Kapitel 32, Teil 1
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"Es gibt schlechte Neuigkeiten", sagte Madeleine leise.

William seufzte und reckte sich. "Warum nur überrascht mich das überhaupt nicht?" brummte er und setzte sich im Bett auf. "Was ist denn passiert?"

"Unten wartet der Adjutant des Hauptmanns deiner Wache. Ich habe mir seinen Bericht noch nicht angehört, damit der Mann nicht alles zweimal erzählen muß, aber es scheint, als hätte es tagsüber einen Angriff auf die Ölfässer gegeben."

Der Ventrue fluchte und schwang sich aus dem Bett. Kurz darauf betrat er zusammen mit Madeleine die Bibliothek, wo in der Tat bereits einer seiner Ghoule auf ihn wartete. Als die beiden Kainiten eintraten, stand der Soldat stramm und salutierte. William winkte ab. "Die Formalitäten sind nicht notwendig. Was habt Ihr zu berichten?"

"Es hat kurz nach Sonnenaufgang einen Angriff gegeben. Unsere Stellung am Damaskustor wurde überfallen und die Ölfässer gestohlen."

Die beiden Vampire wechselten einen besorgten Blick. "War eins von den besonderen Fässern dabei?" erkundigte sich Madeleine.

"Ja, Madame, leider. Es muß eine sehr gut geplante und präzise ausgeführte Aktion gewesen sein, sie hat nur ein paar Momente gedauert. Wir haben drei unserer Leute verloren, und die Überlebenden können sich an die Angreifer nicht erinnern. Die Wachen an den Fässern wurden inzwischen verdoppelt, aber der Schaden ist natürlich erst einmal passiert."

"Werratten", murmelte William angewidert. "Werkreaturen haben diesen Effekt auf Menschen. Die, die Glück haben, vergessen einfach, was sie gesehen haben. Die, die Pech haben, erinnern sich - und werden wahnsinnig." Er nickte dem Soldaten zu. "Ich danke Euch für den Bericht, Ihr könnt Euch zurückziehen. Wir werden uns gleich selbst am Tor umsehen, vielleicht finden wir Spuren."

 

Auf den Straßen herrschte normaler Betrieb - oder vielmehr das, was in den letzten Nächten zur Normalität geworden war. Es ist doch erstaunlich, dachte William, wie anpassungsfähig die Menschen sind, wenn es sein muß. Khosanns Plan war zumindest in einer Hinsicht nicht aufgegangen: er hatte kein Chaos produziert. In der Tat hatten sich die Bewohner der Stadt inzwischen auf bewundernswerte Weise organisiert. Seit die durch die Rattenbisse hervorgerufene Lethargie von ihnen abgefallen war, waren die Seitengassen fast leer. Durch die Hauptstraßen der Stadt zogen sich inzwischen fünf feuergefüllte Gräben, um die sich diejenigen versammelten, die kein Zuhause hatten. Die Leute rückten in der Not näher zusammen, man half sich gegenseitig, und es hatte sich tatsächlich so etwas wie Ordnung eingestellt. Die Zustände waren immer noch katastrophal, aber nicht mehr unerträglich, und sie wurden zumindest für den Moment auch nicht mehr schlimmer. Mehr, dachte der Ventrue, können wir uns im Augenblick wohl nicht erhoffen.

Als sie auf dem Weg zum Damaskustor am Elysium vorbeikamen, trat dort gerade ein gut gekleideter Adliger aus der Tür. Die beiden beachteten ihn nicht weiter und waren bereits an ihm vorbei, als der Fremde sich hinter ihnen räusperte.

"Guten Abend, Malachit", sagte Madeleine schuldbewußt und drehte sich um. Ich hasse das, kommentierte sie lautlos. Seine Tarnung ist perfekt, ich kann einfach nicht hindurchsehen.

Der Nosferatu nickte ihnen grüßend zu. "Ich nehme an, Ihr seid auf dem Weg zum Tor", sagte er leise. "Habt Ihr etwas dagegen, wenn ich Euch begleite?"

"Nicht im Geringsten", beeilte sich William zu versichern, und fügte hinzu: Was für eine Frage... als ob wir ihn daran hindern könnten.

Malachit machte eine einladende Handbewegung. "Bitte, nach Euch."

Wenig später erreichten sie den kleinen Platz in der Nähe des Tors, von dem aus sich der Feuergraben nach Süden in Richtung Basar zog. Wie der Adjutant bereits berichtet hatte, waren die Wachen um die Fässer herum verstärkt worden. Acht Ghoule waren hier auf dem Posten. Ihr Anführer sah William und salutierte. "Guten Abend, Sir. Ich nehme an, man hat Euch von den Vorkommnissen berichtet?"

"Man hat", bestätigte William und besah sich interessiert die Anlage. "Ich bin hier, um alles zu inspizieren. Laßt Euch durch mich nicht stören."

"Es waren heute mittag schon einmal Leute hier, um sich alles anzusehen", berichtete der Soldat so leise, daß außer William niemand mithören konnte. "Es waren Helfer der Inquisition, dem Anschein nach sehr geübte Kämpfer. Sie waren zu sechst, und sie standen hier, hier und dort drüben." Er deutete unauffällig auf einige Stellen.

"Danke", sagte William ebenso leise und ließ Madeleine wissen, was er soeben erfahren hatte.

Ich schaue mir das mal an, antwortete sie. Zwei von ihnen waren in halbwegs erträglicher Entfernung vom Feuer unterwegs, mal sehen...

William mußte sich sehr überwinden, nahe an das Ölfaß heranzutreten. Er wollte sich die Zuleitung etwas genauer ansehen, um vielleicht mehr über den Überfall zu erfahren. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen, machte einen Schritt auf das Faß zu und legte eine Hand auf die Leitung, während er so tat, als überzeugte er sich davon, daß sie dicht war. Kurz darauf trafen sich die beiden wieder bei Malachit, der sich unauffällig im Hintergrund gehalten hatte. "Nun?" erkundigte sich der Nosferatu kaum hörbar.

"Wie wir vermutet haben, Werratten", antwortete William ebenso leise. "Sie hatten es ganz gezielt auf die Fässer abgesehen, wußten aber nicht, daß eins davon etwas besonderes ist. Sie wollten sie vor die Stadt schaffen, um sie dort in der Wüste auszuleeren."

"Da werden sie sich wohl sehr gewundert haben", kommentierte Malachit trocken. "Noch etwas?"

