. Wer weiß..." Er verneigte sich. "Es wäre mir wirklich ein Vergnügen, Euch bald wieder in meinem Heim zu begrüßen. Ich wünsche Euch noch eine angenehme Nacht."

Interessant, kommentierte William und sah Icharyd nach. Wir sollten auch bald gehen, sonst kommen wir zu spät zu unserer Verabredung. Ich möchte Azim nicht warten lassen.

Das wäre unhöflich, stimmte Madeleine zu. In Ordnung, gehen wir. Ich muß mich noch umziehen. Dieses Kleid ist zwar hervorragend geeignet, um einen Toreador zu verwirren, aber ganz und gar unpassend, um einen Ventrue hinters Licht zu führen.

William grinste nur und zog es vor, zu schweigen.

 

Eine Stunde nach Mitternacht kreiste eine einsame Fledermaus hoch über einer bestimmten Moschee im islamischen Viertel. Unter einem Mauervorsprung gegenüber der Moschee hing ein Schatten, der tiefer und schwärzer war als alle anderen in der Umgebung.

William suchte sich einen geeigneten Landeplatz und nahm Kontakt zu Madeleine auf. Wo bleibt Azim nur? Da hinten nähert sich schon eine Patrouille, sie wird in ein paar Minuten hier sein.

Er ist längst da, antwortete sie. Da unten, in der Seitengasse, wirklich hervorragend getarnt. Ich hätte ihn beinahe nicht gesehen.

Oh verdammt. Williams Stimme in ihrem Kopf klang beunruhigt. Da hinten kommt Icharyd. Und er läuft genau in unsere Richtung.

Madeleine sah zu Azim hinunter. Der Assamit mußte gewarnt werden, und auf die Schnelle gab es nur eine Möglichkeit, das zu bewerkstelligen. Wenn sie ihr Versteck verließ, würde man sie sehen. Also konzentrierte sie sich und griff nach seinen Gedanken, sehr vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken. Es war, als klopfte sie behutsam an eine Tür.

Unten in der Gasse ruckte Azims Kopf nach oben. Er sah sich hastig um, konnte sie aber anscheinend nicht entdecken. Er spürte jedoch, wer da versuchte, Kontakt mit ihm aufzunehmen, und öffnete seinen Geist soweit, daß Madeleine mit einiger Anstrengung zu ihm durchkommen konnte. Azim? Es gibt ein Problem.

Wie zum Teufel hast du mich gefunden? Der Assamit klang empört und ein wenig frustriert. Ich hatte geglaubt, mein Versteck wäre perfekt.

Ist es auch, beeilte sich Madeleine zu versichern. Es war purer Zufall, daß ich dich gesehen habe. Aber paß auf, wir müssen unseren Plan etwas verschieben. Da hinten kommt zwar eine Patrouille, aber dieser Toreador schleicht in der Gegend herum. Und den können wir nun wirklich nicht als Zeugen gebrauchen.

Dann nehmen wir eben die nächste, brummte Azim mißmutig. Und jetzt geh bitte freundlicherweise weg aus meinem Kopf, das macht mich furchtbar nervös.

Ich bin schon fort, erklärte sie und unterbrach den Kontakt. Alles in Ordnung, meldete sie William. Gib Bescheid, wenn die nächste Patrouille ankommt.

 

