Kapitel 28
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"Einen wunderschönen guten Abend, die Herrschaften."

Madeleine und William musterten den Mann prüfend, der an ihren Tisch getreten war. Die beiden saßen in Icharyds Taverne, wo sie eigentlich den Hausherrn hatten sprechen wollen, um herauszufinden, ob sich der Toreador auf ihre Seite locken ließ. Madeleine hatte zu diesem Zweck ihr rotes Kleid angezogen, das sie ihm als Belohnung in Aussicht stellen wollten, aber bisher war von Icharyd noch nichts zu sehen. Stattdessen stand ein gut gekleideter Mensch vor ihnen, nicht wirklich gutaussehend, aber mit einer interessanten Ausstrahlung und, wie Madeleine fand, ebenso interessanten Augen. Er war eindeutig ein Ghoul. Als die beiden den Gruß höflich erwiderten, lächelte er, trat näher und deutete auf einen Stuhl. "Darf ich?" William nickte, und er setzte sich."Wenn ich recht gehört habe, habt Ihr eben Wein bestellt. Dürfte ich Euch etwas anbieten, das Eurem Geschmack mehr entgegenkommt?"

"Gerne", erwiderte William, woraufhin der Ghoul einen Diener heranwinkte, der einen hübsch glasierten kleinen Tonkrug und zwei Becher auf den Tisch stellte. Die beiden vergewisserten sich, daß die vitae in dem Krug in der Tat ungefährlich war, dann tranken sie.

"Ich vermute, daß Ihr hier seid, um meinen Herrn zu sprechen." Madeleine nickte bestätigend, und er fuhr fort: "Leider ist er zur Zeit nicht anwesend. Er ist die ganze Nacht in der Stadt unterwegs und wird erst eine Stunde vor Sonnenaufgang zurückkehren und Gäste empfangen."

Er ist immer noch hinter dem Dolch her, stellte William fest. Das hätten wir uns eigentlich denken können. Laut sagte er: "Das ist bedauerlich. Dann werden wir uns später wieder hier einfinden."

Der Ghoul lächelte. "Seid im Namen meines Herrn Gäste dieses Hauses. Ihr werdet stets eine angemessene Erfrischung vorfinden, wenn Ihr uns besucht." Er deutete in Richtung Bühne, wo eine junge Frau auf einer Laute spielte und dazu sang. "Genießt die Unterhaltung. Ich muß mich jetzt leider wieder meinen Pflichten widmen." Er erhob sich, und mit einer erneuten Verneigung ließ er die beiden allein.

William hob den Becher an die Lippen. Was machen wir? fragte er. Hier kommen wir vorerst nicht weiter. Wo wir Tarnesh finden, wissen wir nicht, und Samia können wir nicht fragen, weil sie auf dem Friedhof bei den Kappadozianerinnen ist. Und irgendwie widerstrebt es mir, bis kurz vor Sonnenaufgang nichts tun zu können.

Wir können etwas tun, erklärte Madeleine entschlossen. Wie du schon sagtest, Samia ist auf dem Friedhof. Das heißt, niemand sorgt im jüdischen Viertel für Ordnung. Jemand muß ihre Arbeit übernehmen.

Du hast recht, gab er zu. Laß uns noch ein paar Minuten bleiben, damit wir nicht auffallen, und dann gehen wir auf Patrouille.

 

Eine Stunde später streiften die beiden durch die Straßen des jüdischen Viertels. Samias Abwesenheit schien einigen unliebsamen Elementen schon aufgefallen zu sein, und es dauerte nicht lange, ehe sie auf die ersten Störenfriede stießen. Es bereitete den beiden keine Mühe, für Ruhe zu sorgen. Während sie weiter die Straße entlangschlenderten, dachte William plötzlich: Jetzt sieh dir das an.

Ein Stück vor ihnen stand Sir Wirko, begleitet von zwei Schildknappen, vor einem Haus und hämmerte gegen die Tür. "Aufmachen, im Namen des Königs!"

William hob eine Augenbraue und wechselte einen bedeutungsvollen Blick mit Madeleine. Er hat uns nicht gesehen, stellte er fest.

Noch nicht, erwiderte sie grimmig. Das wird sich aber gleich ändern, wenn er sich nicht anständig benimmt.

Oben an dem Haus öffnete sich ein Fenster, und ein altes Mütterchen schaute heraus. "Was ist das für ein Lärm mitten in der Nacht?"

"Mehr Respekt!" donnerte Wirko. "Im Namen seiner Majestät des Königs werden wir dieses Haus durchsuchen!"

Die Alte schien wenig begeistert. "Gut, gut, ich komme ja schon." Damit schlug sie das Fenster zu.

William und Madeleine traten auf Wirko zu. "Guten Abend, Sir Wirko", sagte Madeleine kühl.

Wirko drehte sich um und musterte sie mißtrauisch. "Guten Abend. Gibt es ein Problem?"

"Sagt Ihr es mir. Weiß der Prinz dieses Viertels, was Ihr hier tut?"

Wirkos Augen verengten sich. "Der König hat mich ermächtigt, die Häuser der Stadt nach Prinzessin Isabella zu durchsuchen", sagte er gefährlich leise.

Vorsicht, warnte William. Die Alte könnte schon hinter der Tür stehen und zuhören. Bleib besser bei der offiziellen Wortwahl.

"Ihr solltet Zurückhaltung walten lassen", riet Madeleine ebenso leise.

Wirko schien unbeeindruckt. "Darüber sollten wir uns nicht hier unterhalten. Ich werde jetzt dieses Haus durchsuchen, danach können wir meinetwegen diskutieren." Er wandte sich wieder der Tür zu, die in diesem Augenblick geöffnet wurde. Ohne weitere Worte schob sich der Brujah an der Alten vorbei ins Haus. Seine beiden Schildknappen nahmen rechts und links der Tür Aufstellung und sahen aus, als wären sie lieber meilenweit weg. William und Madeleine rührten sich nicht vom Fleck.

Ich werde hier warten, bis er wieder herauskommt, erklärte der Ventrue. Und gnade ihm Gott, wenn ich von da drinnen Lärm höre.

Es dauerte eine gute halbe Stunde, ehe Wirko wieder heraustrat. Zwischenzeitlich hatte man aus dem Haus keine verräterischen Geräusche gehört. Gelegentlich das laute Schlagen einer Tür oder das Klappen eines Truhendeckels, aber offenbar war nichts zu Bruch gegangen. Wirko zog einen Kohlestift aus der Tasche und markierte den Türrahmen mit einem Zeichen. "Damit die anderen Suchtrupps wissen, daß hier schon gesucht wurde", erklärte er der Alten.

"Aha", machte die. "Und wie lange soll das bleiben?"

"Das geht von selbst wieder weg", antwortete der Brujah ungerührt.

"So lange also", murmelte das Mütterchen und zog sich hastig zurück, als Wirko sie wütend anfunkelte. Der ehemalige Prinz drehte sich abrupt um und stapfte die Straße hinunter, dicht gefolgt von seinen beiden Schildknappen - und von William und Madeleine, die keineswegs die Absicht hatten, ihre Beobachtung aufzugeben.

"Wenn Ihr unbedingt wollt, könnt Ihr mir gerne weiter hinterherlaufen", knurrte er schließlich. "Ihr werdet mich allerdings nicht von meinem Auftrag abhalten."

Madeleine sah sich um und stellte fest, daß niemand in Hörweite war. "Weiß Samia, was Ihr hier tut?" fragte sie erneut.

"Das ist unerheblich", erwiderte Wirko kalt. William konnte sehen, wie es in ihm kochte, und er wunderte sich bereits, daß das legendäre Temperament seines Clans noch nicht mit dem Brujah durchgegangen war.

"Da sind wir anderer Meinung", erklärte er ruhig. "Deswegen werden wir Euer Angebot annehmen und Euch begleiten." Der Ventrue machte eine einladende Handbewegung und lächelte gewinnend. "Bitte, nach Euch."

Wirko knirschte hörbar mit den Zähnen. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, daß man ihn beim Wort nehmen würde. Ohne eine weitere Antwort stampfte er weiter und blieb schließlich vor einem weiteren Haus stehen. Der Ablauf wiederholte sich: Wirko befahl den Hausbewohner herbei, durchsuchte das Haus und markierte die Tür. Währenddessen standen William und Madeleine draußen, lauschten, und rührten sich nicht von der Stelle. Wirko warf ihnen einen finsteren Blick zu, als er wieder herauskam, sagte aber nichts und setzte seinen Rundgang fort.

Schau mal einer an, bemerkte William schließlich. Hast du auch gesehen, wer da vorne gerade um die Ecke verschwunden ist?

Icharyd, bestätigte Madeleine. Ich denke, ich werde ihm folgen und versuchen, mit ihm zu reden. Du kommst mit Wirko bestimmt auch alleine zurecht.

Sicher, stimmte er zu. Wir sehen uns dann später. Nachdenklich sah er ihr hinterher, als sie in den Schatten einer Gasse verschwand und mit einem geschmeidigen Satz lautlos auf dem nächsten Dach landete. Allmählich begann er, sich ein wenig Sorgen um sie zu machen. Sie bemühte sich, es ihn nicht spüren zu lassen, aber ihre Erschöpfung hatte seit gestern nicht nachgelassen. Sie war stiller als sonst und nachdenklicher, so, als ginge ihr eine Menge durch den Kopf. Instinktiv spürte er jedoch, daß sie damit alleine zurechtkommen mußte, was immer es war. William wandte sich wieder seinem aktuelleren Problem zu, das einige Meter vor ihm bereits mit großen Schritten auf die nächste Tür zuhielt.

 

Madeleine hatte keine Schwierigkeiten, Icharyd wiederzufinden. Als sie den Toreador einholte, klopfte der gerade an eine Haustür. Madeleine glitt in den Schatten eines Dachvorsprungs und beobachtete. Kurz darauf öffnete sich die Tür. "Guten Abend", sagte Icharyd höflich zu dem Hausbewohner, der ihm verschlafen entgegenblinzelte. "Verzeiht die späte Störung, aber Ihr habt sicher gehört, daß der König Suchmannschaften ausgeschickt hat, um nach dem Verbleib von Prinzessin Isabella zu forschen. Ich würde mich gerne in Eurem Haus umsehen." Er griff in seine Tasche und zog einen kleinen Beutel heraus. "Da Seiner Majestät bewußt ist, daß die Suchaktion für seine Untertanen sehr störend ist, bin ich befugt, Euch dies hier auszuhändigen. Als Entschädigung für die Umstände, die ich Euch bereiten muß."

Sehr geschickt, dachte Madeleine, als der Beutel den Besitzer wechselte. Der Mann, der dem Toreador geöffnet hatte, wirkte mit einem Schlag hellwach und bat seinen späten Besucher eilig nach drinnen. Die Lasombra auf dem Dach richtete sich auf eine längere Wartezeit ein.

 

"Aufmachen, im Namen des Königs!" Wirko hämmerte gegen die nächste Tür, laut genug, daß sich an einigen umliegenden Häusern Fenster öffneten und die Bewohner verärgert nach Ruhe riefen. Der Insasse ließ sich Zeit. Endlich öffnete sich die Tür, und dahinter wurde ein ungepflegt wirkender Mann mit einem leicht ergrauten Bart sichtbar, der den Brujah kalt musterte.

"Was wollt Ihr?"