"Ja", meinte der Ventrue zögernd. "Die Werratten sahen... merkwürdig aus. Nicht so wie die, die wir bisher gesehen haben. Sie schienen krank zu sein. Sie hatten Geschwüre am Körper, und das Fell ging ihnen büschelweise aus. Ich weiß nicht, was mit ihnen los war, aber diese Veränderung scheint neu zu sein."

"Wir sind auch nicht die ersten, die sich für diese Sache interessieren", ergänzte Madeleine. "Diese Helfer der Inquisition, die heute mittag hier waren, waren Garou. Nicht die selben, die die Grabeskirche bewachen, und auch nicht die, die mit Baltimore verbündet waren. Es scheint noch eine weitere Gruppe in der Stadt zu sein. Ich konnte leider nicht genau herausbekommen, was sie gesucht oder was sie gefunden haben, ich vermute allerdings, daß sie ähnliche Fragen gestellt haben wie wir."

Malachit nickte nachdenklich. "Der da drüben, in dieser Seitengasse - ist das einer von ihnen?"

Madeleine mußte sich zusammenreißen, um nicht allzu auffällig zu der Gasse hinüberzustarren, auf die der Nosferatu mit den Augen deutete. In der Tat stand dort ein kräftiger, kompakt gebauter Krieger im Kettenhemd, ein Schwert an der Seite, und sah zu ihnen herüber. Als er bemerkte, daß Madeleine ihn gesehen hatte, neigte er leicht den Kopf und machte eine kaum merkliche Handbewegung. "Ja, das ist einer von ihnen."

"Er scheint mit uns reden zu wollen", stellte Malachit fest. "Geht, ich werde hier auf Euch warten."

William und Madeleine wechselten einen kurzen Blick, dann gingen sie langsam auf den Garou zu. "Ich grüße Euch", sagte der Werwolf mit einer angenehmen, dunklen Stimme. Er hielt die Hände demonstrativ von seinem sichtlich häufig benutzten Schwert fern, um deutlich zu machen, daß er nicht die Absicht hatte, anzugreifen. "Ich habe den Eindruck, daß wir an der gleichen Sache interessiert sind. Wir sollten uns unterhalten."

William neigte leicht den Kopf. "Den Eindruck haben wir allerdings auch. Ihr habt Euch tagsüber hier umgesehen?"

"Ja. Und wir haben einiges erfahren." Der Garou sah nachdenklich von einem zum anderen. "Ihr scheint Euch von anderen Eurer Art zu unterscheiden", stellte er fest. "Wir haben gesehen, was Ihr in der Stadt getan habt. Ihr kämpft gegen die Zustände hier, so wie wir auch. Wir bieten Euch - in Grenzen! - Vertrauen gegen Vertrauen, wenn Ihr mit uns zusammenarbeiten wollt."

William schaffte es in geradezu bewundernswerter Weise, sich seine Verblüffung nicht anmerken zu lassen. "Das klingt vernünftig. Was erwartet Ihr von uns, und was habt Ihr anzubieten?"

"Wir suchen nach der Quelle dieses Übels", erklärte der Garou. "Wir haben die ganze Stadt durchkämmt, aber wir können sie nicht finden. Wir vermuten inzwischen, daß sie sich entweder nicht innerhalb dieser Mauern befindet - oder unter der Erde. Und wir glauben, daß Ihr mehr darüber wißt als wir. Was wir zu bieten haben..." Er machte eine kurze Pause. "Wir können das gestohlene Ölfaß wiederbeschaffen. Noch heute Nacht. Wenn Ihr uns soweit vertraut, daß Ihr uns freie Hand laßt und Euch nicht in diese Sache einmischt, dann werden wir uns darum kümmern."

Das klingt schon fast zu gut, um wahr zu sein, bemerkte Madeleine trocken. Wir haben heute wirklich genug zu tun, wenn wir noch in die Katakomben hinunterwollen. Wenn die Wölfe das Faß wiederbeschaffen können, haben wir ein Problem weniger.

Ganz deiner Meinung, stimmte er zu. Und realistisch betrachtet: wenn die Garou beschließen, daß sie hinter den Dieben herwollen, um das Faß zurückzuholen, und daß sie uns nicht dabeihaben wollen - glaubst du wirklich, wir könnten etwas dagegen machen? Wir zwei gegen sechs Wölfe?

Nicht wirklich, antwortete sie. Aber der hier klingt ziemlich vernünftig. Wir sollten uns auf den Handel einlassen, denke ich.

"Wir sind einverstanden", sagte William. "Ihr kümmert Euch um das Faß, und wir versuchen inzwischen, das Problem an der Wurzel zu packen."

Der Werwolf nickte. "In Ordnung. Wir werden das Faß binnen vier Stunden an seinen Platz zurückgebracht haben. Eure Anwesenheit ist dabei nicht erforderlich."

Im Klartext: Haltet euch da heraus und laßt euch bloß nicht blicken, übersetzte William säuerlich.

Soll mir recht sein, solange sie das Faß wiederbeschaffen, erwiderte Madeleine, pragmatisch wie immer. Wir haben ohnehin anderes zu tun.

"Gut", sagte William. "Dann sollten wir uns auf den Weg machen. Ich nehme an, wir hören von Euch."

"Mit Sicherheit", meinte der Garou ungerührt, nickte ihnen noch einmal grüßend zu und trat zwei Schritte zurück. Dann schien er ein unsichtbares Tor zu durchschreiten und verschwand vor ihren Augen.

"Nun?" erkundigte sich Malachit, als sie wieder bei ihm ankamen.

"Nicht hier", sagte William. "Laßt uns zu Samia gehen, sie wird das sicher ebenfalls sehr interessant finden."

 

Samia hörte sich den Bericht der beiden an. "Ich gestehe, ich bin erstaunt", gab sie zu. "So viel Vernunft hätte ich von den Wölfen nicht erwartet. Wie weit sind eure Vorbereitungen, in die Katakomben abzusteigen?"

"William von Baskerville hat sich heute den Tag über zusammen mit unseren Gastgebern im Handwerkerhof damit beschäftigt, Brandbomben herzustellen", erzählte Madeleine und unterdrückte ein Schaudern. Durch ihre Nähe zu den Schatten war ihr Feuer noch mehr zuwider als anderen Kainiten, und der bloße Gedanke an die mit Petroleum gefüllten Tongefäße verursachte ihr Unbehagen. "Bis Mitternacht werden wir insgesamt zwölf Stück haben, die wir mit nach unten nehmen können, um die Ratten auszuräuchern. Das einzige, was wir noch nicht gelöst haben, ist das Transportproblem. Wir brauchen etwas, worin wir die Dinger gefahrlos einpacken können. Und wir müssen wohl oder übel Feuer mitnehmen, um sie anzuzünden. Wie wir das anstellen sollen, ohne uns dabei selbst zu gefährden, ist mir noch völlig unklar."

