Das Lied des grünen Vogels
[home]

[bibliothek]
[links]

[kontakt]

Irgendwie hatte ich geahnt, daß die Sache nicht gutgehen konnte. Es war ja auch eher ein Akt der Verzweiflung gewesen, der uns dazu getrieben hatte, Argoland mit einem gestohlenen Fischerboot zu verlassen.

Nach unserem wenig ruhmreichen Versuch, das Zepter des Fürsten wiederzubeschaffen, hatten wir beschlossen, uns von der Insel abzusetzen. Und zwar ohne Seiner Durchlaucht zu berichten, wie wir es geschafft hatten, die alte Burgruine mitsamt der Klippe, auf der sie gestanden hatte, im Meer zu versenken... Also hatten wir uns nachts klammheimlich ein Fischerboot geschnappt und versucht, zu einer der Nachbarinseln zu segeln. Die Aktion wurde ein wenig dadurch erschwert, daß Anathema die Einzige von uns war, die wußte, wie man mit so einem Ding umging. Und kaum hatte sie sich schließlich unter Deck begeben, um ein paar Stunden zu schlafen, als Baran, dem sie leichtsinnigerweise das Steuer übergeben hatte, unsere Nußschale in eine Strömung steuerte, aus der er sie nicht mehr befreien konnte. Um das Maß richtig voll zu machen, zog sich kurz darauf auch noch ein Sturm zusammen, der uns innerhalb kürzester Zeit bewies, daß unser Fahrzeug nun wirklich nicht hochseetauglich war. Das Fischerboot kenterte, und daß wir nicht gleich ertranken, verdankten wir nur der Tatsache, daß wir uns am Mast festklammern konnten, der wie der berühmte rettende Strohhalm im Wasser trieb.

Als der Sturm sich endlich verzog, erblickten wir in einiger Entfernung unser kieloben im Meer treibendes Boot. Das allein kam uns schon wie ein kleines Wunder vor, waren wir doch mit unserem Mast in der Gegend herumgeschleudert worden, daß uns völlig die Orientierung verging. Natürlich hatten wir nichts eiligeres zu tun, als zu versuchen, uns zu unserem Boot durchzuschlagen (selbst eine kieloben treibende Nußschale ist ein bequemerer Aufenthaltsort als ein schwimmender Mast). Dummerweise hatte ich nicht daran gedacht, daß ich nicht besonders gut schwimmen kann. Anathema, Finir und Baran erreichten ohne größere Probleme das Boot, Morkus blieb nach einem erfolglosen Versuch, über Wasser zu bleiben, dann doch lieber beim Mast, aber Salam und ich gingen etwa auf halber Strecke unter...

 

Das nächste, woran ich mich erinnere, ist ein warmes, trockenes Bett und der Geschmack von bitteren Kräutern auf meiner Zunge. Etwas verwirrt schaute ich mich um und erkannte, daß ich mich offenbar an Bord eines Schiffes befand. Neben mir stand ein Mann mittleren Alters in unauffälliger Kleidung, der eine Schale in der Hand hielt, deren Inhalt er mir offenbar gerade eingeflößt hatte. Als er sah, daß ich aufgewacht war, nickte er zufrieden.
"Willkommen unter den Lebenden", sagte er. "Ihr befindet Euch an Bord der Ariga, einem Handelssegler des Hauses MacDhugal. Wir haben Euch und Eure Begleiter gestern aus dem Wasser gefischt."
"Gestern? Wie lange war ich denn bewußtlos?"
"Oh, etwa anderthalb Tage, würde ich schätzen. Ihr wart halb ertrunken und hattet ziemliches Fieber. Ich bin übrigens Rory MacAllister, der Schiffsarzt."
"Rachel NiConuilh", antwortete ich und versuchte, aufzustehen, was natürlich gründlich mißlang.
"Immer langsam, da draußen gibt es außer Wasser im Moment eh nichts zu sehen. Ihr solltet Euch besser noch ein bißchen ausruhen. Ich sorge dafür, daß Ihr etwas zu essen bekommt."
Da ich das für eine ausgezeichnete Idee hielt, widersprach ich nicht weiter. Aber eines wollte ich natürlich doch noch wissen:
"Was ist mit meinen Freunden? Haben sie den Sturm alle überlebt?"
"Ja, Ihr wart die Einzige, die glaubte, das Meer austrinken zu müssen. Den anderen geht es gut."
Damit drehte er sich um und verließ die Kabine, um sein versprechen bezüglich des Essens wahrzumachen. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben eine einfache Schüssel Haferbrei derart genossen...