Achtung, da kommen sie. Williams Warnung wäre nicht nötig gewesen, Madeleine hatte die Gardisten schon bemerkt. Azim offenbar ebenfalls. Sie beobachtete, wie der Assamit, für normale Augen unsichtbar, seinen Posten verließ. Und dann ging alles rasend schnell. Im selben Moment, als die Patrouille vorn in Sichtweite kam, flog die Seitentür der Moschee krachend auf. Ein kleines Mädchen mit goldblonden Locken kam laut weinend herausgerannt, direkt auf die völlig verblüfften Soldaten zu. Einen Augenblick später wurde es in der Gasse stockdunkel. Zwei Schritte vor den erschrockenen Gardisten begann eine tiefschwarze Wand, aus der sehr gedämpft einige unidentifizierbare Geräusche klangen, ehe es völlig still wurde. Als dann auch noch die Schatten der Männer begannen, sich scheinbar aus eigenem Willen zu bewegen, war es mit ihrer Tapferkeit endgültig vorbei. Zwei der fünf warfen sich herum und flohen in heller Panik. Zwei weitere standen mit leichenblassen Gesichtern hinter ihrem Anführer und sahen aus, als würden sie jeden Moment ohnmächtig zusammenbrechen. Der Anführer selbst, ein Ghoul, wirkte auch nicht, als sei ihm besonders wohl in seiner Haut. Als die Dunkelheit sich schließlich verzog und auch die Schatten ihr seltsames Verhalten ablegten, sah er noch einen Moment lang in die Gasse, dann gab er den beiden ein Zeichen und wandte sich hastig zum Gehen.

Perfekt, dachte Madeleine zufrieden. Das lief ja wie am Schnürchen. Ich vermute, der gute Mann wird sich auf dem schnellsten Weg zur Zitadelle begeben, um Cesar Bericht zu erstatten.

Dann werde ich ihn begleiten und aufpassen, daß er dort auch sicher ankommt, gab William zurück. Du kannst ja schon einmal mit Azim zu Samia gehen, sie sollte auf jeden Fall erfahren, was wir angestellt haben.

 

"Ihr habt was gemacht?" Die Caitiff war einen Augenblick lang fassungslos, dann lachte sie laut heraus. "Ein genialer Plan. Einfach, aber effektiv."

"Eigentlich war es nicht unsere Idee", sagte Madeleine ehrlich, was ihr einen giftigen Blick von Azim eintrug.

"Das hätte ich mir fast denken können, daß das von dir kommt, Azim." Samia lächelte ihn an. Madeleine bemerkte sehr wohl, daß aus "Frédérick" inzwischen "Azim" geworden war. Offenbar hatte der Assamit eine Beichte abgelegt.

An der Vordertür klopfte es. "Das wird William sein", vermutete Madeleine, und in der Tat kam gleich darauf der Ventrue ins Zimmer.

"Der Ghoul ist sicher wieder zuhause", berichtete er. "Als er allerdings in die Zitadelle kam, hat er beinahe Lord Baltimore über den Haufen gerannt, der gerade herauswollte. Baltimore sah ziemlich verwirrt aus und hat sich den Ghoul genau angesehen. Ich habe es vorgezogen, schnellstens zu verschwinden, ehe er mich sehen konnte."

Samia nickte. "Ausgezeichnet. Es wäre aber auf jeden Fall interessant, zu wissen, was dort an der Moschee vor sich geht." Sie stand auf und griff nach ihrem Umhang. "Es wäre mit Sicherheit unklug, dort einen Beobachtungsposten zu beziehen. Die Gegend wird überwacht werden. Ich werde dafür sorgen, daß wir alles von hier aus beobachten können." Sie küßte Azim, winkte William und Madeleine zu und verschwand.

 

Eine halbe Stunde später kehrte die Caitiff erschöpft, aber sichtlich zufrieden nach Hause zurück. "Dann wollen wir doch mal sehen", murmelte sie und ging zu einem mit einem Tuch verhängten Gestell in einer Ecke. Als sie das Tuch wegzog, wich Madeleine unwillkürlich ein paar Schritte zurück. Das Gestell war ein reich mit Schnitzereien verzierter Holzrahmen, der einen großen Spiegel hielt. Seine Oberfläche schimmerte kurz auf, als Samia mit der Hand über die Symbole auf dem Rahmen strich, dann verdunkelte er sich - und zeigte das getreue Abbild der Gasse beim Seiteneingang der Moschee. Samia schob ihn in die Mitte des Raums und deutete einladend auf einige bequeme Stühle. "Setzt euch. Ich konnte leider nur ein Zeichen anbringen, aber es wird hoffentlich reichen, um das Wichtigste beobachten zu können. Wir werden sicher nicht lange warten müssen, ehe etwas passiert."