Samia schwieg einen Moment lang nachdenklich. "Wegen eines Behälters solltet ihr vielleicht mal bei den Handwerkern in der Zitadelle nachfragen", meinte sie schließlich. "Möglicherweise kann euch der Sattler dort eine Hartledertasche geben, die man innen mit Stroh polstert, oder so etwas ähnliches. Was das Feuer angeht, würde ich vielleicht einen Tremere zu Rate ziehen."

William grinste. "Tarnesh wird sich freuen, wenn ich schon wieder bei ihm auftauche", stellte er fest. "Aber wir werden uns darum kümmern. Ich schlage vor, wir treffen uns kurz nach Mitternacht wieder hier. Bis dahin sind die restlichen Brandbomben fertig, und wir sollten alle Vorbereitungen erledigt haben."

 

Ausnahmsweise begrüßte Ismael die beiden nicht mit seinem gewohnten freundlichen Lächeln. Als William und Madeleine pünktlich um Mitternacht an Samias Tür auftauchten, warf der Ghoul einen mißtrauischen Blick auf Madeleines Schattenrüstung. Er nahm die Augen nicht von ihr, als er die beiden einließ und sich dabei so dicht wie möglich an die Wand drückte, um nur ja nicht zu sehr in ihre Nähe zu kommen. Madeleine, die diesen Effekt ihrer Rüstung auf Menschen gewohnt war und Ismael nicht unnötig beunruhigen wollte, beeilte sich, an ihm vorbeizukommen. Die Lasombra trug ein schmiedeeisernes Kohlebecken auf einem Dreifuß über der Schulter, das sie im Flur abstellte. Hinter ihr trat William ein, eine hölzerne Truhe in den Armen. Als die Tür sich hinter ihnen schloß, stellte er die Truhe ab und deutete auf das Becken. "Ismael, kannst du das bitte mit etwas Glut füllen?"

Der Ghoul nickte. Im nächsten Moment blieb ihm der Mund offenstehen, als William zum Wohnzimmer durchging und das Kohlebecken wie ein Hündchen hinter ihm herlief.

Im Wohnzimmer wurden sie bereits von Samia und Malachit erwartet. Die Caitiff war sichtlich überrascht, als sie die wandernde Feuerschale sah. "Wie ich sehe, habt ihr das Problem mit dem Feuer gelöst", bemerkte sie, als sie sich wieder einigermaßen gefangen hatte.

"Ja, das auch", erwiderte William. "Tarnesh hat uns sehr geholfen, auch wenn der Effekt nur für eine Nacht anhalten wird." Er sah in die Runde. "Wir sind aufbruchbereit. In der Truhe draußen sind insgesamt zehn der Brandbomben, eine ist hier drin." Er klopfte leicht auf eine röhrenförmige Tasche aus gehärtetem Leder, die an seinem Gürtel hing. Dann nahm er eine zweite, gleiche Tasche und reichte sie Malachit. "Ihr solltet ebenfalls eine griffbereit haben."

Der Nosferatu nahm die Tasche und hängte sie sich um. "In Ordnung", stellte er fest. "Wir haben die Brandbomben, die Vorbereitungen sind abgeschlossen. Ich werde mit den beiden nach unten in die Katakomben gehen, um Khosann auszuräuchern. Samia, Ihr bleibt hier oben. Wir werden eine Ablenkung in den Straßen brauchen, kümmert Euch darum."

Samia sah ihn kalt an. "Ihr scheint da eine Kleinigkeit zu vergessen", sagte sie. "Ich bin Prinz dieser Stadt. Ihr seid ein Gast. Es steht Euch wohl kaum zu, mir Befehle zu erteilen. Erinnert Euch an Eure Stellung hier."

Malachits Augen verengten sich. "Ich wurde nach Jerusalem gerufen, um Euch mit Schwierigkeiten zu helfen, mit denen Ihr offenbar nicht alleine fertig werdet", erwiderte er eisig. "Das werde ich tun, auf meine Art. Und wenn Ihr schon glaubt, mich an meinen Status erinnern zu müssen, dann schlage ich vor, daß Ihr auch an den Euren denkt." Er beugte sich leicht nach vorn und seine Stimme wurde gefährlich leise. "Die Schuld Eures Vaters ist nicht vergessen."

Seine Worte hatten einen bemerkenswerten Effekt auf Samia. Die Caitiff wurde kalkweiß. Sie preßte die Lippen zusammen, bis sie nur noch ein dünner, blutleerer Strich in ihrem Gesicht waren. Ihre Hände krampften sich so fest um die Armlehnen ihres Sessels, daß Madeleine schon befürchtete, das Holz müßte splittern. "Nun gut", preßte sie schließlich hervor. "Geht, ich werde mich um das Notwendige kümmern."

Hast du verstanden, was da gerade vor sich gegangen ist? erkundigte sich Madeleine verwirrt.

Absolut nicht, mußte William zugeben. Es scheint, als hätte unsere Freundin hier einen oder zwei dunkle Flecke in ihrer Vergangenheit, und Malachit weiß wohl etwas mehr darüber, als ihr lieb ist.

Malachit nickte kurz. "Dann laßt uns gehen. Die Nacht schreitet voran, und wir haben viel zu tun." Er erhob sich, als wäre nichts geschehen, und wandte sich zum Gehen. Als sie ihm folgten, sahen William und Madeleine den mörderischen Blick, den Samia ihm hinterherwarf.

 

Im Schutz von Malachits Tarnung erreichten sie wenig später unangefochten den Eingang zu den Katakomben in der Nähe der südlichen Stadtmauer. Tarneshs Kohlebecken war tatsächlich den ganzen Weg brav hinter ihnen hermarschiert, nicht besonders schnell, aber zielstrebig. Nur klettern konnte es natürlich nicht, weswegen es jetzt unten vor dem Haus stand, auf dessen Dach die drei Kainiten hockten und sich das Treiben rund um den Eingang ansahen.

"Das sind ziemlich viele", stellte William leise fest.

"Und zwei davon sind Werkreaturen", ergänzte Madeleine. "Es hilft nichts, wir müssen da unten durch. Das heißt, wir müssen sie aus dem Weg räumen."

