Kapitel 32, Teil 2
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"Guten Abend, Sir. Madame." Der Hauptmann nickte den beiden Kainiten grüßend zu, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. In der Wachstube der Zitadelle herrschte wieder einmal Hochbetrieb. Hier liefen alle Fäden zusammen, was die Verteidigung der Stadt anging, und der Hauptmann hatte offensichtlich alles bestens im Griff. Eine Gruppe von Straßenjungen wartete in einem Nebenzimmer, um Botschaften an die Stellungen in der Stadt zu überbringen. Wachen gingen ständig ein und aus und brachten die Lageberichte auf den neuesten Stand. William und Madeleine sahen sich um und waren beeindruckt.

"Hat es tagsüber neue Vorkommnisse gegeben?" erkundigte sich William.

"Nein, Sir. Keine weiteren Angriffe, und auf den Straßen war auch alles ruhig. Jedenfalls so ruhig, wie man es unter diesen Umständen erwarten kann."

"Gut", sagte William zufrieden. "Dann will ich Euch nicht länger von Eurer Arbeit abhalten. Ich möchte mich gerne ein wenig mit den... Gesellschafterinnen Cesar van Dykes unterhalten, könnt Ihr mir jemanden mitgeben, der mir den Weg zeigt?" Der Ventrue hatte seine Wunden inzwischen immerhin soweit heilen können, daß er mit einiger Anstrengung wieder gehen konnte, aber es hatte ihn sehr viel vitae gekostet. Es wäre unklug gewesen, sich alles von den Ghoulen zu holen; sie wurden dringend gebraucht, um das Haus zu bewachen und mußten im Vollbesitz ihrer Kräfte sein. Zum Glück hatte der ehemalige Prinz des christlichen Viertels wohl ähnliche Vorlieben gehabt wie William, was seine Nahrung anging, und er hatte in der Zitadelle eine größere Herde Sterblicher einquartiert, die William jetzt aufzusuchen gedachte. Der Kommandant winkte einen Diener herbei, der ihm den Weg zeigen sollte. Der Mann hielt sehr diskret eine leere Karaffe in der Hand. Himmel, die Wachen, durchfuhr es William. Die armen Kerle sind seit Tagen im Dauereinsatz, sie müssen furchtbar viel Blut verbraucht haben. Ich muß sie unbedingt wieder zu Kräften bringen. Ich fürchte, das hier wird etwas länger dauern.

Kein Problem, erwiderte Madeleine. Ich werde inzwischen auf der Straße jagen.

Sie wollte gerade gehen, als ein Bote das Zimmer betrat und dem Kommandanten eine Nachricht überbrachte. Der überflog sie und runzelte die Stirn.

"Schwierigkeiten?" erkundigte sich Madeleine.

Der Hauptmann schüttelte den Kopf. "Nein, nicht direkt. Nur etwas seltsames. Die Wachen am Ziontor berichten von zwei merkwürdigen Gestalten, die vorhin von Süden in die Stadt kamen. Zwei schwarz gekleidete Frauen, und sie hätten wirres Zeug gefaselt."

Leila und Delryn, stellte William erstaunt fest. Was treibt die beiden denn in die Stadt?

Das werde ich herausfinden, erwiderte sie und fügte laut hinzu: "Wir kennen die beiden. Ich werde mich darum kümmern."

Halte mich auf dem Laufenden, bat William, dann folgte er dem Diener ins Hauptgebäude.

 

Madeleine fand die beiden Kappadozianerinnen schließlich bei Samia. Die Caitiff nickte ihr grüßend zu und deutete einladend auf einen Sessel. "Das Faß ist wieder aufgetaucht", sagte sie, während Madeleine sich setzte. "Kurz nach Mitternacht gestern war es wieder an seinem Platz."

"Ein gutes Zeichen", fand die Lasombra. Dann sah sie Leila und Delryn an. "Gibt es Neuigkeiten?"

Delryn wechselte einen kurzen Blick mit Samia, die ihr fast unmerklich zunickte. "Ja", sagte sie dann. "Wir haben uns angesehen, was ihr uns gebracht habt." Sie legte den Kopf schief und musterte Madeleine mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck. "Interessante Dinge haben sie uns erzählt."

"Sssehr interessssant." Das Zischeln in Leilas Stimme war noch ausgeprägter als üblich, offenbar ging die Aufregung über ihre neuen Erkenntnisse etwas mit ihr durch.

"Gelitten haben sie alle, im Leben."

"Aber gestorben sssind sssie für die Gesssundheit der Stadt."

"Wie bitte?" fragte Madeleine verblüfft.

Samia nickte. "Es sind keine neuen Leichen gefunden worden, weder gestern noch heute. Und diese merkwürdige Veränderung an den Werratten habt ihr gestern zum ersten Mal gesehen. Es scheint da einen Zusammenhang zu geben."

"Das glaube ich gerne, aber was hat das mit der Gesundheit der Stadt zu tun?" Madeleine war verwirrt. "Wir dachten, Khosann und seine Ratten hätten es darauf abgesehen, Jerusalem zu vernichten? Vielleicht noch die Pest hier einzuschleppen, oder andere Seuchen?"

Delryn hob die Schultern. "Davon wissen wir nichts. Was wir gesehen haben, haben wir gesehen."

"Das paßt nicht zusammen", murmelte Madeleine nachdenklich. "Irgendwie habe ich das Gefühl, daß uns ein Stück dieses Puzzles fehlt." Sie erhob sich. "Ich werde zur Zitadelle zurückkehren und das mit William besprechen. Hier geht etwas vor, das wir nicht verstehen, und das macht mich nervös." Sie warf der Caitiff einen Blick zu. "Bevor ich gehe... kann ich dich einen Moment unter vier Augen sprechen?"

"Sicher", meinte Samia etwas erstaunt und folgte der Lasombra ins Nebenzimmer. "Was gibt es denn?" wollte sie wissen, als sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.

"Weißt du, wo Azim steckt?"

"Nein", antwortete Samia nachdenklich. "Ich habe ihn heute nacht noch nicht gesehen. Warum fragst du?"

