Kapitel 31
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"Was ist denn da vorne los? Hörst du das auch?" William spähte angestrengt die Straße hinunter, von wo panische Schreie herüberdrangen. Er war mit Madeleine gerade auf dem Weg zu Samia, um dem Prinzen über das Abkommen mit dem Magier zu berichten. Auf den Straßen sah es übel aus, die Ratten hatten die Stadt fest im Griff. Die Arbeiten an den Feuergräben gingen nicht so rasch voran, wie man gehofft hatte. Die Männer, die damit beschäftigt waren, machten zum großen Teil einen resignierten oder sogar apathischen Eindruck und schienen bestenfalls widerwillig zu arbeiten. Es hing eine merkwürdige, bedrückende Hoffnungslosigkeit über der Stadt, und es war allgemein stiller, als es eigentlich hätte sein dürfen. Da vorn jedoch schien gerade etwas passiert zu sein. Die beiden Kainiten wechselten einen kurzen Blick und waren mit einem Satz auf dem nächsten Dach. Lautlos eilten sie in Richtung des Lärms. Kurz darauf sahen sie, was geschehen war: In der Nähe des Basars stand ein Wohnhaus in Flammen. Menschen liefen durcheinander, und offenbar hatte man gerade begonnen, die Löscharbeiten zu organisieren.

Ich könnte das Feuer löschen, aber das wäre beim besten Willen nicht unauffällig, bemerkte Madeleine und beobachtete besorgt, wie zwei Bewohner in Todesangst aus dem Haus hasteten. Es war nicht festzustellen, ob sich in den Flammen noch jemand befand.

Ich glaube nicht, daß das nötig sein wird, antwortete William und deutete auf einen Trupp Stadtwachen, der gerade im Eilschritt über den Basar kam. Der Hauptmann persönlich führte sie an und begann sofort, mit durchdringender Stimme Befehle zu erteilen. Innerhalb kürzester Zeit hatte er die Situation im Griff. William nickte zufrieden. Ein fähiger Mann, stellte er fest. Hier können wir nichts mehr tun. Ans Feuer können wir sowieso nicht, und die Wachen sind offenbar Herr der Lage. Laß uns gehen.

Madeleine warf noch einen Blick nach unten, mußte dann aber einsehen, daß er recht hatte. Die beiden ließen sich in einer Seitengasse unauffällig vom Dach herunter und setzten ihren Weg fort.

Sie waren schon fast bei Samia angekommen, als Madeleine plötzlich fragte: "Ist dir auch aufgefallen, daß hier weniger Ratten zu sein scheinen? Es ist, als würden sie vor etwas weglaufen..."

"Ja, und ich glaube, ich weiß auch wovor." William sah grimmig den vier Gestalten entgegen, die geradewegs auf sie zukamen. Sie sahen aus wie Menschen, hochgewachsene, kräftige Krieger, aber für die beiden Kainiten war offensichtlich, was sie waren: Garou.

Die Werwölfe hatten die beiden natürlich ebenfalls erkannt. Einer, der offenbar der Anführer war, ging einen Schritt vor den übrigen, die zu dritt nebeneinander fast die gesamte Straße blockierten. Kurz vor den beiden Vampiren blieben sie stehen. Der Anführer schnupperte, und für einen Moment glühte es rot in seinen Augen.

William hielt an und musterte die vier mit einer Gelassenheit, von der hoffentlich nur Madeleine merkte, daß sie zum Großteil gespielt war. Die Garou waren wirklich beeindruckend, und sie waren offenbar nicht gerade bester Laune. "Guten Abend", sagte der Ventrue höflich.

Der Werwolf nickte knapp und betrachtete ihn, als überlege er, ob er ihm hier und jetzt die Kehle aufbeißen sollte. "Euresgleichen findet man auch wirklich überall", grollte er. "Im Moment haben wir dringendere Dinge zu tun. Wenn das hier vorbei ist, werden wir uns um euch kümmern." Seine Stimme wurde leiser, ein bedrohliches Knurren. "Wenn ihr den Menschen hier etwas antut, dann werden wir euch jagen. Hütet euch." Damit gab er seinen drei Begleitern ein Zeichen, und die Garou gingen ohne ein weiteres Wort um die beiden Vampire herum und verschwanden hinter einer Hausecke.

William spürte, wie es in Madeleine kochte. "So ein arroganter Bastard", knirschte die Lasombra. "Als hätte er uns gerade erwischt, wie wir die Leute abschlachten."

William zuckte die Schultern. "Garou. Was erwartest du schon von denen."

"Es ärgert mich", gestand sie leise. "Wir kümmern uns um die Stadt und tun alles mögliche, um die Menschen vor diesen Ratten zu schützen. Von den Wölfen habe ich bisher noch keinen auf den Straßen gesehen oder dabei, wie sie den Leuten helfen, trotzdem behandeln sie uns wie Monster."

"So ist das nunmal." William seufzte. "Ich freue mich auch nicht gerade über diesen Auftritt eben, aber die meisten unserer Art sind Monster. Woher sollen die Wölfe wissen, wer wir sind?"

"Du hast ja recht. Aber irgendwie sticht es trotzdem." Sie schüttelte sich leicht. "Wir sollten nicht hier herumstehen. Samia wartet."

 

Samia wartete in der Tat, und sie hörte sich sehr interessiert an, was die beiden von dem Treffen mit dem Magier zu berichten hatten. "Das klingt gut", gab sie zu. "Wenn alles nach Plan läuft, haben wir morgen Abend die ersten der versprochenen Fässer." Ihr Gesicht verdüsterte sich. "Nur sieht es im Moment nicht danach aus, als würden die Gräben rechtzeitig fertig."

"Wir hatten auch den Eindruck, daß die Bauarbeiten recht schleppend vorangehen", stimmte Madeleine zu. Sie runzelte die Stirn. "Eigentlich wundert mich das. Die Leute haben etwas zu tun, sie bekommen auch Nahrungsmittel dafür, und überhaupt sollte es ihnen Mut geben, daß sie etwas gegen die Ratten unternehmen. Stattdessen..." Sie hob ratlos die Schultern.

"Da draußen geht irgendetwas vor", erklärte die Caitiff. "Ich kann mich im Moment nicht darum kümmern, ich muß noch einiges in Bezug auf die Abwehrmaßnahmen organisieren. Wenn ihr helfen wollt, dann seht euch um, schaut euch die Menschen an und versucht, herauszufinden, was mit ihnen los ist. Ich bin ganz deiner Meinung, diese Mutlosigkeit kann nicht natürlichen Ursprungs sein." Sie erhob sich und begann, im Zimmer auf und ab zu gehen. "Zwei Wochen", murmelte sie. "Zwei Wochen, bis Ismaels Vater in Konstantinopel sein kann. Wenn Malachit Glück hat und ein schnelles Schiff erwischt, kann er vielleicht in einer weiteren Woche hier sein. Das sind drei Wochen, die wir durchhalten müssen, und ich habe wirklich keine Ahnung, wie wir das machen sollen."