 

Der Besitzer der Ariga, ein gewisser Alaric MacDhugal, war persönlich an Bord des Schiffes. Die MacDhugals sind ein ziemlich großer Clan, dessen Beornanburgher Zweig ein nicht unbedeutendes Handelsimperium aufgebaut hat. Mit anderen Worten, die Familie hat Geld wie Heu, und entsprechend sah die Ausstattung der Ariga aus. MacDhugal war unterwegs nach Ikonium, einer Küstenstadt in Chryseia. Außer in der Stadt selbst hatte er auch noch in einem kleinen Dorf außerhalb zu tun, weshalb ihm unsere Anwesenheit gar nicht so ungelegen kam. Er erklärte uns, daß er jedes Jahr um diese Zeit einen Abstecher nach Barbagon zu machen pflegte, ein eigentlich völlig unbedeutendes Kaff, in dem jedoch ein ganz ausgezeichneter Wein angebaut wurde. MacDhugal hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, von den besten Tropfen jedes Jahrgangs einige Fässer für besondere Kunden einzukaufen. Üblicherweise heuerte er für die Fahrt nach Barbagon und zurück einige Leute aus Ikonium als Wachen an, aber da er ja jetzt uns an Bord hatte und wir doch durchaus kampfstark aussahen... Natürlich konnten wir ihm das schlecht abschlagen, nachdem er uns aus einer derart unangenehmen Situation befreit hatte. Wir erklärten uns also bereit, ihn als Geleitschutz in den kleinen Weinort zu begleiten.

 

"Endlich fester Boden!" Ausnahmsweise war ich durchaus einer Meinung mit Salam. Der Hafen von Ikonium erschien uns fast paradiesisch, obwohl er objektiv betrachtet genau so laut und schmutzig war wie die meisten anderen Häfen auch. MacDhugal hatte uns zwar angeboten, die Nacht noch auf der Ariga zu verbringen, aber wir hatten dankend abgelehnt und uns lieber ein Zimmer in einer Hafentaverne geteilt. Alle, außer Finir natürlich, der es sehr eilig hatte, die Stadt zu verlassen und sich ein Nachtlager im Freien zu suchen. Nachdem wir noch einige Einkäufe erledigt hatten (so mußte ich beispielsweise dringend einen Instrumentenbauer aufsuchen, da meine Laute die Tortur der vergangenen Tage natürlich nicht überstanden hatte), verabredeten wir, uns am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang an unserer Herberge zu treffen.

 

Nach einer erfreulich ruhigen Nacht in einem erfreulich ruhigen und nicht schwankenden Bett fanden wir uns pünktlich zur Abreise ein. MacDhugal hatte einen Karren mit zwei Pferden besorgt, mit dem er die Weinfässer transportieren wollte. Wir saßen auf und machten uns auf den Weg nach Barbagon.
Die Reise verlief recht ereignislos, und am Abend des gleichen Tages erreichten wir ohne Zwischenfälle das Winzerdorf. Schon aus einiger Entfernung sahen wir die Weinberge, die Barbagon umgaben. Früher waren die Hügel um das Dorf herum wohl bewaldet gewesen, aber jetzt war davon nur noch ein Rest geblieben, der sich durch ein Tal nach Norden erstreckte und sich erst jenseits der Weinberge wieder ausbreitete. Das Dorf selbst war nicht allzu groß, aber sichtlich wohlhabend. MacDhugal lenkte den Wagen die Hauptstraße entlang zu einem Gutshaus, das am Rand der Siedlung lag.
"Hier wohnt Pheredes Kallion, bei dem ich üblicherweise meinen Wein einkaufe," erklärte er. "Letzten Herbst hat er versprochen, daß dieser Jahrgang der beste seit langem sein würde. Ich bin gespannt, ob sich seine Erwartungen erfüllt haben."
Wir wurden offenbar schon erwartet. Ein Knecht erschien, kaum daß unser Wagen auf den Hof gerumpelt war, und kümmerte sich um die Pferde. Ein untersetzter Mann von vielleicht Anfang Vierzig trat aus der Haustür und begrüßte zuerst Alaric, ehe er sich uns als Pheredes Kallion vorstellte. Offenbar hatte MacDhugal seine Ankunft angekündigt, so daß alles auf Gäste vorbereitet war. Freundlicherweise bot Kallion an, nicht nur MacDhugal, sondern auch uns in seinem Haus unterzubringen. Wir nahmen das Angebot gerne an, auch wenn sich unsere Quartiere natürlich im Dienstbotenflügel befanden und nicht bei den besseren Gästequartieren.

