Kapitel 34
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Madeleine klappte energisch das Buch zu, in dem sie gelesen hatte. So unangenehm es auch war, sie würde nicht darum herumkommen, mit William zu reden. Was in den letzten beiden Nächten geschehen war, stand zwischen ihnen, und das mußte sich ändern. Seufzend verließ sie die Bibliothek und ging zu einem der Nebenzimmer, wo der Ventrue gerade ein dringend benötigtes Bad genoß.

Sie hatte noch kaum an die Tür geklopft, als von drinnen bereits ein "Herein" kam. Natürlich wußte er, daß sie draußen stand, und ebenso natürlich spürte er, wie unwohl sie sich fühlte.

"Guten Abend", sagte sie leise. "Kann ich mit dir reden?"

Er lächelte leicht. "Natürlich." Sie setzte sich auf einen Schemel neben dem Badezuber und sah ihn an. "Also?" fragte er schließlich. "Was gibt es?"

Sie schlug die Augen nieder. "Ich muß mich bei dir entschuldigen", gestand sie. "Ich hätte dir diese Vorwürfe nicht machen dürfen."

William hob eine Augenbraue. "Von welcher Gelegenheit redest du jetzt genau?" erkundigte er sich. "Es waren einige."

Sie seufzte. "Von allen, denke ich. Wir waren beide nicht auf der Höhe unserer Kraft, und ich habe überreagiert. Es tut mir leid."

Er spürte, wie schwer ihr diese Entschuldigung fiel, aber trotzdem war er nicht bereit, die Sache einfach so stehen zu lassen. "Es ist in Ordnung", erwiderte er. "Aber es müssen noch ein paar Dinge gesagt werden."

"Dann sag sie", meinte sie einfach.

Er nickte. "Ich möchte, daß du ein wenig darüber nachdenkst, was du eigentlich von mir willst", sagte er langsam. "Ich weiß nämlich manchmal wirklich nicht, wie ich es dir rechtmachen soll. Versuche ich, dich zu beschützen, beschwerst du dich. Gestern in den Katakomben habe ich dich weitgehend in Ruhe gelassen, das war dir auch nicht recht. Was bitte soll ich denn tun?"

Sie wich seinem Blick aus und sagte nichts. Ihr Blut allerdings sprach ziemlich deutlich zu ihm. Er hatte recht und sie wußte es, und sie fühlte sich mehr als unwohl dabei.

"Wie gesagt, denk darüber nach", meinte er schließlich. "Ich möchte einfach gerne wissen, woran ich bin. Und jetzt..." Er verdrehte den Hals, um einen kritischen Blick über seine Schulter zu werfen. "Jetzt muß ich dringend den restlichen Dreck von mir herunterbekommen."

Madeleine lächelte und nahm ihm den Schwamm aus der Hand. "Unnötig ist es wirklich nicht." Sie rieb den Schwamm leicht über seinen Rücken und runzelte die Stirn. "Deine Wunden sind immer noch nicht ganz verheilt", stellte sie fest.

"Nein... gestern bin ich nicht mehr dazu gekommen. Ich gehe später in die Zitadelle frühstücken, da wird sich das beheben lassen."

"Warum willst du das denn in der Zitadelle machen?" fragte sie unschuldig und angelte nach der Seife.

"Nun, unsere Ghoule sind vermutlich rechtschaffen müde und brauchen Ruhe. Die letzten Tage und Nächte waren ziemlich anstrengend für sie."

"Sicher brauchen sie die", meinte sie. "Aber ich habe nicht von unseren Ghoulen geredet."

William sah sie an, grinste, und hatte es plötzlich sehr eilig, mit dem Bad fertigzuwerden.

 

"Was haben wir heute eigentlich alles vor?" fragte William sehr viel später und reckte sich genüßlich. Es war ein gutes Gefühl, völlig wiederhergestellt zu sein und sich nach Belieben bewegen zu können, ohne daß ihm alles mögliche wehtat.

"Ich will zu den Illuminaten", antwortete Madeleine, und er spürte, wie sich ihre Stimmung wieder ein wenig verdüsterte. "Nach dem, was ich gestern über den Leibwächter herausgefunden habe, ist das Gespräch mit der Namiah überflüssig geworden. Ich will Wenzel sagen, daß er die Aktion abbrechen kann. Falls es dafür nicht schon zu spät ist. Die vier Wochen, innerhalb derer er mir eine Antwort liefern wollte, sind fast um." Sie schüttelte leicht den Kopf. "Ich komme immer noch nicht darüber hinweg, daß ich mich so getäuscht habe. Ich hatte mich bisher eigentlich für eine recht gute Menschenkennerin gehalten."

"Vergiß ihn", empfahl William und strich ihr über die Wange.

Sie zuckte die Schultern. "Das werde ich wohl müssen." Sie schlüpfte aus dem Bett und begann sich anzuziehen, was er sehr interessiert beobachtete.

"Außerdem wäre ein Besuch bei Samia angebracht", meinte er. "Ich wüßte gerne, was wir mit Bodhi anstellen sollen, schließlich können wir ihn nicht ewig da unten liegen lassen. Und da Samia uns verboten hat, ihn umzubringen, sollte sie auch bestimmen, was stattdessen mit ihm geschieht."

"Solange Khosann lebt, ist Bodhi an ihn gebunden und damit gefährlich", stellte sie fest. "Und Samia hat bekanntlich keine Absicht, Khosann aus dem Weg zu schaffen."

"Dann ist Bodhi auch ihr Problem", erklärte William und stand ebenfalls auf. "Ich muß noch zu Tarnesh. Ich hatte ihm als Gegenleistung für das wandernde Kohlebecken einen Bericht versprochen, den werde ich ihm heute liefern. Er wollte wissen, was diese Rattenplage verursacht hat und wie wir damit fertiggeworden sind." Er streifte sein Hemd über. "Von dem Thron werde ich natürlich nichts erzählen, aber ansonsten wird er einen ziemlich kompletten Überblick bekommen."

"Oh ja, die Schulden." Madeleine seufzte. "Was mich daran erinnert, daß ich noch im Elysium vorbeischauen sollte. Wieso hatte ich nur gedacht, das würde heute eine ruhige und erholsame Nacht werden?"

 

Als beide schließlich angezogen waren, erschien Francesca mit dem Bericht vom Tag. In der Stadt war es anscheinend recht ruhig gewesen, und die Soldaten der Wache hatten mit den Aufräumarbeiten begonnen. Die Bekämpfung der Ratten war weiterhin in vollem Gang und begann allmählich, Wirkung zu zeigen.

"Die besonderen Ölfässer sind verschwunden", sagte Francesca. "Und das hier wurde für euch abgegeben." Sie reichte den beiden einen Brief. Madeleine warf einen Blick auf das Siegel, es war ihr unbekannt. Sie öffnete es und faltete das Pergament auseinander. Die Nachricht war nur kurz.

"Eine Hand wäscht die andere. Ihr habt die Stadt gerettet, wir haben zurückgeholt, was wir Euch ausgeliehen hatten. Die Magier."

"Knapp und auf den Punkt", kommentierte William trocken. "Mit diesen Herrschaften möchte ich mich demnächst auch noch einmal unterhalten."

"Ich frage mich, ob die Wölfe noch in der Stadt sind", murmelte Madeleine.

"Der Adjutant, der vorhin zum Bericht hier war, glaubte, daß sie abgereist sind", erwiderte Francesca.

"Schade", meinte die Lasombra, dann schüttelte sie den Kopf und lächelte schwach. "Ich hätte nie gedacht, daß ich es einmal bedauern würde, daß ein Trupp Werwölfe die Stadt verlassen hat. Noch dazu, wo einer von ihnen ein Inquisitor ist."

"Die zwei Schotten und die beiden Iren nicht zu vergessen", fügte William hinzu und grinste. "Laß uns aufbrechen."

