Das goldene Zepter, Teil 3
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Zurück in der Folterkammer, öffnete ich vorsichtig die Tür, die wir bisher noch nicht untersucht hatten. Dahinter befand sich ein Gang, der etwa 10 Meter lang zu sein schien. Genauer konnte ich ihn mir allerdings nicht ansehen, denn an seinem Ende stand eine Gestalt in einer braunen Kutte, die Hände in den Ärmeln verborgen und den Kopf gesenkt. Hastig schloß ich die Tür wieder, ehe sie mich sah.
"Da steht einer", bemerkte ich. "Besonders aufmerksam scheint er zwar nicht zu sein, aber wenn wir in gewohnter Manier da reinschleichen", ich warf einen Seitenblick auf Baran, der nicht einmal soviel Anstand hatte, schuldbewßt dreinzusehen, "dann wird er mit Sicherheit Alarm schlagen."
"Laß mich das mal machen, ich krieg das schon hin", meinte Salam.
"Bist Du sicher?" fragte ich zweifelnd.
"Na klar", antwortete er, und ehe noch irgendjemand etwas sagen konnte, hatte er sich an mir vorbeigeschoben und die Tür geöffnet. Seufzend zückte ich eines meiner Wurfmesser, nur für den Fall der Fälle. Ein leises Geräusch hinter mir verriet mir, daß Finir anscheinend ähnlich zuversichtlich war und seine Schleuder bereitmachte.
Erstaunlicherweise stellte Salam sich gar nicht mal so ungeschickt an, und ich begann schon zu hoffen, daß er die Gestalt in der Kutte erreichen würde, ehe sie ihn bemerkte. Dann allerdings blieb uns das Gesetz der Serie doch treu: etwa in der Mitte des Ganges war offenbar eine Unebenheit im Boden, über die Salam dann auch prompt stolperte. Der Kuttenträger hob sofort den Kopf - und unter der Kapuze war kein Gesicht! Stattdessen sahen wir nur ein dunkles Loch, aus dem ein Pfeil hervorschoß. Er verfehlte Salam, der sich geistesgegenwärtig zu Boden fallen ließ, sauste um Haaresbreite an meinem Kopf vorbei und bohrte sich irgendwo hinter Finir in die Wand. Finirs Schleuderstein und mein Wurfmesser pfiffen fast gleichzeitig durch den Gang. Mein Messer verfehlte die Kutte, Finirs Stein traf. Das schien die Kutte aber nicht weiter zu stören, der Stein ging anscheinend einfach durch sie hindurch.
"So wird das nichts", stellte ich fest, spannte meinen Bogen und bereitete hastig einen Brandpfeil vor.
"Salam, Achtung!" rief ich und setzte den Pfeil ab, während die Kutte ebenfalls wieder schoß. Zum Glück war sie auch kein besserer Schütze als ich, jedenfalls traf keiner der beiden Pfeile das Ziel. Mein Pfeil brannte jedoch weiter, nachdem er auf dem Boden aufgeschlagen war, was Salam die Gelegenheit verschaffte, das Ding zu schnappen und die Kutte damit anzuzünden. Zu unserer Erleichterung erwies sich der Stoff als trocken und gut brennbar, und so stand die Kutte gleich darauf in hellen Flammen und verbrannte rasch und restlos.

 

Nachdem diese Gefahr ausgeschaltet war, konnten wir uns endlich in Ruhe das Ende des Ganges genauer ansehen. Während rechts ein weiterer Gang abzweigte, der sich offenbar nach einigen Metern nochmals teilte, befand sich links von uns eine beeindruckend massiv wirkende, doppelflüglige Tür. Dahinter war offenbar gerade irgendetwas im Gange: wir hörten gedämpfte Geräusche, einen düsteren Singsang und dazwischen ab und zu einen Schrei, der so grauenerregend klang, daß ich mir lieber nicht vorstellen wollte, was mit seinem Verursacher gerade passierte. Wer oder was auch immer sich hinter dieser Tür befand, es wäre auf jeden Fall äußerst unklug von uns gewesen, da einfach hineinzuplatzen.
Ausnahmsweise taten wir also das Vernünftigste, ließen die Tür in Ruhe und wandten uns rasch dem Seitengang zu. Der teilte sich nach einigen Metern, und während ich mit Anathema den südlichen Zweig erforschte, wandten sich Finir, Salam, Baran und Lergon nach Norden. Morkus blieb an der Kreuzung zurück, um aus sicherer Entfernung die Tür im Auge zu behalten und uns zu warnen, falls sie sich öffnen und etwas Unangenehmes herauskommen sollte. Zur Sicherheit hatte er ein Fläschchen Öl wurfbereit, falls etwas wirklich Unangenehmes herauskommen sollte...