"Weil ich mich frage", erwiderte Madeleine gefährlich leise, "wo seine Assamiten waren, als wir letzte Nacht mit den Werratten gekämpft haben. Unsere Leibwächter." Sie gab Samia einen kurzen Bericht des gestrigen Fehlschlags. "Als William von diesem Monster fast auseinandergenommen wurde, habe ich keinen von Azims Leuten gesehen. Wenn ich es mir recht überlege, habe ich gestern die ganze Nacht keinen von ihnen gesehen. Und ich würde Azim diesbezüglich wirklich gerne ein paar Fragen stellen."

Die Caitiff nickte. "Ich kann dir da leider nicht weiterhelfen. Ich wundere mich allerdings. Azim ist zuverlässig, und es paßt absolut nicht zu ihm, eine derartige Aufgabe zu vernachlässigen. Er würde es auch bei seinen Leuten nicht dulden. Es geht immerhin um eine Blutschuld, so etwas ist für einen Assamiten heilig." Sie runzelte die Stirn. "Um ehrlich zu sein, ich mache mir Sorgen. Wenn ich ihn sehe, werde ich ihm sagen, daß du ihn sprechen willst. Ich gebe dir recht, er wird etwas erklären müssen."

"Allerdings", stimmte Madeleine zu. "Ich mache mich dann auf den Weg."

"Gut. Wenn ich etwas erfahre, lasse ich es dich wissen. Eins noch", fügte sie hinzu, als Madeleine schon an der Tür war. "Es wäre besser, wenn ihr das, was ihr von Bodhi oder auch von Malachit über die Hintergründe erfahrt, nicht an mich weitergebt." Als sie Madeleines erstaunten Blick sah, fuhr sie fort: "Malachit verträgt es nicht besonders gut, wenn man sich in seine Geheimnisse einmischt. Vor allem, wenn ich das tue. Solange es nicht unmittelbar die Stadt betrifft, behaltet besser für euch, was ihr herausfindet."

"Wie du willst", sagte Madeleine. Es war der Caitiff sichtlich unangenehm, dieses Thema zur Sprache zu bringen und mehr oder weniger direkt zuzugeben, daß sie Malachit fürchtete. Derartige Dinge sollten besser nicht publik werden, dachte Madeleine, das wäre für ihren Status als Prinz nicht besonders gut. So nickte sie Samia nur noch einmal zu und verließ das Haus.

 

Als Madeleine wenig später in der Zitadelle eintraf, wurde sie vom Hauptmann bereits erwartet. "Gut, daß Ihr da seid, Madame, ich hätte Sir William höchst ungern beim Essen gestört. Es ist eine Botschaft für Euch angekommen." Er reichte Madeleine ein versiegeltes Pergament. Die Lasombra nahm es und betrachtete neugierig das Siegel. Es zeigte ein ihr unbekanntes Symbol, einen Wolfskopf mit einigen lateinischen Worten darum herum.

William? Wie weit bist du? Es gibt Neuigkeiten.

Bald fertig, antwortete er. Ich hätte nicht gedacht, daß Essen so anstrengend sein kann. Mir tun nur die Leute leid, ich kann mir nicht einmal richtig Zeit für sie nehmen.

Eine halbe Stunde später erschien der Ventrue in der Wachstube. Er sah bereits deutlich besser aus. Seine Bewegungen waren immer noch etwas langsamer und mühevoller als sonst, aber gegenüber gestern hatte sich sein Zustand doch sehr gebessert. Madeleine spürte aber auch, daß der Heilprozeß ihn angestrengt hatte.

Die Lasombra hatte es tatsächlich geschafft, ihre Neugier zu bezähmen und das Siegel nicht anzurühren. Jetzt zogen sich die beiden in ein Nebenzimmer zurück. Kaum, daß sie alleine waren, zog Madeleine die Botschaft aus dem Ärmel und erbrach das Siegel. Das Pergament war leer. Im nächsten Moment flirrte die Luft über dem Blatt, und vor den Augen der beiden überraschten Kainiten bildete sich ein Gesicht mitten in der Luft.

"Ich grüße Euch", sagte der Geist. "Ihr werdet inzwischen erfahren haben, daß wir unseren Teil des Handels erfüllt und das, was gestohlen wurde, an seinen Platz zurückgebracht haben. Wir haben zur Kenntnis genommen, daß auch Ihr Euch an die Abmachung gehalten habt. Vielleicht kann das, was letzte Nacht geschehen ist, ein Anfang sein. Wir möchten uns gerne mit Euch treffen, heute Nacht, an dem Ort, den Ihr Elysium nennt. Wenn Ihr einverstanden seid, könnt Ihr uns dort finden. Wir werden auf Euch warten." Der Geist nickte ihnen noch einmal zu, dann verschwand er in einer Nebelwolke.

Madeleine ließ langsam das Pergament sinken. "Da soll doch...", murmelte sie verblüfft. "Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet."

"Ich auch nicht", gab William zu. "Wir sollten uns auf jeden Fall anhören, was sie zu sagen haben. Vorher allerdings..." Er ließ seinen Blick über Madeleine schweifen. "Wir sollten uns umziehen", schlug er vor. "Werwölfe sind Kämpfer, und sie respektieren nur Kämpfer. Es könnte den Verhandlungen helfen, wenn wir in Kampfausrüstung dort auftauchen."

Madeleine nickte. "Gehen wir."

 

"Guten Abend, Sir William. Madame de Neuville. Willkommen im Elysium." Der Ghoul trat einen Schritt zur Seite und hielt die Tür auf. "Ihr werdet bereits erwartet, im Nebenzimmer."

"Danke", erwiderte William höflich. Ich möchte ja nicht wissen, was Icharyd inzwischen von uns hält, kommentierte er trocken. Das Elysium ist noch kaum eröffnet, und wir treffen uns dort dauernd mit den seltsamsten Leuten. Magier, Werwölfe...

