Kapitel 30
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Am Abend nach der Audienz zog es Madeleine wieder in die Bibliothek. Sie hatte zwei Nächte zuvor eine recht vielversprechende Spur in einem der Bücher entdeckt, der sie nachgehen wollte.

William hingegen hatte sich für diese Nacht viel vorgenommen. Als erstes fand er sich in der Zitadelle ein, wo er sich mit dem Hauptmann der Wache unterhielt. Es gab bezüglich der Ghoule einige Dinge zu besprechen, und William war sich durchaus der Verantwortung bewußt, die er für die Männer hatte. Er war gerade angekommen, als er Madeleine in seinen Gedanken spürte. William? Ich habe gerade auf der Straße Icharyd getroffen. Er hat eine Bitte, du solltest dich mit ihm unterhalten.

Ich schaue nachher bei ihm vorbei. Was wollte er denn?

Ghoule als Wachen für das Elysium, erwiderte sie. Leute von der Wache. Ich habe ihm gesagt, deswegen müsse er sich an dich wenden.

In Ordnung, antwortete er. Ich rede mit dem Kommandanten und mit Icharyd. Irgendwie habe ich das Gefühl, daß ich heute Nacht sehr viel laufen werde.

 

Wie nicht anders zu erwarten gewesen war, stellte der Toreador gewisse Anforderungen an sein Personal. Er bat William um fünf ausgebildete Kämpfer, die für die Sicherheit des Elysiums sorgen sollten und außerdem noch über ein ansprechendes Äußeres und eine gewisse Bildung verfügten. "Dieses ungewaschene Söldnerpack aus der Stadt kommt mir nicht in mein Haus", erklärte er kategorisch. William fügte sich in sein Schicksal und kehrte zur Zitadelle zurück, um sich mit dem Wachhauptmann zu besprechen. Anschließend besuchte er Samia, die er fast wider Erwarten tatsächlich zu Hause vorfand, und berichtete ihr von dem Abkommen mit dem Toreador.

"Icharyd scheint seine neue Aufgabe in der Tat ernst zu nehmen", stellte sie zufrieden fest. "Ich hatte es allerdings auch nicht anders erwartet." Sie warf einen Blick auf einen Stapel Dokumente, die vor ihr auf dem Tisch lagen. "Übrigens, Tarnesh hat mich um die Erlaubnis gebeten, ein Gildenhaus in der Stadt errichten zu dürfen. Ich habe darüber nachgedacht und beschlossen, es zu gestatten. Er wird also vermutlich noch eine ganze Weile hier bleiben, immerhin ist ein derartiges Unternehmen mit großem Aufwand verbunden."

William nickte. "Normalerweise traue ich den Tremere nicht besonders, aber ich denke, Tarnesh ist ganz in Ordnung." Er erhob sich und wollte gehen, da fiel ihm noch etwas ein. "Ehe ich es vergesse, gibt es etwas Neues von Khosann?"

Samia schüttelte den Kopf. "Osmadi wird ihn inzwischen von der Blutjagd unterrichtet haben, wenn Bodhi es ihm nicht schon vorher gesagt hat. Er wird jetzt in den Katakomben auf seinem Knochenthron sitzen bleiben, und da unten kommen wir nicht wirklich an ihn heran. Dieser Thron ist für eine bestimmte Sekte der Nosferatu eine Art Heiligtum, wir würden uns mächtige Feinde machen, wenn wir ihn da einfach angreifen und den Thron dadurch entweihen." Sie seufzte. "Ich fürchte, wir müssen abwarten, die Ausgänge der Katakomben beobachten und hoffen, daß er irgendwann unvorsichtig genug wird, von selbst herauszukommen."

"Das kann dauern", knurrte William. "Nunja, ich werde die Ruhepause sinnvoll nutzen und mich noch einmal bei dieser Magierschule am Tempelberg umsehen. Wenn ich etwas neues erfahre, melde ich mich."

"Tu das", stimmte sie zu und widmete sich wieder ihren Schriftstücken.

 

William saß mehrere Stunden lang geduldig auf seinem Beobachtungsposten. Er hatte sich auf einem Dach gegenüber der Akademie eine günstige Stelle gesucht und sich in den Schatten verborgen, wo er nun absolut reglos saß und das Gebäude nicht aus den Augen ließ. Gegen Mitternacht beobachtete er drei Männer, die sich dem Haus näherten und anklopften. Die Tür wurde geöffnet, und jeder der drei vollführte einige komplizierte Handbewegungen, die William nicht genau erkennen konnte. Es schien eine Art Signal zu sein, jedenfalls wurden alle drei eingelassen. Soweit er sehen konnte, war dabei kein Wort gesprochen worden. Die Tür schloß sich wieder, und längere Zeit rührte sich nichts.

"Na, sind wir neugierig?" quäkte plötzlich eine Stimme neben ihm. William fuhr zusammen und sprang auf. Vor ihm in der Luft schwebte eine kleine Gestalt mit Flügeln und roten Augen, die ihn spöttisch angrinste und dabei zwei Reihen nadelspitzer Zähne offenbarte. "Nicht doch, wer wird sich denn gleich so erschrecken." Der Homunkulus legte den Kopf schief und blinzelte. "Was willst du hier?"

William faßte sich wieder. "Ich interessiere mich für das Haus da unten", sagte er und musterte das Wesen.

Der Homunkulus seufzte. "Neugier kann etwas sehr gefährliches sein", knarrte er bedauernd. Mit einem Mal spürte William, wie ihm warm wurde. Gleich darauf stieg leichter Brandgeruch in seine Nase. Er blickte sich um und sah entsetzt, daß sein Mantelsaum in Flammen stand. Hastig riß er sich den brennenden Umhang vom Leib und schleuderte ihn von sich. Der Homunkulus beobachtete ihn ungerührt. "Komm morgen wieder", sagte er, als der Ventrue schließlich den Mantel losgeworden war. "Und dann stell die richtigen Fragen." Es gab ein leises "Plopp", und die Kreatur war verschwunden. William starrte nachdenklich auf das Haus hinunter und wollte gerade wieder seinen Beobachtungsplatz einnehmen, als er spürte, wie das Dach unter seinen Stiefeln heiß wurde. In Ordnung, ich habe ja schon verstanden, dachte er mißmutig und wandte sich zum Gehen. Dabei fiel sein Blick auf seinen Umhang, der ein paar Meter entfernt lag. Der Stoff war unversehrt, von den Brandspuren war nichts mehr zu sehen. Allerdings, ich habe verstanden, dachte der Ventrue, bückte sich nach dem Mantel und verließ das Dach.

Was war das denn eben? erkundigte sich Madeleine besorgt.

William erzählte und schloß: Das könnte potentiell interessant werden. Ich werde morgen auf jeden Fall wieder hingehen. Übrigens, wie weit bist du? Es wird bald hell, soll ich dich bei den Illuminaten abholen?

Gerne, antwortete sie. Paß nur auf, daß dir der Gargoyle nicht mit der Tür die Nase abschlägt. Er ist kein bißchen freundlicher geworden in den letzten Nächten.

Wenig später waren die beiden auf dem Rückweg nach Hause. Irgendwann unterwegs meinte Madeleine plötzlich: Ist dir auch aufgefallen, daß ungewöhnlich viele Ratten unterwegs sind?

Allerdings, erwiderte er. Und die meisten von ihnen sind deutlich größer, als Ratten üblicherweise sind. Er behielt die Umgebung im Auge, während sie langsam weitergingen. Ich habe das Gefühl, sie beobachten uns. Und diese eine besonders große scheint uns sogar zu verfolgen.

Sprich sie an, schlug sie vor. Frag sie, was sie wollen.

Warum nicht, stimmte er zu, bog mit ihr in eine Gasse ab und sah sich nach seinem Verfolger um. Tatsächlich huschte Augenblicke später eine Ratte herein. Sie hatte die Größe eines kleinen Hundes und rote Augen, die schwach zu glühen schienen. William konzentrierte sich auf das, was Irian ihm beigebracht hatte und sprach die Ratte an, während er in Gedanken gleichzeitig für Madeleine übersetzte. "Was wollt ihr von uns? Warum verfolgt ihr uns?"

"Oh", machte die Ratte. "Es spricht unsere Sprache. Nun gut, wenn das so ist... wenn du wirklich wissen willst, was wir von dir wollen, dann besuch uns doch in unserem Reich." Die Ratte setzte sich auf die Hinterpfoten und blinzelte. Die Geste hatte etwas bedrohliches an sich. "Den Weg kennst du ja sicher. Wir warten auf dich und werden dich gebührend empfangen." Das Geschöpf warf Madeleine einen Blick zu. "Dein Weibchen kannst du von mir aus mitbringen, es wird nicht stören."

Weibchen? kam es ungläubig von Madeleine. So hat mich auch noch keiner genannt.