Sie behielt recht. Die vier hatten es sich kaum gemütlich gemacht, als sich in der Gasse etwas bewegte. "Verdammt", murmelte William, als er die Gestalt von Lord Baltimore erkannte.

Madeleine nickte. "Das kann Ärger geben", meinte sie besorgt. "Baltimore hat mehr als nur normale Sinne zur Verfügung. Wenn er die richtigen Fragen stellt, wird er sehr schnell Azims Spuren finden und wissen, womit er es zu tun hat."

Azim grinste. "Da wäre ich mir nicht so sicher", sagte er. "Ich denke eher, er wird eine heftige Überraschung erleben. Schau zu."

Baltimore schlenderte langsam die Gasse entlang, blieb hier und da kurz stehen, um den Boden zu betrachten, und näherte sich dabei immer mehr der Stelle, wo Azim sich versteckt gehalten hatte. Schließlich bückte er sich, legte eine Hand auf den Boden - und sprang erschrocken zurück. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rieb er sich die Hand, sah sich um, und verschwand wütend.

Madeleine nickte anerkennend. "Nicht schlecht. Der hätte uns alles verderben können."

"Tja..." meinte Azim nur und lächelte gekonnt unschuldig.

Baltimore war noch nicht lange verschwunden, als sich die Seitentür der Moschee öffnete. Heraus stolzierte eine kleine getigerte Katze. Die vier Beobachter wechselten einen bedeutungsvollen Blick. "Der nächste", kommentierte Azim vergnügt.

"Oder die nächste", erwiderte Madeleine. "Es könnte auch Brunhilde von Liechtenstein sein."

"Würde passen", bemerkte William trocken, der die Äbtissin auf den ersten Blick unsympathisch gefunden hatte. In den nächsten Minuten wiederholte sich ein ähnliches Schauspiel wie bei Baltimores Auftritt. Die Katze streifte durch die Gasse, schnupperte hier und da, gelangte schließlich zu Azims Versteck und machte auf sichtlich unangenehme Weise Bekanntschaft mit seinen Abwehrmaßnahmen. Die Katze öffnete das Maul zu einem kläglichen Maunzen, das der Spiegel leider nicht übermittelte, und verzog sich eilig wieder in die Moschee.

"Man könnte Wetten darauf abschließen, wer als nächstes auftaucht", meinte Samia und machte es sich in Azims Arm gemütlich. "Es erstaunt mich schon fast, daß Tarnesh noch nicht hier ist. Cesar hat ihn doch mit Sicherheit losgeschickt..."

Die Caitiff behielt recht. Es dauerte eine Weile, dann regte sich wieder etwas, und der Tremere trat ins Bild, begleitet von einigen Ghoulen in den Uniformen der Stadtgarde. Tarnesh sah sich in der Gasse um und kam dabei scheinbar immer näher an die Beobachter heran. "Er wird keine Schwierigkeiten haben, mein Zeichen zu finden", meinte Samia. "Schließlich habe ich das von ihm gelernt." Sie schien nicht weiter beunruhigt zu sein. Tatsächlich stand der Tremere kurz darauf offenbar direkt vor dem Zeichen. Er blickte sich unauffällig um, sah, daß er unbeobachtet war, und winkte freundlich in das Symbol hinein, ehe er einige Utensilien aus seiner Robe zog und mit großem Ernst daran ging, sein eigenes Symbol neben das der Caitiff zu zeichnen. Samia grinste. "Tarnesh ist käuflich, für Geld tut er fast alles. Aber er schuldet mir etwas, und daran wird er sich halten. Er wird uns nicht verraten."

"Spätestens jetzt sollten wir uns dort aber nicht mehr blicken lassen", sagte William.

"Müssen wir auch nicht." Samia lehnte sich zufrieden zurück und beobachtete, wie Tarnesh nach vollbrachter Arbeit mit den Ghoulen im Schlepptau abzog.

