Kapitel 33
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"Das sind doch endlich mal gute Nachrichten", sagte Samia zufrieden und reichte Madeleine den Brief, den Ismael gerade hereingebracht hatte.

"Ihr seid vertrauenswürdig", stand da in einer klaren, schnörkellosen Handschrift. "Wir werden einen der Unseren zu Euch schicken, damit er mit Euch zusammenarbeitet und die Dinge sieht, die Ihr nicht sehen könnt. Er wird sich heute Nacht noch bei Euch melden, sein Name ist MacCallan." Der Brief trug keine Unterschrift, aber das war auch nicht nötig.

"Ein Schotte?" fragte William entsetzt. "Und das nennst du gute Neuigkeiten?"

Samia zuckte nur die Schultern und sagte nichts. Madeleine, die Williams leichte Vorurteile gegen alle Bewohner der britannischen Insel kannte, die nicht das beispiellose Glück hatten, als Angelsachsen geboren worden zu sein, zog es ebenfalls vor, nicht näher darauf einzugehen. "Wir sollten vorher noch jagen gehen", erklärte sie stattdessen. "Ich habe ziemlichen Hunger, das sollte ich beheben, ehe der Werwolf hier auftaucht."

Samia nickte. "Hier steht nicht, wann er ankommen wird", sagte sie, gerade als es an der Vordertür klopfte. "Vielleicht solltet ihr euch beeilen."

Die beiden wandten sich zum Gehen und prallten fast mit Ismael zusammen, der eben ins Wohnzimmer kam und mit einer etwas hilflosen Geste hinter sich deutete. Im Flur tauchte ein Berg von einem Mann auf. Der Fremde mußte sich fast bücken, um durch die Tür zu kommen. Er war etwa zwei Meter groß, breitschultrig und kräftig gebaut, dabei war offensichtlich, daß seine Masse ausschließlich aus Muskeln und nicht etwa aus Fett bestand. Er hatte dichtes, dunkelbraunes Haar, das ungekämmt auf seine Schultern fiel, und einen Bart von gleicher Farbe. Auch ohne das Kettenhemd und das Langschwert, das er trug, hätte man ihm den Kämpfer meilenweit angesehen.

Auch das noch, dachte Madeleine. Sie schicken uns ausgerechnet den, der am wenigsten mit uns zusammenarbeiten will.

In der Tat stand vor ihnen der Werwolf, der am Abend zuvor so entschieden dagegengewesen war, den beiden Kainiten zu vertrauen.

"Guten Abend", sagte der Garou mit tiefer Stimme. Er sprach Latein mit einem seltsamen Akzent. "Mir wurde aufgetragen, mich hier zu melden. Mein Name ist MacCallan."

Madeleine warf einen kurzen Blick zu Samia, die eine unmißverständliche Geste machte. Kümmert ihr euch um ihn, sollte das heißen. Die Lasombra seufzte innerlich und wandte sich dem Garou zu. "Ich grüße Euch", sagte sie. "Ich bin Madeleine de Neuville. Dies sind Samia, Prinz dieser Stadt, und mein Gefährte, Sir William von Tintagel. Wir danken Euch für die Unterstützung."

Der Werwolf nickte wortlos und musterte sie unbewegt. Er scheint mich in diesem Aufzug nicht besonders ernst zu nehmen, stellte sie mißmutig fest. Aber ich hatte ohnehin nicht vor, im Kleid jagen zu gehen. Beschäftigst du ihn bitte, während ich mich umziehe? Und versuche wenigstens, höflich zu sein, fügte sie hinzu, als sie seinen Widerwillen spürte. Er mag zwar ein Schotte sein, aber wir brauchen ihn und seine Leute. Sie fand es etwas seltsam, daß er sich offenbar mehr an der Tatsache störte, daß ihr neuer Verbündeter ein Schotte war als daran, daß es sich bei ihm um einen Werwolf handelte. Andererseits kannte sie William gut genug, um zu wissen, daß er seine kleinen Vorurteile zwar pflegte, aber niemals zulassen würde, daß sie bei einer so wichtigen Angelegenheit im Weg standen.

 

Laß uns zur Zitadelle gehen, schlug sie vor, als sie zurückkam. Mit dem Wolf im Schlepptau sollte ich mir das Jagen auf der Straße besser verkneifen.

Er könnte es schlecht aufnehmen, stimmte William zu. Und zur Zitadelle wollte ich sowieso. Ich will versuchen, noch mehr über Khosanns Pläne aus Bodhi herauszubekommen. Solange wir nicht wissen, wann er zuschlagen will, ist mir einfach nicht wohl in meiner Haut.

"Wohin?" erkundigte sich MacCallan wortkarg, als sie aufgebrochen waren.

"Zur Zitadelle", erwiderte William. "Wir haben noch einige Dinge zu erledigen." Der Werwolf nickte stoisch und folgte ihnen.

 

"Wirst du mit Bodhi alleine fertig?" fragte Madeleine leise, als sie satt war. Sie hatten MacCallan in der Obhut des Wachhauptmanns zurückgelassen, um die Gefäße aufzusuchen, was der Garou wie üblich unbewegt hingenommen hatte. Es behagte der Lasombra nicht sonderlich, ihn zu lange dort allein zu lassen, aber da war noch etwas anderes, das sie beunruhigte, und darum wollte sie sich zuerst kümmern.

William nickte. "Sicher. Er ist da unten ruhiggestellt, was soll er mir schon tun können? Hast du etwas anderes vor?"

Ein seltsamer Unterton von Erleichterung schwang in seiner Stimme mit, den sie nicht recht deuten konnte. "Nur einen kurzen Erkundungsflug", sagte sie. "Ich will mich überzeugen, daß es unseren Leuten gutgeht und daß sie sicher in der Karawanserei angekommen sind."

"Ja", sagte er. "Tu das." Wieder klang er eine Winzigkeit zu eifrig, und fühlte sich auch so an. Ohne die Verbindung zwischen ihnen wäre es ihr vermutlich nicht einmal aufgefallen. So beschloß sie, lieber nicht näher darüber nachzudenken, was es bedeuten mochte, und machte sich auf den Weg zur Karawanserei.

 

Gut eine Stunde, nachdem sie ihn verlassen hatte, kehrte Madeleine zu MacCallan in die Wachstube zurück. Zu ihrer Erleichterung war bei den Ghoulen alles in Ordnung gewesen. Sie waren vollzählig in der Karawanserei versammelt, und die Kämpfer hatten das gesamte Gebäude, in dem sie untergekommen waren, unter Bewachung. Sie hatte ein paar Worte, oder vielmehr, ein paar Gedanken, mit William von Baskerville wechseln können, der ihr versichert hatte, daß alles unter Kontrolle war, und fühlte sich jetzt nicht unwesentlich beruhigt.

William war noch im Verlies beschäftigt, so beschäftigt sogar, daß er den Kontakt zu ihr auf ein Mindestmaß gedämpft hatte. Sie nahm das als deutliches Zeichen, daß er nicht gestört werden wollte, und ließ ihn in Ruhe. Stattdessen nickte sie MacCallan zu, der ihr bei ihrem Eintreten entgegensah. "Wenn Ihr keine anderen Pläne habt, würde ich vorschlagen, daß wir zusammen auf Patrouille gehen", sagte sie. "Sir William wird dann später zu uns stoßen." MacCallan nickte knapp und bedeutete ihr, vorauszugehen.

"Ich möchte mich gerne mit den beiden Soldaten unterhalten, von denen der Hauptmann vorhin berichtet hat", erklärte sie, als sie über den Hof gingen. Es hatte tagsüber zwar keine neuen Überfälle gegeben, aber an zwei Stellen in der Stadt waren Werratten gesichtet worden. In beiden Fällen waren es Patrouillen gewesen, die die Kreaturen aufgescheucht hatten, und beide Male konnten sich nur die jeweiligen Anführer, beides Ghoule, überhaupt daran erinnern, etwas gesehen zu haben. Ihre Männer, alles gewöhnliche Sterbliche, hatten die Zwischenfälle sofort vergessen. Das Beunruhigendste an der Sache war, daß sich hier zum ersten Mal Werratten mitten am Tag offen in die Stadt gewagt hatten. Sicher, es waren nur zwei gewesen, aber weitere würden folgen. Madeleine hatte das Gefühl, daß ihnen die Zeit davonlief. Sie konnte nur hoffen, daß William mit seinen Bemühungen bei Bodhi erfolgreich war, ehe es Khosann doch noch gelang, sie unvorbereitet zu überfallen.

Einer der beiden Ghoule, mit denen die Lasombra reden wollte, befand sich in der Zitadelle. Er war auf Wache in der Nähe des Tores und salutierte, als sie näher kam. Madeleine unterhielt sich kurz mit ihm, mußte aber feststellen, daß er seinem Hauptmann offenbar tatsächlich bereits alles berichtet hatte, was es zu berichten gab, und das war nicht eben viel. Er war mit vierzehn Mann unterwegs gewesen, als er die Werratte in einer Seitengasse gesehen hatte. Das Geschöpf hatte ihn und seine Leute natürlich sofort bemerkt und war geflüchtet. "Ihr habt sie nicht verfolgt?" wollte MacCallan wissen.

"Nein", antwortete der Soldat nach einem fragenden Blick zu Madeleine und einem leichten Kopfnicken von ihr. "Wir waren vor der Kampfkraft dieser Wesen eindringlich gewarnt worden, und ich wollte das Leben meiner Leute nicht unnötig riskieren."

"Ein Kampf gegen Kreaturen des Wyrm ist niemals unnötig", erklärte der Garou.

Madeleine warf ihm einen scharfen Blick zu. "Ihr hattet völlig recht", beruhigte sie den Soldaten. "Was nützt uns eine Werratte weniger, wenn wir das mit dem Tod etlicher unserer Leute bezahlen müssen? Ich danke Euch für den Bericht, Ihr habt getan, was Ihr konntet."

Der Soldat salutierte noch einmal, als die beiden sich entfernten. Draußen vor dem Burgtor konnte Madeleine nicht mehr an sich halten. "Ihr scheint mit der Entscheidung des Leutnants nicht einverstanden zu sein", stellte sie kühl fest.

MacCallan hob die Schultern. "Sie waren fünfzehn Mann, gegen eine Werratte. Sicher, einige von ihnen wären gestorben. Aber der Wyrm muß bekämpft werden, wo man ihn findet."

"Und die Verluste?" fragte Madeleine fassungslos, als sie erkannte, daß ihn das tatsächlich nicht berührte. "Die Toten?"

"Es gibt immer Verluste", meinte der Garou gleichmütig.

In Madeleine kochte es. "Und Ihr..." Und Ihr nennt uns Monster, hatte sie sagen wollen, schluckte es aber hinunter. Sie mußte sich mit Gewalt daran erinnern, daß sie auf die Garou angewiesen waren. Sobald das jedoch nicht mehr der Fall war, schwor sie sich, würde sie dem arroganten Bastard die Leviten lesen, und zwar gründlich. Sie hatte die überhebliche Selbstgerechtigkeit MacCallans und seinesgleichen wirklich satt. Wortlos wandte sie sich ab und schlug die Richtung zum Damaskustor ein, wo die zweite Ratte gesehen worden war.

 

Sie hatten etwa die Hälfte des Wegs zum Tor zurückgelegt, als ihnen der Lärm auffiel, der aus einer Kneipe ein Stück vor ihnen drang. "Was ist denn da los?" murmelte Madeleine und musterte besorgt den Eingang der Taverne. Irgendwie klang es nicht nach einer normalen Kneipenschlägerei. Vorsichtig näherten sich die beiden dem Eingang. Im selben Moment wurde die Tür aufgerissen, und ein Mann stürzte heraus. Der Sterbliche war weiß wie ein Laken und brüllte aus voller Lunge nach der Stadtwache, während er wie von Furien gehetzt die Straße hinabrannte. Die Lasombra und der Garou wechselten einen kurzen Blick, dann betraten sie die Taverne.

Drinnen herrschte das Chaos. Die meisten der Gäste lagen bewußtlos oder steif vor Angst auf dem Boden. Einige wenige hatten sich mit Messern und zerbrochenen Flaschen bewaffnet, in der wahrscheinlich vergeblichen Hoffnung, sich damit das zweieinhalb Meter große Ungeheuer vom Leib halten zu können, das mitten in der Schankstube mit messerscharfen Klauen um sich schlug. Sowohl Madeleine als auch ihr Begleiter bemerkten sofort, daß die Werratte offensichtlich verwirrt und desorientiert war, und daß die Wut, mit der die Kreatur alles um sich herum zertrümmerte, künstlich geweckt wurde. MacCallan stieß ein tierhaftes Brüllen aus, dann begann er, mit atemberaubender Geschwindigkeit zu wachsen. Augenblicke später stürzte ein Garou in Crinosform über die Sterblichen hinweg, die nicht das Glück hatten, rechtzeitig aus seiner Reichweite zu kommen, und warf sich mit vorgereckten Klauen auf eine schwarz gekleidete Gestalt, die in einer schattigen Ecke gesessen hatte.