"Wir werden uns das Angebot überlegen", antwortete William kühl. "Und jetzt verschwindet."

Die Ratte gab ein Quieken von sich, das beunruhigende Ähnlichkeit mit einem Kichern hatte. "Dies, Zweibeiner, ist unsere Stadt. Wir gehen, wohin wir wollen. Wenn dir das nicht gefällt, komm in unser Reich und beschwere dich. Wir warten." Damit ließ sie sich wieder auf alle vier Pfoten fallen und verschwand unter einem Abfallhaufen.

William sah ihr einen Augenblick nach. Wir müssen mit Samia reden, erklärte er. Das hier gefällt mir überhaupt nicht.

Da bist du nicht der einzige. Das war keine gewöhnliche Ratte. Erinnerst du dich an die Geschichten über Werratten, die wir mal gelesen haben?

Die fielen mir auch gerade ein, erwiderte er grimmig.Widerliche Kreaturen, nicht einmal die Garou können sie ausstehen. Sie traten aus der Gasse und machten sich auf den Weg zu Samias Haus. Die Ratten folgten ihnen.

 

"Das klingt wirklich nicht gut", stimmte Samia zu, nachdem sie sich angehört hatte, was die beiden erzählten. "Das klingt sogar so, als hätte Khosann sich die Kräfte des Throns untertan gemacht. Ich weiß nichts genaues über den Thron, aber er soll sehr mächtig sein, und Ratten sind üblicherweise Verbündete der Nosferatu." Sie ging im Zimmer auf und ab und grübelte. "Was wir bräuchten", murmelte sie, "wäre ein Nosferatu, der entweder Macht über die Ratten hat oder uns wenigstens die Erlaubnis geben kann, Khosann da unten herauszuholen. Das Dumme ist, ich kenne keinen in erreichbarer Nähe. Außer Bodhi natürlich, aber der scheidet wohl aus."

"Wir auch nicht", gab Madeleine zu. "Der nächste, den wir kennen, sitzt in Konstantinopel."

Samia blieb stehen. "Konstantinopel ist doch erreichbar", fand sie. "Zwei Wochen mit einem Schiff, das ist vertretbar. Wen kennt ihr dort?"

"Sein Name ist Malachit", berichtete Madeleine. "Er ist der Primogen der Nosferatu, ein Vertrauter Prinz Michaels und ein Ritter, wie er im Buche steht. Es ist natürlich nicht gesagt, daß er uns helfen wird, aber ich denke, wenn er zusagt, können wir uns auch auf ihn verlassen."

Samia nickte nachdenklich. "Würdet ihr in meinem Namen einen Brief an ihn schreiben und ihn bitten, herzukommen? Ich werde den Brief einem alten Ghoul übergeben, den ich eigentlich nicht mehr einsetzen wollte. Der Mann hat schon viel getan und eigentlich seine Ruhe verdient. Aber für diese Sache könnte ich mir keinen besseren Boten vorstellen."

Madeleine griff zu Pergament und Schreibzeug und begann, den Brief aufzusetzen. Als sie schließlich fertig war und ihre Unterschrift darunter setzte, sah Samia ihr über die Schulter und hob eine Augenbraue. "Primogen des Clans Lasombra zu Konstantinopel und Jerusalem", las sie vor. "Du scheinst Titel ja regelrecht zu sammeln."

"Ich wollte den Titel so dringend haben wie du deinen", konterte Madeleine, versiegelte den Brief und übergab ihn ihr. "Bitte. Wir werden sehen, ob und wie er reagiert."

Samia nickte. "Ismael", rief sie. Gleich darauf schob der stumme Ghoul seinen Kopf durch den Türspalt und sah sie fragend an. "Gib das hier bitte deinem Vater. Er wird wissen, was damit zu tun ist." Ismael nickte, nahm den Brief und verschwand. "Ismaels Vater hat Kontakte zu Piraten", erklärte Samia. "Mit ihnen wird er auf dem schnellsten Weg nach Konstantinopel kommen."

"Hoffen wir, daß er schnell genug ist", murmelte Madeleine düster.

 

Am nächsten Abend begab sich William gleich nach Sonnenuntergang wieder zur Zitadelle, während Madeleine in die Bibliothek eilte und sich in ihren Büchern vergrub. Eine Stunde nach Mitternacht klopfte sie dann an die Tür von Wenzels Arbeitszimmer. "Meister Wenzel? Hättet Ihr wohl einen Augenblick Zeit für mich?"

"Sicher", erwiderte er und deutete einladend auf einen Stuhl. "Worum geht es?"

"Um eine Bitte." Madeleine setzte sich. "Ich habe die letzten Nächte in Eurer Bibliothek an der Lösung eines bestimmten Problems gearbeitet. So allmählich komme ich aber zu der Überzeugung, daß sich die Lösung nicht in den Büchern finden läßt, weil sie schlicht zu alt sind. Das jüngste, das ich gelesen habe, wurde vor etwa zwanzig Jahren geschrieben, und ich brauche neuere Informationen. Ich bin sicher, eine Organisation wie diese verfügt über Mittel und Wege, sie zu beschaffen."

Wenzel sah sie nachdenklich an. "Das ist natürlich richtig, aber ganz so einfach ist es nicht. Und derartige Dinge sind mit entsprechenden Kosten verbunden."

"Das wäre nicht das Problem, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Meine Mittel sind natürlich nicht unerschöpflich, aber recht beträchtlich, und ich bin bereit, einen großen Teil davon für diese Sache einzusetzen."

"Was wollt Ihr wissen?"

"Ich benötige Kontakt zu einer Person. Ich habe in der Bibliothek nach einem Weg gesucht, einen bestimmten Fluch zu brechen. Sagt Euch der Begriff 'Namiah' etwas?"

Wenzel runzelte die Stirn. "Vage. Sehr vage. Es hat etwas mit Magie zu tun, nicht wahr?"

"Ich dachte zuerst, es sei der Name einer Frau, aber es ist eher eine Bezeichnung für eine bestimmte Art von Personen. Eine Übersetzung, die ich gefunden habe, lautete ungefähr 'weißer Rächer der Magie'."

"Sehr poetisch", bemerkte er mit leicht spöttischem Unterton.

Madeleine hob die Schultern. "Wie auch immer. Ich muß mit einer derartigen Person Kontakt aufnehmen. Der Fluch, um den es geht, ist nur von dem zu lösen, der ihn ausgesprochen hat - oder von jemand vergleichbarem."

"Ich verstehe." Wenzel lehnte sich in seinem Stuhl zurück. "Ich gehe wohl recht in der Annahme, daß der besagte Fluch nicht Euch selbst betrifft." Sie nickte bestätigend. "Woher wißt Ihr dann, daß der Fluch nicht verdient war?"

"Das kann ich nicht wissen", erwiderte sie ruhig. "Ich erwarte auch nicht mehr als eine Möglichkeit, mich mit einer entsprechenden Person zu unterhalten. Ich möchte sozusagen die andere Seite hören, und wenn ich dann immer noch der Ansicht bin, daß der Fluch aufgehoben werden sollte, werde ich darüber verhandeln. Aber das hat nichts mit Euch zu tun. Euch bitte ich lediglich, Nachforschungen anzustellen, wie ich das Treffen zustande bringen kann."

Wenzel überlegte. "In Ordnung", sagte er schließlich. "Derartige Dinge zu gestatten, liegt außerhalb meiner Kompetenzen. Ich werde Eure Bitte an die weiterleiten, die über mir stehen, und sie werden entscheiden. Wenn Ihr mir einen Brief gebt, in dem Eure Anfrage genau beschrieben ist, werde ich dafür sorgen, daß sie ihn umgehend erhalten."

"Im Prinzip ist das ein faires Angebot", meinte sie vorsichtig, "aber ein geschriebener Brief birgt natürlich gewisse Probleme..."

"Ich verstehe. Euresgleichen ist ja für eine gewisse Paranoia durchaus bekannt, und ich kann nicht einmal sagen, daß sie immer völlig ungerechtfertigt ist. Ich werde nach meinem Diener schicken, Ihr könnt ihm diktieren."

"Danke", sagte sie zufrieden, während er zur Tür ging und nach jemandem rief.

"Du wolltest doch schon lange mal einen Brief schreiben, nicht wahr?" hörte sie ihn sagen.

"Darf ich, Meister? Darf ich wirklich?" Die Stimme, das erkannte Madeleine sofort, gehörte dem Gargoyle, und sie klang ausgesprochen begeistert. Nun, das würde sich gleich ändern.

"Ja, wirklich", bestätigte Wenzel. "Allerdings werde ich dir nicht selbst diktieren. Die Person, die das tun wird, wartet im Arbeitszimmer."