 

Samia war nicht zu Hause, als sie bei ihr ankamen. Ismael gab den beiden mit einem bedauernden Lächeln zu verstehen, daß er auch keine Ahnung hatte, wo sie sich aufhielt oder wann sie zurückzukommen gedachte. Madeleine beschloß daraufhin, gleich bei den Illuminaten vorstellig zu werden.

An der Tür wurde sie wie üblich von dem Gargoyle empfangen, der sie mißmutig ansah und widerwillig beiseitetrat, als sie ihn höflich begrüßte und den Ring vorzeigte. Als er deutlich lauter als nötig die Tür hinter ihr schloß, kam Wenzel gerade die Treppe herab.

"Guten Abend", begrüßte er sie und warf seinem Diener einen strengen Blick zu, den der geflissentlich ignorierte.

"Ich grüße Euch", erwiderte sie. "Könnte ich Euch wohl einen Augenblick sprechen?"

Er deutete einladend auf die Tür seines Arbeitszimmers. "Was wünscht Ihr?" fragte er schließlich, als sie saßen.

"Ich wollte mit Euch über diesen Gefallen reden, um den ich Euch vor einigen Wochen gebeten hatte. Ich fürchte, die Angelegenheit hat sich erledigt."

Wenzel sah sie erstaunt an. "Darf ich fragen, woher dieser plötzliche Sinneswandel kommt?"

"Erinnert Ihr Euch noch, daß Ihr mich damals gefragt hattet, ob ich denn sicher sei, daß dieser Fluch tatsächlich unverdient ist? Ich war sicher, aber ich habe mich leider geirrt. Er ist nicht unverdient."

"Hm." Wenzel betrachtete sie nachdenklich. "Ich erwarte die Antwort auf die Anfrage in den nächsten zwei bis drei Tagen, es könnte also bereits zu spät sein, die Sache abzubrechen. Andererseits ist natürlich auch nicht gesagt, daß die Namiah überhaupt mit Euch hätte reden wollen." Er warf Madeleine einen unergründlichen Blick zu. "Diese Leute sind auf Euresgleichen im Allgemeinen nicht besonders gut zu sprechen."

"Ich weiß", sagte sie leise. "Das war das Risiko, das ich bei der Sache eingehen mußte. Ich dachte, es sei es wert."

"Es würde mich jetzt allerdings doch interessieren", meinte er langsam, "worum es bei der ganzen Angelegenheit geht. Ihr sagtet bereits, daß der Fluch nicht Euch betrifft. Wen betrifft er dann?"

Madeleine überlegte kurz, entschied dann aber, daß sie es riskieren konnte, Wenzel einzuweihen. "Ihr kennt die Karawanserei nordöstlich der Stadt, im ehemaligen Heerlager?" Er nickte. "Ihr kennt auch diesen Händler, der dort ständig lebt?"

Wenzel verzog das Gesicht. "Dieser fette Maure?"

Sie nickte. "Derselbe. Er hat in seinen Diensten einen schwarzen Leibwächter, der mehr ist als ein einfacher Sklave. Er ist derjenige, der verflucht ist."

Wenzel wirkte leicht überrascht, offenbar hatte er davon nichts gewußt. "Interessant", murmelte er. "Und wofür wurde er verflucht?"

"Er ist der Bastard eines Königs aus dem Süden, der es nach langer Mühe geschafft hat, anerkannt zu werden und zum Kriegsfürsten seines Vaters aufzusteigen. Das ist ihm wohl zu Kopf gestiegen. Er hat Dinge getan, für die eine Strafe mehr als angemessen ist, und er ist so von sich überzeugt, daß er sich wohl auch nicht ändern wird." Sie seufzte. "Seht Ihr, als ich ihn das erste Mal traf, dachte ich, es sei eine Verschwendung, ihn auf diese Art zu bestrafen, selbst wenn er eine Strafe verdient hätte. Ich habe nur gesehen, daß er sich trotz seines schlimmen Schicksals seine Würde bewahrt hat, und das hat mich beeindruckt. Mit seinen Fähigkeiten als Kämpfer könnte er ein starker Beschützer für die sein, die es nötig haben. Deswegen wollte ich den Fluch brechen. Aber nach den Dingen, die ich gestern erfahren habe, bezweifle ich, daß man ihn zu solch einem Beschützer machen kann."

Wenzel schien in Gedanken versunken. "Das könnte in der Tat der einzige Weg sein, den Fluch zu brechen", murmelte er wie zu sich selbst. Dann schreckte er hoch. "Vergeßt das", fügte er rasch hinzu.

Madeleine sah ihn fragend an. "Wie meint ihr das? Ich dachte, der Fluch sei nicht zu brechen?"

"Nun, ich dachte, daß er in Eurer Obhut vielleicht zu einem Beschützer werden könnte... aber wie gesagt, vergeßt es, es war nur eine Idee ohne logische Grundlage." Er kritzelte etwas auf ein vor ihm liegendes Blatt. "Wir werden den Mann aber unter Beobachtung halten, das könnte interessant sein."

Sie nickte. "Falls Ihr etwas neues herausfindet, wäre ich Euch dankbar, wenn Ihr es mich wissen laßt", sagte sie und erhob sich.

"Das werden wir", versicherte er und begleitete sie zur Tür.

 

Als William bei Tarnesh ankam, stieß er fast mit Samia zusammen, die gerade das Haus des Tremere verließ. "Gut, daß ich dich treffe", bemerkte er. "Kann ich dich sprechen?"

Samia nickte und drehte sich kurz entschlossen um. "Tarnesh, können wir einen Moment dieses Zimmer haben?"

Der Tremere lächelte säuerlich. "Guten Abend, Sir William. Selbstverständlich, ich warte nebenan." Er entfernte sich.

"Also, was gibts?" wollte Samia wissen.

William warf einen Blick in Richtung Tür. "Wir sollten uns überlegen, was mit Bodhi passiert", sagte er leise.

Samia nickte kurz. "In der Stadt kann er nicht bleiben, das ist zu gefährlich. Ich werde mich mit ihm unterhalten, und dann kann er sich aussuchen, ob er sterben oder gehen will." Sie sah ihn fragend an. "Wo habt ihr ihn eigentlich untergebracht?"

"In einer... besonderen Zelle unter der Zitadelle." William zog den Schlüssel aus der Tasche und reichte ihn ihr.

Sie nahm den Schlüssel, betrachtete ihn und steckte ihn ein. "Ich werde ihn schon finden", meinte sie und ging. William sah ihr nachdenklich hinterher. Seit Azims Verschwinden war Samia nicht mehr die alte, aber es wäre ausgesprochen undiplomatisch gewesen, sie darauf anzusprechen, noch dazu in Tarneshs Haus.

"Und was ist Euer Anliegen?" erkundigte sich der Tremere, als Samia das Haus verlassen hatte.

William nahm den angebotenen Stuhl an und setzte sich. "Wir hatten vereinbart, daß Ihr für Eure Hilfe einen Bericht bekommt", erklärte er. "Ich bin hier, um ihn Euch zu liefern."

Tarnesh wirkte erfreut, griff zu Pergament und Feder und sah den Ventrue erwartungsvoll an. "Ich höre."

 

Madeleine war inzwischen am Elysium angekommen. Wie üblich wurde sie von dem Ghoul an der Tür eingelassen. Er nahm ihr den Umhang ab und hielt ihr die Tür zum Schankraum auf, wo der Herr des Hauses prompt auf sie zueilte.

"Ah, Madame de Neuville. Es ist mir eine Freude, Euch zu sehen." Icharyd musterte sichtlich angetan die Lasombra, die heute wieder ein Kleid trug. Jetzt, wo es auf den Straßen wieder ruhiger geworden war, sah die Lasombra keine Notwendigkeit mehr, jedesmal ihre Rüstung anzulegen, wenn sie das Haus verließ. Icharyd selbst hatte sich nicht wirklich etwas anmerken lassen, aber seine Ghoule waren immer wenig begeistert gewesen, wenn sie sich in derart unstandesgemäßem Aufzug in der Taverne gezeigt hatte. Möglicherweise fürchteten sie um den guten Ruf des Hauses.

