Das Dunkle Herz
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Es war ein wunderschöner Frühsommertag, der zehnte, seit wir aus Ikonium aufgebrochen waren. Wir hatten beschlossen, daß uns eigentlich nichts mehr in Chryseia hielt, und den langen Rückweg nach Corrinis angetreten. Unser Weg hatte uns entlang des Vorgebirges nach Osten geführt. Inzwischen befanden wir uns bereits in etwas bergigerem Gebiet. Wir hatten vor, das Gebirge kurz vor der Küste zu durchqueren und uns dann ziemlich genau nach Norden zu halten. Der Handelsweg, auf dem wir uns befanden, würde einem gut begehbaren Paß folgen und durch ein Hochtal führen. Das jedenfalls hatte uns ein Händler erzählt, den wir unterwegs in einem Gasthaus befragt hatten.

Im Moment jedoch führte die Strasse noch durch einen recht dichten Wald. Ich war ziemlich in Gedanken an ein Gedicht versunken, das ich schreiben wollte, und erschrak deshalb etwas, als Anathema (die wie üblich vorneweg marschierte) plötzlich rief: "He, seht mal... da scheint was passiert zu sein!"
Tatsächlich sahen wir, als wir um die nächste Wegbiegung kamen, eine Kutsche auf der Seite am Straßenrand liegen. Die Pferde schienen noch eingeschirrt zu sein. Neben der Kutsche lag ein regloser Körper mitten auf dem Weg. Außer den Pferden rührte sich nichts.
Salam warf einen Blick auf die am Boden liegende Gestalt, stellte seinen Frettchenkäfig ab und spurtete los. Wir anderen folgten ihm etwas vorsichtiger. Ein genauerer Blick auf Kutsche und Umgebung zeigte uns aber, daß was auch immer hier vorgefallen war schon eine Weile her sein mußte. Die Leiche des Kutschers (um den handelte es sich offenbar bei der Gestalt auf der Straße) war schon kalt. Baran und Anathema fanden auf der anderen Seite der Straße eine weitere Leiche, diesmal die einer vornehm gekleideten Frau. Ich sah mir inzwischen das Innere der Kutsche an, während Finir, Morkus und Salam sich um die Pferde kümmerten. Salam gab dabei äußerst merkwürdige Geräusche von sich. Ich seufzte. Als ob es nicht schon genug wäre, daß Finir sich ständig mit Vögeln unterhielt - jetzt sprach Salam auch noch mit Pferden. Aber bei ihm wunderte mich das irgendwie nicht mehr...

In der Kutsche fand sich eine dritte Leiche. Der Mann war ähnlich gut gekleidet wie die Frau neben dem Weg, und genau wie sie hatte er keinen Schmuck oder sonstige wertvollen Dinge mehr bei sich. Bis auf das Buch, das ich fand, als ich ihn umdrehte. Ich war einen Moment lang zu überrascht, um irgendetwas zu tun. Das Buch konnte auf keinen Fall einfach übersehen worden sein, dazu war es zu groß. Der Einband war mit Edelsteinen besetzt und wirkte ziemlich wertvoll. Neugierig schlug ich es auf. Die Seiten waren mit seltsamen Zeichen beschrieben, die ich noch nie gesehen hatte. Um eine normale Schrift schien es sich dabei nicht zu handeln. Ich beschloß, jemanden hinzuzuziehen, der sich mit solchen Dingen besser auskannte als ich.
"Morkus, schau dir das hier mal an..."
Morkus kam, schaute und war hingerissen. Rasch blätterte er das Buch durch. "Ein sehr interessanter Fund", murmelte er. "Ich kann nicht genau sagen, worum es hier geht, aber es ist auf jeden Fall sehr interessant..."
Ich seufzte nochmals. Damit war Morkus vermutlich erstmal für die Welt verloren. Sehr bedauerlich, waren wir uns doch in den letzten Tagen in Ikonium recht nahegekommen...

Ich überließ Morkus unserem Fund und wandte mich der Umgebung der Kutsche zu. Anathema und Baran hatten inzwischen die Leichen durchsucht und wie erwartet nichts gefunden. Der einzige Hinweis auf die Identität der Toten waren die Initialen H.J., die wir auf den Gepäckstücken fanden. Ein paar Meter vom Weg entfernt im Wald stieß ich dann allerdings noch auf etwas, was die Theorie vom gewöhnlichen Raubüberfall leicht ins Wanken brachte (ganz abgesehen von der Tatsache, daß die Räuber ein ganz offensichtlich wertvolles Buch in der Kutsche zurückgelassen hatten). Ich fand eine Feuerstelle mit Asche, die anscheinend von Papier herstammte. Irgendjemand hatte hier Schriftstücke verbrannt, und es war noch nicht allzu lange her. Leider ließ sich in der Asche nichts mehr finden, was Rückschlüsse auf die Natur der Dokumente zugelassen hätte.