Gleich darauf erschien der Gargoyle freudestrahlend im Zimmer. Als er Madeleine sah, verfinsterte sich seine Miene schlagartig. "Ach, so ist das", brummte er und schlurfte zum Schreibtisch. Umständlich nahm er Platz, rückte Pergament und Tintenfaß zurecht und griff mit spitzen Klauen nach der Feder. "Ich bin soweit", erklärte er. Madeleine begann zu diktieren.

 

Als Madeleine am nächsten Abend erwachte, wartete Francesca schon. "Vorhin war ein Ghoul von der Stadtwache hier und hat einen Bericht abgegeben." Sie reichte Madeleine einen Brief. "Ich glaube nicht, daß dich die genaue Anzahl von Schlägereien und Taschendiebstählen interessiert. Was dich allerdings interessieren könnte, ist die Leiche, die vor zwei Stunden gefunden wurde."

Madeleine legte den Brief ungeöffnet beiseite. "Um das hier kann William sich kümmern. Was hat es mit dieser Leiche auf sich?"

Francesca hob die Schultern. "Der Soldat wollte nichts genaues sagen. Die Todesumstände sollen merkwürdig sein, mehr weiß ich nicht. Man hat die Überreste in der Zitadelle in Gewahrsam, vielleicht solltet ihr euch das mal ansehen."

"Das werden wir", versicherte Madeleine und begann sich anzuziehen.

 

"Er wurde in einer Seitengasse im armenischen Viertel gefunden", berichtete der Hauptmann der Wache. "Er wurde nicht ausgeraubt, und wenn man sich die Leiche so ansieht, war es auch kein gewöhnlicher Mord. Ein schöner Anblick ist es nicht gerade", fügte er mit einem Seitenblick auf Madeleine hinzu.

Die hob nur die Schultern. "Wo finden wir ihn?"

"Ich habe ihn in eine leere Kerkerzelle bringen lassen, um Aufsehen zu vermeiden. Ich lasse Euch hinführen."

Die Warnung war durchaus berechtigt gewesen: die Leiche sah furchtbar aus. Als Madeleine und William die Zelle betraten, huschten drei, vier kleine, pelzige Gestalten davon und verschwanden in Mauerspalten. Der Soldat, der die beiden mit einer Fackel begleitete, begann unterdrückt zu würgen. Die beiden Kainiten wechselten einen Blick, dann wandte sich William an den Mann. "Wir kümmern uns um das hier. Wartet draußen und sorgt dafür, daß wir nicht gestört werden."

Der Wächter salutierte und floh dankbar nach draußen. "Ekelhaft", murmelte Madeleine. Mit sichtlicher Überwindung legte sie eine Hand auf den Arm des Toten und schloß die Augen. Einen Moment lang passierte gar nichts, dann zuckte sie plötzlich zurück und kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit. "Das ist widerlich", flüsterte sie.

William legte einen Arm um ihre Schultern und stützte sie. "Was hast du gesehen?"

"Es war kein gezielter Angriff. Der Mann hatte nur das Pech, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Da war eine Werratte... das Ding hat ihn niedergeschlagen, und dann kamen Ratten, von allen Seiten, und haben..." Sie würgte wieder, bekam sich aber unter Kontrolle. "Sie haben angefangen, ihn anzufressen, obwohl er noch nicht ganz tot war. Zum Glück war er wenigstens bewußtlos. Sie wollten... sie wollten Futter."

William warf einen grimmigen Blick auf die Leiche. "So ist das also. Wir sollten ihn auf dem schnellsten Weg zum Friedhof schaffen. Ich denke, Leila und Delryn werden sich dafür interessieren. Und wenigstens bekommt er so ein anständiges Begräbnis."

Madeleine fuhr plötzlich zusammen. "Himmel, unsere beiden Gefangenen in den unteren Zellen... stell dir mal vor, die Ratten kommen an sie heran!"

"Am besten, wir nehmen die beiden gleich mit", entschied William. "Lord Baltimore und Sir Wirko werden sich sicher über Damengesellschaft freuen."

Madeleine nickte. "In Ordnung. Kümmere dich um die beiden, ich sorge dafür, daß der Mann hier transportfertig gemacht wird." Sie rief nach dem Soldaten und schickte ihn nach Tüchern, um die Leiche abzutransportieren.

William zögerte kurz, dann ging er nach oben und hielt Ausschau nach einem von Azims Leuten. Kaum hatte er sich umgesehen, als auch schon ein Assamit neben ihm aus dem Schatten trat. "Führt mich nach unten", bat der Ventrue. "Habt Ihr dort Ratten gesehen?"

"Nein", antwortete der Assamit. "Zu tief."

"Hoffentlich", murmelte William, und beeilte sich, ihm zu folgen.

Zu seiner großen Erleichterung schien der Assamit recht zu haben. Beide Gefangenen waren unversehrt, und von Ratten war nichts zu sehen. Die Äbtissin lag auf ihrer Pritsche, den Pflock immer noch sicher in der Brust, und niemand schien sich an ihr zu schaffen gemacht zu haben. William betrat Iltas Zelle - und erstarrte. Der Körper der Setitin und ihr Kopf daneben lagen noch so, wie er ihn gestern verlassen hatte. Um ihre Beine jedoch schimmerte ein merkwürdiges dunkles Glitzern, das gestern noch nicht dagewesen war und das für Williams geübte Sinne förmlich nach Magie stank. Nach einer äußerst unangenehmen Art von Magie, wie er bemerkte. Ohne zu zögern trat er an Ilta heran und legte eine Hand auf ihre Schulter. Gleich darauf fluchte er laut.

Was ist denn? fragte Madeleine. Du bist plötzlich so unruhig?

Das Weib will sich davonstehlen, antwortete er. Ich bin gerade bei Ilta, und so, wie es aussieht, haben ihre Gefolgsleute auf dem Schiff, wo ihr Herz liegt, ein Ritual begonnen, das sie zu ihnen holt.

Verdammt, dachte sie. Ich wußte doch, daß sie noch einen Trumpf im Ärmel hat. Kann man das Ritual irgendwie aufhalten?

Ich sehe mal nach. Was ist denn...aaah! Ein geistiger Schrei, gefolgt von Schmerz, so heftig, als würde jemand eine glühende Klinge in Madeleines Kopf rammen. Die Lasombra, die sich gerade mit dem Soldaten und der Leiche auf dem Weg nach oben befunden hatte, schrie auf, taumelte gegen die Wand und preßte beide Hände an den Kopf. Ihr Instinkt rettete sie. Ohne nachzudenken unterbrach sie die Verbindung zu William, ehe sein Schmerz sie in den Wahnsinn trieb. "Oh mein Gott, William..." flüsterte sie, dann griff sie nach der Kraft ihrer vitae und verschwand vor den Augen des verblüfften Soldaten. Sie hetzte die Treppe hinauf und sah sich nach einem der Assamiten um, die ihr und William in den letzten Nächten kaum von der Seite gewichen waren. Es machte sie fast krank, nicht zu spüren, wo er war, aber sie wagte nicht, die Verbindung zu ihm wieder herzustellen.

Ein Assamit stand plötzlich neben ihr. "Führt mich zu den Zellen, rasch", drängte sie. "Da unten ist etwas passiert."

Der Assamit stellte keine Fragen, sondern lief los. Es dauerte viel zu lange für Madeleine, der die Minuten wie eine Ewigkeit vorkamen. Endlich erreichten sie den Gang, in dem sich die beiden Zellen befanden, und sie ließ ihren Führer hinter sich und rannte zu Iltas Zelle. An der Tür blieb sie einen Moment wie erstarrt stehen. Vor der Pritsche, auf der der Körper der Setitin ruhte, lag William auf den Knien, den Kopf in den Nacken geworfen und die Hände ins Gesicht gekrallt. Sein ganzer Körper war blutüberströmt, und eine große Lache seiner vitae bedeckte einen Teil des Bodens. Gerade, als Madeleine ankam, nahm er die Hände vom Gesicht und stieß einen Schrei aus, der langsam zu einem leisen Wimmern verebbte. Dann sackte er in sich zusammen. Madeleine war sofort an seiner Seite und zog ihn an sich, ohne dabei darauf zu achten, daß sein Blut ihr Kleid tränkte. "Es ist ja gut", murmelte sie beruhigend und strich ihm übers Haar. "Es ist gut, ich bin hier." Vorsichtig tastete sie nach seinem Geist und stellte erleichtert fest, daß der Schmerz weitgehend nachgelassen hatte. Dafür spürte sie Schwäche und eine Hilflosigkeit, die sie beunruhigte.

William schlug die Augen auf. "Ich muß hier heraus", flüsterte er kaum hörbar und versuchte, sich aufzurappeln. "Sofort."

"Natürlich", sagte sie, half ihm auf die Beine und stützte ihn. Draußen sank er schwer gegen eine Wand und rutschte daran herunter, bis er auf dem Boden saß. Madeleine legte die Arme um ihn und hielt ihn fest. "Was ist passiert?" fragte sie schließlich.

