Vorgeschichte
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"Das war gut, Rachel, sehr gut."
Erstaunt sah ich von meiner Laute auf. Mein Lehrer, Alan MacDugal, hatte mich gelobt! Das war normalerweise etwa so wahrscheinlich wie Schnee zu Mittsommer. Alan war in der gesamten Gilde als strenger, aber fairer Lehrmeister bekannt, der von seinen Schülern immer das Beste forderte. Wenn er mich jetzt lobte, dann mußte da gleich noch etwas...
"Ich werde dir nicht mehr viel beibringen können", fuhr Alan fort. "Du beherrschst die Techniken, perfektionieren und zur Kunst entwickeln mußt du sie selbst. Da kann dir kein Lehrer helfen."
Ich bemühte mich, nicht vor lauter Freude aufzuspringen und ihm um den Hals zu fallen.
"Dann werde ich bald zur Bardin ernannt? Nie wieder Lehrling sein?"
Alan lächelte. "Nun, nicht direkt." Mist, ich hatte geahnt, daß die Sache einen Haken hatte. "Bevor der Rat der Gilde dich zur vollwertigen Bardin ernennt, mußt du natürlich noch deine Abschlußarbeit verfassen. Eine epische Ballade, Stil und Thema bleiben dir überlassen, und auch, ob du lieber Material aus dem Gildenarchiv verwenden oder dich mit Reisenden über ihre Erlebnisse unterhalten willst. Wenn sie fertig ist und der Gildenrat sie annimmt, werden wir dich zur Bardin ernennen. Du kannst gleich anfangen, wenn du willst."
Natürlich wollte ich! Voller Enthusiasmus eilte ich zum Archiv, um mich in die alten Sagen und Legenden zu vertiefen.

 

Frustriert klappte ich den staubigen Wälzer zu und ignorierte geflissentlich die strafenden Blicke Duncans, des Gildenarchivars, der eine so grobe Behandlung seiner Lieblinge gar nicht gerne sah. Wieder nichts! Seit zwei Wochen wühlte ich mich jetzt schon durch die alten Folianten, immer auf der Suche nach dem passenden Thema für meine Ballade. Alles, was ich bisher jedoch gefunden hatte, waren Geschichten, die entweder schon so oft vertont und verdichtet worden waren, daß jeder sie kannte, oder so staubtrocken und langweilig, daß man damit keinen Hund hinter dem Ofen vorgelockt hätte. Und meine Ballade mußte selbstverständlich etwas besonderes sein. Irgendwelchen Allerweltsstoff verarbeiten, das konnte doch jeder. Vor mich hingrübelnd, machte ich mich auf den Weg zur Silberharfe, einer bei den Barden beliebten Taverne in der Stadt. Irgendwelche meiner Freunde würden sicher da sein, und vielleicht hatte einer von ihnen eine Idee...

"He, Rachel, läßt du dich auch mal wieder sehen?"
Das war Megan, eine meiner besten Freundinnen in der Gilde. Sie war zwei Jahre älter als ich und hatte das Lehrlingsdasein schon seit einem Jahr hinter sich. Ich ging zu ihrem Tisch, ließ mich neben ihr auf die Bank fallen und bestellte einen Becher Wein.
"Was ist denn los, du siehst ja nicht gerade glücklich aus!"
"Naja, diese Abschlußarbeit liegt mir im Magen", gestand ich. "Ich finde einfach kein passendes Thema. Das Archiv gibt leider auch nicht besonders viel her."
"Woran hattest du denn gedacht?" erkundigte sich Megan, während ich einen tiefen Zug aus meinem Weinbecher nahm.
"So genau weiß ich das auch nicht. Auf jeden Fall nichts, was schon ein Dutzendmal verwendet worden ist. Es soll ein ganz neuer Stoff sein, und am Besten wäre es, wenn die Geschichte auch noch wahr wäre."
"Hmm. Da wirst du im Archiv allerdings nicht viel Glück haben. Was da lagert, ist nicht neu und nur in den seltensten Fällen tatsächlich passiert. Wenn man mal von den Chroniken und Genealogien absieht, aber die sind leider nicht besonders aufregend." Nachdenklich starrte sie in ihren Becher. Plötzlich sah sie auf.
"Hast du eigentlich mal daran gedacht, selbst loszuziehen? Man trifft doch immer wieder reisende Abenteurer, und was die so erzählen, gäbe genug Stoff für eine ganze Sammlung von Balladen. Schließ dich einer solchen Gruppe an und schau, was passiert."
Ich erinnerte mich an Alans Vorschlag, mir die Erzählungen von Reisenden in den Tavernen anzuhören, aber was Megan da vorschlug, war natürlich noch besser! Die Geschichten, die irgendwelche (meist angetrunkenen) Herumtreiber da zum Besten gaben, waren doch oft etwas zu phantastisch, um wirklich passiert zu sein. Nein, um sicher zu gehen, daß meine Ballade auch tatsächlich von wirklichen Ereignissen berichtete, mußte sie von etwas handeln, das ich selbst erlebt hatte. Ich sah Megan an und grinste.
"Hilfst du mir bei den Reisevorbereitungen?"

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