Zurück bei den anderen, fertigte ich eine möglichst genaue Zeichnung der Opfer an. Salam und Finir bereiteten inzwischen die Leichen für ein Begräbnis vor. Anathema und Baran hoben eine Grube aus, in die die sterblichen Überreste der Unbekannten dann versenkt wurden. Salam sprach ein kurzes Gebet zu der merkwürdigen Gottheit, die die Erainner verehren. Anschließend machten wir uns wieder auf den Weg - mit den beiden Pferden, die Salam angeblich zum freiwilligen Mitkommen überredet hatte, und dem Buch, von dem Morkus sich partout nicht mehr trennen wollte.

Der Rest des Tages verlief ereignislos, wenn man von einem etwas unapptetitlichen Anblick absieht, der sich uns am späten Nachmittag am Wegrand bot: An einem Galgen baumelten (ganz offensichtlich schon seit längerem) zwei Gestalten. Eine Tafel informierte die Vorbeikommenden, daß der Fürst dieses Gebiets auf diese Art mit Wegelagerern umzugehen pflegte (was den Leuten, die wir in der Kutsche gefunden hatten, aber nicht viel genutzt zu haben schien). Wir beeilten uns, noch eine gute Strecke Wegs zwischen uns und die Hinrichtungsstätte zu bringen, ehe wir unser Nachtlager aufschlugen.

 

Die Nacht blieb ruhig, ebenso wie die ersten zwei, drei Stunden, nachdem wir wieder aufgebrochen waren. Gegen Mittag bemerkte Baran allerdings: "Die Leute hier scheinen wirklich ein ernstes Problem mit Räubern zu haben." In der Tat, ein Stück vor uns war gerade eine Gruppe abgerissen aussehender Männer dabei, einen Reisenden zu überfallen. Das Opfer war in eine einfache dunkle Kutte gehüllt und versuchte mit mäßigem Erfolg, sich seine Angreifer mit Hilfe eines Wanderstabs vom Leib zu halten. Wir sahen uns kurz an, zogen die Waffen und eilten dem Brdrängten zu Hilfe. Die Räuber hatten sich scheinbar fest auf ihre zahlenmäßige Überlegenheit verlassen. Jetzt, da das Verhältnis etwas ausgeglichener war, ergriffen sie kampflos die Flucht. Wir ließen sie rennen und wandten uns dem Opfer des Überfalls zu. Der Mann war offenbar im mittleren Alter und ebenso offenbar kein Kämpfer. "Ich danke Euch für die Hilfe", sagte er. "Ich bin Bruder Markus." "Bruder Markus?" fragte Anathema. "Ein einfacher Mönch", antwortete er. "Selbst wenn diese armen Leute mit ihrem Überfall Erfolg gehabt hätten, hätten sie nicht viel bei mir gefunden, was die Mühe gelohnt hätte, fürchte ich."
"Ein Mönch, aha. Und welcher Gottheit dient Ihr?" wollte ich wissen.
"Der Name würde Euch nichts sagen, wir sind ein kleiner Orden und missionieren nicht", wich Markus aus. Ich wechselte einen Blick mit Anathema, die nur leicht die Schultern hob. Sehr seltsam.
"Und wohin wollt Ihr so alleine in diesem von Räubern verseuchten Gebiet?" bohrte ich weiter.
"Nach Herford, dort in der Nähe steht das Kloster, aus dem ich komme." Herford war, wie wir inzwischen wußten, der Name der kleinen Stadt in dem Hochtal, das das Ziel dieser Etappe unserer Reise war. "Das mit den Räubern scheint in der Tat ein Problem zu sein..."
"Und das, obwohl der hiesige Herrscher offenbar Anstrengungen unternimmt, die Leute davon abzuhalten", bemerkte Salam und berichtete kurz von dem Galgen, an dem wir gestern vorbeigekommen waren.
Markus nickte. "Ja, die hiesigen Herzöge waren schon immer für ihr hartes Durchgreifen berühmt, oder sollte ich sagen, berüchtigt. Allerdings, wenn es den Leuten so schlecht geht, daß ihnen keine andere Wahl bleibt, als sich auf diese Art das Nötigste zum Leben zu verschaffen..." Er seufzte. "Trotzdem wäre es vielleicht angebracht, nicht alleine weiterzureisen. Falls Ihr ebenfalls nach Herford wollt, wäre ich Euch dankbar, wenn ich mich Euch anschließen dürfte. Mit etwas Glück könnten wir es schaffen, noch heute anzukommen."