Trotz aller Freundlichkeit seitens unseres Gastgebers konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß er irgendwie abgelenkt war. Etwas schien ihm Sorgen zu bereiten. Daß ich mit dieser Annahme richtig gelegen hatte, erfuhren wir beim Abendessen. Alaric hatte sich gerade lobend über den Wein geäußert, den Pheredes zum Essen hatte reichen lassen.
"Ja, einen guten Tropfen hat die Lese letztes Jahr gegeben", stimmte er zu. "Aber wenn nicht ein Wunder passiert, kannst du dir nächstes Jahr die Reise nach Barbagon sparen."
Mac Dhugal hob die Augenbrauen. "Was meinst du damit?"
Kallion seufzte. "Damit meine ich, daß es dieses Jahr vielleicht gar keine Lese geben wird. Die Reben treiben nicht richtig aus, und wenn das so weitergeht, werden sie bis zum Herbst alle abgestorben sein. Und das gerade jetzt, wo ich mir bei einem Geldverleiher in Ikonium eine größere Summe geborgt hatte, um das Gut zu vergrößern. Wenn die Ernte ähnlich gut geworden wäre wie letztes Jahr, hätte ich das leicht zurückzahlen können, aber so, wie es im Moment aussieht..." Er schüttelte den Kopf.
"Und woran liegt das?" erkundigte sich Alaric. "Soweit ich weiß, hattet ihr doch bisher keine Dürre, der Winter war auch nicht übermäßig hart, und zuviel geregnet hat es auch nicht?"
"Oh nein, das Wetter ist wohl nicht schuld daran. Aus irgendeinem Grund haben sich die Rebläuse stark vermehrt. Die Reben sind so stark befallen, daß sie nicht richtig ausgetrieben haben."
"Das Problem betrifft also nicht nur Euren Weinberg, sondern alle hier im Dorf?" schaltete sich Finir in das Gespräch ein. Als Kallion nickte, fuhr er fort: "Glaubt Ihr, daß diese plötzliche Reblausplage eine natürliche Ursache hat?"
Kallion zuckte die Achseln. "Ich weiß es nicht. Was für eine unnatürliche Ursache könnte sie denn haben? Praktisch der ganze Ort lebt vom Weinbau, warum sollte jemand die Weinberge sabotieren?"
"Dürfte ich mir die Sache vielleicht morgen mal ansehen?" Finir schien überzeugt zu sein, daß das Gleichgewicht der Natur wieder einmal seiner Aufmerksamkeit bedurfte.
"Ich habe nichts dagegen", meinte Pheredes. "Euer Arbeitgeber wird Euch die nächsten ein, zwei Tage ohnehin nicht brauchen, nehme ich an."
MacDhugal nickte zustimmend. "Wenn Ihr meint, etwas herausfinden zu können, soll mir das recht sein. Schließlich würde ich gerne nächstes Jahr wiederkommen..."

 

Am nächsten Morgen machten wir uns also wie verabredet unter Kallions Führung zum Weinberg auf. Sogar für mein ungeübtes Auge war zu erkennen, daß hier einiges im Argen lag. Die Rebstöcke standen nackt und armselig da, kaum ein grünes Blatt hing daran. Dafür waren an den meisten der Pflanzen Scharen kleiner Tiere zu sehen, die wild herumkrabbelten und ziemlich eklig aussahen. Finir betrachtete die Szenerie interessiert, brummte gelegentlich vor sich hin und nickte weise. Wir anderen standen mehr oder weniger ratlos in der Gegend herum und versuchten, nicht allzu unwissend auszusehen.
"Und Ihr sagt, in den anderen Weinbergen sieht es genauso aus?" fragte er schließlich Pheredes.
Der nickte. "Ihr könnt Euch gerne auch mit anderen Bauern unterhalten, aber ich bezweifle, daß einer von Ihnen Euch mehr sagen kann als ich. Um die Mittagszeit könnt Ihr den einen oder anderen vielleicht im Dorfgasthaus antreffen."

Gegen Mittag betraten wir also den Dorfgasthof, der den phantasielosen Namen "Zur Rebe" trug. Die Gaststube war recht gemütlich eingerichtet und spärlich besetzt. An einem der Tische saß ein Grüppchen von drei Männern, die sich mit grimmigen Mienen ihren Eintopfschüsseln widmeten. Nachdem wir die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht hatten, ließen wir uns an ihrem Tisch nieder und kamen auch recht bald mit ihnen ins Gespräch. Auf ihre Meinung zur Ursache der Reblausplage angesprochen, waren die drei jedoch durchaus unterschiedlicher Meinung.

"Da steckt dieser Druide dahinter", sagte einer, ein dicklicher Mann von schätzungsweise knapp 50 Jahren.
"Druide?" Finir spitzte die Ohren.
"Der hat uns doch schon die Hölle heißgemacht, als wir diese alte Eiche gefällt haben, um die Weinberge zu vergrößern. Als obs im Wald nicht noch genug Bäume gäb... Richtig gedroht hat er uns, die Sache würde noch ein Nachspiel haben. So aufgeregt habe ich den alten Travelin noch nie gesehen."
"Und ihr glaubt, um sich zu rächen hätte dieser Travelin Scharen von Rebläusen auf Eure Weinberge losgelassen?" erkundigte sich Salam etwas zweifelnd.
"Naja, irgendwoher müssen die Biester ja gekommen sein. Und zuzutrauen wärs ihm sicher... bei diesen Druiden kann man ja nie wissen."
Ich grinste Finir verstohlen an, aber der tat sehr angestrengt, als hätte er nichts gehört.