"Es gäbe vielleicht eine Möglichkeit, das ganze zu beschleunigen", meinte William zögernd. Samia blieb abrupt stehen und sah ihn fragend an. "Ich hatte gehofft, dieses Mittel nicht einsetzen zu müssen, aber da sich unsere Lage im Moment anscheinend jede Nacht weiter verschlechtert..." Er seufzte. "Ich kann jemanden, mit dem ich irgendwann früher bereits zu tun hatte, zu mir rufen. Es ist nicht garantiert, daß ich ihn erreiche, aber wenn ich ihn erreiche, dann muß er dem Ruf folgen. Malachit kenne ich, also könnte ich ihn theoretisch herholen." Er lächelte schief. "Je nachdem, wie gut ich zu ihm durchkomme, wird er sich damit mehr oder weniger beeilen. Und wenn er erst einmal hier ist, wird er natürlich nicht gerade gut auf mich zu sprechen sein. Aber wenn du glaubst, daß es nicht anders geht, dann werde ich es versuchen."

Samia nahm ihre Wanderung wieder auf und grübelte eine Weile vor sich hin. Schließlich gab sie sich einen Ruck. "Also gut, uns läuft die Zeit davon. Geh zu Tarnesh. Bitte ihn, seinen Kreis benutzen zu dürfen, und rufe Malachit."

"Und ich sehe mich inzwischen auf den Baustellen um", erklärte Madeleine. "Wenn ich etwas herausfinde, lasse ich es dich wissen."

 

"Guten Abend, Sir William. Kommt doch herein." Tarnesh trat beiseite und schloß die Tür hinter dem Ventrue. "Was führt Euch zu mir?" erkundigte er sich.

"Eine dringende Bitte", erklärte William. "Ich möchte gerne Euren Kreis benutzen."

Die Miene des Tremere verfinsterte sich schlagartig. "Woher wißt Ihr davon? Hat Samia Euch geschickt?" Als William nickte, murmelte er: "Klatschbase..." Der Ventrue hob eine Augenbraue, sagte aber nichts. Tarnesh seufzte. "Also schön, wenn es sein muß... folgt mir." Er führte seinen Besucher zu einer schmalen Hintertreppe, die steil in einen tiefen Keller hinunterführte. Die Decke war so niedrig, daß William den Kopf einziehen mußte. Es ging lange abwärts, aber endlich hatten sie den Fuß der Treppe erreicht, die in einen unerwartet breiten und hohen Gang mündete. Rechts und links waren in regelmäßigen Abständen kunstvoll geschmiedete eiserne Halterungen angebracht, in denen Fackeln steckten. Gerade, als William unten ankam, flammte das erste Paar wie von Geisterhand entzündet auf. Vor den Augen des erstaunten Ventrue entzündeten sich in rascher Folge auch die übrigen Fackeln immer paarweise, bis der ganze Gang von einem ruhigen, milden Licht erfüllt war. William war beeindruckt und gab sich keine Mühe, das zu verbergen. Er schritt hinter Tarnesh den Gang entlang, bis sie schließlich einen weiten Raum erreichten. Der Boden war zum größten Teil von einem kreisförmigen Diagramm bedeckt, das aus verschiedenen Metallen bestand, die direkt in den Stein eingelassen waren. An seinem Rand standen Kerzen, die sich ebenfalls eine nach der anderen von selbst entzündeten, als Tarnesh den Raum betrat.

Der Tremere drehte sich um. "Wen wollt Ihr kontaktieren? Euren Erzeuger?" William schüttelte den Kopf. "In diesem Fall setzt Euch nicht in die Mitte. Setzt Euch ins obere Drittel des Kreises. Wenn Ihr fertig seid, verlaßt einfach den Kreis, die Kerzen werden von alleine erlöschen. Ich warte oben." Damit drehte er sich um und verließ lautlos den Raum. William bewunderte noch einen Moment lang die kunstvolle Arbeit, dann riß er sich zusammen und betrat den Kreis.

 

Madeleine betrachtete nachdenklich die Baustelle. Ein tiefer Graben zog sich durch die Mitte der Hauptstraße, an der sie gerade stand, und einige Männer waren mit Schaufeln bei der Arbeit. Wesentlich mehr jedoch saßen an der Seite, möglichst in der Nähe der Feuer, die überall brannten, und starrten teilnahmslos vor sich hin. Stadtwachen versuchten, die Leute zur Arbeit anzutreiben, hatten damit jedoch nur mäßigen Erfolg. Als die Lasombra den Blick schweifen ließ, las sie Mutlosigkeit und Resignation in den Auren der Menschen, und eine Gleichgültigkeit, die sie erschreckte. Normalerweise hätte Stimmengewirr über der Straße liegen müssen, aber kaum einer der Arbeiter redete mit seinen Nachbarn. Jeder war in sich versunken und schien nichts von seiner Umwelt mitzubekommen - oder das auch nur zu wollen. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Madeleine sah sich nach einer Möglichkeit um, wie sie unauffällig an einen der Arbeiter herankommen konnte - so unauffällig, wie ihr das in ihrer ungewöhnlichen Rüstung mit den beiden Schwertern möglich war. Andererseits schien hier im Moment niemand in der Stimmung zu sein, auf ihren seltsamen Aufzug zu achten oder sich daran zu stören. Schließlich füllte sie an einem der Fässer, die für die Arbeiter bereitstanden, einen Becher mit Wasser, trat an einen Mann heran und reichte ihn ihm. "Danke, meine Dame", sagte der Mann automatisch. Als sie ihm den Becher gab und dabei ihre Hand die seine streifte, konzentrierte sie sich auf das, was mit ihm geschehen war.

Im selben Moment schlug es wie eine Welle über ihr zusammen. Eine Hoffnungslosigkeit, die tiefer ging als bloße Verzweiflung, ergriff sie und ließ sie nicht mehr los. Madeleine sah sich um und erkannte, daß alles, was sie bisher unternommen hatten, völlig sinnlos gewesen war. Die Männer, die noch an den Gräben arbeiteten, schienen noch nicht begriffen zu haben, daß alles, was sie taten, vergeblich sein mußte. Gegen die Ratten hatten sie keine Chance. Sie würden die Stadt überschwemmen und zerstören, und nichts würde sie daran hindern können. Aber das berührte die Lasombra kaum. Alles war gleichgültig geworden. Nichts war mehr wichtig. Langsam drehte Madeleine sich um und ging wie eine Schlafwandlerin die Straße hinab, ohne zu bemerken, daß hinter ihr der Becher zu Boden fiel und zerbrach.