Der Mönch kam uns zwar etwas seltsam vor, aber trotzdem stimmten wir zu. Unterwegs berichtete uns Markus, daß er seit zehn Jahren nicht mehr in seinem Kloster gewesen war. Offenbar war er in der Zwischenzeit viel gewandert. Jetzt hielt er es wohl für an der Zeit, wieder nach Hause zurückzukehren. Weiteren Fragen über das Kloster, seinen Glauben und ähnliche Dinge wich er allerdings aus.

 

Die Sonne näherte sich bereits dem Horizont, als wir schließlich den Paß überwunden hatten und auf das Tal hinunterblickten. Die Landschaft unter uns war zum großen Teil bewaldet. In der Ferne sahen wir eine Burg, die auf einem felsigen Hügel mitten im Tal thronte. Unterhalb der Burg lag eine kleine Stadt, umgeben von einigen Gehöften, Feldern und Weinbergen. Ein kleiner Fluß entsprang neben uns am Weg und schlängelte sich durch das Tal.

"Da drüben liegt mein Kloster", sagte Markus und zeigte hinunter in den Wald. "Falls Ihr es nicht mehr vor Sonnenuntergang in die Stadt schaffen solltet, kann ich Euch auch zu einem Gasthaus draußen bringen, wo Ihr Unterkunft finden werdet."
Der Abstieg ins Tal ging recht schnell und unproblematisch vonstatten. Der Weg war als Handelsstraße ausgelegt - Markus hatte uns berichtet, daß ein nicht unbeträchtlicher Teil der Einnahmen des Herzogs aus Wegezöllen stammte. Praktisch jeder, der Waren aus dem westlichen Teil Chryseias nach Norden schaffen wollte, mußte durch dieses Tal.
Unten angekommen, erreichten wir bald die Abzweigung, von der aus ein Pfad zum Kloster führte. Das Gebäude selbst war schon durch die Bäume sichtbar, allerdings...
"Da stimmt doch etwas nicht", sagte Markus und starrte aus zusammengekniffenen Augen in Richtung Kloster. Einen Moment später eilte er den Pfad entlang. Wir folgten, und nach wenigen Minuten standen wir vor dem Kloster. Oder besser, vor seinen Überresten. Das Gebäude war komplett zerstört. Brandspuren bedeckten die Mauerreste, und Unkraut wuchterte überall. Den Spuren nach zu urteilen, mußte das Feuer schon einige Jahre hersein.
"Daß es so schlimm sein würde, hatte ich nicht erwartet", murmelte Markus und begann, in den Trümmern herumzusuchen. Bald sah er jedoch ein, daß das zu nichts führen würde und erklärte, er werde uns in die Stadt begleiten. Er hoffte, dort vielleicht noch einige seiner Brüder anzutreffen.
"Ihr glaubt nicht, daß das Feuer hier zufällig ausbrach", stellte Salam fest.
"Nein, das glaube ich allerdings nicht", gab der Mönch zu. "Wir waren schon dem alten Herzog ein Dorn im Auge, weil wir den Leuten so gut es ging geholfen haben. Er behauptete, wir würden damit Rebellion und Aufstand unterstützen." Er schnaubte verächtlich. "Nach dem Tod des alten Herzogs folgte sein Sohn nach, und es wurde nur noch schlimmer. Daß der allerdings so weit gehen würde..." Er gab sich einen Ruck. "Wenn wir Herford noch vor Einbruch der Dunkelheit erreichen wollen, müssen wir uns beeilen."
Wir folgten ihm also zurück zur Straße und in Richtung Stadt, wo wir tatsächlich gerade noch rechtzeitig ankamen, ehe die Tore für die Nacht geschlossen wurden. Markus führte uns zu einem Gasthaus in der Nähe der Stadtmauer.

"Hier könnt Ihr Unterkunft finden. Ich werde mich in der Stadt nach meinen Brüdern umhören. Falls ich es schaffe, komme ich später am Abend noch bei Euch vorbei." Damit verabschiedete er sich und eilte davon.

