Das Dunkle Herz, Teil 2
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Wir folgten Terry zum Anwesen der Rambughs und hatten diesmal natürlich auch keinerlei Probleme, an den beiden Wachen unten am Hügel vorbeizukommen. Terry bat uns, in dem Saal, wo am Abend zuvor das Bankett stattgefunden hatte, zu warten, bis er seinen Vater über die Situation unterrichtet hatte.

Ich beschloß, die Wartezeit dazu zu nutzen, um meinen Gefährten zu berichten, was ich gestern Abend über die politische Situation in Herford erfahren hatte. Meine beiden Kollegen hatten sich nach etwas hartnäckigem Nachfragen als durchaus auskunftsfreudig erwiesen.

Die Regierung des kleinen Herzogtums hatte in der Vergangenheit offenbar mehrmals zwischen den Angehörigen zweier Familien gewechselt: den Borgas und den Farnhams, die zur Zeit den Herzog stellten. Der letzte Machtwechsel hatte vor etwa 30 Jahren stattgefunden und war vom Vater des derzeit herrschenden Herzogs herbeigeführt worden. Die Borgas waren dabei ziemlich dezimiert worden, in Herford lebte zur Zeit kein Angehöriger dieses Hauses mehr (jedenfalls keiner, von dem man wußte). Joseph Farnhams Braut jedoch, die noch keiner von uns zu Gesicht bekommen hatte, sollte den Gerüchten nach eine Borga sein, womöglich sogar die Erbin selbst.

In diesem Zusammenhang waren einige Informationen interessant, die die anderen letzten Abend in diversen Kneipen der Stadt zusammengetragen hatten. Unser alter Bekannter, Bruder Markus, war zum letzten Mal vor etwa zehn Jahren in der Stadt gewesen. Damals war er in Begleitung seines Mündels gewesen, hatte aber die Stadt nach einer Auseinandersetzung im Schloß alleine verlassen. Was aus dem Mädchen geworden war, wußte keiner so recht. Der Verdacht lag natürlich nahe, daß das geheimnisvolle Mündel Bruder Markus' und die nicht minder geheimnisvolle Braut ein und dieselbe Person waren. Worum es bei der Auseinandersetzung ging, war leider nicht zu erfahren gewesen. Angesichts der Ereignisse vom Vorabend konnte man aber wohl davon ausgehen, daß die Sache irgendetwas mit dem Namenlosen zu tun hatte.
Der hatte übrigens laut meinen "Informanten" schon dem alten Herzog gedient (oder vielmehr, ihn beraten - nachdem ich den Mann gesehen hatte, bezweifelte ich ernsthaft, daß er irgendjemandem diente außer seinen eigenen Interessen).
Die ganze Geschichte mit Markus, der Hochzeit und dem Mündel schien jedenfalls absolut nichts mit der Familie Rambugh zu tun zu haben. Wir waren neugierig, ob Vater Rambugh irgendeine Erklärung dafür parat hatte, warum jemand sich die Mühe machen sollte, seinen Sohn zu entführen.

 

Ich war gerade mit meinem Bericht fertig, als unten im Hof eine Kutsche durchs Tor ratterte. Neugierig sah ich hinaus - und erkannte den Namenlosen, der ausstieg und im Haus verschwand. Eilig winkte ich den anderen, aber nur Anathema war schnell genug am Fenster, um einen Blick auf ihn zu erhaschen.

Kurz darauf erschien dann auch der Herr des Hauses, sichtlich in Eile. Er dankte uns nochmals für unser Eingreifen und bat uns, am Abend zum Essen zu kommen. Dann entschuldigte er sich rasch und eilte ins Schloß, um den Herzog zu informieren.

Nach kurzer Beratung beschlossen wir, uns noch einmal in der Stadt umzuhören, ob wir nicht vielleicht doch noch etwas über Bruder Markus und das merkwürdige Geschehen um ihn herausbekommen konnten. Außerdem war mir mit Schrecken klargeworden, daß mein bestes Kleid natürlich völlig unangemessen sein würde, um bei Josephs Hochzeit zu spielen. Glücklicherweise war ich dank Terrys großzügiger Bezahlung durchaus in der Lage, mir etwas besseres zu leisten. Also lenkte ich meine Schritte in Richtung Marktplatz, wo ich hoffte, einen brauchbaren Schneider zu finden...