 

William saß in Tarneshs Kreis und stellte fest, daß er heute Nacht größte Schwierigkeiten hatte, sich zu konzentrieren. Er hatte noch nie zuvor versucht, jemanden auf diese Art zu kontaktieren, und mußte nun erkennen, daß es schwieriger war, als er gedacht hatte. Daß er, seit er hier saß, überall um sich herum flüsternde Stimmen hörte, die er nicht wirklich ignorieren konnte und die ihn ablenkten, machte die Sache nicht einfacher. Plötzlich riß der Ventrue die Augen auf, und neben ihm erloschen zwei der Kerzen. "Madeleine..." flüsterte er. Ihre Gegenwart in seinem Geist hatte sich von einem Moment zum nächsten völlig verändert. Da, wo eben noch seine Geliebte gewesen war, gähnte jetzt ein schwarzer Abgrund. Er spürte sie noch, aber sehr weit entfernt, als lägen Tausende von Meilen zwischen ihnen. Und ihre Gefühle waren fast völlig erloschen. Madeleine wurde von einer Gleichgültigkeit beherrscht, die ihm Angst machte und ihn endgültig aus seiner Konzentration riß. Eine nach der anderen erloschen um ihn herum die Kerzen.

Madeleine! Er rief nach ihr, aber es dauerte einen Moment, ehe sie antwortete.

Was ist? Selbst ihre geistige Stimme klang müde, als müßte sie sich regelrecht aufraffen, mit ihm zu reden.

Das will ich von dir wissen! Was ist passiert?

Das ist doch egal, kam es zurück. So wie alles.

Was? fragte er ungläubig. Was ist egal?

Alles, wiederholte sie. Die Leute haben recht. Es ist doch völlig sinnlos, was wir hier tun.

William konnte es kaum glauben. Das ist es nicht, wie kommst du nur darauf? Wir machen doch Fortschritte, und was wir tun, ist wichtig!

Gar nichts ist wichtig. Sie war wirklich davon überzeugt, das spürte er, und es beunruhigte ihn immer mehr. Das war nicht die Madeleine, die er kannte.

Das glaube ich einfach nicht... ich glaube nicht, daß dir auf einmal alles egal sein soll! Eine Art geistiges Schulterzucken war ihre ganze Antwort. Ein schrecklicher Verdacht keimte in ihm, und aus seiner Unruhe wurde Angst um sie. Madeleine... wenn dich plötzlich nichts mehr kümmert, ist dir dann auch gleichgültig, daß ich dich liebe?

Einen Moment Stille, dann: Ja.

William war fassungslos. Sie meinte völlig ernst, was sie gerade gedacht hatte, aber er weigerte sich, es auch nur für einen Moment zu glauben. Es hielt ihn nicht mehr in dem Kreis. Hastig sprang er auf und rannte zur Treppe. Auf dem Weg nach oben nahm er mehrere Stufen auf einmal und erschien Augenblicke später vor dem leicht überraschten Tarnesh. "Schon fertig?" erkundigte sich der Tremere.

"Etwas ist schiefgelaufen", erklärte William hastig. "Ich muß dringend weg, ich komme später noch einmal." Das letzte, was er hörte, ehe die Tür hinter ihm zuschlug, war Tarneshs entsetzter Aufschrei: "Mein Kreis!" Dann rief er die Macht seiner vitae, setzte auf das nächste Dach und jagte quer durch die Stadt, in die Richtung, wo er Madeleine noch ganz schwach spürte.

Er fand sie in der Nähe des Stadttores südlich des Tempelbergs, wo sie auf der Straße stand, dem geschlossenen Tor zugewandt, und sich scheinbar nicht entscheiden konnte, wo sie jetzt hingehen sollte. Mit zwei, drei langen Sätzen hatte er sie überholt, sprang vom Dach und blieb vor ihr stehen. Als er sie ansah, erschrak er. Ihre grauen Augen waren stumpf und leblos, und ihr Blick schien durch ihn hindurchzugehen. William packte sie an den Schultern und schüttelte sie. "Verdammt, rede mit mir!" Sie reagierte nicht. Er ließ sie los. "Sieh mich an", sagte er leise. "Sieh mich an, und dann sag mir noch einmal, daß es dir egal ist, was ich für dich empfinde." Langsam richtete sich ihr Blick auf ihn. Sie sagte nichts, aber ganz allmählich wurden ihre Augen wieder klarer. Plötzlich schüttelte sie leicht den Kopf und sah ihn an, jetzt wieder hellwach und sichtlich verwirrt.

"William? Ich dachte, du wolltest zu Tarnesh?" Sie sah sich um und runzelte die Stirn. "Wo sind wir? Und wie bin ich hierhergekommen?"

"Erinnerst du dich nicht?"

"Nein... ich war an der Baustelle. Ich habe einem der Arbeiter Wasser gegeben. Und dann..." Sie wischte sich mit der Hand über die Augen. "Ich weiß es nicht. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was danach geschehen ist."

"Du scheinst eine falsche Frage gestellt zu haben", antwortete er grimmig. "Und dann ist etwas mit dir passiert, du warst nicht du selbst."

Sie sah ihn fragend an. "Was meinst du damit? Was habe ich getan?"

Er hob die Schultern. "Dir war alles egal. Genauso wie den Leuten überall. Mehr weiß ich auch nicht, ich habe dich erst hier gefunden."

Sie schüttelte langsam den Kopf. "Das ist unheimlich. Ich kann mich wirklich an überhaupt nichts erinnern. Dabei vergesse ich sonst kaum etwas. Das gefällt mir nicht. Ich hasse es, nicht zu wissen, was mit mir passiert ist."

Plötzlich trat eine schwarze Gestalt aus einem Hauseingang und verneigte sich leicht. "Ihr habt den Becher fallen lassen", sagte der Assamit. "Dann seid Ihr langsam die Straße entlanggegangen. Vermutlich wolltet Ihr zum Stadttor. Als Ihr gesehen habt, daß es geschlossen ist, seid Ihr stehengeblieben und habt Euch umgesehen. Und dann war Sir William da."

Madeleine betrachtete ihren Leibwächter nachdenklich. "Ich würde nie wagen, an Euren Worten zu zweifeln", versicherte sie. "Trotzdem ist es, als hättet Ihr mir gerade etwas über eine Fremde erzählt. Wie auch immer, ich danke Euch."