Wir betraten das Gasthaus, das einen einfachen, aber sauberen Eindruck machte. Nach Zimmern befragt, versicherte uns der Wirt hocherfreut, daß er uns unterbringen konnte. Ich handelte mit ihm aus, daß ich anstatt für Kost und Logis zu zahlen abends in der Gaststube musizieren würde. Vollends glücklich war ich, als er mir auf meine Frage versicherte, daß ich selbstverständlich noch vor dem Essen ein Bad bekommen konnte.
Wir waren in drei Doppelzimmern im ersten Stock untergebracht. Anathema zog zwar die Augenbrauen hoch, als Morkus und ich gemeinsam auf eins davon zusteuerten, sagte aber nichts und grinste nur. Ich grinste zurück.

 

Eine gute Stunde und ein ausgedehntes Bad später erschien ich in der Gaststube, wo ich zu meiner Überraschung feststellte, daß meine Gefährten mir tatsächlich noch etwas zu essen übriggelassen hatten. Ich griff zu, schließlich mußte ich mich ja für den Abend stärken. Noch war außer uns und ein paar Arbeitern, die an einem der Tische Karten spielten, niemand da.

Der Abend verlief zunächst recht ruhig. Als schließlich doch noch ein paar Leute auftauchten, griff ich zu meiner Laute und begann, mir mein Abendessen zu verdienen. Meine albischen Lieder schienen den Leuten sogar recht gut zu gefallen. Es dauerte zwar eine Weile, bis mein Publikum etwas auftaute, aber das hatte ich auch erwartet. Ich war froh um die Gelegenheit, das hiesige Publikum etwas kennenlernen zu können. Schließlich hatte mir der Wirt erzählt, daß wir zu einem unglaublich günstigen Zeitpunkt nach Herford gekommen waren: in der nächsten Woche sollte der Sohn des Herzogs heiraten, und anläßlich der Feierlichkeiten war unter anderem auch ein Bardenwettbewerb geplant! Unnötig zu erwähnen, daß ich mich gleich am nächsten Morgen dafür melden wollte. Und inzwischen konnte es nichts schaden, mich schon einmal etwas bekannt zu machen.

Alles lief gut, bis schließlich drei Soldaten in der Uniform der Stadtwache den Schankraum betraten, sich an einem Tisch niederließen und sich daranmachten, sich zu betrinken und Würfel zu spielen. Sie bekamen gleich Gesellschaft von zwei "Damen", die schon seit längerem an der Theke gestanden und nach Kundschaft Ausschau gehalten hatten. Etwa eine Stunde lang ging alles gut, bis schließlich einer der drei aufsprang und seine Begleiter mit wenig gesetzten Worten des Betrugs bezichtigte. Der Streit wurde sehr rasch sehr laut. Die beiden Mädchen versuchten, sich unauffällig abzusetzen, wurden jedoch von den Soldaten daran gehindert. Das wiederum konnte natürlich Anathema nicht dulden. Betont langsam stand sie auf, schlenderte zum Tisch der anderen hinüber und fragte die Mädchen freundlich: "Gibt es hier ein Problem?"

Meine Begleiter schlugen wie ein Mann die Hände vors Gesicht, was ich auch gern getan hätte, wenn ich nicht mit meiner Laute beschäftigt gewesen wäre. Ein Blick zum Wirt zeigte mir, daß er ebenfalls genau wußte, was jetzt kommen würde.
Die Streitenden unterbrachen ihre Auseinandersetzung und wandten sich, plötzlich vollkommen einig, Anathema zu.
"Suchst du vielleicht Ärger?" wollte einer von ihnen wissen und reckte sich drohend (ein Effekt, der etwas darunter litt, daß der Mann, auch wenn er sich reckte, grade mal knapp so groß war wie Anathema, wenn sie entspannt dastand. Auf sie herunterzuschauen ist nunmal nicht so einfach).
"Ich hatte den Eindruck, daß den Mädchen Eure Gesellschaft nicht mehr besonders angenehm ist", antwortete Anathema, immer noch ruhig und immer noch freundlich lächelnd.
"Das geht dich überhaupt nichts an!" schrie der Soldat und schubste sie - das heißt, er probierte es. Anathema stand wie ein Fels in der Brandung, immer noch freundlich lächelnd. Langsam wurde sogar ich nervös. Das konnte doch einfach nicht gutgehen. Tapfer spielte ich weiter und ignorierte die Szene, so gut ich konnte.
Anathema wandte sich wieder an die Mädchen. "Ihr seid sicher, daß es kein Problem gibt?" Die Befragte warf einen ängstlichen Blick zu ihrem Begleiter, der drohend zurückschaute. "Naja...", sagte sie zögernd.