Eine lange Weile passierte gar nichts. Schließlich, kurz vor Sonnenaufgang, regte sich doch noch einmal etwas. Ein Sterblicher kam auf die Moschee zu. Es handelte sich um einen von Cesars Ghoulen. Der Mann hielt eine versiegelte Pergamentrolle in der Hand und machte ein Gesicht, als wünschte er sich gerade meilenweit fort. Der Ghoul klopfte an die Tür, die sich gleich darauf öffnete. Nach einem kurzen Wortwechsel übergab er die Rolle an jemanden, den die Beobachter aus ihrem Blickwinkel nicht sehen konnten, und trat hastig den Rückzug an.

Samia warf einen Blick zum Fenster. "Ich denke nicht, daß heute nacht noch etwas passieren wird."

William sah nachdenklich auf den Spiegel. "Kannst du morgen noch einmal so ein Zeichen erschaffen?"

"Ich weiß es nicht", antwortete sie. "Es ist sehr anstrengend. Ich kann versuchen, dieses Zeichen zu halten. Ob es gelingt, weiß ich nicht, das hängt unter anderem davon ab, wieviel Sonnenlicht es heute abbekommt. Das kostet mich auch Kraft, aber nicht ganz so viel, als wenn ich es neu malen müßte." Sie seufzte und erhob sich. "Ich werde es versuchen, mehr kann ich nicht versprechen. Kommt einfach morgen wieder her, dann sehen wir weiter."

William nickte. "In Ordnung. Immerhin läuft bisher alles nach Plan. Hoffen wir, daß Baltimore uns nicht dazwischenfunkt." Damit verabschiedeten er und Madeleine sich und machten sich eilig auf den Heimweg, ehe die Sonne aufging.

 

"Ah, da seid ihr ja." Samia öffnete einladend die Tür. In ihrem Wohnzimmer standen wieder vier Stühle vor dem Spiegel, mit einem kleinen Tisch daneben. Darauf befand sich eine gläserne Karaffe und vier Kelche. "Bedient euch", sagte die Caitiff und machte es sich auf einem Stuhl gemütlich.

Das Zeichen hatte den Tag überstanden. Der Spiegel zeigte immer noch die Seitengasse, mit dem Haupteingang der Moschee am Rand des Blickfelds. Zwei Stunden vergingen, ohne daß irgendetwas geschah. Dann murmelte William plötzlich: "Jetzt seht euch das an..."

Eine seltsame Prozession erschien vor dem Eingang. Angeführt wurde sie von Sir Cesar van Dyke, der einen sehr offiziellen Eindruck machte. Neben ihm ging eine bemerkenswert hübsche, dunkelhaarige junge Frau, die William und Madeleine noch nie gesehen hatten. "Lucela von Hohenfels", erklärte Samia auf Madeleines Frage. "Cesars Kind." Hinter den beiden kamen Tarnesh, Icharyd und Bodhi. Zum Schluß tauchte noch Sir Wirko auf, flankiert von zwei Männern, die William und Madeleine ebenfalls unbekannt waren, bei denen es sich aber ziemlich offensichtlich ebenfalls um Brujah handelte. Samia bestätigte das. "Das sind Bentha Jeremias Dovonak und Zordal. Sie gehören zu Wirko, haben aber nicht besonders viel zu sagen. Wenn man Wirko kennt, wundert einen das auch nicht weiter. Ich muß aber zugeben, daß mich seine Anwesenheit etwas erstaunt. Das sieht ganz so aus, als hätte er seinen Prinzenstatus aufgegeben und sich Cesar unterstellt."

"Eine sehr interessante Kombination von Leuten", fand Madeleine. "Schade, Icharyd und Bodhi haben sich anscheinend auch auf Cesars Seite geschlagen."

Samia zuckte die Schultern. "Das war zu erwarten. Bodhi hat er vermutlich eingeschüchtert, und Icharyd mit irgendetwas geködert."

"Vielleicht mit diesem Dolch, den er erwähnt hat", meinte Madeleine.