"Ich wollte herausfinden, wie man dieses Ritual abbrechen kann", antwortete er zögernd. "Aber als ich die Frage gestellt habe, ist irgendetwas geschehen..." Er fuhr sich müde mit einer Hand über die Augen. "Ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß nicht mehr, ob ich etwas gesehen habe oder nicht. Anscheinend war da ein Schutzmechanismus aktiv oder so etwas... keine Ahnung. Das nächste, woran ich mich erinnere, ist ein Gefühl, als würde mir meine vitae aus dem Leib gekocht."

"Das habe ich gespürt", bestätigte sie und schlug die Augen nieder. "Es tut mir leid, daß ich dich damit allein gelassen habe."

"Mir nicht", erklärte er entschieden. "Wenn du dich nicht zurückgezogen hättest, würde es dir jetzt genauso schlecht gehen wie mir." Er sah an sich herunter. "Ich sehe furchtbar aus. Ich muß eine Menge vitae verloren haben. Aber ich habe nicht einmal Hunger."

Madeleine runzelte die Stirn. "Das klingt nicht gut. Ich... was ist das denn?" Mit einem Mal sprang sie auf und stürzte in die Zelle zurück. Sie riß einen breiten Streifen von ihrem Rock ab und begann, damit Williams Blut vom Boden aufzuwischen.

"Was machst du da?" fragte er von draußen.

"Sieh hin", antwortete sie grimmig, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. "Deine vitae fließt in ihren Körper. Das Miststück holt sich deine Kraft."

Plötzlich stand Azim im Raum. Neben ihm tauchte ein weiterer seiner Untergebenen auf, der Tücher und Lappen bei sich hatte und Madeleine ablöste. Innerhalb kürzester Zeit hatte er das Blut beseitigt. "Was ist hier los?" fragte Azim ruhig.

Madeleine berichtete. "Wir sollten Tarnesh holen", schloß sie. "Wir kennen uns mit Ritualen nicht aus, aber er weiß vielleicht, wie man das hier unterbinden kann." Azim nickte und gab einem seiner Leute ein Zeichen, woraufhin der lautlos verschwand. Madeleine sah an sich herunter. "Gibt es hier unten irgendwo Wasser? Normalerweise käme ich zwar nie auf die Idee, Williams vitae einfach abzuwaschen, aber das hier ist etwas anderes."

Azim deutete den Gang hinunter. "Dort hinten ist ein kleines Becken, da könnt ihr euch säubern."

Madeleine half William auf die Füße und ging mit ihm zum Wasser. Kurz darauf erschien ein weiterer Assamit mit sauberen Kleidern für sie beide. "Geht es dir besser?" erkundigte sie sich leise, als sie umgezogen waren.

"Der Schmerz ist weg. Ansonsten... ich fühle mich hilflos wie ein Neugeborenes, das hasse ich." Sie kehrten zu den anderen zurück. Plötzlich stand der Assamit vor ihnen, den Azim vorhin losgeschickt hatte. Über der Schulter trug er ein Bündel, das er jetzt ohne weitere Umstände absetzte, und das sich als Tarnesh entpuppte - gefesselt, geknebelt, und mit einem Ausdruck mörderischer Wut in den Augen.

Madeleine schlug die Hände über dem Kopf zusammen. "Was um Himmels Willen soll das? Es war die Rede davon, daß wir Tarnesh um seine Hilfe bitten, nicht, daß wir ihn gewaltsam entführen!"

Der Assamit verzog keine Miene und befreite Tarnesh von seinen Fesseln und dem Knebel. "Was hat das zu bedeuten?" zischte der Tremere, der sich sichtlich nur mit Mühe beherrschte.

Azim warf seinem Gefolgsmann einen Blick zu. "Es handelt sich um ein Mißverständnis", erklärte er ruhig. "Ich hatte in der Tat nicht befohlen, Euch mit Gewalt zu verschleppen." Er biß kurz die Zähne zusammen, ehe er weitersprach, und Madeleine konnte sehen, wieviel Überwindung ihn seine nächsten Worte kosteten. "Ich entschuldige mich in aller Form für diese unwürdige Behandlung. Bitte akzeptiert meine Entschuldigung sowie eine angemessene Spende meines Clans für den Aufbau Eures Gildenhauses."

Tarnesh streifte den Untergebenen mit einem kalten Blick, dann nickte er knapp. "In Ordnung. Wenn ich nun erfahren dürfte, weswegen man mich... hergebeten hat?"

"Wir haben ein Problem, und es ist dringend." Madeleine erklärte rasch, was vorgefallen war. "Mir ist bewußt, daß unser Vertrag abgelaufen ist. Ihr werdet für Eure Hilfe natürlich eine Entschädigung erhalten."

Tarnesh nickte nur und warf einen Blick in Iltas Zelle. "Schafft sie in einen anderen Raum. Hier könnte noch Blut im Boden sein, aus dem sie vielleicht Kraft ziehen kann. Und dann soll mich jemand nach Hause bringen, damit ich einige Dinge holen kann. Ich kann das Ritual nicht unterbrechen, aber ich kann verhindern, daß es weiterläuft. Zumindest für eine gewisse Zeit."

Einer der Assamiten hob ihn hoch, diesmal deutlich vorsichtiger als vorher, und verschwand mit ihm. William sah mit unbewegter Miene zu, wie Azim und seine beiden übrigen Gefolgsleute Ilta in die Nachbarzelle schafften. "Laß uns nach oben gehen und die Äbtissin und die Leiche zum Friedhof bringen", sagte Madeleine leise. "Es wäre ganz gut, wenn du hier wegkommst."

Dem konnte er nur zustimmen, und sie ließen sich von einem der Assamiten nach oben bringen. Im Hof wartete bereits ein Karren, auf den gerade die Leiche des Mordopfers geladen wurde. Die ebenfalls in Tücher gehüllte Äbtissin wurde danebengelegt, und William und Madeleine saßen auf. Der Ventrue griff nach den Zügeln und lenkte den Karren durch das Tor. Auf dem Weg zum Friedhof sprach er kein Wort. Madeleine war sehr besorgt darüber, daß sein Zustand sich offenbar nicht besserte. Er war nach wie vor sehr schwach, und nach einem solchen Blutverlust hätte er eigentlich hungrig sein müssen. Daß das nicht der Fall war, gefiel ihr überhaupt nicht.

Schließlich erreichten sie den Friedhof, und kurz nachdem sie das Tor durchfahren hatten, tauchten zwischen den Mausoleen zwei bekannte dunkle Gestalten auf.

"Wir grüßen euch", sagte Delryn und schnupperte neugierig in Richtung des Karrens. "Ihr bringt uns zwei, die wir untersuchen können?"

"Nur einer davon ist für euch", sagte Madeleine. "Die andere wird lediglich eure Gastfreundschaft in Anspruch nehmen."

"Ah", seufzte Leila enttäuscht. "Nunja, besser als nichts. Wer von euch beiden bringt ihn zu uns? Immerhin schuldet uns jeder von euch zehn, seit ihr unsere Dienste als Medium in Anspruch genommen habt, nicht wahr?"

William und Madeleine wechselten einen Blick. Deine Schuld ist älter als meine, erklärte sie.

Wenn du meinst, stimmte er zögernd zu. "Ich bringe ihn euch", sagte er.

"Gut, gut", sang Delryn und trat an den Karren. Gemeinsam mit ihrer Schwester hob sie den Toten herunter, dann zogen sich die beiden mit ihrem Studienobjekt in eine Gruft zurück.

Ehe wir die Äbtissin zur Ruhe betten, sollten wir daran denken, daß wir wahrscheinlich beobachtet werden, bemerkte Madeleine. Ich werde dafür sorgen, daß Khosanns vierbeinige Spione ihrem Herrn nichts berichten können.

Das wäre angebracht, stimmte er zu und sah zu, wie sie die Arme hob und nach den Schatten rief. Augenblicke später lag der komplette Friedhof in tiefster Finsternis.

Warte hier, empfahl sie, dann lud sie sich die Äbtissin auf die Schultern und ging zielstrebig auf die Gruft zu, in der Baltimore und Wirko lagen. Sie bettete Brunhilde daneben, verließ den Raum und schloß sorgfältig wieder die Tür hinter sich. Wir sollten Samia bitten, das hier zu versiegeln, meinte sie.

Ich denke auch. Ilta werden wir möglicherweise sowieso nicht hierherbringen können. Wie wäre es, wenn wir jetzt noch ein paar falsche Spuren legen, ehe du die Schatten wieder wegschickst?

Gute Idee.

Die beiden marschierten eine Weile kreuz und quer über den Friedhof, Madeleine rascher, William langsamer, da er im Gegensatz zu ihr nichts sehen konnte. Schließlich waren beide der Meinung, genug für die Tarnung getan zu haben. "Von Leila und Delryn werden wir heute nichts mehr sehen", stellte William fest. "Laß uns den Karren zurückbringen und sehen, wie weit Tarnesh ist."