Aus irgendeinem Grund hielt es in diesem Moment Morkus für angebracht, einzugreifen. "Wollt Ihr Euch nicht wieder setzen und ein Bier mit uns trinken?" fragte er die Soldaten. Die wandten sich natürlich sofort ihm zu, dankbar, einen etwas weniger massiven Gegner als Anathema geboten zu bekommen.
"Da will noch einer Ärger", stellte der eine fest und hob die Hand zum Schlag. In diesem Moment ging die Tür auf und zwei auffallend gut gekleidete junge Männer traten ein.
"Was geht hier vor?" rief der eine mit befehlsgewohnter Stimme. Für einen Moment rührte sich keiner. Ich hörte auf zu spielen und hielt den Atem an. Sollte der Abend für einige von uns wieder einmal im Kerker enden?
"Nichts weiter", sagte Morkus schließlich mit möglichst ruhiger Stimme. "Ich habe die Herrschaften nur gerade auf ein Bier eingeladen."
Der Neuankömmling warf den Soldaten einen scharfen Blick zu. "Ihr seid betrunken", stellte er das Offensichtliche fest und wandte sich an die beiden Mädchen. "Was war hier los?"
Stockend berichteten die beiden, was vorgefallen war. Der junge Mann nickte und sagte zu den Soldaten: "Verschwindet, und seht zu, daß ihr nüchtern werdet. Morgen früh meldet ihr euch bei eurem Vorgesetzten."
"Jawohl", murmelten die drei kaum hörbar und verzogen sich.
"Verzeiht bitte den Vorfall", wandte sich der Mann nun an meine Gefährten (mir war sehr wohl aufgefallen, daß sein Begleiter noch kein Wort gesagt hatte). Ich warf dem Wirt einen Blick zu, der nickte und ich begann wieder zu spielen. Was am Tisch meiner Freunde weiter gesprochen wurde, konnte ich nicht verstehen, weil die beiden sich jetzt hinsetzten und das Gespräch leiser wurde. Ich sah allerdings, daß sie gelegentlich zu mir herübersahen, offenbar wurde über mich geredet. Als ich kurz darauf eine Pause einlegte, um etwas zu trinken, ging ich neugierig zu den anderen hinüber. Der Mann, der vorhin gesprochen hatte, nickte mir höflich zu.
"Euer Spiel ist wirklich ausgezeichnet, Fräulein...?"
"Rachel NiConuilh, zu Euren Diensten." Ich deutete eine Verbeugung an. "Es freut mich, jemanden zu treffen, der meine Kunst zu schätzen weiß", fügte ich mit einem giftigen Blick auf Finir hinzu.
"Oh, das weiß ich in der Tat", versicherte mein Gegenüber. "So sehr, daß ich Euch gerne für eine kleine Familienfeier engagieren würde, die morgen abend in unserem Haus stattfindet."
"Tatsächlich?" Ich war erfreut. "Und mit wem habe ich das Vergnügen?"
"Mein Name ist Terry Rambugh. Ich hörte, daß heute abend eine Bardin von außerhalb hier auftritt, deshalb kam ich her um Euch zu hören. Ich wäre Euch dankbar, wenn Ihr es morgen abend einrichten könntet."
"Aber gerne", erwiderte ich. "Sagt mir nur, wo ich Euer Anwesen finde."
Terry gab mir eine Wegbeschreibung und verabschiedete sich bald darauf mit seinem Begleiter (der immer noch keinen Ton von sich gegeben hatte). Ich kehrte wieder zu meinem Spiel zurück, und der Rest des Abends blieb zum Glück ruhig.

 

Am nächsten Morgen beim Frühstück befragte ich den Wirt über meinen Auftraggeber.
"Eine sehr mächtige Familie, die Rambughs", sagte er. "Haben ein Anwesen ganz oben am Berg, knapp unterhalb der Burg."
Wie wir inzwischen wußten, war die Straße, die in Serpentinen den Hügel hinauf zur Burg führte, das bessere Viertel der Stadt. Dort befanden sich die Anwesen des Adels, und man konnte sogar an der Lage der Häuser eine Rangfolge ablesen: je höher, desto einflußreicher. Das Haus der Rambughs befand sich an zweitoberster Stelle. Vermutlich würde ich also am Abend so ziemlich die gesamte Oberschicht dieser Stadt sehen. So langsam begann ich mir Gedanken zu machen, ob mein einziges gutes Kleid dem Anlass angemessen sein würde...