"Zwei von den Biestern können wir doch erledigen", fand William. "Sie sehen ähnlich krank aus wie die, die ich in meiner Vision gesehen habe. Wenn wir schnell genug sind, sind sie tot, ehe sie uns richtig bemerkt haben. Mit denen werden wir schon fertig."

"Ich werde mich da etwas zurückhalten", erklärte Malachit. "Ich bin kein Kämpfer, diese Aufgabe überlasse ich Euch."

William und Madeleine wechselten einen Blick. Wenn er meint... kommentierte der Ventrue. Bist du soweit?

Sofort... ich brauche noch eine Klinge.

William seufzte leise. Er hatte ihr schon oft gesagt, daß sie ihn nicht jedesmal erst um Erlaubnis fragen mußte, wenn sie seinen Schatten als Waffe benutzte. Trotzdem bestand sie immer darauf, und jedesmal spürte er so etwas wie schlechtes Gewissen bei ihr, wenn sie ihn darum bat. Seit bei jenem Kampf in Konstantinopel sein Schatten einmal beschädigt worden war, während er ihr Schwert gewesen war, hatte sich das nur noch verschlimmert. Manchmal, fand er, übertrieb sie es wirklich etwas. Inzwischen hatte er es schon fast aufgegeben, mit ihr darüber zu diskutieren. Nimm, antwortete er nur.

Madeleine zog ihr schwarzes Schwert und nickte ihm zu. Einen Augenblick später standen die beiden unten auf der Straße, mitten zwischen den Ratten. Die Tiere schienen sie nicht einmal zu bemerken; offenbar war Malachits Tarnung noch wirksam. Zwei rasche Schritte brachten sie an die Werkreaturen heran.

Madeleines Gegner schien vollkommen überrascht zu sein, als die Lasombra plötzlich vor ihm auftauchte. Im letzten Augenblick nahm er sie offenbar wahr, aber es war zu spät, um noch zu reagieren. Völlig lautlos durchschnitt ihre Klinge zuerst die Luft und dann den Körper der Ratte.

Madeleines Schlag hatte die Kreatur beinahe in zwei Hälften geteilt. Erstaunlicherweise war sie jedoch noch nicht ganz tot. Im nächsten Moment begann sie, mit rasender Geschwindigkeit zu wachsen. Ehe die Lasombra etwas unternehmen konnte, ragte vor ihr ein zweieinhalb Meter hohes Monster auf, das aus einer häßlichen Wunde in der Seite heftig blutete und mit zwei schaufelgroßen Pranken ungelenk nach ihr schlug. Madeleine wich dem unbeholfenen Schlag mühelos aus und rammte ihr Schwert tief in den Bauch der Werratte. Das Wesen stieß einen für seine Körpergröße erstaunlich hohen, schrillen Schrei aus und sackte zu Boden, wo es liegenblieb und sich nicht mehr rührte. Gleich darauf begann es zu schrumpfen, so schnell, wie es vorher gewachsen war, bis schließlich nur eine tote Ratte am Boden lag.

William hatte weniger Glück. Er hatte seinen Gegner noch nicht erreicht, als die Ratte plötzlich herumfuhr und ihn sah. Sofort begann sie zu wachsen. William konnte gerade noch rechtzeitig anhalten, ehe er mit ihr zusammenprallte. Kurz aus dem Gleichgewicht geraten, dauerte es einen kostbaren Moment zu lange, ehe er zuschlagen konnte. Die Werratte sah seinen Schlag kommen, holte mit beiden Pranken aus - und fing seine Klinge zwischen ihren Klauen. Fassungslos starrte der Ventrue einen Augenblick lang auf sein Schwert. Er zerrte daran, um es freizubekommen, aber die Werratte verfügte über beachtliche Kräfte und drückte das Schwert einfach beiseite. William, der befürchten mußte, daß er sich eine Blöße gab, ließ die Waffe notgedrungen los, und mußte zähneknirschend zusehen, wie das kostbare Schwert durch die Luft flog und mit einem Ton wie ein Glockenschlag gegen eine nahe Hauswand prallte. Mit einer fließenden Bewegung zog der Ventrue seinen Silberdolch. Silber war eine sehr effektive Waffe gegen Werwesen, allerdings konnte er mit dem Dolch seinen Gegner nicht so auf Abstand halten, wie er das gerne getan hätte. Die Ratte war schnell, und sie nutzte ihren momentanen Vorteil sofort aus. In einer raschen Bewegung zuckte ihr Kopf nach vorn. William spürte ihren stinkenden Atem in seinem Gesicht, als die Kreatur ihn zu beißen versuchte. Zum Glück hatte sie offenbar nicht mit seiner harten Haut gerechnet; ihre Zähne ritzten ihn nicht einmal. William duckte sich ein wenig und versuchte, seinen Dolch zwischen die Rippen seines Gegners zu stoßen. Die Ratte jedoch schien seine Absicht einmal mehr vorausgeahnt zu haben und wich ihm mühelos aus.

William glitt einen Schritt zurück, um sich aus der unmittelbaren Reichweite der messerscharfen Klauen zu bringen. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Madeleines Gegner tot zusammenbrach. Gleich darauf wirbelte die Lasombra herum. Mit ihren Schatten, die um sie herumwaberten, wirkte sie einen Augenblick lang wie ein Todesengel mit einem schwarzen Schwert, schön und schrecklich. Aus der Bewegung heraus zuckte ihre Klinge nach vorn und traf die Werratte quer über der Brust. Die Kreatur heulte auf und hieb mit beiden Pranken nach Madeleines Gesicht. Kurz, bevor er sie traf, glitten jedoch die Schatten ihrer Rüstung nach oben und überzogen ihren Kopf mit einer samtigen Schicht, an der die Krallen der Werratte abglitten wie auf Eis. Ehe William sich wieder in den Kampf stürzen konnte, zog Madeleine ihre Klinge erneut durch, und die Ratte brach tödlich getroffen zusammen.

Zornbebend bückte sich der Ventrue nach seinem Schwert. Kaum hatten sich seine Finger um den Griff geschlossen, als er die Klinge mit einem Wutschrei auf die inzwischen wieder im Schrumpfen begriffene Ratte herabsausen ließ und die Kreatur in zwei Stücke teilte.

Madeleine sah sich um. Die gewöhnlichen Ratten waren bei Beginn des Kampfes in heller Panik geflohen. Für den Augenblick lag die Straße verlassen da, das würde sich aber wahrscheinlich bald ändern. Besorgt musterte sie William. Bist du verletzt?