 

Tarnesh hockte in tiefster Konzentration versunken in Iltas Zelle und war nicht ansprechbar. Um die Setitin herum war ein Kreis auf den Boden gezeichnet, an dessen Rand Kerzen brannten. Sehr seltsame Kerzen, wie Madeleine bemerkte: nicht nur, daß sie mit blauen statt gelben Flammen brannten, sie gaben auch keinerlei Wärme ab und schienen sich nicht zu verzehren. "Er sagte, er wird den Rest dieser Nacht brauchen, um einen Punkt zu erreichen, an dem er sein Ritual gefahrlos unterbrechen kann," erklärte Azim, "und morgen die ganze Nacht, um es zu vollenden. Dann wird der Prozeß solange aufgehalten sein, wie die Kerzen brennen. Wir werden ständig Wachen hier postiert halten."

"Danke", sagte Madeleine nur.

Azim nickte und warf einen kritischen Blick auf William. "Geht es dir besser?" fragte er leise.

Der Ventrue schüttelte den Kopf. "Ich fühle mich schwach wie ein Kleinkind", gab er zu. "Ehrlich gesagt, ich bin im Moment heilfroh, daß ständig zwei von deinen Leuten in meiner Nähe sind und auf mich aufpassen." Im nächsten Moment wurde ihm klar, daß er etwas Falsches gesagt hatte. Madeleine durchfuhr es bei seinen Worten wie ein Stich, und obwohl sie nichts sagte, wußte er doch, wie sie es aufgefaßt hatte: so, als glaubte er, sie sei nicht in der Lage, ihn zu beschützen. William spürte, wie es in ihm zu kochen begann. Sein fehlgeschlagener Versuch, etwas über Iltas Fluchtpläne zu erfahren, die Erinnerung an den Schmerz, die Wut über seine Schwäche und jetzt noch der Ärger darüber, daß er Madeleine verletzt hatte, ohne es zu wollen - William spürte, wie ihm die Kontrolle über sich entglitt. "Wir sollten gehen", knirschte er, dann drehte er sich um und ging mit raschen Schritten auf die Treppe zu. Madeleine, die natürlich genau spürte, wie es in ihm aussah, schaute ihm einen Moment lang mit ausdruckslosem Gesicht hinterher, dann folgte sie ihm. "Ich muß mich abreagieren", erklärte er kurz, als sie oben angekommen waren. "Wir treffen uns dann zu Hause." Sie nickte nur und ließ ihn gehen.

 

"Man hat eine zweite Leiche gefunden", sagte Francesca. "Etwa zur selben Zeit wie die gestern, und unter den selben Umständen. Nur der Ort war ein anderer, irgendwo im christlichen Viertel."

Madeleine warf einen Blick auf den Tagesbericht, der auf dem Tisch lag. "Auch das noch", murmelte sie. Diese Nacht fing so erbärmlich an, wie die letzte aufgehört hatte. Sie war bis kurz vor Sonnenaufgang im christlichen Viertel auf Patrouille gewesen, während William anderswo durch die Stadt gestreift war. Dabei war er offenbar mit den üblichen Unruhestiftern wesentlich unsanfter umgesprungen als sonst. Soweit sie mitbekommen hatte, hatte er zwar niemanden getötet, aber einige der Männer, mit denen er sich angelegt hatte, lagen jetzt vermutlich mit gebrochenen Knochen in Samias Hospital. Bei manchen von ihnen war es durchaus möglich, daß sie bleibende Schäden zurückbehalten würden. Das schlimmste war, daß William keinerlei Reue verspürt hatte. In seinen Augen waren die Männer Abschaum gewesen, die lediglich bekommen hatten, was sie verdienten. Er hatte sich mehr Sorgen darüber gemacht, daß Samia ihn vielleicht wegen eines Bruchs der Traditionen zur Rechenschaft ziehen würde, weil eventuell jemandem aufgefallen sein könnte, daß er kein Mensch war. Madeleine, die in den Nächten zuvor den Eindruck gehabt hatte, daß der Ventrue in Samia und ihren strengen Moralvorstellungen eine Art Vorbild sah und versuchte, ihr nachzueifern, mußte sich nun eingestehen, daß das vermutlich nur ein vorübergehender Effekt gewesen war. Wenn sie ehrlich war, mußte sie zugeben, daß sie Angst um ihn hatte - Angst davor, daß er sich vielleicht zu einem Monster entwickeln könnte, wie es unter Kains Kindern schon so viele gab. Insgeheim machte sie sich Vorwürfe, weil sie ihm nicht gefolgt war und versucht hatte, ihn zurückzuhalten. Einerseits war sie von seinen Worten noch verletzt gewesen, obwohl ihr natürlich klar war, daß er sie damit nicht hatte treffen wollen. Andererseits kannte sie ihn gut genug, um zu wissen, daß er in dieser Stimmung alleingelassen werden und niemanden sehen wollte, besonders niemanden, der ihm etwas bedeutete. Sie hatte sich schon öfter als einmal eine Abfuhr geholt, wenn sie in solch einer Situation versucht hatte, mit ihm zu reden. Trotzdem blieb das Gefühl, daß sie es hätte versuchen müssen, daß es möglicherweise ihre Schuld war, wenn er gestern beim ewigen Kampf gegen das Tier eine Niederlage erlitten hatte...

Ihre Ahnungen bestätigten sich, als der Ventrue eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang nicht erwachte. In den letzten Nächten war er früh wach geworden, und er war auch immer wirklich wach gewesen, nicht so verschlafen wie beim ersten Mal. Heute jedoch dauerte es wieder bis zum Sonnenuntergang, ehe er sich zu rühren begann. Madeleine war unten im Stall und kümmerte sich um ihr Pferd, das in letzter Zeit nicht besonders viel Aufmerksamkeit von ihr bekommen hatte, als sie spürte, wie er allmählich zu sich kam.

William wachte auf und wünschte sich sofort, einfach wieder einschlafen zu können. Er fühlte sich immer noch schwach und kraftlos, und mit seiner Stimmung stand es ebenfalls nicht zum Besten. Sein Streifzug durch die Straßen letzte Nacht hatte ihm nicht wirklich geholfen, sich abzureagieren. Selbst geschwächt war er den üblichen Schlägerbanden und Straßenräubern immer noch haushoch überlegen, und es war nicht wirklich eine Herausforderung gewesen, mit ihnen fertigzuwerden. Dazu kam sein schlechtes Gewissen wegen Madeleine. Sie war ihm nicht böse, und sie machte ihm auch keinen Vorwurf, trotzdem wußte er, daß er ihr wehgetan hatte, und das ließ sich nicht so einfach ignorieren. Im Moment war sie unten im Stall, das spürte er, aber er konnte sich nicht aufraffen, zu ihr zu gehen. Mißmutig zog er die Decke über den Kopf und beschloß, heute Nacht einfach nicht aufzustehen.

Madeleine war gerade damit fertig geworden, ihr weißes Streitroß zu striegeln, als William endgültig wach wurde. Sie lauschte kurz in sich hinein, dann seufzte sie. Sie verspürte plötzlich das dringende Bedürfnis, Jerusalem für eine Weile zu verlassen. Insbesondere zog es sie gerade überhaupt nicht zur Festung, um sich die zweite Leiche anzusehen. Sanft strich sie ihrem Pferd mit der Hand über die Nüstern. "Was meinst du, Perceval", murmelte sie. "Möchtest du ein wenig laufen?" Der Schimmel war natürlich hellauf begeistert, und so jagte Madeleine kurz darauf im Galopp durch die felsige Wüste vor der Stadt.

 

Als sie gegen Mitternacht zurückkehrte, hatte William sich immer noch nicht aus dem Bett gerührt. Madeleine brachte Perceval zum Stall zurück, rieb ihn ab und machte sich dann auf den Weg zur Zitadelle. Wie erwartet, fand sie den Hauptmann der Wache in seinem Amtszimmer vor. Der Mann schien niemals zu schlafen. "Ah, ich habe Euch schon erwartet", erklärte er, als Madeleine hereinkam. "Wir haben den Toten in der Kapelle aufgebahrt. Er sieht ähnlich übel aus wie der von gestern. Wollt Ihr ihn sehen?"

"Deswegen bin ich hier", nickte sie und ließ sich hinführen.

 

Eine Stunde später war sie in höchster Eile auf dem Weg zu Samia. Sie hatte den Toten bei Leila und Delryn abgeliefert, diesmal als Teil ihrer Schuld, und hoffte nun inständig, den Prinzen zu Hause vorzufinden. Die Leiche hatte ihr interessante und sehr beunruhigende Dinge verraten, die Samia dringend erfahren mußte.