Für den Moment allerdings ließ ich den Gedanken an den Abend beiseite und ließ mir vom Wirt noch erklären, wo man den Stadtschreiber finden konnte, bei dem ich mich für den Bardenwettstreit melden wollte. Baran und Anathema, die bei den Kampfspielen teilnehmen wollten, begleiteten mich zum Rathaus, während es Finir und Salam wie üblich in die freie Natur zog. Morkus verschwand nach einem hastigen Frühstück wieder in unserem Zimmer, um sich dem gefundenen Buch zu widmen. Das Ding schien wirklich außerordentlich faszinierend zu sein, obwohl er immer noch nicht so genau herausgefunden hatte, worum es darin überhaupt ging.

Das Rathaus befand sich erwartungsgemäß mitten in der Stadt beim Marktplatz. Wir wurden ohne Schwierigkeiten zum Stadtschreiber vorgelassen und in die Liste der Teilnehmer für die Wettbewerbe eingetragen. Der Stadtschreiber hatte offenbar auch von der "Familienfeier" gehört, zu der ich engagiert worden war, jedenfalls nickte er wissend, als ich sie erwähnte.
"Ja, da wird praktisch der gesamte Adel der Stadt versammelt sein. Sogar der Justizminister wird erwartet, habe ich gehört."
Der Justizminister... nunja, vielleicht wuerde sich ja im Laufe des Abends die Gelegenheit ergeben, die Bekanntschaft dieser wichtigen Persönlichkeit zu machen. Man wußte ja nie, wann man derartige Verbindungen noch brauchen konnte.
Wir verabschiedeten uns schließlich und unternahmen noch einen kleinen Rundgang durch die Stadt. Dabei stellte sich heraus, daß die Serpentinenstraße, an der die Häuser der Oberschicht lagen, offenbar gar nicht öffentlich zugänglich war. Am Fuß des Hügels befand sich eine kleine Wachstation, die mit zwei Stadtgardisten besetzt war. Die beiden musterten uns mißtrauisch, als wir uns dem Hügel näherten, und hielten uns zurück, als wir an ihnen vorbei wollten. Offenbar sahen wir zu gewöhnlich aus, um einen legitimen Grund zu haben, das bessere Viertel aufsuchen zu wollen. Wir ließen die Gardisten stehen und wandten uns wieder in Richtung Stadt.

Gegen Mittag kamen wir wieder in unserem Gasthaus an - und sahen auf den ersten Blick, daß irgendetwas passiert sein mußte. Morkus saß unten in der Gasststube an einem Tisch und sah recht unglücklich aus, ebenso wie der Wirt, der ziemlich aufgeregt um ihn herumflatterte. Außerdem befanden sich noch zwei Stadtwachen im Raum, die sich mit Morkus unterhielten. Was hatte er bloß jetzt wieder angestellt?

Es stellte sich allerdings heraus, daß Morkus in diesem Fall das Opfer war. Irgendjemand hatte ihn unter einem fadenscheinigen Vorwand aus dem Haus gelockt. Als er zurückkam, waren unsere Zimmer durchsucht worden - und sein kostbares Buch war verschwunden! Wer auch immer dafür verantwortlich war, hatte offenbar sehr genau gewußt, wonach er suchte, denn unsere sämtlichen anderen Wertgegenstände waren noch da. Der Mann, der Morkus aus dem Haus gelockt hatte, hatte sich als Pferdehändler ausgegeben, der aus dringenden Gründen abreisen mußte und vorher noch seine Pferde loswerden wollte, natürlich zu einem drastisch reduzierten Preis. Während Morkus also mit ihm im Mietstall gegenüber die Tiere in Augenschein nahm, hatte ein Komplize sich gründlich in unseren Zimmern umgesehen. Inzwischen hatte sich herausgestellt, daß der "Pferdehändler" offenbar nichts mit dem Stall zu tun hatte. Dessen Besitzer war nämlich erstochen in einem Seitenzimmer des Stalls aufgefunden worden...

Die ganze Aktion war offenbar sorgfältig geplant worden. Und das wiederum erschien uns doch recht merkwürdig, denn die Täter waren hinter dem Buch hergewesen, das außer uns in dieser Stadt noch niemand gesehen hatte! Morkus hatte es zwar unter dem Arm getragen, als wir angekommen waren, aber sorgfältig in ein Stück Leinen eingeschlagen, so daß von außen nicht zu erkennen gewesen war, was sich in dem Bündel befand. Niemand hatte das Buch gesehen außer uns - und Bruder Markus. Jetzt erst fiel uns auf, daß wir den Mönch seit dem Vorabend nicht mehr gesehen hatten. Finir und Salam waren leider immer noch im Wald unterwegs, aber wir anderen beschlossen, uns einmal in der Stadt nach unserer mysteriösen Reisebekanntschaft umzuhören.