Madeleine hatte den Magier ebenfalls entdeckt, schloß aber, daß von ihm nicht mehr viel übrig sein würde, bis sie in der Ecke ankam, und wandte sich stattdessen der Werratte zu. Mit einem Mal wurde ihr bewußt, daß sie praktisch unbewaffnet war. Sicher, in ihrem Gürtel steckten zwei Schwerter, aber den Umgang mit Waffen aus Stahl hatte sie völlig verlernt, seit sie die Schatten zu einer Klinge formen konnte. Leider gab es in der Taverne niemanden, der ihr eine adäquate Waffe hätte liefern können. Niemanden, außer MacCallan, und die Lasombra war nicht so wahnsinnig, einem Garou im Kampfrausch ohne seine Zustimmung (die er niemals gegeben hätte) seinen Schatten zu nehmen.

Die Ratte allerdings wußte nicht, daß Madeleine vom Schwertkampf gerade genug verstand, um die Waffe am richtigen Ende anzufassen. Vielleicht konnte man sie wenigstens soweit einschüchtern, daß sie die Menschen in der Schankstube in Ruhe ließ, bis MacCallan mit dem Magier fertig war und sich um sie kümmern konnte. Entschlossen zog die Lasombra ihre Klinge und sprang auf einen der nicht umgestürzten Tische direkt vor der Werratte, damit die Kreatur sie wenigstens sah.

Genau in diesem Moment stolperte einer der Sterblichen, die um sie herum immer noch versuchten, sich in Sicherheit zu bringen, und fiel gegen den Tisch. Madeleine strauchelte, glitt auf einer Bierlache auf der Tischplatte aus und schaffte es nicht mehr, ihr Gleichgewicht wiederzufinden, ehe sie schwer zu Boden stürzte. Sie landete genau auf zwei Sterblichen, konnte aber zum Glück wenigstens noch ihre Klinge beiseitedrehen, ehe sie einen von beiden damit verletzte. Ehe sie sich wieder hochgerappelt hatte, verrieten ein lautes Brüllen und ein entsetztes Quieken über ihr, daß MacCallan mit dem Magier fertig war und sich jetzt der Werratte zugewandt hatte. Augenblicke später war alles vorbei. Als Madeleine endlich auf die Füße kam, stand der Schotte, jetzt wieder in seiner menschlichen Gestalt, vor ihr und ließ eine nur noch schwach zuckende Ratte in seiner Gürteltasche verschwinden. Er warf ihr einen schwer zu deutenden Blick zu, dann zeigte er auf die Ecke, in der vorhin der Magier gesessen hatte. Jetzt war dort nur noch ein zerfetztes Etwas, das undeutlich als die Überreste eines menschlichen Körpers zu erkennen war, der wohl einmal schwarze Kleidung getragen hatte. "Wir brauchen ein Tuch, um das da zu transportieren", stellte er fest und wandte sich an den Wirt. Der stand zitternd und mit aschfahlem Gesicht hinter seinem Tresen und wirkte, als wäre er am liebsten meilenweit fort. Als der Garou ihn ansah, nickte er hastig, kramte etwas unter seiner Theke hervor, was wohl einmal ein Tischtuch gewesen sein mochte, und floh. MacCallan kümmerte sich nicht weiter um ihn, sondern begann ungerührt, die Reste des Magiers zu verpacken. Schließlich nahm er das widerlich tropfende Bündel und nickte Madeleine zu. "Laßt uns gehen. Ich habe da etwas, das ich meinen Brüdern zukommen lassen will."

"Einen Moment noch", sagte sie. "Ich will mir das hier erst etwas genauer ansehen." Sie trat heran und legte mit einiger Überwindung die Hand auf die Leiche. Sie wollte herausfinden, wer der Kerl gewesen war. Gleich darauf blitzten Bilder vor ihrem inneren Auge auf. Eine Stadt, die Häuser in einem fremdartigen Stil gebaut. Die Stadt befand sich im Osten, die Gebäude wirkten irgendwie arabisch. In einem der Häuser sah sie den fremden Magier, wie er sich mit jemandem unterhielt. Den anderen konnte sie nicht genau erkennen, aber seine Haltung, seine Gesten und seine Art sich zu bewegen, ließen sie sofort einen Vampir vermuten. Möglicherweise war es Khosann, sie konnte nicht sicher sein. Geld wechselte den Besitzer, und ein Schriftstück, womöglich ein Vertrag. Gleich darauf verließ der Magier die Stadt, um wenige Augenblicke später in Jerusalem anzukommen. Dort begann er, für Ärger zu sorgen und Unruhe zu stiften, alles im Verborgenen. Das letzte, was sie sah, ehe die Vision sie verließ, waren andere schwarz gekleidete Gestalten, die ihm zum Verwechseln ähnlich sahen und über die ganze Stadt verteilt waren.

Madeleine schlug die Augen auf und murmelte einen Fluch. "Der Kerl wurde hergeschickt, und es gibt noch mehr von seiner Sorte", erklärte sie MacCallan, der sie fragend ansah. "Irgendjemand hat ihn dafür bezahlt, daß er in der Stadt sein Unwesen treibt, und ich weiß leider nicht, wie viele von den Burschen hier noch unterwegs sind oder wer sie geschickt hat."

"Man könnte etwas vermuten", meinte der Garou und hob das Bündel hoch. "Gehen wir."

Als sie vor die Tür traten, hörte Madeleine sofort das Geräusch sich rasch nähernder Stiefel. Tatsächlich bog gleich darauf eine Patrouille der Stadtwache um die Ecke. Der Ghoul an ihrer Spitze erkannte Madeleine, blieb stehen und salutierte. "Guten Abend, Madame. Gibt es Schwierigkeiten?"

"Jetzt nicht mehr", erwiderte sie trocken und deutete auf MacCallan und sein Bündel. "Eine Werratte hat in der Taverne dort vorne getobt, sie wurde beseitigt. In dem Tuch befindet sich derjenige, der sie gesteuert hat, vielleicht solltet Ihr es in die Zitadelle schaffen."

Der Ghoul warf einen wenig begeisterten Blick auf das Bündel, nickte aber. "Wir werden uns darum kümmern. Drinnen ist alles in Ordnung?"

"Das nicht gerade, aber ich denke nicht, daß Ihr und Eure Männer noch etwas tun könnt. Die Leute da drinnen haben eine Werratte gesehen und einen Garou, sie werden sich an nichts erinnern." Madeleine sah zu, wie MacCallan seine Last an die Soldaten abgab.

"Wir sollten einen Abstecher zum Elysium machen", sagte der Garou leise, als die Soldaten sich entfernten. "Unser Schamane wird sich die Ratte ansehen wollen, und der Inquisitor sicher auch." Sie hatte keine Einwände, und das Elysium war ohnehin nicht weit entfernt.

In der Gaststube saß nur einer der Garou an einem Tisch, die übrigen waren nicht zu sehen. Madeleine hielt sich höflich etwas im Hintergrund, während MacCallan mit spitzen Fingern die Ratte am Schwanz aus seiner Tasche zog, sie seinem Gefährten übergab und kurz erklärte, wie er zu der seltsamen Beute gekommen war.

"Ich habe noch einiges über den Magier erfahren, der das Ding gesteuert hat", sagte sie schließlich und berichtete von der Vision. "Das könnte Euren Anführer möglicherweise ebenfalls interessieren." Der andere nickte. "Wir werden uns die Ratte ansehen und schauen, was sie uns verraten kann", versprach er. "Wenn wir etwas herausfinden, lassen wir es Euch wissen." Er erhob sich, die Ratte in der Hand. "Gute Jagd noch."

"Danke", sagte MacCallan einfach und wandte sich zum Gehen.

 

"Es tut mir leid, Madame, ich habe wirklich nicht viel gesehen." Der Ghoul schüttelte bedauernd den Kopf. "Die Ratte wollte offenbar nicht gesehen werden, sie verschwand entlang der Mauer Richtung Osten. Wohin sie unterwegs war, oder was sie wollte, kann ich nicht sagen."

Madeleine sah nachdenklich die Straße entlang. Die Hitze des Feuers machte ihr selbst auf diese Entfernung noch zu schaffen, und durch das Flirren der Luft konnte sie nicht wirklich etwas erkennen. Die Lasombra seufzte und wandte sich wieder an den Soldaten. "Hättet Ihr etwas dagegen, wenn ich mir das selbst einmal ansehe? Durch Eure Erinnerungen?"

"Nein, Madame", erklärte er sofort, streifte bereitwillig seinen Handschuh ab und reichte ihr die Hand.

"Danke", sagte sie und nahm die Hand. "Es wird mir helfen, wenn Ihr Euch darauf konzentriert, was Ihr gesehen habt. Ich werde nur danach suchen und mich ansonsten aus Euren Gedanken heraushalten." Sie schloß die Augen und erstarrte. Der Mann war wirklich hilfsbereit, wie sie feststellte, und in wenigen Augenblicken erfuhr sie alles, was er wußte. Es war leider wirklich nicht viel. Er hatte nicht gesehen, wo die Ratte hergekommen war, sondern sie erst entdeckt, als sie innerhalb der Mauer plötzlich aus den Schatten aufgetaucht war. Sie schien sich umgesehen zu haben, hatte dann aber offenbar bemerkt, daß sie beobachtet wurde, und war in atemberaubendem Tempo nach Osten verschwunden. Nach Osten, wo sich, wie die Lasombra wußte, ein weiterer Zugang zu den Katakomben befand. Die Kreatur, das war ihr noch aufgefallen, hatte krank ausgesehen, ihre Augen waren entzündet, das Fell ging büschelweise aus und darunter waren Geschwüre und eine Art nässender Ausschlag zu erkennen.

Madeleine schlug die Augen auf und schüttelte sich leicht. "Ich danke Euch", sagte sie zu dem Soldaten, der sich wieder auf seinen Posten begab. "Sie ist nach Osten gelaufen", informierte sie MacCallan, "Wahrscheinlich zu den Katakomben. Habt Ihr etwas dagegen, wenn wir die Spur verfolgen?"

"Nein", erwiderte er. "Mir ist da ohnehin etwas seltsames aufgefallen..." Als sie ihn fragend ansah, fuhr er fort: "Ich kann die Einflüsse des Wyrm wahrnehmen, wenn ich mich darauf konzentriere. Es ist..." Er suchte nach einem Vergleich. "Es ist, als würde man mit einer Lampe in ein dunkles Zimmer hineinleuchten, und manche Gegenstände werfen das Licht zurück. Der Vergleich hinkt, aber besser kann ich es nicht beschreiben. Ein Stück östlich und südlich von hier ist etwas seltsames, dort gibt es einen Bereich, in den ich mit meiner Kraft nicht hineinsehen kann. Ich habe so etwas noch nie erlebt, es beunruhigt mich."

Das muß die längste Rede gewesen sein, die er jemals am Stück gehalten hat, dachte Madeleine, sprach es aber nicht aus. "Dann sollten wir uns das ansehen", sagte sie stattdessen und machte eine einladende Handbewegung. "Zeigt mir den Weg." Plötzlich blieb sie stehen. In ihrem Kopf hatte sich etwas gerührt, offenbar war William wieder ansprechbar. MacCallan sah sie fragend an und wollte offenbar etwas sagen, aber sie hob die Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Wo seid ihr? erkundigte sich der Ventrue.

Am Damaskustor, antwortete sie und gab ihm einen kurzen Bericht über das, was sie bisher herausgefunden hatten. Wir waren gerade auf dem Weg zu diesem Gebiet, das MacCallan nicht wahrnehmen kann. Ich habe keine Ahnung, was er damit genau meint. In der Richtung, die er angegeben hat, liegt zum Beispiel die Magierakademie und das Haus der Illuminaten, ich weiß aber nicht, ob seine Sinne so weit reichen. Sie lauschte einen Moment lang in sich hinein. Was ist los, William? fragte sie schließlich. Etwas stimmt doch nicht mit dir.

Frag nicht, bat er. Ich möchte nicht darüber reden. Ich habe mehr über Khosanns Pläne erfahren, wir sollten uns treffen und dann mit Samia reden. Wie es aussieht, bleibt uns nicht viel Zeit.

Madeleine begann, sich Sorgen zu machen. Etwas bedrückte William, aber er wollte offenbar wirklich nicht, daß sie wußte, was es war. Es verletzte sie, daß er sie ausschloß, obwohl er wußte, wie sehr sie es haßte, wenn er das tat. Eine Ahnung regte sich tief in ihr, aber der Gedanke war zu unangenehm, sie schob ihn beiseite. Treffen wir uns an der nördlichen Mauer, schlug sie vor. Du wirst uns schon finden.