Nein, gab er wütend zurück. Das Ding hat mich nicht getroffen. Aber es hat mich vorgeführt wie einen kleinen Jungen. Es hat mit mir gespielt! Er trat ärgerlich nach einem Stein, der etliche Meter weit die Straße entlangflog, ehe er in eine Hauswand einschlug, dort eine Delle hinterließ und dabei zersplitterte. Nicht einmal einen Kratzer habe ich ihm zugefügt, fuhr er fort und bemerkte kaum, wie sie ihm seinen Schatten zurückgab. Wenn du nicht dagewesen wärst, hätte es mich auseinandergenommen. Ich habe versagt!

Ich war aber da, versuchte sie ihn zu beruhigen. Du hast nicht versagt. Die Biester sind tot, der Weg ist frei. Spielt es da wirklich eine Rolle, wie der Kampf gelaufen ist?

Ja. Für mich. Es kochte immer noch in ihm. Und Malachit hat alles gesehen, fügte er hinzu, als der Nosferatu umständlich von dem Hausdach herunterkletterte und sich zu ihnen gesellte.

Beruhige dich doch, bat sie. Wenn wir da hinuntergehen und du so aufgewühlt bist, gehst du vielleicht unnötige Risiken ein, weil du glaubst, dir selbst etwas beweisen zu müssen. Seine Gefühle verrieten ihr, daß sie recht hatte. Laß mich dir helfen. Sie griff behutsam nach seinem Geist und übermittelte ihm etwas von der Ruhe, die sie selbst empfand. Zu ihrer Erleichterung wehrte er sich nicht dagegen, und gleich darauf spürte sie, wie sein Ärger weniger wurde. Ganz verschwand er nicht, und Williams Selbstbewußtsein hatte durch die Ereignisse einen deutlichen Dämpfer erhalten, aber um sich wirksam darum zu kümmern, fehlte ihr jetzt die Zeit.

"Was steht Ihr hier herum und schweigt Euch an?" wollte Malachit wissen. "Der Weg ist frei, laßt uns gehen." Ohne sich noch einmal nach ihnen umzusehen, hob er die Truhe auf die Schultern und ging auf den Eingang zu.

 

Hinter der steinernen Tür erstreckte sich ein niedriger, aus dem Fels gehauener Gang, der leicht nach unten führte. Die einzige Beleuchtung kam von dem schwachen Glühen des Kohlebeckens, das immer noch hinter William hertrottete. Madeleine sah den Ventrue an. "Das hier ist der richtige Eingang?"

Er nickte. "Der Geist, den mir die Kappadozianerinnen geschickt haben, meinte, ich würde den richtigen Weg schon finden, wenn ich es versuchen würde. Ob er recht hatte, werden wir spätestens an der nächsten Abzweigung feststellen."

An der ersten Kreuzung zögerte William kurz und schien in sich hineinzulauschen. "Hier entlang", sagte er schließlich und wandte sich nach links. Der Gang verlief inzwischen nahezu waagerecht. Madeleine schätzte, daß sie mittlerweile mindestens sieben Meter tief unter der Erde waren.

Sie waren nicht allein hier unten. Man sah nichts, aber der Gestank der Ratten war allgegenwärtig und überdeckte den modrigen Geruch der alten Anlage. Rattenkot und Fellbüschel lagen auf dem Boden, und die Luft um sie herum war von einem beständigen Rascheln und Schaben erfüllt, als würden Hunderte von Krallen über den Fels kratzen. Hier und da blitzten für einen Moment kleine Augenpaare auf und verschwanden wieder, ehe die drei genau hinsehen konnten. Madeleine wurde das Gefühl nicht los, daß man hier unten über ihre Ankunft längst Bescheid wußte und daß sie geradewegs in eine Falle liefen. Die Lasombra riß sich mühsam zusammen und ließ sich ans Ende ihres kleinen Zuges zurückfallen, um ein Auge auf den Gang hinter ihnen zu haben. Es fehlte noch, daß sie ihr Ziel erreichten, nur um von hinten angefallen zu werden und nicht mehr hinauszukommen.

Zwei Kreuzungen weiter blieb William plötzlich stehen und hob warnend eine Hand. Siehst du das auch, dort vorne? fragte er lautlos.

Madeleine kniff die Augen zusammen und spähte in die Dunkelheit. Zunächst konnte sie überhaupt nichts erkennen, dann sah sie, was ihn beunruhigt hatte: ein ganzes Stück vor ihnen glühten Augen in der Finsternis, dunkelrot und bedrohlich. Madeleine konnte zwei Augenpaare erkennen. Werratten?

Wahrscheinlich, gab er zurück. Etwas stimmt hier aber nicht. Ich sehe fünf Augenpaare, aber zwei davon sind direkt übereinander, so als würden zwei Wesen aufeinandersitzen. Warne Malachit, aber leise.

Madeleine trat an den Nosferatu heran und ließ ihn flüsternd wissen, was William gesehen hatte. Malachit nickte kurz und starrte nach vorn. Plötzlich bewegte sich etwas. Vier Gestalten waren aufgetaucht und rannten in langen Sätzen auf die Kainiten zu. Malachit zischte: "William - Feuer!"

Der Ventrue ließ sich nicht lange bitten. Er nahm den versiegelten Tonkrug aus seiner Gürteltasche und war mit zwei raschen Schritten neben dem Kohlebecken. Vorsichtig hielt er den wachsgetränkten Docht, der oben aus der Flasche herausragte, in die Glut. Gleich darauf leckten kleine Flammen gierig den Docht entlang. William holte aus und schleuderte das Gefäß in einem flachen Bogen nach vorne, wo es krachend am Boden zerschellte. Augenblicke später stand der Gang in hellen Flammen.

Ein mehrstimmiges, grauenhaftes Quieken erhob sich über das Fauchen des Feuers. William hob schützend die Hände vors Gesicht und wich ein paar Schritte zurück, als die Hitze ihn traf. In dem Inferno konnte er schemenhaft drei Gestalten ausmachen, die lichterloh brannten und sich schreiend auf dem Boden wälzten. Eine vierte rannte in heller Panik davon. Als sie sich kurz umdrehte und in Williams Richtung sah, stutzte er einen Augenblick. Das Wesen, das da floh, sah aus wie eine Werratte. Aber für einen Moment hätte er schwören können, daß die Kreatur ein zweites Paar Augen besaß. Gleich darauf war das Geschöpf verschwunden, und der Ventrue war sich nicht mehr sicher, ob die hitzeflimmernde Luft seinen Sinnen nicht einen Streich gespielt hatte.

