Das goldene Zepter, Teil 2
[home]

[bibliothek]
[links]

[kontakt]

Entgegen allen Befürchtungen verlief die Nacht ruhig, friedlich und ausgesprochen erholsam. Nach einem etwas kärglichen Frühstück aus Trockenrationen machten wir uns daran, das Hauptgebäude genauer zu untersuchen. Als erstes nahmen wir uns einen großen Saal vor, der hinter dem Speisesaal lag und offenbar als Ballsaal gedient hatte. Es waren sogar noch Reste von Instrumenten übrig, allerdings von Instrumenten, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Am seltsamsten war ein großes, kastenförmiges Ding, an dessen einer Seite eine Reihe von Tasten angebracht war. Ich drückte einige von ihnen, aber alles was passierte, war, daß ein paar Staubwolken aufstiegen. Als ich mir das Ding näher ansah, bemerkte ich, daß man den Kasten aufklappen konnte. Innen waren eine Menge Saiten gespannt, von denen aber die meisten gerissen waren. Versuchsweise drückte ich noch einmal auf einige Tasten, und schließlich erklang ein merkwürdiger Ton. Die Tasten brachten offenbar kleine Hämmerchen dazu, auf die Saiten zu schlagen. Ich fand die Idee faszinierend, auch wenn das Instrument schrecklich unhandlich war. Rasch bat ich Finir um Pergament und Zeichenkohle und fertigte eine Skizze von dem seltsamen Ding an, um sie meinen Lehrern in Beornanburgh zu zeigen.

Die anderen hatten sich inzwischen weiter umgesehen. Außer den Räumen, die wir schon kannten, gab es noch ein Schlafzimmer (mit einem sehr hübschen Spiegel - ich nahm natürlich die Gelegenheit wahr, endlich mal wieder meine Frisur in Ordnung zu bringen), eine Küche und ein kleines Zimmer, in dem ein Schachbrett stand. Das Brett war in einen kleinen Tisch eingelassen und ebenso wie die dazugehörigen Figuren ausgesprochen schön gearbeitet. Finir stand vor dem Brett und betrachtete es nachdenklich.
"Sehr hübsch", bemerkte ich. "Wie wäre es mit einer Partie? Der Rest stöbert noch draußen herum, die brauchen uns im Moment nicht..."

 

Ich hätte ja nicht gedacht, daß ich dermaßen aus der Übung war. In der Gilde hatte ich öfter mit Megan gespielt und meistens gewonnen. Finir schien allerdings überhaupt keine Mühe zu haben, mich auszumanövrieren.
"Sehen wir mal nach, was die anderen treiben", schlug ich schließlich vor und ignorierte sein Grinsen.
Unsere Gefährten hatten inzwischen wohl die Küche untersucht und dabei eine kleine Wendeltreppe gefunden, die in einen Keller hinunterführte. Offenbar hatten sie da unten irgendetwas gefunden, wir hörten sie jedenfalls schon, als wir die Küche betraten. Voll böser Ahnungen eilten wir die Treppe hinunter. Unsere Befürchtungen erwiesen sich jedoch als unbegründet. Es schien unseren Freunden ausgesprochen gut zu gehen - am unteren Ende der Treppe befand sich nämlich der Weinkeller, und sein Inhalt schien größtenteils noch in Ordnung zu sein.
"Rachel, probier mal, das Zeug ist richtig gut!" Anathema hielt mir eine Flasche hin. Ich schnupperte und nahm einen Schluck. Sie hatte recht, das war tatsächlich ein guter Tropfen. Sehr gut sogar...
Finir schüttelte nur resigniert den Kopf und machte sich daran, sich im Keller umzusehen. Baran begleitete ihn, der Rest von uns befaßte sich etwas eingehender mit den Weinflaschen. Zu eingehend in manchen Fällen: Morkus, der nicht besonders viel zu vertragen schien, sank plötzlich in sich zusammen und begann selig zu schnarchen.
Finir und Baran hatten inzwischen einen Nebenraum gefunden, der voller Gerümpel war und eine weitere Tür besaß. Der Keller war anscheinend doch etwas weitläufiger. Ich stöberte ein wenig in dem Gerümpel herum, während die anderen darangingen, den Rest des Kellers zu erkunden. Nach kurzer Überlegung beschloß ich jedoch, lieber bei Morkus zu bleiben, der immer noch selig schlummerte. Schließlich gab es hier sowohl Ratten als auch merkwürdige grünhäutige Wesen, und gegen beide hätte Morkus in seinem Zustand keine Chance gehabt. Um mir die Zeit zu vertreiben, sang ich ein wenig vor mich hin. Nur schade, daß mein einziger Zuhörer so gar nichts davon hatte...