"Ach was, der Alte hat zwar komische Ansichten, aber sowas würde er sicher nicht tun", widersprach der zweite Mann. Er war etwa im selben Alter wie der erste, und seine leuchtend rote Nase verriet eine ausgeprägte Vorliebe für das Haupterzeugnis dieses Dorfes. "Dieser Branko dagegen, das ist ein richtig faules Ei. Fast totgeschlagen hätte er Galwin, und das mitten in der Wirtsstube. Würde mich nicht wundern, wenn der sich mit irgendwas eingelassen hätte, wo anständige Leute die Finger davonlassen."
"Was war denn mit Branko und Galwin?" erkundigte sich Baran.
"Galwin ist einer der reicheren Bauern hier am Ort", erklärte uns unser erster Gesprächspartner, der sich anscheinend langsam für das Thema zu erwärmen begann. "Branko hat als Diener bei ihm gearbeitet, bis es aus irgendeinem Grund Streit gab. Galwin hat ihn entlassen, und Branko hat das ziemlich übel aufgenommen. Vielleicht hätte er ihn auch nicht gerade hier in der Gaststube vor dem halben Dorf derart herunterputzen sollen... jedenfalls wohnt Branko seither in der alten Hütte seines Vaters im Wald und wünscht Galwin und den meisten anderen hier die Pest an den Hals."
"Warum wurde er denn überhaupt entlassen?" wollte Anathema wissen.
Schulterzucken. "Keine Ahnung, das müßt Ihr ihn schon selber fragen. Galwin hat auch nie davon gesprochen, allerdings muß es eine größere Sache gewesen sein, so wütend wie er war."
Wir ließen uns den Weg zu Brankos Hütte beschreiben. So richtig konnten wir uns zwar nicht vorstellen, wie ein zorniger Diener die Weinberge mit Rebläusen verseuchen sollte, aber es konnte nichts schaden, mal mit dem Mann zu reden.
"Und was denkt Ihr über die ganze Sache?" fragte Finir den dritten Mann am Tisch, einen kräftig gebauten, bärtigen Bauern, der bisher noch gar nichts gesagt hatte.
"Ich denke, daß die Läuse nicht die Hilfe von Menschen brauchen, um sich hier derart zu vermehren. Die Priester reden zwar gerne von einer Strafe der Götter, aber ich vermute eher, daß das einfach ein gutes Jahr für Läuse ist. Passiert eben."
Insgeheim fand ich, daß sich das noch am vernünftigsten anhörte, allerdings würden wir in diesem Fall wohl nicht viel ausrichten können. Wir verabschiedeten uns kurze Zeit später und beratschlagten, wie wir nun weiter vorgehen sollten. Erwartungsgemäß wollte Finir unbedingt mit dem Druiden reden, während der Rest sich eher mit Branko unterhalten wollte. Wir verabredeten also, daß Finir Travelin aufsuchen sollte, aus dem er vielleicht ohne unsere Anwesenheit mehr herausbekommen konnte. Wir anderen wollten versuchen, Branko zu finden.

 