Es dauerte einige lange Minuten, bis das Schreien verebbte. Schließlich lagen drei bis zur Unkenntlichkeit verkohlte Körper reglos zwischen den Flammen.

"Ich sollte das Feuer löschen", stellte Madeleine fest. "Die Viecher scheinen tot zu sein, und wir müssen dort vorne durch."

Malachit nickte ihr zu. Madeleine machte eine gebieterische Handbewegung in Richtung der Flammen. Überall im Gang begannen sich die Schatten zu bewegen. Sie krochen aus Felsspalten und Rissen, glitten die Wände hinauf und sammelten sich unter der Decke. Von dort ließen sie sich wie ein dickes schwarzes Tuch nach unten fallen und erstickten das Feuer unter sich. Als die Lasombra die Finsternis schließlich wieder wegschickte, war außer einer schmierigen Rußschicht auf dem Boden und einem Rest Hitze nichts mehr übrig.

William sah angewidert auf die drei schwarzen Flecken hinab. Der ohnehin schon allgegenwärtige Gestank war noch beißender geworden, und es nützte nicht einmal etwas, wenn er nicht atmete. Der Geruch zog trotzdem in seine Nase. Madeleine verzog das Gesicht und ließ ihre Schatten wieder höher kriechen, bis sie ihren Mund und ihre Nase bedeckten und nur noch die Augen freiließen. Besser, kommentierte sie zufrieden.

"Weiter", drängte Malachit.

"Spätestens jetzt wissen sie, daß wir da sind", stimmte William zu und setzte sich in Bewegung. "Wir sollten uns beeilen." Er warf einen kurzen Blick in die Kreuzung, sah niemanden, und machte einen Schritt nach vorn.

Plötzlich ging alles rasend schnell. William spürte, wie hinter ihm etwas aus dem Nichts erschien und mit scharfen Klauen sein Kettenhemd zerfetzte. Die Krallen bissen tief in sein Fleisch, und ein sengender Schmerz durchfuhr ihn bis in sein Innerstes. Er schrie auf und taumelte einen Schritt nach vorn, gleichzeitig lenkte er die Kraft seiner vitae in seine Muskeln, um schneller zu werden. Nur weg hier, schoß es ihm durch den Kopf, dann spürte er die Krallen schon wieder in seinem Rücken, spürte, wie sein Fleisch zerriß und seine Knochen splitterten. Benommen vor Schmerzen stolperte er einen weiteren Schritt, dann trafen ihn die Klauen ein drittes Mal. William stürzte schwer zu Boden. Das letzte, was er sah, war eine häßliche Fratze, zu einem höhnischen Grinsen verzerrt, in der zwei Augenpaare rot glühten. Dann wurde es schwarz um ihn.

Für Madeleine und Malachit ging alles viel zu schnell, als daß sie eine Chance gehabt hätten, einzugreifen. Eine huschende Bewegung, ein gellender Schrei, dann eine Gestalt, die sich rasch entfernte und ein Stück hinter der Kreuzung in einem Tümpel verschwand. Und mitten im Gang lag ein regloser Körper.

"William!" Madeleines entsetzter Schrei war noch nicht verklungen, da war die Lasombra schon in Bewegung und wollte auf die Kreuzung stürmen.

Plötzlich stand Malachit vor ihr. "Halt."

"Laßt mich vorbei", fauchte sie, außer sich vor Zorn und Sorge.

"Wartet", befahl er.

"Worauf? Daß William stirbt?" Ihre Augen glommen rot zwischen den Schatten, die sie umgaben. "Laßt mich durch!" Als er keine Anstalten machte, auszuweichen, deutete sie befehlend nach vorn. Sie hatte sich immerhin noch soweit unter Kontrolle, daß sie sich nicht auf den Nosferatu stürzte, aber sie mußte William helfen. Ihre Schattendiener würden ihn zu ihr bringen.

Malachit bemerkte, was sie vorhatte, und gab ein ärgerliches Knurren von sich. Der Nosferatu duckte sich leicht, und seine ganze Haltung drückte Kampfbereitschaft aus. Madeleine erkannte instinktiv, daß er sie angreifen würde. "Wartet!" fauchte er erneut. "Oder habt Ihr solche Sehnsucht nach dem endgültigen Tod?"

Madeleine richtete sich auf und löste ihren Griff um die Schatten. "Wenn William stirbt, weil Ihr mich daran hindert, ihm zu helfen, vernichte ich Euch", sagte sie tonlos. Ihre Stimme war leise, ohne jede Gefühlsregung, aber in ihr brodelte es. Sie konnte William noch spüren, aber weit, weit entfernt. Was auch immer ihn angegriffen hatte, hatte ihn so gut wie vernichtet. Und dieser arrogante Nosferatu stellte sich ihr in den Weg und gab kluge Sprüche von sich...

"Ich traue der Sache nicht", erwiderte Malachit kalt. "Es ist nichts gewonnen, wenn Ihr jetzt losstürmt und ebenfalls vernichtet werdet. Wenn ich sicher sein kann, daß Ihr mir nicht in den Rücken fallt, werde ich mich um ihn kümmern."

Madeleine hielt seinem Blick stand, dann ließ das rote Glühen in ihren Augen allmählich nach. "Tut es", sagte sie nur.

Er sah sie einen Moment lang an, dann nickte er kurz und wandte sich betont langsam um. Aus einem kleinen Beutel an seinem Gürtel nahm er eine Prise eines weißen Pulvers, das er mit einer knappen Handbewegung in der Luft verstreute. Es glitzerte und sank sehr langsam zu Boden. "Seht hin", flüsterte Malachit heiser. "Benutzt Eure Sinne, und seht."

Madeleine sah in das Glitzern. Zuerst konnte sie überhaupt nichts genaues ausmachen, aber dann schälten sich Konturen aus dem weißen Funkeln. Mitten auf der Kreuzung, nur einen Schritt neben Williams regloser Gestalt, erkannte sie die vieräugige Werratte, leicht geduckt und bereit zum Angriff. Die Kreatur befand sich nicht in dieser Welt, sie stand im Umbra. Sie mußte auf der Kreuzung gestanden und in der Zwischenwelt gewartet haben, bis William an ihr vorbei war, um ihn dann von hinten zu überfallen. Der Ventrue hatte keine Chance gehabt.

"Wie ich dachte." Malachits rauhe Stimme holte Madeleine in die Wirklichkeit zurück. "Es ist eine Falle, mit William als Köder. Wenn Ihr dort hineingelaufen wärt, wärt Ihr jetzt beide tot. Und wenn Ihr auf der Kreuzung Eure Schatten beschworen hättet, hätte es ihn einfach umgebracht."