Glücklich sieht er nicht aus, stimmte sie zu und nickte grüßend zu dem Toreador hinüber, der mit undurchdringlicher Miene an einem kleinen Tisch an der Wand saß und die seltsame Versammlung in der Mitte des Raumes nicht aus den Augen ließ. Dort war ein großer Tisch aufgestellt worden, um den sechs Stühle herumstanden. Auf diesen saßen ein halbes Dutzend Garou in menschlicher Gestalt, alle in Kettenhemden und bewaffnet. Als die beiden Kainiten eintraten, erhoben sie sich wie auf ein unhörbares Kommando und verneigten sich leicht. Zwei weitere Stühle wurden herangeholt und mit exquisiter Höflichkeit zurechtgerückt. Als schließlich alle saßen, ergriff einer der Werwölfe das Wort.

"Ich grüße Euch. Es freut mich, daß Ihr unserer Einladung gefolgt seid. Ich denke, es gibt einiges zu bereden."

Während er sprach, musterte Madeleine unauffällig seine Begleiter. Vier von ihnen trugen ausdruckslose Gesichter zur Schau. Der fünfte schien jedoch mit diesem Treffen keineswegs einverstanden zu sein und betrachtete die beiden Vampire mit kaum verhohlener Feindseligkeit.

"Wir haben erfahren, daß Ihr das gestohlene Faß wie verabredet zurückgeholt habt", sagte William. "Wir danken Euch dafür, und wir sind wie Ihr der Ansicht, daß es vernünftig wäre, unsere Kräfte gegen diesen gemeinsamen Feind zu bündeln. Ihr erwähntet, daß Ihr von uns Informationen haben wollt. Was wollt Ihr wissen?"

"Wie ich gestern bereits sagte, wir haben Schwierigkeiten, die Wurzel dessen, was hier vor sich geht, zu lokalisieren. Wir glauben, daß Ihr mehr darüber wißt."

Wenn wir ihnen von dem Knochenthron erzählen, bringt Malachit uns um, warnte Madeleine.

Vermutlich. Aber das müssen wir ja auch gar nicht. Es reicht, wenn sie wissen, daß ein Kainit hinter all dem steckt und daß er sich in den Katakomben aufhält. William sah den Garou nachdenklich an, dann nickte er. "Ja, wir haben eine ungefähre Vorstellung von der Ursache. Allerdings wissen wir noch nicht genau, wie alles zusammenpaßt. Ihr habt recht mit Eurer Vermutung, der Schuldige versteckt sich unter der Stadt." Er gab einen kurzen Bericht dessen, was sie bisher wußten, ohne dabei Khosanns Eroberung des Knochenthrons zu erwähnen.

Als er fertig war, schwieg sein Gegenüber eine Weile. "Das sind bedenkliche Neuigkeiten", murmelte er schließlich. "Die Werratten waren uns schon aufgefallen, aber nach dem, was Ihr da erzählt, scheinen sie organisiert und zielgerichtet vorzugehen. Das paßt überhaupt nicht zu ihnen. Normalerweise sind sie Einzelgänger, die sich nicht in ein Rudel einfügen können. Sie sind hinterlistig und verschlagen, untereinander genauso wie anderen gegenüber. Daß so viele von ihnen in der Stadt sind und anscheinend auch noch zusammenarbeiten, ist besorgniserregend."

"Du glaubst doch nicht im Ernst, daß die zwei uns alles erzählt haben", knurrte der Garou zu seiner Linken abfällig. Es war derselbe, der die beiden schon die ganze Zeit über so unfreundlich und mit sichtlichem Mißfallen beobachtet hatte.

"Natürlich nicht", erwiderte der Anführer ruhig. "Wir erzählen ja auch nicht alles. Aber solange sie sich kooperativ zeigen, werden wir das auch tun." Er wandte sich wieder an William. "Verzeiht die Unterbrechung, Ihr hattet eine Frage?"

"Dieses Biest, das mich gestern angegriffen hat", meinte William zögernd. "Diese Werratte mit den vier Augen. Es wurde uns gesagt, das sei ein höherer Diener der Ratte gewesen, aber wir wissen nicht, was wir uns darunter vorzustellen haben. Könnt Ihr uns mehr über dieses Geschöpf erzählen?"

Die Garou sahen sich an, und zwischen ihnen schien sich eine wortlose Verständigung abzuspielen. Der Anführer blickte von einem zum anderen. Zwei nickten kaum merklich, zwei weitere rührten sich nicht, und der fünfte schüttelte entschieden den Kopf. Der Anführer betrachtete einen Moment lang nachdenklich seine Hände, die ruhig auf der Tischplatte lagen, dann hob er entschlossen den Kopf. "Ja, wir können Euch etwas darüber erzählen", sagte er.

"Bist du wahnsinnig geworden?" rief der andere, der vorhin so deutlich Ablehnung signalisiert hatte. Er schlug aufgebracht mit der Faust auf den Tisch. Madeleine sah, wie Icharyd zusammenzuckte und sich sichtlich beherrschen mußte, um nicht aufzuspringen und seine Möbel zu verteidigen. "Die beiden sind Kreaturen des Wyrm, vergiß das nicht", fauchte der Garou. "Und du willst ihnen vertrauen?"

Der Anführer sah ihn nicht einmal an. Er hob nur eine Hand, und der andere verstummte sofort. "Wie ich schon sagte", fuhr er fort, als sei nichts gewesen, "wir können Euch etwas darüber erzählen, wenn auch nicht viel. Dieses Wesen, das Ihr gesehen habt, gehört in der Tat zu einer besonderen Art der Werratten. Sie sind zum Glück sehr selten, man trifft üblicherweise nicht mehr als eine von ihnen auf einmal." Er machte eine kurze Pause. "Allerdings hatten wir das von den gewöhnlichen Werratten bisher auch angenommen", gab er zu. "Wie auch immer, sie sind keine Geschöpfe dieser Welt. Sie sind Kreaturen des Umbra. Ihr zweites Augenpaar befähigt sie, sowohl das Umbra als auch diese Welt beobachten zu können. Sie sind in der Lage, blitzschnell zwischen beiden Welten zu wechseln, sogar schneller, als wir das können. Bedauerlicherweise sind sie hochintelligent, dabei verschlagen und hinterlistig, und stets bereit, jeden Vorteil zu nutzen, der sich ihnen bietet. Die Falle, die sie Euch gestellt haben, ist eine typische Taktik für sie, und, so leid es mir tut, eine, gegen die Ihr Euch nicht wirklich schützen könnt."