Ismael ließ sie ein und machte eine einladende Handbewegung in Richtung Wohnzimmer. Samia saß in ihrem Schaukelstuhl, eine Wasserpfeife neben sich und einen Stapel Pergamente auf den Knien, die sie mit gerunzelter Stirn durchsah. Als Madeleine eintrat, blickte sie auf. "Guten Abend. Du siehst nicht gerade aus, als würdest du gute Neuigkeiten bringen."

"Tue ich auch nicht, leider." Madeleine setzte sich und lehnte dankend den angebotenen Schlauch ab. "Azim hat dir vermutlich erzählt, was gestern vorgefallen ist. Wahrscheinlich weißt du auch schon, daß man heute eine zweite Leiche entdeckt hat." Samia nickte. "Ich habe sie mir gerade angesehen", fuhr die Lasombra fort. "Von dem Toten gestern wußte ich schon, daß die Ratten diese Menschen regelrecht jagen, als Futter. Gestern ging ich aber noch davon aus, daß es Futter für sie sein sollte, für die Ratten. Das stimmt nicht ganz."

"Was meinst du damit?"

Madeleine unterdrückte den Ekel, der in ihr aufstieg, wenn sie an die Bilder dachte, die sie gesehen hatte. "Ich habe die heute gefundene Leiche noch einmal befragt, und mehr erfahren. Die Toten sind 'Futter für den Meister'. Das war wörtlich das, was ich herausbekommen habe."

"Den Meister?" fragte Samia verblüfft. "Welchen Meister?"

"Das weiß ich nicht", gab Madeleine zu. "Ich habe natürlich danach gefragt, aber die Dinge, die ich sehe, sind verzerrt und beeinflußt durch das, was der Mann wußte, oder vielmehr, die Ratten, die an ihm gefressen hatten." Sie schüttelte sich bei dem Gedanken. "Die Ratten denken von dem Meister einfach als von einer besonders großen, starken Ratte. Ich bin mir sicher, daß damit keine der Werratten gemeint ist, der Meister steht wohl noch über ihnen."

"Khosann", murmelte Samia. "Oder etwas, das er mit dem Thron gerufen hat." Sie schlug mit der Faust auf die Armlehne. "Verdammt, warum haben wir nur keine schnellere Möglichkeit, diesen Malachit herzuholen? Khosann überschwemmt die Stadt mit diesen Biestern, ich habe langsam Zweifel, ob wir durchhalten können, bis Malachit eintrifft." Sie seufzte. "Aber es wird uns wohl gar nichts anderes übrigbleiben, als so lange durchzuhalten." Sie warf Madeleine einen nachdenklichen Blick zu. "Wie geht es William?"

"Schlecht", sagte Madeleine leise. "Sehr schlecht. Er ist heute nicht einmal aufgestanden. Er fühlt sich schwach und hilflos, und es gibt nichts, was er mehr haßt als das."

Samia stemmte sich aus dem Schaukelstuhl und ging zu einem Schrank. Nach kurzem Suchen nahm sie eine kleine Glasphiole heraus und reichte sie der Lasombra, die etwas verwirrt die klare, farblose Flüssigkeit darin betrachtete. "Hier. Azim hat mir berichtet, was William passiert ist, und das könnte ihm vielleicht helfen. Aber du mußt sehr, sehr vorsichtig damit sein. Gib ihm jede Nacht einen Tropfen davon, bis die Nachwirkungen verschwunden sind. Aber wirklich nur einen Tropfen, auf keinen Fall mehr. Das Zeug ist gefährlich."

"Danke", sagte Madeleine und verstaute das Fläschchen vorsichtig in ihrem Kleid. "Ich sollte gleich zu ihm gehen und ihm etwas davon geben. Irgendwie fürchte ich, daß es ihm von alleine nicht besser gehen wird."

"Tu das", stimmte die Caitiff zu und widmete sich wieder ihren Dokumenten.

 

Madeleine betrat das Schlafzimmer und schloß leise die Tür hinter sich. William sah ihr entgegen und lächelte schief. "Setzt du dich zu mir?" bat er. Sie nickte, setzte sich auf die Bettkante und betrachtete ihn besorgt. "Komm mal her", sagte er leise und wollte sie an sich ziehen.

"Vorsicht", warnte sie und schob ihn sanft von sich. Als er sie erstaunt ansah, zog sie die Phiole aus ihrem Kleid. "Grüße von Samia", sagte sie. "Sie meinte, das hier könnte dir helfen. Sie hat mir sehr eingeschärft, dir pro Nacht nur einen Tropfen davon zu geben, ich will gar nicht so genau wissen, was da drin ist."

"Danke." Er sah sie an. "Stell es erstmal hin, wir sollten zuerst reden." Er seufzte. "Tut mir leid, was ich gestern gesagt habe. Es war nicht so gemeint, wie du es aufgefaßt hast."

"Das weiß ich", antwortete sie beruhigend. "Ich bin dir deswegen auch nicht böse, ich bin es nie gewesen. Ich weiß doch, daß du mich nie absichtlich verletzen würdest."

Er nahm sie in die Arme und hielt sie fest. "Ich liebe dich", flüsterte er.

Sie lächelte nur und küßte ihn. Schließlich machte sie sich vorsichtig los. "Jetzt sollten wir aber doch zusehen, daß wir dich wieder gesund bekommen", erklärte sie, griff nach dem Löffel, den sie für diesen Zweck mitgebracht hatte, und gab vorsichtig einen Tropfen der Flüssigkeit aus der Phiole darauf. "Ablecken", kommandierte sie und hielt ihm den Löffel hin. Gehorsam öffnete er den Mund und leckte den Tropfen ab. Im nächsten Moment schossen ihm blutige Tränen in die Augen, und er begann krampfhaft zu husten. Madeleine sah ihn erschrocken an.

Das brennt wie Feuer, erklärte er, unfähig, auch nur einen Ton hervorzubringen. Kurz darauf ließ das Brennen nach. "Puh", machte er. "Jetzt verstehe ich, warum Samia dich so gewarnt hat, daß ich nicht mehr als einen Tropfen pro Nacht davon schlucken soll. Aber es hilft." Er schloß die Augen und lehnte sich in den Kissen zurück. Madeleine spürte, wie seine Kraft zurückkehrte - und mit ihr der Hunger. William blieb einige Minuten reglos liegen und genoß einfach nur dieses Gefühl. Schließlich schlug er die Augen auf. "Ich glaube, ich muß jetzt doch noch einmal aufstehen", erklärte er und zwinkerte.

Madeleine zwinkerte zurück. "Aber warum denn?" fragte sie und glitt zu ihm unter die Decke. "Das ist doch wirklich nicht nötig."

 

"Das scheint ja besser gewirkt zu haben, als ich zu hoffen gewagt hatte", kommentierte Samia, als William ihr am nächsten Abend das Fläschchen zurückgab. "Ich hätte gedacht, daß es länger dauert, bis du wieder auf dem Damm bist. Um so besser." Sie stellte die Phiole in den Schrank zurück und sah die beiden ernst an. "Man hat eine dritte Leiche gefunden, diesmal im islamischen Viertel. Ich habe sie bereits zum Friedhof geschafft. Was habt ihr heute nacht vor?"

"Ratten jagen", erklärte Madeleine kalt. "Wir wollen eine der Werratten erwischen und ein paar Fragen stellen. Das Ungeziefer breitet sich rasant in der Stadt aus, inzwischen sind sie sogar schon in den Keller unseres Hauses eingedrungen. Unsere Leute haben zum Glück sehr schnell reagiert und sie ausgeräuchert, und sie passen auf, daß keine weiteren nachkommen. Auf den Straßen kann man kaum noch einen Schritt machen, ohne auf eins von den Biestern zu treten. Es wird höchste Zeit, daß wir etwas unternehmen."

"Das wird es wirklich", stimmte Samia zu. "Deswegen werden Azim und ich ebenfalls hinausgehen. Wir sollten uns später noch einmal treffen und zusammentragen, was wir herausbekommen haben."

 

Die Biester verfolgen uns schon wieder, stellte William fest.

Um so besser, erwiderte Madeleine trocken. Das erspart uns die Suche. Dieses Vieh da hinten sieht ja wirklich monströs aus. Es scheint aber keine Werkreatur zu sein, soweit ich das sehe.

Macht nichts. Vielleicht kann man da trotzdem etwas herausbekommen. Er machte einen Schritt auf die Ratte zu, zu schnell, als daß ein normales Auge der Bewegung hätte folgen können. Im nächsten Moment hielt er das Tier in der Hand. Die Ratte strampelte verzweifelt und versuchte, ihn zu beißen, kam aber mit ihren Zähnen nicht durch das dicke Leder seiner Handschuhe. Sie quiekte in den höchsten Tönen. Sie ruft um Hilfe, dolmetschte der Ventrue und beobachtete mäßig besorgt, wie aus allen Kellerlöchern und Mauerritzen der Umgebung plötzlich Ratten hervorquollen. Innerhalb kürzester Zeit war die Straße menschenleer, dafür drängten sich Hunderte von Ratten. Eine von ihnen begann plötzlich rasend schnell zu wachsen. Na also, dachte William zufrieden und setzte mit einem geschmeidigen Sprung auf das nächste Dach, ohne die Ratte dabei loszulassen. Madeleine folgte ihm einen Lidschlag später.