"Ihr hattet recht", gab Madeleine widerwillig zu. "Aber was machen wir jetzt? Wir können ihn auf keinen Fall einfach da liegen lassen."

"Ich weiß es nicht", gestand er. "Wenn wir auf die Kreuzung gehen, wird das Ding uns angreifen. Und mir fällt im Moment auch nicht ein, wie man es vielleicht weglocken könnte. Ganz davon abgesehen, daß wir es nicht mehr sehen können, sobald wir uns aus dem Wirkungsbereich des Traumpulvers entfernen."

Madeleine sah mit versteinerter Miene zu William. Er lag nur wenige Schritte von ihr entfernt, trotzdem war es, als wäre er meilenweit weg. In mehr als einer Hinsicht. Die Lasombra faßte einen Entschluß. "Es gibt eine Möglichkeit. Da wir nicht zu William können, müssen wir ihn zu uns holen."

Malachit hob skeptisch eine Augenbraue. "Und wie stellt Ihr Euch das vor?"

"Jemand, der genug Macht über die Schatten hat, kann sich in ihnen bewegen", erklärte sie. "Oder hindurchgreifen, um etwas zu sich heranzuziehen. Etwas... oder jemanden." Malachit schien beeindruckt, sagte aber nichts. "Ich habe das noch nie probiert, es ist sehr anstrengend und für denjenigen, der auf diese Art bewegt wird, überaus unangenehm. Aber William ist bewußtlos, er wird nichts davon mitbekommen, und wenn ich ihn retten kann, ist es mir egal, wie sehr es mich anstrengt."

Der Nosferatu schwieg eine Weile nachdenklich. "Mir fällt kein anderer Weg ein", gab er schließlich zu. "Versucht es. Ich werde die Umgebung im Auge behalten."

Madeleine sah sich um. Schatten gab es genug hier unten, sie mußte sich nur einen passenden aussuchen. Sie mußte einen finden, der sich möglichst direkt neben William befand und groß genug war, daß sie ihn mit einer einzigen raschen Bewegung hindurchziehen konnte. Wenn die Kreatur, die dort vorn im Umbra auf der Lauer lag, bemerkte, was sie vorhatte, würde sie einfach herauskommen und William mit einem einzigen Schlag vernichten. Alles hing jetzt davon ab, daß Madeleine schnell genug war.

Sie sank auf die Knie und legte die Hand auf ihren eigenen Schatten. Mit aller Macht drängte sie ihre Umwelt zurück, konzentrierte sich nur auf die Schwärze unter ihren Fingern und senkte ganz langsam ihre Hand hinein.

Es war ein merkwürdiges Gefühl. Um ihre Hand herum war nichts, gleichzeitig schienen feinste Spinnweben ihre Haut zu streifen, nicht warm, aber auch nicht wirklich kalt. Madeleine verlor jedes Gespür dafür, wieviel Zeit vergangen war. Unendlich langsam schob sich ihr Arm weiter durch die Finsternis. Mit einem Mal spürte sie Widerstand an ihren Fingerspitzen. Williams Kettenhemd, rauh und kalt unter ihren Fingern. Entschlossen packte sie zu und riß den Ventrue hinab in die Schatten.

Selbst in Starre wehrte sich sein Körper instinktiv dagegen. Als er erst einmal vollständig in der Finsternis verschwunden war, mußte Madeleine um jede Handbreit kämpfen, die sie ihn näher zu sich heranzog. Unsichtbare Klauen schienen nach ihm zu greifen und wollten ihn ihr entreißen, aber sie ließ nicht los. Und schließlich mußten sich die Schatten ihrem Willen beugen und gaben ihn frei. Madeleine zog William aus ihrem Schatten, schloß ihn in die Arme und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Der Kampf hatte sie viel Kraft gekostet, aber er war gewonnen, und nur das zählte.

"Das ging ja schnell", bemerkte Malachit beeindruckt.

Madeleine hob den Kopf und sah ihn verwundert an. "Schnell? Es hat eine Ewigkeit gedauert, ich verstehe nicht, warum der Kerl nicht angegriffen hat."

"Keine Zeit", antwortete der Nosferatu lakonisch. "Ich weiß nicht, wie lang es Euch vorkam, aber das Ganze hat kaum einen Lidschlag gedauert."

Madeleine stand auf und hob William hoch. "Ich muß ihn hier herausschaffen, und zwar sofort", erklärte sie. "Nehmt die Truhe und folgt mir."

Ohne seine Antwort abzuwarten, ließ sie ihre vitae wirken und war im nächsten Moment verschwunden.

 

"Lena." Williams Ghoul sah sich verwirrt um, als eine bekannte Stimme sie scheinbar aus dem Nichts ansprach. Die Bulgarin hatte oben auf dem Flur vor Madeleines und Williams Schlafzimmer Wache gehalten, und schien nicht begreifen zu können, wie Madeleine ungesehen an ihr vorbeigekommen war.

"Lena!" Madeleine wurde ungeduldig. "Ruf Williams Leute zusammen, und zwar alle. Kommt ins Schlafzimmer, und beeilt euch!"

Lena verschwand wortlos und sehr eilig.. Madeleine drehte sich zu Malachit um. "Würdet Ihr bitte unsere Tarnung aufheben?" sagte sie.

Der Nosferatu nickte. "Schon geschehen", erklärte er und folgte ihr ins Schlafzimmer.

Madeleine schickte als erstes ihre Rüstung fort. Dann legte sie William auf dem Bett ab und begann, ihn aus den Überresten seines Kettenhemds zu schälen. Als sie die tiefen Wunden in seinem Rücken sah, erschrak sie. Die Klauen der Werkreatur waren durch seine Rippen hindurchgebrochen und hatten wahrscheinlich die Überreste seiner inneren Organe zerstört. Ein Mensch hätte nicht einen dieser Treffer überlebt, William hatte drei eingesteckt. Die Lasombra setzte sich neben ihn auf das Bett und hob ihn vorsichtig mit einem Arm an. Dann biß sie sich am anderen die Ader auf und hob die Wunde an seinen Mund. Die ersten Tropfen ihres Blutes rannen über seine Lippen, die sich instinktiv um die Wunde schlossen, dann begann er von selbst zu trinken. Gleichzeitig spürte sie, wie er langsam wieder zu sich kam. Unendliche Erleichterung breitete sich in ihr aus.