"Das hatten wir befürchtet", sagte Madeleine. "Nun, was schlagt Ihr vor, wie wir weiter vorgehen sollen?"

Der Garou sah seine Gefährten an. "Wir müssen uns beraten", stellte er fest. "Wir sind bereit, in dieser Angelegenheit mit Euch zusammenzuarbeiten. Es muß allerdings noch geklärt werden, wie weit unser Vertrauen Euch gegenüber gehen soll." Er warf seinem skeptischen Begleiter einen kalten Blick zu. "Versucht, weitere Informationen über Euren Artgenossen und seine Pläne zu bekommen. Wir werden uns inzwischen um die Werratten kümmern. Wenn Ihr uns erreichen wollt, hinterlaßt hier eine Nachricht. Wir werden jeden Morgen bei Sonnenaufgang nachfragen, ob etwas für uns vorliegt. Wenn wir Euch kontaktieren wollen, werden wir uns wieder an die Wachen in der Zitadelle wenden."

William nickte und erhob sich. "In Ordnung. Sobald wir etwas haben, hört Ihr von uns." Er überlegte kurz, entschied sich dann aber, das Risiko einzugehen. "Es freut mich, daß man mit Euch vernünftig reden kann. Mit den Garou, die die Grabeskirche bewachen, ist das leider nicht möglich."

Der Werwolf schnaubte abfällig. "Fanatiker, allesamt, und blind für die Notwendigkeiten in Zeiten wie diesen. Die würden eher diese ganze Stadt zur Hölle gehen lassen, als sich mit Euch zu unterhalten." Er sah William ernst an. "Ich gebe Euch einen gutgemeinten Rat: haltet Euch von ihnen fern."

"Das hatten wir vor", versicherte der Ventrue und verneigte sich leicht. "Ich wünsche Euch noch eine angenehme Nacht." Madeleine verabschiedete sich ebenfalls, und die beiden verließen das Elysium.

Gerade, als sie auf die Straße traten, schlug es von einer nahen Kirche Mitternacht. Um Himmels Willen, Malachit, entfuhr es Madeleine. Es wäre nicht sehr höflich, ihn warten zu lassen, wo er uns Bodhi schon auf einem Tablett servieren will.

Mit der Hilfe ihrer vitae schafften die beiden es tatsächlich, kurz nach dem letzten Glockenschlag zu Hause anzukommen. Malachit wartete bereits auf sie. Zu seinen Füßen lag ein großer zusammengerollter Teppich. Der Nosferatu nickte ihnen grüßend zu und sah auf den Teppich herunter. Sein Blick war hart und kalt wie der Stein, dessen Namen er trug. "Hier bringe ich Euch den Verräter", knurrte er und versetzte dem Teppich einen Tritt. "Was Ihr mit ihm tut, ist allein Eure Sache. Ich würde allerdings vorschlagen, daß Ihr ihn verhört und nicht befragt. Ich vermute, daß er durch seinen Herrn und Meister geschützt ist." Er griff in seine Tasche und zog einen kleinen Gegenstand heraus. "Dies hier habe ich zusammen mit fünf weiteren und sechs schwarzen Gewändern in seiner Wohnhöhle gefunden. Es könnte Euch vielleicht eine interessante Geschichte erzählen."

Madeleine nahm den Gegenstand. Es war ein einfacher Krummdolch, wie sie hier in der Stadt überall benutzt wurden. "Danke", sagte sie nur.

Malachit nickte knapp und wandte sich zum Gehen. "Wenn das Verhör etwas Interessantes ergibt, Ihr findet mich im Elysium." Damit verschwand er vor ihren Augen, und gleich darauf öffnete und schloß sich das Hoftor wie von Geisterhand.

Madeleine betrachtete den Dolch in ihrer Hand und ahnte Schlimmes. Vorsichtig strich sie mit dem Finger über die Waffe. "Er gehörte einem von Azims Leuten", flüsterte sie. "Einem unserer Leibwächter. Er fiel zu Boden, als sein Besitzer zu Staub zerfiel." Sie seufzte. "Mehr kann ich nicht erkennen, aber wir können wohl sicher davon ausgehen, daß sie alle sechs tot sind."

"Deswegen waren sie letzte Nacht nicht da", murmelte William. "Ich hatte es befürchtet." Er bückte sich nach dem Teppich. "Laß uns das da nach drinnen schaffen und ein paar Fragen stellen."

"Hältst du das für klug?" fragte sie zweifelnd. "Ich fühle mich nicht sehr wohl dabei, ihn in unser Zuhause zu bringen. Warum schleppen wir ihn nicht zur Zitadelle, dort gibt es bestimmt einen geeigneten Raum."

"Eine Folterkammer", stellte William fest. "Das würde ich auch annehmen. Immerhin werden wir ihn dort sicher anketten können. In Ordnung, ich möchte nur noch rasch ein paar Dinge von oben holen, dann können wir los."

Wenig später erreichten die beiden mit ihrem unfreiwilligen Begleiter die Zitadelle. Eine kurze Rückfrage beim Hauptmann ergab, daß es tatsächlich einen Raum gab, der ihren Zwecken sogar noch mehr entgegenkam, als sie vermutet hatten. "Sir Cesar van Dyke hielt es für angebracht, unter der Zitadelle einen... besonderen Verhörraum anlegen zu lassen", erklärte der Hauptmann. "Kaum jemand in der Festung weiß von seiner Existenz. Dort unten seid Ihr völlig ungestört, und der Raum ist speziell für Gefangene Eurer Art eingerichtet."

"Das paßt zu Cesar", fand William. "Stellt bitte jemanden ab, der uns den Weg zeigt."