Sie spürte Zustimmung. In Ordnung. Es wird allerdings noch ein Weilchen dauern, ich habe... noch etwas zu erledigen.

Dann gehen wir uns erst das ansehen, was unseren schottischen Freund hier beunruhigt hat, beschloß sie. Bis später. Sie öffnete die Augen und sah MacCallan an, der sie verständnislos betrachtete. "Gehen wir", sagte sie, als sei nichts geschehen.

 

William schloß die Zellentür hinter sich und lehnte sich einen Moment lang mit geschlossenen Augen dagegen. Schließlich riß er sich zusammen und machte sich auf den Weg nach oben. Er hatte Madeleine nicht angelogen, als er ihr gesagt hatte, er hätte noch etwas zu erledigen, ehe er sie treffen konnte. Bevor er sich auf die Straße wagte, mußte er auf jeden Fall Bodhis Blut von sich abwaschen. William stieg müde die Treppe hinauf und wünschte sich, zusammen mit dem Blut auch die Schreie des Nosferatu aus seiner Erinnerung waschen zu können.

 

"Dort vorne, dieses Haus", sagte MacCallan. "Dort ist irgendetwas, das meine Wahrnehmung blockiert."

"Das hatte ich mir fast gedacht", murmelte Madeleine. "Wir sollten an das Haus nicht allzu nahe herangehen." Als der Garou fragend eine Augenbraue hob, fügte sie erklärend hinzu: "Das ist das Gildenhaus der Illuminaten, eines Geheimbunds, der Wissen sucht, aber nicht besonders daran interessiert ist, es Außenstehenden zugänglich zu machen. Sie haben Wachgargoylen auf dem Dach, mit denen nicht zu spaßen ist, und vermutlich können sie sich auch gegen Eure Wahrnehmung schützen."

MacCallan nickte düster. "Das gefällt mir nicht. Und da vorne ist noch einmal so ein Gebiet, wenn auch kleiner. Irgendwo hinter der Häuserzeile, ein Stück unter der Erde."

Erstaunt folgte Madeleines Blick seiner Hand, die genau auf Osmadis Moschee zeigte, deren Kuppel sich hinter dem Haus der Illuminaten erhob. "Laßt uns etwas näher herangehen, ich möchte sicher sein, daß es sich tatsächlich um diese Moschee handelt."

Wenig später hatten sie die Gewißheit. "Hochinteressant", fand die Lasombra. "Wir sollten hier nicht stehenbleiben."

"Was hat es mit dieser Moschee auf sich?" wollte der Schotte wissen.

"Sie... ist bewohnt. Deswegen sollten wir dort auch nicht einfach hineinmarschieren und nachfragen, was es mit dieser Zone unter dem Gebäude auf sich hat. Es könnte politische Verwicklungen geben."

MacCallan schien wenig begeistert, folgte ihr aber, als sie sich umdrehte und die Straße zurückzugehen begann. "Haben wir eine Möglichkeit, uns da drinnen umzusehen?"

"Nicht ohne weiteres", antwortete sie. "Ich glaube auch nicht, daß der Bewohner der Moschee etwas mit unserem momentanen Problem zu tun hat. Er hatte vor einigen Nächten selbst ziemliche Schwierigkeiten mit den Ratten. Laßt uns zur Stadtmauer zurückgehen und uns den Katakombeneingang ansehen."

 

Sie trafen William schließlich in der Nähe des östlichen Katakombeneingangs. Madeleine und MacCallan standen in einer Toreinfahrt, als William um die Ecke bog und zielstrebig auf sie zusteuerte. Der Schotte hob eine Augenbraue. "Ihr seid nicht zufällig hier vorbeigekommen", stellte er fest.

"Nein", sagte William, ohne näher darauf einzugehen.

Madeleine musterte ihn prüfend. Er roch schwach nach Seife, außerdem war seine Kleidung stellenweise gereinigt und noch nicht ganz wieder getrocknet. Seine Gefühle hielt er unter Kontrolle, bemüht, sie nicht allzuviel davon mitbekommen zu lassen. Natürlich funktionierte das nicht, es funktionierte schon lange nicht mehr. Was hast du herausgefunden? fragte sie.

Der Angriff gegen uns läuft schon, antwortete er. Khosann ist dabei, für jeden Kainiten in der Stadt einen höheren Diener der Ratte zu beschwören, der ihn töten soll. Das heißt, er braucht neun von ihnen, und sobald er die alle zusammen hat, schlägt er zu. Zum Glück muß er jeden einzeln holen, und es dauert jedesmal zwischen ein und drei Tage.

Wieviele hat er schon? fragte Madeleine und ahnte Böses.

Sieben von denen Bodhi wußte, heute Nacht möglicherweise den achten.

Das heißt, wir müssen morgen zuschlagen, überlegte Madeleine und ignorierte den fragenden Blick des Garou, der offenbar nicht nachvollziehen konnte, warum die beiden auf der Straße standen und sich anschwiegen. Das sieht nicht gut aus. Aber das ist doch nicht alles, nicht wahr? Willst du mir nicht endlich sagen, was dich so bedrückt?

Nein, will ich nicht, gab er beinahe zornig zurück. Wenn ich es dir erzähle, fühlst du dich nur schlecht, und davon hat niemand etwas.

Jetzt wußte sie endgültig Bescheid. Du hast ihn gefoltert, stellte sie fest.

Ja, das habe ich. Er wurde langsam wütend. Von sich aus hätte er mir das niemals verraten. Er ist einer unserer Art, er wird es überstehen.

Madeleine hatte es längst geahnt, trotzdem traf es sie, wie kaltschnäuzig er damit umging. Es gab eine Zeit, da hättest du das anders gesehen, gab sie zurück. Demnach hast du ihn nicht umgebracht?

Nein, Samia hat es uns schließlich verboten. Obwohl es eine Information gibt, die er nur herausrücken will, wenn ich ihm dafür verspreche, daß ich ihn anschließend töte.

Er will sterben? fragte Madeleine entsetzt. Was hat Khosann bloß mit ihm angestellt?

Ich weiß es nicht, ich hatte wichtigere Dinge, die ich ihn fragen mußte. William warf einen Blick auf MacCallan. Wir sollten uns wieder um den Garou kümmern, er wird mißtrauisch.

Madeleine nickte nur. Williams Verhalten verletzte sie, dabei spürte sie, daß er damit zum Teil auch sich selbst vor dem schützen wollte, was er getan hatte. Möglicherweise hatte er sogar recht und es war wirklich die einzige Möglichkeit gewesen, Bodhi zum Reden zu bringen, trotzdem hätte sie nicht mit ihm tauschen mögen. Ohne ein weiteres Wort trat sie aus der Toreinfahrt und ging auf die Ecke zu, hinter der der Eingang zu den Katakomben lag. William folgte ihr, seine Gefühle immer noch wie ein Schatten in ihrem Geist.

 

"Drei Werratten", murmelte MacCallan. "Und im Umbra wartet einer der höheren Diener, ich spüre seine Gegenwart." Der Garou spuckte angewidert aus.

William hielt plötzlich sein Jadeschwert in der Hand, das vorher nicht zu sehen gewesen war. "Sollen wir sie angreifen?" fragte er ruhig.

Der Schotte musterte anerkennend die fremdartige Waffe. "Ihr macht den Eindruck, als könntet Ihr damit umgehen", sagte er. Als William bestätigend nickte, fügte er mit einem etwas abfälligen Blick auf Madeleine hinzu: "Ihr solltet es Eurer Gefährtin dringend beibringen, ehe sie sich selbst verletzt."

Zorn stieg in der Lasombra hoch, und William beeilte sich, ihr etwas Ruhe zu übermitteln. "Sie hat andere Waffen, und ich kann Euch versichern, daß sie damit ausgezeichnet umzugehen versteht."

MacCallan zuckte gleichmütig die Schultern und wandte sich den Ratten zu. "Dann sollte sie nicht mit Schwertern herumspielen." Madeleines empörtes Schnauben ignorierend, fuhr er fort: "Ich wäre dafür, meine Brüder zu Hilfe zu rufen. Es wäre möglich, daß ich mit dem höheren Diener nicht ohne weiteres fertig werde, und ich will nicht, daß er entkommt."

William war einverstanden, Madeleine noch viel zu erbost über die Arroganz des Schotten, um irgendetwas zu sagen. Man beschloß, vom nächsten Posten der Stadtwache aus einen Boten zum Elysium zu schicken, der die Garou holte, während die drei in der Nähe des Eingangs blieben. Wenig später trafen drei Werwölfe an der Stadtmauer ein. Die Aussicht auf einen Kampf gegen einen höheren Diener der Ratte schien ihnen durchaus zu gefallen, MacCallans Bericht wurde von ihnen mit einem breiten Grinsen quittiert.

"Dann sehen wir uns das ganze doch einmal an", schlug der Inquisitor vor, der sie anführte.

Wie sich herausstellte, hatten die Ratten inzwischen Verstärkung bekommen. Acht Werkreaturen trieben sich in der Umgebung des Eingangs herum, fünf von ihnen sichtbar, die übrigen drei bei dem höheren Diener im Umbra. Der Inquisitor wandte sich an William und Madeleine. "Ich werde mit meinen Leuten ins Umbra gehen und mich um diese Kreatur kümmern. MacCallan wird bei Euch bleiben, zusammen solltet Ihr mit diesem Pack da vorne fertig werden. Haltet sie uns vom Hals, damit sie dem Kerl nicht zu Hilfe kommen." Damit sammelte er seine Männer um sich, trat einen Schritt nach vorn und verschwand im Nichts.

Madeleine warf William einen Blick zu. Er nickte unmerklich. Die Lasombra streckte die Hand aus und hielt im nächsten Augenblick ihre Schattenklinge. Auf ein Zeichen des Ventrue stürzten sich die drei auf die Werratten.

Madeleine war erleichtert, endlich ein Ziel für ihren Zorn zu haben. Die Auseinandersetzung mit William hatte sie aufgewühlt, zumal sie spürte, daß die Sache noch nicht ausgestanden war. Er war verärgert über ihre Vorwürfe, schließlich war er der Ansicht, nur getan zu haben, was nötig war, und darüber geschwiegen hatte er nur, um sie nicht zu belasten. Keiner von ihnen beiden war im Moment wirklich auf der Höhe seiner Kraft. William hatte sich noch nicht völlig von den Verletzungen erholt, die er in den Katakomben erlitten hatte, und Madeleine steckte immer noch die Anstrengung in den Knochen, die sie hatte aufbringen müssen, um ihn in Sicherheit zu bringen. Das machte die Geduldsfäden noch etwas kürzer als üblich, und bei William merkte man das gerade besonders deutlich. Madeleine stieß ein wütendes Fauchen aus und bohrte ihre schwarze Klinge in die erste Werratte, die in ihre Reichweite kam. Die Kreatur starb, ehe sie eine Chance hatte, sich zu verwandeln.

William bekam aus dem Augenwinkel heraus mit, wie seine beiden Begleiter sich auf die Werratten stürzten. Unter den Kreaturen entstand Panik, eine von ihnen warf sich augenblicklich herum und floh. Der Ventrue wollte ihr den Weg abschneiden, wurde aber von einer anderen daran gehindert, die plötzlich direkt vor ihm auftauchte und sich zu verwandeln begann. Der Ventrue ließ sein Jadeschwert herabsausen, aber die Ratte hatte sich bereits soweit ihrer Kampfform angenähert, daß ihre Haut zäh wie Hartleder war. Die grünlich schimmernde Klinge ritzte sie nur, ohne sie wirklich zu verletzen. William knurrte zornig, duckte sich unter den Krallen hindurch, die nach ihm schlugen, und zog mit der freien Hand seinen Silberdolch. Die Klinge zuckte nach vorn und hinterließ einen tiefen Riß in der Seite der Werratte. Das Geschöpf schrie gellend auf und hieb mit beiden Pranken nach dem Ventrue. Die Klauen glitten jedoch an seinem Kettenhemd ab, ohne Schaden anzurichten. Williams Schwert stieß zu, gleich darauf setzte er mit dem Dolch nach. Beide Klingen trafen ihr Ziel. Die Ratte pfiff noch einmal schrill, dann brach sie zusammen und begann zu schrumpfen.

Augenblicke später war alles vorbei. William richtete sich auf und sah sich um. Madeleine stand mit ausdruckslosem Gesicht über den Leichen von zwei Werratten. MacCallan hatte einen toten Gegner vor sich liegen und fluchte lautstark, als er erkannte, daß der fünften Ratte offenbar die Flucht geglückt war. William sah sich um, aber von der Kreatur war nichts mehr zu sehen.