Der Assamit neigte kaum merklich den Kopf, dann trat er einen Schritt zurück und verschmolz wieder mit den Schatten.

Madeleine seufzte. "Unangenehm." Sie riß sich zusammen. Und wie ist es dir ergangen? Hast du Malachit erreicht?

Nein, gab er zu. Ich konnte mich nicht richtig konzentrieren, und dann ist das mit dir passiert und es ging überhaupt nicht mehr.

Tut mir leid, meinte sie schuldbewußt. Ich wollte dich nicht stören. Besorgt fügte sie hinzu: Ich hoffe, ich habe nicht noch andere Dinge getan, an die ich mich nicht erinnere und die mir leid tun müßten. War mir denn wirklich alles gleichgültig? Sie schien tatsächlich nicht darüber hinwegzukommen, daß ihr Gedächtnis sie im Stich ließ.

Allerdings. Sie spürte eine leichte Unruhe in ihm, die sie hellhörig machte.

Du hast mir nicht alles erzählt, stellte sie fest. Was habe ich getan?

Das ist doch nicht mehr wichtig, versuchte er sie zu beschwichtigen. Es ist vorbei und du warst beeinflußt.

Ich möchte es trotzdem wissen, beharrte sie. Ich stelle mir gerade furchtbare Dinge vor, die ich gesagt oder getan haben könnte.

William zögerte kurz. Dies war wieder einer der Momente, in denen er über die enge Verbindung zwischen ihnen gar nicht glücklich war. Manches hätte er lieber für sich behalten, anstatt Madeleine damit zu belasten. Du hast gesagt, es sei dir egal, daß ich dich liebe, gestand er schließlich.

Was? fragte sie entsetzt.

Ich habe es keinen Moment lang geglaubt, beruhigte er sie sofort. Im Gegenteil, das war der Punkt, wo mir endgültig klar wurde, daß du nicht du selbst bist. So etwas konnte einfach nicht von dir kommen, solange du die Kontrolle über dich hast. Und das hat mir auch geholfen, dich da herauszuholen. Er zog sie an sich. Mach dir deswegen keine Sorgen, bat er.

Sie hielt ihn fest. Danke. Einen Moment lang standen sie einfach auf der Straße, hielten sich in den Armen und kümmerten sich nicht darum, daß um sie herum die Ratten ihre Eroberung der Stadt fortsetzten. Schließlich gab Madeleine sich einen Ruck. Ich werde noch einmal versuchen, zu erfahren, wie man den Leuten helfen kann. Und du solltest vielleicht noch einmal zu Tarnesh gehen. Wir brauchen Malachit, und zwar so schnell wie möglich.

Er sah sie prüfend an, stellte fest, daß sie offenbar wieder in Ordnung war, und nickte. Gut. Wir treffen uns dann spätestens zu Hause. Paß auf dich auf.

Sie lächelte schief. "Ich tue mein möglichstes."

 

Tarnesh begrüßte William mit einem deutlichen Mangel an Begeisterung. "Ach, Ihr seid es wieder. Kommt herein." Als sich die Tür geschlossen hatte, drehte er sich um und sah den Ventrue durchdringend an. "Was habt Ihr vorhin da unten gemacht? Ich hatte schon befürchtet, der Kreis wäre beschädigt, aber es ist zum Glück nichts passiert." William berichtete so gut er konnte von seinen Erfahrungen mit dem Kreis, ließ dabei allerdings aus, was mit Madeleine passiert war. Tarnesh nickte nachdenklich. "Gut, dann war das wohl teilweise mein Fehler. Hat Samia Euch nichts von den Stimmen gesagt?"

"Nein. Sie sagte mir nur, ich solle zu Euch kommen und Euch bitten, den Kreis benutzen zu dürfen. Das war alles."

"Hm. Vielleicht ist sie doch nicht so eine Klatschbase, wie ich dachte." Er sah William scharf an. "Wenn Ihr ihr erzählt, daß ich das gesagt habe, bekommen wir Ärger, verstanden?"

"Daß Ihr was gesagt habt?" erkundigte sich William scheinheilig.

"Gut. Diese Stimmen, die Euch so verwirrt haben, sind ein wesentlicher Bestandteil des Kreises. Sie sind es, die dafür sorgen, daß Ihr Eure Zielperson nicht nur rufen, sondern Euch in gewissem Rahmen mit ihr unterhalten könnt. Ihr müßt Euch auf die Stimmen einlassen, sonst funktioniert es nicht. Bei Eurem ersten Versuch wolltet Ihr sie ignorieren, deswegen seid Ihr nicht weit gekommen."

William nickte. "Das wußte ich allerdings nicht. Wenn Ihr nichts dagegen habt, würde ich es gerne noch einmal probieren."

"Ich bringe Euch nach unten." Tarnesh öffnete die Kellertür und ging voran. Wieder entzündeten sich die Fackeln im Gang und die Kerzen im Raum scheinbar von selbst. Der Tremere deutete wortlos auf den Kreis, dann ließ er William allein.

William zögerte einen kurzen Augenblick, dann ließ er sich im Kreis nieder, schloß die Augen und konzentrierte sich. Sofort waren die Stimme wieder da, Tausende von ihnen, die überall um ihn herum flüsterten. Es war ein furchtbares Durcheinander, in dem er zuerst kein Wort verstehen konnte. Ganz langsam jedoch schälten sich zwei Stimmen aus dem Chaos. Eine davon trieb die andere offenbar an, herauszufinden, wer der unerwartete Eindringling war. Die andere, deutlich eingeschüchtert, versicherte mehrmals: Ja, Meister. Sofort, Meister. Dann war diese zweite Stimme plötzlich verschwunden und nur noch die erste war deutlich zu hören.

Wer ruft mich?

Malachit? Hier ist Sir William von Tintagel.

Kalte Wut schlug William entgegen. Was tut Ihr in meinem Kopf?

Ich muß mit Euch reden, es ist wichtig. Wir brauchen Euch in Jerusalem...

Verschwindet! donnerte Malachits geistige Stimme, und im nächsten Moment brach der Kontakt ab.

William schlug die Augen auf. Der Ruf hatte den Nosferatu erreicht, das war sicher. Allerdings hatte William das ungute Gefühl, daß Malachit sich nicht sonderlich beeilen würde, ihm zu folgen. Ihm war jedoch klar, daß er heute nacht nicht mehr erreichen konnte. Langsam erhob er sich und trat aus dem Kreis. Hinter ihm erloschen die Kerzen, eine nach der anderen.

"Nun?" erkundigte sich Tarnesh, als er wieder oben ankam.