Ein Soldat führt die beiden nach unten. Die Kammer lag in einem ansonsten offenbar ungenutzten Teil der Kelleranlagen hinter einer unscheinbaren Tür. Der Ghoul hatte einige Mühe, die Tür zu öffnen. Als sie eintraten, bemerkte William über dem Türrahmen ein merkwürdiges Symbol. "Wißt Ihr, was das hier ist?" erkundigte er sich und betrachtete das Zeichen neugierig.

"Das hat Sir Cesar von Tarnesh anbringen lassen", erklärte der Wächter. "Innen gibt es noch mehr davon. Sie dienen dazu, das, was sich drinnen abspielt, nicht nach draußen dringen zu lassen. Sir Cesar hatte eine Abneigung gegen heimliche Lauscher, seien sie natürlich oder übernatürlich."

"Wenigstens ein vernünftiger Zug", bemerkte der Ventrue trocken und spähte in die Kammer. "Ich danke Euch, wir kommen schon zurecht." Der Wächter salutierte und zog sich zurück.

Madeleine sah sich in der Kammer um und schauderte. "Widerwärtig", murmelte sie. Plötzlich schnupperte sie. "Riechst du das? Das ist ja ekelhaft."

"Tierblut", vermutete William. "Und zwar ziemlich altes. Wahrscheinlich hat Cesar seine Opfer damit gerade so bei Bewußtsein gehalten." Er deutete auf eine merkwürdig aussehende eiserne Jungfrau in einer Ecke. "Schau dir das Ding an..." Das Innere des eisernen Kastens war mit spitzen Holzpflöcken gespickt, lediglich die Herzgegend war ausgelassen. An der Vorderseite, etwa auf der Höhe, wo sich bei dem unglücklichen Eingesperrten der Mund befinden würde, war eine Aussparung gelassen worden. Eine schmale Rinne führte ins Innere des Kastens. Wer auch immer darinsteckte, würde von den Pflöcken durchbohrt und konnte über die Rinne mit genügend Blut versorgt werden, um nicht in Starre und Bewußtlosigkeit flüchten zu können.

Madeleine wandte sich ab. "Ich wußte, daß Cesar ein Schwein war", meinte sie. "Aber das hier..." Sie schüttelte sich. "Komm, laß uns anfangen. Ich möchte es möglichst schnell hinter mich bringen."

William ließ den Teppich zu Boden fallen und rollte ihn auseinander. Darin kam Bodhi zum Vorschein, gut verschnürt und mit einem Pflock in der Brust. Malachit hatte das Holz so tief versenkt, daß nichts mehr herausschaute. "Saubere Arbeit", bemerkte der Ventrue und wuchtete den Gefangenen auf den Tisch, der sich in der Mitte des Raumes befand. Der Tisch hatte die Form eines Kreuzes und war mit genügend Ketten ausgestattet, um auch übernatürlich starke Opfer sicher festbinden zu können. "Cesar hatte wirklich eine merkwürdige Phantasie", stellte er fest, während er Bodhi sorgfältig mit den Ketten sicherte, und deutete nach oben. An der Decke, direkt über dem Tisch und somit im Blickfeld desjenigen, der darauflag, befand sich ein Gemälde. Es war sorgfältig genug ausgeführt, um aus einer Kirche zu stammen, und zeigte in verblüffender Detailtreue die Kreuzigung Christi.

William betrachtete Bodhi kritisch. "Wirklich saubere Arbeit", wiederholte er mit Blick auf den Pflock. "Das Ding wird nicht leicht zu entfernen sein." Von einem Tisch nahm er eine Zange, packte damit den Pflock und riß ihn mit einem kräftigen Ruck heraus. Dann machte er sofort einen Sprung nach hinten, aus Bodhis Sichtfeld heraus, wo er neben Madeleine reglos stehenblieb.

Bodhi riß die Augen auf und versuchte, sich umzusehen. Er stellte fest, daß er den Kopf nicht drehen konnte und riß an seinen Fesseln. Die Ketten hielten. "Wo bin ich?" rief der Nosferatu.

Laß ihn schmoren, riet Madeleine. Ein bißchen Unsicherheit bekommt ihm ganz gut.

"Wo bin ich hier?" rief Bodhi erneut. "Antwortet! Ich weiß, daß da jemand ist, ich höre euch atmen."

Schlaues Kerlchen, mußte William zugeben. Ich hätte daran denken sollen.

Bis jetzt weiß er nur von einem, gab Madeleine zurück. Und er weiß immer noch nicht, wer du bist. Laß ihn ruhig noch etwas zappeln.

Die beiden verhielten sich etwa eine halbe Stunde lang still. Bodhi wurde während dieser Zeit immer nervöser und verlangte mehrmals, daß seine unsichtbaren Wächter sich zeigen sollten. Als sich nichts rührte, schwieg er schließlich, aber die Farben seiner Aura sprachen eine deutliche Sprache.

Schließlich hielt William den Zeitpunkt für gekommen, das Verhör zu beginnen. Er trat ein wenig zur Seite und öffnete das kleine Kästchen, das er von zu Hause mitgebracht hatte. Es enthielt ein schlichtes Holzkreuz, das über Jahre hinweg in einer kleinen Kapelle angebetet worden war und eine recht unangenehme Ausstrahlung besaß. William selbst war stark genug, daß es ihm nicht schaden konnte, für Madeleine jedoch konnte es durchaus schmerzhaft werden. Für Bodhi sicherlich auch. Der Ventrue hängte sich das Kreuz um und näherte sich dem Tisch, sorgfältig darauf bedacht, genügend Abstand zu Madeleine zu halten und nicht in das Blickfeld des Nosferatu zu treten.

Kaum hatte er sich dem Tisch bis auf zwei oder drei Schritte genähert, als von Bodhis Kleidung leichter Rauch aufzusteigen begann. Rasch zog sich William wieder einen Schritt zurück. Es lag ihm nichts daran, seinen Gefangenen ernsthaft zu verletzen, noch ehe er überhaupt angefangen hatte, Fragen zu stellen. Der Nosferatu zerrte an seinen Ketten, und für einen Moment befürchtete Madeleine, sie würden nachgeben. "Verdammt noch mal, was wollt ihr von mir?" brüllte Bodhi.