Wirko war angesichts dieser unfreundlichen Begrüßung sichtlich wütend, beherrschte sich aber mustergültig. "Im Namen Seiner Majestät des Königs will ich dieses Haus durchsuchen", knirschte er.

"Ich sehe das Wappen des Königs", erklärte der Mann eisig. "Ich sehe auch, daß sowohl Ihr als auch Euer Begleiter von Adel seid." Seine Stimme wurde schneidend. "Aber Euresgleichen hat in meinem Haus nichts verloren." Damit hob er die Hände und begann zu beten. Schon nach den ersten Silben war William klar, daß dieser Mann nicht nur die vorgeschriebenen Worte herunterleierte. Er sprach mit echter Überzeugung, und die tat ihre Wirkung. William selbst stand weit genug entfernt, um lediglich ein unangenehmes Brennen zu spüren. Wirko jedoch brüllte auf, als von seiner Kleidung plötzlich leichter Rauch aufstieg. Der Brujah machte Anstalten, sich auf den Sterblichen zu stürzen.

"Halt." Williams Stimme war nicht laut, aber in ihr lag ein Zwang, dem Wirko sich nicht entziehen konnte. Der Brujah fror mitten in der Bewegung ein. Einen Moment später drehte er sich langsam um und musterte den Ventrue mit einem Ausdruck mörderischer Wut in den Augen. "Denkt daran, daß hier Zeugen sind", warnte William leise. "Was Ihr gerade tun wolltet, wäre kaum unauffällig zu nennen."

"Ich hoffe, ihr seid bereit, Euren eigenen Ratschlag zu beherzigen", zischte Wirko ebenso leise, dann hob er die Stimme. "Sir William von Tintagel, ich verhafte Euch wegen Mißachtung eines Befehls des Königs und Eingriffs in meine Befugnisse. Ihr werdet mit mir zur Zitadelle kommen." Er gab seinen beiden Knappen einen Wink, die William in die Mitte nahmen und sich dabei sichtlich unwohl fühlten.

Der Ventrue lächelte freundlich und hob leicht die Hände. "Bitte, meine Herren, kein Grund zur Aufregung. Wie Ihr seht, bin ich unbewaffnet. Ich werde Euch begleiten."

Wirko nickte knapp und stiefelte los. Zwei Ecken weiter blieb er plötzlich stehen und sah sich um. Die Straße war leer, alle Häuser ringsum geschlossen. "Wir brauchen Zeugen", erklärte er und gab einem seiner Knappen ein Zeichen. "Such mir fünf Leute zusammen, und beeil dich gefälligst."

Der Knappe verschwand. William fluchte innerlich in den höchsten Tönen, während er nach außen seine gelassene Miene beibehielt. Was ist los? erkundigte sich Madeleine beunruhigt.

William berichtete. Ich hatte gehofft, er würde nicht auf die Idee kommen, Zeugen hinzuzuziehen, schloß er. Damit verhindert er, daß ich mich absetzen kann, ehe er das Viertel verläßt. Er zögerte einen Moment. Vielleicht solltest du Samia holen. Die Sache läuft allmählich aus dem Ruder.

Ich bin unterwegs, antwortete sie.

 

Madeleine betrat den Friedhof. Auf den ersten Blick schien hier alles so verlassen, wie es an einem solchen Ort um diese Zeit sein sollte. Auf den zweiten Blick jedoch entdeckte sie ein schwaches, für normale Augen unsichtbares Glimmen in einiger Entfernung. Als sie näher kam, erkannte sie eine Gruft, vor deren geschlossener Tür Samia mit untergeschlagenen Beinen auf der Erde saß und leise vor sich hinmurmelte. Das Glühen ging von der Tür aus. Offenbar hatten sich Leila und Delryn bereits zurückgezogen, und die Caitiff war dabei, ihren Ruheplatz zu sichern.

Madeleine zögerte. Sie kannte das Ritual nicht, mit dem Samia beschäftigt war, und konnte deswegen nicht sagen, ob es ungefährlich war, sie dabei zu stören. Andererseits spürte sie von William, daß die Zeit allmählich knapp wurde. Wirko näherte sich mit seinem Gefangenen der Grenze des jüdischen Viertels, und der Ventrue hatte nicht die Absicht, das Viertel zu verlassen, Zeugen hin oder her. Madeleine gab sich einen Ruck und trat auf Samia zu.

Samia hob den Kopf. "Was gibt es?"

"Ärger in deiner Domäne", antwortete die Lasombra knapp und erzählte, was sie von William erfahren hatte.

Samias Gesicht verdüsterte sich. "Er geht allmählich zu weit", stellte sie fest. Dann seufzte sie und warf einen bedauernden Blick auf die Gruft. "Tut mir leid, ihr beiden, aber das muß bis morgen warten." Sie erhob sich und nickte Madeleine zu. "Gehen wir."

 

"Die fünf kenne ich", stellte die Caitiff fest. Sie und Madeleine kauerten auf einem Dach am Rand des jüdischen Viertels. Auf der Straße unter ihnen ging gerade Sir Wirko mit William und fünf menschlichen Zeugen entlang. Die Sterblichen machten einen sehr verschlafenen Eindruck und wirkten überhaupt nicht begeistert darüber, um diese Stunde aus ihren Betten geholt und zur Zitadelle befohlen zu werden. "Ich kenne keinen von ihnen näher, aber gesehen habe ich sie alle schon", erklärte Samia leise, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. "Der da hinten in der Mitte ist ein Wissender." Als Madeleine sie fragend ansah, fügte sie hinzu: "Er weiß von uns. Er weiß nicht, daß ich zu Kains Kindern gehöre, aber er kennt unsere Art." Sie musterte den Zug aus zusammengekniffenen Augen. "Kannst du sie unauffällig schlafen legen?"

Madeleine hob die Schultern. "Nicht unauffällig. Aber wenn sie sich hinterher an nichts erinnern, ist es egal, ob es auffällig ist."

"Richtig", stimmte Samia zu und sprang vom Dach. "Guten Abend, Wirko", sagte sie, als sie direkt vor dem Brujah federnd auf der Straße landete.

Wirko zuckte kurz zusammen, fing sich aber sofort wieder. "Samia." Er nickte ihr gerade noch höflich zu.

"Darf ich fragen, was du da tust? In einem Gebiet", sie warf einen kurzen Blick zu den fünf Sterblichen, "über das der König mir die Aufsicht übertragen hat?"

Wirko runzelte die Stirn. "Ich suche nach der Prinzessin. Und er", er deutete auf William, "hat Schwierigkeiten gemacht. Ich bringe ihn zur Zitadelle, um ihn der Gerichtsbarkeit des Königs zu überstellen." Er lächelte süffisant. "Du bist natürlich herzlich eingeladen, mich zu begleiten."

"Das ist eine ausgezeichnete Idee", fand Samia, und Madeleine beobachtete mit leichter Schadenfreude, wie Wirkos Gesicht sich bei ihren Worten verfinsterte. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, daß die Caitiff sein Angebot annehmen würde. "Immerhin hat sich dieser Vorfall in dem Gebiet ereignet, für das ich verantwortlich bin, da wird der König mich hören wollen." Sie lächelte Wirko freundlich an. "Gehen wir."

Der Brujah knurrte etwas unverständliches und setzte sich in Bewegung. Samia ließ sich zurückfallen und reihte sich zwischen den Sterblichen ein. Ein paar Schritte später lagen alle fünf bewußtlos am Boden. Samia stand zwischen ihnen, rieb sich die Faust und funkelte Wirko kalt an. "So, mein Lieber, jetzt können wir Klartext reden. Was denkst du dir eigentlich dabei, ohne meine Erlaubnis in meiner Domäne Unruhe zu stiften?"

"Ich habe die Erlaubnis des Prinzen", brummte Wirko. "Das genügt mir."

"Laß mich eins klarstellen." Samias Stimme war gefährlich leise geworden. "Dies ist mein Gebiet, und Prinz Baltimore hat hier nichts zu sagen. Ich lege Wert auf meine Neutralität und möchte mich eigentlich aus diesem ganzen Politik-Chaos heraushalten. Da man das aber offenbar nicht zulassen will, sehe ich mich gezwungen, Stellung zu beziehen." Sie sah Wirko direkt ins Gesicht und strahlte plötzlich eine Autorität aus, die Madeleine und William so noch nicht bei ihr gesehen hatten. "Geh zu deinem Herrchen zurück und richte ihm aus, daß ich mir von ihm nicht meine Domäne streitig machen lasse. Wenn er der Meinung ist, daß mich das zu seiner Gegnerin macht, dann muß ich damit wohl leben. Und jetzt verschwinde."

In Wirko brodelte es. William erwartete, ihn jeden Moment aus der Haut fahren zu sehen, und spannte sich schon unmerklich an, um Samia zu Hilfe zu kommen, falls der Brujah angreifen sollte. Erstaunlicherweise riß er sich aber noch einmal zusammen. "Prinz Baltimore wird davon hören", stieß er hervor, dann drehte er sich auf dem Absatz um und stapfte so schnell davon, daß seine beiden Schildknappen Mühe hatten, ihm zu folgen.

Samia sah ihm mit unbewegter Miene hinterher, dann drehte sie sich seufzend zu den fünf Sterblichen um, die immer noch bewußtlos am Boden lagen. "Helft ihr mir, aufzuräumen?"

"Natürlich." Plötzlich stand Madeleine auf der Straße, bückte sich und warf sich einen der Männer über die Schulter. "William, wo wohnen sie?"

 

Samia ließ sich in ihren Schaukelstuhl fallen und sah ihre Gäste nachdenklich an. "Die fünf werden sich morgen nicht erinnern, was wirklich passiert ist", stellte sie fest. "Bleibt die Frage, wie es jetzt weitergehen soll. Ich hatte eigentlich nicht vor, mich jetzt schon so offen gegen Baltimore zu stellen, aber mir blieb leider nichts anderes übrig. Was machen eure Versuche, Verbündete zu finden?"

"Nicht viel, bis jetzt", gab William zu. "Wo wir Tarnesh finden, wissen wir nicht, und Icharyd war nicht zu Hause."

"Nein, aber er war hier im Viertel unterwegs", warf Madeleine ein. "Er hat ein Haus durchsucht und sich dort ziemlich lange aufgehalten. Als ich zum Friedhof losging, war er immer noch drinnen." Sie lächelte leicht. "Übrigens hat er sich deutlich geschickter angestellt als Wirko." Sie erzählte Samia von Icharyds Taktik, und die grinste.

"Sehr diplomatisch", fand sie. "Was war das für ein Haus, das er durchsuchen wollte?" Madeleine beschrieb die Lage, und die Caitiff lachte laut auf. "Der Schreinermeister, ach herrje. Ich würde es nicht für ausgeschlossen halten, daß er immer noch dort ist und dem guten Mann die Werkstatt leerkauft." Sie stand auf und sah die beiden fragend an. "Warum gehen wir nicht mal nachschauen? Dann können wir gleich in Verhandlungen treten." Sie seufzte. "Und danach sollte ich mich wohl mit Osmadi in Verbindung setzen. Wir können uns keinen Kampf an zwei Fronten erlauben. Ich muß mit ihm zumindest einen Waffenstillstand aushandeln. Ich hoffe, er läßt sich darauf ein."