Die Werratte unten auf der Straße hatte inzwischen ihre menschliche Form angenommen - oder zumindest eine menschenähnliche. Sie schrie enttäuscht auf, als ihre vermeintlichen Opfer aus ihrer Reichweite sprangen und bückte sich. Im nächsten Moment flog etwas weiches, pelziges aufs Dach, traf William und versuchte vergeblich, sich an seiner Rüstung festzuhalten. Der Kerl wirft mit Ratten, stellte Madeleine etwas fassungslos fest und hechtete in Deckung.

Er zielt allerdings nicht besonders gut, bemerkte William und wich dem nächsten lebenden Wurfgeschoß mühelos aus.

Madeleine glitt an seine Seite und streckte die Hand nach der Ratte aus, die er immer noch festhielt. Gleich darauf schüttelte sie den Kopf. Diese Biester sind einfach zu beschränkt, erklärte sie enttäuscht. Ich sehe nur immer wieder diese riesige Höhle voller Ratten, und eine besonders große, die der Meister sein soll. Mit diesen Viechern kommen wir nicht weiter.

Wie du meinst, meinte William achselzuckend und warf das Tier vom Dach. Dann holen wir uns das da unten.

Madeleine sah sich um, stellte fest, daß keine menschlichen Beobachter in der Nähe waren, und machte eine gebieterische Handbewegung in Richtung der Werratte, die sich gerade umgedreht hatte und weglaufen wollte. Wahrscheinlich hatte sie Verstärkung holen wollen, aber ehe es dazu kam, wuchsen rings um die Kreatur vier tintenschwarze Gebilde aus den Pflasterritzen. Augenblicke später hatten sich die Tentakel um das Wesen herumgewickelt. Es war stark und zerrte mit übermenschlicher Kraft an seinen Fesseln, aber bevor es sich befreien konnte, stand William mit gezogener Klinge neben ihm und köpfte es mit einem sauberen Schlag. Die übrigen Ratten quiekten entsetzt und flohen.

Plötzlich stand Madeleine neben ihm. Sie rümpfte die Nase, dann beugte sie sich hinunter und ließ die Finger über die Leiche gleiten. Kurz darauf richtete sie sich wieder auf und seufzte. "Nichts", erklärte sie mißmutig. "Das Ding hier hat auch keine genauere Vorstellung davon, wer dieser Meister ist. Und es hat auch nicht die leiseste Ahnung, was seine Pläne sind. Das weiß wohl nur er selbst."

William nickte und sah sich um. "Laß uns Samia suchen gehen. Sie und Azim wollten ja auch nach Werratten Ausschau halten, wir sollten ihnen sagen, daß es keinen Zweck hat." Er stellte besorgt fest, daß die Ratten schon wieder aus ihren Löchern zu kriechen begannen. "Und außerdem brauchen wir einen Plan. Das Ganze gerät allmählich außer Kontrolle, wir müssen etwas unternehmen."

 

Dieser Meinung war auch Samia, als sie die Caitiff und Azim in der Nähe der südlichen Stadtmauer fanden. Die beiden hockten auf einem Dach und sahen auf einen Platz hinunter, an dem es besonders von Ratten wimmelte. Es waren allerdings nur die gewöhnlichen zu sehen, keine der Werkreaturen. "Da unten ist ein Zugang zu den Katakomben", erklärte der Assamit. "Deswegen ist hier so viel los."

"Ihr habt völlig recht, wir können nicht länger einfach nur zusehen und hoffen, daß die Biester von alleine verschwinden. Ich habe dem König schon nahegelegt, die Bürger zu organisieren, und er hat auch schon Schritte eingeleitet. Aber das wird nicht reichen." Samia blickte nachdenklich auf das Gewimmel hinunter. "Feuer. Ratten fürchten Feuer. Damit müßte man sie bekämpfen können."

"Willst du etwa die Stadt anzünden?" fragte Madeleine entsetzt. "Denk bitte daran, daß die Ratten nicht die einzigen sind, die feuerempfindlich sind."

"Keine Sorge, das vergesse ich schon nicht", beruhigte Samia sie. "Aber ein paar kontrollierte Brände..."

"Vielleicht könnte man Gräben in der Mitte der Straßen ziehen, zumindest bei den Hauptstraßen, und dort immer Feuer in Gang halten", schlug William vor.

"Im Prinzip keine schlechte Idee", fand Samia, "aber würdest du dir die Umsetzung zutrauen? Ich nämlich nicht." Sie schüttelte langsam den Kopf. "Wir haben soviel vergessen", murmelte sie. "Die Araber beherrschen wohl noch die Technik, die nötig wäre, um so etwas anzulegen. Leider haben wir keinen, der uns hilft."

"Wieso nicht?" wollte Madeleine wissen. "Osmadi. Er oder einer seiner Leute können uns vielleicht helfen. Und ich halte ihn für vernünftig genug, daß er im Interesse der Stadt mit uns zusammenarbeiten würde, bis das hier überstanden ist. Diese Rattenplage ist mit Sicherheit auch nicht in seinem Sinn."

"Da dürftest du recht haben", meinte Azim trocken. "Ich bin vorhin bei Osmadis Moschee vorbeigekommen. Die Ratten belagern das Gebäude förmlich und lassen keinen hinein oder hinaus."

"Dann laßt uns hingehen und mit ihm reden", schlug William vor. "Notfalls steigen wir über das Dach ein."

 

"Das ist tatsächlich eine Belagerung", murmelte Madeleine fassungslos und sah auf die Straße vor der Moschee hinab. Jeder Fußbreit war mit Ratten bedeckt.

William deutete auf ein Minarett. "Durch das Fenster dort drüben müßten wir durchpassen", meinte er. "Und es ist hoch genug, daß die Ratten uns nicht daran hindern können."

"Dann los", sagte Azim nur und sprang.

Die bewaffneten Ghoule, die hinter dem Fenster standen, waren durch das plötzliche Auftauchen der vier Kainiten sehr überrascht. Osmadi, der sich dahinter gerade mit einigen Männern unterhielt, blickte auf. "Darf ich fragen, was das zu bedeuten hat?" fragte er scharf.

Samia hob eine Hand. "Wir sind nicht hier, um Ärger zu machen, ganz im Gegenteil." Sie deutete nach draußen. "Wenn ich das recht sehe, hast du ein Problem. Wir haben vielleicht eine Lösung dafür, aber dazu brauchen wir deine Hilfe. Vielleicht können wir unsere Differenzen einen Moment lang vergessen und uns gegenseitig helfen."

Osmadi musterte sie, dann nickte er. "Gut. Reden wir." Er deutete auf eine Gebetsnische. "Ich bitte euch, meinem Glauben Respekt zu erweisen. Wir treffen uns in meinem Besprechungszimmer."

 

"Das klingt alles durchaus machbar", meinte Madeleine zwei Stunden später und sah nachdenklich auf die Pläne hinab, die Osmadi und seine Berater gezeichnet hatte. "Ich sehe da nur ein Problem: wir werden Unmengen von Öl brauchen, um die Feuer in Gang zu halten. Wo sollen wir das hernehmen?"

William spürte plötzlich ein zaghaftes Klopfen in seinem Geist. Wer ist da? fragte er lautlos.

Ich bins, Samia, kam die Stimme der Caitiff, und William bemerkte, daß sie unter dem Tisch irgendetwas in der Hand hielt, das schwach magisch glitzerte. Kannst du dir einen Vorwand ausdenken, hier zu verschwinden?

Sicher, wieso?

Ich möchte, daß du noch einmal zu dieser Magierschule gehst. Die Illuminaten haben sich eingeschlossen, das haben wir ja vorhin gesehen, und die Wachgargoylen auf dem Dach werde euch mit Sicherheit nicht in die Nähe kommen lassen. Aber mit diesen Magiern kann man vielleicht verhandeln, und du hattest doch schon Kontakt mit ihnen.

Kontakt ist gut, dachte William säuerlich. Ich habe zweimal mit einem ihrer Vertrauten geredet. Beim ersten Mal hat er mich angezündet, jedenfalls in einer Illusion, und beim zweiten Mal, als ich meinte, daß ich gerne mit den Leuten im Haus reden wollte, ist er kommentarlos verschwunden.

Trotzdem, beharrte Samia. Geh hin und versuche, ihre Unterstützung zu bekommen.

Versuchen werde ich es natürlich, stimmte er zu. "Was haltet ihr davon", sagte er laut, "wenn Madeleine und ich schon einmal zur Zitadelle gehen und dafür sorgen, daß alles organisiert wird? Wir werden Unmengen von Leuten brauchen, um die Gräben zu ziehen und alles anzulegen, das wird eine Weile dauern."