"Der Kontakt wurde hergestellt, allerdings hatte ich nicht das Gefühl, daß mir die Gegenseite wirklich zugehört hat", gestand William. "Wenn es möglich ist, würde ich es gerne morgen noch einmal versuchen. Heute hat es jedenfalls keinen Zweck mehr."

Tarnesh nickte. "Dann bis morgen", sagte er nur. William verabschiedete sich höflich und ließ im Hinausgehen einen kleinen Beutel auf dem Tisch liegen. Tarnesh pflegte seine Dienste nicht aus reiner Gefälligkeit anzubieten, und eine Spende für den Aufbau seines Gildenhauses war mit Sicherheit angebracht. Es war William allerdings sehr wohl aufgefallen, daß der Tremere nicht wie sonst im Voraus über eine Gegenleistung verhandelt hatte.

Ehe er darüber weiter nachdenken konnte, meldete sich Madeleine. Warst du erfolgreich?

Leidlich, erwiderte er und berichtete. Und du? fragte er dann.

Das kann man wohl sagen, antwortete sie grimmig. Wir hatten recht, was mit den Leuten hier passiert, ist gesteuert. Diese Apathie wird von den Ratten verursacht. Jeder, der von so einem Biest gebissen wurde, verfällt in Gleichgültigkeit. Und wie gründlich das funktioniert, haben wir ja schon beide mehr oder weniger am eigenen Leib erfahren.

Das klingt schlecht. Kann man etwas dagegen tun?

Man kann, und sogar vergleichsweise einfach, wenn ich mir auch nicht sicher bin, wie lange das anhält. Man muß die Leute einfach dazu bringen, daß sie sich über etwas freuen oder auch Bewunderung oder ein ähnliches Gefühl empfinden. Das reißt sie aus ihrer Lethargie. Ich habe gerade einen Bautrupp bezaubert, und die Arbeiten hier gehen plötzlich richtig gut voran. Im Moment tue ich das, was du eigentlich viel besser kannst: ich laufe herum und lasse meinen Charme spielen.

Dann werde ich dich dabei unterstützen, beschloß er. Ich werde mich ein wenig im arabischen Viertel herumtreiben.

Tu das, kam es zurück. Ich bin gerade auf dem Weg zum Elysium. Wenn jemand die Massen bezaubern kann, dann ein Toreador. Ich werde Icharyd fragen, ob er uns helfen kann.

 

Icharyds Ghoul musterte Madeleine erstaunt und nicht besonders erfreut, als sie an der Taverne erschien. Ihre Lederrüstung mit den beiden japanischen Schwertern entsprach wohl nicht ganz seiner Vorstellung von passender Garderobe. "Guten Abend, Madame. Ihr wünscht sicher meinen Herrn zu sprechen?"

"Wenn das möglich wäre", nickte die Lasombra und ignorierte großzügig seine Blicke.

"Folgt mir bitte." Der Ghoul führte sie eilig in ein Nebenzimmer, wo Icharyd sie kurz darauf traf.

"Ah, Madame de Neuville. Es ist mir eine Freude, Euch zu sehen, wenngleich ich zugeben muß, daß Euch ein Kleid besser steht."

Madeleine lächelte. "Es ist sicher angemessener, aber nicht unter diesen Umständen. Ihr wißt, welche Zustände auf den Straßen herrschen."

"Allerdings", murmelte der Toreador düster. Dann wurde sein Gesicht wieder freundlicher. "Was kann ich für euch tun?"

Madeleine sah ihn einen Moment nachdenklich an, dann beschloß sie, gleich zur Sache zu kommen. "Ich bin hier, um Euch um Hilfe zu bitten." Sie beschrieb ihm kurz, was sie vorhin über die auf den Straßen herrschende Lethargie und ihre Ursache erfahren hatte. "Euer Clan beherrscht die Fähigkeiten, mit denen man diesen Menschen helfen kann, besser als irgendein anderer. Im Moment sind wir nur zu zweit, und William und ich können nicht die ganze Stadt abdecken. Wir vermuten, daß die Leute, die wir schon geheilt haben, rückfällig werden, wenn sie erneut gebissen werden, und bei den Massen an Ratten da draußen ist das nur eine Frage der Zeit."

Icharyd sah sie durchdringend an. "Ihr verlangt viel. Aber ich werde Euch unterstützen. Ich selbst bin hier unabkömmlich, aber ich werde Euch drei meiner Gefolgsleute mitgeben." Er klatschte in die Hände, woraufhin ein Diener erschien. Icharyd nannte ihm drei Namen, und kurze Zeit später standen drei Männer im Raum. Einer war offenbar maurischer Herkunft, die anderen schienen Europäer zu sein. "Ich habe eine besondere Aufgabe für euch", eröffnete er den dreien. "Madame de Neuville wird euch die Einzelheiten erklären, folgt ihren Anweisungen." Damit erhob er sich und verneigte sich vor Madeleine. "Meine Pflichten rufen mich."

Madeleine stand ebenfalls auf und sah ihn ernst an. "Ich danke Euch. Ihr habt uns sehr geholfen." Daß diese Hilfe vermutlich später ihren Preis haben würde, war der Lasombra klar. Im Moment ging es jedoch darum, den Menschen auf den Straßen zu helfen. Sie wandte sich an die drei Ghoule und begann, ihnen zu erklären, was zu tun war.

 

William war etwa eine halbe Stunde lang durch die Gegend gestreift, als er eine bekannte Gestalt sah, die ihm entgegenkam. "Osmadi ibn Harun ibn Djalal ibn Derak Doranak. Ich grüße Euch."

"Sir William von Tintagel." Der ehemalige Prinz neigte leicht den Kopf und sah William prüfend an. "Ihr scheint beschäftigt."

William überlegte kurz. Warum nicht, dachte er dann, und erzählte Osmadi kurz, was er über die Zustände auf den Straßen wußte.

Der Lasombra nickte. "So etwas ähnliches dachte ich mir schon. Ich bin gerade dabei, den Moscheen dieses Viertels reihum einen Besuch abzustatten und die Geistlichen zu bitten, sich besonders um die Leute zu kümmern. Die Kraft ihres Glaubens und ihrer Gebete wird sie stärken und den unnatürlichen Einfluß der Ratten zurückdrängen."

Auch eine Möglichkeit, dachte sich der Ventrue und nickte zustimmend. "Die Leute brauchen etwas, woran sie sich festhalten können. Wie Ihr gesehen habt, kommen die Bauarbeiten voran, wahrscheinlich werden wir morgen Nacht die ersten Gräben in Betrieb nehmen können."

"Das ist gut." Osmadi sah sich um. "Nun entschuldigt mich, ich habe noch einiges zu tun."