"Dolch?" Azim sah sie interessiert an.

Madeleine erzählte kurz, was sie gestern abend von Icharyd über die ausgesetzte Belohnung erfahren hatte. "Aha", murmelte Samia nachdenklich. "Hat er etwas näheres zu dem Dolch gesagt?"

"Nein", antwortete William. "Er sieht darin wohl nur ein Kunstwerk."

"Na dann", meinte die Caitiff. "Oh, schaut mal, es tut sich etwas."

Tatsächlich öffnete sich in diesem Moment die Tür, und heraus trat Osmadi ibn Harun ibn Djalal ibn Derak Doranag. Der Lasombra-Prinz wirkte ungehalten. Hinter ihm tauchten weitere Gestalten auf: Äbtissin Brunhilde von Liechtenstein, Aran Hendor, eine verwildert aussehende Gestalt, bei der es sich laut Samia um einen Gangrel namens Tarzok handelte, und -

"Khosann", zischte Madeleine. "Da steckt das Schwein also. Osmadi hat ihm Unterschlupf gewährt."

Cesar sagte irgendetwas, und einmal mehr bedauerten die Beobachter, daß der Spiegel nur Bilder, aber keine Geräusche übertrug. Plötzlich kam Madeleine ein Gedanke. "Samia, dein stummer kleiner Freund kann doch sicher Lippenlesen, oder?" William nickte, er hatte sich mit Samias Ghoul schon unterhalten und sogar ein wenig von der Zeichensprache gelernt, die er verwendete, um sich mitzuteilen.

"Das ist eine Idee", gab die Caitiff zu und holte ihren Ghoul. Der sah angestrengt auf den Spiegel und begann zu gestikulieren, was Samia mühelos übersetzte. "Cesar verlangt Zutritt zur Moschee, um sie nach der Prinzessin zu durchsuchen. Osmadi ist davon überhaupt nicht angetan, zumal er ja wirklich nicht weiß, wo Isabella ist. Cesar glaubt ihm natürlich kein Wort."

Die drei Brujah verloren in diesem Moment die Geduld. Mit wutverzerrten Gesichtern stürmten sie nach vorne, um Osmadi anzugreifen. Der blieb völlig gelassen und hob eine Hand. Im nächsten Moment stürzten Sir Wirko und seine beiden Gefolgsleute wie gefällte Bäume zu Boden. Auf einem Dach neben der Moschee wurden mehrere Ghoule sichtbar, die ihre Armbrüste nachluden.

"Osmadi hat jetzt natürlich Oberwasser", kommentierte Samia. "Er fordert Cesar auf, abzuziehen. Der will aber nicht so einfach aufgeben."

In diesem Moment erschienen wie aus dem Nichts zwei Gestalten zwischen den beiden Kontrahenten. "Baltimore", stöhnte William. "Hoffentlich ruiniert der jetzt nicht alles."

"Und Chai-Lung", sagte Azim leise.

Samia runzelte die Stirn. "Er sagt, er wolle die Prinzessin zu ihrer Familie zurückbringen. Zu Philippe du Mac. Und er warnt sowohl Osmadi als auch Cesar, ihm im Weg zu sein."

"Ich möchte nicht wirklich wissen, was er tut, wenn er erfährt, daß Sir Richard von Wales schneller war", meinte William besorgt.

Samia nickte. "Er will in die Moschee und sich darin umsehen. Osmadi hat natürlich etwas dagegen... um Himmels Willen!" Der Lasombra hatte seiner Ablehnung gerade dadurch Nachdruck verliehen, daß er vier bewaffnete Ghoule aus der Moschee herangewunken hatte. Im nächsten Moment lagen die Männer tot am Boden, und Chai-Lung stand mit unbewegter Miene dazwischen. Es war so schnell gegangen, daß keiner der Umstehenden auch nur den Hauch einer Chance gehabt hatte, rechtzeitig zu reagieren. Baltimore warf einen kalten Blick auf die vier Leichen, dann stieg er ungerührt über sie hinweg und schritt auf die Tür zu. Osmadi trat zur Seite und warf dem Malkavianer einen haßerfüllten Blick hinterher.

