Das goldene Zepter, Teil 1
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"Was, bist du schon wieder seekrank?" Ungläubig blickte ich Salam nach, der mit deutlich ins grünliche spielender Gesichtsfarbe in Richtung Reling wankte.
"Vermutlich ist es weniger der Seegang als dein Lautenspiel, was ihm zu schaffen macht", lästerte Finir und brachte sich mit einem geschickten Satz aus meiner Schußlinie, während ich mich noch nach etwas umsah, was sich als Wurfgeschoß eignete. Obwohl er von adliger Abstammung ist, läßt der gute Finir doch jeglichen Kunstsinn vermissen. Anathema grinste zu uns herüber, sagte aber ausnahmsweise nichts dazu. Vermutlich war sie zu sehr mit Egil beschäftigt, dem großen Nordländer, den sie sich in Corrinis angelacht hatte. Ich hatte zuerst gehofft, das Verhältnis der beiden als Motiv für ein romantisches Liebeslied verwenden zu können, hatte dann aber feststellen müssen, dass sich Waeländer nicht besonders gut für irgendetwas eignen, was mit Romantik zu tun hat.
"Banausen", murmelte ich und wandte mich wieder meinem Instrument zu. Die salzige Seeluft schien den Saiten nicht besonders gut zu bekommen. Es wurde wirklich Zeit, daß wir wieder an...
"Land! Land in Sicht!" erscholl es just in diesem Moment vom Ausguck. "Die Insel Argoland", hörte ich die Stimme des Kapitäns hinter mir. Wir werden anlegen und Wasser und Proviant nachfassen. Und ihr Landratten könnt euch ein bisschen die Beine vertreten." "Nathir sei Dank", stöhnte Salam von der Reling. "Vielleicht sollte ich mich dort häuslich niederlassen?"

 

Die Insel entpuppte sich als kleines Eiland, das aus wenig mehr als einem halbhohen Berg, einer Burg und einem größeren Dorf bestand. Offenbar hatte man unsere Ankunft bereits bemerkt, denn beim Einlaufen in den kleinen Hafen erwartete uns ein berittener Bote in einfacher Uniform.
"Ich grüße Euch, Kapitän Olof. Ich vermute, Euer Handel war einträglich wie immer?"
"Danke, ich kann nicht klagen. Aber der Fürst schickt doch gewiß keinen Boten, um sich nach dem Stand meiner Geschäfte zu erkundigen." Der Bote schüttelte den Kopf und nahm Olof zur Seite, so daß ich nicht mehr hören konnte, was die beiden weiter sprachen. Aus Olofs Mienenspiel zu schließen, konnte es sich aber kaum um erfreuliche Nachrichten handeln. Diese Vermutung bestätigte sich, als Olof sich an uns wandte.
"Die Neuigkeiten sind in der Tat unangenehm. Außerdem bringen sie mich etwas in Verlegenheit, aus der ihr mir vielleicht helfen könntet. Ihr hattet ja ohnehin nicht vor, bis Waeland mit uns zu reisen, oder?"
"Bloß nicht", murmelte Salam, der immer noch etwas blaß wirkte. "Nun", fuhr Olof fort, die Bemerkung geflissentlich überhörend, "wie es scheint, hat der Fürst ein Problem. Genaue Einzelheiten hat der Bote mir nicht mitgeteilt, aber es scheint ernst zu sein. Da ich den Fürsten schon einige Jahre kenne, hat er mich um Hilfe gebeten. Ich kann es mir aber nicht leisten, hier zwei, drei Tage oder gar noch länger festzuliegen, sonst kommt mir die Konkurrenz an den Handelshöfen zuvor. Wenn Ihr also den Boten zum Fürsten begleiten und euch seines Problems annehmen würdet, wäre uns beiden geholfen."
Ein kurzer Blick in die Runde zeigte mir, daß außer Anathema (natürlich) alle von der Aussicht auf festen Boden angetan zu sein schienen, und so war es rasch beschlossen, daß wir uns das Anliegen des Fürsten anhören würden. Ich warf einen verstohlenen Blick zu Anathema und Egil, in der Hoffnung auf einen romantisch-tränenreichen Abschied, der sich vielleicht dichterisch umsetzen ließe, aber wie ich schon erwähnte, sind Waeländer nicht eben für romantische Anwandlungen berühmt. Auch dieser Abschied vollzog sich ziemlich kurz und offenbar schmerzlos. Ich seufzte. Was war nur aus den guten alten Zeiten geworden?