Etwa drei Stunden später hatte ich mich endlich entschieden. Die Schneiderin hatte (natürlich) größtes Verständnis für mein Problem, und nachdem sie gehört hatte, was ich auszugeben bereit war, machte sie sich auch sofort voller Eifer daran, mir Stoffe und Schnittmuster vorzulegen. Die Wahl fiel mir wirklich nicht leicht, und Morkus, der mich begleitet hatte, um mir beim Aussuchen zu helfen, war leider auch keine allzugroße Hilfe. (Eigentlich hatte ich das auch nicht ernsthaft erwartet. Männer...) Zum Schluß fiel meine Wahl dann auf einen wunderbar fein gewebten silbergrauen Stoff, der kupferfarben bestickt werden sollte (was bestimmt hervorragend zu meinen Haaren passen würde). Die Schneiderin versicherte mir, daß das Kleid ganz bestimmt rechtzeitig zum Fest in fünf Tagen fertig werden würde und bestellte mich in zwei Tagen zum Anprobieren her.

Irgendwann fiel mir plötzlich ein, daß wir uns in letzter Zeit gar nicht mehr nach den Überfallopfern aus der Kutsche erkundigt hatten. Die Schneiderin erkannte die Leute nach meiner Zeichnung allerdings nicht wieder. Auch der Sekretär des Stadtschreibers, bei dem wir auf dem Rückweg zur Herberge vorbeischauten, konnte damit nichts anfangen. Der Schreiber selbst war leider gerade im Schloß beschäftigt und nicht zu sprechen. Allerdings kam ich auch langsam zu der Überzeugung, daß die Leute wohl nicht aus Herford gestammt hatten. So groß war die Stadt schließlich auch nicht, und ihrer Kleidung nach mußte es sich um Personen von Stand gehandelt haben. Die Schneiderin legte uns allerdings nahe, die Stadtwache zu informieren, was wir dann auch noch tun wollten - später.

Vorerst kehrten wir in unsere Herberge zurück, wo die anderen auch schon auf uns warteten - natürlich mal wieder mit schlechten Nachrichten. Die Stadtwache war dagewesen und hatte Morkus' neu gekauftes Pferd konfisziert. Die tatsächlichen Eigentümer hatten sich offenbar gemeldet. Außerdem wollten die Wachen noch einmal mit Morkus reden und zu diesem Zweck später wiederkommen. Wir ließen uns dann erstmal nieder und bestellten etwas zu trinken, schließlich hatten wir noch etwa drei Stunden totzuschlagen, bis es Zeit wurde, der Einladung Walter Rambughs zu folgen.

Der arme Morkus hatte natürlich keine Ruhe vor unseren spitzen Bemerkungen bezüglich seines Pferdekaufs (wer den Schaden hat...). Irgendwann wurde ihm die Sache dann doch zu bunt und er verzog sich grummelnd nach draußen ("Da ist die Luft besser"). Ich folgte ihm, schließlich tat er mir ja doch leid. Und so kam es, daß wir beide nicht in der Gaststube waren, als die Stadtwache beschloß, unseren Gefährten auf der Suche nach Morkus einen zweiten Besuch abzustatten. Allzu dringend schien die Sache aber wohl nicht zu sein, wir erfuhren als wir zurückkamen lediglich, daß Morkus sich morgen früh bei der Wache melden sollte. Zum Glück war es dann auch allmählich Zeit, daß wir uns auf den Weg machten, um mit den Rambughs zu Abend zu essen. Erstaunlicherweise hatten wir diesmal nicht einmal Probleme mit den Wachen unten am Hügel...

 

Oben am Hügel angekommen, erwartete uns zunächst eine Überraschung. Vor der Tür stand immer noch die Kutsche des Namenlosen - sollte der etwa mit uns zu Abend essen?

Glücklicherweise stellte sich heraus, daß dem nicht so war. Der Zauberer, so wurde uns später erklärt, kam öfter ins Haus der Rambughs, um die Bibliothek zu konsultieren. Walter Rambughs Vater hatte offenbar eine größere Sammlung an Büchern auch okkulten Inhalts zusammengetragen, die seit dem Tod des alten Rambugh nicht mehr genutzt wurde - außer vom Namenlosen und gelegentlich von Terrys jüngerem Bruder.