Madeleine hob die Schultern. "Es wäre von Vorteil für ihn. Ich sehe beim besten Willen nicht, daß er sich mit Baltimore verbündet. Und es ist für ihn nicht weniger ungünstig als für uns, sich gleichzeitig mit zwei Gegnern herumschlagen zu müssen. Ein Vorschlag in der Art, jetzt in Angesicht eines gemeinsamen Feindes zumindest stillzuhalten und sich anschließend wenn es sein muß um die Reste zu schlagen, dürfte ihm sicher entgegenkommen."

William nickte zustimmend. "Osmadi mag fanatisch sein, aber er ist sicher pragmatisch genug, um seinen Vorteil zu wahren. Und wir wollen ja nicht mehr von ihm, als daß er sich ruhig verhält."

"Gut", entschied Samia. "Erst sehen wir nach Icharyd, dann kümmere ich mich darum." Sie seufzte erneut. "Politik", knurrte sie. "Wie ich das hasse."

 

"Oh, Samia, guten Abend." Der Schreiner warf einen Blick zum Himmel. "Oder eher guten Morgen. Was führt dich her?"

Samia nickte dem Mann grüßend zu. "Du hattest vorhin Besuch von einem Herrn, der dein Haus durchsuchen wollte", sagte sie. "Ist er zufällig noch da?"

"Ja, der steht in meiner Werkstatt und hat sich seit einer halben Stunde nicht vom Fleck gerührt. Durchsucht hat er nichts, aber er hat schon zwei Tische bestellt."

Samia grinste. "So ungefähr hatte ich das erwartet, ja. Können wir mit ihm reden?"

Er trat beiseite und machte eine einladende Geste. "Ihr könnt es versuchen. Hier entlang. Die Herrschaften", ein höfliches Nicken in Williams und Madeleines Richtung, dann ging er voraus zur Werkstatt.

Tatsächlich stand da Icharyd vor zwei schön gearbeiteten Tischen und ließ bewundernd die Finger über das polierte Holz gleiten. "Ja, das hier würde in der Tat ganz hervorragend in meine Taverne passen. Wenn Ihr mir einen zweiten, genau gleichen anfertigen könnt, wären wir handelseinig." Er zuckte leicht zusammen, als er sah, wer hinter dem Schreiner eintrat. "Oh, guten Abend, Samia. Ich habe gerade einige Möbel für meine Taverne bestellt, sie werden dort ganz wunderbar aussehen. Ich stelle mir diesen Tisch und den dazu passenden vorne an der Bühne vor, rechts und links vor diesen roten Samtvorhängen..."

"Icharyd." Samias Blick brachte den Toreador auf der Stelle zum Schweigen. Dann lächelte sie freundlich - auf eine Art, die Madeleine einen leichten Schauer über den Rücken jagte. "Wenn du deine Geschäfte abgeschlossen hast, würde ich mich gerne mit dir unterhalten."

"Natürlich", murmelte er mit der Miene eines Mannes, der sich in ein unausweichliches Schicksal ergibt. Er zog einen Beutel aus der Tasche und reichte ihn dem Schreiner. "Dies sollte als Bezahlung ausreichen. Ich werde morgen jemanden vorbeischicken, der den fertigen Tisch abholt. Wie lange, denkt Ihr, werdet Ihr für den anderen brauchen?"

Der Schreiner wog den Beutel in der Hand und wirkte recht zufrieden. "Eine Woche vielleicht. Ich werde Euch eine Nachricht zukommen lassen."

"Danke." Icharyd seufzte und nickte Samia zu. "Gehen wir?"

 

Samia schloß die Tür hinter sich und sah William und Madeleine an. "Würdet ihr das bitte übernehmen? Ich habe einen Brief zu schreiben."

An Osmadi, vermutete William.

Madeleine nickte. "Natürlich." Sie deutete auf einen Stuhl, während die Caitiff im Nebenzimmer verschwand. "Setzt Euch."

Resigniert ließ Icharyd sich nieder. "Nun gut, bringen wir es hinter uns. Was wollt Ihr von mir?"

Sollen wir gleich mit der Tür ins Haus fallen? erkundigte sich William.

Irgendwie fehlt mir heute Abend der Sinn für diplomatische Feinheiten, gab sie zurück.

In Ordnung, erwiderte er und wandte sich an den Toreador, der sichtlich nervös von einem zum anderen schaute. "Wir möchten Euch einen Vorschlag machen. Da Ihr heute nacht hier unterwegs wart und Häuser durchsucht habt, nehme ich an, daß Ihr immer noch an dem Dolch interessiert seid, den Baltimore angeboten hat."

"Aber sicher", erklärte Icharyd sofort. "Ein wirklich außergewöhnliches Stück."

"Außergewöhnlich genug, daß Ihr dafür unter allen Umständen auf Baltimores Seite steht?" fragte Madeleine.

Icharyds Augen verengten sich, als er sie musterte. "Wie darf ich das verstehen?"

"Wir sind daran interessiert, daß ihr mit uns zusammenarbeitet anstatt mit ihm", erklärte sie geradeheraus. "Und seid ehrlich: für wie gut haltet Ihr Eure Chancen, den Dolch tatsächlich zu bekommen?"

Der Toreador zuckte die Schultern. "Es ist ein Wettrennen. Da liegt es in der Natur der Sache, daß nur einer gewinnt."

"Richtig", sagte sie. "Und wenn ihr der einzige Läufer seid, gewinnt Ihr in jedem Fall."

"Dann ist es kein Wettrennen mehr", stellte er nüchtern fest. "Worauf wollt Ihr hinaus?"

"Wir wollen Eure Unterstützung. Im Gegenzug würden wir Euch etwas überlassen, das möglicherweise von ähnlichem Wert ist wie dieser Dolch."

"Und das wäre?"

"Mein Kleid", antwortete Madeleine, und William spürte ihr Bedauern bei diesen Worten. "Ihr solltet abwägen, was Euch lieber ist: der Dolch, den Ihr vielleicht bekommt, wenn Ihr auf Baltimores Seite steht, oder das Kleid, das Euch sicher ist, wenn Ihr auf unserer seid."

Icharyd musterte sie nachdenklich. "Was wollt Ihr als Gegenleistung? 'Unterstützung' ist so ein vager Begriff."

Er scheint doch nicht ganz so oberflächlich zu sein, wie ich befürchtet hatte, kommentierte sie. Ein Glück. Behalte ihn bitte genau im Auge, ich will wissen, ob er vielleicht vorhat, uns zu hintergehen. Laut sagte sie: "Zunächst wollen wir lediglich, daß Ihr nicht für Baltimore arbeitet. Über alles weitere müssen wir uns unterhalten, wenn die Situation es erfordert, weil wir noch nicht genau absehen können, wie sich die Dinge entwickeln."

Er ist nervös, meinte William. Ich denke, er weiß, daß ich ihn beobachte, und er hat Angst vor uns. Da ist aber noch etwas anderes, ich bin noch nicht ganz sicher, was es ist.

"Angenommen, ich akzeptiere Euren Vorschlag", sagte Icharyd langsam. "Dann wäre es Lord Baltimore und seinen Leuten ein leichtes, meine Taverne anzugreifen. Bisher steht meine Zuflucht unter seinem Schutz. Wenn ich die Seiten wechsle, liegt sie in feindlichem Gebiet. Und ich habe zuviel hineingesteckt, um sie riskieren zu wollen."

"Eine Taverne kann man wieder aufbauen", erwiderte Madeleine achselzuckend. "Die Kosten sollten ja nicht das Problem sein."

"Und die Leute, die dort arbeiten?" fragte der Toreador, und in seinen Augen glühte es.

Das hätte ich ihm wirklich nicht zugetraut, mußte Madeleine zugeben. Das Dumme ist, er hat nicht ganz unrecht.

Er taktiert nicht nur, er meint es wirklich ernst, soweit ich sehen kann, antwortete William. Das macht die Sache zwar schwieriger, spricht aber eigentlich eher für ihn.

"Eure Leute könnt Ihr in Sicherheit bringen", sagte die Lasombra. "Gut, Ihr müßtet die Taverne für ein paar Tage schließen, aber es sollte Möglichkeiten geben, dafür zu sorgen, daß Eurem Personal nichts passiert."

"Trotzdem..." Icharyd schüttelte den Kopf. "Die Taverne zu schließen wäre eine schlechte Idee. Sie ist mein Ohr zum königlichen Hof, und das sollte man keinesfalls unterschätzen. Ihr habt selbst gesehen, daß dort viele Adlige verkehren, Leute aus der direkten Umgebung des Königs. Durch die Taverne und ihre Gäste bekomme ich mit, was politisch in dieser Stadt vorgeht, auch wenn es sich nur um Sterbliche handelt. Wenn ich schließen muß, bin ich sozusagen taub." Er sah die beiden an. "Ich muß mir das überlegen. Sehr gut überlegen. Ich werde Euch Bescheid geben, wenn ich mich entschieden habe."

Ich hätte nicht erwartet, daß er so zäh ist, mußte William zugeben. Man soll eben nie einen Toreador unterschätzen. "Überlegt", sagte er zu Icharyd. "Aber laßt Euch nicht zuviel Zeit damit. Wir brauchen Eure Antwort bald."

"Sicher", sagte der und erhob sich. "Darf ich jetzt gehen?"

"Selbstverständlich", antwortete William.

Der Toreador machte einen Schritt zur Tür, dann blieb er stehen. "Ehe ich es vergesse... nein, das sollte ich wohl Samia fragen. Entschuldigt mich." Er klopfte an die Tür des Nebenzimmers. "Samia? Darf ich dich kurz sprechen?" Als von drinnen eine Aufforderung kam, trat er ein. William und Madeleine spitzten die Ohren. "Ich würde mich jetzt gerne zurückziehen", erklärte Icharyd, "und ich wollte dich noch um etwas bitten. Ich brauche ein wenig Bedenkzeit bezüglich eures Angebots, aber dürfte ich in der Zwischenzeit meine Suche in deinem Viertel fortsetzen?"

"Das kann ich leider nicht erlauben", antwortete die Stimme der Caitiff. "Solange du nicht eindeutig auf unserer Seite stehst, muß ich dich bitten, dich aus meinem Gebiet fernzuhalten."

"Ich verstehe." Icharyd klang nicht wirklich überrascht. "Dann werde ich jetzt gehen und deine Domäne auf dem kürzesten Weg verlassen, nicht wahr?"

"Tu das", antwortete sie ruhig. "Wir sehen uns."

Icharyd trat aus dem Nebenzimmer und schloß leise die Tür hinter sich. Höflich verneigte er sich vor William und Madeleine, dann verschwand er.

Kaum hatte sich die Haustür hinter ihm geschlossen, als William und Madeleine mit einem Satz auf den Beinen waren und neben dem Stuhl standen, auf dem er gesessen hatte. Durch das, was er eben erfahren hatte, war Icharyd potentiell gefährlich, und die beiden mußten unbedingt wissen, ob er vielleicht vorhatte, mit seinem Wissen bei dem neuen Prinzen etwas Eindruck zu schinden. Zwei Hände legten sich auf den Stuhl. "Er ist geschützt", murmelte William enttäuscht. "Ich kann nicht viel erkennen, außer, daß er irgendetwas plant." Er schüttelte leicht den Kopf. "Sein Schutz ist gut, im ersten Moment dachte ich, er wäre nie hiergewesen."

"Er ist gut", bestätigte Madeleine. "Viel kann ich auch nicht sehen. Aber er plant wohl nichts konkretes. Wenn es soweit ist, wird er unter allen Umständen versuchen, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen und seinen Status hier zu halten, aber ich denke nicht, daß wir befürchten müssen, daß er auf dem kürzesten Weg zu Baltimore rennt. Vorerst jedenfalls."