 

Der Hof des Fürsten entpuppte sich als nicht allzu prunkvoller, aber zweckmäßiger Bau. Nach kurzer Wartezeit (dem Protokoll mußte schließlich Genüge getan werden, egal, wie eilig die Sache war) wurden wir vorgelassen und freundlich begrüßt. Nach ein paar einleitenden Floskeln kam Seine Durchlaucht dann auch zur Sache:
"Ich bin Kapitän Olof sehr dankbar, daß er seine Schiffswache schickt, um sich unserer Schwierigkeiten anzunehmen." Schiffswache? dachte ich. So hat er das also genannt... "Es geht um folgendes: Meine Tochter, die liebliche Prinzessin Rosamund, hat ihre Hand einem befreundeten Adligen versprochen. Die Hochzeit sollte eigentlich bald stattfinden, aber daraus wird jetzt erst einmal nichts werden. Für die Zeremonie wird nämlich nach alter Tradition ein goldenes Zepter benötigt, das seit Jahrhunderten im Besitz der fürstlichen Familie ist. Ohne dieses Zepter kann die Trauung auf gar keinen Fall stattfinden, das wäre ein Omen übelster Art. Leider ist das Zepter, ihr ahnt es bereits, vor etwa einer Woche verschwunden. Wir wissen nicht, wie das passieren konnte, oder wer ein Interesse daran haben könnte, die Hochzeit zu verhindern. Etwa zu der Zeit, als das Zepter verschwand, begannen Berichte über seltsame Vorgänge in den Ruinen der alten Herrscherburg östlich von hier..."
"Was heißt, seltsame Vorgänge?" wollte Finir wissen.
"Nun..." dem Fürsten schien dieses Thema etwas unangenehm zu sein,"die Leute erzählen sich, daß es dort spukt. Ein Mann aus dem Dorf soll dort verschwunden sein. Ich habe das nicht sonderlich ernst genommen, aber um dem Gerede Einhalt zu gebieten, habe ich vier Mann meiner Wache hingeschickt, um nach dem Rechten zu sehen." Der Fürst machte eine Pause.
"Und, was haben die Wachen erzählt?" fragte ich, obwohl ich die Antwort schon ahnte.
"Sie sind bis heute nicht zurückgekehrt", gestand der Fürst. "Genausowenig, wie die beiden anderen Vierertrupps, die ich danach hinschickte, um nach ihrem Verbleib zu forschen."
"Und jetzt wollt Ihr, daß wir in diese Ruine gehen und nach den Wachen suchen, die die Wachen suchen sollten, die die Wachen...?" Salam schüttelte ungläubig den Kopf. "Wenn Eure Soldaten in voller Ausrüstung da drin verlorengehen, wie sollen wir einfache, unbewaffnete Reisende..."
Der Fürst warf einen bezeichnenden Blick auf Anathemas Axt.
"Gut, weitgehend unbewaffnete Reisende..."
"Ich werde Euch selbstverständlich Ausrüstung und, soweit möglich, Waffen zur Verfügung stellen. An weiterer Hilfe kann ich Euch aber lediglich einen meiner Soldaten mitgeben. Seid Ihr einverstanden?"
Natürlich war ich einverstanden. Eine liebliche Prinzessin, die ihren Auserwählten nicht heiraten konnte ohne die Hilfe tapferer Helden: das war der Stoff, aus dem Balladen waren!
Anathema war selbstverständlich auch Feuer und Flamme, schließlich mußte es in dieser Ruine irgendetwas geben, was die Soldaten an der Rückkehr gehindert hatte und damit per Definition verprügelt werden mußte. Die anderen waren zwar weniger begeistert, sagten aber ebenfalls zu.

 

Früh am nächsten Morgen brachen wir auf. Der Fürst hatte Wort gehalten und uns den Inhalt der verdächtig spärlich ausgestatteten Waffenkammer zur Verfügung gestellt. Außerdem begleitete uns die versprochene Hilfe in Form des Gardisten Lergon, der einen recht vernünftigen Eindruck machte. Unser Weg führte uns Richtung Westen durch hügeliges Gebiet. Die alte Burgruine sollte auf einer Klippe am Meer zu finden sein. Früher hatte sie als Sitz der Fürsten gedient, bis sie in einem Krieg vor etwa 500 Jahren zerstört und anschließend nicht wieder aufgebaut worden war. Die Fürsten hatten ihren Sitz in die heutige "Hauptstadt" verlegt. Angeblich waren seither die Zeiten auch sehr friedlich gewesen, jedenfalls hatte man uns erzählt, daß es seit der Zerstörung der alten Burg keinen Krieg mehr auf Argoland gegeben hätte. Und um die alte Ruine hatte sich niemand mehr gekümmert, bis vor einer Woche diese seltsamen Vorgänge begannen.