Kaum, daß er völlig wieder bei Bewußtsein war, ließ er von ihr ab. "Was ist passiert?" murmelte er. Er hatte starke Schmerzen und war zu schwach, um sich wirklich zu bewegen, aber immerhin war er für den Moment außer Gefahr.

"Ein Hinterhalt", sagte Madeleine und bot ihm erneut ihren Arm an. "Du solltest noch etwas trinken. Diese Wunden zu heilen, wird viel vitae brauchen."

Er schob sanft ihren Arm beiseite. "Später." Er schloß die Augen, und seine Wunden begannen sich langsam zu schließen. Es war nicht viel, und bei weitem nicht genug, aber es war ein Anfang.

Es klopfte, und Malachit, der sich auf der Truhe mit den Ölflaschen niedergelassen hatte, wurde prompt unsichtbar. "Herein", rief Madeleine, und Lena betrat das Zimmer. Sie warf einen entsetzten Blick auf William, dann war sie an seiner Seite und hielt ihm ihren Arm hin. William biß ohne zu zögern zu.

Nach und nach erschienen auch seine übrigen Ghoule und Rosa. Der Ventrue trank von jedem ein wenig und kam schließlich wieder soweit zu Kräften, daß er sich zumindest aufsetzen konnte. "Was ist passiert?" fragte er erneut, als die drei Vampire schließlich wieder unter sich waren. "Ich erinnere mich, daß ich auf dieser Kreuzung war. Und dann bin ich hier wieder aufgewacht." Madeleine berichtete in knappen Sätzen, was vorgefallen war. William hörte sich das ganze äußerlich unbewegt an. In ihm jedoch sah es furchtbar aus. Er sah Malachit an. "Habt Ihr eine Ahnung, was das für ein Ding war? Diese doppeläugige Kreatur?"

Malachit nickte düster. "Ja. Das war ein höherer Diener der Ratte. Ich habe nicht damit gerechnet, so etwas hier anzutreffen. Wenn dieser Khosann den Thron wirklich erst zwei Wochen in seiner Gewalt hat, hätte er noch nicht in der Lage sein dürfen, den Diener zu rufen. Es sei denn..." Er sah nachdenklich zu Boden. "Es sei denn, er hatte Hilfe."

"Natürlich hatte er Hilfe", warf Madeleine ein. "Wir wissen, daß Bodhi für ihn arbeitet."

Malachit seufzte. "Ich fürchte, ich muß mich bei Euch entschuldigen", gestand er. "Ihr habt recht, wir wußten, daß der Wächter des Throns unter seinem Einfluß steht. Ich hätte darauf gefaßt sein müssen, daß wir es mit derartigen Gegnern zu tun bekommen. Unser Mißerfolg ist zum Teil meine Schuld." Er erhob sich und legte einen kleinen Beutel auf die Truhe. "Gegen diese Kreaturen sind wir machtlos. Wir können sie nicht sehen, solange sie im Umbra sind, und wenn sie es verlassen, können sie uns überraschen. Nur das Traumpulver bietet einen gewissen Schutz vor ihnen. Ich werde jetzt gehen und Bodhi suchen. Morgen um Mitternacht werde ich ihn Euch übergeben, damit Ihr ihn verhören könnt. Wenn ich das selbst täte, würde ich mich vermutlich vergessen und ihn einfach umbringen, aber dafür ist sein Wissen zu kostbar." Seine Augen wurden hart. "Was Ihr mit ihm anstellt, wenn Ihr mit dem Verhör fertig seid, ist Eure Sache. Wenn Ihr ihn tötet, soll es mir recht sein." An der Tür blieb er noch einmal stehen und drehte sich um. "Eins noch. Das, was Ihr vorhin gehört habt, ist eine Sache zwischen Samia und mir. Euch geht die Angelegenheit nichts an, Ihr solltet Euch da heraushalten." Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er vor ihren Augen.

"Ich werde mich hüten, mich da einzumischen", murmelte Madeleine und sah ihm einen Augenblick lang nach. "Vorerst jedenfalls." Dann seufzte sie. "Das war ein Fehlschlag auf der ganzen Linie", stellte sie fest und begann, sich aus ihrer Lederrüstung zu befreien.

"Ja, das war es", sagte William und ließ den Kopf hängen. "Und es ist meine Schuld, daß es schiefgegangen ist."

Madeleine ließ die Hand sinken. "Unsinn", widersprach sie energisch. "Wenn ich als erste auf dieser Kreuzung gewesen wäre, hätte es mich erwischt."

William schüttelte den Kopf. "Ich hätte mit einer Falle rechnen müssen. Ich habe schon draußen unsere Gegner unterschätzt, das hätte mir eine Lehre sein müssen. Ich war einfach zu leichtsinnig, und damit habe ich uns alle in Gefahr gebracht und das ganze Unternehmen in einer Katastrophe enden lassen."

Madeleine legte die Rüstung beiseite und setzte sich neben ihn. "Es war keine Katastrophe", sagte sie eindringlich. "Es wäre eine gewesen, wenn du gestorben wärst. Das bist du nicht. Du bist hier, deine Wunden werden heilen, und beim nächsten Versuch sind wir besser vorbereitet." Sie strich ihm leicht über die Wange. "Ich weiß, wie knapp es war", sagte sie leise. "Ich hatte furchtbare Angst um dich. Du warst so weit weg, ich habe dich kaum noch gespürt." Sie betrachtete ihn nachdenklich. "Hast du eigentlich etwas mitbekommen, als ich dich dort weggeholt habe?"

Er sah sie erstaunt an. "Nein, wieso?"

"Das ist wohl auch besser so", murmelte sie. "Ich habe dich durch die Schatten gezogen."

Er schauderte. "Zum Glück war ich bewußtlos", meinte er. "Trotzdem, wie ein Anfänger in diese Falle zu tappen, das hätte mir nicht passieren dürfen."

Madeleine spürte, wie sich Traurigkeit und Mutlosigkeit in ihm ausbreiteten. Sie beugte sich herab und küßte ihn sanft. "Ich möchte dir gerne helfen", sagte sie. "Aber das geht nur, wenn du es zuläßt. Ich kann das nicht gegen deinen Willen tun. Darf ich es versuchen?"

Er sah sie an und nickte. Madeleine schlüpfte zu ihm unter die Decke, öffnete ihren Geist und ließ ihr Blut zu ihm sprechen. Für den Rest der Nacht wurde kein Wort mehr geredet, aber das, was sie ihm mitteilte, brauchte auch keine Worte.

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