"Ich ebenfalls", versicherte der Ventrue und verabschiedete sich höflich.

Er war kaum zwei Straßenecken weitergekommen, als er plötzlich ein Gewicht auf seiner Schulter spürte. Betont langsam drehte er den Kopf und sah den Homunkulus auf seiner Schulter sitzen. Entgegen seiner üblichen Gewohnheit grinste das Wesen diesmal nicht, als es mit seiner knarrenden Stimme sagte: "Der Meister will dich sehen. Jetzt gleich, am selben Ort wie letztes Mal." Damit verschwand es, einen leichten Schwefelgeruch zurücklassend, der sich rasch verflüchtigte.

William zögerte nicht lange, sondern machte sich auf den Weg zum Elysium. Icharyds Ghoul schien nicht überrascht, ihn zu sehen. "Ihr habt Madame de Neuville knapp verpaßt", erklärte er. "Allerdings seid Ihr wohl nicht ihretwegen hier. Ihr werdet bereits erwartet."

Er führte William in ein Nebenzimmer, wo der Magier bereits an einem Tisch saß und ihm ungerührt entgegensah. "Guten Abend", sagte der Ventrue und setzte sich.

Der Magier nickte. "Guten Abend. Die Zeit drängt, deshalb laßt mich gleich zur Sache kommen. Meine Brüder und ich haben bemerkt, daß Ihr versucht, etwas gegen die zunehmende Hoffnungslosigkeit der Menschen zu unternehmen. Wir haben beschlossen, Euch dabei zu unterstützen." Er schob ein Blatt Pergament über den Tisch. "Versucht, diese Kräuter zu besorgen. Zusammen ergeben sie eine Droge, die Ihr stark verdünnt dem Wasser der Arbeiter beigeben könnt. Sie wird die Gleichgültigkeit verschwinden lassen und die Leute wieder mutiger machen. Aber seid vorsichtig damit, das Mittel macht abhängig. Wenn es länger als zwei oder drei Tage eingesetzt wird, wird es gefährlich."

William nahm das Blatt und besah sich, was daraufstand. Die meisten der Kräuter waren ihm unbekannt, aber das sollte kein Problem darstellen. Madeleine? Du kennst dich doch etwas mit Kräutern aus, sagt dir das etwas? Er las lautlos die Namen ab.

Zum größten Teil ja. Einige davon sind recht selten. Du solltest dich mit William unterhalten, er weiß über solche Dinge mehr als ich.

William faltete das Blatt zusammen und steckte es ein. Er fragte sich kurz, wieso die Magier von sich aus ihre Hilfe anboten; irgendwie konnte er sich nicht vorstellen, daß es aus reiner Selbstlosigkeit geschah. In Anbetracht der Lage hielt er es allerdings für klüger, vorerst keine diesbezüglichen Fragen zu stellen. "Ich danke Euch", sagte er. "Wir werden uns darum kümmern, daß das Mittel hergestellt wird. Wir werden seinen Einsatz so lange es geht hinauszögern, aber wenn es nötig wird, werden wir es in der Hinterhand haben."

"Dafür war es gedacht", sagte der Magier und erhob sich. "Ihr werdet die ersten Ölfässer morgen Nacht erhalten. Dann wird sich die Lage auf den Straßen hoffentlich verbessern."

 

"Eine interessante Zusammenstellung", bemerkte William von Baskerville und studierte die Liste. "Einige dieser Kräuter wachsen in ausgesprochen sumpfigen Gegenden, sie werden hier nicht gerade leicht zu bekommen sein."

"Kannst du sie besorgen?" fragte der Ventrue.

Baskerville verzog das Gesicht. "Wenn die Magier euch diese Liste geben, anstatt das Mittel selbst zu brauen, bedeutet das wohl, daß ihre Vorräte erschöpft sind. Damit dürfte es schwierig werden. Allerdings..." Er grinste plötzlich. "Vielleicht solltet ihr mal bei den Illuminaten nachfragen."

"Madeleine war sowieso gerade auf dem Weg zu ihnen. Sie wollte fragen, ob sie uns in irgendeiner Form helfen können. Dann kann sie sich gleich konkret nach den Kräutern erkundigen." William lauschte kurz in sich hinein. Madeleine? Sie antwortete sofort, und er berichtete von Baskervilles Vorschlag.

Ich hätte nicht gedacht, daß die Illuminaten Kräutervorräte haben könnten, gab sie zu. Ich hatte geglaubt, dort gibt es nur Bücher. Aber William wird wissen, wovon er redet. Ich werde Wenzel fragen.

 

Madeleine näherte sich dem Haus der Illuminaten ausgesprochen vorsichtig. Sie hatte nicht vergessen, daß auf dem Dach vier Wachgargoylen postiert waren, die über die Annäherung einer Kainitin vermutlich nicht gerade erfreut sein würden. Die Kreaturen auf dem Dach regten sich jedoch nicht, und die Lasombra erreichte unangefochten die Vordertür. Auf ihr Klopfen öffnete sich eine kleine Klappe, hinter der das gewohnt unfreundliche Gesicht von Wenzels Diener erschien. "Du schon wieder? Was willst du?" Madeleine hob wortlos die Hand mit dem Ring, woraufhin der Gargoyle mißmutig die Klappe zuwarf und die Tür öffnete.

"Ist Meister Wenzel zu sprechen?" erkundigte sich Madeleine höflich, ohne im Geringsten auf das Benehmen des Gargoyle einzugehen.

Der Diener nickte griesgrämig und deutete auf die Tür zum Wartezimmer. Kurz darauf trat Wenzel ein. "Guten Abend", sagte er und musterte Madeleines seltsame Kleidung mit leichter Verwunderung. "Was führt Euch zu mir?"

Madeleine nahm den angebotenen Stuhl an und setzte sich. "Ihr habt Euch hier sehr wirksam verschanzt", sagte sie. "Trotzdem gehe ich davon aus, daß Ihr über das, was in der Stadt passiert, gut informiert seid."

Wenzel nickte. "Wir haben unsere Augen und Ohren, in der Tat."

"Dann wißt Ihr, wie es draußen aussieht. Wir sind dabei, etwas zu unternehmen, um den Menschen da draußen zu helfen. Und dafür bitten wir Euch um Unterstützung." Wenzel hob eine Augenbraue, sagte aber nichts und wartete, daß sie weitersprach. Madeleine lehnte sich nach vorn und sah ihn durchdringend an. "Ich habe gesehen und gefühlt, wie es in diesen Leuten aussieht. Nach dem ersten Biß einer Ratte werden sie so gleichgültig, daß diese Biester sie bei lebendigem Leib auffressen könnten, ohne daß sie sich wehren. Wir können nicht einfach zusehen, wie viele von ihnen sterben. Wir versuchen, sie aus ihrer Lethargie zu reißen, aber wir sind wenige und können nicht überall sein."