"Ihr werdet sicher schon geahnt haben, daß ich Euch nicht nur hergebeten habe, um Euch für die Rettung meines Sohnes zu danken", sagte Walter Rambugh, nachdem wir etwa eine halbe Stunde höflich Konversation mit ihm, seiner Gemahlin und den beiden Söhnen betrieben hatten. Tatsächlich hatten wir uns schon so etwas gedacht, schließlich war es ja nicht gerade alltäglich, daß einfache Reisende gebeten wurden, mit einem der einflußreichsten Männer am Ort zu speisen. Für die Rettung seines Sohnes hätte ein einfaches "Danke" (und vielleicht die eine oder andere Münze) genügt.

"Wie Ihr gemerkt habt, sieht es wohl so aus, als hätte irgendjemand in dieser Stadt Interesse daran, meinem Sohn zu schaden. Ich möchte Euch bitten, auf ihn aufzupassen. Ihr sollt ihn begleiten, wenn er ausgeht und dafür sorgen, daß sich so ein Vorfall wie heute morgen nicht wiederholt."
Wir sahen uns an. "Da gibt es nur ein kleines Problem", sagte Morkus etwas zögernd.
"Problem?"
"Nunja, es gab da einen kleinen Zwischenfall, und die Stadtwache hat mir bis auf weiteres verboten, die Stadt zu verlassen. Wenn Terry sich also außerhalb der Stadt bewegt..." Morkus zuckte hilflos die Schultern. Auf Rambughs fragenden Blick hin erklärten wir ihm kurz, was gestern mit dem Pferd und dem Pferdehändler passiert war. "Ich verstehe", nickte unser Gastgeber. "Macht Euch darum keine Gedanken, ich werde die Angelegenheit regeln."
"Nun, wenn das so ist..." Ich wechselte einen Blick mit meinen Gefährten. Keiner schien Einwände zu haben.
"Es wäre mir im Übrigen lieb, wenn Ihr für die Dauer Eures Auftrags hier im Haus wohnen würdet. Wenn ihr einverstanden seid, werde ich sogleich Zimmer für Euch herrichten lassen."
"Wir müßten unser Gepäck holen, aber das wäre ja kein Problem..."
Nachdem diese Dinge geklärt und das Essen beendet war, baten unsere Gastgeber mich, doch etwas zu spielen. Wie gut, daß ich in weiser Voraussicht meine Laute eingepackt und dabei heldenhaft Salams Gejammer ignoriert hatte, der sich schon überlegt hatte, ob er nicht lieber Finir Gesellschaft leisten wollte, der sich kurz nach unserer Ankunft in der Stadt wie üblich in den Wald zurückgezogen hatte. Tatsächlich verschwand der gute Salam auch mit einem vorwurfsvollen Blick aus dem Speisezimmer, sobald ich die Ballade von Rory MacAllistair und seinem heldenhaften Kampf gegen den Räuber Capart anstimmte. Gelegentlich übertrieb er es wirklich...

Schließlich ließen unsere Gastgeber erkennen, daß es an der Zeit sei, sich zurückzuziehen. Wir entschuldigten uns also, um unser Gepäck aus der Herberge zu holen und wünschten eine gute Nacht.

Als wir mit unseren Bündeln wieder auf dem Hügel ankamen, empfing uns ein etwas übermüdet aussehender Diener, um uns zu unseren Zimmern zu geleiten. Diese befanden sich natürlich in den Dienstbotenquartieren, waren aber recht freundlich und sauber.

 

Am nächsten Morgen erfuhren wir, daß die Rambughs wohl gemeinsam ausgegangen waren und unsere Dienste fürs erste nicht benötigt wurden. Das paßte uns recht gut, hatten wir doch am Abend festgestellt, daß Finir seit einigen Tagen nicht gesehen worden war. Das war zwar nicht so ungewöhnlich, trotzdem wollten wir uns mal im Wald nach ihm umsehen. Außerdem hatte Salam bei seinem letzten Ausflug ein altes Bergwerk gefunden, dessen Ausläufer möglicherweise bis unter die Burg führen könnten - ideal, um sich mal unauffällig in der Burg umzusehen. Wir machten uns also auf den Weg, wobei ich mit meiner Zeichnung der Überfallopfer aus der Kutsche einen kleinen Umweg machte, um endlich die Stadtwache von unserem Fund auf der Landstraße zu informieren.