Brankos Hütte lag etwa eine Stunde vom Dorf entfernt recht gut versteckt im Wald. Als wir sie endlich gefunden hatten, schien niemand da zu sein - die Tür war geschlossen, die Fensterläden ebenfalls. Auf unser Klopfen hin rührte sich nichts. Wohl oder übel machten wir es uns also auf der Lichtung gemütlich und warteten.
Zwei Stunden später erschien dann endlich der Herr des Hauses mit einem erlegten Hirsch auf den Schultern. Branko war vielleicht Mitte Zwanzig und ein wahrer Bär von einem Mann: groß, breitschultrig, mit dichtem schwarzem Haar. Er schien etwas erstaunt, Besucher an seiner Hütte vorzufinden, begrüßte uns aber freundlich und fragte nach unserem Begehr.
"Wir versuchen, die Ursache der Reblausplage im Dorf herauszufinden", erklärte Salam, der wie üblich mit der Tür ins Haus fiel.
"Eine Reblausplage, aha." Branko schien sich für die Notlage der Weinbauern nicht sonderlich zu interessieren, sondern machte sich daran, seinen Hirschen zum Ausweiden an einen Baum zu hängen.
"Ja, die Bauern fürchten um ihre Existenz, weil es im Moment so aussieht, als würden die Weinberge des ganzen Dorfes vernichtet werden."
"Tragisch", meinte Branko ungerührt. "Und warum kommt Ihr damit zu mir? Ich habe mit dem Dorf nichts mehr zu schaffen."
"Äh, das hat man uns gesagt", sagte Salam, dem offenbar nicht auffiel, daß das, was er da von sich gab, nicht besonders logisch klang. "Wir dachten nur, daß Ihr vielleicht, äh, eine Idee haben könntet, woher die Läuse so plötzlich kommen?"
Hinter Brankos Rücken schlug Baran die Hände vors Gesicht und schüttelte resigniert den Kopf.
"Nein, habe ich nicht. Auch wenn im Dorf vermutlich der eine oder andere glaubt, daß dem so wäre."
Salam wurde etwas rot. "Eigentlich", schaltete sich Morkus nun ein, "wollten wir von Euch auch nur etwas darüber hören, ob jemand im Dorf oder vielleicht aus den Nachbardörfern ein Interesse daran haben könnte, alle Weinberge zu vernichten. Die Leute im Dorf sind da vielleicht, nunja, nicht ganz objektiv, deshalb dachten wir, wir sollten uns anhören, was Ihr dazu meint."
"Von mir aus können die Rebläuse ganz Barbagon kahlfressen", erklärte Branko. "Was mit den Weinbergen passiert, interessiert mich nicht. Ich sehe übrigens auch nicht, warum es sonst jemanden interessieren sollte. Die Nachbardörfer sind zu weit entfernt, als daß dort jemand ein Interesse daran haben könnte, daß hier alles zusammenbricht. Und wenn jemand aus dem Dorf die Reben sabotieren würde, würde er sich damit ins eigene Fleisch schneiden. Jeder dort lebt vom Weinbau, auf die eine oder andere Weise. Und jetzt entschuldigt mich bitte, ich muß mich um den Hirschen kümmern."
Damit wandte er sich ab und ließ uns stehen. Wir sahen ein, daß aus diesem Mann im Moment nicht mehr herauszuholen sein würde. In der Hoffnung, daß Finir erfolgreicher gewesen war, machten wir uns auf den Rückweg zum Dorf.

 

"Sehr sympathisch, dieser Travelin", erklärte Finir, als wir uns bei Kallion wiedertrafen. "Ich glaube nicht, daß er etwas mit dem Problem zu tun hat. Er ist ebenso besorgt um das Gleichgewicht der Natur wie ich."
"Und was hat es mit dieser Eiche auf sich, wegen der es diesen Ärger gab?" wollte ich wissen.
"Naja, die Bauern haben ihre Weinberge vergrößert, und dabei war ihnen eine dreihundert Jahre alte Eiche im Weg. Könnt ihr euch das vorstellen, sie haben sie einfach gefällt! Kein Wunder, daß Travelin wütend war, wäre ich auch gewesen. Aber er hat mir versichert, daß er die Läuse nicht geschickt hat, und ich glaube ihm. Allerdings hat er etwas von merkwürdigen kleinen Wesen erzählt, die hier in letzter Zeit im Wald unterwegs sein sollen... gesehen hat er sie noch nicht, aber die Tiere haben ihm von ihnen erzählt."
"Die Tiere." Barans Tonfall und Blick sprachen Bände.
"Ja, sicher." Finir schien es gar nicht zu bemerken, oder er hatte sich an derartige Reaktionen gewöhnt. "Es muß nichts heißen, aber sie scheinen kurz vor der Reblausplage hier aufgetaucht zu sein."
"Und was schlägst du jetzt vor?" fragte Baran. "Sollen wir uns im Wald verteilen und nach komischen kleinen Viechern suchen, von denen wir nicht mal wissen, wie sie aussehen und ob es sie gibt?"
"Also, ich fand diesen Branko irgendwie merkwürdig", meldete sich Anathema zu Wort.
"Habt ihr ihn mal gefragt, warum sein Herr ihn rausgeworfen hat?"
Wir sahen uns etwas betreten an. Daran hatten wir nicht mehr gedacht.
"Wir sollten auf jeden Fall mit diesem Galvin reden", fand Anathema.
Ich stand auf und griff nach meiner Laute. "Tut das. Ich bin für heute genug herumgelaufen. Ich werde ins Wirtshaus gehen und sehen, ob ich ein Publikum für meine Lieder finde. Mit euch Banausen ist in der Hinsicht ja ohnehin nichts anzufangen."
Das breite Grinsen meiner Gefährten ignorierend, ging ich zur "Rebe" zurück. Obwohl es noch sehr früh am Abend war, hatten sich schon einige der Dorfbewohner in der Gaststube versammelt. Außerdem war offensichtlich gerade ein Fremder angekommen und verhandelte mit dem Wirt wegen eines Zimmers. Interessiert schaute ich zur Theke. Der Neuankömmling schien etwa in meinem Alter zu sein, blond, gutaussehend - und er hatte etwas bei sich, was verdächtig nach einer für die Reise verpackten Harfe aussah! Meine Stimmung hob sich schlagartig. Das versprach in der Tat ein interessanter Abend zu werden...