"Und was erwartet Ihr von uns? Was sollen wir tun?"

Madeleine griff zu Pergament und Feder, die auf dem Tisch vor ihr lagen, und notierte die Namen der Kräuter. "Könnt Ihr das besorgen?"

Wenzel studierte die Liste. "Ihr seid Euch dessen bewußt, daß das nicht ungefährlich ist, nicht wahr?"

Sie nickte. "Das wissen wir. Deswegen wollen wir das Mittel als Notlösung, wenn alles andere nicht mehr hilft."

"Man wird es sehr stark verdünnen müssen", murmelte Wenzel. Er schwieg eine Weile nachdenklich, dann hob er den Blick. "Gut. Wir werden das Elixier für Euch herstellen. Es wird wahrscheinlich morgen im Lauf des Tages fertig sein."

"Ich danke Euch", sagte Madeleine schlicht. "Wir hoffen sehr, daß wir es nicht benutzen müssen, aber wir müssen auf das Schlimmste vorbereitet sein." Sie erhob sich, verabschiedete sich und ging.

 

William schlug die Augen auf und lächelte, als er Madeleine neben sich auf dem Bett sitzen sah. "Guten Abend"sagte er leise und küßte sie. "Es ist schön, aufzuwachen und dich als erstes zu sehen."

Sie erwiderte das Lächeln. "Ich dachte, ich bringe dir das Frühstück. Auch wenn wir dafür nicht viel Zeit haben. Draußen ist viel zu tun. Die Illuminaten haben ein kleines Faß abliefern lassen, das das Elixier für den Notfall enthält. Aber solange wir es nicht einsetzen müssen, sollten wir darauf verzichten."

Er nickte. "Auch wenn er mich vermutlich am liebsten hinauswerfen würde, werde ich gleich noch einmal zu Tarnesh gehen. Und dann patrouillieren wir wieder." Er strich ihr sanft über die Wange. "Aber vorher klingt Frühstück nach einer ausgezeichneten Idee."

 

"Guten Abend", sagte Tarnesh, als er die Tür öffnete. "Ich habe Euch bereits erwartet. Bevor wir nach unten gehen, noch eine Sache." Er reichte William den Beutel zurück, den dieser gestern auf dem Tisch hatte liegen lassen. "Ich weiß das zu schätzen, aber es ist nicht notwendig. Ich stelle Euch meine Dienste zur Verfügung, weil ich noch eine Schuld zu begleichen habe. Ich möchte mir keine neue einhandeln, indem ich dafür eine Bezahlung von Euch akzeptiere."

"Wie Ihr wünscht." William steckte den Beutel wieder ein. Tarnesh nickte kurz, dann brachte er den Ventrue nach unten und zog sich zurück.

William ließ sich im Kreis nieder und stellte sofort fest, daß es ihm heute leichter fiel, sich auf die wirr durcheinanderflüsternden Stimmen einzulassen. Es dauerte nicht lange, da spürte er, daß er Kontakt zu Malachit hatte. Und diesmal würde der Nosferatu ihn nicht so einfach aus seinem Kopf verdrängen können.

Hört mir bitte zu, Malachit. Der Knochenthron der Nosferatu in Jerusalem ist in Gefahr. Er wurde besetzt und wird zu Zwecken mißbraucht, die Ihr sicher nicht gutheißt.

William hatte den Eindruck, daß er endlich Malachits Aufmerksamkeit geweckt hatte. Wer seid Ihr? William nannte seinen Namen. Der Ventrue, der vor einigen Monaten hier in Konstantinopel für Aufruhr gesorgt hat?

Derselbe, bestätigte William, obwohl er mit Malachits Ausdrucksweise nicht völlig einverstanden war.

Ihr solltet von dem Thron eigentlich gar nichts wissen, knurrte der Nosferatu.

Viel weiß ich auch nicht darüber, gab William zu. Aber der Thron wurde von einem Tzimisce besetzt, der ihn dazu benutzt, Jerusalem mit Ratten zu überschwemmen. Und vielleicht noch schlimmeres.

Etwas so abartiges kann nur einem Tzimisce einfallen, stellte Malachit fest. In Ordnung, das rechtfertigt möglicherweise - möglicherweise! - Euren Ruf. Ich werde so schnell ich kann nach Jerusalem kommen. Sollte ich dort allerdings feststellen müssen, daß ich nicht wirklich dringend gebraucht werde, solltet Ihr bei meinem Eintreffen besser nicht mehr in der Stadt sein.

Ich wünschte, wir bräuchten Euch tatsächlich nicht dringend, erwiderte William. Die Zustände hier sind katastrophal, und sie werden schlimmer.

Erwartet mich in sieben Nächten. Und schickt mir ein schnelles Ghoulpferd zum Hafen, das mich abholt.

Das werden wir. Ich danke Euch. William spürte, daß der Nosferatu den Kontakt von sich aus nicht abbrechen konnte, und tat es selbst. Dann machte er sich eilig auf den Weg zu Samia, um endlich einmal mit guten Nachrichten bei ihr zu erscheinen.

 

Es war bereits kurz vor Mitternacht, als Madeleine sich bei ihm meldete. William spürte mühsam unterdrückten Zorn bei ihr. Ich habe gerade die Garou gefunden, erklärte sie, als er nachfragte. Sie stehen um die Grabeskirche herum und sichern das Gebiet. Ratten gibt es hier keine, die trauen sich nicht an sie heran. Die Menschen allerdings auch nicht. Die Wölfe sind in Kampfform, und kein gewöhnlicher Mensch wird sich in die Nähe eines dreieinhalb Meter hohen Monsters wagen.

Crinus, kommentierte William finster. Denen scheint es wirklich ernst zu sein. Sie schützen die Kirche, alles andere ist ihnen egal.

Allerdings, antwortete sie bitter. Die Kirche könnte den Leuten Schutz bieten, aber nicht unter diesen Umständen. Ich habe nicht mitgezählt, wieviele ich heute Nacht schon davor bewahren mußte, von Ratten aufgefressen zu werden. Und wenn ich daran denke, daß diese Garou uns gestern bedroht haben, als wären wir die Gefahr für die Menschen...

Ich denke, wenn das hier vorbei ist, wird man sehen, wer sich um wen kümmern wird, erwiderte er und erinnerte sich an die Worte des Werwolfs letzte Nacht. Im Moment gibt es wichtigeres. Ich bin in der Nähe des Basars, und hier wird gerade der erste Feuergraben vorbereitet.