Madeleine stellte fest, daß der Kampf offenbar vorbei war und entließ Williams Schatten aus ihrem Griff. "Wie Ihr seht, bin ich durchaus in der Lage, mit einer Waffe umzugehen", bemerkte sie ätzend in MacCallans Richtung.

Der Garou zuckte die Schultern. "Ihr könnt mit etwas umgehen, das wie eine Waffe aussieht", gab er zu und warf einen angewiderten Blick auf Williams Schatten, der seit seiner Rückkehr zu seinem Besitzer von einem seltsamen Eigenleben erfüllt zu sein schien. "Wahrscheinlich ist es auch eine Waffe. Wyrmzeug." Damit war für ihn die Sache erledigt, und ehe Madeleine etwas darauf antworten konnte, drehte er sich um.

Die beiden Kainiten wechselten einen Blick, aber bevor einer von beiden etwas sagen konnte, flimmerte die Luft vor MacCallan. Gleich darauf traten die drei Garou auf die Straße. Sie sahen nicht besonders zufrieden aus.

"Er ist uns entkommen", gab der Inquisitor zu. "Er hat uns die gewöhnlichen Werratten in den Weg gestellt und seine erste Chance zur Flucht genutzt. Wahrscheinlich wußte er, daß es auch die letzte sein würde. Wie auch immer, er ist weg."

Einer der drei Garou war offenbar schwer verletzt worden, seine beiden Gefährten stützten ihn. "Ich nehme an", sagte William mit einem Blick auf ihn, "daß Ihr zum Elysium zurückkehren wollt. Wenn Ihr nichts dagegen habt, werden wir Euch später dort treffen, es gibt etwas zu besprechen. Nachdem wir unserem Prinzen berichtet haben."

Der Anführer der Werwölfe nickte knapp. "In Ordnung. Ihr wißt, wo Ihr uns findet."

 

Samia hörte sich mit versteinerter Miene an, was William erzählte. "Uns läuft die Zeit davon", schloß der Ventrue. "Wir müssen morgen zuschlagen, sonst besteht die Gefahr, daß Khosann seine Mördertruppe beisammen hat und uns alle im Schlaf umbringt."

Samia nickte langsam. "Regelt das mit den Garou. Ich habe noch etwas zu erledigen." Mehr sagte sie nicht, und sie strahlte eine Kälte und eine erzwungene Ruhe und Beherrschtheit aus, die Madeleine nichts Gutes ahnen ließ. Etwas am Verhalten des Prinzen warnte sie aber davor, sich in deren persönliche Angelegenheiten einzumischen.

"Malachit muß ebenfalls Bescheid wissen", meinte die Lasombra. "Vielleicht treffen wir ihn im Elysium, dann können wir ihn gleich in die Planung mit einbeziehen."

Sowohl Madeleine als auch William spürten deutlich, daß Samia sie aus dem Haus haben wollte, und verabschiedeten sich hastig.

 

"Da seid Ihr ja wieder", begrüßte der Garou die beiden. Es war der gleiche, der vorhin bereits in der Schankstube des Elysiums gewartet hatte und von dem sie inzwischen wußten, daß er der Schamane der Gruppe war. MacCallan saß mit einem Krug Bier in der Hand neben ihm, mißtrauisch beäugt von Icharyd, der in der Nähe der Hintertür an einem kleinen Tisch saß. "Der Inquisitor ist oben und kümmert sich um den Verletzten", sagte der Schamane leise. "Er wird damit wohl den Rest der Nacht beschäftigt sein. Die anderen müßten aber gleich... ah, da sind sie ja." Er hob grüßend die Hand, als die beiden übrigen Garou den Raum betraten.

Gerade, als sie sich hingesetzt hatten, trat ein vornehm gekleideter Mann an ihren Tisch. "Ich nehme an, es gibt Neuigkeiten?" erkundigte sich Malachit und nahm Platz, ohne daß ihn jemand dazu aufgefordert hätte.

William warf den Garou einen entschuldigenden Blick zu. "In der Tat, die gibt es. Bodhi hat uns noch einige interessante Details verraten." Er gab eine kurze Zusammenfassung dessen, was er erfahren hatte. "Zum Schluß sagte er noch, es gäbe auf dem Weg zu Khosann einen Punkt, den wir nicht überschreiten könnten, er selbst könne es auch nicht. Leider habe ich nicht aus ihm herausbekommen können, wo dieser Punkt liegt und was es damit auf sich hat", schloß er. "Tatsache ist aber, daß wir morgen zuschlagen müssen, wenn das Risiko für uns nicht unkalkulierbar werden soll."

Die Garou schienen die Aussicht, bald aktiv werden zu können, durchaus erfreulich zu finden. "Dann sollten wir uns Gedanken über unser Vorgehen machen", stellte der Schamane fest.

"Das sollten wir allerdings", erklärte Malachit. "Insbesondere, da Ihr nicht bis zum Ziel mit uns kommen werdet." Er ignorierte die ungläubigen Blicke der Garou und fuhr fort: "Ab einem gewissen Punkt kann ich Euch nicht gestatten, uns weiter zu begleiten. Diese beiden", er deutete auf William und Madeleine, die seinen Worten ebenso fassungslos zuhörten wie die Werwölfe, "diese beiden genießen mein Vertrauen, da es nun einmal nicht anders geht. Euch jedoch ist das, was sich hinter diesem Punkt befindet, verwehrt."

MacCallan schien kurz davor, die Beherrschung zu verlieren. "Und was", erkundigte er sich gefährlich leise, "werdet Ihr dann tun, während wir kämpfen?"

Malachit streifte ihn mit einem desinteressierten Blick. "Seid versichert, daß ich meinen Teil tun werde."

"Worte", knurrte MacCallan verächtlich. "Von Euch kommen nur Worte, nur leeres Geschwätz, keine Taten."

Malachit beugte sich leicht nach vorn. "Wollt Ihr damit etwas andeuten?"

"Nein, ich will nichts andeuten. Ich will sagen, daß ich Euren Wert bei dem, was auf uns zukommt, nicht erkennen kann."

Malachit kniff die Augen zusammen. "Dies ist ein Elysium, hier gelten gewisse Gesetze, die ich Euretwegen nicht zu brechen gewillt bin. Andererseits..." Er musterte den Garou kühl. "Wenn Ihr den Mut habt, können wir das gerne draußen diskutieren." Ohne ein weiteres Wort stand er auf und ging gemessenen Schrittes zur Tür.

MacCallan kochte. Die Hände des Schotten krallten sich um die Tischkante, und Icharyd wandte sich entsetzt ab, um nicht mit ansehen zu müssen, wie der Garou seine geliebten Möbel ruinierte. Madeleine wechselte einen kurzen Blick mit William, dann eilte sie hinter Malachit her, während der Ventrue versuchte, MacCallan davon abzuhalten, das gleiche zu tun.

Sie holte den Nosferatu auf der Straße ein, wo er gelassen neben der Tür stand und wartete. "Würdet Ihr mir vielleicht erklären, was das eben sollte?" fuhr sie ihn an.

Malachit hob die Schultern. Er hatte inzwischen seine Tarnung fallengelassen und bot einen recht widerwärtigen Anblick. "Dieser Garou hat mich beleidigt", erklärte er. "Also habe ich ihn aufgefordert, die Sache zu bereinigen."

"Ihr habt Euch absolut unmöglich benommen", warf sie ihm vor. "Wir sind auf die Kooperation der Werwölfe angewiesen, und es kommt selten genug vor, daß sie sich auf einen Pakt mit unseresgleichen einlassen. Ihr seid dabei, alles zu gefährden, was William und ich erreicht haben."

Malachit war unbeeindruckt. "Diese Angelegenheit betrifft mich und ihn. Nicht Euch."

"Ach, Unsinn", fauchte sie erbost. "Was Ihr tut, wird auf uns zurückfallen. Die Garou hatten gerade angefangen, uns zu vertrauen, und ich werde nicht zulassen, daß Ihr unseren Ruf zunichte macht."

"Und was gedenkt Ihr dagegen zu unternehmen?" erkundigte sich Malachit milde, als die Tür aufging und MacCallan heraustrat, dicht gefolgt von William.

Madeleines Augen verengten sich. "Wollt Ihr mich wirklich herausfordern, Malachit?" fragte sie gefährlich leise. William spürte ihre Entschlossenheit. Sie würde keinen Fußbreit vor dem Nosferatu zurückweichen, das war deutlich.

"Geht mir aus dem Weg", verlangte Malachit.

Madeleine verschränkte die Arme vor der Brust und blieb stehen. William trat vor und stellte sich Rücken an Rücken mit ihr, so daß er MacCallan im Auge behalten konnte.

Der Nosferatu und die Lasombra maßen sich mit ihren Blicken. Keiner von beiden wandte den Kopf, als erneut die Tür aufgerissen wurde und der Schamane erschien, begleitet von dem Inquisitor, der reichlich erschöpft wirkte. Die beiden blieben stehen, als sie feststellten, daß noch kein Kampf stattgefunden hatte, und warteten.

Endlich nickte Malachit in MacCallans Richtung. "Wie es aussieht, können wir die Angelegenheit im Augenblick nicht austragen, ohne weitergehende Schäden anzurichten. Wenn Ihr einverstanden seid, treffen wir uns übermorgen um Mitternacht, an einem Ort, den ich Euch noch nennen werde. Dann können wir das unter uns regeln."

MacCallan warf einen kurzen Blick zu seinem Anführer, der mit keiner Geste zu verstehen gab, was er von dem Angebot hielt. Schließlich nickte der Schotte. "Einverstanden. Wir wollen es morgen mit einem starken Gegner aufnehmen, da wäre es in der Tat unklug, unsere Kampfkraft vorher zu schwächen. Ich erwarte Eure Nachricht."

Malachit nickte knapp. "Bis morgen", sagte er, legte seine Tarnung wieder an und wanderte die Straße hinunter, als sei nichts geschehen.

Der Inquisitor sah ihm nachdenklich hinterher. "Da hast du dir einiges vorgenommen, mein Junge", murmelte er, als der Nosferatu außer Sichtweite war. "Wenn du den schaffst, bist du wirklich gut." Er sah Madeleine an. "Ich weiß, daß er nicht für Euch spricht, und daß Ihr seine Ansichten nicht teilt", sagte er. "Sein Verhalten wird keine Auswirkungen auf unseren Pakt haben."

"Ich danke Euch", sagte die Lasombra schlicht. "Wenn Ihr nichts dagegen habt, werde ich mich nun ebenfalls zurückziehen." Ich möchte noch ein wenig auf Patrouille gehen, fügte sie lautlos hinzu. Ich bin sicher, die restlichen Details könnt ihr ohne mich klären.

William nickte ihr zu und folgte den Garou in die Taverne. Die Werwölfe schienen Malachits Abgang als eine Art Sieg für MacCallan zu werten und waren prompt in Feierstimmung. Bier floß, und nach und nach begann ihre Fröhlichkeit sogar William ein wenig anzustecken. Schließlich störte es ihn nicht einmal mehr, daß sich unter den fünf anwesenden Garou zwei Iren und zwei Schotten befanden.

Als er sich eine Stunde vor Sonnenaufgang schließlich auf den Weg machte, hielt MacCallan ihn auf. "Schlaft gut", sagte der Schotte mit etwas schwerer Zunge. "Und wenn Ihr zu Eurer Gefährtin kommt, sagt Ihr, sie hat Mut." Er prostete William noch einmal zu und nahm einen tiefen Schluck aus seinem Krug.

Von einem Werwolf ist das ein echtes Lob, dachte der Ventrue. "Ich werde es ihr ausrichten", versicherte er und verabschiedete sich.

 

Madeleine drehte ihre Runden durch das christliche Viertel mit einem unguten Gefühl in der Gegend, wo früher ihr Magen gewesen war. Sie konnte sich nicht erklären, woher es kam, auf den Straßen sah es nicht viel anders aus als in den letzten Nächten auch. Wahrscheinlich sehnte sie sich einfach nur nach etwas Ruhe. Die Auseinandersetzung mit William nagte noch an ihr, und der Streit mit Malachit hatte auch nicht gerade zu ihrer Beruhigung beigetragen, obwohl sie den Eindruck hatte, in gewisser Weise einen Sieg über den Nosferatu davongetragen zu haben. Seit sie in Jerusalem angekommen waren, waren sie von einem Problem ins nächste gerutscht, und dabei hatten sie noch kaum angefangen, sich um das zu kümmern, weswegen sie eigentlich hier waren. Und William, immer wieder William... er war immer noch bei den Werwölfen in der Taverne, und schien sich recht gut zu amüsieren, aber sie konnte einfach nicht vergessen, was sie vorhin bei ihm gespürt hatte. Madeleine seufzte und warf einen Blick zum Himmel. Es wurde langsam Zeit, den Heimweg anzutreten.