 

Es wurde Abend, und wir waren leider immer noch nicht schlauer. Offenbar hatte niemand in der Stadt jemals etwas von Bruder Markus gehört. Zugegeben, wir waren auch (ungewöhnlicherweise) recht vorsichtig bei unseren Nachforschungen gewesen, aber soviel Pech war schon irgendwo nicht mehr normal. Ich ließ die anderen ihre Tour durch die Kneipen fortsetzen und machte mich auf den Rückweg ins Gasthaus, um mich für den Abend umzuziehen. In meinem besten Kleid und mit gestimmter Laute kam ich pünktlich am Haus der Rambughs an.

Der Wirt und der Schreiber hatten nicht übertrieben, das Anwesen war prächtig. Ich wurde von einem livrierten Diener in Empfang genommen, der mir die Bühne und meine beiden "Mitspieler" zeigte und mir kurz den geplanten Ablauf des Abends erläuterte. Die beiden Musikanten, mit denen zusammen ich für Unterhaltung sorgen sollte, waren offenbar mit das Beste, was an ortsansässigem Talent zu finden gewesen war - was, nach kurzem Hinhören, nicht eben für die Qualität desselben sprach. Die beiden hatten nicht einmal meine Klasse, und ich war immer noch Lehrling. Ich fragte mich, wie die Leute hier wohl reagieren wuerden, wenn ein richtiger Meister unserer Zunft für sie spielen würde. Aber naja, für einen Abend würde es zu ertragen sein.

Der erste Teil des Abends verlief recht ruhig. Ein grosses Bankett wurde aufgetragen, und unsere Aufgabe bestand darin, etwas ruhige Hintergrundmusik dazu zu spielen. Später würde es schwieriger werden, nach dem Bankett sollte getanzt werden, und ich hegte leise Zweifel daran, daß wir drei in der Lage sein würden, einen großen Ballsaal auszufüllen. Aber da die Leute hier ja anscheinend nichts wirklich Gutes gewohnt waren, machte ich mir darum auch keine allzu großen Sorgen.

Meine einheimischen "Kollegen" gaben mir auch einen Überblick über die anwesenden Gäste. Die meisten waren, obwohl in der Stadt einflußreich, für mich eher uninteressant, aber es gab Ausnahmen: ein eher durschnittlich aussehender junger Mann beispielsweise, der ziemlich ungeniert mit den anwesenden Damen flirtete, war offenbar Joseph Farnham, der Sohn des Herzogs (ja, genau der, der nächste Woche heiraten sollte. Unnötig zu erwähnen, daß seine Verlobte nicht unter den Anwesenden war). Ein recht kühl aussehender etwas älterer Mann, der den Eindruck machte, als wäre er nur aus Pflichtgefühl hier und hätte eigentlich mindestens ein Dutzend wichtigere Dinge zu tun, war der Justizminister. Er unterhielt sich mit einem ziemlich unsympathisch (und recht ungepflegt) wirkenden Mann mit stechendem Blick, bei dem es sich laut meinem Kollegen um den Hofzauberer des Herzogs handelte. Hofzauberer? So etwas hatten die hier? Im Stillen fand ich, daß dieser Berater kein besonders gutes Licht auf den Herzog warf...

Das Fest plätscherte so vor sich hin. Unser Spiel kam offensichtlich recht gut an, jedenfalls wurde viel getanzt. Plötzlich jedoch wurde die allgemeine Fröhlichkeit jäh unterbrochen: die große Glastür (deren Scheiben alleine sicherlich ein kleines Vermögen gekostet hatten), die zur Terrasse führte, wurde aufgestoßen, und in der Türöffnung erschien eine in eine dunkle Kutte gehüllte Gestalt - Markus! Mit einem Schlag wurde es still im Saal. Die Anwesenden wichen vor Markus zurück, als ob er ein Geist wäre. Die einzigen, die stehenblieben, waren der Justizminister, der Zauberer und Joseph Farnham. Markus ignorierte alle, außer dem Zauberer.
"Ich weiß, was du vorhast, und ich werde es verhindern!" rief er ihm entgegen und hob seinen Stab. Der Zauberer lächelte nur geringschätzig, hob den seinen ebenfalls und fing damit den Energieblitz, der aus Markus' Stab auf ihn zuschoß, einfach ab. Es entspann sich ein heftiges Duell zwischen den beiden, das merkwürdigerweise nicht unterbrochen wurde. Ich sah ganz deutlich, wie einer der anwesenden Wächter einen Schritt auf Markus zumachte, aber durch eine Geste des Ministers zurückgehalten wurde. Stattdessen wandte Joseph sich plötzlich um und verließ hastig den Saal.
Der magische Zweikampf schien ewig zu dauern. Das Energieband zwischen den beiden Stäben zuckte und wand sich, aber keiner der beiden Magier wich zurück, obwohl beide nach kurzer Zeit schweißgebadet waren. Schließlich jedoch gelang es dem Hofzauberer (dessen Name offenbar in dieser Stadt nicht laut ausgesprochen wurde, man nannte ihn immer nur den "Namenlosen"), seinen Gegner einen Schritt zurückzudrängen. Markus wehrte sich erbittert, aber schließlich verließen ihn die Kräfte und er sank zu Boden. Jetzt griffen auch die Wachen ein und zerrten den Bewußtlosen eilig aus dem Saal - mit Sicherheit in eine besonders unerfreuliche Kerkerzelle, in der ihn später ebenso sicher die mindestens ebenso unerfreuliche Aufmerksamkeit des Namenlosen erwartete.