 

"...und stell dir vor, er hat ihn einfach rausgeworfen. Einen Barden!" erzählte Ion. Ich setzte gerade zu einer passenden Antwort an, als die Tür aufging und meine Freunde das Gasthaus betraten. Anathema grinste ziemlich unverschämt in meine Richtung, als sie uns zusammensitzen sah. Der blanke Neid, vermutlich. Ich warf einen Blick zum Wirt hinüber. "Ich glaube, wir sollten langsam anfangen", sagte ich zu Ion. "Es wird allmählich voll hier."
Er nickte zustimmend und packte seine Harfe aus. Ich griff nach meiner Laute, und wir begannen zu spielen. Zum Glück lebten in Barbagon genügend Albai, und die Chryseier waren mittlerweile an albische Musik gewöhnt, so daß Ion und ich mit unserem Spiel recht gut ankamen.

Irgendwann später am Abend nutzte Salam eine unserer Pausen und kam zu mir herüber. Ion hatte sich gerade in Richtung Hinterhof verzogen.
"Frettchen", zischte Salam, als er an meinem Tisch ankam.
Ich starrte ihn verständnislos an. "Was?"
"Frettchen", erklärte er. "Das Problem sind Frettchen. Galwin hatte welche, aber sie sind ihm abgehauen..." Er unterbrach sich, als er Ion zurückkommen sah. "Ich erklärs dir später", meinte er und verschwand wieder in der Menge. Ich sah ihm kopfschüttelnd nach. Seine Erklärung würde wohl bis morgen früh warten müssen - Ion hatte mir mittlerweile erzählt, warum er in Barbagon war. Er befand sich auf dem Weg nach Corrinis, um dort in der Bardengilde ein wertvolles Buch abzugeben, das er im Auftrag eines der Meister in der Gilde in Ikonium abgeholt hatte. Es handelte sich dabei um eine alte und verloren geglaubte Handschrift mit Liedern und Gedichten von Caitlin NiBarra, einer der besten Bardinnen, die Alba je hervorgebracht hatte (und mein heimliches Vorbild). Ich würde mir eine Gelegenheit, einen Blick in dieses Buch zu werfen, ganz bestimmt nicht entgehen lassen - auch wenn das eine schlaflose Nacht bedeuten würde.

 

Am nächsten Morgen , nachdem Ion in Richtung Corrinis aufgebrochen war, erschien ich hundemüde, aber hochzufrieden zum Frühstück im Hause Kallion. Ich hatte tatsächlich die ganze Nacht mit Ion über diesem Buch verbracht und von einigen Stellen Kopien angefertigt. Jetzt war mein Vorrat an Pergament und Kohle ziemlich am Ende, aber dafür hatte ich einen kleinen Schatz in meinem Beutel.
Die grinsenden Gesichter meiner Gefährten verrieten mir, daß sie etwas andere Vermutungen darüber anstellten, wie ich die letzte Nacht verbracht hatte. Ich ignorierte das großzügig, setzte mich an den Frühstückstisch und griff herzhaft zu.
"Und, was habt ihr gestern noch herausgefunden?" fragte ich zwischen zwei Bissen. "Salam erwähnte etwas von... Wieseln?"
"Frettchen", verbesserte Finir, und brachte mich auf den neuesten Stand der Dinge. Nachdem wir uns getrennt hatten, waren die anderen zu Galwin gegangen, um genaueres über seinen Streit mit Branko zu erfahren. Galwin hatte ihnen etwas von einer wertvollen Vase erzählt, die Branko angeblich zerbrochen hatte, weswegen Galwin ihn entlassen hatte. Offenbar hatte er sich aber so ungeschickt angestellt, daß sogar Baran gemerkt hatte, daß die Geschichte genau das war, nämlich eine Geschichte. Ein erneuter Besuch bei Branko hatte dann die Wahrheit ans Licht gebracht: Galwin hatte vor einiger Zeit aus Waeland drei Pärchen Silberfrettchen importiert, um mit ihnen eine Zucht aufzubauen. Silberfrettchenpelze brachten wohl im Moment eine schöne Stange Geld, und Galwin war für alles zu haben, womit sich ein guter Schnitt machen ließ. Seine Träume von der Pelztierzucht zerschlugen sich allerdings sehr schnell, da Branko, der die Tiere versorgen sollte, eines Abends den Käfig nicht richtig verschloß. Die Frettchen entkamen, Galwin war vor Zorn einem Schlaganfall nahe und entließ Branko.
An dieser Stelle schien Salam einen seiner seltenen Geistesblitze gehabt zu haben. Er hatte vermutet, daß die Frettchen sich von irgendetwas ernährten, daß sich normalerweise von Rebläusen ernährte, möglicherweise irgendeine Vogelart. Wenn die Frettchen nun die Vögel dezimierten, würden sich natürlich die Rebläuse explosionsartig vermehren...
Finir hatte daraufhin noch einmal Travelin aufgesucht, der widerwillig zugegeben hatte, daß es sich tatsächlich so verhielt. Es gab in den Weinbergen eine Vogelart namens Grüner Sänger, die sich hauptsächlich von Rebläusen ernährte. Die Frettchen hatten sich offenbar sowohl an den Vögeln als auch an ihren Gelegen gütlich getan. Travelin selbst hatte der Sache tatenlos zugesehen, weil er die Vernichtung der Weinberge durch die Rebläuse für eine gerechte Strafe für das Fällen der alten Eiche gehalten hatte. Erst, wenn die Lese unrettbar verloren gewesen wäre, hatte er eingreifen und das Gleichgewicht der Natur wiederherstellen wollen. Irgendwie hatte Finir ihn aber offenbar überzeugt, uns beim Einfangen der Frettchen zu helfen. Genau wie Branko übrigens - Galwins ehemaliger Diener hatte versprochen, Fallen zu bauen, mit denen wir die Tiere einfangen konnten. Er verlangte als Bezahlung allerdings die Felle, und die waren ihm offenbar auch versprochen worden. Wir hatten vor, die Frettchen einzufangen und Galwin vor dem versammelten Dorf anzuklagen (ein Plan, der natürlich Brankos Zustimmung gefunden hatte).