Ich bin auf dem Weg zu Samia, hörte sie da William in ihrem Kopf. Wollen wir uns treffen?

Gerne, stimmte sie zu, und wenige Minuten später bog er vor ihr um eine Ecke.

"Ich soll dich von unserem schottischen Freund grüßen", erklärte der Ventrue und grinste. "Er hat dir ein Kompliment gemacht."

"Da muß er wohl ziemlich betrunken gewesen sein", antwortete sie mißmutig.

"Es geht so", meinte er. "Er schien noch recht klar zu sein."

Als die beiden bei Samia ankamen, wurden sie bereits von Ismael erwartet. Er wirkte ungewöhnlich ernst, als er Madeleine ein Pergament reichte. Sie nahm es und las ungläubig, was daraufstand.

"Azim hat heute Nacht gegen meinen Willen und gegen meinen Rat Jerusalem verlassen, um seinen Meister aufzusuchen. Ihr könnt weiterhin mein Haus und meine Vorräte nutzen, sie stehen zu eurer Verfügung. Ich selbst werde jedoch vorerst untertauchen. Ich habe gute Freunde in der Stadt, sie werden mir Unterschlupf gewähren. Bis das hier alles vorbei ist, werde ich wieder ein Prinz der Straße sein, wo ich sowieso hingehöre. Versucht nicht, mich zu finden. Wenn es vorüber ist, werde ich euch finden. Ich wünsche euch Glück. Samia."

Madeleine ließ langsam die Hand sinken und merkte kaum, wie Ismael ihr das Pergament wegnahm und es sorgfältig verbrannte. "Das hätte ich nicht erwartet", murmelte sie fassungslos. "Ich hätte nie geglaubt, daß Samia sich absetzt und uns hier auf dem Präsentierteller sitzen läßt, um ihre Stadt für sie zu retten." Erschüttert wandte sie sich ab und ging langsam zum Schlafzimmer. William wechselte einen hilflosen Blick mit Ismael, der nur ratlos die Schultern zucken konnte, dann folgte er ihr.

 

Als Madeleine am nächsten Abend aus dem Schlafzimmer trat, wurde sie von Ismael schon erwartet. Der stumme Ghoul bedeutete ihr, ihm zu folgen, und führte sie in ein Nebenzimmer. Früher war dieser Raum das Hospital gewesen. Seit Samia Prinz geworden war, hatte sie die Kranken anderweitig untergebracht, und der Raum stand leer. Ismael deutete auf eine Ecke, wo eine einsame Kerze brannte und einen auf den Boden gemalten Kreis erhellte. Er machte einige komplizierte Gesten, und es dauerte eine Weile, ehe die Lasombra verstand, worauf er hinauswollte.

"Der Kreis hilft mir, meine Schatten zu rufen", erkannte sie schließlich. Ismael nickte und machte eine Handbewegung zu der Kerze hin. "Wenn ich die Kerze lösche... ich verstehe." Sie betrachtete den Kreis nachdenklich. "Danke. Ich werde heute Nacht wahrscheinlich jedes bißchen Rüstung brauchen, das ich bekommen kann. Ich werde gleich anfangen." Ismael zog sich hastig zurück.

 

William erwachte, reckte sich, und stellte fest, daß Madeleine irgendwo in der Nähe mit Kampfvorbereitungen beschäftigt war. Das sollte ich wohl auch tun, dachte der Ventrue, schwang sich aus dem Bett und zog sich an. Als er schließlich im Kettenhemd das Wohnzimmer betrat, wurde gegenüber gerade eine weitere Tür geöffnet.

"Guten Abend", sagte Samia. Sie steckte ebenfalls in einer Rüstung und hatte ihr magisches Zepter und ihre beiden Schwerter bei sich.

Just in diesem Moment trat Madeleine in ihrer Schattenrüstung ein. Als sie die Gangrel sah, hob sie fragend eine Augenbraue.

"Ich dachte, ihr könnt wahrscheinlich eine weitere Klinge gebrauchen." Samia seufzte. "Vergeßt den Brief einfach, ja?"

"Kein Problem", versicherte William, und Madeleine neigte zustimmend den Kopf. "Laßt uns gehen, die Garou warten."

Als sie in den Flur hinaustraten, hörte William ein seltsames Geräusch, das ihm bekannt vorkam. Er drehte sich um und sah das Kohlebecken, das Tarnesh vor einigen Nächten mit seiner Magie belebt hatte. Es tappste einige Schritte auf ihn zu und blieb stehen.

"Nanu?" meinte er erstaunt. "Ich dachte, der Zauber würde nur eine Nacht lang halten?"

Ismael, der hinter dem Becken erschienen war, hob die Schultern und machte einige Handbewegungen.

"Es ist gestern verschwunden und heute Abend wieder aufgetaucht", übersetzte Samia. Dann lächelte sie kurz. "Ich dachte, ihr wollt sicher die Brandbomben mitnehmen, und hatte Tarnesh gebeten, sich das Ding noch einmal vorzunehmen."

"Hervorragend", stellte William zufrieden fest und lud sich die Truhe mit den Ölflaschen auf die Schulter.

 

In der Nähe der südlichen Stadtmauer warteten bereits die sechs Garou. Samia hatte dafür gesorgt, daß das Gebiet um den Katakombeneingang tagsüber abgesperrt worden war und sich keine Sterblichen in der Gegend aufhielten. Sie rechnete damit, daß sie sich den Weg zum Eingang würden freikämpfen müssen, und dabei wollte sie keine Menschen gefährden.

Aus den Schatten löste sich eine Gestalt. Malachit, wieder ohne seine Tarnung, trat auf sie zu und verneigte sich leicht. "Guten Abend. Wie ich sehe, sind wir alle bereit. Dann laßt uns keine Zeit mehr verlieren."

William reichte die Truhe an den Nosferatu weiter, um die Hände freizuhaben. Dann wandte er sich an die Werwölfe. "Wie gehen wir vor?"

"MacCallan und ich werden Euch begleiten, die anderen werden ins Umbra wechseln und dafür sorgen, daß wir von dort keine unangenehmen Überraschungen erleben", erklärte der Schamane. "Wir haben den Tag in Meditation verbracht und die Unterstützung unseres Totems gewonnen. Es wird dafür sorgen, daß wir sechs ständigen Kontakt zueinander haben und uns auch zwischen dem Umbra und dieser Welt verständigen können."

"Dann los", meinte Samia nur. "Laßt uns sehen, ob dieser Eingang da vorne wirklich so unbewacht ist, wie er aussieht."

 

Der Eingang schien tatsächlich unbewacht zu sein. Niemand stellte sich der Gruppe entgegen, als sie die Katakomben betrat. William hatte wieder die Führung übernommen, da er derjenige war, der den Weg finden konnte. MacCallan hielt sich knapp hinter ihm, dann folgten der Schamane, Malachit und das Kohlebecken. Samia und Madeleine bildeten den Abschluß, da beide Frauen erklärt hatten, den Nosferatu auf keinen Fall in ihrem Rücken haben zu wollen. Samia hatte auf Madeleines diesbezügliche Bemerkung eine Augenbraue hochgezogen und gefragt: "Hast du seit neuestem auch Ärger mit ihm?" Die Lasombra hatte nur die Schultern gezuckt und war nicht weiter darauf eingegangen.

Langsam und vorsichtig bewegten sie sich den Gang entlang. Sie waren noch nicht sehr weit gekommen, als William plötzlich die Hand hob. "Da vorne, seht Ihr das?" flüsterte er und deutete in die Dunkelheit.

Ein Stück den Gang entlang bewegte sich etwas, und unzählige kleine Augen glühten in den Schatten. MacCallan nickte grimmig. "Es ist eine Werratte dabei, aber anscheinend kein höherer Diener", murmelte er. "Ich würde vorschlagen, anzünden."

William gab die Information lautlos an Madeleine durch und nahm die vorbereitete Brandbombe aus der Tasche. "Zieht euch ein Stück zurück", warnte er seine Gefährten. "Es wird gleich warm werden."

Es mußten Hunderte Ratten sein, die sich da vorne drängten. Sie fiepten und krochen übereinander, und offenbar waren sie gerade dabei, eine Art lebende Mauer zu bauen. Sie blockierten bereits den halben Gang, und William wurde schon vom Hinsehen fast übel. Ohne zu zögern, zündete er den Docht der Tonflasche an und warf sie in einem flachen Bogen mitten zwischen die Ratten.

Es krachte, als das Gefäß zersplitterte. Augenblicke später stand der Gang in hellen Flammen, und ein ohrenbetäubender Lärm erhob sich. Die Ratten stoben quiekend und schreiend auseinander, als ihr Fell Feuer fing. William schlug die Hände über die Ohren und beobachtete angewidert, was sich da vorne abspielte. Ein ekelhafter Gestank verbreitete sich, und Madeleine zog rasch wieder ihre Schatten über Mund und Nase, um den Qualm fernzuhalten. Aus dem Inferno stürzte eine Gestalt auf die Gefährten zu, lichterloh brennend und rasend schnell größer werdend.

"Ich erledige das", erklärte MacCallan, schob sich an William vorbei und begann ebenfalls zu wachsen. Der Ventrue warf einen Blick auf die brennende Werratte und war nur zu gern bereit, dem Garou den Vortritt zu lassen.

MacCallan brüllte und stürzte sich auf die Ratte, ohne darauf zu achten, daß diese in Flammen stand. Die Kreatur war durch das Feuer geblendet und offenbar vor Schmerz halb wahnsinnig, und in diesem Zustand ganz sicher kein Gegner für den Werwolf. Augenblicke später lag sie als regloses Bündel am Boden, und MacCallan zog sich rasch wieder zurück.

"Irgendwo da vorne muß ein höherer Diener sein", informierte er William leise, als er wieder in menschlicher Gestalt war. "Ich kann ihn spüren. Meine Brüder teilen mir aber mit, daß unsere direkte Umgebung frei ist."

William spähte aus zusammengekniffenen Augen in die Flammen, wo sich inzwischen nicht mehr viel rührte. "Warten wir noch einen Moment", schlug er vor, "dann lösche ich das Feuer."

MacCallan nickte nur und fragte nicht nach, wie der Ventrue das zu tun gedachte.

Es gibt Ärger, meldete sich in diesem Moment Madeleine von hinten. Zwei Werkreaturen waren blitzschnell aus Felsspalten gekrochen und hatten sich in rasender Geschwindigkeit verwandelt. Mit einem schrillen Kreischen stürzten sie sich auf Madeleine und Samia, die den Abschluß des Trupps bildeten. Als Samia ihnen mit gezogenem Schwert entgegeneilen wollte, hob die Lasombra eine Hand, um sie zurückzuhalten. "Warte. Laß sie kommen."

Kühl und unbewegt sah Madeleine ihren beiden Gegnern entgegen. Plötzlich machte sie eine befehlende Geste, und im Gang wurden die Schatten lebendig. Wie übergroße Schlangen wanden sich armdicke, samtig schwarze Tentakel zwischen den Ratten und ihren vermeintlichen Opfern, und ehe die Werkreaturen reagieren konnten, hatten die Schatten sie umschlungen und drückten zu. Aus dem Angriffsgebrüll wurden Schmerzensschreie, als Madeleines Diener ihre ganze Kraft einsetzten. Sie waren stark heute Nacht, stellte die Lasombra fest, und geradezu begierig, ihre Befehle auszuführen. Madeleine sah sich um und winkte einem der Tentakel, der gehorsam zu ihr kam. Einen Augenblick später hielt die Lasombra eine gefährlich aussehende schwarze Peitsche in der Hand und strich fast liebevoll mit dem Finger darüber. Dann zuckte ihre Hand nach vorne, und die Peitsche schlug eine häßliche Strieme ins Gesicht einer der beiden Werratten, die gerade Anstalten gemacht hatte, sich aus dem Griff der Tentakel zu winden. Die Ratte heulte auf, dann hatten die Tentakel sie wieder fest in ihrer Gewalt. Augenblicke später war es vorbei.

Samia nickte anerkennend. "Donnerwetter", murmelte sie. "Ich dachte schon, du wärst verrückt geworden, als du die Biester einfach hast kommen lassen."

Madeleine warf einen angewiderten Blick auf die Überreste. Dann sah sie ihre Diener an. "Ihr könnt gehen", sagte sie leise, und fügte rasch hinzu: "Du nicht." Ihre Peitsche, die schon im Begriff gewesen war, sich aufzulösen, bildete den verschwundenen Teil gehorsam wieder nach und blieb in ihrer Hand, schwach pulsierend und irgendwie lebendig wirkend. Zufrieden hängte Madeleine die Waffe an ihren Gürtel, dann sah sie sich nach ihren Begleitern um. Malachit wirke unbeeindruckt wie immer, der Schamane nickte ihr zu. MacCallan schien sich gerade wieder mit seinen Freunden im Umbra zu unterhalten. William warf einen flüchtigen Blick nach hinten und wandte seine Aufmerksamkeit dann wieder den brennenden Ratten vor ihnen zu.