 

Unser Gang schlängelte und wand sich ein Stück dahin. Schon bald fiel uns auf, daß die Sicht schlechter wurde: von irgendwoher zog Nebel herein. Er wurde rasch dichter, bis wir schließlich die Hand nicht mehr vor Augen sahen und uns langsam vorantasten mußten. Bald darauf stieß ich mit meinem Bogen, den ich als Blindenstock benutzte, gegen ein Hindernis, das sich bei näherer Betrachtung (oder Betastung) als Tür entpuppte.
"Mach die Fackel lieber aus, ehe ich das hier aufmache", bat ich Anathema, von der ich nur hoffen konnte, daß sie sich immer noch hinter mir befand - sehen konnte ich sie beim besten Willen nicht. Die Fackel erlosch, und ich öffnete vorsichtig die Tür. Dahinter wallten ebenfalls dichte Nebelschwaden, die von irgendwoher durch ein diffuses Licht erhellt wurden. Immerhin konnte ich so sehen, daß ich nichts sehen konnte. Wir blieben einen Moment still stehen, um zu lauschen, konnten aber keinerlei Geräusche hören. Da sich niemand in unserer Nähe aufzuhalten schien, machte ich einen Schritt durch die Tür und begann, herumzutasten. Schnell stellte ich fest, daß ich mich wohl in einem Raum befand.
"Seilst Du mich bitte an? Ich würde mich da drin gerne mal, äh, umsehen."
"Ich leg dich doch gerne an die Leine", meinte Anathema trocken und band mir ihr Seil um den Bauch. Ich verkniff mir eine bissige Antwort und begann meine Runde durch den Raum. Er schien nicht allzu groß zu sein, vielleicht drei Meter an jeder Seite. Als ich meinen Rundgang fast beendet hatte, bemerkte ich jedoch, daß sich meine "Leine" irgendwo verhakt zu haben schien. Bei genauerer Untersuchung stellte sich heraus, daß in der Mitte des Raums ein kleiner Tisch stand, auf dem sich wiederum ein Kerzenhalter mit einer brennenden Kerze befand: unsere Lichtquelle. Kurz entschlossen nahm ich den Halter samt Kerze mit, um sie mir draußen näher anzusehen. Da sich ansonsten nichts im Raum befand und es anscheinend auch keinen weiteren Ausgang gab, beschlossen wir, zurückzugehen und nach den anderen zu sehen (weil man, wie Anathema sehr richtig feststellte, ja nie sicher sein konnten, was sie an Unsinn anstellten, wenn wir nicht dabei waren und aufpaßten).

 

Merkwürdigerweise schienen wir auf dem Rückweg wesentlich länger zu brauchen, um aus dem Nebel herauszukommen. Schließlich kam mir ein Verdacht. Ich bat Anathema, die Fackel wieder anzuzünden und löschte die Kerze. Und tatsächlich, kurz darauf begann sich der Nebel zu lichten. Er war anscheinend irgendwie von der Kerze erzeugt worden. Magie also - interessant! Das fand auch Morkus, den wir gleich darauf an seiner Ecke trafen, wo er immer noch die Tür beobachtete, an der sich (zum Glück) immer noch nichts getan hatte.
"Ich würde mir das bei Gelegenheit gerne mal genauer ansehen", meinte er.
"Ich auch. Vielleicht sollten wir es uns zusammen ansehen", schlug ich vor und lächelte unschuldig.
"Wo stecken eigentlich die anderen?" wollte Anathema genau in diesem Moment wissen.
"Die sind da hinten weitergegangen", sagte Morkus und deutete den nördlichen Korridor entlang. Gleich hinter der Abzweigung gähnte eine Grube im Boden, die allerdings nicht besonders breit war. Außerdem hatte irgendjemand an der gegenüberliegenden Seite ein Seil an der Decke befestigt. Soviel Fürsorglichkeit gab uns natürlich zu denken, so daß wir die Grube lieber ohne Benutzung dieses Hilfsmittels überquerten. Das Loch schien leer zu sein, jedenfalls konnten wir darin nichts entdecken.
Hinter der Grube bog der Gang nach ein paar Metern nach rechts ab. Gleichzeitig veränderte sich die Beschaffenheit der Wände: wo bisher Stein gewesen war, waren jetzt roh zugeschnittene Holzbretter, die auch nicht allzu dick zu sein schienen.