Mit vollendeter Höflichkeit geleitete der Toreador sie zu einem kleinen Tisch, rückte ihr den Stuhl zurecht und setzte sich ihr gegenüber. "Nun, was kann ich für Euch tun?"

Madeleine lächelte. "Diese Frage wollte ich Euch gerade stellen." Als er sie leicht erstaunt ansah, fuhr sie fort: "Ihr habt uns während der Rattenplage geholfen. Auf meine Bitte hin habt Ihr uns Eure Ghoule zur Verfügung gestellt, und ich bin mir dessen bewußt, daß ich Euch dafür einen Gefallen schulde."

Icharyds Lächeln hatte etwas Raubtierhaftes. "Seid gewiß, daß ich mir dessen ebenfalls bewußt bin. Ich werde zu gegebener Zeit darauf zurückkommen." Plötzlich war er wieder ganz der perfekte Gastgeber. "Verzeiht meine Unhöflichkeit... darf ich Euch etwas zu trinken anbieten?"

Sie nahm das Angebot gerne an, und es entspann sich eine recht angenehme Unterhaltung, in deren Verlauf sich herausstellte, daß die sechs Garou tatsächlich tagsüber abgereist waren. Dieser Umstand hatte Icharyds Laune nicht unbeträchtlich gehoben, was deutlich zu merken war.

Nach etwa einer halben Stunde spürte Madeleine, daß William im Begriff war, Tarnesh zu verlassen. Sie verabschiedete sich von Icharyd und tastete nach den Gedanken des Ventrue, als sie das Elysium verließ. William?

Ja?

Hast du heute Nacht noch etwas dringendes vor? Ich hätte da noch eine Bitte...

Sie dachte gerade an etwas, das ihr ein wenig peinlich war. Worum geht es? fragte er.

Ich fürchte, ich habe mich vorgestern vor diesem Garou furchtbar blamiert, gestand sie. Diese Vorstellung, die ich in der Taverne geliefert habe... das sollte mir nicht noch einmal passieren. Könnten wir unser Training wieder aufnehmen?

Er grinste in sich hinein. Gerne. Treffen wir uns zu Hause?

 

"Ich habe etwas interessantes gesehen", erzählte er, als sie schließlich in Kampfausrüstung vor der Stadt angekommen waren und das Training begonnen hatten. "Als ich vorhin im armenischen Viertel unterwegs war, bin ich mehr oder weniger zufällig an Sir Wirkos Zuflucht vorbeigekommen. Oder besser gesagt, an seiner ehemaligen Zuflucht." Er machte einen Ausfallschritt zur Seite, drehte die Klinge herum und hatte Madeleine mit einer raschen Bewegung entwaffnet. "Nicht so verkrampft!" tadelte er.

Madeleine warf ihm einen vielsagenden Blick zu und hob ihr Katana auf. "Was ist mit Wirkos Taverne?"

"Sie steht leer", erwiderte er. "Und ich meine wirklich leer. Offenbar hatte Wirko Schulden bei den Geldverleihern, und da er im Moment nicht in der Lage ist, irgendetwas zu bezahlen, hat man das Haus ausgeräumt. Jetzt steht es zum Verkauf."

"Du denkst daran, es zu kaufen", erkannte sie.

"Warum nicht? Es wäre die ideale Unterkunft, schließlich ist es schon für einen Kainiten hergerichtet. Und wir bräuchten uns keine Sorgen mehr um unsere sterblichen Mitbewohner zu machen. Ich habe Giovanni schon zum Verkäufer geschickt, er soll sich nach den Bedingungen erkundigen. Morgen Abend werde ich bei Samia anfragen, ob sie einverstanden ist, daß wir unser Quartier verlegen und unsere eigene Zuflucht aufbauen." Er nickte zufrieden, als Madeleines nächster Angriff genau da landete, wo er hätte landen sollen. "Schon besser. Ich denke auch nicht, daß Samia etwas gegen unseren Umzug hat. Im Moment scheint ihr ohnehin so ziemlich alles egal zu sein."

"Das gefällt mir gar nicht", gab Madeleine zu. "Aber das Haus würde ich mir gerne noch einmal genauer ansehen. Laß uns doch auf dem Heimweg dort vorbeigehen."

"In Ordnung." Er grinste sie an. "Aber vorerst kommst du mir hier noch nicht davon."

 

"Ich habe mich ein wenig bei den Illuminaten umgehört", erklärte William von Baskerville am nächsten Abend. "Jetzt wo die Sache mit Khosann und den Ratten ausgestanden ist, wollte ich ein bißchen mehr über diesen Vampirjäger erfahren. Es wäre schließlich möglich, daß er doch eine echte Gefahr für euch ist."

Madeleine hatte den Jäger schon fast vergessen gehabt. Sie hatte ihn in den letzten Wochen noch ein oder zwei Mal in der Stadt gesehen, ohne daß er sich ihrer Anwesenheit bewußt gewesen wäre. Das Verhalten, das er bei diesen Gelegenheiten an den Tag gelegt hatte, hatte sie schon halb davon überzeugt, daß man den Mann vielleicht doch nicht ganz so ernst nehmen mußte, wie sie zuerst gedacht hatten.

"Wenzel scheint nicht allzuviel über den Jäger zu wissen", fuhr Baskerville fort, "aber ein paar Dinge konnte er mir doch verraten." Er grinste plötzlich. "Es ist erstaunlich, wie gesprächig so eine Schreibfeder sein kann."

Madeleine zwinkerte ihm zu. "Ich sehe schon, es war gefährlich, dir das beizubringen. Was hast du erfahren?"

Er wurde wieder ernst. "Der Jäger ist für uns nicht unmittelbar gefährlich, auch wenn man ihn durchaus ernst nehmen muß. Er weiß einiges über euresgleichen, und er weiß leider auch, wo wir wohnen. Er hat es aber nicht auf euch abgesehen, sondern auf Bodhi. Den verfolgt er mit einer erstaunlichen Hartnäckigkeit, und er hat seine Spur schon bis zur Zitadelle gefunden."

"Das ist allerdings erstaunlich", kommentierte sie, "wenn man bedenkt, daß Bodhi in einen Teppich gewickelt in die Festung getragen wurde."

Baskerville zuckte die Schultern. "Ein Teppich, der aus einer Kirchenruine zu einem Haus im jüdischen Viertel und von dort von anderen Leuten in die Zitadelle getragen wird... in einer dichtbevölkerten Stadt wie dieser findet man immer jemanden, der etwas gesehen hat. Und wie ich schon sagte, der Mann ist hartnäckig."

"Scheint so", murmelte Madeleine. "Die Frage ist, was machen wir? Wenn er Bodhi in der Zitadelle findet, könnte das unangenehm werden."

"Warum lassen wir die beiden das nicht unter sich ausmachen?" fragte er plötzlich. "Ich meine, Bodhi freilassen und den Jäger auf seine Spur setzen. Dann sind sie miteinander beschäftigt und wir haben vor beiden unsere Ruhe."

"Das wäre eine Möglichkeit", gab sie zu. "Mal sehen, was Samia dazu sagt." Sie seufzte. "Aber zuerst muß ich noch einmal zu Wenzel. Und ich fürchte, wenn ich wieder zurückkomme, bin ich vorerst mittellos."

"Ich wollte sowieso noch einmal in die Bibliothek", erklärte er. "Wenn du nichts dagegen hast, begleite ich dich."

Sie lächelte. "Wie könnte ich?"

 

"Was denn, du schon wieder?" Der Gargoyle blinzelte griesgrämig durch die Klappe an der Tür. Madeleine hob die Hand mit dem Ring, und mit einem mißmutigen Brummen bequemte er sich schließlich, die Tür zu öffnen. Er wollte sie schon wieder mit einem lauten Knall ins Schloß werfen, kaum daß die Lasombra hindurch war, als er gerade noch rechtzeitig William von Baskerville hinter ihr erkannte. Sofort wurde seine Miene etwas freundlicher. "Ach, Ihr seid auch da. Kommt herein."