Terry Rambugh, der sich während des gesamten Zwischenfalls sehr zurückgehalten hatte, gab uns ein Zeichen, weiterzuspielen, was wir auch eiligst taten. Es dauerte allerdings doch eine ganze Weile, bis die Stimmung im Saal wieder annähernd so gut war wie vor dem Zwischenfall. Offenbar war ich gerade Zeugin des vorerst letzten Aktes in einer langen Auseinandersetzung geworden.
Der Rest des Abends verlief glücklicherweise ohne weitere Zwischenfälle, und gegen drei Uhr morgens hatten endlich auch die letzten Gäste das Anwesen verlassen. Terry kam zu mir herüber, dankte mir und überreichte mir eine kleine Geldbörse.
"Joseph Farnham war übrigens sehr angetan von Eurem Spiel. Er bat mich, Euch zu fragen, ob Ihr nicht nächste Woche bei den Hochzeitsfeierlichkeiten aufspielen wollt?"
Natürlich wollte ich! Egal wie unsympathisch der Bräutigam oder wie provinziell die Gegend, eine Fürstenhochzeit würde die Krönung meiner bisherigen Laufbahn darstellen. Ich bat Terry also, Joseph meine Zustimmung auszurichten und warf dann recht neugierig einen Blick in die Börse. Ich konnte mir einen kleinen anerkennenden Pfiff nicht verkneifen, als ich den Inhalt abschätzte - die Bezahlung war wirklich mehr als großzügig. Ich bedankte mich noch einmal und machte mich auf den Heimweg, müde, aber zufrieden, wenn auch etwas nachdenklich ob der seltsamen Ereignisse der Nacht.

Als ich schließlich an unserem Wirtshaus ankam, war ich zu der Überzeugung gelangt, daß mein Bericht nicht bis morgen früh warten konnte. Also trommelte ich die anderen aus den Federn, was diese wenig begeistert aufnahmen. Sie hatten offenbar noch bis spät nachts die Kneipen "durchforscht". Als ich berichtete, was vorgefallen war, wurden sie aber recht schnell munter. Wir beschlossen, uns morgen noch einmal etwas gründlicher umzuhören, und gingen schließlich doch schlafen.

 

Am nächsten Morgen wurden wir viel zu früh von Salam geweckt, der an unsere Zimmertür hämmerte und irgendetwas von "Aufstehen!" rief. Morkus und ich beschlossen recht schnell, ihn zu ignorieren, drehten uns um und schliefen weiter. Salam zog dann auch bald ab, offenbar mit dem Rest unserer Begleiter im Schlepptau. Sollten sie ruhig...

Einige Stunden später, als wir gerade gemütlich beim Frühstück saßen, wurde klar, daß wir offenbar einiges verpaßt hatten. Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und Anathema, gefolgt von einem etwas zerfleddert aussehenden Terry Rambugh, stürmte in die Gaststube.
"Na, ihr Schlafmützen, seid ihr endlich wach?" rief sie uns zu. "Während ihr euch ausruht, leisten wir hier Schwerstarbeit!"
Ich warf Terry einen etwas verwirrten Blick zu.
"Man hat versucht mich zu entführen", erklärte er. "Eure Freunde haben zum Glück schnell reagiert und mich befreit, ehe schlimmeres passieren konnte. Jetzt muß ich so schnell wie möglich nach Hause. Wenn Ihr mitkommt, erkläre ich Euch unterwegs alles weitere."
Natürlich ließen wir sofort das Frühstück Frühstück sein (eigentlich war es sowieso eher ein Mittagessen) und folgten den anderen zum Anwesen der Rambughs.

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