 

Um besser suchen zu können, teilten wir uns in Gruppen auf. Finir erklärte uns, wie die Spuren der Frettchen aussahen, dann machten wir uns auf den Weg. Als wir uns Mittags wieder trafen, hatten wir tatsächlich zwei Stellen gefunden, die vermutlich Baue der entwischten Frettchen waren. Allerdings hatte sich inzwischen eine weitere Komplikation ergeben: sowohl Finir als auch (erstaunlicherweise) Salam waren plötzlich dagegen, Branko die Felle der Tiere zu überlassen. Sie hätten die Frettchen lieber am Leben gelassen und irgendwo weit von Barbagon entfernt ausgesetzt. Die Diskussion darüber, was wir mit den Tieren anfangen sollten, wenn wir sie endlich hatten, zog sich ziemlich lange hin. Endlich beschlossen wir aber, daß Branko seine Felle bekommen mußte, schließlich war das die Abmachung gewesen. Finir und Salam waren nicht glücklich damit, fügten sich aber der Mehrheit.

Als es dunkel wurde, hatten wir einen weiteren Frettchenbau gefunden. Da insgesamt drei Pärchen entkommen waren, vermuteten wir, daß wir damit alle entdeckt hatten, und stellten die Fallen auf. Salam wollte diese Nacht im Wald verbringen, Finir natürlich (wie immer) ebenfalls. Wir anderen machten uns recht erschöpft auf den Rückweg.

Beim Abendessen erkundigte sich Alaric MacDhugal nach unseren Fortschritten. "Ich werde Barbagon übermorgen früh verlassen", erklärte er. "Wenn Ihr bis dahin nichts gefunden habt, werden die Bauern wohl ohne eure Hilfe auskommen müssen."
"Oh, wir haben etwas gefunden", versicherte Baran. "Wir hoffen, daß wir die Sache spätestens morgen aufgeklärt haben."
"Aha?" Kallion wurde ebenfalls neugierig. "Was habt Ihr denn herausbekommen?"
"Das würden wir lieber noch nicht so genau erläutern, solange wir nicht völlig sicher sind", sagte ich rasch, ehe einer der anderen etwas verraten konnte. Man wußte ja nie...

 