In Wenzels Arbeitszimmer mußten sie wie üblich nicht lange warten. "Oh, heute zu zweit?" stellte der Gelehrte fest und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.

Baskerville nickte. "Wir haben beide ein Anliegen, aber vielleicht sollte Madame beginnen."

Madeleine lächelte ihn an, dann wandte sie sich an Wenzel. "Wie ich gestern schon sagte, hat sich die Angelegenheit, wegen derer ich Euch um Hilfe gebeten hatte, vermutlich erledigt. Trotzdem hattet Ihr natürlich Kosten, und gemäß unserer Abmachung werde ich sie auch bezahlen. Ich bin hier, um mich zu erkundigen, wieviel ich Euch schulde."

Wenzel schien angenehm überrascht. "Einen Augenblick, ich habe es noch nicht zusammengerechnet..." Er kramte einige Notizen hervor und begann, etwas auf eine Wachstafel zu kritzeln. Schließlich blickte er auf und schob die Tafel über den Tisch. "Das wäre die Summe."

Madeleine sah darauf und schluckte. Der Betrag war beinahe astronomisch, aber das war zu erwarten gewesen. Jeder einzelne Posten war aufgeschlüsselt, Schiffspassagen, Botenlöhne, Bestechungsgelder und ähnliches. Madeleine überlegte kurz, dann nickte sie. "Ich werde dafür sorgen, daß Euch das Geld in den nächsten Tagen überbracht wird." Sie steckte die Tafel ein und erhob sich. "Wenn Ihr mich jetzt entschuldigen wollt... ich muß mich gleich darum kümmern." Sie zog den Ring vom Finger und reichte ihn Baskerville, der ihn sichtlich erfreut entgegennahm.

Wenzel nickte und geleitete sie zur Tür. In Gedanken damit beschäftigt, wie sie die Summe möglichst schnell zusammenbringen konnte, bemerkte die Lasombra kaum den gewohnt unfreundlichen Blick des Gargoyle, als er sie hinausließ.

Wo bist du? erkundigte sie sich bei William, als sie auf die Straße trat. Sie spürte eine leichte Beunruhigung bei ihm.

Bei Samia, antwortete er. Wir sitzen in diesem kleinen Kaffeehaus, wo wir sie schon öfter getroffen haben. Ich habe sie wegen unseres Umzugs gefragt, und sie hat erwartungsgemäß nichts dagegen. Er zögerte kurz, ehe er hinzufügte: Etwas stimmt wirklich nicht mit ihr. Sie ist... bemüht beherrscht, ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll. So, als wäre sie kurz davor, die Kontrolle zu verlieren. Ich glaube aber nicht, daß ich der richtige bin, um mit ihr darüber zu reden.

Soll ich es versuchen? erkundigte sie sich besorgt. Oder glaubst du, sie will nicht reden?

Ich habe nicht die leiseste Ahnung, mußte er zugeben. Ich werde jetzt auch gehen und Giovanni Anweisung geben, daß er das Haus kaufen soll.

Es wird eine Weile dauern, bis ich meinen Teil der Kosten übernehmen kann, erwiderte sie. Ich habe mir gerade von Wenzel erzählen lassen, wieviel ich ihm schulde, und wenn ich das bezahlt habe, sind meine Mittel fürs erste aufgebraucht. Jedenfalls so lange, bis aus Bologna Nachschub eintrifft. Francesca wird sich freuen, wenn sie das hört... Aber sie wird das schon organisieren. Und jetzt werde ich bei Samia vorbeischauen. Wenn sie reden will, kann sie es tun, wenn nicht, werde ich es merken.

Madeleine wartete eine Weile, um nicht direkt nach William im Kaffeehaus aufzutauchen. Samia sollte nicht den Eindruck bekommen, daß man sie überwachen wollte. Sie nutzte die Zeit, um sich unterwegs ein wenig umzusehen und sich einen Überblick zu verschaffen, wie es am zweiten Tag nach Khosanns Niederlage auf den Straßen aussah.

Die Zustände in der Stadt schienen sich in der Tat rasch zu normalisieren. Madeleine konnte immer noch kaum glauben, wie knapp die Stadt an einer Katastrophe vorbeigeschrammt war. Es grenzte schon an ein Wunder, daß unter diesen Umständen nicht die Pest ausgebrochen war. Sie hatte vor zwei Nächten, während sie die Katakomben verlassen hatten, Malachit nach dieser seltsamen Krankheit befragt, die die Werratten so plötzlich befallen hatte. Was die beiden Kappadozianerinnen ihr über die Morde erzählt hatten, nämlich daß die Opfer für die Gesundheit der Stadt gestorben seien, schien so überhaupt nicht ins Bild zu passen. Daß die Krankheit der Ratten in einem Zusammenhang mit dem plötzlichen Ende der Mordserie stand, hatte die Lasombra bereits vermutet, und Malachit bestätigte es. Die Mordopfer, hatte er erklärt, waren in der Tat als Futter gebraucht worden, um Khosann bei Kräften zu halten. Diese Kraft hatte er dann an die Werratten weitergegeben. Es war wichtig, daß die Opfer auf eine ganz bestimmte Art und Weise starben, damit das funktionierte. Mit den verschärften Patrouillen und den Feuergräben überall war es für die Ratten immer schwieriger geworden, Opfer zu finden, und schließlich hatten sie es überhaupt nicht mehr geschafft. Das hatte sich schnell bemerkbar gemacht, und die Auswirkungen davon hatten die Kainiten deutlich gesehen. Insofern war es durchaus so gewesen, daß die Menschen für die Gesundheit der Stadt gestorben waren, denn die kranken Werratten hätten alle möglichen Seuchen verbreiten können. Madeleines Verdacht, daß die Gesundheit der Stadt keineswegs das war, was Khosann in erster Linie am Herzen lag, hatte sich allerdings auch bestätigt.

Mit dem Verschwinden der Werratten breiteten sich die gewöhnlichen Ratten nicht mehr so explosionsartig aus. Die Stadtwache ging systematisch gegen das Ungeziefer vor, und man rechnete allgemein damit, daß das Rattenproblem innerhalb einer Woche gelöst sein würde. Die Händler waren bereits wieder fast so aktiv wie vor Khosanns Angriff, und Madeleine hörte, daß auf dem Basar tagsüber schon wieder beinahe normaler Betrieb geherrscht hatte. Alles in allem klang das recht beruhigend, fand sie und machte sich auf den Weg zum jüdischen Viertel.

Samia saß tatsächlich noch vor dem kleinen Kaffeehaus, wie üblich mit einer Wasserpfeife neben sich. Als Madeleine wie zufällig die Straße entlanggeschlendert kam, nickte sie ihr grüßend zu. "Setz dich doch", sagte der Prinz und bot ihr den Schlauch an.

Madeleine warf einen mißtrauischen Blick darauf, nahm ihn dann aber an und schaffte es diesmal sogar, keinen Hustenanfall zu bekommen. Der Rauch schmeckte wieder nach frischen Äpfeln.

Während sie langsam ein paar Züge nahm, musterte sie Samia unauffällig. William hatte recht gehabt. Die Gangrel wirkte in der Tat mühsam beherrscht, als hätte sie ihre Gefühle in einer bewußten Anstrengung gedämpft. Azims Verschwinden und die Ungewißheit über sein Schicksal mußten schwer an ihren Nerven zerren, vermutete die Lasombra. Ihr selbst wäre es schließlich auch nicht anders gegangen, wenn sie William auf diese Art verloren hätte. Samia machte jedoch nicht den Eindruck, als wollte sie über das reden, was in ihr vorging, und Madeleine respektierte das. Da sie den Prinzen nicht drängen wollte, saß sie einfach nur schweigend da und beobachtete das Treiben auf der Straße.

Nach einer halben Stunde erhob sie sich schließlich. "Ich muß weiter", sagte sie. "Danke für die Pfeife."

Samia lächelte eigenartig. "Danke für das interessante Gespräch."

"Jederzeit", versicherte Madeleine und ging.