 

Am frühen Nachmittag erreichen wir schließlich die Burg. Auf den ersten Blick war zu sehen, daß das Gebäude vornehmlich der Verteidigung gedient hatte. Die Burg thronte auf einem Felsvorsprung, der sich ein Stück weit übers Meer hinausschob. Damit war sie eigentlich nur von einer Seite her gut zugänglich, also ideal zu verteidigen. Der Burggraben war zwar ziemlich zugewachsen, aber noch recht gut zu erkennen. Was uns allerdings wunderte, war, daß auch die Zugbrücke noch durchaus benutzbar, wenn auch etwas verwittert aussah. Nach 500 Jahren?
"Jetzt seht euch das an..." Finir war ein Stück vorausgegangen, um die Brücke genauer in Augenschein zu nehmen. Als wir ihm folgten, erkannten wir recht schnell, was er meinte: Auf der anderen Seite der Zugbrücke, gleich hinter dem Tor zum Burghof, stand eine annähernd menschliche Gestalt, die komplett aus rostigem Metall zu bestehen schien und eine merkwürdige Waffe in der Hand hielt. Das Ding sah aus wie Anathemas Axt mit sehr langem Stiel.
"Was in Nathirs Namen ist das denn?" fragte Salam. Ich schüttelte nur ratlos den Kopf.
"Sieht aus wie eine alte Ritterrüstung mit einer Hellebarde", meinte Lergon.
"Eine Rüstung?" fragte Baran ungläubig. "Wie soll man denn in so einem Haufen Blech kämpfen?"
"Mich würde viel mehr interessieren, was das Ding auf den Beinen hält", murmelte ich, während ich mißtrauisch die Hellebarde musterte. "Ich kann mir nicht vorstellen, daß der schon seit 500 Jahren hier rumsteht. Da müßte er doch längst völlig verrostet sein. Irgendwas stimmt hier nicht..."
"Dann holen wir ihn doch von den Beinen," schlug Finir vor. "Wenn wir zwei Steine an ein Seil binden, können wir eine Schlinge drüberwerfen und ihn einfach umkippen."
Gesagt getan: Nach einigen Versuchen gelang es uns, das Seil hinter den Blechhaufen zu bugsieren. Ein kräftiger Zug, und mit lautem Scheppern stürzte das Ding in sich zusammen. Jetzt konnte ich meine Neugier nicht mehr bezähmen, und während die anderen noch überlegten, ob es jetzt sicher wäre, sich über die Brücke zu wagen, marschierte ich frohgemut hinüber, um die Reste in Augenschein zu nehmen.

Aus der Nähe betrachtet, sah die Rüstung doch sehr verrostet aus. Um so mehr wunderte ich mich, was die einzelnen Teile zusammen und in aufrechter Position gehalten hatte. Ob hier Magie im Spiel war? Finstere Hexerei? Sowas war natürlich immer für eine spannende Geschichte gut...

 

Eine Stunde später hatten wir uns im Burghof umgesehen und staunten noch immer. Inzwischen war klar, daß sich hier in letzter Zeit irgendjemand aufgehalten haben mußte. Im Pferdestall gab es sogar noch Stroh, wenn auch ziemlich vermodertes. Während die anderen noch herumstanden und diskutierten, ob man sich jetzt im Hauptgebäude umsehen sollte oder lieber doch nicht, schlenderte ich hinüber, dahin, wo ich vorhin eine Seitentür bemerkt hatte. Sie ließ sich auch ohne Schwierigkeiten öffnen. Ich blickte in eine recht große, ziemlich staubige Eingangshalle. An der Decke hingen zwei gewaltige Kronleuchter mit geschliffenen Kristallen. Neugierig geworden, betrat ich den Raum und entdeckte auch gleich einen Seilzug, mit dem man anscheinend einen der Leuchter herunterlassen konnte. Natürlich mußte ich mir dieses Ding unbedingt aus der Nähe ansehen! Leider hatte ich nicht bedacht, daß die ganzen Kristalle ziemlich schwer sein mußten. Kaum hatte ich das Seil gelöst, als es mir auch schon aus den Händen rutschte und der Leuchter mit einem ohrenbetäubenden Krach auf dem Boden aufschlug. Peinlich... Rasch steckte ich zwei der intakt gebliebenen Kristalle ein (einfach, weil sie so hübsch waren) und verzog mich durch die Tür am anderen Ende der Halle, bevor meine Gefährten hereinkamen und sahen, was ich angerichtet hatte.