"Wem dienst du?" fragte William leise.

Bodhi versuchte erneut, den Kopf zu drehen, um herauszufinden, woher die Stimme kam, aber die Fesseln waren zu stabil. "Ich kenne diese Stimme", stellte er fest. "Ich kenne sie, aber ich kann ihr kein Gesicht geben. Wer seid Ihr?"

"Derjenige, der die Fragen stellt", erwiderte William und trat einen kleinen Schritt näher an den Tisch heran.

Bodhi schrie auf, als das Kreuz sich ihm näherte. "Ich diene einem Vampir namens Bodhi."

Wie bitte? erkundigte sich Madeleine. Will er uns für dumm verkaufen?

Wahrscheinlich, antwortete William trocken. "Wenn das so ist", fragte er, "wer bist dann du?"

Bodhi stemmte sich erneut gegen seine Fesseln, erfolglos. "Mein Name... mein Name ist Ferdinand."

"Soso", murmelte William ironisch und begann, langsam um den Tisch herumzugehen. "Wer bist du?" fragte er nach einer halben Runde.

"Ferdinand!" schrie Bodhi erneut.

Allmählich bekommt er Angst, kam es von Madeleine, die ständig die Aura des Nosferatu im Blick behielt. Er ist verunsichert und verwirrt. Vielleicht solltest du ihm Gelegenheit geben, diese Verunsicherung zu steigern. Laß ihn ein Weilchen in Ruhe, aber laß ihn ständig wissen, daß du da bist.

William setzte seinen Weg um den Tisch fort und achtete dabei darauf, einen genügenden Abstand einzuhalten. Das Kreuz war weit genug von Bodhi entfernt, um ihm keine wirklichen Schmerzen mehr zu verursachen, aber nahe genug, daß er sich seiner Gegenwart ständig bewußt war. Der Ventrue ließ fast eine halbe Stunde verstreichen, ehe er übergangslos erneut fragte: "Wer bist du?"

Bodhi zuckte zusammen. "Mein Name ist Claudius", stieß er hervor. Dann stutzte er. "Oder Rufus?"

William seufzte. "Es würde uns allen die Sache vereinfachen, wenn du dich endlich für einen Namen entscheiden könntest", erklärte er und stellte sich hinter Bodhis Kopf direkt an den Tisch.

Der Nosferatu heulte auf. "Bodhi! Ich bin Bodhi, und das ist alles, was Ihr von mir erfahren werdet!" Es knirschte, als er sich mit aller Gewalt in seinen Ketten herumwarf, aber sich nicht befreien konnte. "Eher sterbe ich, als daß ich Euresgleichen irgendetwas verrate!"

"Was denkst du denn, wer 'meinesgleichen' sind?" erkundigte sich William milde und trat einen Schritt zurück.

"Haltet mich nicht für dämlich", fauchte Bodhi. "Wenn man der Inquisition in die Hände fällt, merkt man das."

Vorsicht, warnte Madeleine. Er ist wirklich entschlossen, nichts weiter zu verraten. Du solltest dich zeigen, das wirft ihn vielleicht wieder etwas aus dem Gleichgewicht. Wir müssen verhindern, daß er sich seiner Sache wieder sicher wird.

"Ich denke, es ist an der Zeit, diese kleine Mißverständnis aufzuklären", stellte William fest, legte das Kreuz beiseite und trat neben den Tisch, so daß sein Gefangener ihn sehen konnte. "Du bist keineswegs in den Händen der Inquisition, obwohl du dir vielleicht noch wünschen wirst, du wärst es."

"Ihr!" fauchte Bodhi. "Laßt mich sofort gehen!"

"Ich denke nicht daran", erklärte William ungerührt. "Vielmehr wirst du mir jetzt endlich meine erste Frage beantworten. Wem dienst du?"

"Ich diene niemandem außer mir selbst", behauptete der Nosferatu.

William griff wortlos nach dem Holzkreuz. Bodhis Augen weiteten sich, als er sah, daß der Ventrue das Kreuz einfach in der Hand hielt, ohne daß es ihm im Geringsten zu schaden schien. Gleich darauf war das Kreuz wieder in seiner Nähe, und er schrie gellend auf.

"Ich diene Khosann, dem Allmächtigen, Khosann, dem Wiedergänger zwischen den Zeiten!" Sein Schrei ging in ein häßliches Lachen über. "Ihr seid alle tot, ihr wißt es nur noch nicht."

Verdammt, er fängt sich, fluchte Madeleine. Er ist völlig fanatisch, seine Angst geht darin vollkommen unter.

Und dieser seltsame Titel, mit dem er Khosann belegt, erwiderte William. Wiedergänger zwischen den Zeiten... ich habe nicht die leiseste Ahnung, was man sich darunter vorstellen soll.

Ich auch nicht, aber darüber können wir später nachdenken. Versuch, noch möglichst viel aus ihm herauszubekommen. Ich fürchte, er wird uns nicht mehr lange etwas erzählen. Er steigert sich gerade in seinen Fanatismus hinein.

"Ist das so", sagte William und legte das Kreuz weg. Dann beugte er sich über den Nosferatu. "Warum sind wir denn tot? Was hat Khosann vor?"

"Ihr seid alle tot", kicherte Bodhi erneut. Der Nosferatu schien wahnsinnig geworden zu sein. Abrupt hörte er auf zu kichern und starrte William kalt an. "Unsere Armee ist fast bereit", sagte er. "Die Ratten werden bei Tag in die Stadt einfallen. Wir kennen euch alle, wir kennen eure Schlupfwinkel, eure Gewohnheiten, eure Sicherheitsvorkehrungen. Die Ratten werden euch alle holen und Khosann, dem Allmächtigen, eure Kraft bringen. Und dann wird diese Stadt untergehen."

William schaffte es, Ruhe zu bewahren und seiner Stimme einen spöttischen Klang zu geben. "Das sind ja große Pläne", meinte er herablassend. "Und wie gedenkt der Allmächtige Khosann, sie zu verwirklichen, ehe wir ihn mit seinem Ungeziefer zusammen ausräuchern?"