Kurz darauf erschien Samia. Die Caitiff hatte einen versiegelten Brief in der Hand und wirkte besorgt. "Ich werde Osmadi diese Nachricht zukommen lassen. Und dann gehe ich Azim suchen. Er ist irgendwo in der Stadt unterwegs, er muß unbedingt erfahren, was passiert ist."

William nickte. "Wir würden uns inzwischen gerne mit Tarnesh unterhalten, wenn du uns verrätst, wo wir ihn finden."

"Wo das Tremere-Gildenhaus ist, falls es eins gibt, weiß ich auch nicht", gab Samia zu. "Tarnesh hat aber einen Ghoul, der in der Nähe des Basars eine kleine Schreibstube betreibt." Sie beschrieb den Weg. "Er ist oft dort, und wenn nicht, kann euch zumindest sein Ghoul sagen, wo man ihn treffen kann."

William sah Madeleine an. "Dann auf zum Basar."

 

"Hier muß es sein", stellte er wenig später fest, als sie am Rand des Basars vor einem kleinen Haus standen. Trotz der fortgeschrittenen Stunde brannte im Fenster noch eine Kerze zum Zeichen dafür, daß noch Kundschaft empfangen wurde. Kurz entschlossen marschierte der Ventrue zur Tür und klopfte an.

Es dauerte nicht lange, da öffnete ein hochgewachsener, hagerer Mann mittleren Alters und sah seinen späten Besuchern mit mildem Interesse entgegen. "Guten Morgen, der Herr. Meine Dame. Bitte, tretet doch ein."

Vor den beiden öffnete sich ein spartanisch, aber zweckmäßig eingerichtetes Zimmer. Ein Tisch mit Schreibutensilien darauf, zwei Stühle davor und einer dahinter bildeten das komplette Mobiliar. Ihr Gastgeber deutete einladend auf die beiden Stühle und nahm selbst hinter dem Schreibtisch Platz. Dann musterte er die beiden Kainiten. "Wenn ich mich nicht sehr irre, seid Ihr hier, um meinen Herrn zu sprechen", sagte er schließlich.

"Das ist richtig", bestätigte William. "Wir..."

In diesem Moment öffnete sich die Eingangstür. "Guten Morgen", sagte Tarnesh freundlich. Er wechselte einen kurzen Blick mit seinem Ghoul und gab ihm ein Zeichen, woraufhin dieser kommentarlos aufstand und nach einer leichten Verbeugung ins Nebenzimmer verschwand. Tarnesh ließ sich hinter dem Schreibtisch nieder. "Was verschafft mir die Ehre Eures Besuchs?" fragte er geradeheraus.

"Nun", sagte William zögernd und überlegte, wieviel er dem Tremere erzählen sollte. "Da Ihr gerade von draußen kommt, habt Ihr möglicherweise schon gehört, daß sich die politische Situation in der Stadt heute nacht etwas geändert hat."

Tarnesh schüttelte den Kopf. "Ich war alleine unterwegs und habe mit niemandem gesprochen. Erzählt mir davon."

"Samia sah sich gezwungen, ihre Neutralität aufzugeben und gegen Lord Baltimore Stellung zu beziehen. Als Gäste in ihrer Domäne werden wir sie selbstverständlich unterstützen, falls es zu einem Konflikt kommt."

Der Tremere musterte ihn nachdenklich. "Und was hat das mit mir zu tun?"

"Ihr habt bisher für Baltimore gearbeitet", erklärte Madeleine. "Wir möchten, daß sich das ändert, und sind hier, um Euch ein entsprechendes Angebot zu unterbreiten."

Tarnesh hob eine Augenbraue. "Ein Angebot. Welcher Art?"

"Wissen", antwortete die Lasombra knapp. "Man sagte uns, Ihr hättet ein besonderes Interesse an Schutzkreisen und -symbolen. Wir selbst kennen uns damit nicht aus, aber wir können Euch den Weg zu einer Quelle weisen, wo vermutlich selbst Ihr noch etwas neues lernen könnt."

"Interessant", gab Tarnesh zu. "Ich sehe da nur ein kleines Problem: Ich kenne Euch nicht. Woher sollen wir wissen, daß wir einander vertrauen können?"

"Das ist in der Tat ein Problem", stellte sie fest. "Schließlich kennen wir Euch genausowenig wie Ihr uns."

Tarnesh nickte. "Es gäbe natürlich die Möglichkeit eines formellen Vertrags, mit Blut aufgesetzt, der beide Parteien gleichermaßen bindet. Über seinen Inhalt sollten wir uns aber vorher genau unterhalten. Was erwartet Ihr von mir?"

"Daß Ihr Euch und Eure Fähigkeiten in unseren Dienst stellt, bis sich die politische Situation in der Stadt bereinigt hat", sagte William. "Damit meine ich, daß es hier nur noch einen Prinzen geben soll. Bis dahin sollt Ihr uns mit Euren Möglichkeiten unterstützen."

"Hm." Tarnesh schwieg eine ganze Weile, während er über das Angebot nachdachte. Schließlich fragte er: "Und als Gegenleistung bekomme ich von Euch eine genaue Wegbeschreibung zu der Quelle jenes Wissens, das Ihr erwähntet? Inklusive einer möglichst detaillierten Beschreibung der Schwierigkeiten, die sich mir unterwegs vielleicht auftun könnten?"

"So dachten wir uns das, ja." Er sah Tarnesh ernst an. "Ich weiß, Ihr habt dafür nicht mehr als unser Wort und Ihr kennt uns nicht. Aber ich kann Euch versichern, daß das, was Ihr dort finden könnt, eine durchaus faire Gegenleistung für Eure Unterstützung darstellt."

Tarnesh lehnte sich in seinem Stuhl zurück, legte die Fingerspitzen gegeneinander und schloß die Augen. Madeleine und William warteten. Endlich schlug er die Augen wieder auf und sah die beiden an. "In Ordnung", sagte er. "Wir werden einen Vertrag aufsetzen, der für uns alle drei bindend ist. Ihr werdet die Beschreibung extra verfassen und sie danach mit einem Siegel schützen. Dieses Siegel kann nicht gebrochen werden, ehe die Bedingungen des Vertrags erfüllt sind." Er öffnete eine Schublade des Schreibtischs und nahm eine Stange Wachs und ein großes hölzernes Siegel heraus. "Ich nehme an, Ihr habt die nötigen Fähigkeiten, um Euch davon zu überzeugen, daß ich die Wahrheit sage." William nahm Wachs und Siegel, strich mit der Hand darüber und nickte bestätigend. "Gut", fuhr Tarnesh fort, griff zu einem Federkiel, einem kleinen Messer und einer Schale und ließ etwas von seinem Blut hineintropfen. Dann reichte er die Schale an William und Madeleine weiter, die das gleiche taten. Schließlich erhob er sich. "Ich werde nebenan warten. Wenn Ihr Eure Beschreibung verfaßt und versiegelt habt, ruft nach mir." Dann zog er sich zurück, während Madeleine die Feder nahm und zu schreiben begann.

 

Eine knappe Stunde vor Sonnenaufgang trafen sie sich noch einmal mit Samia. "Nun? Neuigkeiten?" wollte die Caitiff wissen.

"Wir haben Tarnesh." William berichtete von dem Abkommen mit dem Tremere.

Samia nickte anerkennend. "Sehr gut. Schon allein die Tatsache, daß er Baltimore nicht unterstützt, hilft uns weiter. Und was ihr ihm geboten habt, scheint ein fairer Handel zu sein. Das ist auch gut so, schließlich hängt mein Ruf an der Sache. Wenn ihr nicht von mir gekommen wärt, hätte er sich niemals darauf eingelassen, dafür ist er viel zu mißtrauisch."

Madeleine hob die Schultern. "Vernünftig. Jedenfalls haben wir ihn im Boot und können auf ihn zurückgreifen, wenn wir ihn brauchen. Und Baltimore kann es nicht, was mindestens ebenso wichtig ist. Was hast du erreicht?"

"Ich habe Azim gefunden und informiert. Er organisiert seine Leute, wobei ich keine Ahnung habe, wieviele es sind. Auf jeden Fall wird er sich vorsehen. Mit Osmadi treffe ich mich morgen nacht, um über den Waffenstillstand zu verhandeln."

William stand auf und reckte sich. "Morgen nacht ist ein gutes Stichwort", fand er. "Es ist spät, wir sollten zusehen, daß wir nach Hause kommen."

Samia nickte. "Tut das. ich höre von euch."

"Natürlich", versicherte William, dann zog er sich mit Madeleine zurück.

 

"Es scheint sich etwas zu tun", berichtete Francesca, als sie am nächsten Abend bei Madeleine erschien. Die Lasombra saß mit ihrer Arbeit in einem Sessel und wirkte sehr konzentriert. "Die Patrouillen auf den Straßen bestehen nur noch aus normalen Menschen. Das war uns gestern schon aufgefallen, aber seit heute sind wir sicher: da sind keine Ghoule mehr unterwegs."

"Das war fast zu erwarten", murmelte Madeleine. "Farun sagte, er wolle Baltimore seine Trophäe wegnehmen. Bei einem Assamiten kann das nur bedeuten, daß er Cesar umgebracht hat. Und die Ghoule in der Stadtwache waren Cesars Leute. Wenn Baltimore sich nicht sehr schnell etwas sehr wirksames einfallen läßt, hat er einige Dutzend tote Ghoule um sich herum."

Francesca nickte. "Das heißt natürlich, daß die bisherigen Anführer der Wache ausgeschaltet sind und durch ihre Unterführer ersetzt werden. Du kannst dir vorstellen, was das bedeutet."

Madeleine verzog angewidert das Gesicht. "Daß die, die bisher immer von ihren Vorgesetzten drangsaliert wurden, plötzlich die Vorgesetzten sind und sich mindestens genauso übel aufführen. Wie schlimm ist es?"

"Noch hält es sich halbwegs im Rahmen, aber man merkt deutlich, daß sich etwas geändert hat. Die Wachen gehen brutaler vor und schlagen sofort zu, wenn ihnen etwas nicht paßt. Die Leute bekommen natürlich mit, daß etwas anders ist, aber sie können ja nicht wissen, was vorgeht und sind dementsprechend verunsichert."

"Wenn William soweit ist, werden wir uns in der Zitadelle umsehen", beschloß die Lasombra. "Wenn Baltimore tatsächlich die ganzen Ghoule ersetzen beziehungsweise am Leben erhalten muß, dürfte er heute einigermaßen abgelenkt sein." Sie hob wie lauschend den Kopf. "Ich glaube, er wacht bald auf." Sie reichte das, woran sie gearbeitet hatte, an Francesca weiter und lächelte. "Pack das bitte weg. Ich bin fast fertig, es wäre jammerschade, wenn mir so kurz vor dem Ziel die Überraschung verdorben würde." Francesca zwinkerte, nahm das Bündel, und verließ leise das Zimmer.

 

Ziemlich ruhig hier, fand Madeleine, die als Eule um den großen Turm kreiste, der das Hauptgebäude der Zitadelle darstellte.

Fast zu ruhig, stimmte William zu, der in Fledermausgestalt knapp über ihr flog. Ich frage mich wirklich, wo Baltimore steckt und was er tut.