Hier hinten ist alles ruhig, informierte sie ihn, und ehe sie den Impuls unterdrücken konnte, fügte sie etwas bitter hinzu: Mir ist nichts passiert, danke der Nachfrage.

William spürte Ärger in sich hochkochen. Was wollte diese Frau eigentlich? Machte er sich Sorgen um sie, war es ihr nicht recht, sagte er nichts, paßte es ihr auch nicht. Wütend wandte er sich ab und beobachtete wieder das Inferno im Gang, das sich langsam etwas abzuschwächen begann. Er hatte durchaus bemerkt, daß sie für diesen Kampf nicht nach seinem Schatten gegriffen hatte, aber dies waren weder die Zeit noch der Ort, um das mit ihr auszudiskutieren.

Schließlich war William sicher, daß die Ratten entweder verbrannt oder geflüchtet waren, und rief die Schatten, um das Feuer zu ersticken. Er fühlte sich mit ihnen zwar nicht so verbunden wie Madeleine, aber für solch einfache Aufgaben waren seine Fähigkeiten mehr als ausreichend. Als der Weg frei war, schickte der Ventrue die Dunkelheit wieder fort und nickte dem Garou zu. "Weiter", sagte er nur.

 

William verlor in den engen Gängen völlig sein Zeitgefühl. Sein Verstand sagte ihm, daß sie noch nicht lange hier unten sein konnten, trotzdem kam es ihm wie eine Ewigkeit vor, bis er feststellte, daß sie kurz vor jener Kreuzung standen, an der er letztes Mal von der vieräugigen Kreatur angefallen worden war.

"Halt", flüsterte MacCallan. Der Schotte schien in sich hineinzulauschen. "Er ist vor uns, auf der Kreuzung."

"Wieder die selbe Stelle", murmelte William. Allein bei der Erinnerung an den Überfall begannen seine inzwischen verheilten Wunden wieder zu schmerzen. "Vorschläge?" fragte er den Garou.

"Er ist nicht alleine", murmelte der. "Es sind gewöhnliche Werratten in der Nähe, sowohl im Umbra als auch hier. Acht von ihnen stehen drüben direkt um ihn herum, sie sind aggressiv und aufgewühlt. Er nährt ihre Wut, damit sie besser kämpfen." Er runzelte kurz die Stirn. "Meine Gefährten meinen, der Diener hätte sie eigentlich schon sehen müssen. Bisher reagiert er aber noch nicht auf sie."

William schaute an dem Kohlebecken vorbei den Schamanen an. "Es wäre wahrscheinlich Selbstmord, einfach auf die Kreuzung zu stürmen", stellte er fest. "Wenn der Diener seine Handlanger um sich herumhat, kann er vermutlich auf diese Ebene wechseln, ehe Eure Gefährten ihn daran hindern können."

Der Schamane nickte nachdenklich. "Er konzentriert sich völlig auf diese Welt", sagte er. "Vermutlich hat er deswegen die anderen noch nicht entdeckt. Er verläßt sich darauf, daß seine Werratten ihm alles vom Hals halten, was ihn im Umbra bedrohen könnte."

"Wir könnten einen von uns als Lockvogel auf die Kreuzung schicken", schlug MacCallan vor, aber William unterbrach ihn sofort.

"Auf keinen Fall", erklärte der Ventrue kategorisch. "Selbst wenn man auf einen Angriff gefaßt ist, ich weiß, wie schnell der Kerl sein kann. Für den Lockvogel wäre das ein Selbstmordunternehmen."

"Und wenn man", sinnierte der Garou weiter, und ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus, "eine von Euren Tonamphoren dort vorne hinwirft? Wenn er dann auftaucht, wäre es doch kein Problem, das Ding nachträglich anzuzünden..."

"Ich fürchte schon", bemerkte Malachit. "Wir haben keine Fackeln, und mit der Glut aus dem Kohlebecken wird das nicht funktionieren. Die Brandbomben sind so gebaut, daß sie angezündet sein müssen, wenn man sie wirft."

"Man könnte dem Diener einen anderen Köder vor die Nase setzen", meldete sich Madeleine von hinten. Der Stimme der Lasombra war deutlich anzumerken, daß sie diesen Vorschlag nur widerstrebend machte. "Ich könnte einige von meinen Schatten auf die Kreuzung beschwören, das sollte ihn anlocken. Wenn er auftaucht, wirft William die Bombe." Sie seufzte. "Auch wenn mir der Gedanke überhaupt nicht gefällt, meine Schatten wissentlich ins Feuer zu schicken." Die Tentakel würden den Flammen wenig entgegenzusetzen haben; um mit Feuer fertigzuwerden, brauchte es eine großflächigere Dunkelheit.

Malachit schnaubte abfällig. "Es sind Werkzeuge."

"Dessen bin ich mir bewußt", erwiderte sie kalt. "Aber, um es so auszudrücken, daß auch Ihr es versteht, man verschwendet gute Werkzeuge nicht leichtfertig." Sie sah William an. "Ich bin bereit, es zu versuchen."

William hob die Schultern. "Probieren kann man es immerhin." Er ließ sich von Malachit eine Brandbombe reichen und nickte Madeleine zu. "Ich bin soweit." Plötzlich entstanden auf der Lichtung drei Schattententakel, die etwas irritiert in der Luft herumpeitschten, weil sie keinen Gegner hatten, den sie angreifen konnten. Im nächsten Moment begann die Luft über der Kreuzung zu flimmern. William reagierte sofort und warf die Tonflasche, die er angezündet bereitgehalten hatte. Sie zerbarst klirrend auf dem Boden. Das Öl spritzte heraus und fing sofort Feuer. Als die Flammen fauchend hochschlugen, erschienen mitten zwischen ihnen drei Werratten - jede von ihnen mit nur einem Augenpaar. Die Falle war nicht zugeschnappt. Madeleine schlug entsetzt die Hände über die Ohren, als ihre Schattendiener schmerzgepeinigt aufschrieen und einer nach dem anderen im Feuer vergingen. Es half nichts, die Schreie entstanden direkt in ihrem Kopf, und die Lasombra mußte sie ertragen.

"Es sind noch fünf von den Kreaturen im Umbra, sie greifen unsere Gefährten an", rief der Schamane, während MacCallan und William schon ihre Waffen zogen und sich auf die drei Werratten stürzten, die auf sie zugestürmt kamen. Plötzlich begann der Schamane laut zu fluchen. "Der Kontakt ist abgerissen", erklärte er. "Unser Totem hat es anscheinend vorgezogen, selbst in den Kampf einzugreifen." Er versuchte angestrengt, die Verbindung wiederherzustellen, schien aber vorerst keinen Erfolg damit zu haben.

MacCallan zog es zu Williams Erleichterung dieses Mal vor, in seiner menschlichen Form zu bleiben. Als Crinos hätte er den gesamten Gang ausgefüllt, so konnten sie zu zweit nebeneinander kämpfen. Der Ventrue zog Dolch und Schwert und erwartete seinen Gegner.

Zu seinem Glück stand die Ratte noch nicht wirklich in Flammen, sonst hätte sie ihm durch ihre bloße Nähe gefährlich werden können. Williams vitae ließ ihn schnell werden, und geschmeidig wich er dem ungezielten Schlag seines Gegners aus. Ein paar Augenblicke später sackte die Werratte tödlich getroffen in sich zusammen. William, der keineswegs vergessen hatte, daß noch zwei weitere der Kreaturen unterwegs waren, wirbelte herum - und sah gerade noch die Krallen einer Ratte hart auf MacCallans Rücken herunterkommen. Der Garou schrie auf und versuchte, sich herumzuwerfen, prallte dabei jedoch schwer gegen die Wand und vernachlässigte für einen winzigen Moment seine Deckung. Die Werratte nutzte das sofort aus und schlug ihre Klauen tief in seine Seite.

Im nächsten Augenblick war William heran und rammte seinen Silberdolch von hinten in den Nacken der Kreatur, direkt am Halsansatz. Die Ratte heulte auf, als das Silber ihr Fleisch zerstörte. Sie wollte sich ihrem neuen Gegner zuwenden, drehte sich dabei jedoch genau in Williams nächsten Schlag hinein. Augenblicke später verendete sie auf dem Boden, direkt neben der Kreatur, die MacCallan als erstes erlegt hatte.

William vergewisserte sich, daß keine weiteren Werratten in der Nähe waren, dann half er MacCallan auf die Beine. Der Schotte war sichtlich angeschlagen, und bemüht, es nicht allzusehr zu zeigen. "Danke", sagte er leise. "Ihr habt mein Leben gerettet."

William winkte ab. "Ihr hättet nicht anders gehandelt", erklärte er und spähte auf die Kreuzung. "Habt Ihr wieder Verbindung zu Euren Freunden?"

Die beiden Garou schüttelten die Köpfe. "Vorhin war etwas, ganz kurz", meinte der Schamane. "Der Diener scheint geflohen zu sein, und meine Gefährten wollten ihn verfolgen. Dann war der Kontakt wieder weg."

William spürte, wie sich Madeleine von hinten an den anderen vorbeischob. Erstaunt sah er ihr entgegen. "Was hast du vor?"

"Die Falle hat nicht funktioniert", erklärte sie knapp. "Wir wissen nicht, wie es auf der anderen Seite aussieht, und wir müssen dort vorn durch." Sie zog etwas aus ihrem Gürtel, und William erkannte den kleinen Beutel, den Malachit ihnen vor einigen Nächten überlassen hatte. Traumpulver.

"Ihr müßt bis auf ein paar Schritte an die Kreuzung heran, damit es wirkt", ließ sich Malachit leise von hinten vernehmen.

"Ich weiß", antwortete sie ungerührt und setzte sich langsam in Bewegung.

Das ist zu gefährlich, wollte William rufen, aber er unterdrückte es und ließ sie gehen. Mit gezogenen Klingen und ständig sprungbereit folgte er ihr.

Plötzlich flimmerte es hinter ihm, und der Inquisitor trat in den Gang. "Wir haben den Mistkerl verloren", knurrte er. "Die anderen verfolgen ihn noch, aber ich bezweifle, daß wir ihn wiederfinden. Nichts kann so schnell rennen wie eine Ratte in Todesangst." Er spuckte verächtlich auf den Boden, dann wandte er sich an MacCallan. "Dich hats ja böse erwischt, mein Junge. Laß mich mal sehen..."

MacCallan kam gehorsam näher. Sein Anführer legte die Hand auf seine Stirn, schloß die Augen und erstarrte in Konzentration. Gleich darauf sahen die Zurückgebliebenen, wie sich die Wunden des Schotten langsam zu schließen begannen. Als der Inquisitor endlich die Augen wieder öffnete, schien er gealtert zu sein. Die Erschöpfung hatte tiefe Linien in sein Gesicht gegraben, und sein Atem ging etwas schwerer und mühsamer als vorher. "Ich werde jetzt hier bei euch bleiben", sagte er leise. "Ich kann noch kämpfen, aber ich kann nicht mehr heilen - und so erschöpft ins Umbra zu gehen, wäre sträflicher Leichtsinn." Der Schamane nickte zustimmend und machte ihm Platz.

 

Madeleine hatte sich inzwischen bis auf ein paar Schritte der Kreuzung genähert. In gerade noch sicherer Entfernung von den immer noch lodernden Flammen blieb sie stehen und nahm eine Prise des weiß glitzernden Pulvers aus dem Beutel. Mit einer weit ausholenden Bewegung streute sie es in die Luft und konzentrierte ihre Wahrnehmung auf das Übernatürliche.

Wie beim letzten Mal dauerte es einen kurzen Moment, ehe sie sich an die Wirkung des Pulvers gewöhnt hatte und klar sehen konnte. Dann zerbiß sie einen Fluch zwischen den Zähnen. "Er ist hier", murmelte sie. "Er hat die Garou an der Nase herumgeführt und wartet auf der Kreuzung. Oder vielleicht ist es auch ein anderer, das spielt keine Rolle. Jedenfalls kommen wir hier nicht durch. Ich denke, ich sollte das Feuer wieder löschen." Sie warf einen Blick in die Runde.

Malachit kniff die Augen zusammen und musterte angestrengt das weiße Flimmern. Plötzlich schrie er gellend auf, taumelte ein paar Schritte zurück, schlug die Hände vors Gesicht - und ließ dabei die Truhe mit den Brandbomben fallen, die laut klirrend auf dem Boden aufschlug. "Meine Augen", ächzte er und sackte schwer gegen die Wand.