Bodhi schnaubte verächtlich. "Khosann, der Allmächtige, wartet zwischen den Zeiten. Ihr werdet ihn niemals finden. Ihr habt ja keine Ahnung, womit ihr es zu tun habt." Ein widerliches Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. "Und von mir werdet ihr es auch nicht erfahren. Ich habe meine Seele der Hölle verschrieben, was soll ich da noch Angst vor den Dingen haben, die du mir antun kannst?" Er schloß die Augen und lag völlig ruhig da.

Er spielt nicht, stellte Madeleine fest. Er ist seinem Herrn und Meister so ergeben, daß alles andere unwichtig ist. Stell ihn ruhig, heute Nacht werden wir aus ihm nicht mehr herausbekommen.

William griff kommentarlos nach dem Pflock und versenkte ihn in Bodhis Brust. Der Nosferatu erstarrte. William schloß ihm die Augen, dann verstaute er sorgfältig das Kreuz in seinem Kästchen und drehte sich seufzend zu Madeleine um. Wir müssen zu Samia, stellte er fest. Wenn Khosann tatsächlich einen Angriff auf alle Kainiten der Stadt plant, dann muß sie davon erfahren.

Es wird sie außerdem interessieren, daß Bodhi in seiner Höhle die Überreste von sechs Assamiten eingelagert hat, meinte sie. Besonders, weil Azim seit gestern unauffindbar ist.

Dann los, erwiderte er.

 

Sie trafen Samia alleine in ihrem Haus an. "Wir haben von Bodhi Dinge erfahren, die du wissen solltest", erklärte Madeleine ohne große Vorrede. "Khosann plant einen Überfall auf alle Verwandten in Jerusalem, und zwar tagsüber." Sie faßte das wenige zusammen, was Bodhi ihnen verraten hatte. "Ich denke nicht, daß sie heute schon angreifen werden, aber so wie er sich ausgedrückt hat, wird es nicht mehr lange dauern. Wir müssen schnell handeln."

Samia nickte. "Allerdings." Sie sah William an. "Bist du wieder kampfbereit?"

"Noch nicht völlig", mußte er zugeben. "Ich werde noch eine oder zwei Nächte brauchen, bis ich ganz wiederhergestellt bin."

"Hoffentlich haben wir so lange", murmelte Samia düster.

"Ich fürchte, das waren noch nicht alle schlechten Nachrichten", meinte Madeleine zögernd. "Malachit hat in Bodhis Höhle die Überreste von sechs Assamiten gefunden. Es waren unsere Wächter."

Samia erstarrte. "Die Überreste... von sechs Assamiten?"

Madeleine nickte. "Wir wissen nicht, was mit Azim ist", sagte sie.

Ohne ein weiteres Wort sprang die Caitiff auf und rannte zur Tür. William und Madeleine folgten ihr auf dem Fuß, als sie draußen auf das nächste Dach sprang und in rasender Geschwindigkeit in Richtung des armenischen Viertels davonhetzte. Vor einer zerfallenen Kirche blieb sie schließlich stehen. Das Gebäude schien vor etlichen Jahren niedergebrannt und nicht wieder aufgebaut worden zu sein. Unkraut überwucherte die Ruine, und zwischen den rußgeschwärzten Steinen ragten noch einige verkohlte Balken hervor. Ohne zu zögern verschwand Samia im hinteren Teil der Kirche, wo in einer Ecke eine unauffällige Falltür in den Boden eingelassen war. Darunter führte eine enge Treppe in die Tiefe. Sie mündete schließlich in eine überraschend geräumige Höhle, die weitgehend leer zu sein schien. Und hinten an der Wand lagen sauber zusammengefaltet sechs schwarze Burnusse. Auf fünf von ihnen ruhte jeweils ein Krummdolch.

"Er ist nicht tot", murmelte Samia. "Ich wüßte es, wenn er vernichtet wäre. Aber wo..." Sie drehte sich langsam im Kreis. Schließlich blieb ihr Blick an einer Ecke des Raums hängen, wo halb im Dunkel verborgen ein steinerner Sarkophag stand. Mit einem Satz war sie daneben und riß den zentnerschweren Deckel beiseite, als wäre er aus Papier. Und in dem Sarg lag -

"Azim", stieß Samia entsetzt hervor und hob den Assamiten heraus. Ein Pflock steckte tief in seiner Brust, und als die Caitiff seinen Körper ein wenig drehte, kamen auf seinem Rücken mehrere Wunden zum Vorschein, die Madeleine mit schrecklicher Deutlichkeit an die vergangene Nacht erinnerten. Samia ließ sich mit Azim in den Armen auf die Knie fallen und zog mit einem kräftigen Ruck den Pflock aus seiner Brust. Im nächsten Moment hingen seine Lippen an ihrem Arm und er trank gierig. Samia ließ ihn trinken und strich sanft über seine Stirn. Madeleine und William wandten sich taktvoll ab.

"Was ist passiert?" fragte Samia schließlich leise.

"Ein Hinterhalt", flüsterte Azim kraftlos. "Eine Falle, mit mir als Köder... es hat meine Brüder vernichtet, als sie mir zu Hilfe kommen wollten."

Na so etwas, kommentierte Madeleine. Hörst du jetzt vielleicht auf, dir wegen gestern Vorwürfe zu machen? Wenn ein Assamit auf diese Weise ausgeschaltet wird, brauchst du dich wirklich nicht schlecht zu fühlen, weil das Biest dich ausgetrickst hat.

Du hast ja recht, gab er zu und trat zu den beiden heran. "Mich hat es auch erwischt", sagte er. "Das scheint so etwas wie die bevorzugte Taktik dieser Kreatur zu sein."

"Ich muß ihn nach Hause schaffen", erklärte Samia, stand auf und hob Azim hoch, als wäre er eine Puppe. Der Assamit war so schwach, daß er sich kaum bewegen, geschweige denn laufen konnte. Madeleine konnte nicht anders, als gewisse Parallelen zur letzten Nacht feststellen, enthielt sich aber weise jeden Kommentars. Schweigend folgte sie mit William der Caitiff zu ihrem Haus.