Die großen Fenster da unten, das scheint der Rittersaal zu sein. Irgendetwas ist dort los, ich sehe mal nach. Die Eule glitt lautlos tiefer, dann spürte William Erstaunen von ihr. Treffer, hörte er ihre Stimme in seinem Kopf. Komm her, das mußt du dir anschauen.

William zog einen Bogen nach unten, fing sich ab und hängte sich kopfüber an einen Mauervorsprung. Vorsichtig lugte er nach innen. Hinter dem Fenster erstreckte sich tatsächlich der Rittersaal. Und in diesem hockten Wachen auf dem Boden. Der Ventrue zählte vierzig Mann, allesamt Ghoule, die in sich tiefer Trance zu befinden schienen. An der Stirnseite des Saals stand ein thronähnlicher Sessel, in dem Lord Baltimore saß und mit unergründlicher Miene über die Leute hinwegsah. Rechts und links des Throns standen Lucela von Hohenfels und Sir Wirko. Der Brujah, das sah William sofort, stand völlig unter dem Bann seines Herrn. Lucela hingegen wurde von kaum beherrschbarem Zorn erfüllt. Offenbar hatte Baltimore nicht versucht, sie mit seiner vitae an sich zu binden, warum auch immer, und ihr Haß und ihre Wut über den Tod ihres Meisters waren ungebrochen.

Zu Baltimores Füßen saß Chai-Lung im Schneidersitz in einem auf den Boden gezeichneten und mit seltsamen Symbolen versehenen Kreis, die Augen geschlossen und offenbar in Konzentration versunken. William musterte das ganze Arrangement nachdenklich. Es erinnerte ihn an irgendetwas, etwas, das er vor längerer Zeit einmal gelesen hatte, und er zermarterte sich das Gehirn, um sich daran zu erinnern. Plötzlich fiel es ihm ein. Er hat sich einiges vorgenommen, bemerkte er.

Keine Ahnung, was da vor sich geht, mußte Madeleine zugeben. Es sieht fast nach einer Art Ritual aus, aber wie es funktioniert...

Chai-Lung ist der Fokus, erklärte William. Genaugenommen ist er der jenige, der die Arbeit tut. Er ist ein Medium. Durch ihn kann Baltimore Cesars Ghoule an sich binden, er selbst muß dazu nur etwas von seinem Blut beisteuern. Ohne Chai-Lungs Hilfe könnte er niemals so viele Leute in so kurzer Zeit übernehmen.

Madeleine fluchte lautlos. Dann sind wir zu spät gekommen.

Nein, widersprach er. Das Ritual dauert drei Nächte. Er wird frühestens morgen damit fertig sein. Er muß leider nicht die ganze Nacht damit zubringen, eine Stunde reicht jeweils.

Dann wäre morgen während des Rituals der ideale Zeitpunkt, um zuzuschlagen, erkannte Madeleine. Baltimore selbst scheint zwar völlig präsent zu sein, aber zumindest Chai-Lung dürfte abgelenkt sein.

Wahrscheinlich nicht für lange, dämpfte William ihre Hoffnung. Aber es könnte natürlich reichen. Farun ist schnell, und jeder kleine Vorteil könnte ihm helfen.

Wir müssen zu Samia zurück, beschloß Madeleine. Es hängt alles davon ab, ob Farun morgen aus Damaskus zurück ist oder nicht. Wir brauchen Azim, vielleicht kann er ihn erreichen.

 

Als sie bei Samia eintrafen, fanden sie dort auch Azim vor. Beide hörten sich die Neuigkeiten an und waren ebenfalls der Meinung, daß die Gelegenheit zum Zuschlagen günstig war.

"Das heißt, wir müssen morgen Abend in die Zitadelle." Azim stand auf. "Dann kann Tarnesh gleich damit anfangen, seinen Teil eures Vertrags zu erfüllen. Ich werde zu ihm gehen und mit seiner Hilfe meinen Meister kontaktieren."

"Tu das", sagte William. "Die ganze Sache steht und fällt mit Farun."

Azim nickte und verschwand ohne jeden weiteren Kommentar. "Ich hätte nicht gedacht, daß jetzt alles so schnell geht", meinte Samia. "Ihr verliert wirklich nicht viel Zeit."

"Je länger wir warten, desto mehr kann Baltimore seine Position ausbauen und desto stärker wird er", gab Madeleine zu bedenken. "Wir haben schon damals in Konstantinopel den Fehler gemacht, unserem Gegner genug Zeit zu geben, um Fuß zu fassen. Ich möchte das nicht wiederholen." Sie schauderte. Die Erinnerung an den Kampf gegen den Dämon und Caius war in den Monaten seit ihrer Abreise aus Konstantinopel keineswegs verblaßt.

"In Ordnung." Samia seufzte. "Ich muß mich allmählich auf den Weg machen, um mit Osmadi zu verhandeln. Ich würde vorschlagen, wir treffen uns später wieder hier, wenn Azim zurück ist. Dann können wir planen."

Madeleine sah William an. "Und wir gehen inzwischen auf einen Rundgang. Ohne die Ghoule sind die Wachen noch weniger zurückhaltend als gewöhnlich, und da Samia anderweitig beschäftigt ist, sollten wir uns darum kümmern, daß niemand über die Stränge schlägt. Ob Wachen oder andere Leute, das spielt keine Rolle."

 

Francesca hatte recht gehabt, man merkte, daß sich etwas verändert hatte. In den Gegenden, wo die reicheren Bürger Jerusalems lebten, war es vergleichsweise ruhig. Die Wachen, die hier patrouillierten, sorgten ohne große Zurückhaltung für Ordnung. In den Seitengassen jedoch sah es anders aus. Man schien hier schnell begriffen zu haben, daß die Wachen sich nicht für diese Gebiete interessierten, und dementsprechend niedrig war die Hemmschwelle, Ärger anzufangen. Madeleine und William hielten sich nicht mit den armen Schluckern auf, die aus purer Verzweiflung anderen armen Schluckern das letzte Stück Brot aus der Tasche stahlen. Die Schläger jedoch, die rein aus Spaß an der Sache andere drangsalierten, erlebten eine unangenehme Überraschung. Und von dieser Sorte waren heute Nacht etliche unterwegs.

Im Lauf der nächsten Stunden hatten Madeleine und William mehr zu tun, als sie sich gewünscht hatten. Die Stadt war groß und unübersichtlich, und es war fast unmöglich, zu zweit alles im Blick zu behalten. Während sie durch die Gegend streiften, bemerkte William, wie sich Madeleines Gefühle ganz allmählich veränderten. Zu Anfang der Nacht war da immer noch diese Erschöpfung gewesen, die sie schon seit mehreren Nächten begleitet hatte. Ganz langsam jedoch legte sich das. Es war, als würde die Lasombra neue Kraft aus der Aufgabe schöpfen, die sie hier übernommen hatte. William war froh darüber. Er wußte aus eigener Erfahrung wie wichtig es für einen Kainiten war, ein Ziel zu haben, etwas, wofür es sich lohnte, weiterzuexistieren. Madeleine hatte sich in den letzten Monaten allmählich verändert, sie hatte nur noch wenig mit der kühlen, manchmal bitter zynischen Frau gemeinsam, die er vor fast zwei Jahren kennengelernt hatte. Ehrlicherweise mußte er zugeben, daß diese Veränderung mit William von Baskervilles Auftauchen begonnen hatte. Sie war menschlicher geworden, seit sie sich in ihn verliebt hatte, und anscheinend war ihr das inzwischen selbst aufgefallen. Wahrscheinlich war das der Grund für ihre nachdenkliche Stimmung in letzter Zeit gewesen. Und offenbar hatte sie jetzt beschlossen, diese Veränderung zu akzeptieren. Der Ventrue lächelte still in sich hinein und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Umgebung.

 

"Farun ist unterwegs", verkündete Azim zufrieden. "Er wird morgen eine Stunde nach Sonnenuntergang hier sein und ein Dutzend unserer Brüder mitbringen."

Ich hätte nie gedacht, daß ich die Ankündigung, daß ein Dutzend Assamiten zu mir unterwegs ist, einmal für gute Nachrichten halten könnte, bemerkte Madeleine trocken, und fügte laut hinzu: "Hervorragend. Nach dem, was ich bisher von Farun und seinen Fähigkeiten gesehen habe, bin ich sicher, daß er in der Lage ist, uns unbemerkt in die Zitadelle zu bringen."

"Wir müssen Tarnesh Bescheid geben", erinnerte William. "Wir werden ihn wahrscheinlich brauchen."

"Der wird sich freuen." Samia grinste. "Er hat einen Heidenrespekt vor den Assamiten. Zu Recht, natürlich, aber er wird gewisse Schwierigkeiten damit haben, daß sie diesmal auf ihn aufpassen."

"Zwölf Assamiten, vierzehn mit Farun und Azim", murmelte Madeleine nachdenklich. "Das ist eine echte Streitmacht."

"Das sollte eigentlich reichen, um mit Chai-Lung fertigzuwerden", pflichtete William bei. "Und um Baltimore und Wirko kümmern wir uns. Von Lucela werden wir wahrscheinlich nicht viel Gegenwehr zu erwarten haben. Sie haßt Baltimore und wird sicher keinen Finger krumm machen, um ihm zu helfen."

"Am besten, ihr schlaft heute hier", schlug Azim vor. "Dann können wir morgen sofort los."

Madeleine wechselte einen besorgten Blick mit William. "Unsere Leute", meinte sie. "Bevor die Sache hier ernst wird, sollten wir sie in Sicherheit bringen. Baltimore weiß bestimmt, wo er uns findet, und falls doch etwas schiefgehen sollte..."

"Da hast du nicht ganz unrecht", gab er zu. "Wo sollen wir sie hinschaffen? Die Karawanserei außerhalb der Stadt, wo wir den ersten Tag verbracht haben?"

Sie schüttelte den Kopf. "Zu dicht bei den Garou, und die sind mit Baltimore verbündet." Sie grübelte einen Moment lang vor sich hin, dann erhellte sich ihr Gesicht. "Natürlich, das Franziskanerkloster an der Grabeskirche. Der Händler hat uns das doch damals schon als Zufluchtsort empfohlen. Dort sollten sie sicher sein."

"Und wir haben sogar einen Franziskaner, der sie dort 'hinbegleiten' könnte", stimmte William zu und dachte daran, daß Lord Baskerville sicher nicht allzu begeistert sein würde, seine Kutte wieder anziehen zu müssen. "Gut, dann werden wir jetzt alles in die Wege leiten und dann wieder hierherkommen. Dann können wir die letzten Details besprechen, und morgen wird Prinz Baltimores kurze Regentschaft schon wieder vorbei sein."

 

"Guten Abend, Azim." William betrat das Wohnzimmer, wo der Assamit äußerlich ruhig, aber für Williams Augen sichtlich angespannt in Samias Schaukelstuhl saß. "Ist Samia schon wach?"

"Ja", sagte die Caitiff hinter seinem Rücken. William drehte sich um und sog überrascht die Luft ein. Auf den ersten Blick hätte er Samia kaum wiedererkannt. Sie steckte in ihrer üblichen Lederkleidung, trug aber diesmal eine Rüstung darüber. An ihrem Gürtel hingen statt der gewohnten zwei Messer zwei Krummschwerter. Auf dem Kopf trug sie einen von einem schwarzen Pferdeschweif gekrönten Helm. Das Merkwürdigste war aber die förmlich körperlich spürbare Aura von Macht, die sie umgab, und die anscheinend von dem silbrig-goldenen Amulett ausging, das sie um den Hals trug. Samia lächelte. "Keine Sorge, ich bin es noch. Ich hielt es für angebracht, heute meine Kampfausrüstung aus dem Schrank zu holen. Ich habe sie schon ziemlich lange nicht mehr gebraucht."