Einige lange Minuten geschah nichts. Interessanterweise schien Cesar van Dyke über Baltimores Eingreifen auch nicht gerade erfreut zu sein. Die beiden gegnerischen Lager standen sich schweigend gegenüber und beäugten sich mißtrauisch. Schließlich öffnete sich die Tür erneut, und der Malkavianer trat heraus, wie immer gefolgt von seinem Diener. Er kam schnurgerade auf die beiden Prinzen zu und baute sich vor ihnen auf. "Diese Stadt hat ein Problem", übersetzte Samia seine Worte. "Es gibt hier einige Prinzen zuviel. Regelt das irgendwie. Entweder, ihr arbeitet zusammen, oder ihr sorgt auf andere Art dafür, daß nur noch einer übrigbleibt."

Damit ging er ohne ein weiteres Wort zwischen den beiden hindurch und verschwand. Die vier Beobachter wechselten einen verblüfften Blick. "Er muß doch in der Moschee herausgefunden haben, daß Isabella nie dort war", sagte William. "Warum hat er das für sich behalten?"

"Wer weiß schon, warum ein Malkavianer etwas tut", erwiderte Samia achselzuckend. "Osmadi und Cesar können sich anscheinend auch keinen Reim auf die ganze Sache machen."

Tatsächlich standen die beiden Prinzen etwas ratlos vor der Moschee. "Hat er nun etwas gefunden oder nicht?" murmelte Osmadi.

"Das solltest du doch am besten wissen", erwiderte Cesar. Als Osmadi aufbrausen wollte, hob der Ventrue eine Hand. "Schon gut, wir gehen. Aber die Angelegenheit ist noch nicht erledigt!"

Cesar und sein Gefolge traten tatsächlich den Rückzug an. Die Beobachter bemerkten amüsiert, daß sich niemand die Mühe machte, die gepflockten Brujah zu erlösen. Stattdessen wurden sie von den anderen hochgehoben und abtransportiert. Offenbar wollte niemand riskieren, daß die drei nach dem Entfernen der Armbrustbolzen die Beherrschung verloren und für Aufsehen sorgten.

Es klopfte an der Vordertür. Kurz darauf kam ein Diener an. "Ein Lord Baltimore möchte Euch sprechen", erklärte er.

Samia runzelte die Stirn und sah die anderen an. "Soll er von eurer Anwesenheit erfahren?"

"Besser nicht", erwiderte William leise.

Azim schüttelte ebenfalls den Kopf. "Ich werde kurz verschwinden. Ich bin bald zurück." Sprachs, und verließ das Wohnzimmer durch das Fenster.

"In Ordnung", meinte Samia und ging nach draußen. Kurz darauf drangen Stimmen nach drinnen, laut genug, daß William und Madeleine mit ihren geschärften Sinnen fast jedes Wort verstehen konnten.

"Guten Abend, Samia", sagte Baltimore. "Ihr werdet sicher mitbekommen haben, daß es gewisse unerfreuliche Vorgänge gegeben hat."

"In dieser Stadt sind unerfreuliche Vorgänge an der Tagesordnung", knurrte die Caitiff. "Werdet deutlicher."

"Nun gut." Baltimores Stimme klang eisig. "Es gab gerade einen Zusammenstoß zwischen den beiden Prinzen des christlichen und des islamischen Viertels, der zum Glück für alle Beteiligten noch glimpflich ablief. Die Sache hängt mit dem Verschwinden von Prinzessin Isabella zusammen. Ich habe ein persönliches Interesse daran, die Prinzessin zu ihrer Familie zurückzubringen, und ich werde nicht dulden, daß mir jemand in die Quere kommt."

"Und was hat das mit mir zu tun?" Samias Stimme verriet, wie sehr die Caitiff um ihre Beherrschung kämpfen mußte.