Es dauerte nur ein paar Minuten, dann stand Madeleine neben ihm. Sie wechselten einen kurzen Blick und einen Gedanken, dann kletterten sie auf eins der benachbarten Dächer. Schweigend sahen sie zu, wie sich kurz darauf unter ihnen eine feurige Schneise durch die Stadt schob, der kurz darauf eine zweite folgte. Von Norden nach Süden und von Westen nach Osten zogen sich zwei flammende Gräben quer durch Jerusalem, und selbst hier oben war zu spüren, wie sich in den Straßen neue Hoffnung ausbreitete.

 

Die nächsten Nächte vergingen, und allmählich spielte sich eine Art Routine ein. William hatte Goliath losgeschickt, um Malachit am Hafen abzuholen. Das Streitroß war wenig begeistert gewesen, ohne seinen Herrn losziehen zu müssen. Die Aussicht, wieder einmal richtig laufen zu dürfen und nach seiner Rückkehr eine ordentliche Belohnung in Form der von ihm so heißgeliebten Äpfel zu bekommen, hatte ihn dann aber zumindest soweit versöhnt, daß er ohne allzugroßes Murren abgezogen war. William machte sich keine Sorgen um sein Pferd. Solle unterwegs jemand dumm genug sein, sich mit dem Rappen anlegen zu wollen, war der Betreffende zutiefst zu bedauern.

Die beiden Kainiten verbrachten fast die gesamte Zeit zwischen Sonnenunter- und -aufgang auf den Straßen. Die Feuergräben halfen, die Hauptstraßen einigermaßen sicher und frei von Ratten zu halten. Das Ungeziefer reagierte darauf natürlich, indem es sich in die Seitengassen zurückzog und dort um so heftiger wütete. William und Madeleine, unterstützt von Icharyds Ghoulen sowie Giovanni und Caterina, taten ihr möglichstes, auch wenn die Lasombra sich manchmal des Gefühls nicht erwehren konnte, daß ihre Anstrengungen nur ein Tropfen auf dem heißen Stein waren.

Samia und Azim waren ebenfalls ständig im Einsatz. Die beiden planten und organisierten. Samia hatte den König überredet, die noch nicht von Ratten befallenen Kornspeicher zu öffnen und alle noch unverdorbenen Lebensmittelvorräte an die Bevölkerung auszugeben. Es mußte auf jeden Fall verhindert werden, daß die Bürger vor Hunger anfingen, die Ratten zu essen. Die Kainiten wollten sich lieber nicht vorstellen, welche Folgen das haben konnte.

In der sechsten Nacht nachdem die ersten Feuergräben angezündet worden waren, erklang eine Stunde nach Sonnenuntergang ein bekanntes Wiehern unten im Hof. "Goliath!" rief William erfreut und stürmte die Treppe hinunter.

"Sogar eine Nacht früher als erwartet", bemerkte Madeleine und folgte ihm.

Im Hof stand tatsächlich Goliath mit einem fremden Reiter. Madeleine mußte zugeben, daß seine Tarnung hervorragend war - nicht einmal sie konnte unter der Maske des Adligen auf Anhieb Malachit erkennen. Der Nosferatu schwang sich aus dem Sattel. Madeleine knickste. "Ich grüße Euch, Malachit. Es ist gut, daß Ihr gekommen seid, und wir danken Euch dafür."

Malachit nickte kurz. "Was ich bisher von den Zuständen in dieser Stadt gesehen habe, rechtfertigt Euren Ruf."

"Für den Moment haben wir die Lage einigermaßen im Griff", erklärte William. "Wenn unser Gegner sich allerdings etwas neues einfallen läßt, bekommen wir Schwierigkeiten."

"Ihr solltet mit dem Prinzen reden", stellte Madeleine fest. "Wir werden Euch am besten sofort zu ihr bringen."

 

"Guten Abend, Ismael", sagte William, als Samias Ghoul die Tür öffnete und ihn freundlich anlächelte. "Ist Samia zu Hause?"

Ismael nickte und bedeutete ihnen, einzutreten. Dann fiel sein Blick auf Malachit. Er sah Madeleine an und machte eine fragende Handbewegung. "Ein Besucher", erklärte die Lasombra. "Samia erwartet ihn."

Damit war für Ismael offenbar alles in Ordnung. Er nickte und winkte die drei ins Wohnzimmer.

"Kann er nicht reden?" knurrte Malachit.

"Nein", sagte Madeleine kurz. Die Lasombra schätzte den Ghoul und seine stets fröhliche Art, und Malachits unfreundlicher Ton gefiel ihr nicht.

Samia und Azim saßen im Wohnzimmer am Schreibtisch, vor sich stapelweise Dokumente und Pläne. Als die Besucher eintraten, sahen sie auf. Madeleine trat einen Schritt nach vorn. "Samia, dies ist Malachit, Primogen des Clans Nosferatu zu Konstantinopel", sagte sie förmlich. "Malachit, dies ist Samia, Prinz von Jerusalem, sowie ihr Stellvertreter Azim."

Samia erhob sich. "Ich heiße Euch in meiner Stadt willkommen", sagte sie. "Nehmt Platz."

Die drei folgten der Aufforderung, dann sagte Malachit: "Ich hasse es, lange um die Dinge herumzureden. Also: warum bin ich hier? Ich habe auf meinem Weg durch die Stadt üble Zustände gesehen. Jetzt möchte ich wissen, was Ihr von mir erwartet."

Samia erklärte in knappen Worten, was in den letzten Nächten geschehen war. Während sie erzählte, verfinsterte sich Malachits Gesicht zusehends. Als sie schließlich fertig war, sah der Nosferatu William durchdringend an. "Das sind in der Tat ernste Neuigkeiten. Unter diesen Umständen vergebe ich Euch, daß Ihr mich gerufen habt. Ich werde Euch helfen, dieses Monster vom Knochenthron herunterzuholen, und danach werden wir quitt sein." Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. "Der Thron ist ein Artefakt, dessen Bedeutung innerhalb meines Clans recht umstritten ist. Die einen verehren ihn als heilig, die anderen sehen in ihm lediglich ein Objekt von großer Macht. Die meisten von uns sind sich allerdings einig, daß der Thron besser unbesetzt sein sollte. Und alle sind sich einig, daß er auf keinen Fall von einem Außenstehenden besetzt sein darf. Wir sollten möglichst schnell zuschlagen."

"Ihr habt recht", erklärte Samia. "Also, laßt uns Pläne schmieden." Sie lächelte leicht. "Wieder einmal."

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