Hinter der Biegung wartete Salam auf uns.
"Finir und die andern sind da vorne", berichtete er. "Da scheinen mindestens zwei weitere Räume zu sein".
Salam ging voran, und wir folgten ihm, um zu den anderen aufzuschließen. Wir waren kaum zehn Schritte weit in den Gang vorgedrungen, als plötzlich irgendwo vor uns das schrille Bimmeln einer Glocke die Stille zerriß. Fast gleichzeitig kam von vorne Lärm und ein lauter Fluch, der eindeutig von Finir stammte. Er und Baran kamen gleich darauf auf uns zugerannt.
"Nichts wie raus hier! Salam, hast Du denn vollkommen dieses Guckloch vergessen?!"
"Was für ein Guckloch?" fragte Anathema, Böses ahnend.
"Das Guckloch in der Holzwand, unter dem wir uns durchgeschlichen haben. Ihr offensichtlich nicht. Und dabei sollte Salam euch doch warnen..."
"Ups." Mehr sagte Salam nicht, weil er seinen Atem zum Rennen brauchte. Sehr vernünftig - inzwischen hetzten wir alle zurück in Richtung Folterkammer. Morkus warf seine Ölflasche hinter uns, um die offenbar im Anmarsch befindlichen Verfolger aufzuhalten. Das schien allerdings kein besonder kluger Zug gewesen zu sein. Plötzlich ertönte hinter uns ein lauter Knall, und die Wände begannen um uns herum zu zittern. Staub rieselte herab. Wir erreichten die Folterkammer und verbarrikadierten die Tür hinter uns.

"Also, wie war das mit dem Guckloch..." begann Anathema, aber ein bedrohliches Knirschen von Wänden und Decke unterbrach sie. Wir sahen uns kurz an, drehten uns praktisch gleichzeitig herum und rannten, so schnell wir konnten, nach draußen. Wir hielten auch nicht an, als wir den Burghof erreicht hatten, sondern hasteten über die Zugbrücke zu unserem Lagerplatz. Kaum hatten wir ihn erreicht, als hinter uns mit ohrenbetäubendem Donner die vordere Spitze der Klippe abbrach und mitsamt der Burgruine ins Meer stürzte. Das war nun so gar nicht das, was wir uns vorgestellt hatten...

 

"Wo ist eigentlich Lergon?" fragte Baran, als sich der Staub soweit gelegt hatte, daß wir uns wenigstens wieder gegenseitig sehen konnten.
"Und wo steckt unser Patient?" schloß sich Salam an. "Er liegt nicht mehr unter seinem Busch, und eigentlich war er nicht gerade in der Verfassung, aufzustehen und wegzulaufen."
In der Tat, keiner von beiden war mehr zu sehen. Lergon mußten wir irgendwo bei unserer wilden Flucht aus den einstürzenden Gängen verloren haben. Keinem von uns war so recht klar, was hier eigentlich gerade passiert war. In den folgenden Stunden setzte sich der Staub langsam und offenbarte einen Blick auf das ganze Ausmaß der Zerstörung. Tatsächlich war die komplette Spitze der Klippe abgebrochen, und es gab kein Anzeichen dafür, daß hier heute morgen noch eine alte Burg Wind und Wetter getrotzt hatte. Irgendetwas mußte da unten gewesen sein, was sich überhaupt nicht mit dem von Morkus geworfenen brennenden Öl vertragen hatte. Und alles war so schnell gegangen...

Ich saß ziemlich lange wie betäubt auf einem Stein. Keine Chance, aus der Geschichte eine Ballade zu machen - bei dem Ende... Es war wirklich ein Fehlschlag auf der ganzen Linie. Weder hatten wir das Zepter gefunden, noch war uns in irgendeiner Weise klargeworden, was unter der Ruine eigentlich gespielt worden war. Das Einzige, was wir hatten, waren die vagen Hinweise des Gefängniswärters auf den Schwarzen Prinzen (der sich allerdings mit dem raschen Abgang seines Aufenthaltsortes ebenfalls erledigt haben dürfte). Außerdem hatten wir einen Soldaten des Fürsten verloren und waren mehr oder weniger verantwortlich für die Zerstörung der Burg. Nein, dieses Ende eignete sich wahrlich nicht zum Weitererzählen. Und beim Fürsten sollten wir uns wohl besser auch nicht mehr blicken lassen. Während ich mit einem halben Ohr mithörte, wie die anderen ebenfalls zu dem Schluß kamen und anfingen, Pläne zu schmieden, wie man ohne Wissen des Fürsten die Insel verlassen könnte, fiel mir plötzlich etwas ein, was meine Stimmung wenigstens ein kleines bißchen hob: in meinem Gepäck befand sich noch, wunderbarerweise unversehrt, eine Flasche aus dem so jäh entschwundenen Weinkeller...

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