Früh am nächsten Morgen trafen wir Finir und Salam im Wald, um nach unseren Fallen zu sehen. In einer hatte sich tatsächlich etwas gefangen, die anderen waren leer und die Köder unberührt. Da uns die Zeit fehlte, eine weitere Nacht auf die Fallen zu hoffen, besorgten wir uns Werkzeug aus dem Dorf und begannen, die Baue aufzugraben. Im ersten, dort, wo sich ein Tier bereits in der Falle gefangen hatte, fanden wir außer dem zweiten erwachsenen Frettchen vier Junge, die bei Salam einen ziemlich massiven Anfall von Mutterinstinkt auslösten. Er weigerte sich absolut, den Jungtieren (die noch nackt und ziemlich häßlich aussahen) etwas anzutun, nahm alle vier an sich und schien entschlossen, sie mit Klauen und Zähnen zu verteidigen. Da unsere Abmachung mit Branko nur sechs Tiere beinhaltete (oder genauer gesagt, deren Felle, und die hatten die Kleinen ohnehin noch nicht), ließen wir ihn und seine Schützlinge in Ruhe.
Am Nachmittag hatten wir endlich alle sechs Frettchen gefangen. Zum Glück war in den anderen beiden Bauen kein Nachwuchs gewesen, so daß uns weitere wortreiche Diskussionen erspart blieben. Wir brachten die Felle zu Branko (wobei Finir und Salam sich demonstrativ zurückhielten, sie weigerten sich sogar, mit zur Hütte zu kommen). Branko war natürlich erfreut und versprach, uns später in der "Rebe" zu treffen, um unsere Geschichte zu bestätigen, die wir jetzt vor dem ganzen Dorf vorbringen wollten. Während er sich um seine Felle kümmerte, machten wir uns auf den Rückweg, um den Dorfrat im Gasthaus zusammenzutrommeln.

 

Das Stimmengemurmel verstummte, als Morkus auf eine Bank stieg und um Ruhe bat. Es war uns tatsächlich gelungen, fast die gesamte Bevölkerung von Barbagon in der Gaststube zu versammeln, die somit entsprechend überfüllt war (zur Freude des Wirts, versteht sich). Auch MacDhugal war gekommen, hielt sich aber im Hintergrund. In knappen Worten berichtete Morkus, was wir herausgefunden hatten. Branko tauchte im rechten Moment mit den Fellen auf, um seine Erzählung zu bezeugen. Als Morkus seinen Bericht beendet hatte, brach natürlich ein ziemlicher Tumult unter den Anwesenden aus. Galwin versuchte, alles abzustreiten, hatte aber keinen Erfolg damit. Der Bürgermeister dankte uns und erklärte, der Dorfrat würde noch in dieser Nacht entscheiden, wie Galwin zu bestrafen sei. Immerhin hatte seine Verantwortungslosigkeit das ganze Dorf an den Rand des Ruins gebracht. Dann wandte er sich an einige der Bauern, offenbar Mitglieder des Dorfrats, und begann mit ihnen zu diskutieren. Um uns kümmerte sich den Rest des Abends keiner mehr...

 

Wie angekündigt, wurden wir am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang geweckt. MacDhugal wollte frühzeitig nach Ikonium aufbrechen. Während wir frühstückten, luden Diener im Hof etliche große Fässer auf seinen Wagen.
Als wir schließlich herunterkamen, um uns von unserem Gastgeber zu verabschieden und uns auf den Weg zu machen, kam der Bürgermeister in Begleitung zweier Bauern durch das Hoftor. Hinter ihnen kam ein Diener, der einen kleinen Handkarren zog, auf dem irgendetwas stand, das mit einer Plane abgedeckt war. Der Bürgermeister wandte sich an uns.
"Der Dorfrat hat entschieden, daß Galwin für seine Gedankenlosigkeit eine hohe Geldstrafe zahlen muß. Das trifft ihn härter, als wenn wir ihn für ein paar Monate ins Gefängnis gesteckt hätten, und nützt dem Dorf mehr." Er grinste kurz, ehe er fortfuhr: "Wir sind Euch zu tiefem Dank verpflichtet, immerhin habt Ihr einen Großteil von uns vor dem sicheren Ruin gerettet. Deswegen würden wir Euch gerne dies als kleines Zeichen unserer Dankbarkeit verehren."
Er winkte den Diener mit dem Karren nach vorn und hob die Plane ab. Darunter befanden sich, sorgfältig in Stroh verpackt, zehn ziemlich staubig aussehende Flaschen Wein und ein Lederbeutel.
"Dies sind zehn Flaschen eines der edelsten Jahrgänge aus unseren Kellern", erklärte er. "Und für das Gold habt Ihr sicher auch Verwendung..." Er deutete auf den Beutel. "Und nun lebt wohl, wir wünschen Euch eine gute Reise."
Wir verabschiedeten uns von ihm und Kallion. MacDhugal war ebenfalls reisefertig, und so bestiegen wir den Wagen. Als wir zum Tor hinausrumpelten, fiel mir plötzlich ein, daß ich ja noch meine Notizen in der Tasche hatte, die ich aus Ions Buch abgeschrieben hatte. Die Fahrt würde den ganzen Tag dauern, es konnte also keine bessere Gelegenheit geben, mich endlich mit meinen Schätzen zu beschäftigen. Ich nahm eins der Blätter zur Hand, packte meine Laute aus und störte mich überhaupt nicht daran, daß Finir schon wieder das Gesicht verzog.

zurück