William sah entsetzt auf die Truhe hinab, aber zum Glück lief kein Öl aus, obwohl die Tonamphoren vermutlich geborsten waren. Dann musterte er den Nosferatu, der mit schmerzverzerrtem Gesicht an der Wand lehnte und immer noch die Augen mit den Händen bedeckte.

Schließlich ließ Malachit langsam die Hände sinken und drehte den Kopf. "Ich kann nichts sehen", flüsterte er betroffen.

"Was ist passiert?" erkundigte sich der Schamane.

"Das Traumpulver... ich wollte durch das Pulver ins Umbra sehen, wie ich es schon öfter getan habe, und dabei muß ich einen Fehler gemacht haben. Jetzt bin ich blind." Er wandte den Kopf in Richtung des Garou, aber sein Blick ging durch ihn hindurch.

"Wir können nicht zurück", stellte Madeleine fest. "Ich werde das Feuer löschen, und dann brauchen wir dringend einen Plan, wie wir an diesem Monster vorbeikommen."

Niemand widersprach. Madeleine hob die Arme und rief die Schatten, um die Flammen zu ersticken. Sie kamen willig, und von einem Moment auf den nächsten war die Kreuzung in tiefe Finsternis gehüllt - für alle Augen außer für die der Lasombra.

Plötzlich stieß Madeleine ein Fauchen aus und deutete gebieterisch in die Finsternis. "Holt ihn euch!" zischte sie. Dann schien sie sich daran zu erinnern, daß ihre Gefährten nichts sehen konnten, und erklärte: "Der Diener... die Dunkelheit hat ihn aus seinem Versteck gelockt. Und meine Schatten greifen ihn sich gerade." Sie machte eine Handbewegung, und die Dunkelheit wich. Das rote Glimmen des Kohlebeckens sorgte für ausreichend Beleuchtung, auch für die empfindlichen Augen der Garou. Ihnen bot sich ein beängstigendes Bild.

Mitten auf der Kreuzung erhob sich eine tiefschwarze Säule, vom Boden bis zur Decke. Die Säule lebte - sie bestand aus sieben einzelnen Strängen, die am Boden wie Wurzeln ausliefen und sich dann ineinanderdrehten und wanden. Und aus ihrem Inneren drang ein grauenerregender Schrei. Erst auf den zweiten Blick war zu erkennen, daß die Schatten etwas umfaßt hielten, das verzweifelt und mit immer schwächer werdenden Bewegungen versuchte, sich aus der Umklammerung zu befreien. Schließlich, mit einem erbärmlichen Röcheln, erstarb die Bewegung. Madeleine warf einen prüfenden Blick auf ihre Diener und bedeutete ihnen, ihren Gefangenen freizugeben.

Das, was vor ihnen auf dem Boden lag, hatte nur noch entfernte Ähnlichkeit mit dem vieräugigen Monster, das vorhin noch so furchteinflößend gewesen war. Der Inquisitor warf einen angewiderten Blick auf die übel zugerichtete Leiche. "Es sieht tot aus", stellte er fest. "Sicherheitshalber wäre ich trotzdem dafür, es anzuzünden."

Gesagt, getan. Es dauerte nur einen Moment, das Fell der jetzt reglosen Ratte mit der Glut aus dem Kohlebecken in Brand zu setzen, und kurze Zeit später blieb nur noch ein schmieriger Rußfleck auf dem Boden.

"Ich kann die anderen wieder erreichen", meldete der Schamane erleichtert. "Sie haben die Jagd aufgegeben, ich habe sie wissen lassen, daß der Diener erledigt ist."

"Dann können wir jetzt ja wohl weitergehen", stellte Malachit fest. "Die Zeit drängt." Er drehte suchend den Kopf. "Sir William? Ich fürchte, ich muß Euch um Hilfe bitten." Es war ihm deutlich anzusehen, wie ungern er das zugab. "Ich kann immer noch nichts sehen, ich brauche jemanden, der mich führt."

"Gut", sagte der Ventrue nur, und Malachit legte eine Hand auf seine Schulter. William warf einen Blick auf das Kohlebecken. "Dich brauchen wir vorerst nicht mehr", sagte er, obwohl er keine Ahnung hatte, ob das Ding ihn verstehen konnte. "Warte hier auf uns." Tatsächlich knickte der Dreifuß ein wenig ein, so daß das ganze Gebilde fester auf dem Boden auflag. William fühlte sich irgendwie an einen Hund erinnert, dem man "Sitz!" befohlen hatte. Der merkwürdigste Hund, der mir je untergekommen ist, dachte er, und machte sich auf den Weg.

 

"Halt", sagte William leise. Sie waren seit dem Kampf auf der Kreuzung etwa eine halbe Stunde unterwegs gewesen, ständig begleitet vom Rascheln und Schaben in den Felsritzen und von glühenden Augen, die sie von überallher zu beobachten schienen. Zwei, dreimal waren sie noch von Werratten angegriffen worden, aber jedesmal hatten sie die Attacken ohne große Schwierigkeiten abgewehrt.

Jetzt jedoch stand William vor einem Problem. Die ganze Zeit über hatte er, sobald er sich darauf konzentriert hatte, einen recht klaren Eindruck davon gehabt, in welche Richtung sie sich wenden mußten. Im Moment war er allerdings ratlos. Sie standen in einem geraden Gangstück, das sich vor ihnen noch mindestens fünfzig Meter ohne jede Abzweigung erstreckte - und sein Richtungssinn sagte ihm, daß er sich hier zur Seite wenden mußte. Der Ventrue sah sich leicht verwirrt um, konnte jedoch keinen Durchgang in den Wänden erkennen.

"Was ist los?" wollte Malachit wissen. Der Nosferatu war immer noch blind.

William erklärte seine Eindrücke und schloß: "Ich vermute, daß wir hier an dieser Stelle angekommen sind, von der Bodhi sprach. Ganz zu Anfang sagte er ja auch schon, wir würden Khosann nie finden, weil der zwischen den Zeiten wäre. Ich habe immer noch keine Ahnung, was er damit meinte, aber es sieht so aus, als wäre das hier der Punkt, den wir angeblich nicht überschreiten können."

Malachit nickte langsam. "Ja, das ist er wohl. Ihr könnt noch sehen, und Ihr könnt Übernatürliches wahrnehmen. Konzentriert Euch darauf und sagt mir, was Ihr seht."

William besah sich den Gang und runzelte die Stirn. "Da ist eine Art Barriere", meinte er. "Sie pulsiert." Das Gebilde erinnerte ihn entfernt an das, was sie damals unter dem Palast in Konstantinopel gesehen hatten. Der falsche Caius hatte seinen Ritualraum mit ähnlichen Barrieren umgeben, um ihn vor Geistern zu schützen. Das hier war nicht genau das selbe, aber wahrscheinlich die gleiche Art von Magie.

"Das dachte ich mir fast", murmelte Malachit. "Das hier ist in der Tat der Punkt, von dem Bodhi meinte, daß wir ihn nicht überschreiten könnten. Der Punkt, den ich Euch", er nickte vage in die Richtung, in der er die Garou vermutete, "nicht überschreiten lassen wollte." Er seufzte leise. "In meinem Zustand werde ich auf der anderen Seite nicht viel ausrichten können, deswegen werde ich Euch mitnehmen müssen. Ich muß Euch aber das Versprechen abnehmen, daß Ihr über das, was Ihr dort sehen werdet, schweigen werdet. Ihr werdet bald verstehen, wieso."

"Was ist die andere Seite?" wollte der Inquisitor wissen. "Unsere Gefährten im Umbra können nichts sehen, was auffällig wäre."

Malachit schüttelte den Kopf. "Nein, unser Ziel ist nicht das Umbra. Es ist eine weitere Zwischenwelt, die sozusagen noch über dem Umbra liegt. Deswegen sollten Eure Gefährten in unsere Welt wechseln, ehe wir hinübergehen. Dort, wo sie jetzt sind, kann ich ihnen den Weg nicht zeigen."

"Ich rufe sie." Augenblicke später standen drei weitere Garou im Gang.

Der Nosferatu wandte sich an William. "Ihr könnt die Barriere sehen. Nehmt meine Hand und führt sie bis dicht an das Pulsieren heran, so daß ich es spüren kann." William tat, wie ihm geheißen, und Malachit nickte zufrieden. "Gut. Stellt Euch dicht vor die Grenze, und tretet einzeln hinüber, jeweils auf mein Kommando. Bleibt drüben sofort stehen, ich weiß nicht genau, was uns dort erwartet. Jetzt... und jetzt... und jetzt..."

William sah, daß Malachit jeweils die Momente abwartete, an denen das Pulsieren der Barriere am schwächsten war. Ohne zu zögern, trat er hindurch und fand sich im selben Moment mitten im Nebel wieder.

"Was für eine Suppe", grollte MacCallan mißmutig neben ihm. "Da sieht man ja die Hand nicht vor Augen... seid Ihr da?"

"Ja", beruhigte William ihn und wartete.

Schließlich trat auch Malachit heran. "Ich kann uns anmelden, dann wird der Nebel verschwinden und zumindest Ihr werdet sehen können", bot er an. "Allerdings wird man dann wissen, daß wir da sind. Was ist Euch lieber?"

"Sehen können", erklärte MacCallan sofort.

Madeleine bemerkte, daß Malachit seit seinem Unfall deutlich bescheidener geworden war. "Sehen können", stimmte sie zu. "Man wird sowieso bald wissen, daß wir hier sind, und aus diesem Nebel heraus können sie uns angreifen, ohne daß wir eine Chance haben. Meldet uns an."

Malachit holte tief Luft. "Ich bin Malachit, Primogen der Nosferatu zu Konstantinopel, und ich beanspruche Zugang zum Knochenthron!" Seine Stimme hallte durch den Raum wie Donner, und der Nebel lichtete sich.

Die Gefährten standen in einer riesigen, kuppelförmigen Halle. Die Wände waren milchig-weiß und schienen irgendwie nicht ganz stofflich, gleichzeitig aber sehr fest zu sein. Mitten im Raum erhob sich ein Berg aus Knochen, bestimmt fünf Meter hoch, die lose übereinandergeschichtet waren. Auf diesem Berg stand der Thron, ein überdimensioniertes Gebilde, ebenfalls aus losen Knochen zusammengesetzt, das direkt aus dem Haufen herauszuwachsen schien. Hunderte von Ratten wimmelten um den Knochenberg herum, und davor standen wie eine Leibwache aufgereiht sechs vieräugige Werratten und starrten den Eindringlingen feindselig entgegen. Und auf dem Thron saß Khosann - aber wie hatte er sich verändert. Als Madeleine und William ihn das letzte mal gesehen hatten, war er ein gutaussehender junger Mann gewesen. Jetzt ähnelten seine Züge mehr einer Ratte als einem Menschen - einer Ratte von knapp drei Metern Größe.

Khosanns Schnauze verzerrte sich zu einem widerlichen Grinsen. "Na so etwas, Besucher. Welch seltene Ehre." Er lehnte sich genüßlich in seinem Thron zurück, und Madeleine erwartete, daß er ihnen jeden Moment seine Diener auf den Hals hetzen würde. Aber noch geschah nichts.

"An diesen Biestern kommen wir nicht ohne weiteres vorbei", sagte William leise. "Sie sind zu sechst, und wenn er uns dann auch noch die anderen Ratten in den Weg wirft..."

"Wir müssen ihn von diesem Thron herunterholen", gab Malachit ebenso leise zurück. "Solange er da oben sitzt, ist er praktisch unangreifbar und kann die Macht des Throns für sich nutzen."

Madeleine betrachtete die Szenerie und kam zu dem selben Schluß wie William. "Wir kommen nicht zu ihm durch", stellte sie fest. "also muß Khosann zu uns kommen."

"Und wie..." begann MacCallan, dann weiteten sich seine Augen entsetzt, als er sah, wie Madeleine die Hand ausstreckte und ihr Arm in einem der Schatten verschwand, die sie überall umgaben.

Im nächsten Moment tauchte aus einer dunklen Ecke zwischen den Knochen des Throns eine zierliche Hand auf und packte Khosann mit stählernem Griff. "Was ist... nein!" Der Tzimisce schrie gellend auf, als die Hand ihn unbarmherzig in die Schatten zog. MacCallan schauderte. Bei vollem Bewußtsein durch den Abgrund gezerrt zu werden und die Schrecken der Schattenwelt zu sehen, ohne sich dagegen wehren zu können... keine angenehme Vorstellung.