 

"Irgendwie habe ich das Gefühl, wir treten auf der Stelle", gab Madeleine am nächsten Abend zu. Sie saß in William von Baskervilles Zimmer und brütete ein wenig vor sich hin. "Ich meine die Angelegenheit, wegen der wir eigentlich hier sind. Wir sind seit sechs Wochen in der Stadt und haben noch nicht die geringsten Fortschritte gemacht, was die Grabeskirche angeht."

Baskerville nickte nachdenklich. "Vielleicht habt ihr bisher nicht die richtigen Fragen gestellt. Oder nicht an den richtigen Orten nachgesehen." Er trat hinter sie und legte die Arme um sie. "Ihr habt doch bisher bei den Illuminaten noch gar nicht wirklich nach der Kirche gesucht, oder nach Methoden, wie man sie betreten kann."

"Stimmt", mußte sie zugeben. "Ich habe einfach ein schlechtes Gefühl dabei, diese Leute zu sehr in unsere Pläne einzuweihen. Leider ist ihre Bibliothek im Moment die einzige Anlaufstelle, die wir haben."

"Das ist nicht ganz richtig", widersprach er. "Ihr habt noch eine Quelle für Wissen, und diese Quelle kontrolliert ihr, mehr oder weniger."

Sie drehte sich um und sah ihn fragend an. "Welche Quelle sollte das sein?"

"Die Chronik der Stadt", erwiderte er. "Sie wird in der Zitadelle aufbewahrt, und dort habt ihr doch nach Belieben Zutritt. Ganz ohne daß ihr jemanden darüber informieren müßt, was ihr sucht und warum."

"Daran habe ich überhaupt noch nicht gedacht", gestand sie. "Wenn diese Chronik weit genug zurückreicht, könnte darin sogar der Bau der Kirche erwähnt sein. Vielleicht finden wir da einen Hinweis, wie man hineinkommen kann."

 

"Die Idee ist wirklich gut", stimmte William später zu, als sie ihm von dem Gespräch erzählte. "Ich wäre sehr dafür, daß wir uns das einmal ansehen."

Es klopfte, und Francesca streckte den Kopf herein. "Ihr habt Besuch", verkündete sie. "Samia wartet draußen."

"Ich habe mir Gedanken über Bodhis Schicksal gemacht", erklärte die Gangrel, als die beiden bei ihr ankamen. "Kommt mit mir zur Zitadelle, dann werden wir ihn vor die Wahl stellen, ob er sterben will oder eine Chance, weiterzuexistieren."

"Du weißt von dem Jäger?" erkundigte sich Madeleine.

Samia nickte. "Genau. Ich weiß, daß er Bodhis Spur bis zur Zitadelle verfolgt hat. Das ist die Chance, die ich meinte. Vielleicht kann er dem Jäger entkommen. Und wenn nicht..." Sie zuckte die Schultern.

Samias Gemütszustand schien sich seit gestern nicht wirklich gebessert zu haben, aber das war auch kaum zu erwarten gewesen. Madeleine begann allmählich, sich ernsthafte Sorgen um den Prinzen zu machen, und sie spürte, daß William diese Sorgen durchaus teilte.

Ich wünschte, wir könnten etwas für sie tun, meinte die Lasombra, als sie sich auf den Weg zur Zitadelle machten.

Ja, ich auch. Ich hatte sogar schon daran gedacht... Er zögerte. Ich hatte schon daran gedacht, daß Farun uns beiden noch etwas schuldet.

Du meinst, seine Schuld als getilgt ansehen, wenn er Azim verschont und zurückschickt, ergänzte sie. Ja, der Gedanke kam mir auch schon. Aber überlege, was das für Azim bedeutet. Er hat ohnehin schon sein Gesicht verloren, jedenfalls nach den Maßstäben seines Clans. Wenn jetzt zwei Clansfremde eingreifen, um ihn zu retten, wird er glauben, völlig entehrt zu sein.

Ja, ich weiß, gab er zu. Aber es mißfällt mir wirklich, daß wir so gar nichts tun können.

Mir auch, erwiderte sie. Sie fühlte sich in dieser Sache genauso hilflos wie er, und sie haßte dieses Gefühl.

 

Schließlich kamen sie an der Zitadelle an und stiegen unbeobachtet zu Bodhis Gefängnis hinunter. Der Nosferatu lag immer noch in seinen Ketten, den Pflock in der Brust, und er sah erbärmlich aus. Einen Großteil seiner Wunden hatte er zwar heilen können, aber dazu hatte ihm nur Tierblut zur Verfügung gestanden, das weder besonders gut schmeckte noch wirklich nahrhaft war.

Samia trat neben den Tisch und löste die Kette, die Bodhis linke Hand fesselte. Dann zog sie den Pflock aus seiner Brust. Der Nosferatu riß die Augen auf und begann sofort, mit der freien Hand herumzutasten.

"Wer ist da?" fragte er und versuchte, die Fesseln zu erreichen, die seinen Kopf hielten. Samia beobachtete seine Bemühungen schweigend und rührte sich nicht.

Schließlich hatte Bodhi seinen Kopf soweit befreit, daß er ihn drehen und seine Besucher ansehen konnte. "Das hätte ich mir denken können", knurrte er. "Was wollt ihr?"

Samia sah ihn kalt an. "Dein Urteil verkünden. Oder vielmehr, es von dir hören, denn du kannst selbst wählen." Sie trat näher an Bodhi heran, der inzwischen damit beschäftigt war, seine rechte Hand freizubekommen. "Du hast die Wahl zwischen dem sofortigen Tod und einer Chance, weiterzuexistieren. Das ist mehr, als du und dein Meister den Leuten dieser Stadt zugestehen wolltet."

Bodhi warf ihr einen kurzen Blick zu, ehe er sich wieder den Ketten zuwandte. "Du willst, daß ich die Stadt verlasse", stellte er fest. "Und du weißt, daß jemand hinter mir her ist."

"Wie schön, daß wir uns verstehen", erwiderte sie zynisch. "Wenn du dich entschließt, nicht zu gehen, werde ich dich vernichten. Wenn du gehst, kannst du deinem Verfolger vielleicht entkommen. Entscheide dich. Jetzt."

Bodhi setzte sich auf und begann, seine Beine zu befreien. "Diese Wahl, die du mir läßt, ist keine", stellte er fest. "Ich werde gehen."

Samia zog etwas aus der Tasche und drückte es ihm in die Hand. "Du wirst Jerusalem noch heute Nacht verlassen. Wenn ich nicht bis morgen bei Sonnenuntergang eine Nachricht von der Stadtwache erhalte, daß ein abgrundtief häßlicher Kerl durch eines der Tore nach draußen gegangen ist und dabei diesen Ring abgegeben hat, werde ich dich selbst jagen. Und du darfst mir glauben, daß ich dich finden werde."

Der Nosferatu steckte den Ring ein. "Das glaube ich dir, Prinz." Die Art, wie er den Titel betonte, ließ das Wort wie eine Beleidigung klingen. "Und was dich angeht", er sah William an, "so denke ich, daß wir uns wiedersehen werden. Und dann werde ich stärker sein als jetzt. Vergiß mich nicht." Sein häßliches Gesicht verzog sich zu einem widerlichen Grinsen, als er sich vom Tisch schwang und sich genüßlich reckte. Dann schaute er sich um. "Ich würde ja gerne gehen, aber ich fürchte, ich weiß nicht, wie man diese gastliche Stätte verläßt."

Samia nickte knapp, dann hielt sie plötzlich einen Pflock in der Hand und versenkte ihn in Bodhis Brust. Der Nosferatu stürzte wie ein gefällter Baum zu Boden. William reichte Samia kommentarlos den Teppich, der immer noch in der Ecke gelegen hatte, und sie begann, Bodhi einzuwickeln. "Schaffen wir ihn hinaus", sagte sie schließlich, als sie fertig war.