William faßte sich wieder. "Beeindruckend, in der Tat." Er lauschte kurz in sich hinein. "A propos beeindruckend - bitte erschreckt nicht. Madeleine wird gleich hereinkommen, und sie hat ebenfalls ihre Kampfausrüstung an."

"Schattenzeug, nehme ich an", meinte Samia. "Wir werden sehen."

Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich, und Madeleine trat ein. Gut, daß ich die beiden gewarnt habe, dachte William und unterdrückte ein Schaudern. Die Lasombra trug ihre japanische Lederrüstung. Von dem Leder war allerdings nichts zu sehen. Die Rüstung wurde von einer samtigen Schicht absoluter Schwärze überzogen, die sich zu bewegen schien wie Öl auf einer Wasseroberfläche. Die Schatten liefen in einen weiten Rock aus, der bis zum Boden reichte und dort mit den Schatten im Zimmer verschmolz, so daß es schwierig war, genau zu sagen, wo Madeleines Kleidung aufhörte und die Umgebung begann.

Madeleine hatte kaum das Wohnzimmer betreten, da spürte sie, wie ihre Diener unruhig wurden. Der Grund dafür war Samia, wie sie schnell feststellte. Die Caitiff wurde von einer seltsamen Aura umgeben, die unsichtbar war, aber die ihre Schatten absolut nicht mochten. Als die Lasombra einen Schritt auf Samia zumachte, hörte sie ihre Stimmen in ihren Gedanken. Licht, flüsterte es. Böse, Feind.

Nein, eine Verbündete, gab Madeleine zurück und sandte gleichzeitig einen scharfen Befehl, um ihre Schatten zur Ordnung zu rufen.

"Wie es scheint, vertragen sich meine Helfer und deine nicht", stellte Samia fest. "Licht und Schatten, wie sollte es anders sein." Sie nahm das Amulett ab und ließ es in einer Tasche verschwinden. Im selben Moment erlosch die Aura, die sie umgeben hatte. "Noch müssen wir ja nicht los", erklärte sie. "Kein Grund, uns die Wartezeit unangenehm zu machen."

 

"Ich grüße Euch." Faruns Stimme schien aus dem Nichts zu kommen, ruhig und emotionslos wie immer.

Samia erhob sich. "Farun ibn Lassat ibn Rashid Ressalk. Es ist mir eine Ehre." Tarnesh, der kurz vorher angekommen war und seither nervös auf seinem Stuhl herumgerutscht war, fuhr sichtlich zusammen und machte sich klein.

Die Umrisse des Assamiten schälten sich aus den Schatten. "Seid Ihr bereit?"

"Ja", antwortete Azim und griff nach seinen Waffen.

Farun nickte. "Dann laßt uns gehen. Meine Brüder warten vor dem Haupttor der Zitadelle. Haltet Euch nahe bei mir, dann wird Euch niemand sehen." Er machte eine ausholende Bewegung mit der Hand, die alle im Raum einzuschließen schien. Dann drehte er sich ohne ein weiteres Wort um und ging zur Tür.

Es war ein merkwürdiger Weg durch die Stadt. Es war noch nicht spät, auf den Straßen war noch reger Betrieb. Niemand nahm wirklich Notiz von ihnen, aber die Menge schien sich vor ihnen zu teilen. Selbst am Basar, wo die meisten Menschen unterwegs waren, wurden sie nicht ein einziges Mal angerempelt. Man machte ihnen einfach Platz, ohne sie wahrzunehmen. Schließlich erreichten sie das Haupttor der Zitadelle. Von den Dächern und aus Hauseingängen in der Umgebung lösten sich mehrere Schemen und glitten auf sie zu. Farun nickte ihnen grüßend zu. "Jeder sucht sich seinen eigenen Weg", sagte er leise. "Ich werde mit Samia und ihren Leuten direkt zum Rittersaal durchgehen. Wir treffen uns da." Die Schemen zogen sich wieder zurück. Farun bedeutete seinen Begleitern, ihm zu folgen, und ging auf das Haupttor zu. Es stand offen und wurde von zwei Wachen flankiert, zwischen denen der Assamit ohne weitere Umstände einfach hindurchging.

Sie erreichten den Rittersaal ohne Schwierigkeiten. Zwar waren in den Gängen Wachen postiert, aber keiner von ihnen nahm Notiz von den Eindringlingen, nicht einmal, als sich Türen wie von Geisterhand öffneten und wieder schlossen. Farun blieb vor der Tür stehen und lauschte, aber von drinnen war kein Laut zu hören. Vorsichtig öffnete der Assamit die Tür. Im Saal saßen die vierzig Ghoule wie gestern reglos auf dem Boden. Ansonsten war niemand zu sehen. "Wir sind zu früh", stellte Madeleine kaum hörbar fest. Farun nickte nur und deutete nach drinnen. Im Saal gab er seinen Leuten Zeichen, woraufhin diese sich entlang der Wände verteilten und zur Bewegungslosigkeit erstarrten. Für jeden Beobachter mußte es so aussehen, als sei der Saal abgesehen von den Ghoulen leer. Und dann begann das Warten.

Es dauerte ungefähr eine halbe Stunde, dann wurden von draußen Schritte laut. Gleich darauf erschien Lord Baltimore, gefolgt von Lucela, Wirko und Chai-Lung. Der Malkavianer ging ohne sich umzusehen auf den Thron zu und ließ sich darauf nieder. "Dann wollen wir mal", meinte er.

"Reine Verschwendung von Zeit und vitae", knurrte Wirko. "Mit dem Blut dieser Leute könntet Ihr Euch mühelos mehr als genug neue Ghoule erschaffen. Wozu die Umstände?"

"Höre ich da Kritik an meinen Entscheidungen?" fragte Baltimore milde. "Es wäre Verschwendung von guten Werkzeugen, trainierte Ghoule einfach sterben zu lassen oder womöglich selbst zu töten."

Wirko war anderer Meinung und gab das auch deutlich zu verstehen. Es entspann sich ein kurzes Wortgefecht zwischen den beiden, während dessen Lucela keinen Ton sagte. Die Ventrue stand mit steinerner Miene, aber innerlich vor Zorn kochend, neben dem Thron. Schließlich machte Baltimore eine ärgerliche Handbewegung. "Genug davon. Du wirst jetzt den Mund halten und das Ritual nicht stören. Chai-Lung, fang an."

Der Cathayer trat zu dem kleinen Kreis vor dem Thron, stellte sich hinein und schloß die Augen. Langsam drehte er sich um seine eigene Achse, als würde er sich im Raum umsehen. Madeleine glaubte förmlich, seinen Blick auf sich zu spüren und unterdrückte ein Schaudern. Schließlich öffnete Chai-Lung übergangslos die Augen und drehte sich um. "Meister, etwas stört die Kräfte in diesem Raum." Es war das erste Mal, daß William und Madeleine ihn überhaupt sprechen hörten. Seine Stimme klang unangenehm und rauh, wie eingerostet durch mangelnden Gebrauch.

Baltimore erhob sich und sah sich um. "Wir haben also Gäste", stellte er fest. "Nun, dann zeigt Euch. Oder seid Ihr zu feige dafür?"

"Da wir ohnehin entdeckt sind..." meinte Farun ungerührt und ließ seine Tarnung fallen.

Baltimore schüttelte leicht den Kopf. "So eine beeindruckende Versammlung, ich müßte mich geehrt fühlen." Er nickte der Reihe nach jedem zu. "Sir William. Madame de Neuville. Samia. Und Tarnesh, ich muß zugeben, ich bin etwas enttäuscht." Er hob die Hand. "Chai-Lung, erledige das."

Im nächsten Moment überschlugen sich die Ereignisse. Chai-Lung, Farun und einige der übrigen Assamiten setzten sich gleichzeitig in Bewegung. Chai-Lung hielt plötzlich einen Kampfstab in der Hand, während Farun zwei Krummsäbel gezogen hatte. Wirko brüllte auf und riß sein Schwert heraus. Und Baltimore warf sich herum und versuchte sich mit ein, zwei langen Sätzen durch das Fenster in Sicherheit zu bringen.

Das wirst du schön bleiben lassen, dachte William und ließ die Macht seiner vitae in seine Muskeln strömen. Im nächsten Moment stand er zwischen dem Malkavianer und dem rettenden Fenster, das Schwert in der Hand.

Baltimore schaffte es gerade noch rechtzeitig, anzuhalten, ehe er gegen den Ventrue prallte. Mit einer fließenden Bewegung zog er seine eigene Klinge und ging in Kampfhaltung. Williams geübter Blick verriet ihm sofort, daß er keinen trainierten Kämpfer vor sich hatte. Mühelos duckte er sich unter dem Schlag des Malkavianers hinweg und drehte sich dabei halb zur Seite. Im nächsten Moment stieß sein Jadeschwert nach vorn und glitt zwischen Baltimores Rippen. Baltimore ächzte, taumelte einen Schritt nach hinten und rang mühsam um sein Gleichgewicht. Ehe er es jedoch wiedergefunden hatte, hielt William plötzlich einen Pflock in der Hand und versenkte ihn mit einem gezielten Stoß in Baltimores Brust. Ohne einen Laut stürzte der Malkavianer wie ein gefällter Baum zu Boden.

Madeleine spürte, daß William vorhatte, sich auf Baltimore zu stürzen. Das ließ Wirko für sie übrig. Drei Assamiten, die am nächsten bei dem Brujah gestanden hatten, griffen ihn gerade an, kamen jedoch nicht richtig an ihn heran. Wirko hielt einen Zweihänder gepackt, den er im Halbkreis um sich herumwirbeln ließ. Seine Kampftechnik, fand Madeleine, war nicht besonders elegant, aber zumindest für den Moment schaffte er es, sich die Assamiten vom Leib zu halten. Madeleine beschloß, ihnen zu Hilfe zu kommen. Zuerst jedoch brauchte sie eine Waffe. William?

Natürlich, das weißt du doch.

Danke. Mit einem Gedanken griff sie nach seinem Schatten. Er kam willig zu ihr und formte sich in ihrer Hand zu einem Schwert, während sie auf Wirko zulief. Der Brujah machte gerade Anstalten, sich an den Assamiten vorbeizudrängen und seinem Meister zu Hilfe zu eilen. Madeleine behielt ihn genau im Auge und wartete ab. Als er zum nächsten Schlag ausholte, duckte sie sich sprungbereit. Im selben Moment, als seine Klinge an ihr vorbei war, glitt sie unter seinem erhobenen Arm hindurch - und damit unter seiner Deckung. Ihr Schattenschwert zuckte nach vorn, einmal, zweimal. Und plötzlich klaffte ein Loch in Wirkos Rüstung und in seinem Brustkorb darunter. Der Brujah schrie schmerzgepeinigt auf und schien für einen winzigen Moment zu erstarren. Dabei blieb es dann auch, als Madeleine mit einer raschen Bewegung einen Pflock aus dem Ärmel zog und ihn durch das Loch in seiner Rüstung mitten in Wirkos Herz trieb. Madeleine warf noch einen Blick auf ihn, um sicherzugehen, daß er wirklich ruhiggestellt war, dann richtete sie sich auf und sah sich um.