Nachdem das erledigt war und wir am Stadttor feststellten, daß die Angelegenheit mit Morkus und seinem Ausgangsverbot offenbar tatsächlich geregelt war, stand unserem Waldausflug nichts mehr im Wege. Kaum hatten wir die Stadt verlassen, als uns auch schon einige Reiter, gefolgt von einer Kutsche überholten und die Straße Richtung Paß hinunterpreschten. Offenbar hatte man es eilig, die Leichen zu bergen. Wir ließen uns davon nicht stören und machten uns auf die Suche nach Finir.

Einige Stunden später hatten wir zwar nicht unseren Druiden gefunden, aber dafür das alte Bergwerk. Die anderen bestanden aus irgendwelchen Gründen darauf, sich genau darin umzusehen, obwohl recht schnell klar war, daß der hintere Teil der alten Anlage offenbar ziemlich komplett unter Wasser stand. Ich habe mich in so engen unterirdischen Gängen noch nie besonders wohlgefühlt (außerdem war es da unten unangenehm feucht und Fledermäuse gab es auch überall). Deshalb drängte ich zur baldigen Rückkehr in die Stadt, aber die anderen ließen sich nicht beirren. Besonders Morkus und Salam schien es da unten irgendwie zu gefallen, jedenfalls bestanden sie darauf, auch noch den letzten Seitengang abzusuchen. Und dann fanden sie tatsächlich etwas.

"Jetzt schaut Euch das an... kann mir einer sagen, wofür das gut sein soll?"
Baran war vorausgegangen und hatte am Ende eines Ganges eine Tür gefunden und geöffnet. Die Höhle dahinter bot ein merkwürdiges Bild: auf den Boden war ein riesiges Pentagramm aufgezeichnet, das mindestens die halbe Bodenfläche der Höhle bedeckte. An einer Wand stand eine hölzerne Kiste, ansonsten war der Raum leer.
"Keiner faßt dieses Ding an!" rief Morkus scharf und inspizierte die Zeichnung auf dem Boden. "Ich habe keine Ahnung, was dieses Pentagramm hier tun soll, und solange wir das nicht wissen, sollten wir die Finger davon lassen."
Ich stimmte ihm da von Herzen zu und untersuchte stattdessen die Kiste. Sie war leer - bis auf den Blutfleck auf ihrem Boden... Schaudernd schloß ich den Deckel wieder und beschloß, lieber zu warten und Morkus die Untersuchung solch unappetitlicher Dinge zu überlassen. Anathema war offenbar meiner Meinung, da alles hier geradezu nach Magie roch, und offensichtlich finsterer noch dazu. Sie stand an der Tür, betrachtete angewidert die Szenerie und streichelte ihre Axt.

"Ich bin mir nicht ganz sicher, welchem Zweck das hier dient", berichtete Morkus schließlich. "Wir können wohl davon ausgehen, daß hier vor nicht allzu langer Zeit ein Ritual stattgefunden hat und daß die Kammer auch noch weiterhin für Beschwörungen benutzt wird. Was hier beschworen wurde, kann ich nicht sagen..."
"Ich will das auch gar nicht so genau wissen", unterbrach Anathema ihn. "Ich schlage vor, wir zerstören dieses Hexenzeug und verschwinden hier."
"Ich glaube ehrlich gesagt nicht, daß wir das so einfach zerstören können", widersprach Morkus. "Und selbst wenn, ich habe keine Ahnung, ob eine unsachgemäße Beseitigung nicht katastrophale Folgen hätte. Ich kann ja nicht mal sicher sagen, ob dieses Pentagramm dazu dient, etwas draußen oder drinnen zu halten..."

Wir beschlossen, die Höhle vorerst unangetastet zu lassen. Außerdem wurde es allmählich Zeit, zum Haus der Rambughs zurückzukehren. Schließlich wollten wir ja nicht gerade an unserem ersten Tag einen schlechten Eindruck erwecken (das würden wir vermutlich ohnehin noch früh genug tun).

 

Es war bereits früher Nachmittag, als wir schließlich wieder in dem Anwesen auf dem Berg ankamen. Uns schwante schon nichts Gutes, als wir die Aufregung im Hof und in der Halle bemerkten. Und der Paukenschlag ließ auch nicht auf sich warten.
"Ein Glück, daß Ihr da seid", rief Walter uns entgegen. "Stellt Euch vor, man hat Terry verhaftet! Er soll einen Angestellten der Stadtverwaltung erstochen haben!"

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