"Nur soviel", gab der Malkavianer ungerührt zurück. "Sollte ich feststellen müssen, daß Ihr in dieser Sache gegen mich arbeitet, wird das Folgen für Euch haben. Ernsthafte Folgen."

"Ihr wagt es, hierherzukommen, und mich in meinem eigenen Haus zu bedrohen?"

"Wenn Ihr es so nennen wollt."

"Verschwindet", zischte Samia so leise, daß die beiden Lauscher im Wohnzimmer sie kaum hörten. "Dies ist meine Domäne, und ich werde hier keine Unverschämtheiten dulden. Weder von Euch noch von sonst jemandem."

"Wie Ihr wollt." Kurz darauf schlug die Tür zu und Samia kam mit vor Wut funkelnden Augen ins Wohnzimmer gestürmt. Die Caitiff war tatsächlich für einige Minuten sprachlos vor Zorn.

Kaum hatte Samia sich wieder gefaßt, als die Tür aufging und Azim eintrat. Der Assamit wirkte sehr ernst. "Ich habe meinem Meister von Chai-Lung berichtet", erklärte er. "Er hält die Angelegenheit für wichtig genug, um selbst mit euch darüber reden zu wollen." Er verneigte sich leicht. "Erlaubt mir, ihn euch vorzustellen: Farun ibn Lassat ibn Rashid Ressalk."

Die Luft neben Azim flirrte kurz, dann stand eine schwarz gekleidete Gestalt im Zimmer. Azims Meister wirkte auf den ersten Blick unbewegt wie eine Statue. Seine Augen waren kalt und völlig emotionslos. Die Stimme, mit der er die Versammelten ansprach, paßte dazu. "Chai-Lung ist ein Problem", erklärte er übergangslos. "Wir gedenken dieses Problem ein für alle Mal zu lösen, aber dazu benötigen wir Eure Hilfe. Ich bin hier, um Euch ein Angebot zu machen. Helft uns, Chai-Lung aus dem Weg zu räumen, und wir gestehen Euch den zehnten Teil seiner vitae zu. Außerdem habt Ihr die Unterstützung aller mir unterstehenden Angehörigen meines Clans, wenn Ihr versuchen solltet, in dieser Stadt die Macht zu übernehmen."

Madeleine hatte Mühe, sich ihre Überraschung nicht anmerken zu lassen. Das ist doch... hast du so etwas schon einmal gehört?

Noch nie, gab William zu. Daß Assamiten Außenstehende um Hilfe bitten und dann auch noch vitae dafür bieten...

Zumal der Zehnte soweit ich weiß eigentlich traditionell der Tribut eines Assamiten an seinen Meister ist, erinnerte sich Madeleine. Laut sagte sie: "Wir sind wie Ihr der Meinung, daß Lord Baltimore und Chai-Lung gefährlich sind, und sind prinzipiell bereit, Euch zu helfen."

"Gut. Lung übernehmen wir. Eure Aufgabe wird es sein, uns Baltimore vom Hals zu halten, bis wir mit ihm fertig sind. Wie Ihr das macht, bleibt Euch überlassen, ebenso, ob Baltimore es überlebt oder nicht. Er interessiert uns nicht, wir wollen nur Lung."

"Man könnte ihm eine Falle stellen", überlegte William. "Arrogant, wie er ist, wird er sicher hineintappen, selbst wenn er merkt, daß es eine Falle ist. Wenn wir ihm eine Nachricht zukommen lasen, daß wir ihm die Prinzessin verschaffen können, und ihn so an eine geeignete Stelle für einen Hinterhalt locken..."

Farun nickte. "Trefft Eure Vorbereitungen, und laßt mich wissen, wenn ihr soweit seid. Ihr könnt über Azim mit mir Kontakt aufnehmen." Damit verneigte er sich leicht und verschwand vor ihren Augen.

William sah ihm verblüfft hinterher, dann riß er sich zusammen. "Wo er recht hat, hat er recht", meinte er. "Laßt uns Vorbereitungen treffen."

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