William war inzwischen auch mit Lord Baltimore fertiggeworden und nickte beruhigend zu ihr herüber. Plötzlich verhärtete sich seine Miene. Gleich darauf erkannte sie, wieso. Auf der anderen Seite des Throns lag Lucela kraftlos am Boden, an jedem Handgelenk und am Hals jeweils einen Assamiten, die gerade dabeiwaren, sie leerzutrinken. William überlegte nicht lange, sondern setzte sich in Bewegung. "Hört sofort auf damit!" befahl er schneidend.

Die Assamiten zuckten zusammen und ließen von ihrem Opfer ab. Einer hob den Kopf und sah William an. "Was gibt Euch das Recht, uns Befehle zu erteilen?" wollte er wissen.

William erwiderte den Blick kühl. "Sie ist eine Clansschwester. Sie steht unter meinem Schutz."

Etwas wie Anerkennung lag im Blick des Assamiten, als er nickte. "In diesem Fall gehört sie Euch." Er sah kurz auf Lucela hinab. "Seid versichert, daß es keinen anderen Grund für uns gegeben hätte, sie zu verschonen."

"Dessen bin ich mir bewußt", versicherte William und half Lucela auf die Beine. Sie hatte sehr viel Blut verloren und war entsprechend schwach. Nun, dachte William, sie wird noch ein Weilchen durchhalten müssen.

Das Klirren von Waffen lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Mitte des Saals. Chai-Lung und Farun umkreisten einander wie zwei Raubtiere. Beide bluteten bereits aus mehreren kleinen Wunden. Gerade, als William hinschaute, ließ der Cathayer seinen Stab herumwirbeln. Farun glitt in einer unnatürlich geschmeidigen Bewegung zur Seite, schaffte es aber nicht mehr, dem Schlag ganz zu entgehen. Sein Gegenangriff ging ins Leere. Plötzlich machte Chai-Lung eine seltsame Bewegung mit den Händen. Im nächsten Augenblick teilte sich sein Stab in drei Teile, die mit Ketten verbunden waren. Gleichzeitig erkannten die Zuschauer, daß der Cathayer bisher nur einen Bruchteil seines Könnens gezeigt hatte. Er bewegte sich so schnell, daß er sogar für die Kainiten schwer zu beobachten war. William warf einen kurzen Blick zu Madeleine. Die Lasombra stand neben dem gepflockten Wirko und hatte die Hand krampfhaft fest um ihr Schwert geschlossen. Er konnte spüren, wie es sie drängte, in den Kampf einzugreifen. Laß es, warnte er. Das hier ist ein Zweikampf. Wenn sich da jemand von uns einmischt, wäre das eine tödliche Beleidigung für Farun. So lange er noch steht, müssen wir uns heraushalten.

Du hast ja recht, gab sie zu. Aber ich fürchte... oh, verdammt! Chai-Lungs merkwürdige Waffe wirbelte erneut herum und traf Farun hart in die Seite. Der dreiteilige Stab schien entweder sehr scharfkantig oder aber magisch verstärkt zu sein. Der Schlag trennte ein Stück Fleisch aus Faruns Seite. Der Assamit schrie unterdrückt und versuchte, einen Schritt zurückzuweichen. Behindert durch seine Verletzung, war er viel zu langsam. Chai-Lung trat einen Schritt auf ihn zu und versenkte mit unbewegter Miene einen Teil seines Stabs in Faruns Brust. Die Kette, die diesen Teil mit dem nächsten verbunden hatte, löste sich in Nichts auf, und der Assamit stürzte zu Boden und rührte sich nicht mehr.

Das reicht jetzt, dachten William und Madeleine gleichzeitig. Im selben Augenblick schien der Cathayer beschlossen zu haben, daß von William im Moment die größte Bedrohung ausging. Er wirbelte herum und setzte mit einem riesigen Sprung über den Thron hinweg, um den Ventrue anzugreifen. William wiederum war zu dem gleichen Ergebnis gekommen und sprang ebenfalls auf Chai-Lung zu, das Schwert abwehrbereit erhoben. Die beiden Kämpfer trafen sich in der Luft, und Chai-Lung brachte seinen Stab auf William herunter. Mit einem lauten Krachen traf die Waffe auf Williams Jadeklinge. Sie glitt an dem Schwert ab, schräg nach oben, und für einen winzigen Moment war Chai-Lungs Deckung offen. William nutzte seine Chance. Er zog sein Schwert durch, quer über den Oberkörper seines Gegners, und spaltete ihn damit beinahe. Leicht ungläubig registrierte er, daß Chai-Lung den Schlag überlebt hatte. Der Cathayer kam auf dem Boden auf, taumelte einen Schritt zurück und hob seine Waffe. Er wollte erneut zum Angriff übergehen, als er plötzlich einen Schrei ausstieß und zu Boden sackte, wo er reglos liegen blieb. Neben ihm stand Madeleine, und ihr Schattenschwert steckte in seiner Brust.

Einen Moment lang passierte gar nichts. Niemand bewegte sich, alle starrten auf den toten Cathayer, leicht überrascht über das plötzliche Ende des Kampfes. Dann begannen sich ganz allmählich Schatten um die Leiche herum zusammenzuziehen. Madeleine zog ihre Waffe aus Chai-Lungs Brust und wich hastig zurück. Die Schatten bildeten eine Art dunkles Netz um den Toten, verdichteten sich, und spannen ihn schließlich vollkommen ein wie ein schwarzer Kokon. Madeleine wurde bei ihrem Anblick fast körperlich übel. Das hier hat nichts mit meinen Schatten zu tun, erklärte sie, als sie Williams Verwunderung spürte. Diese Finsternis kommt direkt aus der Hölle. Ich könnte sie nicht beherrschen, außer, ich werde so wie sie. Das ist mit das Widerwärtigste, was ich je gesehen habe. Sie schauderte, dann wandte sie sich ab und ging zu Farun, der noch immer mit einem Teil von Chai-Lungs Stab im Herzen auf dem Boden lag. Sie sah nachdenklich auf ihn herab, dann bückte sie sich, zog den Pflock aus seiner Brust und sprang blitzschnell zurück. Farun riß die Augen auf, brüllte laut und stieß sein Schwert nach oben. Dann klärte sich sein Blick. Er erhob sich, sah sich um und winkte einen seiner Untergebenen heran. Ohne zu zögern biß er den Mann und trank. Gleich darauf konnte Madeleine beobachten, wie die furchtbare Wunde in seiner Seite sich schloß.

Schließlich warf er einen Blick auf das schwarze Etwas, das Chai-Lung gewesen war. "Das war es dann also... für dieses Mal", murmelte er. Als er Madeleines erstaunten Blick sah, fügte er hinzu: "Er ist ein Wiedergänger. Die Hölle hat ihn sich geholt, und sie wird dafür sorgen, daß er wiedergeboren wird. Mit allem Wissen, das er bei seinem Tod besaß." Er zog etwas aus seinem Gürtel. Madeleine erkannte einen sehr unangenehm aussehenden Metallhaken mit einem stabilen Griff daran. Farun schlug den Haken in den Schattenkokon und hob ihn hoch. Dann wandte er sich an die anderen. "Ich stehe in Eurer Schuld", sagte er. "Und ich werde meine Versprechen halten. Meine Brüder werden Euch schützen und Euch bei Eurem Vorhaben helfen. Wenn Ihr die Unterstützung Alamuts benötigt, wendet Euch an unsere Gesandte in Konstantinopel. Und jetzt werde ich das hier an einen sicheren Ort bringen." Er gab einigen der Assamiten ein Zeichen. Sechs von ihnen traten an seine Seite und verschwanden mit ihm. Die übrigen blieben.

Lucela trat an Williams Seite. "Ich schulde Euch ebenfalls etwas", sagte sie leise. "Wenn Ihr nicht eingegriffen hättet, wäre ich jetzt tot. Mit Eurer Erlaubnis würde ich die Stadt gerne verlassen."

William sah sie prüfend an. "Das steht Euch natürlich frei. Es wäre wahrscheinlich sogar gut, wenn Ihr bald geht."

Sie nickte. "Morgen Nacht werde ich von hier verschwunden sein. Ich danke Euch." Sie drehte sich um und ging.

William holte tief Luft. Eine Geste, mehr nicht, aber sie beruhigte. Sein Blick suchte Samia und fand sie an der Seite, wo sie nachdenklich die Ghoule betrachtete. "Was machen wir jetzt mit ihnen?" fragte er. "Das Ritual wurde nicht vollendet, sie werden sterben, wenn wir nichts unternehmen."

"Vierzig Ghoule..." Die Caitiff schüttelte ungläubig den Kopf. "Das ist blanker Irrsinn. Aber du hast natürlich recht, wir müssen etwas unternehmen. Du solltest Baltimores Werk fortsetzen."

"Ich?" fragte er erstaunt.

"Ich will sie nicht", erklärte Samia entschieden. "Ich habe in dieser ganzen Sache schon eine Rolle übernommen, die ich nie haben wollte. Das hier mache ich nicht auch noch."

"Es wäre wirklich am besten, wenn du das übernimmst", sagte Madeleine, die dazugetreten war. "Es sind Soldaten, Kämpfer, sie brauchen einen Hauptmann. Natürlich würden sie auch mir folgen, wenn ich es täte, aber du bist einfach besser dafür geeignet. Ich bin kein Krieger."

William nickte langsam. "Das gefällt mir überhaupt nicht, aber wir können sie nicht einfach sterben lassen. Wir werden das Ritual wieder von vorn beginnen müssen, und wir brauchen ein Medium dafür."

"Geister und ähnliches... das müßten die beiden auf dem Friedhof wissen", überlegte Samia. "Zu schade, daß sie sich schlafen gelegt haben."

Madeleine hob die Schultern. "Kann man sie wecken? Sie schlafen doch noch nicht lange, und die Gefahr, wegen derer sie sich zurückgezogen haben, ist vorbei." Sie sah zu Baltimores regloser Gestalt hinüber und schüttelte leicht den Kopf. "Ich hätte nicht gedacht, daß es so schnell geht. Wir hatten unglaubliches Glück."

"Ich kann versuchen, sie aufzuwecken, ja. Außerdem wäre es sowieso gut, dem Friedhof einen Besuch abzustatten." Sie grinste plötzlich. "Oder wißt ihr einen besseren Ort, um Baltimore und Wirko vorerst unterzubringen?"

"Nein", gab William zu. "Mir ist ohnehin noch nicht ganz klar, was wir jetzt mit Baltimore anfangen sollen. Eigentlich ist der Kerl zu gefährlich, um ihn laufen zu lassen."

"Wir können ihn nicht einfach umbringen", erklärte Madeleine sofort. "Ihn im Kampf zu töten ist eine Sache, aber ihn kaltblütig abschlachten, wenn er wehrlos ist, das kann ich nicht."

"Ich auch nicht wirklich", gestand er. "Wir können ihn ja vorläufig an einem sicheren Ort einlagern, vielleicht ergibt sich später etwas."

"Also auf zum Friedhof", sagte Samia entschlossen. "Und um Mitternacht habe ich eine Verabredung mit Osmadi. Der wird sich wundern, wenn er erfährt, daß sich seine Verhandlungsposition gerade dramatisch verschlechtert hat. Mit Baltimores Abdankung gibt es hier nur noch zwei Prinzen, aber das ist immer noch einer zu viel."