Osmadi nickte. "Nehmt die Pläne mit und laßt sie vervielfältigen. Je schneller die Arbeiten beginnen können, desto besser."

William nickte, steckte die Zeichnungen ein und war wenig später zusammen mit Madeleine auf dem Weg zur Festung.

 

Die Tore der Zitadelle waren fest verschlossen, und auf den Zinnen waren Wachen postiert. William klopfte an die kleine Pforte, die in das Haupttor eingelassen war. Eine Klappe öffnete sich. Dahinter erschien ein Gesicht, musterte die beiden und nickte. Kurz darauf schwang die Pforte auf. William und Madeleine betraten das Torhaus - und sahen sich einem Flammenmeer gegenüber. Madeleine schrie erschrocken auf, warf sich herum und wollte voller Panik fliehen. Im letzten Moment bekam sie sich wieder unter Kontrolle, ehe sie durch die inzwischen wieder geschlossene Tür brach und unerwünschte Aufmerksamkeit erregte. Das Feuer vor ihnen entpuppte sich als eine Doppelreihe von Soldaten, von denen jeder eine Fackel in der Hand trug. Sehr wirkungsvoll, kommentierte die Lasombra schaudernd und verkroch sich hinter William.

Der Wachhauptmann war natürlich anwesend. Er studierte die Pläne, die William ihm reichte, und nickte dann anerkennend. "Wer auch immer das gezeichnet hat, versteht etwas davon. In Ordnung, ich werde mich um Bautrupps kümmern. Außerdem werde ich dafür sorgen, daß Boten zu den umliegenden Festungen geschickt werden und von dort Petroleumvorräte einfordern. Es gibt in der Umgebung etwa ein halbes Dutzend Burgen, die dem König direkt tributpflichtig sind und einen derartigen Befehl nicht verweigern können."

"Ausgezeichnet", erklärte William zufrieden. "Dann fangt damit an, ich werde mich später noch einmal erkundigen, wie die Vorbereitungen laufen."

"Gut. Übrigens, wenn Ihr geht, möchtet Ihr vielleicht den Weg über die Mauer nehmen. Ich lasse Euch eine Stelle zeigen, an der Ihr mit einem Seil zu einem der Nachbardächer gelangen könnt. Es dürfte am besten sein, wenn Ihr die Zitadelle auch auf diesem Weg betretet. Das Tor wird rund um die Uhr von Fackelträgern bewacht."

"Das haben wir gesehen", bemerkte Madeleine. "Unangenehm, aber wirksam. Ich denke, wir werden über die Mauer gehen."

 

"Na sowas, zwei von euch?" Der Homunkulus erschien mit einem leisen "Plopp", kaum daß William und Madeleine das Dach gegenüber der Akademie betreten hatten. "Was wollt ihr hier?"

"Wir möchten deinen Meister sprechen", erklärte William. "Es ist dringend."

"Dringend, soso", brummte das Wesen. "Ich werde sehen, was sich machen läßt." Sprachs, und verschwand.

Eine halbe Stunde später erschien er wieder, so plötzlich wie er verschwunden war. "Mein Meister will euch sehen", erklärte er. "Aber nicht hier. Folgt mir." Damit segelte er vom Dach und flog in nordwestliche Richtung davon.

Bald darauf begannen die beiden zu ahnen, wo er hinwollte. Er fliegt zum Elysium, vermutete Madeleine, und William nickte. Tatsächlich hielt der Homunkulus vor Icharyds Taverne an.

"Hier ist es", erklärte er. "Wie ihr hineinkommt, wißt ihr ja selbst." Damit verschwand er.

William warf Madeleine einen fragenden Blick zu. Sie zuckte nur die Schultern und klopfte an den Seiteneingang.

Icharyd öffnete selbst. "Guten Morgen", begrüßte er die beiden. "Ich habe Euch schon erwartet. Das Elysium ist zwar noch nicht offiziell eröffnet, aber offenbar wird es schon benötigt. Hier wartet jemand auf Euch." Er trat mit einer einladenden Geste beiseite und ließ sie ein.

Drinnen war offensichtlich, daß die Umbauarbeiten noch in vollem Gang waren. Der Schankraum selbst würde aber kaum verändert werden, und dort führte Icharyd seine Gäste nun hin. Der Raum lag in einem trüben, dämmrigen roten Licht, das kaum zum Sehen ausreichte. Alle Tische bis auf einen waren leer. An diesem saß ein hochgewachsener Mann, vielleicht Anfang Fünfzig, mit einem kantigen, hageren Gesicht und kalten Augen. Er erhob sich, als die beiden näherkamen, und verneigte sich höflich. "Guten Morgen. Mein Vertrauter sagte mir, daß Ihr mich sprechen wollt. Worum geht es?"

Er verliert nicht viel Zeit, stellte Madeleine fest und setzte sich.

Das ist auch besser so. Zeit ist etwas, das wir nicht haben. William setzte sich ebenfalls und musterte den Magier. "Eine direkte Frage verdient eine direkte Antwort", erklärte er. "Wir wollen Euch und Euren Orden um Hilfe bitten." Die Augenbraue seines Gegenübers hob sich ein wenig, aber er schwieg. "Es geht um das Rattenproblem", fuhr William fort. "Wir sind mit einigen anderen Leuten dabei, etwas dagegen zu unternehmen. Aber alleine werden wir es nicht schaffen." Er umriß in knappen Worten, wie die bisherigen Pläne aussahen.

Der Magier nickte. "Feuer könnte in der Tat das einzig wirksame sein, was man einsetzen kann", meinte er. "Ich will nicht verschweigen, daß mein Orden Euresgleichen nicht gerade besondere Sympathie entgegenbringt. In diesem Fall denke ich allerdings, daß wir gemeinsame Interessen haben. Wir werden Euch unterstützen."

"Wir danken Euch", sagte Madeleine ernst. "Was könnt Ihr für uns tun?"

"Wie Ihr schon bemerkt habt, ist die Brennstoffversorgung die größte Schwachstelle in Eurem Plan. Wir können Euch acht Fässer liefern, die mit etwas gefüllt sind, das Petroleum ähnelt. Es brennt genauso heiß, wird allerdings von den Flammen nicht verzehrt, so daß man es immer wieder verwenden kann. Die Flüssigkeit, die herausläuft, wird am Ende der Brandrinne von unserer Magie wieder zurückgeleitet, die Fässer werden also nie leer. Unsere Bedingung ist jedoch, daß Ihr dafür sorgt, daß die Illusion aufrecht erhalten wird. Es muß so aussehen, als würden die Fässer immer nachgefüllt. Schüttet meinetwegen Wasser hinein, das wird den Behältern nicht schaden. Egal wie, es darf niemand merken, daß Magie im Spiel ist."

"Das sollte kein Problem sein", erklärte William. "Darum können sich unsere Ghoule kümmern, das sollte sich machen lassen."

"Gut." Der Magier lehnte sich zurück und betrachtete die beiden nachdenklich. "Wir werden zwei Tage brauchen, um die acht Fässer herzustellen. So lange müßt Ihr selbst zurechtkommen."

"Das schaffen wir irgendwie", versicherte Madeleine. "Es müssen ja auch noch die Gräben ausgehoben und sonstige Vorbereitungen getroffen werden. Eure Hilfe ist uns jedenfalls außerordentlich wertvoll."

"In Ordnung", erwiderte der Magier und wollte sich schon erheben, als sein Blick noch einmal auf William fiel. "Ihr habt noch eine Frage?"

"Ja", gestand der Ventrue. "Wenn das hier vorüber ist, würde ich mich gerne noch einmal mit Euch unterhalten. Gäbe es vielleicht die Möglichkeit, von Euch zu lernen?"

"Die Statuten der Akademie verbieten es, Wesen wie Euch einzulassen", erklärte er. Dann huschte für einen kurzen Augenblick die kaum wahrnehmbare Andeutung eines Lächelns über seine Lippen. "Es verbietet mir allerdings niemand, außerhalb unserer Mauern zu unterrichten, wen ich will. Wir werden sehen." Damit stand er auf. "Ich werde Euch wissen lassen, wenn die Fässer bereit sind", sagte er, dann ging er zum Ausgang und verschwand vor ihren Augen.

Icharyd trat lautlos an ihren Tisch. "Ein merkwürdiger Mann", fand er. "Aber immerhin - damit ist das Elysium wohl mehr oder weniger offiziell seiner Bestimmung übergeben." Er stellte ein Tablett mit drei Kelchen und einer Karaffe auf den Tisch, aus der es betörend duftete. "Ich denke, darauf sollten wir trinken. Ich habe extra etwas Besonderes aus meinen Vorräten herausgesucht."

Die beiden hatten keine Einwände.

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