Oben im Burghof war es kein Problem, eine schattige Ecke zu finden, in der sie unbeobachtet waren. Samia wickelte ihren Gefangenen aus dem Teppich und zog den Pflock aus seiner Brust. Bodhi blinzelte und sah sich verwirrt um. Dann nickte er den dreien kurz zu und verschwand ohne ein weiteres Wort über die Mauer. Samia schaute ihm mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck hinterher, dann wandte sie sich an William. "Wo finde ich den Kommandanten der Wache?"

William führte sie zur Wachstube. Der Hauptmann saß wie üblich hinter seinem Schreibtisch und studierte eine Tafel, auf die irgendwelche Berichte geschrieben waren. Samia steuerte direkt auf ihn zu. "Guten Abend. Es wird heute im Laufe der Nacht an einem der Stadttore ein Ring mit diesem Zeichen abgegeben werden." Sie zeigte ihm einen Ring, den sie trug, und der identisch war mit dem, den sie Bodhi gegeben hatte. "Wenn das passiert, will ich umgehend informiert werden."

Der Ghoul sah sie etwas erstaunt an und richtete einen fragenden Blick auf William. Der Ventrue nickte. "Tut es." Etwas leiser fügte er hinzu: "Sie ist der Prinz."

"Oh." Der Hauptmann besah sich den Ring. "In Ordnung, ich werde dafür sorgen. Sonst noch etwas?"

"Ja." Samia wandte sich an Madeleine. "Du hast den Jäger doch gesehen, glaubst du, du könntest ein Bild von ihm zeichnen?"

"Versuchen kann ich es", meinte die Lasombra und ließ sich Pergament und Kohlestift geben. Mit einiger Mühe gelang es ihr schließlich, ein halbwegs brauchbares Bild des Jägers auf das Blatt zu bannen.

"Dieser Mann sucht denjenigen, der den Ring am Tor abgeben wird", erklärte Samia und schob dem Hauptmann die Zeichnung hin. "Wenn er sich hier nach ihm erkundigt, dann laßt ihn wissen, wann der Betreffende die Stadt verlassen hat und durch welches Tor er gegangen ist."

Der Hauptmann nickte. "Wenn er danach fragt, wird er es erfahren."

"Sehr gut", meinte Samia zufrieden. "Dann werde ich mich jetzt verabschieden." Sie hob grüßend die Hand. "Wir sehen uns noch."

William und Madeleine tauschten einen Blick, enthielten sich aber jeden Kommentars, als der Prinz ohne weitere Worte die Wachstube verließ. Madeleine schüttelte leicht den Kopf, dann wandte sie sich an den Hauptmann. "Wo wir schon einmal hier sind... könnt Ihr uns vielleicht den Weg zum Archiv beschreiben?"

 

Das Archiv befand sich in einem der ältesten Teile der Zitadelle und war offenbar schon seit einiger Zeit von niemandem mehr betreten worden. Die Chronik der Stadt befand sich in fünf ledergebundenen Büchern in einem Regal, ein zweites Regal beherbergte ein unübersehbares Chaos an Schriftrollen und losen Blättern. William sah sich das Ganze an. "Weißt du", sagte er langsam, mir ist da kürzlich eine ziemlich verrückte Idee gekommen.

Madeleine griff sich eines der Bücher und betrachtete es prüfend. "Nämlich?"

"Naja", meinte er zögernd. "Du weißt selbst, wie manche Geschichten sich über die Zeit verändern. Wenn ich mir nun ansehe, was in der Bibel über die Grablegung Christi erzählt wird... dort steht nichts davon, daß er mitten in Jerusalem bestattet worden wäre. Die Grabeskirche steht aber mitten in der Stadt."

Madeleine ließ das Buch sinken und starrte ihn an. "Du willst andeuten, daß sich der wahre 'Ort des Erwachens', den wir finden müssen, gar nicht in der Grabeskirche befindet? Sondern daß das echte Grab irgendwo außerhalb der Stadt ist?"

"Wie ich schon sagte, eine verrückte Idee", gab er zu. "Aber denkbar wäre es doch, oder?"

Sie sah sich um. "Die Aufzeichnungen hier sind zum Teil uralt. Nicht die in den Büchern, aber das Zeug dort in dem Regal. Wenn du recht hast, könnte man hier vielleicht etwas darüber finden." Entschlossen begann sie, das Regal auszuräumen. "Komm, laß uns den ganzen Kram sortieren, nach dem Alter der Schriftstücke. Wenn es etwas zu finden gibt, dann vermutlich in den ältesten der Aufzeichnungen."

William lächelte schwach. "Wie gut, daß wir dafür nicht jede einzelne lesen müssen."

 

"Mein Kopf dröhnt wie eine Glocke", klagte Madeleine Stunden später und ließ das Pergament sinken, das sie gerade betrachtet hatte. "Aber es hat sich gelohnt."

William nickte. "Ehrlich gesagt, ich hatte selbst nicht richtig geglaubt, daß ich recht habe. Aber wie es aussieht, steht die Grabeskirche tatsächlich nicht über dem Heiligen Grab."

"Ich habe aus diesem einen Pergament ein ziemlich klares Bild davon bekommen, wo das Grab wirklich ist", meinte sie nachdenklich. "Der Schreiber muß selbst dortgewesen sein und es mit eigenen Augen gesehen haben. Anscheinend hat es ihn ziemlich beeindruckt, sonst hätte ich das nach all diesen Jahren niemals so deutlich sehen können." Sie schüttelte leicht den Kopf. Manchmal überraschten ihre eigenen Fähigkeiten sie immer noch. Die Eindrücke eines Mannes zu sehen, der seit vielen hundert Jahren tot war... auch wenn sie für diese Eindrücke jetzt mit mörderischen Kopfschmerzen bezahlte.

"Und ausgerechnet die Templer haben eine Festung an der Stelle gebaut." William seufzte. "Diese eine Aufzeichnung erwähnt eine Reihe von alten Grabanlagen, die einfach überbaut wurden, wahrscheinlich, weil keiner wußte, welche Bedeutung sie haben." Er runzelte die Stirn. "Oder vielleicht wußte man es auch und hat die Festung gerade deswegen dorthin gebaut. Wie dem auch sei, wir müssen uns das unbedingt ansehen."

Madeleine warf einen Blick aus dem Fenster. "Jetzt schaffen wir das nicht mehr, es wird bald hell. Aber ich wäre sehr dafür, heute Abend gleich nach Sonnenuntergang einen kleinen Erkundungsflug zu machen."

William sah nachdenklich auf das Blatt herunter, das er in der Hand hielt. "Nach Golgatha", murmelte er und schauderte.

 

Madeleine blinzelte. Die Sonne blendete sie, und der Staub in ihrer Kehle reizte sie zum Husten. Sie beherrschte sich jedoch und ging weiter, den Blick starr geradeaus gerichtet. Die Soldaten um sie herum marschierten präzise im Gleichschritt, ein lebendes Symbol für die Disziplin der römischen Armee. Vage kam ihr zu Bewußtsein, daß etwas nicht stimmte - sie war offenbar ein Mann, und zwar ein wichtiger, wenn die Stärke ihrer Leibwache ein Hinweis auf ihren Status war. Die Straße, die sie gerade entlangging, befand sich auch eindeutig nicht in Jerusalem.

Mit einem Mal bemerkte sie die Schemen rechts und links am Straßenrand. Als sie genauer hinsah, erkannte sie, worum es sich handelte: Kreuze säumten die Straße, hunderte von ihnen, eine schier endlose Reihe. und an jedem einzelnen von ihnen hing ein sterbender Mensch.

Madeleine schreckte mit einem leisen Schrei hoch und sah sich verwirrt um. Ihr Zeitgefühl verriet ihr, daß es etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang war. Zu ihrer Beruhigung befand sie sich eindeutig in ihrem Bett in Jerusalem. Neben ihr lag William, und wie es aussah, litt er auch unter seltsamen Träumen. Der Ventrue, der normalerweise wie alle Kainiten völlig ruhig zu schlafen pflegte, wälzte sich herum und stöhnte leise.

Madeleine versuchte, ihn in die Arme zu nehmen und zu beruhigen, aber instinktiv wehrte er sich dagegen, festgehalten zu werden. So ließ sie ihn schließlich los und griff in Gedanken nach seinem Geist, um ihn zu wecken.