Gleich darauf zog Madeleine ihre Hand zurück. Vor ihr, immer noch von ihrem Griff gehalten, hing Khosann. William verlor keine Zeit, sondern versenkte einen Pflock in der Brust des Tzimisce. Khosann erstarrte, und mit einem Mal nahm er wieder seine menschliche Gestalt an. Madeleine ließ ihn fallen.

Einen Augenblick lang starrten alle auf den gepflockten Kainiten, unfähig, zu begreifen, daß alles so schnell gegangen war. Dann sahen sie zu ihrem Entsetzen, wie sich Khosanns Lippen zu bewegen begannen. Mit unglaublicher Anstrengung formten sie Worte, während sein Blick sich in Williams Augen bohrte wie Eispfeile. "Zieh den Pflock heraus!" befahl er, und ehe William etwas dagegen tun konnte, begann sich seine Hand wie von selbst zu bewegen.

"Nein." Madeleines Stimme, ruhig und bestimmt, und unendlich viel angenehmer als die rauhe Stimme Khosanns, auch wenn der gleiche Zwang darin lag. William fühlte sich hin- und hergerissen. In beiden Stimmen lag Macht, und es drängte ihn, beiden zu gehorchen. Aus Madeleines Befehl jedoch sprach Wärme zu ihm, und ihr Blut bat seines, still zu halten und nichts zu tun. Er wollte lieber ihr gehorchen als Khosann, aber dessen Macht war unverkennbar.

Ein dumpfes Grollen stieg aus MacCallans Brust. Der Werwolf sah Williams Dilemma, und kam zur einzig möglichen Lösung: Khosann mußte zum Schweigen gebracht werden. Im nächsten Augenblick verwandelte er sich. Seine Klauen fuhren über Khosanns Kehle und zerfetzten dessen Stimmbänder.

William spürte den Zwang von sich abfallen, als die Stimme verstummte. Und offenbar war er nicht der einzige. Die sechs höheren Diener der Ratte, die bisher immer noch unbeweglich vor dem Thron gestanden hatten, warfen die Arme hoch und stießen ein schauriges Heulen aus. "Frei!" Dann flimmerten sie und waren verschwunden.

Die Zurückbleibenden sahen sich an. "Es sieht so aus, als hätten wir es geschafft", meinte Samia schließlich zögernd und beugte sich über Khosann. "Er ist noch nicht tot. Sehr gut. Ich werde ihn mitnehmen."

"Hältst du es nicht für klüger, ihn aus dem Weg zu räumen?" fragte Madeleine. "Der Kerl ist gefährlich."

"Das ist keine angemessene Strafe für das, was er getan hat", widersprach die Gangrel. "Er soll für jedes einzelne Leben büßen, das er zerstört hat. Ich werde ihn an einem sicheren Ort unterbringen und mich die nächsten hundert Jahre jede Nacht ausgiebig mit ihm beschäftigen. Mit Zeit und genügend Kraft kann man jeden Willen brechen und jeden Geist umformen, sogar einen so verdorbenen wie seinen." Sie lud sich Khosann auf die Schulter, nachdem sie den Pflock sicherheitshalber noch ein gutes Stück tiefer in sein Herz gerammt hatte, dann sah sie sich nach ihren Gefährten um.

"Der Thron." Malachits Stimme war leise, fast ehrfürchtig. "Khosann hat ihn entweiht, ich muß mich darum kümmern." Langsam ging der Nosferatu auf den Knochenberg zu. Obwohl er blind war, schien er genau zu wissen, in welche Richtung er sich wenden mußte. Schließlich erreichte er den Haufen und machte sich an den Aufstieg, langsam und unendlich vorsichtig.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er oben ankam und sich behutsam auf dem Thron niederließ. Er schloß die Augen, und als er sie wieder öffnete, war sein Blick klar und ungetrübt. "Der Thron besitzt auch die Macht, zu heilen", erklärte er. "Es kommt immer darauf an, wie man seine Kräfte einsetzt." Er sah auf die Garou herunter. "Ich nehme an, Ihr habt bereits gesehen, weswegen ich Euch um Stillschweigen über diesen Ort gebeten habe."

Der Inquisitor nickte grimmig. "Ihr habt unser Wort, daß wir schweigen werden. Je weniger Leute über das hier Bescheid wissen, desto besser."

"Gut", antwortete Malachit und blickte die anderen an. "Ich werde Euch zeigen, was der Thron vermag. Seht hin." Er macht eine ausholende Handbewegung, und vor seinen verblüfften Begleitern entstanden Bilder in der Luft. "Der Thron kann zeigen, was war, was ist, und was vielleicht sein wird", erklärte er.

William starrte fassungslos auf die Bilder. Einige der Szenen, die die Zukunft zeigten, kamen ihm schrecklich vertraut vor. Er hatte so etwas schon vorher gesehen, zuletzt in Konstantinopel, in der Vision, die die drei Hexen ihm und Madeleine gezeigt hatten.

"Warum Khosann sich entschieden hat, sich ausgerechnet dieses anderen Aspekts der Macht zu bedienen, die dem Thron innewohnt, kann ich nicht sagen." Malachit warf einen verächtlichen Blick auf das reglose Bündel über Samias Schulter. "Aber wie dem auch sei, er hat verloren." Der Nosferatu wischte mit der Hand durch die Luft, und die Bilder verschwanden. Dann erhob er sich. "Der Thron braucht einen zuverlässigen Hüter", stellte er fest. "Wir werden jemanden bestimmen, der dieser Aufgabe würdig und gewachsen ist." Gemessenen Schrittes stieg er nach unten. "Und jetzt sollten wir gehen."

Die anderen dachten im Traum nicht daran, ihm zu widersprechen. Keiner von ihnen fühlte sich in diesem Saal besonders wohl, und auf allen Gesichtern stand mehr oder weniger deutlich Erleichterung, als sie schließlich wieder vollzählig im Gang in den Katakomben standen.

 

Der Rückweg ging völlig problemlos vonstatten. Als die Gefährten endlich nach draußen ins Freie traten, stellten sie erstaunt fest, daß es noch nicht einmal Mitternacht war. Das ganze Unternehmen hatte kaum drei Stunden gedauert, auch wenn es ihnen deutlich länger erschienen war.

"Wir sollten zur Karawanserei gehen und unsere Leute abholen", sagte Madeleine leise zu William. "Sie machen sich Sorgen, ich möchte sie nicht länger warten lassen als nötig."

William nickte, und Samia meinte: "Ich werde mich ebenfalls empfehlen. Ich habe hier etwas, worum ich mich kümmern muß." Sie klopfte Khosann unsanft auf den Rücken.

"Wo wir gerade beim allgemeinen Verabschieden sind", schaltete sich Malachit ein. "Ich habe getan, weswegen ich hergekommen bin, und werde Jerusalem schnellstmöglich verlassen." Samias Erleichterung war kaum zu übersehen. Der Nosferatu ignorierte das großzügig und sah MacCallan an. "Was uns betrifft... wenn Ihr einverstanden seid, wäre ich dafür, diese Angelegenheit nicht weiter zu verfolgen. Eure Worte... waren nicht unberechtigt."

MacCallan musterte ihn ungerührt. "Dann zieht Ihr Eure Forderung zurück?"

Malachit seufzte leise. "Eure Vorwürfe waren gerechtfertigt", gestand er. "Ich habe tatsächlich wenig mehr zu unserem Unternehmen beigetragen als Worte. Ich muß mich bei Euch entschuldigen." Es war klar zu erkennen, wie schwer ihm dieser letzte Satz fiel. "Und ja, ich ziehe meine Forderung zurück, wenn Ihr nicht darauf besteht, sie auszutragen."

"Unter diesen Umständen sehe ich keinen Grund, darauf zu bestehen", erklärte MacCallan. "Ich betrachte die Sache als erledigt."

"Gut." Malachit schien erleichtert. "Dann lebt wohl." Damit wandte er sich ab und ging gemessenen Schrittes die Straße entlang, ein vornehm gekleideter Adliger auf dem Weg zu seiner Unterkunft.

MacCallan wechselte einen Blick mit seinem Anführer. "Und wir...?"

"...gehen feiern, mein Junge", erwiderte der und klopfte ihm auf den Rücken. "Laßt uns mal sehen, ob es in diesem Elysium noch anständiges Bier gibt."

 

"Uff... langsam!" William lächelte und schob Lena von sich, die ihn begeistert begrüßte.

"Schön, daß du wieder da bist." Die Bulgarin strahlte und umarmte ihn herzlich. "Alles in Ordnung?"

"Alles in Ordnung", bestätigte er und sah sich nach seinen übrigen Ghoulen und Rosa um, die im Hintergrund warteten.

William von Baskerville war wie üblich etwas zurückhaltender, aber auch ihm stand die Erleichterung deutlich ins Gesicht geschrieben, als er Madeleine wohlbehalten vor sich sah. "Ihr werdet schon erwartet", sagte er leise. "Der Händler wird natürlich mit Euch reden wollen, das gebietet die Höflichkeit."

Madeleine seufzte. "Dann sollten wir der Etikette genüge tun und uns mit ihm unterhalten. Ich habe es ziemlich eilig, nach Hause und in ein Bad zu kommen, ich rieche wie ein abgebranntes Rattennest."

"Stimmt", gab er zu und musterte sie besorgt. Baskerville hatte schon immer in ihr lesen können wie in einem Buch, und er spürte, daß etwas nicht stimmte. Sie hatten gerade einen wichtigen Sieg errungen, und eigentlich hätte sie sich darüber freuen müssen. Irgendetwas bedrückte sie, aber dies war nicht der richtige Ort, um nachzufragen. So bot er ihr nur seinen Arm an und geleitete sie nach drinnen.

Der Händler wartete in der Tat bereits, wie üblich begleitet von seinem Leibwächter. Während William sich mit dem Araber unterhielt und Belanglosigkeiten austauschte, hielt Madeleine sich zurück. Schließlich wurde das ja ohnehin von ihr erwartet, und sie verspürte keine große Lust auf ein Gespräch mit diesem unsympathischen Kerl. Stattdessen ließ sie unauffällig ihre Fähigkeiten spielen. In dem Raum, wo sie saßen, war der Wächter mit Sicherheit schon überall gewesen, und dies war eine ideale Gelegenheit, ihre Nachforschungen über ihn ein wenig voranzutreiben.

 

"Wenn Ihr nichts dagegenhabt, möchten wir uns nun gerne verabschieden", sagte William nach einer halben Stunde. "Wir haben einen anstrengenden Tag hinter uns."

"Selbstverständlich", erwiderte der Händler und versicherte in blumigen Worten, welch eine Ehre es für ihn wäre, die hohen Herrschaften bald wieder begrüßen zu dürfen.

 

Was ist los? erkundigte sich William, als sie zu Hause angekommen waren. Er hatte schon während seines Gesprächs mit dem Händler immer stärker eine seltsame Mischung aus Ärger und Enttäuschung bei Madeleine gespürt, sie aber auf der Straße nicht darauf ansprechen wollen. Sie war den ganzen Heimweg über sehr schweigsam gewesen.

Ich habe mich zum Narren gemacht, erklärte sie bitter, während sie das Haus betraten. Ich habe mir noch einmal die Spuren des Wächters angesehen. Du erinnerst dich vielleicht, daß ich bei den Illuminaten um Kontakt zu Namiah gebeten hatte. Das hätte ich besser bleiben lassen. Dieser Fluch war gerechtfertigt, und der Mann wird sich nie ändern.

Was hast du gesehen? fragte er.

Ich wußte, daß er der Bastard eines Königs war, der nach langen Mühen anerkannt wurde, erwiderte sie. Das scheint ihm zu Kopf gestiegen zu sein. Er wurde der Kriegsherr seines Vaters, und er hat in den Gebieten, die er erobert hat, schreckliche Dinge angerichtet. Er hat mit eiserner Hand geherrscht und das Volk ausgeblutet, wenn einer gegen ihn aufbegehrte, hat er sein ganzes Dorf ausgelöscht. Sie schüttelte leicht den Kopf. Was ich gesehen habe, paßt überhaupt nicht zu dem Eindruck, den er anfangs auf mich gemacht hat. Und es wurmt mich, daß ich mich so sehr in ihm getäuscht und meine Mühe auf jemanden verschwendet habe, der sie nicht wert ist.

William zuckte die Schultern. Dann vergiß ihn, schlug er vor. Er hatte keine Lust, sich von ihrem Trübsal anstecken zu lassen. Sie hatten gewonnen, Khosann war besiegt, und er gedachte, das entsprechend zu feiern, ob mit oder ohne Madeleine. Plötzlich grinste er. "Die Werwölfe sind bestimmt noch im Elysium. Ich denke, ich werde mich etwas frischmachen und ihnen einen Besuch abstatten."

Madeleine warf ihm einen seltsamen Blick zu, dann nickte sie nur und zog sich zurück.

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