 

Etwa eine Stunde später begann Morkus allmählich, wieder zu sich zu kommen. Gleichzeitig tauchte Finir auf, der einen etwas abgehetzten Eindruck machte.
"Es gibt mal wieder Ärger", berichtete er. "In den Gängen unter dem Stall sind Bewaffnete, und Salam hatte nichts besseres zu tun als einen von ihnen aufzuwecken. Jetzt ist Salam verschwunden und wir haben diese Kerle am Hals."
"Man kann sich doch immer auf ihn verlassen, nicht wahr?" Ich seufzte. "Morkus, bist du wach?"
"Hm, ja... ich glaube, ich gehe zum Lager und leg mich noch ein bißchen hin..."
"Tu das. Findest du den Weg?" Ich musterte ihn kritisch, so ganz schien er noch nicht bei sich zu sein.
"Jaja, geh nur", murmelte er und lief beim Versuch, den Raum zu verlassen, beinahe gegen den Türpfosten.

Ich folgte Finir über den Burghof und die Treppe hinunter. Kaum angekommen, hörte ich auch schon den Kampflärm. Als wir um eine Ecke bogen, sah ich Anathema, die mit ihrer Streitaxt über eine Fallgrube hinweg auf einen Uniformierten einschlug. Baran und Lergon hielten sich hinter ihr, konnten aber in dem engen Gang nicht so richtig zum Zug kommen. Ebenso übrigens wie die Kameraden von Anathemas Gegner, die hinter ihm durch eine Tür drängten. Ich konnte nicht genau ausmachen, wieviele es waren, schätzte aber, daß da mindestens noch zehn Mann waren. Eindeutig zu viele für uns...
Anathema schien aber Hilfe nicht allzu nötig zu haben. Gerade als wir ankamen, erledigte sie ihren Gegner mit einem mächtigen Schlag. Der Mann sackte zusammen und wurde von seinen Kameraden hinter ihm in die Fallgrube gedrängt, ehe sie es verhindern konnten. Anathema warf einen Blick in die Grube und wich mit einem angeekelten Gesichtsausdruck zurück.
Die Soldaten auf der anderen Seite hatten offenbar beschlossen, daß sie weitere Verluste nicht riskieren wollten, zogen sich durch die Tür zurück und verriegelten sie. Ich schob mich neugierig an Anathema vorbei und lugte vorsichtig in die Grube, um zu sehen, was da vorging. Es war allerdings kein schöner Anblick: in der Grube war ein riesiges Spinnennetz gespannt, dessen ebenfalls riesige Bewohnerin sich gerade über die Leiche von Anathemas Gegner hermachte. Hastig zog ich mich zurück.
Auf der anderen Seite der Tür wurde es ruhig. Anscheinend hatten die Uniformierten nach Anathemas beeindruckender Vorstellung erstmal genug. Um sicher zu sein, falls sie es sich doch noch anders überlegten, verrammelten wir die Tür mit stabilen Holzkeilen. Dann machten wir uns daran, die Gänge auf unserer Seite etwas genauer zu untersuchen. Außer einem Durchgang zum Kohlenkeller fanden wir aber nichts mehr. Wir beschlossen, uns zwecks Mittagessen und Beratung ins Lager zurückzuziehen.