 

William hielt die Standarte kerzengerade. Der fette Würdenträger neben ihm sollte nicht den Eindruck haben, daß es in dieser Einheit an Disziplin mangelte. Der Kerl hielt sich für sehr wichtig, aber William wußte, daß irgendwo hinter ihnen jemand deutlich wichtigeres lief. Bald würden sie am Ziel sein, auch wenn er im Moment nicht wußte, wo dieses Ziel lag. Aber das war nebensächlich. Seine Aufgabe war es, die Standarte zu tragen, und das würde er auch tun, und sich nicht von dem Anblick der Kreuze zu beiden Seiten der Straße ablenken lassen...

Plötzlich begann das Bild um ihn herum zu verblassen, und sehr langsam wurde ihm bewußt, daß jemand nach ihm rief.

"William..." Madeleines Stimme. Mühsam schlug er die Augen auf. "Wo bin ich?"

"In Jerusalem", beruhigte sie ihn und strich ihm über die Stirn. "Du scheinst geträumt zu haben. Wie ich auch... anscheinend haben wir uns letzte Nacht im Archiv etwas übernommen. Im Traum war ich ein römischer Würdenträger."

"So etwas ähnliches war es bei mir auch", murmelte er und schloß noch einmal die Augen. "Es ist noch viel zu früh. Aber wahrscheinlich war es ganz gut, daß du mich geweckt hast. Was ich gesehen habe, war reichlich merkwürdig. Wenn es dunkel ist, sollten wir gleich zur Festung aufbrechen, das wird uns auf andere Gedanken bringen."

 

Kurz nach Sonnenuntergang verließen eine Schleiereule und eine Fledermaus die Stadt. Die Templerfestung, die ihr Ziel war, befand sich ein Stück östlich der Stadtmauern, in Sichtweite des Hügels Golgatha, den beide letzte Nacht so deutlich in ihren Visionen gesehen hatten.

Als sie näher heranflogen, musterte William die Anlage mit Kennerblick. Hier war jemand am Werk gewesen, der sein Handwerk verstanden hatte. Die Festung war nicht besonders groß, aber gut zu verteidigen. Der Ventrue schätzte, daß man sie mit zwanzig Mann leicht gegen eine große Übermacht halten konnte. Wenn es sein mußte, konnte man vermutlich bis zu zweihundert Soldaten darin unterbringen. Während die beiden in sicherem Abstand um die Anlage kreisten, zählten sie zwanzig Wachen, die auf den Zinnen verteilt waren.

Ich sehe mir das ganze mal etwas genauer an, erklärte Madeleine und landete auf einer Turmspitze. Für normale Augen sah die Festung unauffällig aus, es schien nichts besonderes zu geben. Als die Lasombra allerdings ihre übernatürlichen Sinne ins Spiel brachte, änderte sich das Bild schlagartig. Die ganze Anlage war von einem seltsamen schimmernden Feld durchdrungen, das sie nach außen hin wie eine Glocke abschloß und sich durch alle Gebäude fortsetzte. Das Feld funkelte golden, und Madeleine war sicher, daß sie nur deswegen überhaupt etwas erkennen konnte, weil sie sich innerhalb des Feldes befand. Von außen würde man wahrscheinlich nur dieses Schimmern sehen können. Hier war mächtige Magie am Werk.

Madeleine warf einen Blick zu den Wachen auf den Wehrgängen. Einer der Männer schien ein Offizier zu sein, und die Lasombra konzentrierte sich auf seine Gedanken. Alles, was sie über die Bewachung der Festung erfahren konnten, würde ihnen weiterhelfen. Leider dachte der Sterbliche gerade nicht daran, wieviele Soldaten sich hier aufhielten oder wie die Wachen verteilt waren. Madeleine bemerkte außerdem, daß es überraschend schwierig war, in seinen Geist einzudringen, und daß das weniger an dem Mann selbst lag als an einem Einfluß von außen. Vermutlich dämpfte das seltsame Feld um sie herum ihre Kräfte. Madeleine zog sich aus den Gedanken des Offiziers zurück und suchte sich ein neues Opfer.

Diesmal ging es schief. Die Lasombra hatte sich kaum in die Gedanken des Soldaten versenkt, als plötzlich etwas wie ein greller Blitz vor ihr vorbeizuckte. Für einen Augenblick sah sie das Gesicht eines alten, weißhaarigen Mannes, der sich alarmiert umschaute - und sie sah. Madeleine brach sofort den Kontakt ab, aber sie wußte, daß er sie erkannt hatte. Sie konnte nur hoffen, daß er lediglich ihre Eulenform gesehen hatte und nicht ihre wahre Gestalt, aber sicher war sie nicht. Rasch hob sie ab und stieß steil nach oben, während ihre Gedanken nach William riefen: Weg hier!

Der Ventrue fragte nicht lange, sondern gewann rasch an Höhe. Während sie in Richtung der Hügel davonflogen, erkundigte er sich: Was war denn los?

Sie erklärte rasch, was sie gesehen hatte. Der Alte muß ein Magier gewesen sein, schloß sie. Vermutlich derjenige, der für dieses Feld verantwortlich ist. Die Leute da drin sind besser geschützt, als es den Anschein hat.

Und hervorragend ausgebildet, fügte er hinzu. Als ich weggeflogen bin, habe ich schon gesehen, wie sie die Wachen verstärkt haben und anfingen, die Festung systematisch abzusuchen.

Madeleine fluchte in sich hinein. Soviel zu unserem Überraschungsmoment, meinte sie mißmutig. Ich hätte vorsichtiger sein sollen. Wenn ich wenigstens Bruder Matthias' Amulett noch gehabt hätte...

Es ist nunmal passiert, antwortete er. Laß uns dort drüben ein wenig die Gräber untersuchen, bis unsere Freunde in der Burg sich wieder beruhigt haben.

Die beiden landeten in einiger Entfernung von der Festung und verwandelten sich zurück. "Ungefähr hier muß der Schreiber gestanden haben, dessen Eindrücke ich gestern in diesem Pergament gesehen habe", murmelte William und sah sich um.

Madeleine nickte. "Ja, das entspricht ungefähr dem Bild, das ich auch gesehen habe. Und ich fürchte, daß sich das Grab, das wir suchen, tatsächlich genau unter der Festung befindet." Sie seufzte. "Ich glaube einfach nicht, daß das Zufall sein soll."

William betrachtete den Boden. "Hier gibt es anscheinend nicht einmal Tiere, die man über die Umgebung ausfragen könnte", mußte er feststellen.

Die Lasombra wanderte zu einem der sie umgebenden Gräber hinüber und legte nachdenklich eine Hand auf die Steinplatte, die den Eingang verschloß. "Die Anlagen sind Jahrhunderte alt", meinte sie leise, dann gab sie sich einen Ruck. "Ich werde mich da drinnen mal umschauen. Ich glaube zwar nicht, daß die Gräber untereinander verbunden sind, aber vielleicht gibt es wenigstens Risse oder Spalten im Fels, durch die ich durchpasse."

Er nickte, "Ich sehe mich inzwischen hier um. Sei vorsichtig."

Sie lächelte, dann begann ihre Gestalt zu zerfließen, und einen Moment später glitt ein formloser schwarzer Schemen durch eine Ritze in der Tür.

 

"Nichts", erklärte Madeleine eine halbe Stunde später enttäuscht. "Der Fels hier ist hart und glatt, die paar Risse, die es gibt, sind nicht sehr tief. Es gibt tatsächlich keinen Weg von einem Grab zum nächsten, nicht einmal für einen Schatten."

"Schade", fand William. "Ich war inzwischen noch einmal vorne bei der Festung, allerdings nicht wirklich nahe. Dort herrscht immer noch Alarmzustand. Ich glaube auch nicht, daß sich das heute Nacht noch einmal ändert."