Der Krach hatte anscheinend die Diskussion draußen beendet, jedenfalls hörte ich, wie die Haupttür geöffnet wurde, gerade, als ich im Nebenzimmer verschwand. Ich befand mich hier offenbar in einem alten Speisesaal. Auch hier hingen Kristalleuchter von der Decke, die ich aber wohlweislich in Ruhe ließ. Der Tisch war noch gedeckt, und es lagen Speisereste darauf - hier war auf jeden Fall jemand gewesen. Das Zeug sah zwar eingetrocknet und verschimmelt aus und schien schon ziemlich lange hier zu liegen, aber trotzdem paßte das alles nicht zur Geschichte von der seit Jahrhunderten verlassenen Ruine.

Bevor ich aber dazu kam, mir die Sache näher anzusehen, bemerkte ich aus dem Augenwinkel eine Bewegung. Instinktiv wich ich aus, leider nicht weit genug. Von der Seite näherte sich schwankenden Schrittes eine Rüstung mit Hellebarde, wie wir sie schon an der Zugbrücke gesehen hatten. Nur, daß die hier sich bewegte und in mir offenbar einen Eindringling sah, den es zu vertreiben galt. Die Hellebarde sauste auf mich herunter und traf mich in die Seite. Hastig riß ich die Tür auf, durch die ich eben hereingekommen war. Dahinter tauchte gerade Anathema auf, die die Lage mit einem Blick erfaßte und mich mit einem kurzen "Laß mich das mal machen", beiseite schob. Ich ließ ihr natürlich gerne den Vortritt und schleppte mich blutend nach draußen zum Burghof, wo Morkus mir half, meine Wunde zu verbinden. Kurz darauf hörte ich von drinnen ein lautes Klirren. Ein Blick durch die Tür zeigte die Rüstung, die unter den Resten des zweiten Kronleuchters lag und in ihre Einzelteile zerfallen war. Salam stand neben den Resten und wirkte recht zufrieden mit sich.

Noch bevor wir Zeit hatten, nach diesem Schreck richtig Luft zu holen, hörten wir plötzlich Lärm aus einem der ehemaligen Ställe. "Finir!" riefen wir wie aus einem Mund und eilten in Richtung des Gebäudes. Noch ehe wir dort ankamen, stürzte etwas aus der Tür, wurde am Hinterkopf von etwas getroffen und brach im Hof zusammen. Finir und Baran erschienen ebenfalls und blickten etwas ratlos auf das merkwürdige Wesen, das Baran mit seiner Schleuder abgeschossen hatte. Das Wesen war menschenähnlich, jedenfalls was die äußere Form anging. Die ledrige grünliche Haut und die aus dem Mund ragenden Hauer sahen allerdings ziemlich beunruhigend aus. Keiner von uns hatte so etwas schon einmal gesehen. Fragend sah ich Lergon an, aber der zuckte nur mit den Schultern.
"Was auch immer das ist, es stammt nicht von dieser Insel", sagte er. "Ich habe sowas noch nie hier gesehen."
"In dem Stall gab es eine Treppe nach unten. Vielleicht ist es da hergekommen, und wo eins ist, können noch mehr davon sein." Baran tippte das Ding mit der Stiefelspitze an. "Wir sollten heute nacht besser vorsichtig sein."
"Da du gerade davon redest, wie wäre es, wenn wir allmählich unser Nachtlager aufschlügen?" schlug Finir vor. "Es wird bald dunkel, und dann wäre ich eigentlich lieber draußen als hier..." Ausnahmsweise war ich durchaus einer Meinung mit ihm, und so verließen wir die Ruine, um unser Lager aufzuschlagen und bei Sonnenaufgang unsere Nachforschungen fortzusetzen.

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