 

Wenig später erreichten sie den Friedhof. Während William und Madeleine nach einer geeigneten Gruft suchten, um ihre beiden unfreiwilligen Gäste unterzubringen, ging Samia nach den Kappadozianerinnen sehen. Bald darauf kehrte sie zurück, begleitete von zwei hageren, schwarzgekleideten Gestalten. "Ich habe tatsächlich beide wachbekommen", sagte sie.

"Das ist gut", meinte William erfreut und erklärte, was sie suchten.

"Ah", seufzte Leila. "Ein Medium." Ihre Stimme raschelte wie trockenes Laub.

"Nun, dann wählt eine von uns aus", ergänzte Delryn in einem eigenartig singenden Tonfall.

"Wir sind beide..."

"... was ihr sucht."

"Wählt eine." Leilas Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, das mit nichts mehr Ähnlichkeit hatte als mit einem Totenschädel.

"Die andere wird beleidigt sein." Delryn grinste genauso wie ihre Schwester.

Verdammt, was machen wir jetzt? fragte Madeleine ratlos. Ich möchte es mir mit keiner der beiden verderben.

Keine Ahnung, gab William zu. Aber da ich mich schon um die Ghoule kümmere, die ich eigentlich nicht haben will, werde ich diese Entscheidung dir überlassen.

Herzlichen Dank, dachte sie säuerlich. Sie sah unentschlossen von einer der beiden zur anderen und ignorierte dabei geflissentlich Samias ungeduldigen Blick. "Delryn?" sagte sie schließlich zögernd.

Die Kappadozianerin rieb sich die Hände. "Das wird interessant werden", sagte sie. "War lange nicht in der Stadt, sehr lange... ob sich viel verändert hat?"

"Das glaube ich kaum", meinte Samia trocken. "Sie ist immer noch ein einziger großer Dreckhaufen. Aber du wirst es ja sehen."

"Während ihr in der Zitadelle seid, werde ich unseren Leuten das vereinbarte Zeichen geben, daß sie morgen aus dem Kloster zurückkommen können", erklärte Madeleine. "Treffen wir uns später bei Samia?"

"Können wir machen", stimmte die Caitiff zu. "Dann erfahrt ihr gleich, wie meine Verhandlungen mit Osmadi gelaufen sind. Und solange Eure Ghoule noch im Kloster sind, ist es vernünftiger, wenn ihr bei mir schlaft."

"Das ist allerdings richtig." William nickte. "Bis später dann."

 

Kurz vor Sonnenaufgang trafen sie sich im Haus der Caitiff. Madeleine hatte sich wie verabredet in der Nähe des Klosters gezeigt, wo William von Baskerville nach ihr Ausschau gehalten hatte. Sie war ein wenig erstaunt gewesen, welch einen ungewohnten Anblick er inzwischen in seiner Franziskanerkutte bot. Er hatte natürlich nicht herauskommen und mit ihr sprechen können, aber er hatte ihre Anwesenheit mit einem Nicken zur Kenntnis genommen und würde wie abgesprochen alles nötige in die Wege leiten. Anschließend war sie zu Hause gewesen und hatte Williams Abwesenheit genutzt, um sich ihrer Arbeit zu widmen. Und sie war endlich damit fertiggeworden. Jetzt lag in ihrer Truhe im Schlafzimmer ein in Leinen gewickeltes Paket und wartete auf einen günstigen Moment, um es ihm zu geben.

William traf kurz nach ihr bei Samia ein. "Mit dem Ritual läuft alles gut", erklärte er. "Tarnesh sichert den Raum, so daß außer uns niemand hineinkann. Delryn scheint die Sache gut im Griff zu haben, ich denke, es wird alles so funktionieren, wie wir uns das vorgestellt haben."

"Osmadis Gesicht war sehenswert", berichtete Samia und grinste breit. "Ich habe ihm erzählt, daß wir Baltimore dazu überredet haben, zu meinen Gunsten auf seinen Titel zu verzichten, und ihm nahegelegt, das gleiche zu tun. Er hat sich bis morgen bei Sonnenaufgang Bedenkzeit erbeten, und ich habe sie ihm gewährt. Ich bin wirklich gespannt, wie er sich entscheidet."

"Wir können morgen wieder nach Hause zurück", sagte Madeleine. "Und ich denke, ich werde morgen nacht, während William und Delryn im Palast sind, ein wenig für Ordnung im christlichen Viertel sorgen. Wenn du nichts dagegen hast." Sie sah Samia an.

"Warum sollte ich. Es kann nicht schaden, wenn dort einmal andere Sitten einziehen." Sie stand auf und reckte sich. "Ich glaube, ich werde mich zurückziehen. Angenehme Ruhe wünsche ich."

 

Am nächsten Abend, als William mit Delryn zur Zitadelle aufgebrochen war, begab sich Madeleine als erstes nach Hause, um sich zu vergewissern, daß die Ghoule plangemäß eingetroffen waren. Im Hof wurde sie von William von Baskerville empfangen, jetzt wieder in seiner gewohnten Kleidung, der sie mit sichtlicher Erleichterung begrüßte und sie an sich drückte. "Ist alles gutgegangen?" Madeleine nickte und berichtete ihm, was geschehen war.

Baskerville sah nachdenklich zu Boden, dann grinste er plötzlich. "Baltimore war doch der Gegenspieler von Sir Richard von Wales", meinte er. "Wenn ich das richtig verstanden habe, wollte er dafür sorgen, daß Isabella auf keinen Fall nach England zurückkehrt. Wahrscheinlich hat er die Suchaktion nach ihr deswegen so energisch betrieben, weil er sichergehen wollte, daß sie wirklich tot ist. Was glaubst du, wie Sir Richard sich freuen würde, Seine Lordschaft in England begrüßen zu dürfen? In seinem jetzigen Zustand, versteht sich."

Madeleine grinste ebenfalls. "Mylord, Ihr seid hinterlistig und verschlagen. Das ist eine ausgeziechnete Idee. Wir wollen sowieso nach England, wenn wir hier fertig sind, dann können wir ihn genausogut mitnehmen."

Er zwinkerte ihr zu. "Nicht wahr? Übrigens, was hast du mit dem Rest der Nacht vor?"

Sie wurde ernst. "Ich will einen Rundgang machen. Die Stadtwache ist im Moment unterbesetzt, und Samias neues Gebiet ist etwas zu groß, als daß sie alleine für Ordnung sorgen könnte."

"Das stimmt wahrscheinlich", gab er zu. "Nunja, ich werde hier sein, wenn du zurückkommst. Paß auf dich auf, ja?"

"Immer", versicherte sie, dann machte sie sich auf den Weg.

 

Es waren noch gute zwei Stunden bis Sonnenaufgang, als Madeleine und William fast gleichzeitig wieder zu Hause eintrafen. "Für heute sind wir fertig", erklärte William. "Noch eine Nacht, dann ist das Ritual beendet, und dann wird in der Stadtwache ein anderer Wind wehen."

"Das wird auch Zeit", stellte Madeleine fest. "Was ich bei meinen Patrouillen im christlichen Viertel gesehen habe, war erbärmlich." Sie nahm Williams Hand. "Wo wir unsere Arbeit für heute getan haben... komm doch mal mit mir." Sie warf einen bezeichnenden Blick auf die Schlafzimmertür.

"Aber gerne", antwortete er, hob sie auf die Arme und trug sie ins Zimmer. Er schob die Tür mit dem Fuß hinter sich zu, legte Madeleine auf dem Bett ab und küßte sie zärtlich.

Für einen langen Moment erwiderte sie den Kuß, dann versuchte sie, ihn sanft von sich zu schieben. Laß mich bitte einen Augenblick los.

Ich denke gar nicht daran, erwiderte er vergnügt und hielt sie fest.

Madeleine machte einen halbherzigen Versuch, sich aus seiner Umarmung zu winden, dann ließ sie es sein. In Ordnung, dachte sie, und in ihren Augen blitzte es schelmisch. Dann erfährst du eben nicht, womit ich mich die letzten drei Wochen beschäftigt habe. Es ist ja auch wirklich nicht weiter wichtig. Sie schmiegte sich an ihn.

William hob überrascht den Kopf. "Du hast drei Wochen lang etwas gemacht, von dem ich nichts mitbekommen habe?"

"Ja, und das war gar nicht so einfach." Sie lächelte ihn verführerisch an. "Aber du hast schon recht, wir haben jetzt wichtigeres zu tun." Madeleine amüsierte sich hervorragend. William war schon immer sehr neugierig gewesen, und im Moment konnte sie förmlich spüren, wie es in ihm brannte. Sie ließ ihn noch einige Minuten lang zappeln, dann hatte sie Erbarmen. "Na gut", sagte sie, schlüpfte aus dem Bett und öffnete eine Truhe. Sie nahm ein in Leinen gewickeltes Paket heraus und drehte sich zu William um. "Hier", sagte sie leise. "Das ist für dich."

Erstaunt nahm er das Päckchen und schlug das Tuch zurück. Darunter kam tiefschwarzer Samt zum Vorschein, auf dem es schwach silbrig glitzerte. William warf Madeleine einen verblüfften Blick zu, aber sie nickte nur. Vorsichtig faltete er den Stoff auseinander und starrte sprachlos darauf. Vor ihm auf dem Bett lag ein Wappenrock. Das Wappen von Tintagel war mit Seidengarn auf mitternachtsschwarzen Samt gestickt, die Details von Löwe und Drache mit Silberfaden abgesetzt. Um den Halsausschnitt wand sich ein ebenfalls in Silber gearbeitetes feines Rankenmuster. William verstand nicht besonders viel von derlei Dingen, aber selbst für ihn war offensichtlich, daß diese Arbeit nicht von menschlichen Händen gemacht war. "Das hast du gestickt", stellte er fest.

Sie nickte. "Und zugeschnitten und genäht. Es sollte etwas besonderes sein, deswegen wollte ich niemand anderen heranlassen." Sie lächelte. "Und ich hatte ja reichlich Gelegenheit, deine Maße zu nehmen."

"Er ist wunderschön", flüsterte er.

"Probier ihn an", schlug sie vor, und William ließ sich das nicht zweimal sagen. Wie erwartet, paßte der Wappenrock perfekt. Madeleine nickte zufrieden. Die lange Arbeit hatte sich definitiv gelohnt. Und dieser Meinung war auch William, als er das wertvolle Stück vorsichtig wieder ablegte und sie in die Arme schloß.

 

Eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang klopfte es zaghaft an der Tür. Giovanni streckte den Kopf herein. "Verzeiht die Störung, aber unten im Hof wartet ein Bote von Samia."

Die beiden Kainiten wechselten einen bedeutungsvollen Blick. "Wir haben ihn erwartet", sagte William. "Wir werden sofort bei ihm sein." Giovanni nickte und zog sich zurück, während die beiden schon aus dem Bett sprangen und sich hastig anzogen. Augenblicke später standen sie dem Boten gegenüber.

"Meine Herrin läßt Euch ausrichten, daß sie eine Antwort erhalten hat", sagte er. "Osmadi ibn Harun ibn Djalal ibn Darak Doranag, ehemals Prinz des islamischen Viertels, hat sich ihrer Herrschaft unterstellt. Er spricht nur für sich, seine Gäste müssen ihre Seite selbst wählen. Meine Herrin erwartet Euch morgen Abend bei sich, um über das weitere Vorgehen zu beraten."

William und Madeleine sahen sich an. "Gewonnen", flüsterte sie, dann fiel sie ihm um den Hals.

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