Sie seufzte. "Dann laß uns zur Zitadelle zurückfliegen und noch ein wenig im Archiv stöbern. Vielleicht findet sich da ja noch etwas über diese Festung."

 

"Das ist fantastisch", murmelte William. "Schau dir das an." Fast ehrfürchtig sah er auf das Pergament hinab, das er in der Hand hielt. Das Dokument war uralt, aber erstaunlich gut erhalten und nur an den Rändern ein wenig brüchig. Es war mit einer merkwürdig eckig wirkenden Schrift bedeckt, die Madeleine mit einiger Mühe als altertümliches Latein entzifferte.

"...sollen die Aufrührer und Unruhestifter nach Golgatha gebracht werden, wo man sie dem Tod durch Kreuzigung überantworten soll", las sie. "Die Namen der Verurteilten..." Fassungslos ließ sie das Dokument sinken und starrte William an. "Das kann doch nicht wahr sein!"

"Es ist wahr", bestätigte er. "Dieses Dokument ist das Todesurteil Christi. Es ist über elfhundert Jahre alt." Vorsichtig nahm er das Schriftstück wieder an sich. "Wenn man sich das vorstellt..." Er schüttelte verwundert den Kopf. Dann rollte er das Blatt zusammen und steckte es sorgfältig ein. "Das hier muß unbedingt sicher verwahrt werden", erklärte er. "Es ist schon ein halbes Wunder, daß es nach all den Jahrhunderten überhaupt noch existiert. Und diese Kostbarkeit liegt hier mitten in einem solchen Chaos..." Er schien es kaum fassen zu können. "Was ein solches Schriftstück alles erzählen könnte... dieses Dokument hat die Welt verändert."

"Ja, das hat es allerdings." Madeleine sah mit einem merkwürdigen Ausdruck in den Augen auf die Schriftrolle herunter, die sie gerade in der Hand hielt. "Dieses Archiv birgt überhaupt einige Überraschungen. Schau dir das an. Es ist zwar nicht so alt, und nicht so weltbewegend, aber trotzdem ausgesprochen interessant."

William nahm ihr die Rolle aus der Hand und überflog sie. Es handelte sich offenbar um eine Urkunde, etwa vierhundert Jahre alt. Es ging darin um ein Stück Land außerhalb der Mauern Jerusalems, das an jemanden verkauft wurde, der einen sehr interessanten Namen trug. "Ein Italiener, wie eigenartig, vor allem für die damalige Zeit", fand William. Dann runzelte er die Stirn. "Giacomo Moli... du denkst doch nicht etwa..."

"Doch", antwortete sie grimmig. "Ich denke nicht nur, ich weiß es. Ich habe sein Gesicht gesehen. Wie es aussieht, ist mein Erzeuger mindestens vierhundert Jahre alt. Und er war hier."

William spürte, wie in Madeleine kalter Haß hochstieg. Was Giacomo Moli, alias Jacques de Molay, betraf, ließ ihr logisches Denkvermögen sie regelmäßig im Stich. Sie war besessen von dem Gedanken, eines Nachts Rache an ihm zu nehmen, und sie würde die Spur, die sich ihr hier so unverhofft geboten hatte, mit Sicherheit verfolgen wollen. Die Lasombra wußte so gut wie gar nichts über ihren Erzeuger, und jede Information, die sie über ihn bekommen konnte, würde wertvoll für sie sein. William sah ein, daß die Nachforschungen über die Templerfestung für heute Nacht wohl beendet waren. "Du glaubst, daß du hier noch mehr Spuren von ihm findest", stellte er fest. "Möchtest du, daß ich dir beim Suchen helfe?"

Sie hob den Kopf und lächelte leicht. "Ja, bitte. Vielleicht finden wir wirklich etwas. Und diese Sache... ist wichtig für mich."

"Ich weiß", antwortete er nur und nahm sich einen Stapel Pergamente vor.

 

Sie fanden weitere Spuren, wenn auch zunächst recht spärliche. Jacques de Molay war offenbar auch die treibende Kraft hinter dem Bau der Templerfestung gewesen, in der die beiden heute Abend für Aufruhr gesorgt hatten. Über die Jahrhunderte hinweg schien er sich sehr für Jerusalem interessiert zu haben, sein Name tauchte in verschiedenen Abwandlungen noch öfter auf. Das Dokument, das Madeleine zuerst gefunden hatte, war allerdings das älteste, bei dem sie mit Sicherheit sagen konnte, daß der Name tatsächlich zu ihrem Erzeuger gehörte.

Zwei Stunden vor Sonnenaufgang war die Lasombra wieder bei dem Stapel angekommen, der die ältesten Schriftstücke des Archivs enthielt. Inzwischen schmerzte ihr Kopf wieder entsetzlich, und sie fand sich bereits damit ab, daß sie tagsüber wohl wieder seltsame Träume haben würde. Die Lasombra war jedoch vom Jagdfieber gepackt, und es war ihr im Augenblick völlig egal, ob sie träumen würde oder nicht. Wenn es ihr nur nicht so schwergefallen wäre, sich mit diesen Kopfschmerzen auf die Dokumente zu konzentrieren...

"Ich glaube, ich habe etwas gefunden", meldete sich William. "Hier, schau dir das an." Er reichte ihr ein Schriftstück, das ähnlich alt zu sein schien wie das, das er vorhin eingesteckt hatte. "Ich kann nichts genaues erkennen", gab er zu. "Aber vielleicht bin ich in dieser Angelegenheit auch nicht der Richtige, um Fragen zu stellen."

Madeleine nahm ihm das Dokument aus der Hand. "Im Namen des Statthalters Pontius Pilatus..." Sie warf William einen vielsagenden Blick zu. "Das ist mit Abstand die älteste Spur, die wir bisher gefunden haben. Mal sehen, was es mir erzählt." Sie schloß die Augen und strich leicht mit dem Finger über das Pergament. Im selben Moment spürte sie, wie ihre Kopfschmerzen schlimmer wurden. Ihr wurde übel davon, aber sie ließ nicht locker. Es mußte doch möglich sein, mehr über den herauszufinden, der diesen Text geschrieben hatte...

Langsam, sehr langsam begann sich vor Madeleines innerem Auge ein Bild zu formen. Es war verwaschen, unklar, wie durch Nebel gesehen, aber es war eindeutig eine menschliche Gestalt. Der Mann trug die Kleidung eines Römers, und plötzlich wußte sie, daß er Pontius Pilatus' Schreiber war. Sie verdoppelte ihre Anstrengung und versuchte, sein Gesicht zu erkennen, aber schließlich mußte sie erkennen, daß sie viel zu erschöpft war, um den Nebel durchdringen zu können. Alles was sie sah, ehe die Vision abbrach, war ein Paar Augen, das sie kalt und ein wenig spöttisch anblickte. Seine Augen. Ein Rest Vernunft wies sie darauf hin, daß diese Vision nicht bedeuten mußte, daß der, den sie gesehen hatte, tatsächlich ihr Erzeuger war. Es war genausogut möglich, daß es sich dabei um seinen Erzeuger handelte. Aber es war sein Blut, und somit ihres, da gab es keinen Zweifel.

William war mit einem Satz an Madeleines Seite, als sie die Augen aufschlug und leicht schwankte. Er stützte sie und sah sie fast erschrocken an. "Was hast du gesehen?"

"Ich bin nicht ganz sicher", flüsterte sie. "Wenn das stimmt, was ich vermute, dann war Jacques de Molay, oder wie auch immer er in Wirklichkeit heißen mag, bei der Kreuzigung Christi dabei." Sie ließ langsam das Pergament sinken. "Ich fühle mich nicht gut... ich möchte nach Hause."

Er nickte nur, half ihr auf die Beine und führte sie nach draußen. Das Pergament, bemerkte er, hatte sie eingesteckt.

Zu Hause angekommen, brachte er sie nach oben ins Schlafzimmer und beobachtete besorgt, wie sie auf das Bett sank und sofort einschlief. William breitete sorgfältig die Decke über sie, dann legte er sich neben sie und hielt sie fest, bis ihn auch der Schlaf übermannte.

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