In der Sicherheit ihrer Zuflucht angekommen, packte Samia Azim im Wohnzimmer in einen Sessel und reichte ihm einen Krug vitae. "Es wird ernst", stellte sie fest, während er trank. "Wir müssen jederzeit mit einem Angriff rechnen. Ich würde vorschlagen, ihr beide schlaft heute hier. Schickt euren Leuten eine Nachricht, daß sie die Stadt verlassen und an einem sicheren Ort unterschlüpfen sollen. Ich glaube zwar nicht, daß die Ratten sie angreifen werden, wenn ihr nicht da seid, aber ihr werdet wohl kaum ein Risiko eingehen wollen."

"Mit Sicherheit nicht", erklärte Madeleine bestimmt. Dann runzelte sie die Stirn. "William ist bei den Illuminaten, er wollte die ganze Nacht über in der Bibliothek bleiben. Ich weiß nicht, ob ich ihn da erreichen kann."

Samia zuckte die Achseln. "Dort sollte er auf jeden Fall sicher sein." Sie reichte der Lasombra Pergament und Feder. "Hier. Ich habe ebenfalls einen Brief zu schreiben. Wenn ich mich beeile, schafft Ismael es noch, ihn vor Sonnenaufgang im Elysium abzugeben. Das Bündnis mit den Garou ist jetzt wichtiger denn je."

Während Madeleine ein paar nichtssagende Worte schrieb und den wahren Inhalt der Botschaft zwischen den Zeilen versteckte, saß die Caitiff mit gerunzelter Stirn über ihrer eigenen Arbeit. Sie sah nicht besonders glücklich aus, fand William, sie wirkte eher wie jemand, der gerade ein großes Opfer brachte. Als Samia schließlich fertig war, stand sie auf und reichte Madeleine den Brief, ehe sie ihn versiegelte. Die Lasombra nahm ihn und las. Es standen nur wenige Worte darauf.

"Seid gegrüßt. Mein Name ist Samia, ich bin Prinz dieser Stadt. Ich bitte Euch um eine Unterredung und um Eure Hilfe gegen einen gemeinsamen Feind. Ehre gegen Ehre, beim ehernen Pakt der Alten Gangrel."

Madeleine ließ den Brief sinken und starrte Samia an, die ihren Blick unbewegt erwiderte. "Wenn Malachit davon erfährt, bringe ich euch um", erklärte sie ungerührt. Madeleine nickte nur und gab den Brief zurück. Sie hatte keine Ahnung, was genau mit den Alten Gangrel gemeint sein mochte, aber dies war mit Sicherheit nicht der geeignete Zeitpunkt, danach zu fragen. Und Malachit... obwohl er einiges über Samias Vergangenheit und offenbar auch über ihren Erzeuger wußte, schien ihm dieses Detail bisher entgangen zu sein. Kein Wunder, daß Samia sehr darauf bedacht war, daß es dabei blieb.

Samia rief Ismael und schickte ihn mit der Botschaft zum Elysium. Dann seufzte sie. "Die Sonne geht gleich auf, ich sollte schlafen gehen. William, du kennst dich ja aus." Sie machte eine vage Handbewegung in Richtung des Schlafzimmers, in dem William und Madeleine bei ihrem letzten Besuch den Tag verbracht hatten, dann zog sie sich zurück, offenbar schon halb eingeschlafen. William hielt sich nicht lange auf, sondern folgte ihrem Beispiel. Madeleine und Azim blieben im Wohnzimmer zurück.

Eine Weile herrschte Schweigen. Schließlich fragte Azim: "Was ist los?"

Madeleine hob die Schultern. "Ich war gestern ziemlich wütend auf dich und deine Leute", gestand sie. "Dieses Ding hat William fast umgebracht, und ihr wart nicht da." Sie hob eine Hand, als er etwas sagen wollte. "Ich weiß inzwischen, daß das nicht deine Schuld war. Es hätte wahrscheinlich auch keinen Unterschied gemacht, wenn sie in unserer Nähe gewesen wären. Sie wären nur für einen anderen Köder gestorben."

"Es macht einen Unterschied", widersprach er. "Sie hätten niemals ihre Pflicht vernachlässigen dürfen, um mir zu Hilfe zu kommen. Sie hatten den Auftrag, euch zu beschützen. Wenn sie dabei umgekommen wären, hätten sie bei der Erfüllung ihrer Aufgabe den Tod gefunden. Das ist etwas völlig anderes, auch wenn das Ergebnis vielleicht das selbe ist." Er seufzte. "Ich werde meinem Meister Bericht erstatten müssen. Ich werde ihm sagen müssen, daß ich sechs Untergebene verloren habe. Er wird mir sagen, daß ich mir selbst helfen muß." Er lehnte erschöpft den Kopf zurück und schloß die Augen. "Ich war für sie verantwortlich. Sie sind gestorben, ohne Faruns Schuld bei euch abzutragen, das bedeutet, daß ich für Ersatz sorgen muß, wenn mein Meister nicht sein Gesicht verlieren soll. Sechs neue Söhne Alamuts... das wird nicht einfach. Ich habe Farun Schande gemacht, und dafür werde ich die Konsequenzen tragen müssen." Er schwieg einen Moment, dann öffnete er die Augen. "Ich fürchte, Samia hat vergessen, mich ins Bett zu bringen", sagte er leise. "Ich kann mich nicht aus eigener Kraft bewegen..."

Madeleine erhob sich sofort. "Das ist kein Problem. Wenn ich dir behilflich sein darf?" Er nickte und ließ sich von ihr stützen. Sie brachte ihn zu Samia ins Schlafzimmer und ging dann nach nebenan, wo William in voller Rüstung auf das Bett gefallen war und tief und fest schlief. Die Lasombra seufzte, zog ihn aus und breitete die Decke über ihn. Als sie sich neben ihn legte und die Augen schloß, konnte sie nur hoffen, daß sie in der nächsten Nacht wieder erwachen würde. Mit diesem Gedanken schlief sie ein.

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