Als wir dort ankamen, war Morkus auch wieder ansprechbar. Wir berichteten ihm von Salams Verschwinden und von dem, was wir inzwischen gefunden hatte. Prompt erklärte er, wieder völlig ausgeruht zu sein und daß er auf jeden Fall mitkommen wollte, wenn wir wieder hinunterstiegen. Wir hatten natürlich nichts dagegen, und nach ein paar hastigen Bissen machten wir uns auf die Suche nach unserem verschwundenen Gefährten.

 

Wir fanden Salam schließlich, wo wir ihn schon öfter gefunden hatten: in einer Gefängniszelle. Wir hatten die Keile in der Tür entfernt und dahinter einen weiteren Korridor gefunden, von dem ein Seitengang abzweigte. An dessen Ende saß ein Wächter und döste vor sich hin. Baran und Anathema kümmerten sich um ihn (zu meinem Erstaunen war er danach sogar noch einigermaßen in der Lage, verhört zu werden). Salam saß in einer der Zellen, die von dem Gang abgingen. Anscheinend hatte sich noch niemand um ihn gekümmert, seit er hier gelandet war.
Das Verhör des Wächters verlief recht unergiebig. Alles, was er uns verraten konnte, war, daß er im Sold des Schwarzen Prinzen stand (was weder uns noch Lergon irgendetwas sagte) und ansonsten keine Ahnung hatte, was selbiger hier auf der Insel vorhatte. Gesehen hatte er ihn auch noch nicht richtig, da Seine Hoheit sich mit einer schwarzen Kutte zu verhüllen pflegte. Wir sperrten ihn in eine seiner Zellen ein und wandten uns der nächsten Tür zu.
Der Raum dahinter entpuppte sich als Folterkammer. Auf der Streckbank lag ein Mann, offenbar der Folterknecht (nicht angekettet), und - schlief.
"Die nehmen uns nicht ernst!" bemerkte Finir empört. "Wir dringen hier ein und die schlafen alle?"
Das Gespann Anathema und Baran bewährte sich auch diesmal, allerdings blieb von diesem Gegner nicht allzuviel übrig, was wir hätten verhören können. Barans Versuch, sich anzuschleichen, war wieder einmal danebengegangen, und so war sein Opfer gewarnt und wach, ehe er die Sache unblutig lösen konnte. Also blieb nur die direkte Variante, und Anathemas Axt ist eben nicht besonders für Feinarbeit geeignet.
In einer Ecke des Raumes fanden wir einen angeketteten Gefangenen, der sich in ziemlich üblem Zustand befand. Wir befreiten ihn und brachten ihn erstmal nach draußen, um ihn notdürftig etwas zu versorgen. Zuerst dachten wir, er wäre einer der Soldaten, die der Fürst hergeschickt hatte, aber Lergon kannte den Mann nicht. Vermutlich handelte es sich also um den Dorfbewohner, der zuerst verschwunden war.
Während wir noch mit diesen Überlegungen beschäftigt waren, hatte Salam begonnen, den Verletzten zu verbinden. Als er damit fertig war, legte er ihm eine Hand auf die Stirn und begann, vor sich hinzumurmeln. Zuerst dachte ich, er hätte wieder angefangen zu beten - bis ich sah, wie sich die Wunden vor meinen Augen zu schließen begannen!
"Was war das denn?" rief ich.
"Ich hatte noch etwas Heilsalbe..." murmelte Salam.
"Du hast keine Salbe benutzt, ich habe dir auf die Finger gesehen. Was hast du da gemacht?"
"Naja, er hatte es nötig, oder etwa nicht?"
Soso, unser guter Salam war also ein Zauberer. Naja, so lange er seine Magie zu solchen Zwecken benutzte, war dagegen ja nichts einzuwenden. Aber warum hatte er die ganze Zeit so ein Geheimnis darum gemacht? Ich beschloß, mich später einmal eingehend mit ihm zu unterhalten. Jetzt hatten wir aber Wichtigeres zu tun. Wir betteten den Befreiten unter einen Busch, wo er nicht so leicht gesehen wurde, und stiegen wieder hinunter in den Keller.

zurück weiter